Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

    • bustopher schrieb:

      putto schrieb:

      bustopher schrieb:

      Es gab tatsächlich mal eine Theatertheorie, die davon lebte, daß die Illusion möglichst perfekt war, das Geschehen auf der Bühne also so "naturgetreu" wie möglich stattzufinden hatte - wg. Katharsis. Also: wenn die Handlung im alten Ägypten spielte, dann war altes Ägypten auf der Bühne und nicht Kolonialhotel der 30er.
      Den Satz finde ich sehr witzig. "altes Ägypten = altes Ägypten" ist also "möglichst perfekte Illusion". Das ist eine so radikal verdrehte Formulierung, dass man sofort sieht, dass alle Begrifflichkeit gewaltsam verbogen wird im Dienste des Regietheater-Argumentationsmusters. Da kann man doch nicht mehr ernsthaft glauben, dem Gegenüber in der Argumentation überlegen zu sein? Das ist zwar nicht dumm aber doch naiv.
      Wie würdest denn Du die entsprechende Ästhetik beschreiben wollen?
      Bennenen's wir doch mal konkret: Aida. Zefirelli wäre durchaus im Sinne von Lessing. Ganz ohne Wertung. Kolonialhotel gab's dazu mal in Ulm.

      (und vielleicht hatte ich gar nicht die Absicht eine verbissen ernsthafte Diskussion darüber zu führen. S. Letzter Satz in Posting 2133. Und Ja: ich mag keine Fundamentalisten oder andere Leute, die Dinge nur von einer Seite aus betrachten)
      Ich würde doch sagen, dass es mehrere Ästhetiken gegeben hat, die gemeinsam haben, den Ort und die Zeit nicht zu verlegen. Ein Zeffirelli-Illusionismus ist eine davon, aber eine z.B. vereinfachende Version des Orts oder eine relativ unrealistisch stilisierende Version(*) wären auch möglich. "möglichst perfekte Illusion" bedeutet viel mehr als "unveränderter Handlungsort". Ich sehe schon große Unterschiede zwischen Zeffirelli und anderen "werktreuen" Inszenierungen.

      (*) Bsp. Butterfly in Wien, ca. 50 Jahre alt, die Landschaft nicht illusionistisch sondern wie eine japanische Tuschezeichnung realisiert
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Korrekt, ja. Aber was bringt uns das an neuer Erkenntnis? Wie Illusion zustandekommt, und was es dort für Randbereiche noch gibt, war doch nicht das Thema, sondern Illusion vs. Verfremdung (oder auch Bruch der Illusion).
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Amfortas09 schrieb:

      bustopher schrieb:

      debile Könige oder Herrscher
      [/i]
      unter der Voraussetzung dass debile Könige etwa dem Vollhorst entsprechen, dann leider bloß im Lohengrin (Nelsons, Neuenfels), Rheingold (Bosic, Kosky).. ich halte King Marke ebenso für einen ziemlichen Trottel .. Trottel-Herrscher/Könige sind bei Wagner sowieso nicht ungewöhlich .. gilt auch für Alberich im Rheingold...

      bustopher schrieb:

      nackte Darsteller
      im Moses und Aron (Boder, Decker in Bochum, TV-Mitschnitt).. entspricht , wenn ich momentan noch richtig auf Schirm habe, sogar Schönbergs Anweisungen, muss ich da aber nochmal genau nachchecken...
      Wozzeck (Lü, Bieito) in der Verwandlungsmucke im 3.Akt vor der letzten Szene. Fand ich den einzigen etwas schwächeren Moment in der super-fetzigen Premiere, weil mir diese nackte Komparsentruppe viel zu pathetisch, quasi "inhaltsästhetisch" rüberkam...
      ach ja, irgendwo hab ich mal vor Jahrhunderten gelesen, dass Wagner eine nackte Kundry im 2. Akt vorschwebte (bei Gutman ?) ....
      z.B. im Wozzeck 3. Akt (Marie wird von Wozzeck geschlitzt) (Lü, Bieito)
      Wozzeck (Lü, Bieito) in der Kneipe.

      bustopher schrieb:

      Man könnte die diversen Morde in diversen Opern für schwache Gemüter natürlich auch hinter der Bühne begehen.
      könnte man machen.
      Wollen das überhaupt alle, die sich Oper live reinziehn ?
      Und wie lässt sich bei Salome der Verzicht auf abgehackten Kopf, an dem sie sich sehr lange aufgeilt, fabrizieren ? Und wie könnte Dr. Schöns Auschecken durch Knarre sowie Alwas gewaltsamer Tod, Schlitzerei Lulus und Geschwitz im 3. Akt hinter der Bühne funzen ? ...
      bei Sperrmüllsofas muss ich passen, weil ich Unterschied zu "Nichtspermüllsofas" gar nicht checken würde...
      Haja, ich glaub' es geht nicht darum, wo bereits Librettist und oder Komponist den Herrscher (oder wen auch immer) zum Trottel machen, sondern daß der Regisseur das tut. Oder vielleicht doch? Die Urheber hätten vielleicht gerne einen Trottel gehabt (Wieso fällt mir da jetzt gerade Prinz Tamino ein?), aber das Publikum (nee, nicht das Publikum, ein Grüppchen daraus, das oft schon erst gar nicht hingeht - einschlägige Hinweise dazu in anderen Foren, wegen der schlimmen Verunstaltungen, das mithin also gar kein Publikum ist) nimmt's dem Regisseur krumm, wenn er tatsächlich einen Trottel zeigt und keinen Helden?

      Ansonsten: Daß es Inszenierungen gibt (Wozzek/Bieito) wo die inkriminierten Dinge vorkommen, steht ja ausser Frage. Das Problem ist doch eine undifferenzierte Betrachtungsweise, die sich nicht nur über technischen Details erregt (weil zu realistisch etc.), ungeachtet, ob die schlüssig ins Konzept passen oder nicht, sondern das pars pro toto auch noch unzulässig auf alle Inszenierungen verallgemeinert. Und die Frage, die anschließend gestellt wird, ist die, ob der steuerfinanzierte Regisseur das darf, mit der gleich mitgelieferten Antwort, daß er das selbstverständlich NICHT darf, weil: er bekommt ja Steuermittel, also darf jeder mitreden und ich bin dagegen...

      Ja: Darf der das? Lassen wir mal das abgegriffene "die Kunst darf alles" beiseite. Nehmen wir nur den schnöden Mammon, es geht ja schließlich um Steuern. Nehmen wir zum Exempel eine Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper. Was bekommt so ein Regisseur dort für eine "umstrittene" Inszenierung? Keine Ahnung. Eine Million? Die meisten vermutlich nicht, aber nehmen wir das mal als Hausnummer. Macht bei ca. 12,5 Mio Bayern 8 Cent pro Nase. Dafür kann man keine großen Ansprüche stellen. Nichtbayern werden nicht zu Kasse gebeten, die bekommen's staatlich umsonst, dürfen nach der obigen Logik also auch nicht mitreden. Wenn sich jetzt 5 bayerische RT-Gegner zusammenschließen, bekommen sie dafür noch nicht mal eine Brezn beim Discounter. Und sogar wenn man es nur auf die Besucher der Münchner Oper (genauer: auf die verkaufte Karten) umlegt (da steht es mir es ja eigentlich frei, hinzugehen oder nicht...), sind's immer noch weniger als 50 Cent. Wenn sich jetzt unsere 5 RT-Gegner zusammentun, können sie sich dafür beim Vinzenz Murr in der Theatinerstraße wenigstens zusammen eine Leberkässemmel leisten und beim opulenten gemeinsamen Mahl gemeinsam die Inszenierung ablästern. Zum Trinken gib's allerdings nix, da reicht das Geld ned...

      Ich glaub', einschlägiges Ich-darf-als-Steuerzahler-mitreden hat irgendwie keine substanzielle finanzielle Basis...
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • bustopher schrieb:

      Ich glaub', einschlägiges Ich-darf-als-Steuerzahler-mitreden hat irgendwie keine substanzielle finanzielle Basis...
      ob diese Art Rechnung so toll ist?
      da gibts immerhin auch andere Baustellen (metaphorische/buchstäbliche), wo der Steuerzahler gern mitreden täte, auch wenns umgelegt nicht so viel ausmacht...
      Und: Unterschied Mitreden/Mitentscheiden nicht vergessen.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Der Text von Klonovsky ist dumm. Das ist eine vollkommen wertfreie Feststellung.

      Meine subjektive Bewertung:
      Es ist gut, dass die Gegner von werktreuen (d.h. modernen) Inszenierungen keine besseren Argumente haben. Das Musiktheater hat aus dieser Ecke keine Gefahr zu befürchten.


      Thomas
    • bustopher schrieb:

      Haja, ich glaub' es geht nicht darum, wo bereits Librettist und oder Komponist den Herrscher (oder wen auch immer) zum Trottel machen, sondern daß der Regisseur das tut. Oder vielleicht doch? Die Urheber hätten vielleicht gerne einen Trottel gehabt (Wieso fällt mir da jetzt gerade Prinz Tamino ein?), aber das Publikum (nee, nicht das Publikum, ein Grüppchen daraus, das oft schon erst gar nicht hingeht - einschlägige Hinweise dazu in anderen Foren, wegen der schlimmen Verunstaltungen, das mithin also gar kein Publikum ist) nimmt's dem Regisseur krumm, wenn er tatsächlich einen Trottel zeigt und keinen Helden?
      Ein verbreitetes Klischee ist m.E. die Vorstellung von Wotan (oder auch König Heinrich, Marke) als würdevolle, tragische und weise Herrscher. Aber das gibt der Inhalt nicht her, wenn man die Situationen/Handlungsweisen/Illusionen/Mentalität dieser Herrscher sich gründlich reinzieht. Manch wackerer + wohlinformierter Opernfreund (z.B. in einem großem + bedeutendem Forum) würde jedoch eine szenische Umsetzung als „Verunstaltung“ oder „Verfälschung kranker Regiesseure “ bezeichnen, wenn z.B. König Heinrich als Vollpfosten gezeigt wird......

      bustopher schrieb:

      Ansonsten: Daß es Inszenierungen gibt (Wozzek/Bieito) wo die inkriminierten Dinge vorkommen, steht ja ausser Frage. Das Problem ist doch eine undifferenzierte Betrachtungsweise, die sich nicht nur über technischen Details erregt (weil zu realistisch etc.), ungeachtet, ob die schlüssig ins Konzept passen oder nicht, sondern das pars pro toto auch noch unzulässig auf alle Inszenierungen verallgemeinert. Und die Frage, die anschließend gestellt wird, ist die, ob der steuerfinanzierte Regisseur das darf, mit der gleich mitgelieferten Antwort, daß er das selbstverständlich NICHT darf, weil: er bekommt ja Steuermittel, also darf jeder mitreden und ich bin dagegen...
      Zur Steuerfinanzierung bzw. Subventionierung eine Facebook-Glosse von Michael Klosnovsky, über die kontrovers debattiert werden könnte:
      .. Es wäre weit besser, die Werke der Klassiker würden überhaupt nicht mehr gespielt, als täglich dem Konformismus gemütsverrotteter sogenannter Regisseure ausgeliefert, denen die Beschmutzung jeder Schönheit und die Denunzierung jeder edlen Regung zur zweiten Natur geworden ist ....
      de-de.facebook.com/permalink.p…669305&id=510344335671989

      und noch ein etwas älteres rt-kritisches Interview mit dem Wagner-Experten Stefan Mickisch (auch speziell zu den Wagnerschen MS):
      focus.de/kultur/kunst/kultur-s…n-zu-sein_aid_305495.html
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      und noch ein etwas älteres rt-kritisches Interview mit dem Wagner-Experten Stefan Mickisch (auch speziell zu den Wagnerschen MS):
      haja: das alte Problem, daß eine MÖGLICHE Interpretation als NICHT ZULÄSSIG etikettiert wird. NUR (ebenfalls alte Frage): Wer legt in der Kunst fest, was zulässig ist, und was nicht?

      (gehört vielleicht eher in den MS-Faden...)
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Aida - Salzburger Festspiele

      Stimmt schon, nach knapp einer Stunde Fernsehübertragung soll und kann man (zumindest ich) kein endgültiges Urteil über die neue "Aida" der Salzburger Festspiele abgeben. Aber bei dem, was ich bisher gesehen - und gehört habe - frage ich mich einmal mehr, worüber manche Menschen schon vor Wochen im Vorfeld den Stab gebrochen haben. Ich bin zwar froh, dass auf der Bühne kein disneylandartiges Pseudoägypten steht, aber was ich sehe, ist - jedenfalls für mich - schlicht und einfach langweilig. Und auch die nicht nur medial hochgelobte Frau Netrebko reißt mich auch nicht vom Sessel (aber ich gebe zu, mit den gehypten Superstars habe ich emotionale Probleme).
    • brunello schrieb:

      Ich bin zwar froh, dass auf der Bühne kein disneylandartiges Pseudoägypten steht, aber was ich sehe, ist - jedenfalls für mich - schlicht und einfach langweilig.

      Mauerblümchen schrieb:

      Nun ja, gegeben wurde Verdis Oratorium "Aida" in vier Akten, ausnahmsweise in halbszenischer Aufführung. Schon ok.

      ...ist nicht ok.... wo bleiben nämlich dann als Feedback anderswo die unterhaltsamen Geifer-Threads übers "böse" RT ?(
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Man könnte die Sache leicht nehmen und sagen, dass da eben genau das herausgekommen ist, was herauskommen muss, wenn jemand, der oder die keine Ahnung von Opernregie hat, eine solche Oper an einem solchen Ort inszeniert. Das allein wäre schon eine interessante und untersuchenswürdige Tatsache. Die Frage ist: Wie kommt es eigentlich, dass sich bei einer ausreichenden Portion Dilettantismus anscheinend automatisch eine solche theatralische Gestalt ergibt, wie sie diese »Aida« zeigt, und wie man sie bei entsprechenden Gelegenheiten schon sehr oft gesehen hat. (Castelluccis Inszenierungen sehen ja nur etwas schicker aus, sind aber im Grund nicht anders.)

      Unabhängig davon ist aber in diesem Falle der Einsatz angeblich aktueller Bezüge besonders ärgerlich und wegen des kaum verhohlenen Zynismus geradezu widerwärtig. Diese Fotografin, die sich als Regisseurin versuchen zu sollen glaubte, verwendet ein paar wenig aussagekräftige Videos, in denen Flüchtlinge pathetisch-bedeutungsvoll in den Zuschauerraum blicken. Der Zweck dieser Videos ist klar: Durch die Herstellung des Bezugs zu einem brennenden Problem der Gegenwart soll die geistige Mickrigkeit und Leere der Inszenierung (die wohl die geistige Mickrigkeit und Leere der als Regisseurin dilettierenden Fotografin ist) ornamentiert werden. Indem diese Videos ganz beziehungslos in das Geschehen hingeingeklebt werden, macht die Laien-Regisseurin (wohl ohne es zu merken) deutlich, dass sie das echte Leid, an dem sie sich da schmarotzend bedient, im Grunde überhaupt nicht interessiert. Dazu passt die schicke Ästhetik der Filmchen ebenso, wie die schicken Klamotten der Flüchtlinge, ihre wunderschön glattgeschminkten und von jeder Spur erlittener Schrecken gereinigten Gesichter dazu passen. Was immer sich die Frau bei diesen – zu allem Überfluss auch noch unfreiwillig komischen – Videoclips gedacht haben mag, sie sind in der Art, wie sie das reale Leiden ästhetisieren und damit unsichtbar machen, zutiefst inhuman. Und das ist das eigentliche Problem. (Dagegen ist die Anspielung aus Srebrenica, die Vera Nemirova in ihrer unsäglichen »Walküre«-Inszenierung unterbringen zu sollen gemeint hat, fast harmlos. Wenigstens hat sie nicht wirkliche Leute aus Srebrenica oder etwa die Söhne von dort Ermordeten auf die Bühne gebracht. Was da zu sehen war, war schlimm genug, aber es geht, wie man nun weiß, noch erheblich schlimmer.)

      Übrigens bleibt bei all diesem die Frage, warum sich eigentlich so allgemein die Überzeugung durchgesetzt hat, dass interessante Impulse für die Opernregie vor allem von Leuten zu erwarten sind, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Auch Maestro Muti hat ja erzählt, dass diese Fotografin genau die Richtige sei, um eine ganz neue Sicht auf dieses Werk zu ermöglichen. Das ist nun nicht der Fall, wie man sehen kann. Aber wie kann man überhaupt auf die Idee kommen? Das ist mir nach wie vor schleierhaft.