Konzerterfahrungen in München

    • Walter Heggendorn schrieb:

      Das geht mir exakt genau so, lieber Bernd: Mein Vater besass eine 7- oder 8-faltige 78-er-Bibel mit der schelllackimprägnierten besagten Fünften von Tschaikovsky (mit Alceo Galliera oder mit Klemperer und irgend einem Londoner Orchester, wenn ich mich nicht täusche).
      Bei mir, lieber Walter, war's schon eine LP, aber eine ziemlich schwere aus der Monozeit: mit Hans Schmidt-Isserstedt und dem NWDR-Symphonieorchester von 1952 (heute bei Naxos als CD erhältlich)... ;)

      Ich meine sogar, schon auf meiner allerersten Klassik-LP ("Yehudi Menuhin erklärt die Instrumente des Orchesters") wäre der Anfang der Sinfonie als Beispiel für den unheimlichen Tonfall tiefer Klarinetten dabeigewesen.

      Soweit die Abteilung Nostalgie. :D


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • AUS DEM NICHTS, INS NICHTS

      Das Hagen Quartett im Prinzregententheater (München), 17.10.2016 (persönliche Konzerteindrücke)

      Das Prinzregententheater war diesmal fast bis auf den letzten Platz ausverkauft, schön für ein Streichquartettkonzert. Ich saß diesmal ziemlich weit hinten in der Mitte – und fand plötzlich das Prinzregententheater völlig unpassend für ein Streichquartettkonzert. Vorne eine Bühne, in der Mitte, irgendwie verloren wirkend, vier Stühle und die Notenpulte, davor das Publikum wie in einem steinernen antiken Theater, eine starre Masse, geeicht auf das Ritual des klassischen Konzerts, ein frontaler Massenblick auf die vier Maxln da vorne. Das strahlt eine sterile Kälte aus.

      Und dann nehmen die vier Platz und beginnen Haydn zu spielen, das Streichquartett C-Dur op. 76/3 Hob. III/77, das „Kaiserquartett“ – klar und rein, vollkommen aufeinander abgestimmt, sie verstehen sich blind, im Gesanglichen wie im Kontrastiven, aber es wirkt nichts routiniert, nichts eingespielt zur Selbstverständlichkeit, es kommt alles aus dem Nichts, wird unbeschreibliche Substanz und verschwindet wieder ins Nichts. Die seit einiger Zeit vom Quartett gespielten Stradivari Geigen entfalten einen eigenen Klangzauber. Und doch braucht es ein paar Sekunden, bis die Diskrepanz vom hier erwartbaren Bühnenevent zur Intimität eines Streichquartettkonzerts aufgehoben ist. Draußen haben sie Prospekte für Konzerte im Max-Joseph-Saal verteilt – wäre das nichts; wären halt zwei oder drei Termine statt dieses einen „großen“… Spätestens mit dem 2. Satz, den „Kaiser“-Variationen, ist eine ganz eigene Verklärung spürbar, zieht uns die Musik total in ihren Bann. Wie das Hagen Quartett dann im Menuetto den Spagat zwischen Deftigem und höfisch Stilisiertem hinkriegt ist grandios für sich. Und das Trio kommt wie aus einer anderen Welt, unglaublich.

      Nach Haydn folgen Anton Weberns Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 – eine Musik, die auch überwältigen kann, wie zu hören ist. Zwischen Überschwang (1. und 3. Satz) und nahezu mystischem Geheimnis (2., 4. und 5. Satz) erweisen sich die Mitglieder des Hagen Quartetts als souveräne Bergführer über alle Klippen. Sie erzeugen zumal in den Sätzen 2, 4 und 5 eine unglaubliche Innenspannung. Im Programmheft liest man, dass das Werk unter dem Eindruck des Todes der Mutter komponiert wurde, spätestens im 5. Satz wird das evident und schmerzlich spürbar. Eigentlich ist danach kein Applaus möglich. Man spürt es ganz kurze Augenblicke, ehe doch die Konvention siegt. Aber die scheu-intensive Applausstärke bringt sehr gut das allgemeine Gefühl zum Ausdruck – hier hat man etwas ganz Besonders miterlebt. Die starre Masse wurde im tiefsten Inneren bewegt, mit einem Werk, das 1922 in Salzburg für einen Skandal sorgte.

      Nach der Pause der Bogen zurück zu Haydn, über die 12 Mikroludien für Streichquartett op. 13 von György Kurtág: mit sofort ganz zarter, zerbrechlicher Innenspannung ziehen sie uns erneut in den Bann der Musik, durch die kontrastiv spannend zusammengestellten Stücke. Die sensationelle Klangkultur und Qualität des Zusammenspiels kommt gerade im Filigranen einiger Stücke besonders gut zur Geltung. Aus dem Nichts wird Spannung aufgebaut, und sie verschwindet wieder im Nichts. Hier ist die Musik ganz Gegenwart, gibt es nichts davor und danach.

      Joseph Haydns Streichquartett D-Dur op. 76/5 Hob. III/79 ist allerschönste Wiener Klassische Streichquartettmusik, vollendete Kammermusik, erst recht hier, wenn sie nach Webern und Kurtág den Bogen abrundet. Die vier da vorne machen aus der sterilen Show-Theater-Atmosphäre ein heimeliges Wohnzimmer, als wäre das nichts. Wieder erstaunt die Fähigkeit, gleichzeitig ganz urösterreichisch aufzuspielen, fast wie Volksmusik, dabei aber den allerhöchsten Ansprüchen eines Weltklasse-Streichquartetts, das sich mit den Besten der Welt am CD Sektor und auf den Konzertpodien misst, gerecht zu werden, virtuos und klangtechnisch brillant, als vollendete Einheit zu viert, melodisch und dramatisch.

      Ein staunenswertes, verblüffendes, singuläres Konzertereignis für die die dabei waren, der Applaus traut sich nicht recht, aus der Verblüffung, Verzauberung in allzu äußerlichen Enthusiasmus umzuschlagen, das würde auch nicht so recht passen.

      Zugabe: wunderschön langsam, innig, eine schlichte, schöne Melodie, dann ein düsterer Mittelteil, wunderbare Verflechtungen - Antonín Dvořák, der langsame Satz aus dem Streichquartett op. 105, ein Wunder für sich, innig und vollendet harmonisch von den vieren gespielt. Der letzte Ton – und dann, jetzt doch: die Stille, die hier ausgehalten werden muss, die niemand zu durchbrechen sich traut, genau jene Momente, die sich von der Routine abheben – das sind die Augenblicke, die das Leben ausmachen. Die in Konzerten miterleben zu dürfen – welch ein Geschenk.

      Signieren im Foyer – da sitzen sie und unterschreiben und führen Smalltalk, und dieser Aspekt ist auch ganz, ganz wichtig: sie wirken alle vier völlig aufgelöst, fertig, leer. Hier sieht man es hautnah: Sie haben alles gegeben, wirklich alles. Die starre Masse haben sie erreicht damit, im tiefsten Inneren. Aber sowas von.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander,

      danke für diesen Bericht über dieses schöne Konzert.

      Wir waren auch da und ich habe im Wesentlichen ähnlich empfunden. Allerdings hatte ich von meinem Platz aus (Reihe 9, wahrscheinlich weiter vorne als Du) leider nicht den Eindruck, daß das Konzert gut besucht war. Um mich herum waren sehr viele Plätze frei. Hoffentlich hattest Du besseren Überblick, das Konzert hätte es verdient ausverkauft zu sein.

      Ich habe auch ein bisschen Probleme mit Streichquartetten oder generell Kammermusik in großen Sälen, den Herkulessaal finde ich da nicht viel besser, der Gasteig ist natürlich noch schlimmer. Ich versuche immer möglichst weit vorne in der Mitte zu sitzen, da ich es sehr mag, die Interaktion der Musiker zu sehen. Reihe 9 Mitte war da schon ganz gut.

      Ein Wort noch zum Webern: Ich habe als Vorbereitung die Aufnahme des Arditti-Quartetts gehört. Im direkten Vergleich fand ich, daß die Interpretation des Hagen Quartett eher die spätromantischen Aspekte hervorgehoben hat. Insbesondere Nr. 2 und 5 waren (wenn ich mich nicht täusche) auch deutlich langsamer. Die Ardittis spielen "nervöser" und damit klingen die Stücke für meine Ohren moderner. Beides tolle Interpretationen meiner Meinung nach - und immer wieder interessant unterschiedliche Ansätze zu hören,

      Danke auch für die Auflösung der Zugabe, die habe ich nämlich nicht erkannt (ich hatte ja auf diw Wiederholung des Kurtag gehofft ;) )

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Rudolf Buchbinder und Andris Nelsons im Gasteig

      Hallo zusammen,

      dann kann ich ausnahmsweise auch hier etwas beisteuern: am letzten Donnerstag (13.10.) besuchte ich eins der drei Konzerte mit Rudolf Buchbinder und dem BR-Symphonieorchester unter der Leitung von Andris Nelsons im Gasteig. Der große Saal ar erwartungsgemäß gut gefühlt.

      Auf dem Programm standen zuerst das Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur von Ludwig van Beethoven und anschließend die Alpensinfonie von Richard Strauss. Nun bin ich allerdings weder von dem einen noch dem anderen Werk ein profunder Kenner ;). Als Beethoven-Interpret ist Buchbinder aber sicherlich zu einem auch einer der Großen unserer Zeit. Zum Ende des ersten Satz des Klavierkonzerts verwendete er die die erste Fassung einer unvollendet gebliebenen Kadenz von Beethoven und er vollständigte sie mit einer dritten (dem Programmheft zufolge einer in ihrer Ursprungsform unverhältnismäßig langen ;)) Fassung dieser Kadenz. Die zweite Fassung der Kadenz wurde übrigens gegenüber den andern beiden Fassungen als eher unterlegen angesehen.

      Nach der Pause gab es dann die Alpensinfonie von Richard Strauss. Ehrlichweise muss ich sagen, dass ich gehofft hatte, zu diesem Werk endlich durch eine Live-Aufführung mal einen Zugang zu bekommen. Ganz so einfach war es dann doch nicht... Programmatik und einiges an Themenverarbeitung sind mir zwar bewusst, aber entweder hat sich mir das Werk immer noch nicht ganz erschlossen oder es liegt mir einfach nicht (Strauss an sich höre ich sonst eigentlich seh gerne...). Dennoch hat das Sinfonieorchester ein ausgezeichnetes Konzerterlebnis geboten. Dem Gesamtklang (und zugegebenermaßen auch meinen Ohren ;)) wäre es vielleicht zuträglicher gewesen nicht so weit vorne, sondern eher in der Mitte des Gasteigs zu sitzen.

      Nahezu katastrophal fand ich allerdings die Garderobensituation im Gasteig. Sowohl vor als auch nach dem Konzert gab es lange Schlangen, die ich so aus Frankfurt nicht gewohnt bin... Wenn ich es richtig gesehen habe, waren zweimal zwei Garderobendamen vor Ort - bei vollbesetztem Haus.. Da war die Viertelstunde, die ich vor dem Konzert im Haus war, schon fast zu spät gewesen....
    • TEAMPLAYER IM ZIRKUS

      Yuja Wang, Martin Grubinger und The Percussive Planet Ensemble im Prinzregententheater (München), 15.12.2016, ein persönlicher Höreindruck

      Schon die Stimmung vor Beginn deutet mehr auf einen Event als auf ein Konzert hin. Zwei Jungstars der Klassikszene stellen sich zusammen dem Münchner Publikum mit ihrem aktuellen Tourneeprogramm vor, das sie unter anderem auch nach Wien, Berlin und Zürich führt. Zur Programmfolge gab es vorab nur Andeutungen. Martin Grubinger führt mit einem Mikrophon durch das Konzert und sagt Titel für Titel mit teilweise launigen Einführungsworten an.

      Vor der Pause gibt es Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ in einem Arrangement für Klavier und drei Perkussionisten. Die perkussiv farbenreiche Fassung, famos im Teamwork auf den Punkt gespielt mit allen Schattierungen und Effekten die man erwarten darf, macht aber bei aller Virtuosität (mir) mehr Lust darauf, die Originalfassung mit Orchester oder eine der Aufnahmen der Fassung für zwei Klaviere wieder einmal zu hören. (Kennengelernt habe ich letztere in den 80ern mit Güher und Süher Pekinel, in letzter Zeit erschienen unter anderem Aufnahmen mit Argerich/Barenboim und Ott/Tristano.) Yuja Wang erweist sich schon hier als kollegiale Teamplayerin. In zurückgenommenen Passagen die ihr gehören blitzt ihre Fähigkeit auf, intensive stille Momente kühl, aber eindringlich gestalten zu können. Konzertkonzentration zwischen den Teilen (kein Applaus), Eventsituation nach dem Applaus – ist jetzt Pause oder kommt noch was? Pause ist.

      Bela Bartoks Sonate für 2 Klaviere und Schlagwerk, das erste Werk danach, erklingt in einem Arrangement für ein Klavier und vier Perkussionisten. Auch hier: Perkussiver Farbenreichtum, aber die teilweise vertrackten bis mitreißenden Rhythmen und die ruhigeren Passagen (2. Satz!) bieten, derart virtuos auf den Punkt gespielt, gegenüber dem Werk davor eigentlich nichts Neues. Die Reduzierung auf dieses Instrumentarium führt zu einer hochkonzentrierten, technisch grandiosen Wiedergabe wie schon bei Strawinskys Klassiker, wirkt aber mehr wie eine Zirkusshow brillant abgerufener artistischer Spitzenleistungen im famosen Teamplay. Yuja blättert ihre Noten am Flügel selbst um, auch in wildesten Passagen schafft sie das ohne abzubrechen, unglaublich. Erneut bestechen vor allem ihre Passagen der kühlen, aber suggestiven Ruhe voller Innenspannung. Das Publikum kennt das Werk oder traut sich nicht, es applaudiert auf jeden Fall wieder nicht zwischen den Sätzen. Große, sich entladende Begeisterung aber dafür nach dem letzten Akkord.

      Für „One Study, One Summary“, eine Komposition von John Psathas, hier erklingend erneut mit Klavier und vier Schlagwerkern, stellen sie hinter Martin Grubinger eine Wand teilweise mit Kochtöpfen auf, derer sich der herumwirbelnde Künstler immer wieder zielgerichtet auch noch bedient. Zunächst setzt sich der perkussiv-schräge Grundton des Konzerts fort, die fünf bieten ein Feuerwerk zeitgenössischer Musik voller Hochspannung, aber dann mündet das Stück in ein jazzoid swingendes Finale, sehr publikumsbekömmlich, durchaus mitreißend, ungleich mehr in die Beine gehend als alle Musik davor. Das furiose Ende ist ein Abräumer, der den Jubel aber sowas von provoziert. Yuja weiß auch im virtuosen Jazz-Swing zu bestechen, ohne sich vorzudrängen.

      Die erste Zugabe wird der nächste Hit, ein Salsa-Tango. Vor der zweiten Zugabe erinnert Grubinger an den vor kurzem zu jung verstorbenen Peter Sadlo, dem die Schlagwerker unter anderem die aktuelle eminente Bedeutung des Marimbaspiels zu verdanken haben. Ein Ragtime von Scott Joplin steigert sich auch noch zum brillanten Schlussfurioso. Genau solche Teamplayer-Virtuosenhäppchen mag das Publikum besonders, und der Jubel bricht noch einmal orkanartig los.

      Das Konzert war aber eher ein Zirkusevent, eine Perkussion-Show verblüffendster spieltechnischer Brillanz als die Abfolge musikalisch bedeutender Werke im Bestreben, auch die Essenz jenseits des Virtuosen aufzublättern. Die blitzte gleichwohl immer wieder auf, immerhin, etwa gegen Ende des Salsa-Tangos, als sich die Musik plötzlich total zurücknimmt und Yuja Wang und Martin Grubinger zu zweit die Atmosphäre großer stiller Momente in den Raum zaubern, ehe der Rhythmus zurückkehrt und dem Applaus Bahn bricht.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • UNZÄHLIGE TIEFENSTRUKTUREN

      „Seliges Vergessen? - Glühendes Erinnern!“ – ein Liedkonzert und anschließendes Gespräch mit Anna Lapkovskaja (Mezzosopran) und Rudi Spring (Klavier) im „Prinzipal“ (beim Prinzregententheater, München), 19.12.2016 - persönliche Eindrücke

      Das Programm überrascht bei während des Konzerts völlig ausgeblendeter Kaffeehausatmosphäre mit Komponisten, die im allgemeinen Bewusstsein wohl nur ganz Wenigen vertraut sind und mit einem Werk von Schostakowitsch, das man auch nicht oft hört – und insofern macht es neugierig auf mehr von all dem, wie so oft bei Kunstliederkonzerten.

      Zwei Komponisten der deutschen Spätromantik bilden die Eckpfeiler des Programms, Ludwig Thuille (1861-1907) und Bernhard Sekles (1872-1934).

      Der in Bozen geborene Thuille wirkte lange als Kompositionsprofessor in München und war auch mit Richard Strauss befreundet. Seine bei diesem Konzert gebotenen Lieder „Seliges Vergessen“ op. 26/3, „Die Nacht“ op. 12/2 sowie „Waldeinsamkeit“ op. 12/1, „Komm!“ und „Verschlossenheit“ (beide ohne Opuszahlen) machen beim ersten Kennenlernen den Eindruck genauso inspirierter und hochstehender Kunstliedkunst wie die von Richard Strauss, der auch Hermann von Gilms „Die Nacht“ (bei ihm op.10/3) vertont hat, was interessanterweise direkt der Thuille-Vertonung vorangestellt wird, womit sich einmal mehr die erstaunliche Wandlung von Tiefenstrukturen bei Kunstliedern offenbart: Man lese die Textvorlage, man spreche sie, man höre sie (falls möglich) von jemand anderem gesprochen (ev. von Schauspielprofis), man lese die Notenausgabe, man singe und spiele sie selbst am Klavier (falls möglich), man höre sie mittels Aufnahmen und/oder im Konzert – unzählige Tiefenstrukturen tun sich auf, zumal bei zwei verschiedenen Vertonungen ein- und desselben Textes. Auf jeden Fall ist nach diesem Block das Interesse für den Liedkomponisten Ludwig Thuille geweckt, mit den Natur- und Empfindungsliedern, die eindringlich vorgetragen werden.

      Noch kräftiger kommt Anna Lapkovskajas tragende, sehr freundlich für sich (und erst recht für die Lieder!) einnehmende kräftige Stimme bei Dmitri Schostakowitschs Suite op. 143 nach Gedichten von Marina Tsvetajeva zur Geltung (deutsche Titel: „Meine Verse“, „Woher diese Zartheit?“, „Zwiesprache Hamlets mit seinem Gewissen“, „Der Dichter und der Zar“,“Nein, schlug die Trommel“ und „An Anna Achmatowa“). Diesen zutiefst berührenden Zyklus, der die Zuhörerschaft in beinahe atemlose Spannung versetzt ob der Kontraste von einem Lied zum nächsten und der Intensität des Vortrags, konnte der Schreiber dieser Zeilen mit dieser Sängerin bereits einmal hören, in einem Münchner Hochschulkonzert am 2.3.2009, damals am Klavier mitgestaltet von Tamás Kéry. Rudi Spring berichtet einleitend, er habe die Künstlerin 2008 als Studentin kennengelernt und sie hätten die Lieder Wort für Wort (er selbst beherrscht kein Russisch) zusammen durchgearbeitet. Geboten werden sie in zwei Dreierblöcken, und vor jedem Block trägt Rudi Spring die deutschen Übersetzungen der Liedtexte vor. Und wie er das tut – da ist sie wieder, jeweils eine der vielen Tiefenstrukturen. Allein ein Textvortrag kann schon Musik sein, und drei hintereinander sind wie drei Musikstücke völlig verschiedenen Charakters. Die Lieder selbst gehen total unter die Haut. Jedes Lied baut eine Welt auf, eigene Szenen werden da entworfen, akustische Szenen, die im Inneren des Zuhörers Verbildlichungen, Geschehnisse zu evozieren vermögen. Im vierten und fünften Lied, so Spring nach dem ersten Block, geht es um Puschkin (was dann beim Textvortrag extrem deutlich wird), das sechste basiert auf einem Huldigungsgedicht der Textdichterin für die vor 50 Jahren verstorbene große Dichterin Anna Achmatowa.

      Die zwei Lieder op. 16 „Lied der Waise“ und „Lied der Zigeunerin“ des aus Frankfurt stammenden Bernhard Sekles, der sich unter anderem als Pionier des Jazzunterrichts in Deutschland einen Namen machte und zu den von den Nationalsozialisten Verfemten gehört, sind charakterlich nicht mit denen Thuilles vergleichbar, eine völlig andere Persönlichkeit hat hier komponiert – und doch haben auch sie etwas Spätromantisches, fügen sie sich als den Bogen schließende Abrundung ideal in das Programm. Speziell das „Lied der Waise“ geht auch wieder ungemein zu Herzen und wünscht man sich dann gleich als Aufnahme oder auch als Notenausgabe.

      Die in Minsk geborene Mezzosopranistin besticht mit ihrem vollen, tragenden Mezzosopran das ganze etwa einstündige Konzert hindurch, sie macht jedes Lied ganz gegenwärtig, im Zusammenwirken mit dem vom ganz Zarten bis zum extrem Schroffen nie nur begleitenden, immer im Sinne der Lieder mitgestaltenden Rudi Spring.

      Zugaben? Rudi Spring verweist freundlich aber bestimmt darauf, dass das Programm so rund entworfen wurde, dass hier keine Zugaben passen würden.

      Im Gespräch mit Joachim Tschiedel von der Theaterakademie August Everding erläutert zunächst Rudi Spring, wie er zu Thuille kam, über einen Text in „Vox Humana“ 2012 mit einem Notenbeispiel dabei, das zur Forschung animierte, bis zum Abschreiben von Noten aus Bibliotheken, und Anna rief zum genau richtigen Zeitpunkt an, die Lieder einzustudieren. Zu Sekles kam Spring im November 2011 mit einem Symposium über den Komponisten Max Kowalski. Tschiedel, mit dem Spring dann Kontakt aufnahm, hat ein Buch über Sekles geschrieben und erhielt durch die Einstudierung (nachdem Rudi Spring Noten zwischen Frankfurt und Wien beschafft hatte) nun die Möglichkeit, die Lieder, zu denen er geforscht hat, auch zu hören.

      Von Anna Lapkovskaja erfahren wir im Gespräch einiges über ihre Stationen seit dem Studium in München (Konservatorium, Hochschule, Theaterakademie) – Nürnberg, Berlin (Barenboim, Rattle, Netrebko, Domingo), Bayreuth, Mailand, und demnächst die Carmen in Leipzig – also eine Künstlerin auf dem Sprung zu einer echten Karriere, die sich allerdings herzlich zurückhält bei Tschiedels Hoffnung auf erhellendes Namedropping die genannten berühmten Namen betreffend, genauso wie sich Teile des Publikums mit Applaus zurückhalten, als bei der nur kurz genutzten Möglichkeit Fragen zu stellen der Schostakowitsch Zyklus interpretatorisch über Thuille und Sekles gestellt wird – zurecht halten sie sich zurück, denn Lieder in der Muttersprache zu singen, die man bereits einmal einstudiert hat, ist eben etwas Anderes als das nicht minder bewundernswerte und nachdrücklich für die Komponisten und deren Werk einnehmende Einstudieren und Vortragen unbekannter Lieder auf Deutsch.

      Spätnachts noch der Griff zur Richard Strauss Lieder CD Box mit Dietrich Fischer-Dieskau, „Die Nacht“ op. 10/3, aufgenommen im September 1967 mit Gerald Moore am Klavier – Eindringlichkeit auch im eher auf mich akademisch wirkenden „Mustergesangsvortrag“, und allein in die Strauss Liedwelt einzutauchen ist doch Stunden, Tage, Monate wert, und erst recht Schubert, und all die anderen, jetzt also auch Thuille, Sekles, und nach Aufnahmen von Schostakowitschs op. 143 suchen (und, ja, ab sofort auf eine mit Anna Lapkovskaja hoffen)…
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gärtnerplatztheater in der Reithalle

      Zugegeben, es passt nicht ganz zum Thema, weil es sich um Opernaufführungen und nicht um Konzerte handelt.
      Aber Frage an die Musikfreunde in München und Umgebung: Was sind eure Eindrücke von den Aufführungen des Gärtnerplatztheaters in der Reithalle. Und mit Eindrücken meine ich jetzt nicht den optischen (=Inszenierung) sondern den akustischen.

      Grüße von der Donau an die Isar
      Michael
    • WAS ZÄHLT…

      Leonidas Kavakos und Yuja Wang im Prinzregententheater (München), 5.2.2017 (ein persönlicher Konzerteindruck)

      Nach der „Grubinger Show“ unter Mitwirkung von Yuja Wang im Dezember war ich sehr gespannt, erstmals Yuja Wang im Konzert als Kammermusik-Künstlerin erleben zu können. (Den Münchner Brahms-Abend mit Leonidas Kavakos konnte ich 2014 leider nicht besuchen.)

      Angekündigt waren diesmal Werke von Schubert, Debussy und Beethoven. Ähnlich wie vor einiger Zeit bei einem Konzert des Hagen Quartetts wurde auch diesmal die Erkrankung eines Künstlers (hier schwere Grippe Kavakos) auf Foyer-Aushängen und per Programmheft-Beiblatt als Grund für eine Programmänderung angegeben. Statt Beethovens Sonate für Violine und Klavier Nr. 7 c-moll op. 30/2 wurde als Abschlusswerk des Konzerts Béla Bartóks Violinsonate Nr. 1 cis-moll Sz. 75 BB.84 aufs Programm gesetzt.

      Nicht angekündigt war auch das erste Werk des Abends, Leoš Janáčeks Sonate für Violine und Klavier JW 7/7, womit sich ein Konzertabend mit Janáček, Schubert, Debussy und Bartók zusammenfügte, auch nicht schlecht – völlig unterschiedliche Werke für Violine und Klavier, eine große Herausforderung.

      Leoš Janáčeks Sonate für Violine und Klavier JW 7/7, das einzige Werk des Komponisten für diese Besetzung, 1914 begonnen und bis 1922 überarbeitet, hat vier Sätze. Im ersten, so liest man im Programmheft, wollte der Komponist mit der russischen Melodik die Freude über den Einmarsch der Russen 1914 in Mähren zum Ausdruck bringen. Der zweite Satz (Ballada) bringt einen ruhigen Dialog und der dritte volkstümliche Tanzweisen, ehe das Finale das Werk überraschend introvertiert abrundet, wie man weiter im Programmheft liest. Doch endlich treten sie auf und beginnen zu musizieren, der Violinsolist Leonidas Kavakos schräg vor dem Klavier, Yuja Wang mit Umblätterin am Flügel. Ganz Gegenwart vom ersten Ton an – slawisch, klangfarblich, kontrastiv, modulatorisch, spannend im Aufbau, und das Finale geht dann extrem unter die Haut. Man merkt Kavakos keine Grippe an, er spielt mit angenehmem klarem Geigenton, und beide sind (so habe ich den Eindruck) optimal aufeinander eingespielt. Und vor allem: Sie machen werkdienlich voll konzentriert Musik auf allerhöchstem Niveau, bieten keine Selbstdarstellung, lenken nicht mit Äußerlichem von der Kunst ab. Was zählt, ist Janáček.

      Was für ein Sprung zu Franz Schuberts Fantasie für Violine und Klavier C-Dur D 934 – diese fast halbe Stunde staunenswerteste Musik, aus dem Klaviernebel erstehend, über so eine Art ungarischen Tanz zu einem der wunderbarsten Momente der Musikgeschichte gelangend, dem Liedthema „Sei mir gegrüßt“, dann die Variationen über dieses Thema, die plötzliche Reminiszenz des Beginns und der marschartige Schlussteil, ein Werk, das viel zu wenig bekannt ist im Vergleich zu anderen Werken Schuberts. Ich fand die Interpretation von Kavakos und Wang musikantisch und wienerisch optimal, und vor allem – kurzweilig! Für mich war Yuja Wang als Schubert Interpretin die Entdeckung des Konzerts. Vorwegnehmend sei gesagt, dass sie sich in die Kompositionswelten wohl jedes Komponisten geradezu unheimlich souverän einzufühlen versteht, aber gerade ich als geborener Wiener war verblüfft über die Selbstverständlichkeit, mit der sie Schuberts Wesen auf Wiener Art, wie ich es von Brendel oder Buchbinder gewohnt bin, zur Geltung zu bringen vermochte. Mit ihr würde ich gerne die Impromptus und Sonaten hören, das fände ich extrem spannend. Kavakos steht optisch wieder im Vordergrund, aber auch hier gibt er keineswegs die Rampensau, sie machen einfach nur gute Musik zusammen. Ganz stark der Moment, wenn das Liedthema erklingt, wie sensibel Yuja Wang, die es ja am Klavier vorgibt, den Bogen rundet. Was zählt, ist Schubert.

      Claude Debussys Sonate für Violine und Klavier g-moll L. 140 ist ein Spätwerk des Komponisten. Wieder eine völlig andere Klangwelt. Mediterrane Dialoge in den drei Sätzen, teilweise rhapsodisch anmutend, frei fließend, impressionistisch-oszillierend – auch das bringen sie auf den Punkt, in diesem ersten Werk nach der Pause. Man hat nach jedem Werk dieses im Herzen und möchte es gar nicht mehr loslassen. Was zählt, ist Debussy.

      Drei Sätze hat auch Béla Bartóks 1921 entstandene Violinsonate Nr. 1 cis-moll Sz. 75 BB.84, aber was für Sätze! Das ist ein ganz schöner Brocken nach den bisherigen Werken, die Musik wirft einen hier hin und her. Der erste und der dritte Satz sind heftig, die ruhigen Abschnitte im ersten und der zweite Satz stecken voll geheimnisvollem Zauber. Der zweite Satz stellt eine besondere Herausforderung dar. Das ist Musik nahezu am Zerfall, und es muss irre schwer sein, hier die Spannung durchzuhalten, rüberzubringen. Den beiden gelingt es weitgehend. Einmal (gebe ich zu) bin ich gedanklich weggekippt bei diesem Satz. Eine ungeheure Leistung wie ich finde, so spannende Momente auch des Beinahe-Zerfalls so intensiv gestalten zu können wie es die beiden vermochten. Das Finale ist dann ein Abenteuer für sich – immer neue musikalische Anläufe, die sich zu einem echten Abräumer abrunden. Da muss selbst der bis dahin nobel werkdienlich klangrein sich zurückhaltende Kavakos „alles rauslassen“ und die Grippe kurz wohl ganz vergessen. Was zählt, ist Bartók.

      Als Zugabe gibt es überraschend die Zurücknahme in Richtung Wiener Hausmusik, Schuberts langsamen Satz aus der Violinsonate A-Dur op. 162 D 574. Was zählt, ist plötzlich wieder und nachklingend jetzt Schubert (was für ein schönes, schlichtes Thema!).

      Das Prinzregententheater war zu etwa vier Fünftel voll, das Publikum zeigte sich sehr aufmerksam und hörbar begeistert, wenn auch nicht durchwegs überschwänglich, manche auffallend handyfixiert, kaum dass die Musik ganz kurz Pause macht.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Für mich war Yuja Wang als Schubert Interpretin die Entdeckung des Konzerts. Vorwegnehmend sei gesagt, dass sie sich in die Kompositionswelten wohl jedes Komponisten geradezu unheimlich souverän einzufühlen versteht, aber gerade ich als geborener Wiener war verblüfft über die Selbstverständlichkeit, mit der sie Schuberts Wesen auf Wiener Art, wie ich es von Brendel oder Buchbinder gewohnt bin, zur Geltung zu bringen vermochte. Mit ihr würde ich gerne die Impromptus und Sonaten hören, das fände ich extrem spannend.
      Yuja Wangs neuestes Recital-Programm (so z.B. angekündigt für den 29. März 2017 in der Kölner Philharmonie) lautet wie folgt:


      Franz Schubert
      Nr. 1 es-Moll. Allegro assai
      aus: Drei Klavierstücke D 946 (1828)


      Franz Schubert
      Nr. 2 Es Dur. Allegretto
      aus: Drei Klavierstücke D 946 (1828)


      Johannes Brahms
      Variationen und Fuge über ein Thema von Händel B-Dur op. 24 (1861)


      Pause


      Frédéric Chopin
      24 Préludes op. 28 (1836?/39)


      Also können wir mit einigem Grund hoffen, dass sie irgendwann auch in unseren beiden Städten (München/Hamburg) Solowerke von Schubert aufführen wird, lieber AlexanderK! Bisher hat sie Schubert nur via Liszt-Transkription öffentlich gespielt ("Gretchen am Spinnrad", "Auf dem Wasser zu singen", "Der Erlkönig").

      Danke für den sehr informativen Konzertbericht!!
      "Wir wären auch ausverkauft, wenn bei uns auf dem Kamm blasende Putzfrauen aufträten."
      (Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie)

      “Die Elbphilharmonie ist nicht nur ein grandioser neuer Konzertsaal, sondern eine Chance für ein neues Repertoire.”
      (Ingo Metzmacher)
    • Danke für die Infos und die freundlichen Worte, lieber music lover!

      Polling ist knapp 56km von München entfernt, ich tu das trotzdem hier rein.

      DER VERFÜHRER WURDE ÜBERWÄLTIGT

      Sophie Pacinis Klavierabend im Bibliothekssaal im Kloster Polling am 8.2.2017 (ein persönlicher Eindruck)

      Der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete prachtvolle Bibliothekssaal des Klosters Polling in Bayern wird gerne für Konzerte und Musikaufnahmen genutzt. Die Akustik erweist sich an diesem Klavierabend (mit einem Steinway Flügel bestritten) als stark raumfüllend, was durch den kräftigen, lebendigen pianistischen Ansatz der Künstlerin des Konzerts noch unterstrichen wurde.

      Die 1991 in München geborene Sophie Pacini, die unter anderem bei Karl-Heinz Kämmerling am Salzburger Mozarteum studierte, 2010 den Mut hatte, Martha Argerich anzusprechen und diese rasch von ihrem Ausnahmetalent zu überzeugen wusste, 2015 den „Echo Klassik – Nachwuchskünstlerin des Jahres“ im Fach Klavier gewann und im September 2016 mit ihrer vierten CD bei dem Major Label Warner Classics landete, wählte ein Programm, das großteils diese CD live vorstellte.

      Zu den einzelnen Blöcken des Konzerts liefert sie jeweils vor Beginn am Klavier kurze, persönlich gehaltene, beherzte Werkeinführungen, darin ihren Bezug zu den Werken verdeutlichend.

      Im ersten wie im zweiten Teil beginnt sie mit Klavierstücken, die quasi in den Raum eintauchen, die in die Klavierwelt führen. Chopins Nocturne b-moll op. 9/1 genauso wie Liszts Consolation E-Dur S 172/1 setzen ein, als würden sie ins Geschehen hineingleiten, hineinschweben, eintauchen. Sophie Pacini versteht es, in ihrem zupackenden, nicht feingliedrigen sondern vollgriffigen und gleichwohl auch poetisch rundem Spiel sofort die Atmosphäre zu schaffen, die aus dem kritischen Beobachter den in die Musik mitwandernden Gefährten macht. Es ist ein sehr präsenter, das Dasein bejahender Chopin, auch im Nocturne Es-Dur op. 9/2 und erst recht im großen Scherzo Nr. 2 b-moll op. 31. Sophie Pacini setzt sich durchaus auf Momente der Erwartung, sie wählt aber auch freie Rubati und weiß brillant wegzustarten, wo die Zügel losgelassen werden können. Das ergibt beim Scherzo packende eruptive Momente. Ihre tolle Technik setzt die Pianistin ein, ohne sie zur äußerlichen Zurschausstellung zu degradieren, als werkimmanentes, staunenswertes Virtuosentum.

      Beethovens Sonate C-Dur op. 53, die „Waldstein-Sonate“, geht Sophie Pacini auch sehr präsent, sehr selbstbewusst, im großen Fluss des Geschehens an, leider aber ohne Wiederholung der Exposition im 1. Satz. Das Eruptive auch dieses Werks kostet sie erstmals voll in der Coda des großen Sonatensatzes aus. Der zweite Satz beginnt ja nahezu im mystischen Stillstand und fügt sich nach und nach mit emotionalem Aufschwung. Auch dies – eine Frage in den Raum, ein Suchen zunächst ins Irgendwo. Ganz gegenwärtig baut Sophie Pacini den Bogen auf. Im gewaltigen Rondo des dritten Satzes rundet sie den Beethoven-Kosmos nie als technisches Bravourstück, immer als große, faszinierend die Szenerien wechselnde mitreißend gute Klaviermusik ab, dann doch immer wieder zum schlichten Rondothema zurückkehrend, zum Fluss der Begleitung.

      Nach der Pause Franz Liszt: die Consolations E-Dur S 172/1, E-Dur S 172/2 und Des-Dur S 172/3 entpuppen sich (vor allem das zweite) als gar nicht weit entfernt von Chopin, auch und gerade interpretatorisch in der Abgerundetheit und der Virtuosität im Dienste des Gehalts der Werke. Ein wirklich gewaltiger Brocken ist Liszts pianistischer Streifzug durch Mozarts “Don Giovanni“, die Réminiscences de „Don Juan“. Da legt sie erst so richtig los, zeigt enorme Kraft und bestes Durchhaltevermögen. Liszt umgibt die bekannten Themen der Oper ja mit wildesten Kaskaden und bettet sie in ein pianistisches Feuerwerk sondergleichen ein. Aber der Verführer hat an diesem Abend obwohl er so protzt keine Chance, sie schafft ihn, sie ist ihm einfach über. Sie spielt ihn irrwitzig virtuos aber genauso poetisch gesanglich wo es möglich ist in Grund und Boden, auf dass alle verblüfft und überwältigt sind. Den Balanceakt, die vielen Girlanden um die Themen herum die einen durchbeuteln nicht als leeres Geklirre erscheinen zu lassen, sondern als staunenswerte Möglichkeit, der Gewalt dieses Verführungsstoffes akustisch eine pianistisch monumentale Gestalt zu verleihen, bewältigt Sophie Pacini souverän, beinahe unheimlich abgeklärt.

      Was für eine Zugabe wählt man da? Sophie Pacini weiß die aktuelle CD noch einprägsamer anzupreisen, mit der auch darauf enthaltenen 6. Rhapsodie von Liszt, mit der sie die schon bisher gezeigte hochmusikalische Bravour noch zu unterstreichen versteht.

      Aus der Abrufbarkeit einstudierter Werke spontanes Musikerleben zu machen – das ist ihr großartig gelungen. Verblüffend ist die Souveränität, wie man sie von ganz Abgebrühten erwarten kann. Sophie Pacini weiß genau, was sie will. Technisch und vom Ausdruck her bringt sie alle Voraussetzungen mit und weiß sie so einzusetzen, dass Musik daraus wird, keine Selbstdarstellung.

      Später dann, wieder zu Hause, habe ich mir noch Martha Argerichs Aufnahme der 6. Rhapsodie von Liszt angehört, auf ihrer ersten Schallplatte enthalten. Und war noch erstaunter: Martha Argerich spielte dieses einprägsame, mitreißende Virtuosenstück emotional ungleich mehr am Sprung, wie ein Panther, verbissener, grimmiger als Sophie Pacini. Sophie Pacinis Klavierspiel entfaltet eine andere Unbedingtheit, nicht so am Sprung, obwohl auch eruptiv.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      gestern Abend gab es im Herkulessaal der Münchner Residenz die zweite Aufführung des Occasional Oratorio HWV 62 von 1746 mit dem BR Chor und der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung des sehr Handel-affinen neuen Chefdirigenten des BR-Chor, Howard Arman.

      Die Aufführung wurde live nach BR-Klassik übertragen, zudem wurde mit (mindestens) 5 Kameras auch bildlich mitgeschnitten, eventuell landet das Ganze dann sogar noch auf einer DVD oder in der br-klassik.de/concert Übersicht.

      Im sympathischer Begleitung durfte ich eine sehr routiniert-hochklassige Aufführung dieses selten zu erlebenden Oratoriums erleben und genießen, Mit Julia Doyle, Sopran, Ben Johnson, Tenor, und Peter Harvey, Bariton, waren sehr gute Solisten aus der Londoner Handel-Pflege aufgeboten, so dass die Aufführung auch von dieser Seite eine sichere Bank war.

      Wir haben noch keinen Faden zum Stück selber, deswegen kann ich hier vielleicht noch zwei Sätze mehr zum Stück einfügen, ich folge dabei v.a. dem sehr zuverlässigen Oratorienführer von H.J. Marx. Das Occasional Oratorio hat nicht viele Befürworter, u.a. weil man mindestens im dritten Teil doch sehr viele Anleihen für den geneigten Handel-Hörer wiederzuerkennen sind. Die gebotene Eile, in der das Stück geschrieben wurde, findet sich, meiner Ansicht nach, eher im nicht allzu glücklichen Textbuch wiedergespiegelt als in der Musik.

      Die Occasion, anlässlich derer das Stück in großer Eile entworfen und fertig geschrieben wurde, war der Marsch des letzten Thronprätendenten der Stuart-Dynastie, Bonnie Prince Charlie, der von Schottland aus im Dezember 1745 bis 150 Meilen vor London aufrückte, bis sich das englisch-hannoversche Königshaus endlich in der Lage sah, ihn unter der Leitung von Prinz William August, Duke von Cumberland, dem Sohn König Georgs II., zurückzudrängen. Ich will hier keine Kriegsgeschichte schreiben, sondern nur die Umstände schildern, in denen Handel die Initiative ergriff, ein Oratorium 'zur Stärkung der Kampfmoral' (so meine eigene Zusammenfassung) zu komponieren und aufzuführen. Als die Entscheidung für dieses Stück fiel, existierte also weder ein Textbuch noch ein Ton Musik, aber es war klar, dass das Stück in die Oratoriensaison, also ab Mitte Februar 1746, aufgeführt werden sollte. Der Librettist Newburgh Hamilton tat, was unter der gegebenen Eile zu tun war: er kompilierte v.a. vorhandene Texte großer Namen der englischen Dichtung (Spenser, Humphreys), darunter (Ausschnitte aus den) Psalm-Fassungen von John Milton, die auch nur im Entferntesten zur Situation passen.

      So kommt es, dass Handel hier Alternativfassungen zum gleichen Inhalt (Psalm 2), aber eben zu anderen Worten vertonte, die er beispielsweise schon im Messiah vertont hatte: Statt 'why do the nations so furiously rage together' heißt es nun (ebenfalls vom Bass gesungen, der erste vertonte Text:) 'Why do the gentiles tumult'. Eine gewisse Nähe zum Gestus der entsprechenden Messiah-Passage ist nicht wirklich überraschend. Aber am Anfang des Stückes komponiert Handel den Text tatsächlich noch einmal neu, das gilt auch für den Chor 'Let us break off by strength of hand and cast from us' (entspricht dem Text aus dem Messiah 'Let us break their bonds assunder'), den Handel, ähnlich wie das Epinikion am Beginn des Saul, als Klammer um ein Tenor-Accompagnato und eine Tenor-Arie, erweitert. Das fand ich eine außerordentlich gelungene (kompositorische Idee), die auch einigermaßen verständlich im Konzert wiederzuerkennen war.
      Mein Lieblingsstück im ersten Teil war die Sopran-Arie, die sich zum Chor erweitert 'Be wise, be wise at length', die anfangs als Arie nur mit Continuo startet, dann aber in einen ziemlich kriegerischen Chor bruchlos übergeht, das Ganze dann noch mit einer schmissigen Melodie-Führung, so abwechlsungsreich liebe ich Handel.

      Den zweiten Teil eröffnet eine große Szene des Soprans (der Text der ersten Arie 'Oh liberty, thou choicest treasure' ist von Morell für das schon existierende Libretto des Judas Maccabaeus geschrieben worden) aus zwei Arien, Rezitativ und Sopran-Solo im abschließenden Chor. Hier, im zweiten Teil, findet sich auch das einzige Duett des Oratoriums, für Sopran und Tenor auf den Text 'After long storms and tempests overblown' geschrieben, das die Hoffnung auf die Rückkehr der besseren Zeiten schildert. Derartige Texte hat Handel immer wieder vertont, diese Duett-Fassung ist wahrlich nicht die schlechteste. Sehr imposant ist die folgende Nummer, die 'Accompagnato, Arie und Chor' 'To God our strength, sing loud and clear/sing loud to God our King' überschrieben ist. Ein monumentales Stück, das mit einem sehr langen Duett für Solo-Oboe und Solo-Trompete beginnt, das mich vom Charakter ziemlich an den Beginn der 1713 geschriebenen Geburtstagsode für die (letzte Stuart-Königin !) Anne erinnert. Das Stück dürfte den Zuhörern über dreißig Jahre später nicht mehr bekannt gewesen sein. Ein neu geschriebener Hallelujah-Chor beendet monumental den zweiten Teil.

      Dem dritten Teil merkt man, durch die hohe Anzahl von Eigenentlehnungen, die Eile bei der Fertigstellung nun schon an: Sinfonia und Musette sind aus den Concerti grossi op. 6 entlehnt, die nächsten drei (achtstimmigen) Chornummern aus Israel in Egypt, ebenso die Tenorarie 'The enemy said', am auffälligsten ist die vollständige Übernahme des Coronation Anthem 'Zadok the Priest' HWV 258 als Schlusschor, nur die erste Textzeile wurde geändert: 'Blessed are all they that fear the Lord'. Überraschend ist die Handhabung im letzten Akt den identischen Text einmal als Rezitativ, einmal als Arie zu vertonen, hier scheint Handel auf seine normale Oratorienlänge von etwas mehr als zweieinhalb Stunden gestreckt zu haben.

      Von Handels anderen Oratorien-Dichtern wurde die Textvorlage zerrissen, insbesondere Charles Jennens äußerte sich sehr abfällig ('cook'd up an Oratorio of shreds and patches'), aber ich denke, Jennens dürfte bei der Kompilation des Messiah Textbuches deutlich mehr Zeit verwendet haben. Und bei der Musik, auf die es uns heutigen Zuhörern in der Regel dann doch mehr ankommt, kann ich echte Defizite nicht entdecken. Es ist halt kein Oratorium mit psychologischen Konflikten, tiefer Persönlichkeits-Schilderung, sondern es ist ein Oratorium, in dem ein bedeutender Musiker seiner Zeit in großem Stil seinen Zuhörern seine Loyalität gegenüber dem Königshaus Hannover ausstellte. Besonderen kommerziellen Erfolg hatte Handel damit nicht, es gab zu Lebzeiten lediglich sechs Aufführungen, jeweils drei in den Jahren 1746 und 1747. Aber es beweist vor allem eines: ein so großes Stück innerhalb von (vermutlich) weniger als acht Wochen zwischen erster Idee und Uraufführung aus dem Boden zu stampfen und dabei so qualitätvolle und mitreissende Musik zu schreiben, das hat Händel keiner nachgemacht.

      Jennens schrieb am 3.2.1746, also drei Tage nach der ersten Ankündigung der Uraufführung für den 14.2.1746: 'Tis a triumph for a Victory not yet gain'd, and if the Duke does not make hast, it may not be gain'd at the time of performance'. Die entscheidende Schlacht gegen die Truppen von Bonnie Prince Charlie erfolgte erst am 16.4.1746 bei Culloden (nahe Inverness), also gute zwei Monate nach der Uraufführung des Occasional Oratorio. Das wirkliche Epinikion auf diesen Krieg schrieb Handel danach, auf den bereits vorliegenden Text von Morell: Judas Maccabaeus HWV 63.

      Die gestrige Aufführung, vielleicht hat es der eine oder die andere im Radio verfolgt, zeichnete sich durch große Erfahrung im Umgang mit Handel aus, Howard Arman war jahrelang in Halle bei den dortigen Festspielen aktiv. Aus dieser Zeit stammt auch die gute Beziehung zur AkAMus, deren Konzertmeister Bernhard Forck dort auch aktiv war. Dieses große gemeinsame Verständnis für die Musik prägte die gesamte Aufführung, besonders hervorheben möchte ich vor allem den Continuo- und Solocellisten Jan Freiheit, die Solo-Oboistin Xenia Löffler und die Trompeterin Ute Hartwich, die mit großer Leidenschaft ihre wahrlich hochvirtuosen Partien ebenso zum Leuchten gebracht haben wie die Gesangssolisten. Chor und Orchester waren sehr engagiert dabei.

      Mein Fazit: eine sehr lohnende Aufführung eines, obwohl so schlecht beleumundeten, aber dennoch sehr hörenswerten Werkes. Die Vielzahl der Entlehnungen im dritten Akt hat mich nicht besonders gestört, ich fand es eher angenehm, diesen 'alten Bekannten' mal wieder in so hoher Qualität zu begegnen.

      Gruß Benno
    • Neu

      Skrjabin - Rêverie, Op. 24
      Medtner - Klavierkonzert Nr. 2 c-moll, Op. 50
      Rachmaninow - Sinfonisch Tänze, Op. 45

      Marc-Andre Hamelin, Klavier
      Kirill Petrenko, Leitung
      Bayerisches Staatsorchester

      Hallo zusammen,
      ich wollte vom gestrigen Konzert im Nationaltheater einen kurzen Bericht abliefern:
      Die Vorstellung war, wie bei Petrenko mittlerweile Standard, fast restlos ausverkauft. Nicht ganz selbstverständlich, bei so einem Randrepertoire (die Sinfonischen Tänze mal ausgenommen). Aber hier bieten sich meiner Meinung nach großartige Chancen für Konzertgänger, da Petrenko jetzt schon eine "Carte Blanche" besitzt, was seine Programmgestaltung betrifft.

      Zu Beginn erklang die etwa 4 1/2 minütige Träumerei von Skrjabin. Ein Lückenfüller, keine Frage, aber dennoch höchst interessant gesetzt und raffiniert orchestriert. Rimski-Korsakow war angeblich so angetan von diesem kleinen Stück, dass er gleich eine ganze Stunde in den Proben dafür verwendet hat.
      Zum eigentlichen Knaller für den Konzertgänger: Medtners Klavierkonzert Nr. 2...Was soll ich sagen, ich liebe es einfach jedes mal ein Stückchen mehr, mittlerweile hat es zumindest die Rachmaninoff-Konzerte in meiner persönlichen Liste verdrängt. Wie toll, dass Petrenko das Stück endlich mal wieder vor größerem Publikum zur Aufführung bringt und sich dann auch noch den Medtner-Experten schlechthin besorgt hat, Marc-Andre Hamelin :verbeugung1: .
      Seine Über-Virtuosität ist berüchtigt, keine Frage. Und hier die Überraschung: Das Konzert hatte durchwegs eine sehr gemäßigte Tempogestaltung. Sowohl Hamelin, als auch Petrenko waren sehr darauf bedacht, eine klare und eher analytische Interpretation zu geben. Die bei Medtner teilweise sehr eigenwillig gestaltete (Konflikt?-)Rhythmik und abgestufte Polyphonie kam fantastisch zur Geltung, getreu der Ansicht von Medtner selbst, dass er nicht so sehr an der Klangfarbe an sich interessiert war, sondern mehr an dem „Argument“ der Musik, welches für die Klangfarben selbst sorgt.
      Etwas hat mir aber schon der Drive im ersten Satz gefehlt, vor allem, wenn man die fantastisch feurige Aufnahme von Nikolai Demidenko kennt. Der 2. Satz war einen ticken schneller, als gewohnt, dennoch von toller Intensität. Hier spürt man durchaus die geistige Nähe Medtners zu Rachmaninoff. Dann die direkte Überleitung in das Finale. Wieder ähnlich klare und zurückgenommene Gestaltung wie im Kopfsatz, bis dann die scherzoartige Themengruppe aus diesem plötzlich wieder auftaucht und sich der Klang komplett ändert. Was für eine tolle und einfallsreiche Stelle, ebenso toll umgesetzt mit viel Witz und Charme! Kurze Coda, intensiver Schlussakkord, großer Applaus.

      Für die sinfonischen Tänze war die Bühne noch etwas voller und die Klanggestaltung auch spürbar intensiver. Jede einzelne brilliante Klangfarbe und jedes Highlight in der Orchestrierung wurde wieder mit perfektem Gespür für Transparenz und Zusammenhang von Petrenko herausgearbeitet, welcher an diesem Abend eine tolle Pult-Choreografie dargeboten hat. Diese unendlich einfallsreichen und doch völlig verständlichen Gesten, Kleiber lässt grüßen.
      Trotz allem hat er nicht die Wucht, die streckenweise durchaus in dem Stück vorhanden ist, vernachlässigt. Als im 1. Satz die Reprise des ersten Themas von der Bassklarinette eingeleitet wurde, steigerte sich die Intensität rund um Kontra-Fagott und Basstrommel bis ins absolute Maximum, vorsichtig vorbereitet. Einfach geil...hier ging fast schon ein Raunen durchs Publikum :D .

      Den 2. Satz mochte ich nie wirklich, zumindest bis jetzt. Keine Spur von naiver Romantik oder gar Sentimentalität. Das war pure Ironie, derber Sarkasmus. "La Valse" lässt grüßen.
      Der 3. Tanz war zügig, mit unglaublicher Trennschärfe in Rhythmik und Betonung. Großer Jubel.

      Am 07.03. die Übertragung auf BR-Klassik nicht verpassen :!:

      Ein Tipp zum Schluss:
      Ende März erscheint eine neue Aufnahme des Medtner Konzerts bei Hyperion mit Hamelin am Klavier und Jurowski am Pult:
    • Neu

      Lieber Tichy,

      Eigentlich wollte ich gestern auch im Konzert sein.

      Vielen Dank für Deine Schilderung des Konzertes, zu dem zu gehen mich ein gesundheitliches Problem gehindert hat. Immerhin konnte ich die Karten an einen Medtner-begeisterten Freund weitergeben. Ich schaue mal, dass ich mir die Übertragung auf BR Klassik anhöre.

      Gruß Benno
    • Neu

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Lieber Tichy,

      Eigentlich wollte ich gestern auch im Konzert sein.

      Vielen Dank für Deine Schilderung des Konzertes, zu dem zu gehen mich ein gesundheitliches Problem gehindert hat. Immerhin konnte ich die Karten an einen Medtner-begeisterten Freund weitergeben. Ich schaue mal, dass ich mir die Übertragung auf BR Klassik anhöre.

      Gruß Benno
      Lieber Benno, ich habe Dir gestern eine PN geschickt (findest Du am oberen Bildschirmrand unter "Konversationen").
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Neu

      Lieber Tichy1988

      Auch wenn der famose N. Demidenko wohl in der Tat die ultimative Einspielung von Medtner`s KK2 abgeliefert hat (Hyperion), an welcher sich alle späteren Versuche messen lassen müssen, so werde ich doch grün vor Neid, dass Du dieses eminente Werk live (!) erlebt hast, und erst noch mit dem überlegenen Kenner M.A.Hamelin an den Tasten, in sicherlich kongenialer Personalunion mit dem tiefschürfenden Liebhaber K. Petrenko am Pult: ein Traumpaar für dieses Repertoire, wie mir scheint! Und es war denn offenbar auch eine musikalische Sternstunde.

      Von Kirill Petrenko erhoffe ich mir ohnehin in Zukunft viele musikalische Sternstunden: seine celibidach`sche Akribie und seine gielen`sche Ernsthaftigkeit, im Verbund mit einer wahrhaft bernstein`schen Musikalität, das ist wohl das grösste Versprechen für erleuchtende Klangoffenbarungen in den kommenden Jahren! Ich freue mich sehr über seine Ernennung zum Primus der Berphi`s.

      Danke für Deinen Konzertbericht, lieber Tichy 1988. Ich habe ihn mit grossem Genuss gelesen.

      Herzlich grüsst aus Bern

      Walter
    • Neu

      IM ZENTRUM DER WELT

      Daniel Barenboim schloss die Münchner Reihe mit Schubert Klaviersonatenkonzerten in der Philharmonie im Gasteig mit den Sonaten a-Moll D 845 und B-Dur D 960 ab, 22.2.2017, eine persönliche Konzerterinnerung

      Barenboims Auftreten wirkt gefestigt und in sich ruhend. Er begibt sich in Schuberts Sonatenwelt mit weich fließendem Duktus, im Lyrischen, Poetischen und Geheimnisvollen starke Momente herausstreichend. Insgesamt wirkt sein Schubertspiel auf mich mehr als Werdendes den als Feststehendes. Nicht eine abrufbereite Interpretation wird vorgeführt, sondern die Musik entsteht im Jetzt und Hier.

      Die große Sonate a-Moll D 845 habe ich seit Anfang der 80er Jahre in Friedrich Guldas (der nur wenig Schubert gespielt hat) Interpretation aus der LP Box „The Complete Musician“ im Ohr. Barenboim verzichtet auf das Kräftige, Knallige zugunsten weich fließender Linien. Im ersten Satz wiederholt er die Exposition. Es hat etwas Suchendes auch – sind markante Pointierungen Vorsichtsmaßnahmen oder wollen sie wirklich nur bestimmte Stellen ins Bewusste hervorheben? Barenboim harmonisiert das Abgründige, er bettet es ins Geschehen ein und entschärft damit mögliche abrupte Kontraste. Und mitten im dritten (sanft schalkhaften) Satz, man hat ja schon den ausgiebigen zweiten Satz mit seinen Variationen hinter sich, ereignet sich das Wunder mit dem mystisch ruhigen Trio. Plötzlich sind Raum und Zeit aufgehoben, tut sich ein eigener, unbeschreiblicher Kosmos auf. Zurück zum (sanft schalkhaften) Teil, zurück zum weich fließenden Gesamtduktus, zurück zu Barenboims wie ich es nennen würde eher musikantischem Ansatz am Klavier im Gegensatz zum pianistischen Ansatz. Der erste Ansatz ist für den der selbst Klavier spielt nachvollziehbarer, man kann sich vorstellen mit eiserner Disziplin und festem Willen sowie beinharter Durchhaltekraft und etwas Glück zumindest zum Großteil des Gebotenen gelangen zu können. Freilich: Solche Momente wie das Trio im dritten Satz, die sind schon „höhere Meisterschaft“, da wächst der Musikant nicht nur über sich hinaus, da verselbständigt sich seine Kunst ins staunenswert Unbeschreibliche. Die erste Sonate hat Barenboim ohne lange Pause zwischen den Sätzen durchgezogen.

      Den interpretatorischen Ansatz des weich Fließenden behält er auch bei der B-Dur Sonate bei, die er bewundernswert ruhig und ausgeglichen beginnt. Wie kann man vor der fast ausverkauften Philharmonie so eine Ruhe ausstrahlen? Sie wirkt aber nicht arrogant, sie wirkt tief empfunden. Ein Mensch versenkt sich in die Musik. Hier wiederholt Barenboim die Exposition im ersten Satz nicht, das Konzert wäre dann wohl doch zu lang, zu fordernd geworden. Da derjenige der auf diesen Moment wartet (wiederholt er oder tut er´s nicht?) wie im Fall des Schreibers innerlich eher auf die Wiederholung eingestellt ist, gelingt Barenboim der direkte Wechselakkord zur Durchführung besonders überraschend, er öffnet damit ein neues Tor. Ruhig und ausgeglichen spielt er den Satz aus. Und dann doch, im Gegensatz zur Sonate vor der Pause – kurze Atempause, und dann die Welt öffnen des ganz besonderen zweiten Satzes. Schubert legt ja über die harmonisch eingekleidete Melodie aufsteigende Zerlegungen, ein Fortlauf von ganz eigenem Zauber, ehe sich ein „Männerchor“ bodenständig zu Wort meldet und der zerbrechliche Anfang dann wiederkehrt, mit einem (kann sein bedrohlichen, kann sein festigenden) Bassfundament verstärkt, auch etwas ins Tänzerische sich wandelnd. Ein zweiter Satz einer Klaviersonate wie ein Mysterium, und Barenboim macht den Satz zum Zentrum des Konzerts, zum Zentrum der Welt, es gibt kein Davor und kein Danach, es gibt nur das Sein in dieser Sonatenwelt. Deutliche Atempause danach, bisher durfte das Publikum nicht aushusten, nach diesen zehn Minuten gibt ihm Barenboim die Zeit dafür. Vielleicht muss er sich selbst erst wieder sammeln, um zum weich fließenden „Alltag“ zurückkehren zu können. Man hat gespürt: Wohl auch für solche zehn Minuten wird so einer Pianist und geht damit auf Bühnen, und er nimmt die Verantwortung wahr, wenn er es kann, die Dimensionen aufzuheben. Momente für die Ewigkeit, diesfalls nicht mitgeschnitten, wenn also der letzte der im Konzert war gestorben ist sind diese Momente auch für immer weg. Aber bis dahin bleiben sie „unsterbliche, einmalige Erinnerungen“. Bei der letzten Verzögerung im letzten Satz lässt Barenboim dann noch einmal diese Magie aufblitzen.

      Keine Zugabe. Welche denn auch nach diesen beiden Sonaten? Alleine das Trio in der a-Moll Sonate und der langsame Satz der B-Dur Sonate waren den Abend zum ewigen Erinnern wert, der Rest war herzlicher, musikantischer, weich fließender, aus einer Ausgeglichenheit kommender nobler Schubert-Alltag.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Neu

      AUF DIE REISE MIT HACKBRETT

      „RICHTIG REISEN mit den Herrn der kleinen Vögel“ in der Galerie arToxin (München), 24.2.2017 - ein persönlicher Eindruck

      Ausgangspunkt ist eine Episode aus Yoko Ogawas Roman „Der Herr der kleinen Vögel“. Ruth Geiersberger (Stimme), Martina Koppelstetter (Gesang) und Michel Watzinger (Hackbrett) bieten ein Mosaik aus Texten und Musik, eine eigenwillig-spannende Performance. Der rote Faden ist das In-die-Welt-Ziehen, von Vögeln, Menschen und Gedanken.

      Die konzertante Performance bezieht den Galerieraum ins Klanggeschehen ein. Die Mitwirkenden bewegen sich vielfach auch rezitierend oder erzählend durchs Publikum und heben die Grenzen konservativer Vortragskunst auf zugunsten überraschender Stimmungs-, Charakter- und Szenenwechsel. Collageartig werden Prosa, freies Sprechen, (teilweise mehrstimmiger) Gesang, Musik und Lied miteinander verwoben. Das Hackbrett entpuppt sich als vielschichtig einsetzbar – melodiös, klangcharakterbildend, auch perkussiv, Michel Watzinger (der schon auch mal beim dreistimmigen Gesang dabei ist) setzt aber auch ein Glockenspiel ein, das neben dem den Galerieraum bestimmenden Gipsbaum bereitsteht. Das Publikum wird mit einem Klangexperiment einbezogen, bei dem alle im Raum einen guten Platz wählen sollen.

      Neugierig macht die engagiert zwischen Moderation und Rezitation und Gesang wechselnde Ruth Geiersberger vor allem auf Yoko Ogawas Buch „Der Herr der kleinen Vögel“, der erheiternde sprachliche Höhepunkt hingegen wird die Vorstellung von Tierlauten aus „Brehms Tierleben“. Die Mezzosopranistin Martina Koppelstetter besticht mit ihrer Vielseitigkeit, sie kann ihre volle, tragende Stimme die aber nie ins Wellige hinein vibriert charakterlich ideal färben für die unterschiedlichsten Stimmungen der gebotenen Lieder von Robert Schumann („Frühlingsfahrt“, „Sehnsucht nach der Waldgegend“ und „Abends am Strand“), Heinrich Stubbe („Hört ihr nicht das Lied erklingen“), Friedrich Brückner („Wenn ich den Wandrer frage“) und Rudi Spring, dessen Zyklus „Vogelsang, Vogelflug“, fünf Lieder auf Lyrik von Formey, Bethge, Hebbel und Meyer, in den drei Aufführungen am 23., 24. und 25.2.2017 uraufgeführt werden – spannende, vielschichtige Auslotungen von Stimmungen, aus den Texten evoziert, besonders reizvoll mit den Klangmöglichkeiten des Hackbretts anzuhören. (Vom Komponisten wurde der Schreiber dieser Zeilen vor Konzertbeginn auf Schumanns op. 27/1 aufmerksam gemacht – Schumann hat Hebbels „Sag an, o lieber Vogel mein“, eine der fünf Vertonungen, auch vertont.) Sehr berühren die wunderbar tonklar gesungenen zweistimmigen volksliedhaften Gesänge der beiden Frauen. Neben Ogawa und Brehm gibt es in der etwa einstündigen inhaltlich bunten Veranstaltung auch Texte von Marie Luise Kaschnitz, Rebecca Solnit und Ilia Trojanow.

      „Vogelsang, Vogelflug“, komponiert von Rudi Spring für Gesang und Hackbrett, beinhaltet „Dem Vöglein nach“ (A. Formey), „Der duftende Ärmel“ (H. Bethge), „Frühlings Ende“ (H. Bethge), „Sag an, o lieber Vogel mein“ (F. Hebbel) und „Dem ewgen Lenze zu“ (C.F. Meyer).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK