Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

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  • Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

    Eigentlich wurde diese Diskussion schon in diesem Thread von Symbol angegangen: "Regietheater" - Was ist das eigentlich?

    Leider hat sich die Diskussion dort an dem eher abwertenden als beschreibenden Begriff "Regietheater" festgebissen. Dabei fing sie schon an, sich zu lohnen, denn das Thema selbst ist ja für alle, die Oper live schätzen, von außerordentlichem Interesse. Gerne erfülle ich daher Symbols Wunsch und eröffne das Thema erneut in diesem Forum, wo es mir noch besser untergebracht zu sein scheint.

    Die zweite Frage, was Opernregie nicht darf, möchte ich schon einmal ganz kurz beantworten: langweilen.

    Bedeutet das eine autmatische Ablehnung der sogenannten konventionellen Regie, die vornehmlich Textvorgaben in Szene setzt? Von mir aus nicht unbedingt, wenn sie sich nicht auf die bloße Illustration beschränkt.

    Bedeutet das eine Befürwortung der Provokation um jeden Preis? Sicher erst recht nicht.

    Geht es dennoch, den Opernliebhaber, der schon zig Inszenierungen der Stützen des Repertoires gesehen hat, zu interessieren ohne die Vorlage zu sehr zu verfremden?

    Wenn ja, wie? Wer schafft das? Und warum? Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?

    Fragen über Fragen, deren Beantwortung und Weiterdenken erst einmal Euch überlassen sei.

    :wink: Rideamus
    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
  • Ich sehe doppelt?

    Ist das so gedacht, dass der eine thread für Eurotrash-Anhänger und der andere für Staubis ist? Damit kein Streit aufkommt? :D

    Michel
    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
  • Liebe Blaumeise,

    gedacht war es nicht so, aber wenn Du es so interpretierst... :D

    Da ich den anderen Thread aber geschlossen habe, liegt eher nahe, dass beide Fraktionen hierher umziehen und sich mal sine ira aber mit eifrigem Studium der Realität hier auseinander- und möglichst auch mal zusammen setzen.

    :wink: Rideamus
    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
  • Um von den blue meanies weg und endlich mal zum Thema zu kommen:

    für mich darf die Regie erst einmal alles, außer die Akteure zu erniedrigen. Wenn ich in die Oper gehe, will ich natürlich in erster Linie, daß gut und engagiert gesungen, dirigiert und begleitet wird. Es stört mich nicht, wenn die Inszenierung staubig ist, dann mache ich die Augen zu und konzentriere mich auf die Musik. Begeistert bin ich letztlich nur, wenn die Regie mir einen bisher unbeacheten Aspekt, eine andere - möglichst überzeugende - Deutung des Textes geboten hat, auch wenn der Regisseur sich hierfür sehr weit vom Konventionellen wegbewegt. Den Regietheater-Gegnern scheint nicht bewußt zu sein, daß die Tradition, auf die sie sich heute berufen, der Skandal von gestern ist, und daß sich die Aufführungspraxis mit den Jahren kontinuierlich gewandelt hat. Man schaue sich den Figaro-Film aus der Nazi-Zeit mit Willi Domgraf-Fassbaender an. Das Spiel, damals sicher auf der Höhe der Zeit, wirkt heute outriert und lächerlich. Vor einem halben Jahr habe ich die Così von Peter Sellars als DVD wiedergesehen, die mich, von Ivan Nagel klug eingeleitet, seinerzeit bei der Fernsehübertragung beeindruckt hatte, vor allem wegen des Schlusses, in dem die Protagonisten auf eindrucksvolle Weise zu Puppen der Konvention erstarrten. Das Wiedersehen war nicht so beglückend, wie ich erhofft hatte, denn auch diese umstrittene Inszenierung hatte in den wenigen Jahren Staub angesetzt. Meine letzte Così, die von Doris Dörrie in Berlin, hat mich dagegen wieder begeistert, ihre Idee, die "Turchi, Polacchi" zu Hippies zu machen, war die erste glaubhafte Verwandlung der Offiziere in Exoten, die ich gesehen habe.
    Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat. Das ist in der Malerei nicht anders. Niemand würde heute einen van Meegeren mit einem Vermeer verwechseln, einfach weil wir heute Vermeer anders sehen als van Meegeren und seine Zeitgenossen. Dieser Wandel in der Wahrnehmung von Kunstwerken muß sich in der Ausdeutung durch die Regie widerspiegeln, sonst ist sie einfach uninteressant und nicht auf der Höhe der Zeit. Regie, die nicht mit Traditionen bricht, ist überflüssig. Daß ein Regisseur, der viel wagt, nicht immer gewinnt, ist dabei wohl selbstverständlich. Aber "in magnis et voluisse sat est" - es genügt, das Große versucht zu haben, auch wenn man es nicht erreicht. Der Versuch allein verdient Lob.

    Liebe Grüße

    Peter Wollenberg
  • :D so kommt's, wenn man sich gar nicht bewusst ist, dass man Witze macht, liebe Blauamsel (merci, M. Unison)

    oder anders:

    Lieber nichtdeutscher Michel,

    das war die Folge eines Hängers in unserem Board oder meinem PC, der anscheinend wieder mal zu voll wird. Beim Abschicken des Threads hängte er sich auf, und ich startete ihn neu, nicht ahnend, dass es ihn doch bereits gab. Leider habe ich keinen viven Sohn wie Hildebrandt, der mir mal die Platte putzen kann, also muss ich das morgen wohl selbst angehen.

    Deine Interpretation dieses Unfalls ist aber so genial, dass ich jetzt schon fast wieder bedaure, die Alternative gelöscht zu haben. Andererseits beherrschen doch viele das aneinander Vorbeireden im selben Thread so gut, dass wir dazu keine zwei brauchen, oder?

    :wink: Rideamus
    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
  • RE: Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

    Die Regie soll m. E. "inszenieren", das heißt das Werk in Szene setzen und damit zum Leben erwecken. Da ein Werk für mich stets mehr ist als nur das gedruckte Material, sondern auch Aufführungspraxis und Rezeption das Werk mit beleben, setze ich der Regie bei der Erfüllung dieser Bestimmung zunächst einmal keine Grenzen. Letztlich muß sich jeder Regisseur daran messen lassen, ob das Werk unter seinen Händen lebendig wurde, und nicht daran, ob jetzt Nackte auf der Bühne waren oder nicht.

    Kommen wir zur schwierigeren Frage: Was darf Regie nicht? Na ja, die offensichtliche Antwort lautet wohl: die Protagonisten dürfen nicht in ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde beeinträchtigt werden. Ansonsten meine ich, daß es zunächst mal keine Denkverbote für die Regie geben sollte. Eines läßt mich allerdings allergisch reagieren: wenn in der Regie durchschimmert, daß ein Regisseur das inszenierte Werk nicht mag, uninteressant findet, eigentlich nur der Lächerlichkeit preisgeben möchte. Dann soll man das Werk halt nicht inszenieren. Und wenn ein Regisseur sich von einem Werk lediglich angespornt fühlt, etwas weitgehend anderes zu machen, so soll er das von mir aus tun, aber möge dies dann bitte durch den Titel der Veranstaltung verdeutlichen. Der Schöpfer des Werks hat Respekt verdient, ebenso wie ein Regisseur für seine Bemühungen zur Inszenierung. Dies sollte aus meiner Sicht der grundlegende Konsens sein.

    :wink:
    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
  • Rideamus schrieb:

    Heißt das, ich soll auch diesen Thread wieder schließen?

    :faint: Rideamus

    Das bitte nicht. :hide: Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen. :D
    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
  • .... Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen....

    Hat da jemand nach mir gerufen? :D

    Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?
    Zum Notentext älterer Werke haben wir ja schließlich auch einen enormen zeitlichen Abstand. Oder komponiert heute noch jemand so wie Händel? Soll man jetzt die unbedingte Treue zu dessen Urtext als die "schlimmste Verfremdung" überhaupt betrachten?



    Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat

    Das sehe ich nicht ganz so. Im Falle der großen Kunstwerke finden sich Zentralaussagen, die nicht wirklich zeitgebunden sind (überhaupt ändern sich die existenziellen Probleme des menschlichen Daseins mit der Zeit vielleicht nicht so sehr, wie es für viele erst einmal den Anschein hat...).

    Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann. Meine Antwort ist ein klares Nein. Zuerst muß ich ein Kunstwerk einigermaßen so, "wie es gemeint war" (und das gilt im Falle der Oper nicht nur für die Partitur, sondern auch für die Szenerie) überhaupt erkennen können - danach kann ich mir Gedanken über seine Aussage im Hier und Jetzt machen.

    Jeder Komponist - auch ein György Ligeti, der in dem Regietheaterthread als Beispiel für einen Urheber, der die extreme szenische Verfremdung seines Werks mit großer Mißbilligung betrachtet hat, genannt wurde - hat seine Opernmusik angesichts des Raumes und der Zeit, in der die Oper nun mal spielt, geschrieben. Wenn man diesen Raum und diese Zeit komplett verändert, ergibt sich zwangläufig ein krasses, in den meisten Fällen bis zum Absurden gehendes Mißverhältnis zwischen Partitur, Libretto und Szene. Und dieses Mißverhältnis zerstört den Eindruck einer Oper als Ganzes in aller Regel gründlich.

    Aus diesen Überlegungen läßt sich nicht zwangsläufig die Notwendigkeit von Inszenierungen im Stile der Entstehungszeit einer Oper folgern. Gewisse Formen der Abstraktion sind möglich und oft sogar wünschenswert, um der Fantasie des Rezipienten genügend Raum zu geben. Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit. -


    Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug... :D


    Viele Grüße an alle Opernfreunde


    a.d.
  • Kleinigkeiten

    Zitat von »Rideamus«
    Heißt das, ich soll auch diesen Thread wieder schließen?

    Ja, bitte...

    Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit.

    Diese Behauptung ist in ihrer Verallgemeinerung nicht diskutierbar, das geht nur am konkreten Beispiel.

    Hat da jemand nach mir gerufen?

    Ich ganz bestimmt nicht.

    Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug...

    Sie zeigen einmal mehr, warum eine Diskussion über Geschmacksfragen sinnlos ist.
    Der Kunst ihre Freiheit
  • arundo donax schrieb:

    Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann.
    Nehmen wir mal den Don Giovanni. Da Ponte bearbeitet ein Stück von Tirso de Molina. Die Handlung ist also in die Zeit um 1619 oder früher zu verlegen. Mozart/Da Ponte lassen aber im letzten Akt vom Bühnenorchester zeitgenössische Musik spielen, "Ah, Cosa Rara!", singt der Don und anschließend amüsiert sich das ganze Theater über die "reichlich bekannte" Cherubino-Arie vom Vorjahr. Mozart und Da Ponte haben sich hier offensichtlich regietheatermäßig an Tirso de Molina vergangen, um seine Geschichte dem Publikum ihrer Generation interessant zu machen.
    Außerdem meine ich, daß eine Rekonstruktion des zeitlichen und räumlichen Kontexts meist gar nicht möglich ist. Schau Dir eine Aufnahme der Così aus den fünfziger oder sechziger Jahren an. Die Kostüme und die Schminke, sogar die Bewegungen der Sänger und auch das Bühnenbild sind nicht Barock, sie sind "Barock aus der Sicht der fünfziger und sechziger Jahre". Ich erinnere mich an meine Begeisterung für die Ustinov-Zauberflöte der Hamburger Staatsoper, die ich in jungen Jahren im Fernsehen sah. Als die Aufführung neulich auf DVD erschien, habe ich sie mir gekauft und angeschaut. Sie ist so gealtert wie das Bildnis des Dorian Gray und ich mag sie nicht mehr sehen. Das zeigt mir ein übriges Mal, daß eine konventionelle Inszenierung genauso gegenwartsgebunden ist wie ein Produkt des Regietheaters, sie gibt es nur nicht zu.
    Das Gefährliche an (pseudo)authentischen Inszenierungen ist, daß sie es dem Zuschauer ermöglichen, seine ästhetische Distanz zu wahren und die, wie Du richtig schreibst, zeitlosen Menschheitsfragen, die da abgehandelt werden, als nicht die seinen auszugrenzen.
    Ich gebe Dir aber zu, daß eine Zeit/Raum-Verschiebung nicht eo ipso eine gute Aufführung garantiert und das es albern wirken kann, wenn jemand singend nach seiner Spada greift und dabei mit einer Pistole herumfuchtelt. Es gibt selbstverständlich schlechtes wie gutes Regietheater. Ich wiederhole mich, wenn ich erwähne, daß ich von einer Aufführung erhoffe, daß sie mir neue Einsichten eröffnet, übersehene Facetten zum Funkeln bringt. Daß da bei "Zar und Zimmermann" nicht allzu viel zu holen ist, weiß ich auch und wäre von einem Autos zusammenschraubenden Putin als Protagonisten eher irritiert :D. Da mögen meinetwegen die Edamer Käse über die Bühne rollen.

    Diesen Gruß der ganzen Welt!

    Peter Wollenberg
  • Vielleicht ist es für die Diskussionsteilnehmer von Vorteil, die Entwicklung der Inzenierungsgeschichte eines Stückes am konkreten Beispiel zu verfolgen. Für Wagners "Ring des Nibelungen" gibt es dazu ein durchaus hilfreiches Buch: Nora Eckert: Der "Ring des Nibelungen" und seine Inszenierungen von 1876 bis 2001 (Hamburg, 2001). Einen kurzgefassten Überblick über die Inszenierungsgeschichte des "Ringes" von 1945 bis zum Cherau-"Ring" 1976 gibt das 2. Kapitel dieser kostenlos einzusehenden Diplom-Arbeit:

    "www.jochen-kienbaum.de/ring/Index3.html

    Ergänzend hierzu dieser Artikel aus dem "Spiegel" von 1974:

    "http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=41652212&top=SPIEGEL

    Zum Thema "Was darf ein Regisseur (nicht)?" hier noch zwei Zitate Wieland Wagners, entnommen aus der o.g. Diplom-Arbeit:

    Die von "Altwagnerianern" so gern
    gestellte Frage, wie "der Meister" sich selbst zu einer
    modernen Inszenierung gestellt hätte, "wenn er heute
    leben würde", ist genauso sinnlos wie die Frage, was
    etwa Beethoven zu der Interpretation seiner "Neunten Symphonie"
    durch Toscanini gesagt hätte oder wie Goethe die Hamburger
    Inszenierung seines "Faust" durch Gustaf Gründgens
    beurteilt hätte. Nur die geistige Aussage eines Werkes,
    nicht seine zeitbedingte Aufführungsform, hat für künftige
    Generationen Bedeutung und sichert ihm Bestand - und Wirkung!
    - für weitere Jahrhunderte. Es kann deshalb auch kein Sondergesetz
    für das Wagnersche Werk anerkannt werden, das dieses aus
    der zwangsläufigen Entwicklung der Kunst- und Geistesgeschichte
    ausschließt.


    Erst das nachwagnersche Bayreuth, vor allem
    aber Hans Pfitzner und seine eifernden Gefolgsleute haben Wagners
    szenische Vorschriften zum sakrosankten Bestandteil des Werkes
    erklärt. Pfitzners gereizter Ruf nach einem "Reichgesetz
    zum Schutz von Kunstwerken gegen willkürliche Entstellung"
    - nach dem Maulkorb also für Dirigenten und Regisseure!
    - ist die fragwürdige Konsequenz des Dogmas von der wahren
    Werktreue [...]. Obgleich Pfitzners Forderungen nur durch polizeiliche
    Reglementierung der Kunst realisierbar wären, bilden sie
    bis heute das geistige Rüstzeug aller strammen Parteigänger
    der sogenannten Werktreue.




    :wink:

    GiselherHH
    "Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

    Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.
  • gruppetto schrieb:

    Nehmen wir mal den Don Giovanni. Da Ponte bearbeitet ein Stück von Tirso de Molina. Die Handlung ist also in die Zeit um 1619 oder früher zu verlegen. Mozart/Da Ponte lassen aber im letzten Akt vom Bühnenorchester zeitgenössische Musik spielen, "Ah, Cosa Rara!", singt der Don und anschließend amüsiert sich das ganze Theater über die "reichlich bekannte" Cherubino-Arie vom Vorjahr. Mozart und Da Ponte haben sich hier offensichtlich regietheatermäßig an Tirso de Molina vergangen, um seine Geschichte dem Publikum ihrer Generation interessant zu machen.
    Ich habe am vergangenen Wochenende den Hamburger "Rosenkavalier" in der Regie von Marco Arturo Marelli gesehen/gehört: Der spielt laut Hoffmannsthal um 1740. Musikalisch ist er durchzogen von Walzern, die es in dieser Zeit allerdings noch gar nicht gab. Hat sich Strauss also hier schon einmal einer unverzeihlichen Verletzung der historischen Genauigkeit schuldig gemacht, so potenziert Marelli den Frevel noch, in dem er die Handlung in die Zeit der Entstehung des Stückes, also den Vorabend des ersten Weltkrieges, verlegte. Man hätte deshalb erwarten können, dass die Verfechter unbedingter historischer Korrektheit diese Aufführung angesichts dieser gleich doppelten Ketzerei entrüstet ablehnen, laut schimpfend und türenschlagend den Saal verlassen, von der einzig wahren Inszenierung unter Otto Schenk schwärmen, den Verfall der Sitten beklagen, usw.. . Merkwürdigerweise hat sich nichts von alledem ereignet. Offenbar haben die Diener im Frack, Polizisten mit Pickelhauben (und manch andere im heutigen Alltag eher ungewöhnliche Dinge) auf der Bühne die hehre Forderung nach historischer Korrektheit vollständig zum Schweigen gebracht. Die Saubermänner und -Frauen im Opernpublikum stören sich anscheinend am modernistischen Schmutz nur dann, wenn er sie an ihren eigenen Schmutz erinnert.

    Viele Grüße,

    Christian
    Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
    Oscar Wilde
  • gruppetto schrieb:

    Außerdem meine ich, daß eine Rekonstruktion des zeitlichen und räumlichen Kontexts meist gar nicht möglich ist. Schau Dir eine Aufnahme der Così aus den fünfziger oder sechziger Jahren an. Die Kostüme und die Schminke, sogar die Bewegungen der Sänger und auch das Bühnenbild sind nicht Barock, sie sind "Barock aus der Sicht der fünfziger und sechziger Jahre". (...) Das zeigt mir ein übriges Mal, daß eine konventionelle Inszenierung genauso gegenwartsgebunden ist wie ein Produkt des Regietheaters, sie gibt es nur nicht zu.


    Das ging mir ganz genauso, als ich mir neulich auf DVD zwei Inszenierungen ansah, die in den 60er Jahren unter Ägide Rolf Liebermans an der Hamburgischen Statsoper entstanden und im Fernsehstudio aufgezeichnet wurden: "Der Freischütz" und "Zar und Zimmermann". Trotz all der historischen Kostüme etc. fühlte ich mich auch nicht einen Moment lang in die Handlungsepoche der beiden Opern versetzt. Stattdessen sprangen mich die 60er Jahre mit einer solchen Heftigkeit an (allein schon die Frisuren der Damen!), dass ich hinterher ganz baff war. Das war eine massive Lektion in Zeitgebundenheit vermeintlich historisch korrekter/getreuer Opernregie.

    Wobei das natürlich nichts neues ist. Auch Historienfilme sagen ja grundsätzlich immer mehr über die Zeit aus, in der sie gedreht wurden, als über die Epoche, die sie abzubilden vorgeben.
  • Der Amsel nach unten offene Kunstskala

    Treten wir doch mal 3 Schritte zurück. Ich reibe mir seit langem immer wieder erstaunt die Augen, was hier und anderswo über moderne Opernregie geschrieben wird (man beachte, wie elegant ich das R-Wort vermeide).

    Ich denke, dass die Konflikte, die hier aufbrechen, viel tiefer liegen als reine Geschmacksfragen – nur so erklärt sich mir, warum diese Diskussionen in der Regel früher oder später in unerfreulichster Weise entgleiten. Es geht um nicht und nicht weniger als die persönliche Einstellung zu dem, was Kunst ist und was von ihr erwartet wird.

    Hier ein kleiner Ansatz einer Systematik, zusammen mit meinem patentierten Champagnertest. Mit diesem Test, könnt ihr bei einer Opernaufführung erkennen, in welche Kategorie die Inszenierung gehört. Nichts ist besser geeignet, eine hitzige Diskussion in Gang zu bringen, als eine plakative Systematik :D .

    1.Kunst als „kulinarisches“ Erlebnis: zurücklehnen und genießen, auch Eskapismus genannt. Test: Dazu passt am besten Prosecco.

    2.Kunst als Unterhaltung mit ästhetischem Anspruch: Sich genießend den Verstand und das Gefühl ein wenig kitzeln lassen. Test: Dazu gibt’s Champagner.

    3.Kunst als intellektuelles und ästhetisches Erlebnis: Ästhetisierung und Verarbeitung „zeitloser“ und durch ihre Zeitlosigkeit abstrakt gewordener Fragen. Test: Champagner, aber nur noch in der Pause.

    4.Kunst ist nicht zeitlos, sie wird hier und jetzt erfahren. Sie steht in der Geschichte, sie muss jeder Generation ihre Gültigkeit erneut beweisen und jede Generation stellt andere Fragen. Test: Der Pausen-Champagner bleibt stehen, weil man sich die Köpfe heiß redet.

    5.Kunst als existentielle Erfahrung: Das ästhetische Erlebnis soll „an die Nieren gehen“, einen im tiefsten Innern so packen, dass hinterher nichts mehr so ist, wie vorher. Kunst darf auch wehtun. Test: Die Lust auf Champagner vergeht einem für den Rest des Tages.

    Das ist alles natürlich pauschalisiert und überpointiert, und es gibt zahllose Zwischenstufen und Überschneidungen. Und schon gar nicht sind das Schubladen, in die sich Musikhörer, Opernzuschauer, Museumsbesucher usw. einsortieren lassen.

    Ich für meinen Teil funktioniere mal so, mal anders. So kann ich mich von einer Platte mit den schönsten Ausschnitten aus Offenbach-Operetten unterhalten lassen (Stufe 1), oder mich an der DVD mit Rameaus „Les Indes Galantes“ erfreuen (Stufe 2). Ich kann die Rekonstruktionsversuche der Barock-Oper im Stile von Benjamin Lazars „Cadmus et Hermione“ spannend finden (Stufe 3), mich für die Werkbrechungen eines Herheim begeistern (Stufe 4) und mich von Bieito an den Innereien packen lassen (Stufe 5).

    Aber: Gleichwertig sind die Ansätze für mich keineswegs. Stufe 1 ist harmloser Spaß, bei 2 fangen die Erfahrungen an, an die ich mich auch nach einiger Zeit noch erinnern kann, ab 3 lohnt sich die Diskussion, und am Ende bleiben nur 4 und 5 als die echten Erlebnisse haften.

    Daraus ergibt sich auch meine ganz persönliche Einstellung, was Opernregie soll/kann/muss/darf. Bei Stufe 1 wäre ich besser zuhause geblieben – Opern, die das verdient haben, interessieren mich eher nicht. Ansonsten hängt’s von der Oper ab: Eine Offenbach-Operette kann irgendwo zwischen 2 und 4 gut aufgehoben sein, je nachdem. Bei Don Giovanni interessieren mich 1 und 2 gar nicht, 3 könnte noch funktionieren, 4 oder 5 wären mir lieber. Wozzeck braucht 4 oder 5. Und besonders spannend finde ich, wenn Unerwartetes passiert: Bei einer Armide von Gluck hätte ich maximal mit 4 gerechnet, aber Bieito hat ein besseres Gespür als ich, welche Opern den 5er-Ansatz vertragen.

    Die ganze Chose geht in die Luft, wenn der Zuschauer 1 oder 2 erwartet und 5 bekommt :cursing: . Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen :sleeping:


    So: Freiwilige vor! In welche Schublade gehört Ihr? :wink:
    Michel
    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
  • arundo donax schrieb:

    .... Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen....

    Hat da jemand nach mir gerufen? :D

    Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?
    Zum Notentext älterer Werke haben wir ja schließlich auch einen enormen zeitlichen Abstand. Oder komponiert heute noch jemand so wie Händel? Soll man jetzt die unbedingte Treue zu dessen Urtext als die "schlimmste Verfremdung" überhaupt betrachten?



    Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat

    Das sehe ich nicht ganz so. Im Falle der großen Kunstwerke finden sich Zentralaussagen, die nicht wirklich zeitgebunden sind (überhaupt ändern sich die existenziellen Probleme des menschlichen Daseins mit der Zeit vielleicht nicht so sehr, wie es für viele erst einmal den Anschein hat...).

    Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann. Meine Antwort ist ein klares Nein. Zuerst muß ich ein Kunstwerk einigermaßen so, "wie es gemeint war" (und das gilt im Falle der Oper nicht nur für die Partitur, sondern auch für die Szenerie) überhaupt erkennen können - danach kann ich mir Gedanken über seine Aussage im Hier und Jetzt machen.

    Jeder Komponist - auch ein György Ligeti, der in dem Regietheaterthread als Beispiel für einen Urheber, der die extreme szenische Verfremdung seines Werks mit großer Mißbilligung betrachtet hat, genannt wurde - hat seine Opernmusik angesichts des Raumes und der Zeit, in der die Oper nun mal spielt, geschrieben. Wenn man diesen Raum und diese Zeit komplett verändert, ergibt sich zwangläufig ein krasses, in den meisten Fällen bis zum Absurden gehendes Mißverhältnis zwischen Partitur, Libretto und Szene. Und dieses Mißverhältnis zerstört den Eindruck einer Oper als Ganzes in aller Regel gründlich.

    Aus diesen Überlegungen läßt sich nicht zwangsläufig die Notwendigkeit von Inszenierungen im Stile der Entstehungszeit einer Oper folgern. Gewisse Formen der Abstraktion sind möglich und oft sogar wünschenswert, um der Fantasie des Rezipienten genügend Raum zu geben. Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit. -


    Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug... :D


    Viele Grüße an alle Opernfreunde


    a.d.

    Lieber arundo donax,

    Deine Zeilen haben m. E. ein wesentliches Problem: die unerbittliche Generalisierung (da würde ich Alvianos Meinung teilen). Diese wird auch nicht dadurch besser, daß mit Ligeti ein Beispiel für einen angesichts einer Inszenierung beleidigten Komponisten ins Feld geführt wird, denn niemand hier hat behauptet, daß eine ästhetisch progressiv gestaltete Inszenierung automatisch gut sei. Was soll ein einzelnes Beispiel also bitte aussagen?

    Das Bedauerliche dabei ist, daß wenn man die generalisierende Keule mal versucht aus Deinen Ausführungen zu streichen, sich ein durchaus interessanter Punkt herauskristallisieren könnte - nämlich die Frage nach der eine Haltung beziehenden Regie vs. einer eher "neutralen" Regie, die Assoziationen einzig dem Zuschauer überläßt. Das finde ich aber bei Dir nicht, sondern es gibt nur den massiven Rundumschlag. (Ich sollte mich nicht beschweren - ich habe Dich ja offensichtlich mit meiner allerdings scherzhaft gemeinten Bemerkung angestachelt. :D )

    Was mich nun, um auf die inhaltliche Ebene zurückzukehren, wirklich erstaunt, ist einerseits Deine Fixierung auf die Frage nach der zeitlich-räumlichen Verankerung der Oper (Regie besteht übrigens aus mehr... ;) ), bei der Du Dir Verlegungen und Verschiebungen verbietest, andererseits aber Deine Bereitschaft, Abstraktion u. U. zu akzeptieren. Ein Werk aus einer im Libretto angegebenen Zeit in das abstrakte Niemandsland zu verschieben, könntest Du also wohl ggf. akzeptieren, aber den doch wohl logischen nächsten Schritt, die Überzeitlichkeit durch die Verlegung aus dem zeitlichen Äther in eine konkrete andere Zeit, verteufelst Du. Das klingt für mich nach reiner Willkür, einen systematischen Ansatz zum Umgang mit einem Werk kann ich daran nicht erkennen. Man könnte auch etwas spitzer sagen: an Abstraktionen im Stile Wieland Wagners (der anfangs für seinen Stil von manchen gehaßt wurde!) hast Du Dich halt schon gewöhnt, geben wir Dir noch dreißig Jahre, und Du wirst auch mit Konwitschny warm. :D

    Bliebe also die Frage: brauchen wir solche Threads? Im Gegensatz z. B. zu Alviano meine ich: ja! Auch in der Kunst gibt es halt das Bestreben nach Klassifikation, Einteilung und Systematisierung. Man kann also über etwas auch allgemein kommunizieren, was eigentlich die Beschäftigung mit dem Einzelfall verdient hat (das eine schließt das andere ja nicht aus). Ich kann aber verstehen, daß ein versierter Opernfreund diese ewigen Diskussionen "altmodisch vs. modern" irgendwann über hat und ablehnt.

    LG :wink:
    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
  • Lieber Michel,

    ich finde diese Klassifikation überaus interessant - man könnte sie vielleicht auch die Amsel-Bieito-Skala taufen. :P

    Ich würde mich weigern, mich kategorisch auf einen Bereich der Skala festnageln zu lassen. Je nach Werk, Kontext und Gemütslage mag vieles möglich sein. Bedenklich finde ich erst, wenn man Kunst auf den Bereich 1 bis maximal 2 beschränkt und alles andere als linke Zersetzungsversuche definiert. Das hat hier m. E. zwar niemand getan, aber es soll da ja gewisse Örtlichkeiten im Internet geben... :whistling: :D

    LG :wink:
    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler