Norddeutsche Orgelmusik 1500-1750

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    • Norddeutsche Orgelmusik 1500-1750

      [Die folgenden 4 Beiträge sind Kopien aus "Eben verarmt". In Absprache mit Mauerblümchen habe ich sie hierherkopiert, weil das (sicher komplexe) Thema eine eigene Diskussion verdient.
      :gurni: ]


      Jüngste Bestellungen:

      Samuel Scheidt: Tabulatora nova I (Franz Raml); MDG, 2 CD


      Samuel Scheidt: Tabulatora nova II (Franz Raml); MDG, 2 CD


      Heinrich Scheidemann: Orgelwerke (Leo van Doeselaar); MDG


      Dazu paßt dieses tolle Weihnachtsgeschenk:

      Klaus Beckmann: Die Norddeutsche Schule. Orgelmusik im protestantischen Norddeutschland zwischen 1517 und 1755. 2 Bände. Schott/Mainz 2005/2009


      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Klaus Beckmann: Die Norddeutsche Schule. Orgelmusik im protestantischen Norddeutschland zwischen 1517 und 1755. 2 Bände. Schott/Mainz 2005/2009

      Lieber Gurnemanz,

      herzlichen Glückwunsch!

      Ich hatte mir seinerzeit, als es Band II noch nicht gab, den ersten Band zugelegt und war nicht ganz glücklich. Ich war eher interessiert an einer Darstellung der Entwicklung der Orgelmusik im norddeutschen Raum; die Zeit vor Sweelinck; Sweelinck und sein Einfluss; die Entstehung der Choralfantasien und der freien Formen usw. usw. und sah mich eher mit einer Fülle von Gottesdienstordnungen u. dgl. konfrontiert - den zweiten Band werde ich mir dennoch zulegen, vielleicht kommt ja noch etwas.

      Die "Tabulatura nova" kann auch trocken wirken ...

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Lieber MB, inzwischen habe ich mich schon durch beide Bände etwas durchgelesen (hatte sie auch schon mal über Fernleihe hier).

      In Kürze nur so viel: Ich finde die Einbettung der Orgelmusik in den gottesdienstlichen Rahmen und damit in die Reformation durchaus interessant, weil die norddeutschen Orgelmeister des 16. Jahrhunderts sich erst allmählich davon emanzipieren (vielleicht ein zu starkes Wort). Geistesgeschichtliche Kontexte sind mir wichtig.

      Der 2. Band ist insofern spannender, als Beckmann hier viele Analysen von Werken des 17. Jahrhunderts liefert (da ist die Quellenlage auch deutlich besser, etwa bei Hieronymus Praetorius und Heinrich Scheidemann), und so etwas wie eine norddeutsche Orgellandschaft entwirft.

      Eine These, die seine Arbeit durchzieht, ist die, daß der Einfluß Sweelincks überschätzt und die norddeutschen Wurzeln unterschätzt würden. Um das seriös zu bewerten, müßte man sich aber auf detaillierte Stilanalysen einlassen, womit ich schnell überfordert wäre.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      es war wohl August Gottfried Ritter, der die Legende von Jan Pieterszoon Sweelinck als "Stammvater" der niederländisch-norddeutschen Orgelschule etablierte. In der Tat hatte Sweelinck ja auch viele wichtige Schüler, in der Tat ist es aber ein Verdienst Beckmanns, die Wichtigkeit Sweelincks zu relativieren und auch die anderen Wurzeln zu benennen, bspw. Hieronymus Praetorius.

      Auch waren Ritter die Einflüsse von französischer Seite auf Buxtehude (über Muffat? Weiß gerade nicht ...) wohl noch nicht bekannt.

      Jedenfalls ist die niederländisch-norddeutsche Orgelmusik ein sehr spannendes Feld. Hat man von einem Bach-Präludium die ersten 20, 30 Sekunden gehört, so weiß man schon ungefähr, wie es bis zum Ende weitergeht. Bei Buxtehude, Bruhns, Lübeck usw. ist das anders, überraschender.

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
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    • Ich werfe mal kurz ein paar Namen in die Debatte (die Orte bezeichnen die jeweils wichtigste Wirkungsstätte):

      Jacobus Schulte, genannt Praetorius (Hamburg, vermutl. 1520er-1586)
      Hieronymus Praetorius (Hamburg, Sohn des Jacobus Schulte, 1560-1629)
      Johann Steffens (Lüneburg, 1560-1616)
      Michael Praetorius (Braunschweig-Wolfenbüttel, 1571-1621)
      Jan Pieterszoon Sweelinck (Amsterdam, 1572-1621)
      Jakob Praetorius (Hamburg, Sohn des Hieronymus Pr., 1586-1651)
      Johann Praetorius (Hamburg, Sohn des Hieronymus Pr., 1595-1660)
      Heinrich Scheidemann (Hamburg, 1595/96-1663)
      Matthias Weckmann (Hamburg, 1617/18-1674)
      Johann Adam Reincken (Hamburg, 1643(?)-1722)
      Vincent Lübeck senior (Hamburg, 1654-1740)
      Vincent Lübeck junior (Hamburg, 1684-1755)
      Franz Tunder (Lübeck, 1614(?)-1667)
      Diet(e)rich Buxtehude (Lübeck, 1637(?)-1707)
      Samuel Scheidt (Halle, 1587-1654)
      Peter Morhard (Lüneburg, vermutl. 1630er-1685)
      Georg Böhm (Lüneburg, 1661-1733)
      Melchior Schildt (Hannover, vermutl. 1592-1667)
      Delphin Strunck (Braunschweig, vermutl. 1601-1694)
      Nikolaus Bruhns (Husum, 1665-1697)

      Neben den genannten Orten gab es noch wichtige Orgelkomponisten in Danzig, Rostock, Berlin, Kiel, Meldorf, Güstrow, Dargun, Celle sowie in Kopenhagen, Stockholm und Visby (Gotland), so daß der Name "Norddeutsche Schule" zumindest relativiert werden muß.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Beckmann begrenzt das Thema zeitlich durch die Eckdaten 1517 (95 Thesen Luthers als Beginn des Protestantismus) und 1755 (Tod Vincent Lübecks d. J.).

      Richtigerweise kommentiert er das so, dass wir auf einen Zeitraum von ca. 240 Jahren aus einem Abstand von ca. 260 Jahren schauen. Anders formuliert: Der Beginn der Epoche ist von Bachs Todesjahr ungefähr so weit weg wie wir von Bachs Todesjahr.

      Vier Themenfelder fallen mir ein, die unter "Norddeutscher Orgelmusik 1517-1755" diskutiert werden könnten:

      - Komponisten (Sweelinck und seine Schüler, Weckmann, Reincken, Tunder, Buxtehude, Böhm, Bruhns, die beiden Lübeck u. a. m. - Nicht J. S. Bach, obwohl der auch norddeutsch beeinflusst war und einiges komponiert hat, was stilistisch nach Norddeutschland gehört, etwa die Toccata E-Dur BWV 566)
      - Formen (die in der norddeutschen Orgelmusik auftretenden Formen unterscheiden sich durchaus von denen in Mittel- und Süddeutschland, selbst, wenn sie dem Namen nach gleich sein mögen)
      - Kompositionen
      - Orgeln (Instrumente von Hans Scherer d. Ä., Gottfried Fritzsche, Arp Schnitger u. a.)

      Das ganze dann im Kontext von

      - Zeitgeschichte (insbes. bzgl. Reformation und Gegenreformation, aber etwa auch bzgl. der Hanse; der relative Wohlstand der Region ermöglichte erst die großen Kirch- und Orgelbauten)
      - Theologie (insbes. der Liturgik)
      - allgemeiner Musikgeschichte

      Also ein weites Feld.

      Gruß
      MB

      :wink:
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    • Mauerblümchen schrieb:

      Also ein weites Feld.
      In der Tat. Danke für die Aufgliederung der verschiedenen Aspekte, lieber MB! Darauf komme ich gern wieder zurück.

      Ergänzen würde ich noch (in einem Forum wie diesem nicht verwunderlich ;+) :(

      - Welche Einspielungen können empfohlen werden, als Einstieg und zur Vertiefung?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Ergänzen würde ich noch (in einem Forum wie diesem nicht verwunderlich :(
      - Welche Einspielungen können empfohlen werden, als Einstieg und zur Vertiefung?

      ;+) In der Tat ... wie konnte ich das nur vergessen ...

      EIn Klassiker ist eine CD mit Helmut Walcha. Interpretatorisch sicher veraltet, aber es sind viele namhafte Komponisten des Stilkreises versammelt. Pachelbel gehört natürlich nicht dahin, und Sweelincks "Fantasia chromatica" war viellecht eher für das Cembalo gedacht.



      Sehr gut gefällt mir diese CD von Martin Sander, "Tanz und Toccata" überschrieben, die dem norddeutschen Stilkreis gewidmet ist. Scheidt, M. Praetorius, Buxtehude, Bruhns, Lübeck und Bach mit der typisch norddeutschen Toccata E-Dur BWV 566.



      Sehr verdienstvoll ist eine Reihe mit Martin Rost an der Stellwagen-Orgel in Stralsund. Ich habe die erste CD und bin begeistert. Gestern habe ich die dritte CD der Reihe bestellt. Rost berücksichtigt auch weniger bekannte Komponisten.



      Bernard Foccroulle macht momentan eine Menge Gesamtaufnahmen., Nachdem eine GA der Werke Buxtehudes vorgelegt hat, der man sofort Referenzstatus zuerkannte (ich habe sie noch nicht), hat er auch Böhm, Scheidemann, Tunder, Reincken u. a. aufgenommen.



      Sehr fleißig ist auch Friedhelm Flamme, was weniger bekannte Namen angeht, einfach bei jpc nach "Friedhelm Flamme suchen".



      Gruß
      MB

      :wink:
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    • Versuch eines Überblicks über Komponisten

      Für einen ersten Überblick über die Komponisten ist die vereinfachende Sichtweise des 19. Jhds. (insbes. August Gottfried Ritter, 1811-1885) gar nicht so schlecht. Um es gleich zu sagen: Ihr größter Nachteil liegt wohl darin, dass sie Jan Pieterszoon Sweelinck zum alleinigen Stammvater des gesamten Stilkreises verklärt. Das war er sicher nicht allein, ferner stand Sweelinck in Austausch mit Cabezon, Byrd, Frescobaldi und anderen. Anderseits ist seine Bedeutung immens, beispielsweise waren Anfang des 17. Jhds. die Organisten aller vier Hamburger Hauptkirchen seine Schüler gewesen. Insofern muss man die etwas simple Geschichtsschau des 19. Jhds. nicht gleich verdammen.

      Natürlich ist die Definition von „Generationen“ problematisch, für einen ersten Überblick mag sie gleichwohl hilfreich sein. Ich habe Lehrer-Schüler-Beziehungen und der Amtsnachfolge höheres Gewicht zuerkannt als den reinen Jahreszahlen.

      Erste Generation

      Jan Pieterszoon Sweelinck (1572-1621, Organist an der Oude Kerk in Amsterdam)
      Hieronymus Praetorius (1560-1629, Kantor in Erfurt, Organist an St. Jacobi zu Hamburg)

      Natürlich gab es auch vorher Organisten in diesem Stilkreis. So lernte Sweelinck das Orgelspiel bei seinem Vater Pieter Swybbertszoon, welcher es ebenfalls bei seinem Vater Swybbert gelernt hatte. Ebenso lernte Hieronymus Praetorius das Orgelspiel bei seinem Vater Jacob Praetorius d. Ä.

      Sweelinck-Schüler (zweite Generation)

      Peter Hasse d. Ä. (ca. 1585-1640, Marienkirche zu Lübeck; Urgroßvater von Johann Adolf Hasse, wichtiger Komponist der opera seria)
      Jacob Praetorius d. J. (1586-1651, Hauptkirche St. Petri zu Hamburg)
      Paul Siefert (1586–1666, Danzig, Königsberg, Warschau)
      Samuel Scheidt (1587-1654, Halle)
      Melchior Schildt (ca. 1592-1667, Marktkirche zu Hannover)
      Gottfried Scheidt (1593-1661, Organist am Altenburger Hof)
      Heinrich Scheidemann (ca. 1595-1663, Hauptkirche St. Katharinen zu Hamburg)
      Andreas Düben (1597-1662, Stockholm)

      Dritte Generation

      Franz Tunder (ca. 1614-1667, Nachfolger von Peter Hasse d. Ä. an der Marienkirche zu Lübeck)
      Matthias Weckmann (ca. 1616-1674, Schüler von Jakob Praetorius d. J., Dresden, Nyköbing, Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg)
      Johann Adam Reincken (ca. 1643-1722, wurde früher mit 1623-1722 angegeben, Schüler von Heinrich Scheidemann, Nachfolger von Scheidemann als Organist an der Hauptkirche St. Katharinen zu Hamburg)

      Vierte Generation

      Dieterich Buxtehude (1637-1707, Schwiegersohn und Nachfolger Tunders an der Marienkirche zu Lübeck)
      Andreas Kneller (1649-1724, Nachfolger von Melchior Schildt in Hannover)
      Vincent Lübeck II (1654-1740, Stade, Hauptkirche St. Nicolai zu Hamburg – Mitschüler von Kneller bei Förkelrath)

      Fünfte Generation

      Georg Böhm (1661-1733, Lüneburg)
      Nikolaus Bruhns (1665-1697, Schüler Buxtehudes, Kopenhagen, Husum)
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    • Von Friedhelm Flamme kann man einiges mehr nennen:

      Johann Praetorius


      Nikolaus Adam Strunck


      Hieronimus Praetorius


      Nicolaus Bruhns


      Vincent Lübeck


      Johann Adam Reincken


      Melchior Schildt


      Georg Böhm


      Franz Tunder


      Diese SACDs sind alle innerhalb der Reihe "Organ Works of the North German Baroque". Ich selber habe die von Johann Praetorius (ganz oben).


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Aus grauer Vorzeit habe ich noch diese CD:



      Harald Vogel intoniert auf Orgeln von Rysum, Uttum, Westerhusen, Norden (Ludgerikirche), Marienhafe und Weener - alles in Ostfriesland gelegen. Komponisten sind u.a. Buxtehude, Sweelinck, Scheidt und Böhm (und: Goudimel, Paumann, Schlick, Adam Ileborgh, Hofhaimer, Isaac, Hassler und Bach).

      Im Booklet werden ausführlich alle Orgeln vorgestellt und das Programm für die jeweiligen Orgeln erläutert, inklusive allen Registrierungen für die Stücke. Die Orgel von Rysum stammt aus dem Jahr 1457; deshalb erklingen da praktisch nur Werke des 15. Jahrhunderts (Paumann, Schlick, Ileborgh, Hofhaimer und Isaac). Auf derjenigen von Norden (1686-1694) wird nur Buxtehude gespielt. In Uttum (16. Jahrhundert) erklingt Goudimel, Sweelinck und Scheidt, in Westerhusen (1642/43) Hassler und Scheidt, in Marienhafe (1710-13) Böhm und Bach und in Weener (1710/1782) nur noch Bach.

      Zeit, die CD nochmals zu hören... :)


      Link:
      "http://de.wikipedia.org/wiki/Orgellandschaft_Ostfriesland"


      jd :wink:
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    • Überlieferung

      Die Überlieferung der Orgelwerke des norddeutschen Barock ist schlichtweg desolat. Von Jan Pieterszoon Sweelinck, Dieterich Buxtehude, Nikolaus Bruhns, Georg Böhm, Vincent Lübeck und vielen anderen Meistern ist nicht ein einziges Orgelwerk im Autograph oder in einem zeitgenössischen Druck überliefert. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Abschriften offensichtlicher Zusätze aus späterer Zeit mit anderen stilistischen Vorlieben enthalten. Wohl kennen alle Organisten die Choralbearbeitung über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ von Dieterich Buxtehude mit ihren Verzierungen nach französischer Art in Takt 74f, die man kaum als original bezeichnen möchte. Das, was überliefert ist, liegt zumeist in neuer deutscher Orgeltabulatur, einer Buchstabennotation mit graphischen Elementen, vor. Das bringt seine eigenen Mehrdeutigkeiten mit sich – beispielsweise sehen sich die Buchstaben c, e, und a in Handschriften recht ähnlich.

      Vermutlich wurde ohnehin viel improvisiert und bedurfte keiner Aufzeichnung, es sei denn zu Unterrichtszwecken oder um einen besonderen Einfall dauerhaft zu bewahren.

      Das Umfeld war ja auch nicht gerade überlieferungsfreudig. Zwar findet man in Norddeutschland allenthalben auch in eher kleinen Gemeinden Orgeln, deren Größe kaum zur bescheidenen Dorfkirche passen mag, aber trotz allen Reichtums durch die Hanse war die Gegend landwirtschaftlich geprägt. Archive oder Bibliotheken gab es nicht, da es an Höfen, Klöstern (Protestantismus) und Universitäten fehlte. (Gründung der Universität Hamburg: 1919; Lübeck: 1964/73; Bremen: 1971; Stockholm: 1878; Hannover: 1831; Ausnahmen sind Kiel 1665 und Kopenhagen 1479.) Diesbezüglich waren die Voraussetzungen in Mittel- und Süddeutschland ganz andere.
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    • Nachtragen könnte man vielleicht noch Christian Geist (1650-1711) bei den Komponisten sowie die Universität Uppsala mit ihrer Bibliothek sowie die Düben-Sammlung.

      Christian Geist: http: //de.wikipedia.org/wiki/Christian_Geist

      Universität Uppsala: http://de.wikipedia.org/wiki/Universit%C3%A4t_Uppsala
      Carolina Rediviva: http://de.wikipedia.org/wiki/Carolina_Rediviva
      Düben-Sammlung: http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCbensammlung
      Katalog zur Sammlung: http://www2.musik.uu.se/duben/Duben.php



      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Liebe Chris,

      vielen Dank! Leider ist die Düben-Sammlung gerade bzgl. Orgelmusik wenig ergiebig.

      Die Komponisten Bruhns, Kneller, Lübeck, Praetorius (Jakob d. Ä, Hieronymus, Jakob d. J) und Reincken kommen in der Sammlung überhaupt nicht vor; von Buxtehude, Hanff, Hasse, Schildt, Siefert, Strungk, Sweelinck, Tunder und Weckmann gibt es keine Orgelwerke in der Sammlung.

      Von Scheidemann gibt es allerdings ein Praeambulum in d bei Düben.

      Unschätzbar ist die Sammlung natürlich für Vokalmusik.

      Für norddeutsche Orgelmusik ist man indes auf andere Quellen angewiesen, für Buxtehude z. B. den Bach-Schülerkreis samt Umfeld, das Andreas-Bach-Buch, die Abschriften von J. G. Walther, ganz wichtig J. F. Agricola usw.

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
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    • Frühe Drucke

      Die desolate Lage der Überlieferung alter norddeutscher Orgelmusik wird besonders augenfällig, wenn man die frühesten Drucke aus anderen Regionen betrachtet.

      In Italien gab es die „Frottole intabulate da sonare organi libro primo“ von Andrea Antico (Lebensdaten unbekannt), gedruckt 1517. Von Marco Antonio Cavazzoni (ca. 1490 – ca. 1560) wurde im Jahr 1523 die Sammlung „Recerchari Motetti Canzoni Libro primo“ gedruckt. Ebenso gibt es Drucke von Werken Andrea Gabrielis (ca. 1515 – 1586), Claudio Merulo (1533-1604) und natürlich Girolamo Frescobaldi (1583-1643), dessen Druck der „Fiori musicali“ (1635) sogar in J. S. Bachs Bibliothek vorhanden war.

      In Frankreich erschienen 1531 zwei Drucke mit Werken von Pierre Attaignant (ca. 1492 – 1552). Von Jean Titelouze (1562/63-1633) erschienen 1623 die „Hymnes“ und 1626 unter dem Titel „Magnificat“ etliche Versetten im Druck. Ebenso sind Werke von Guillaume-Gabriel Nivers (ca. 1632-1714) und Nicolas de Grigny (ca. 1627-1070) u. v. a. m. von den Komponisten im Druck veröffentlicht worden.

      Unter den spanischen Organisten findet sich der mit neun Jahren erblindete Antonio de Cabezón (1510-1566), dessen Werke posthum im Jahre 1578 von seinem Sohn Hernando herausgegeben wurden. Die „Arte de tañer fantasía“ von Fray Tomás de Santa Maria (ca. 1515 – 1570) erschien 1565 im Druck.

      Im süddeutschen Umfeld gab es die ältesten Drucke überhaupt von Orgelmusik. Sebastian Virdungs Lehrwerk „Mvsica getuscht und außgezogen“ („http://de.wikipedia.org/wiki/Musica_getutscht_und_au%C3%9Fgezogen“), gedruckt 1511, enthält ein Orgelwerk. Die erste gedruckte Sammlung stammt von Arnold Schlick, der 1512 eine Sammlung von Orgelmusik unter dem Namen „Tabulaturen Etlicher lob gesang vnd lidlein vff die orgeln vnd lauten“ veröffentlichte. Noch im 16. Jhd. gab es Tabulaturdrucke in Straßburg, Leipzig und Lauingen (Schwaben).

      Drucke norddeutscher Orgelmusik gibt es erst im 17. Jhd., bezeichnenderweise nicht in den musikalischen Zentren dieser Region, nicht in Hamburg oder Lübeck. Der erste Druck, den man bei gutem Willen noch zum norddeutschen Umfeld zählen mag, entstand im Jahr 1609 im Rahmen der „Musae Sionae VII“ von Michael Praetorius, der beim Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel im Dienst stand. Darin findet man drei Choralfantasien und einen Variationenzyklus. In der „Hymnodia Sionia“, Wolfenbüttel 1611, veröffentlichte Praetorius sechs Orgelchoräle.

      Der Hallenser Komponist Samuel Scheidt ließ 1624 seine „Tabulatura nova“ drucken. Obwohl Scheidt nach Geburt und Leben zum mitteldeutschen Raum zu zählen ist, ist er unter den Sweelinck-Schülern vielleicht derjenige, der ihm stilistisch am nächsten steht und darum durchaus zum norddeutschen Stilkreis gehört. Auch hier ist es bezeichnend, dass dieser Druck in Halle entstand.
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Josquin Dufay schrieb:

      Diese SACDs sind alle innerhalb der Reihe "Organ Works of the North German Baroque". Ich selber habe die von Johann Praetorius (ganz oben).
      Mit der Veröffentlichung von Vol. 14 und 15 hat Friedhelm Flamme diese verdienstvolle Reihe jetzt nach mehr als zehnjähriger Arbeit abgeschlossen, sie umfasst insgesamt 22 CDs in 15 Volumes:



      Details zu Komponisten, Werken, Aufnahmedaten und -orten findet man auf der Website des Künstlers.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Als Ergänzung oder Einstieg für weniger enzyklopädisch veranlagte gibt es eine schöne Anthologie im Angebot für 4,99 bei jpc:



      Die oben gezeigte Walcha-CD ist eine Auswahl aus einem Set von 4? Archiv- LPs ("Orgelmeister vor Bach", etwa die Hälfte davon ist Buxtehude), die nur in einer der ganz dicken Archiv-Boxen ohne Doku auf CD erschienen sind, ansonsten nur diese eloquence und eine Buxtehude-Anthologie (Archiv).
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • ChKöhn schrieb:

      Mit der Veröffentlichung von Vol. 14 und 15 hat Friedhelm Flamme diese verdienstvolle Reihe jetzt nach mehr als zehnjähriger Arbeit abgeschlossen, sie umfasst insgesamt 22 CDs in 15 Volumes:
      Vielen Dank für den Hinweis, lieber Christian. Offenbar umfasst das Detmolder Lehrpersonal u.a. auch eine ganze Reihe von herausragenden Organistenpersönlichkeiten (Flamme, Nowak, Sander ...).
    • ChKöhn schrieb:

      Mit der Veröffentlichung von Vol. 14 und 15 hat Friedhelm Flamme diese verdienstvolle Reihe jetzt nach mehr als zehnjähriger Arbeit abgeschlossen
      Und was für eine Veröffentlichung! Allein die lexikalische Idee dahinter ist schon eine Empfehlung wert; aber dazu kommt noch die Ausführung, interpretatorisch wie auch klanglich. Inzwischen habe ich sechs Ausgaben, die ich alle so empfehlen kann; und die anderen werden auch noch folgen... :clap:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Kater Murr schrieb:

      Als Ergänzung oder Einstieg für weniger enzyklopädisch veranlagte gibt es eine schöne Anthologie im Angebot für 4,99 bei jpc:
      Zwar bin ich in dem Feld der norddeutschen Orgelmusik auch etwas enzyklopädisch veranlagt, den Kauf der an dieser Stelle erwähnten CD zähle ich allerdings zu meinen "Worst Buys" des vergangenen Jahres (der zum Glück nicht allzu teuer war ;) ).