Musik für die Passionszeit

    • Mauerblümchen schrieb:

      Zur Passionszeit gehört ja noch der Karsamstag.
      In der katholischen Liturgie kam er sozusagen "nicht vor". Früher - ich weiß nicht wie das heute ist - legte der Priester nach dem Karfreitagsgottesdienst das Kreuz in das vorher auf einem Seitenaltar vorbereitete "Heilige Grab". Der Altar wurde leergeräumt, die Lichter weitgehend gelöscht. All das unter völligem Schweigen. Am Karsamstag selbst wurde bei uns die Kirche geputzt, alle Türen standen offen, es wurde gearbeitet. Ich habe das immer als absolute Leere empfunden.

      Außer dem "abgestiegen zu der Hölle" kenne ich auch keine weitere Beschreibung dieser "Höllenfahrt". Ich denke, dazu müsste es auch "Erzählungen" geben, die in Musik umgesetzt werden könnten, nicht nur Schweigen und Leere.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Zum evangelischen Proprium des Tages siehe hier: "http://www.daskirchenjahr.de/tag.php?name=karsamstag&zeit=HeiligeWoche

      eifelplatz schrieb:

      Außer dem "abgestiegen zu der Hölle" kenne ich auch keine weitere Beschreibung dieser "Höllenfahrt". Ich denke, dazu müsste es auch "Erzählungen" geben, die in Musik umgesetzt werden könnten, nicht nur Schweigen und Leere.
      Es gibt ein apokryphes Nikodemusevangelium, auch als "Acta Pilati" bekannt, in dessen dritten Teil die Höllenfahrt ausführlich beschrieben wird. Darin kommen z. B. folgende Personen vor: Jesus, Joseph von Arimathia, Abraham, Jesaja, Johannes der Täufer, Adam, Seth, Satan, Hades, der Prophet David, Enoch, der Thesbiter Elias, ... Es gibt dort auch eine höchst dramatische Szene, in welcher Satan und Hades eine gewaltige Stimme hören: "Öffnet, ihr Herrscher, eure Tore, geht auf, ewige Pforten! Einziehen wird der König der Herrlichkeit!" (Ps 23, 7 LXX). Und Hades und Satan verrammeln ihre Tore, welche dann doch zerschlagen werden.

      Händels "Judas Maccabaeus" ist auch nach einem apokryphen Text komponiert ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Händels "Judas Maccabaeus" ist auch nach einem apokryphen Text komponiert ...
      Danke, ich habe nur an liturgische Musik und so zu kurz gedacht. In der katholischen Liturgie war in der Zeit zwischen Jesu Tod und Auferstehung auch Orgelmusik in der Kirche verboten, aber ich weiß auch nicht, ob das zu allen Zeiten so war.
      Ich habe gerade Besuch und nicht soviel Zeit. Danach nehme ich mir meine CDs noch mal vor im Hinblick auf dieses Thema.
      Vielleicht weiß auch ThomasBernhard mehr und hat demnächst wieder Zeit zu schreiben.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • eifelplatz schrieb:

      In der katholischen Liturgie kam er sozusagen "nicht vor". Früher - ich weiß nicht wie das heute ist - legte der Priester nach dem Karfreitagsgottesdienst das Kreuz in das vorher auf einem Seitenaltar vorbereitete "Heilige Grab". Der Altar wurde leergeräumt, die Lichter weitgehend gelöscht. All das unter völligem Schweigen. Am Karsamstag selbst wurde bei uns die Kirche geputzt, alle Türen standen offen, es wurde gearbeitet. Ich habe das immer als absolute Leere empfunden.
      Eine nette Vorstellung. Irgendwie so wie "Der Herrgott hat grad woanders zu tun" (in der Hölle nämlich). Oder ist jedenfalls nicht zu sehen. Daß es so eine Leerstelle im Ritus gibt/gab, finde ich sehr sympathisch.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Eine nette Vorstellung. Irgendwie so wie "Der Herrgott hat grad woanders zu tun" (in der Hölle nämlich). Oder ist jedenfalls nicht zu sehen. Daß es so eine Leerstelle im Ritus gibt/gab, finde ich sehr sympathisch.
      Ich denke nicht, dass es so einfach ist, aber ich bin nicht sonderlich bibel- oder theologiefest. Wenn ich mich recht erinnere, geht es um den Tod des Gottessohns. Und die Hölle ist kein Ort, sondern wird als Zustand gesehen, Zustand der absoluten, größten Verlassenheit. Wie soll man das in einen Ritus, eine Liturgie fassen? Ich fand diese Stille eigentlich auch angemessen.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • einer der späten Pius-Päpste veranlasste eine Liturgiereforum als Folge der liturgischen Bewegung, denn es hatten sich einige Seltsamkeiten eingebürgert, die dann aus gutem Grund geändert wurden. So war die Feier der Gründonnerstagsliturgie morgens statt abends und am Karsamstag war Ende des 19. Jahrhunderts teilweise auch schon absurd früh am Tag die Auferstehungsmesse. Habe ich jedenfalls kürzlich irgendwo gelesen, ich weiss bloss nicht mehr, wo. daher: keine Garantie für das zuvor gesagte, ich suche die Quelle.
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Mauerblümchen schrieb:

      Es gibt dort auch eine höchst dramatische Szene, in welcher Satan und Hades eine gewaltige Stimme hören: "Öffnet, ihr Herrscher, eure Tore, geht auf, ewige Pforten! Einziehen wird der König der Herrlichkeit!" (Ps 23, 7 LXX). Und Hades und Satan verrammeln ihre Tore, welche dann doch zerschlagen werden.

      Die erste Arie des Engels in Händels "Resurrezione" beginnt mit einem ähnlichen Text:

      "Disserratevi, oh porte d'averno
      e al bel lume d’un lume ch’è eterno
      tutto in lampi si sciolga l’orror!
      Cedete, horride porte,
      cedete al re di gloria
      che della sua vittoria
      voi siete il primo onor."

      "http://www.haendel.it/composizioni/libretti/pdf/resurrezione.pdf
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • eifelplatz schrieb:

      Außer dem "abgestiegen zu der Hölle" kenne ich auch keine weitere Beschreibung dieser "Höllenfahrt". Ich denke, dazu müsste es auch "Erzählungen" geben, die in Musik umgesetzt werden könnten, nicht nur Schweigen und Leere.
      Es gibt (und gab) keine Liturgie zum Karsamstag. Grabesruhe. Deswegen gibt es auch keine (liturgische) Musik dazu. Früher gab es allenfalls die vorverlegte (und heute wieder in der Osternacht - d.h. nicht vor Einbruch der Dunkelheit am Karsamstag) abgehaltene Auferstehungsfeier. Das war/ist aber bereits wieder "Auferstehung" und nicht "Höllenfahrt", die Grablegung (und das Intermnezzo mit der "Grabbewachung") waren schon am Karfreitag "dran". Und die apokryphen Bartolomäus- und Nikodemusevangelien mit ihrem Bericht, was Jesus in der Hölle gemacht hat, waren vielleicht doch etwas zu phantastisch - und vor allem: nicht liturgietauglich. Vermutlich hat sich Händel resp. sein Librettist Capece bei "La Ressurrezione" davon inspirieren lassen. Aufführung: ausserliturgisch. Und: am Ostersonntag 1708.
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • bustopher schrieb:

      Es gibt (und gab) keine Liturgie zum Karsamstag. Grabesruhe.
      Evangelischerseits gibt es mittlerweile schon eine Liturgie.

      Das "Evangelische Gottesdienstbuch", die Agende für die Evangelische Kirche der Union und für die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands, benennt das Proprium für den Karsamstag:

      Leitvers (vulgo Antiphon): "Herr, tue die Gräber auf, darinnen wir gefangen sind, und rufe uns, dein Volk, aus dem Tode zum Leben" (nach Ezechiel 37, 12)
      oder "Aus den Pforten der Hölle rette, o Herr, meine Seele" (nach Jes 38, 10)

      Psalm: 88, 2.7.12.14

      Evangelium: Mt 27, (57-61) 62-66
      Epistel: 1. Petr. 3, 18-22
      AT-Lesung: Ez 37, 1-14

      Predigttexte: die vorgenannten drei, dazu Jona 2, Hebr 9, 11-12.24 und Joh 19, (31-37) 38-42. Diese sechs Texte reihum im Wechsel.

      Hauptlied ist EG 79 ("Wir danken dir,Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist"

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Evangelischerseits gibt es mittlerweile schon eine Liturgie.

      Betonung auf "mittlerweile"?
      Wer schreibt mittlerweile noch relevante liturgietaugliche Kirchenmusik dazu? Und wer geht heute am Karsamstag wegen Karsamstag in die Kirche, wenn schon früher da allenfalls die Auferstehung vorgezogen wurde?
      Bei uns ist am Karsamstag die Kirche (katholisch; touristisch vielbesucht) übrigens komplett geschlossen, wegen Vorbereitung auf den Ostersonntag.
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • anderes Thema: Der Jonas-Stoff wäre ja eigentlich gut oratorientauglich. Aber es scheint, daß er nicht sonderlich beliebt war: Ich kenne jedenfalls nur die Vertonungen von Carissimi und von Bassani. Daneben gibt es noch eine Handvoll neuerer Vertonungen aus den letzten Jahrzehnten von vergleichsweise unbekannten Komponisten..
      Kennt jemand noch andere?

      Der Carissimi wäre eigentlich super zum Aufführen. Nur: Er ist mit ca. 25 Minuten nicht abendfüllend. Was könnte man noch dazu packen, was stilistisch, thematisch und besetzungstechnisch (Solistenquartett, (Doppel-)Chor, Streicher, b.c.) dazupassen würde?
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Ich habe einfach mal gegoogelt und dieses gefunden:

      CD:

      Rudolf Tobias
      Des Jona Sendung

      Noten:
      Wolfgang Stockmeier
      Jona Wk 177
      Soli (TBB), gemischter Chor (SATB) und Orchester. Chorpartitur.

      Aber ob es dir was bringt, weiß ich nicht; ich kannte nicht mal das Bassani-Werk bis eben.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul