Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

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  • yago schrieb:


    Die Deutsche Oper Berlin und die Komische Oper Berlin konnten ihre Auslastung im Kalenderjahr 2008 in etwa auf dem Niveau des Vorjahres halten. Die Auslastung betrug bei der Komischen Oper 65,4% (181.376 Besucher in 256 Vorstellungen)


    Den Artikel mit den Zahlen findet man "http://www.monstersandcritics.de/artikel/200904/article_121518.php/Berliner-Opern-mit-deutlichem-Besucherplus" hier. Wie man die Zahlen wertet, scheint ein zweites zu sein :wink:

    Für mich ist es ein mehr als akzeptables Ergebnis, weil es eine Bühne betrifft, die konsequent nur Aufführungen auf Deutsch bringt. Das hat zur Folge, dass internationale Stars, die Magnete für die anderen Bühnen sind und zu höheren Besucherzahlen führen, hier trotz einer hervorragenden Ensembleleistung nicht erreicht werden können. Wenn man sich nun die Aufführungen genauer ansieht, wird man gerade bei den "Skandalstücken" überdurchschnittliche Zuschauerzahlen finden.

    Liebe Grüße Peter
    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)
  • Ich finde Kehlmanns Rede vor allem eines: schlicht. Man setze ein schlaues Zitat an den Anfang, beginne dann mit Kindheitserinnerung und schlage den Bogen vom Persönlichen zum Allgemeinen. Jetzt ist es Zeit für altkluge Wortfabulierungen. Man ende dann mit einer Fortführung des anfänglichen Zitats. Dieses Schema könnte der Lehrer einer 10. Klasse an die Tafel gemalt haben, damit seine Schüler an ihm entlangschreiben können. Die Kindheitserinnerungen könnten in ihrer Naivität aus einem "Rosamunde Pilcher"-Film stammen. Und wenn es mal nicht um seinen Vater geht, bleibt Kehlmann erstaunlich platt: Was sagt er denn schon? Ein paar nette Formulierungen, gut. Aber die Auseinandersetzung mit dem sogenannten Regietheater könnte in dieser Tiefe auch auf einem Diskussionswettbewerb für Schüler geführt werden.

    Kehlmanns Bücher haben mir übrigens gut bis sehr gut gefallen.

    Falstaff
  • Falstaff schrieb:

    Ich finde Kehlmanns Rede vor allem eines: schlicht. Man setze ein schlaues Zitat an den Anfang, beginne dann mit Kindheitserinnerung und schlage den Bogen vom Persönlichen zum Allgemeinen. Jetzt ist es Zeit für altkluge Wortfabulierungen. Man ende dann mit einer Fortführung des anfänglichen Zitats. Dieses Schema könnte der Lehrer einer 10. Klasse an die Tafel gemalt haben, damit seine Schüler an ihm entlangschreiben können. Die Kindheitserinnerungen könnten in ihrer Naivität aus einem "Rosamunde Pilcher"-Film stammen. Und wenn es mal nicht um seinen Vater geht, bleibt Kehlmann erstaunlich platt: Was sagt er denn schon? Ein paar nette Formulierungen, gut. Aber die Auseinandersetzung mit dem sogenannten Regietheater könnte in dieser Tiefe auch auf einem Diskussionswettbewerb für Schüler geführt werden.

    Kehlmanns Bücher haben mir übrigens gut bis sehr gut gefallen.

    Falstaff

    Meine Rede! ;+) :P

    Abgesehen davon, dass ich Kehlmanns Bücher nciht kenne......



    Und was die ästhetischen Argumente angeht, lieber Symbol: darauf warte ich schon seit zwei Jahren- zumindest von den meisten militanten Gegnern des RT leider ohne Erfolg!

    Ich selbst habe durchaus ästhetische Argumente gegen mancherlei Auswüchse des Regietheaters und bin jederzeit bereit, eine kohärente "Staubi"-Inszenierung zu verteidigen.

    Aber um solche "Feinheiten" geht es ja hier leider gar nicht und shcon lange nciht mehr. :cry:

    Es geht offenbar nur noch um das Betonieren von Positionen- und die Mittel werden, wie man sieht, immer platter und inhaltsleerer.

    Sehr sehr schade, denn als Opernliebende bin ich zunächst mal nciht an Rezeptions-Politik sondern an Rezeptions- Diskussion interessiert.

    F.Q.
    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
  • Nun denn: eine gutgemachte "moderne" Inszenierung kann einen ästhetisch wie inhaltlich auf eine Art und Weise packen und mitreißen, die bei einem herkömmlichen Kostümierungs-Festival (um hier mal ein wenig Polemik reinzubringen) häufig ausbleibt.

    Beispiel: Wagners "Meistersinger", Inszenierung Konwitschny, Hamburg, 3. Akt. Der Vorhang hebt sich, und man sieht Hans Sachs vor einem riesigen Bild des zerbombten Nürnbergs sitzen. Konwitschny hat die Prügelfuge Ausgang des 2. Akts als Einfall des Mobs in die (kulturelle) Welt der Meistersinger interpretiert, und nun bekommt man nach der Pause die Wirkung des Mobs verdeutlicht. Dazu die wunderschöne Musik Wagners (ich halte den Beginn des 3. Meistersinger-Akts für einen der Höhepunkte seines Schaffens) - die Wucht dieses vollkommen unerwarteten Bildes (die ersten zwei Akte sind eher konventionell gemacht) hat mich fast vom Sitz geblasen! Dann der Aufmarsch auf der Festwiese: wie eine Explosion der Fantasie! Bunte Kostüme, große Grashalme, ein greller Reigen. Garniert wird dies noch mit einigen historisch kostümierten Wagner-Figuren, die etwas verloren in der Gegend rumstehen (Brünnhilde mit Brustpanzer, ein Kleinwüchsiger als Alberich etc.) - der Aufmarsch des Neuen hat begonnen. Im Schlußgesang des Sachs schließlich die Provokation: anstatt den Wagnerschen Musikrausch ungebremst zuzulassen, unterbricht Konwitschny für eine gezielte Diskussion über den Text. So wird man mit nachdenklichen Tönen zur üblen Rezeptionsgeschichte der Meistersinger und gezielt gebrochener Emphase nach Hause geschickt.

    Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Christkindlmarkt-Seligkeit einer konventionell gemachten Inszenierung mich so mitgerissen hätte.

    Dies war jetzt ein Beispiel, wie eine "moderne" Ästhetik mich als heutigen Opernbesucher begeistert hat.

    Also: das Contra bitte!

    :wink:
    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
  • Leute, beendet doch die Diskussion, die bringt doch nichts.

    Zumal man m.E. t über Regietheater oder nicht garnicht diskutieren kann, sondern nur über eine konkrete Inszenierungen.

    Da mal eine Frage an die Kenner,

    wer kennt den Stuttgarter Fidelio von Kusej und kann mir etwas näheres dazu sagen ?
    Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
    In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
    ----------------------------
    Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
  • Ich persönlich finde die "Salzburger Philippika" hervorragend geschrieben. Kehlmann drückt sich auf hohem sprachlichen Niveau sehr klar aus - und darüber hinaus habe ich in der letzten Zeit selten etwas gelesen, was mir so aus der Seele gesprochen hat wie Kehlmanns Zeilen
    ....Bei uns ist etwas Absonderliches geschehen. Irgendwie ist es in den vergangenen Jahrzehnten dahin gekommen, dass die Frage, ob man Schiller in historischen Kostümen oder besser mit den inzwischen schon altbewährten Zutaten der sogenannten Aktualisierung aufführen solle, zur am stärksten mit Ideologie befrachteten Frage überhaupt geworden ist. Eher ist es möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten, eher darf man Jörg Haider einen großen Mann oder George W. Bush intelligent nennen, als leise und schüchtern auszusprechen, dass die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen.....


    Bislang habe ich noch nichts anderes von Kehlmann gelesen, aber diese Rede macht mir richtig Lust, es bald mal mit einem seiner Bücher zu versuchen.

    Das nur mal als Gegenmeinung zu der oben geäußerten Kritik - ansonsten liegt mir hier überhaupt nichts an einer Dauerkontroverse mit den Freunden des Verfremdungstheaters.

    Viele Grüße

    Bernd
  • Lieber Sascha, kommt in dem Buch auch eine Frau vor, die sehr tragisch in einem Ex-URSS Staat verloren geht und eine andere Frau, die zum Sterben in die Schweiz fährt?

    Wenn ja, habe ich das unwissenderweise bei meiner Schwester schon gelesen und den Namen des Autors vergessen. :hide:

    Der Internet Typ war wirklich der Hammer, an den erinnere ich mich noch serh gut! Ähnlichkeiten mit lebenden...... :stumm:

    Das ende fand ic hübrigens auc htotal enttäuschend. :wut2:

    Was den Humboldt/ Gauss angeht: mine Bruder ,der über Galilei und Kepler, wenn auch wohl ganz anders, geschrieben hat, ist damit neulich in der Presse mehrfach verglichen worden- nun weiss ich auch endlich den Zusammenhang!

    Wenn ich Capriccio und euch nciht hätte würde ich hier im Exil wirklich noch verdummen! :kiss:



    Bonne nuit

    F.Q.
    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
  • RE: Fidelio

    Alviano schrieb:

    Erzherzog schrieb:


    wer kennt den Stuttgarter Fidelio von Kusej und kann mir etwas näheres dazu sagen ?


    Lieber Erzherzog,

    was möchtest Du denn wissen?

    :wink:
    Diese Inszenierung habe ich gesehen - ist allerdings Jahre her. Ich schließe mich Alvianos Frage an und bin gern bereit, Näheres beizusteuern, muß dann nur meine "Erinnerungsmaschine" in Gang setzen. Die Themenfrage "Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?" läßt sich hier vermutlich gut darstellen.
    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann
  • Martin Kušej inszeniert Fidelio

    Des Erzherzogs Frage hat mich veranlaßt, etwas zu googeln; ich habe zwei kontroverse Rezensionen der damaligen Fidelio-Inszenierung Martin Kušejs gefunden, die ich mir als Anregung zur Diskussion gut vorstellen könnte:

    Hier wurde gelobt (Beethovens Utopie nur in der Musik möglich, schlüssige und stimmige Regie): "http://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20012002/ST-fidelio.html"

    Hier wurde getadelt (Beethovens Utopie nicht ernstgenommen, Regie an die Wand gefahren): "http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1998/0317/none/0005/index.html"

    Wenn man sich mit Thesen wie den hier enthaltenen auseinandersetzt, könnte sich daraus - in Konfrontation mit dem Werk, hier dem Fidelio - eine fruchtbare Diskussion auch über die Themenfrage entwickeln, die über den Austausch allgemeiner Positionen hinausgeht. Letzteres finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich öd.
    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann
  • Stuttgarter "Fidelio"

    Lieber Gurnemanz,

    das Wetter ist herrlich - ich möchte noch ein wenig im Garten sitzen, deshalb habe ich die von Dir eingestellten Kritiken noch nicht gelesen. Aber: ich habe heute Mittag das Programmheft der Stuttgarter Aufführung des Beethovenschen "Fidelios" hervorgeholt - vor fast genau sechs Jahren, am 15.06.2003, war ich in der Aufführung...

    Ohne Erzherzog vorgreifen zu wollen - er würde gerne etwas über die Kerkerszene erfahren. Du erinnerst Dich? Da sah man diesen engen Raum mit Schrank und Stehlampe, ein kleinbürgerliches Ehegefängnis mit einem motorisch gestörten Florestan.

    Gruss gen Süden

    :wink:
    Der Kunst ihre Freiheit
  • Vielen Dank für die Kritiken, bin gespannt auf Eure Meinungen.
    Das könnten mal spannende Diskussionen werden.

    Werde mir jetzt mal die Kritiken und die Aufführung rein ziehen und melde mich dann wieder.
    Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
    In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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    Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
  • RE: Stuttgarter "Fidelio"

    Alviano schrieb:

    Ohne Erzherzog vorgreifen zu wollen - er würde gerne etwas über die Kerkerszene erfahren. Du erinnerst Dich? Da sah man diesen engen Raum mit Schrank und Stehlampe, ein kleinbürgerliches Ehegefängnis mit einem motorisch gestörten Florestan.
    Ja, genau! Gerade das ist die Szene, an die ich mich noch heute noch am deutlichsten erinnere: für mich ein glänzendes und überzeugendes Beispiel dafür, wie die Situation "Im-dunklen-Kerker-Schmachten" kreativ auf eine psychische Disposition übertragen werden kann. Florestan vollführt in manischer Wiederholung die immergleichen Bewegungen, wie eine im Käfig gefangene Raubkatze. Für mich ist es auch ein schönes und Beispiel für die Themenfrage: Kušej ist insofern nicht "werkgetreu", als im Libretto Florestan im dunklen Verlies angekettet schmachtet, andererseits ist er "werkgetreu", als er die Lage des in verrzweifelten Gefangenen absolut ernstnimmt, indem er sie psychologisch ausdeutet.

    Für sich genommen, ein genialer Regie-Einfall. Allerdings ist meine Erinnerung an die ganze Inszenierung im Moment zu fragmentarisch, als daß ich die Einbettung dieser Szene näher ausdeuten könnte. Damals - das weiß ich noch - empfand ich die Inszenierung als mehr oder weniger uneinhaltlich, der Sinn des Ganzen hat sich mir nicht so erschlossen wie dem Rezensenten vom OMM (s. o.).

    So weit in Kürze. Demnächst ggf. mehr (auch am Neckar lacht heute die Sonne).
    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann
  • FairyQueen schrieb:

    Ich finde es viel peinlicher für Kehlmann, dass sein Artikel ausser persönlich biographischer Betroffenheit bzw Parteilichkeit und den angeblichen Reaktionen ausländischer Theaterbesucher keinen Inhalt vermittelt.

    Für einen Schriftsteller und Intellektuellen ist das für mein Empfinden ein bissel wenig......

    Ich bin keine Anhängerin schlechten Regietheaters und keine Verächterin guten tradiotionellen Theaters und von daher relativ neutral in der Sache, aber wenn nciht mehr argumentiert,sondern nur noch befindlicht wird, darf man sich nicht wundern, wenn der Applaus in seiner Inhaltsleere genauso evident ist wie das, wofür da applaudiert wird.

    Dass das Salzburger Premierenpublikum nciht die Gemeinschaft der opernliebhaber spiegelt, will ich doch SEHR hoffen...... :o:
    Liebe Fairy,
    davon kannst du ausgehen!! Das sage ich dir als langjährige Besucherin der Salzburger Festspiele (Von 1975 bis 1989), denn was ich dort diesbezüglich alles erlebt habe, würde Bände füllen. Viele Künstler sahen das übrigens ähnlich......
    Von Daniel Kehlmanns Rede war ich sehr, sehr enttäuscht, weil ich seine Romane wirklich mag und ich mir gerade von ihm etwas ganz anderes erwartet und erhofft hatte. :shake:
    lg Severina
    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
  • Hier meine 5 Cents zum Thema.
    Also, was darf ein Regisseur? Zunächst: alles. Von mir aus sogar langweilen, denn ich möchte nicht in einer (Opern)welt leben, in der irgendjemand irgendeinem Regisseur verbietet irgendetwas zu tun was der für richtig hält.
    Eine andere Frage ist allerdings, was davon möchte ich sehen, oder eben auch nicht? Nicht mehr sehen möchte ich Aufführungen, in denen Sänger gezwungen sind, Posen einzunehmen bei denen selbst ich mit meinem bisschen Laienwissen weiß, daß sie nicht für gutes, freies Singen geeignet sein können. Ich denke da mit Grausen an Achim Freyers „Eugen Onegin“ in Berlin, oder an den Freischütz der von einigen Wochen im Fernsehen lief, und den ich nach dem ersten Akt ausgeschaltet habe. Nicht mehr sehen möchte ich die guten alten Holzhämmer als da wären:
    Scarpia in SS-Kluft
    Die eine Hälfte des Nabucco-Personals im KZ-Anzug, die andere Hälfte in, na was schon, SS-Kluft
    Violetta als Morphinistin im Marilyn Monroe Look
    Butterfly mit blonder Perücke und einem Kühlschrank voller Miller-Beer. (Es ist ja gerade das reizvolle für Pinkerton, daß sie genauso eben nicht ist. Sie ist für ihn ein exotisches Porzellanpüppchen dessen Kultur er nicht mal in Ansätzen versteht, deshalb darf es hier m.E. durchaus etwas klischeehaft zugehen)

    Nicht mehr sehen möchte ich Inszenierungen, in denen der Regisseur den Sängern verbietet miteinander in Dialog zu treten. Alles richtet den Blick auf einen Punkt irgendwo im Universum (oder auf den Dirigenten), und nicht mal wenn man einander umbringt oder ewige Liebe schwört sieht man sich an. Jaja, ich weiß, wofür das steht. Die meisten Operntragödien kommen tatsächlich nur zustande, weil die Leute nicht miteinander reden, kein Vertrauen zueinander haben etc. Aber sowas kann man auch subtiler darstellen.
    Nicht mehr erleben möchte ich extreme Zeitsprünge da, wo sie nicht angebracht sind. Man kann Bohème oder Traviata durchaus in der Gegenwart spielen lassen, zu allen Zeiten gehen und gingen Menschen an Krankheiten und Konventionen zugrunde, mit dem „Figaro“ sieht das schon anders aus. Es reicht nicht, ihm einen Laptop in die Hand zu drücken, Almaviva zum Boss eines Großkonzerns und Susanna zur Putzfrau seiner Gattin zu machen um den Stoff in die Gegenwart zu übertragen, dazu hat sich gesellschaftlich dann doch zuviel verändert.
    Ebenfalls auf dem Index stehen bei mir Inszenierungen in denen es aus irgendwelchen Gründen plötzlich zwei Hoffmänner, Taminos, Don Giovannis etc. gibt. Einen der singt, und einen der ich weiß nicht was auf der Bühne treibt. Und das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht, sowas habe ich in Köln vor Jahren tatsächlich mal gesehen (in „Hoffmanns Erzählungen“)

    Ehe ich mir so etwas ansehe, ziehe ich dann doch lieber eine leicht angestaubte Version vor. Im übrigen denke ich aber, daß man sowohl im modernen als auch im historischen Kostüm fesselnde Inszenierungen auf die Bühne bringen kann. Ein Bespiel dafür ist für mich Willie Deckers „Don Carlos“ aus Amsterdam (2004 in historischem Kostüm). Im Autodafé-Bild bewegt sich eine aufgebrachte Menschenmenge, ermuntert von Posa, und angeführt von Carlos, auf den Klerus zu, Carlos entwindet dem Großinquisitor das Kreuz, und stellt es mitten unter den geknechteten, geschundenen Menschen wieder auf. Ich habe selten eine so bewegende Aussage mit so schlichten Mitteln auf der Bühne erlebt.
    Ein anderes Beispiel: die so heiß diskutierte Salzburger Traviata (ebenfalls von Willie Decker): das normalerweise eher belanglose Zigeuner- und Stierkampfspektakel zu Beginn des dritten Bildes nutzt er, um ein ätzendes Portrait der Gesellschaft zu zeichnen in der Violetta den Großteil ihres Lebens verbracht hat. Ebenso definiert er die Vater-Sohn Beziehung zwischen Germont und Alfredo völlig neu, aber sehr schlüssig.
    Wenn einem Regisseur jedoch nichts wirklich brauchbares einfällt, um ein Stück von einer anderen Seite zu beleuchten, was ist dann so schlimm daran, es einfach in der Zeit spielen zu lassen in der es laut Textbuch nun mal spielt, und sich darauf zu beschränken, aus seinen Sängern halbwegs brauchbare Darsteller zu machen und ihnen ihren Job im Übrigen nicht unnötig zu erschweren?
    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...
  • 1
    (...) mit dem „Figaro“ sieht das schon anders aus. Es reicht nicht, ihm einen Laptop in die Hand zu drücken, Almaviva zum Boss eines Großkonzerns und Susanna zur Putzfrau seiner Gattin zu machen um den Stoff in die Gegenwart zu übertragen, dazu hat sich gesellschaftlich dann doch zuviel verändert.

    Ich fürchte, dass diese Gesellschaftsverhältnisse leider wieder in Mode kommen. Hartz IV, "working poor", eine immer weiter schrumpfende Mittelschicht, eine Oberschicht, welche sich zunehmend von der übrigen Gesellschaft in "gated communities" absondert und ihre unterbezahlten Angestellten wie Domestiken oder gar Sklaven behandelt (siehe Dubai). Die Refeudalisierung und Entdemokratisierung der Gesellschaft ist weltweit leider voll im Gange...

    :wink:

    GiselherHH
    "Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

    Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.
  • Nun war die Rede von Kehlmann aber kein theaterwissenschaftlicher Vortrag, sondern eine Eröffnungsrede, wobei sich der Vortragende die Freiheit der Meinung und Polemik gegönnt hat.

    Und das ist gut so.

    Im übrigen hat er genau benannt, worum es ihm geht, wenn er sagt:

    "Ich bin also, ich leugne es nicht, voreingenommen, aber andere sind es nicht. Spricht man mit Russen, mit Polen, mit Engländern oder Skandinaviern, die deutschsprachige Lande besuchen und hier ins Theater gehen, so sind sie oft ziemlich verwirrt. Was das denn solle, fragen sie, was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghettiessen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert, wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei? Ob das denn staatlich vorgeschrieben sei?"

    Daraus lese ich, daß es hier weniger um intelligente Verfremdungen oder Aktualisierungen "klassischer" Theaterstücke geht. Meines Erachtens werden hier vielmehr diejenigen Inszenierungen angeprangert, die bemüht und ohne Not mit u.U. mittlerweile veralteter Technik meinen spielen zu müssen (ich war neulich erst in einr "Fildelio" Auführung, wo ständig irgendwelche Schlagworte in überdimensionierter Schreibmaschinenschrift an die Kulissen geworfen wurden...ich fands nur störend und irgendwie antiquiert); die ferner grundsätzlich und konsequent das Handwerkszeug der Bühne, nämlich gutes Sprechen und differenziertes Bewegen, vermeiden, so daß man meint, einer Laienspieltruppenaufführung beizuwohnen, und schließlich lese ich aus Kehlmanns Worten die Kritik an jenen Regisseuren heraus, die ihre Schauspieler entblößen und erniedrigen, indem sie sie nackt und beschmiert vorführen.

    Der Kern der Kehlmannschen Polemik liegt freilich darin, daß jenes "Aktionstheater" mittlerweile schon so veraltet ist, daß es allenfalls das gereifte Publikum eines bestimmten Milieus zu erreichen vermag. Und darin liegt vielleicht auch der große Irrtum jenes Aktionstheaters, das nicht selten mit dem Anspruch daherkommt, eine "gesellschaftliche Grundsatz-Diskussion" anzustoßen....diese "Macht" hat es heute definitiv nicht (mehr).

    Momus
  • Momus schrieb:

    ... und schließlich lese ich aus Kehlmanns Worten die Kritik an jenen Regisseuren heraus, die ihre Schauspieler entblößen und erniedrigen, indem sie sie nackt und beschmiert vorführen.



    Lieber Momus,

    Der Vorwurf öffentlicher Entblößung und Erniedrigung wiegt in meinen Augen schwer und ist nur stichhaltig, wenn die Regieanweisungen von den Sängern gegen Ihren eigenen Willen umgesetzt werden.
    Wie kannst Du beurteilen, wo eine Zusammenarbeit aus künstlerischer Überzeugung und wo als Nötigung erfolgt ?

    :wink: aus Bärlin
    Sascha

    "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
    "
    , David Hurwitz
  • Im Film sind Nacktheit und blutige Gewalt gängiger Mainstream. Im Theater will man das aber nicht haben ... da spricht man gleich von "Aktualisierung". Als ob es vor unserer Zeit weder Sex noch Gewalt gegeben hätte...

    Ist eines der gängigen Hollywood-Starlets in einem Film nackt zu sehen, so ist das keine Erwähnung wert. Wenn gleiches auf der Bühne passiert, so geht das große Getuschel los. Über Filmblut regt sich niemand auf, über Bühnenblut schon...

    Sissi-Filme werden gemeinhin als biederer Kitsch abgetan. Aber auf der Bühne will man "historische" Stücke genau in diesem Stil inszeniert sehen...

    Am besten versucht man gar nicht, das zu verstehen...

    Falstaff