Joh. Seb. Bachs letztes Jahr

    • Joh. Seb. Bachs letztes Jahr

      Weniger eine Threaderöffnung als mehr eine Frage wird das hier werden.
      Für ein Romanprojekt möchte ich möglichst viele Informationen über Bachs letztes Lebensjahr zusammentragen. Und was liegt näher, als alle lieben Bachexperten (ich hoffe, wir haben welche) unsres Forums mitarbeiten zu lassen :pfeif: ?! Denn die Biographien, die ich bislang konsultiert habe, waren nicht sehr ergiebig.
      Darüber hinaus kann sich daraus vielleicht eine Diskussion über Bachs Spätwerk und seine letzten Erlebnisse entwickeln.

      Vorrangig interessiert mich, ob Bach nach seiner letzten Augenoperation, die April/Mai 1750 stattfand, noch auf Reisen war, möglicherweise sogar einen seiner Söhne besucht hat, bestenfalls (für mich) Emanuel in Potsdam?
      Wenn nein, was tat er stattdessen in seinen letzten Monaten?
      An welchen Werken schrieb er, außer an der Kunst der Fuge? Hatte er noch musikalische Vorhaben, die nicht mehr ausgeführt wurden, seine 10. Symphonie sozusagen? War sein Stern schon am verblassen?

      Sollte jemand hier beitragen können, möchte ich ihm/ihr schon im Voraus danken!

      (P.S.: noch eine Frage ist, ob Bach jemals in seinem Leben Schach gespielt hat?)




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Dass Bach bis zu seinem Tode an der Kunst der Fuge gearbeitet haben soll, wird heute wohl eher ins Reich der Legende verwiesen:

      Kunst der Fuge
      Bach-Legenden
      Diese Musik ist scheußlich. Dieses Umkehren des Wohllautes, dieses Notzüchtigen des Schönen würde in den guten Zeiten Griechenlands mit Strafen von Seite des Staates belegt worden sein. Solche Musik ist polizeiwidrig, sie würde Unmenschen bilden, wenn es möglich wäre, daß sie nach und nach allgemeinen Eingang finden könnte. [...] Diese Oper kann nur Narren gefallen, oder Blödsinnigen oder Gelehrten, oder Straßenräubern und Meuchelmördern. (Grillparzer über Webers Euryanthe, 1823)
    • Lieber Florian,

      zunächst meinen Dank für dieses Thema; den Aspekt des "Abschiedswerkes" eines Komponisten und wie dieses auf uns wirkt, welche Gefühle/Gedanken es in uns auslöst, finde ich sehr interessant. Später dazu mehr.

      Ach ja, dass Bach Schach gespielt habe, ließ sich nach einer umfangreichen Recherche leider nicht verifizieren. Auch dürfte es relativ unwahrscheinlich sein, dass Bach nach dem Taylorschen Eingriff noch in der Lage war längere Reisen, z.B. nach Potsdam zu CPE zu unternehmen.

      Beste Grüße
    • Ja, vermutlich war er zu schwach für eine Reise. Aber sicher scheint es auch nicht zu sein. Soweit ich das überblicke, existieren von Bach aus seinem letzten Jahr keinerlei Briefe und Aufzeichnungen. Oder ist da mittlerweile Neues entdeckt worden?

      Und Danke für die Information, dass Bach kein Schach gespielt hat.




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Nein, gar nicht. Aber die Frage kommt viel zu früh. Ich schreibe zur Zeit an zwei anderen Romanen - der eine ist fast fertig und erscheint 2014, den anderen habe ich unlängst begonnen - und nebenher mache ich Entwürfe und Notizen. Erste Pläne eben für einen weiteren Roman, den ich aber erst in Angriff nehmen werde, wenn die derzeitigen Zwei abgeschlossen sind.
      Es ist nur ein beruhigendes Gefühl, wenn man immer einen Entwurf hat; so kann man sicher sein, in keine Schreibkrise zu stürzen. Zudem ist dieser projektierte Roman komplex; das wird viel Vorarbeit.




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Da ist/sind mir soeben das von Dir aufgeworfene Thema "Bachs letztes Lebensjahr" und die damit im Zusammenhang stehenden Fragen eingefallen - übrigens ein sehr gutes und interessantes Thema, jedenfalls aus meiner Sicht. Hilft Dir vielleicht dieses Buch bei Deinen Recherchen weiter?



      Der Psychologe Kruse, der auch Musik und Philosophie studierte, liefert mit Konzentration auf die letzten Lebensjahre Bachs eine psychologische Deutung der Biografie und einzelner Werke des Komponisten, die er als Instrument zur erfolgreichen Bewältigung von Krisen interpretiert. „Bachs Werk ist ein besonderes Beispiel für Alterskreativität und kann helfen, die schöpferischen Potenziale des Alters zu veranschaulichen“, erklärt Andreas Kruse, dessen Buch den Titel „Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach. Psychologische Einblicke“ trägt.
    • Ah, vielen Dank, das ist ein guter Hinweis. Das Buch werde ich mir besorgen.




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Was ich ganz spannend finde, dass Bach noch einen Schüler annimmt: Johann Gottlieb Müthel.
      Von diesem faszinierenden Mann gibt es leider nur ein Portrait. Seine Persönlichkeit scheint von einer Hypersensibilität gekennzeichnet, die ihm viele Schwierigkeiten in seinem Leben bereitet hat. Vielleicht war diese Eigenschaft ein zweiter Grund - neben seiner offensichtlichen Begabung - dass Bach ihn als Schüler genommen hat?

      LG, Kermit :wink:
      Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.
    • Ein Hinweis aus der "Capriccio-Presseschau" (Danke, lieber Alexander!), der sicher auch hier gut paßt (für Florian Voß noch interessant?):

      AlexanderK schrieb:

      Litt Bach an Burnout?

      "http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturgespraech/die-letzen-jahre-des-komponisten-bach/-/id=9597128/nid=9597128/did=12531508/osx9vl/index.html"

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Was ist, ist mehr, als es ist.
      Theodor W. Adorno
    • Gurnemanz schrieb:

      Ein Hinweis aus der "Capriccio-Presseschau" (Danke, lieber Alexander!), der sicher auch hier gut paßt (für Florian Voß noch interessant?):

      AlexanderK schrieb:

      Litt Bach an Burnout?

      "http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturgespraech/die-letzen-jahre-des-komponisten-bach/-/id=9597128/nid=9597128/did=12531508/osx9vl/index.html"

      :wink:


      daraus zitiert:
      Was letztendlich hinter Bachs Rückzug steckt, kann man nicht sagen. Eine Geschichte, von der wir schon lange wissen, die wir uns aber nie so recht erklären konnten, wird aber jetzt angesichts des Döbelner Dokument plausibler: Im Juni 1749, also ein Jahr vor Bachs Tod, hat der Leipziger Stadtrat den Kapellmeister des Grafen Brühl, Gottlob Harrer, zu einem offizielles Probespiel eingeladen, um sich als Nachfolger von Bach im Thomaskantorat zu empfehlen, wenn der einst sterben würde. Und Harrer hat dieses Probespiel sozusagen unter den Augen des noch lebenden Kantors, also Bachs, absolviert.

      Ach, kann man nicht? Vielleicht findet man die Antwort in jeder halbwegs ordentlichen Bachbiographie: Bach litt bekanntlich unter Katarakt, ab Mitte 1748 verschlechterte sich sein Zustand rapide, schlecht gesehen hat er vorher schon. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, Hr. PD Dr. Maul. Die letzte Fuge aus der Kunst der Fuge hat er, wie ebenfalls bekannt ist, aus eben diesem Grunde nicht beenden können. Von Anfang 1749 an gibt es keinerlei schriftliche Dokumente von ihm mehr, an seiner statt unterschreiben seine Frau oder sein Sohn Johann Christian. Anfang 1750 unterzieht er sich einer missglückten Augenoperation, die wiederholt wird. An dem Tag, an dem die Binden nach ungefähr vier Monaten wieder abgenommen wurden, erleidet er einen Schlaganfall, an desen Folgen er Ende Juli 1750 stirbt ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.
      Zwei Jahre, in denen er definitiv (und aus bereits bisher bekannten Gründen!) nicht arbeitsfähig war - da braucht man keinen neuen Thesen mit gängigen Modediagnosen klopfen. Klar hat er in dieser Zeit eine Vertretung benötigt (wir wissen jetzt halt, wer das war: Gottfried Benjamin Fleckeisen), und natürlich war seine Dienstunfähigkeit auch dem Leipziger Rat bekannt, der sich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen um eine potentielle Nachfolge bemüht hat - die ja auch nur für den Fall vorgesehen war, daß Bach auf Dauer arbeitsunfähig bleiben sollte. Tatsächlich wurde Harrer ja auch erst nach Bachs Tod bestallt. Ein heutiger Arbeitgeber macht das bei langzeitkranken Mitarbeitern, bei denen fraglich ist, ob sie wiederkommen nicht anders - "succession management" heißt das auf neudeutsch - da kann man auch im Fall Bach die Kirche im Dorf lassen.
      Mit Pressemitteilungen, deren Inhalt nur darin besteht, daß man jetzt weiß, wer Bach während seiner letzten beiden Lebensjahre vertreten hat, hat man jenseits der Fachpresse ja nichts wirklich breitenwirksam berichtenswertes, während einem mit Schagzeilen wie "litt Bach an Burnout?" halt die mediale Aufmerksamkeit sicher ist. Bayern 4 ist gestern auch auf diesen Zug aufgesprungen.... :thumbdown:
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Yukon schrieb:

      Yukon vom 10.02.2013 schrieb:

      Ist es indiskret, wenn ich nach dem Fortgang Deines Romanprojekts frage? Konntest Du Antworten auf Deine Fragen finden?

      Neugierige Grüsse
      Wie entwickelt sich Dein Buchprojekt, lieber Florian? Ich jedenfalls, bin sehr gespannt auf eine Veröffentlichung. :yes:

      :wink:

      Wie entwickelt sich Dein Buchprojekt, lieber Florian? Ich jedenfalls, bin sehr gespannt auf eine Veröffentlichung. Vielleicht meldest Du Dich ja mal - würde mich freuen.

      Lass mich bitte noch hinzufügen, lieber Florian, dass ich Deine Beiträge im Allgemeinen schmerzlich vermisse. Vielleicht kannst Du Dich ja aufraffen.