Konzerterfahrungen in München

    • Hallo zusammen,

      gestern war ich mit einer Freundin im Ballett: die Choreographie von Yuri Grigorovich zu Aram Chatschaturjans Ballett 'Spartacus' wird seit Weihnachten 2016 vom Bayerischen Staatsballett aufgeführt, ich berichte von der 9. Aufführung. Das Bayerische Staatsorchester spielte unter Leitung von Karen Durgaryan. Da ich annehme, dass es vielen Mitforianern ähnlich geht wie mir, dass diese Ballettmusik nicht zum Kernrepertoire ihrer Klassikrezeption gehört, schreibe ich auch noch zwei Sätze zum Stück.

      Gemäß der Informationen im Programmheft ist das Szenario zum Ballett 1940 entstanden und schon in diesem Jahr Chatschaturjan neben anderen Komponisten angeboten worden, der Autor Nikolai Volkov ist auch für das Szenario von Prokoffjews Ballett Cinderella verantwortlich. Durch den zweiten Weltkrieg und eine Schaffenskrise verzögert, die u.a. auf die Shdanov'schen Säuberungen seit 1948 im sowjetischen Komponistenverband hervorgerufen worden ist, begann Chatschaturjan die Komposition erst nach ausführlichen Italien-Aufenthalten im Jahre 1951, abgeschlossen wurde die Partitur 1954.

      Einige Choreographien (u.a. Leonid Jacobsen am Kirov-Theater, und Igor Moisejew) konnten das Stück nicht zu einem Erfolg bringen (ich weiß, diese Ausführung wird einem Chatschaturjan-Experten die Haare zu Berge stehen lassen), wirklich erfolgreich ist das Stück in Moskau und auf Gastspielreisen des Bolshoi-Theaters erst in der vorliegenden Choreographie von Grigorovich aus dem Jahre 1968. Diese sieht wohl einige Kürzungen auch in der Musik vor, so dass die heutige Spielzeit von ziemlich exakt 2 Stunden herauskommt, die originale Partitur hat nach Angaben des Münchner Programmheftes eine Spielzeit von vier Stunden. Die Kürzungen und einige Veränderungen hat Grigorovich damals in enger Abstimmung mit Chatschaturjan vorgenommen. Seine Fassung ist auch die Basis für die einzige westliche, derzeit lieferbare Einspielung unter Michail Jurowski, dem DSO und dem RIAS-Kammerchor.

      Von musikalischer Seite ist das Stück nahezu dauernd in einem Zustand großer Erregung, was beim Thema eines Anführers eines antiken Sklavenaufstands nicht wirklich erstaunlich ist. Selbst die eingebauten Solo- und Duo-Szenen steigern sich sehr schnell, das Schlagwerk hat über weite Strecken dominante Passagen zu spielen. Echte Kampfszenen gibt es wenige, es ist eher die Gegenüberstellung einer dekadenten Herrenschicht (Römer) und ehrlichen Untergegebenen (Thraker, aber auch Schäfer). Vom Tänzerischen sind viele Szenen erstaunlich Spitzentanz-affin, das gilt für beide weibliche Hauptrollen (Phrygia und Aegina), aber auch für die anderen Kurtisanen und Schäferinnen. Bei den Männern spiegelt sich sowohl in den beiden Hauptrollen (Spartacus und Crassus) als auch in den Gladiatoren, Sklavenhändlern, Soldaten, Schäfern eine sehr athletische-männliche Tradition wider. Da wird gesprungen, männlich aufgetrumpft, dominiert, dass es (mir) ein Graus ist.

      Wobei ich natürlich die tänzerischen Leistungen an der Stelle ausnehmen möchte, da haben alle Beteiligten, vor allem Osiel Gouneo in der Titelrolle und Prisca Zeisel als Aegina ganz Großartiges geleistet.
      Sicher ist Ballett nicht die diskursfreudigste, differenzierungsfähigste Kunstform, aber so eindimensional wie im Szenario und - so mein Eindruck nach der gestrigen Aufführung, leider auch in der Musik - muss die Figurenführung für mein Empfinden doch nicht sein. Aber das hat vermutlich viel mit dem Bemühen zu tun, eine wirkungsvolle und begeisternd-einfach gestrickte Geschichte zu erzählen. Mein Eindruck war, dass die Mehrheit im Publikum dennoch ganz unvoreingenommen begeistert war, dass sich meine Skrupel mit dem Stück (Musik und ausgewählte Choreographie) nicht bei allen Anwesenden niedergeschlagen haben. Ich kann jedenfalls gut verstehen, dass westliche Compagnien bisher einen Bogen um das Stück gemacht haben. Aber für die neue Leitung unter Igor Zelensky scheint sich die Wahl mindestens als kommerzieller Erfolg darzustellen, der Jubel gestern war größer als bei vielen anderen Tanzstücken am Bayerischen Staatsballett zuletzt.

      Gruß Benno
    • MOZART UND SCHUBERT „HERGERICHTET“

      Zu einem Konzert zum 70. Geburtstag von Gidon Kremer und zum 20-jährigen Jubiläum der Kremerata Baltica in der Philharmonie im Gasteig (München) 8.3.2017 (persönliche Eindrücke)

      Draußen stehen Leute, die auf Restkarten hoffen, auf den oberen Rängen sind dann aber einige Plätze, ja teilweise halbe Reihen frei. Die da sind sind es wohl wegen der Namen, egal welche Werke geboten werden. Und doch: Die Werkauswahl wirkt „zweckdienlich“: Präsentation des eigenständigen Ensembles mit einer ambitionierten Werk- und Komponistenempfehlung, Präsentation des Ensembles mit dem Star, Präsentation der beiden Stars im Duo und Präsentation der beiden Stars zusammen mit dem Ensemble. Nicht zu viel Innovatives, es soll dann doch irgendwie bekömmlich sein, vertraute Komponistennamen dabei, aber was gibt es von denen für die zu präsentierende Besetzung?

      Die Sinfonietta Nr. 2 g-moll op. 74 von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) spielt das Kammerensemble kompakt und aufs in sich geschlossene Zusammenspiel konzentriert ohne Dirigent. Das Werk für Streichorchester und Pauke hat vier Sätze. Den ersten empfand ich energisch furios treibend, den zweiten geheimnisvoll über untergründig forcierendem Schreiten, und die Sätze 3 und 4 entfalten ein gewichtiges Lamento, hin zu einem Ende, das nicht zu harmonisieren versucht, den Eindruck eines Komponisten hinterlässt, der wahrlich weiß, was Schmerz bedeutet, physisch wie psychisch. Es war meine Erstbegegnung mit Musik von Weinberg, für die ich nicht zuletzt als Schostakowitsch Fan (und auch bei diesem noch vieles entdecken müssend) nun sofort gewonnen bin. Das Werk findet sich übrigens nicht auf der gerade erschienenen ECM Doppel CD der Kremerata Baltica, stattdessen kann man sich damit mit den drei Kammersymphonien und dem Klavierquintett in einer Fassung mit Streichorchester anfreunden.

      Franz Schuberts Fantasie C-Dur D 934 konnte man in München erst vor kurzem mit Leonidas Kavakos und Yuja Wang live hören, nun erklingt das Werk in einer Fassung für Violine und Orchester von Victor Kissine, das ermöglicht den speziellen Auftrittsapplaus für Gidon Kremer, der sich voll auf sein Ensemble verlassen und sich ganz auf seinen Solopart konzentrieren kann. Man wird in eine andere Dimension katapultiert, durch das Streichorchester wirkt die Musik wie im Wolkenbett schwebend. Die sehr kompakte Interpretation vermeidet allzu wienerische Assoziationen. Mit Fortdauer des Werks (das Original im Hinterkopf) schleicht sich bei mir der Gedanke ein, dass Martha Argerich nach der Pause auch mitwirken wird und man das Werk gerne einmal mit Kremer/Argerich hören möchte. In vielen stilleren Passagen stört die offenbare Hustenepidemie in München. Und bei aller Klangkultur und Präzision im ausgefeilten Arrangement festigt sich bei mir das Fazit: Schubert wird schon gewusst haben, warum er sein Werk genau für die Besetzung Violine und Klavier komponiert hat.

      Robert Schumanns Sonate Nr. 1 für Violine und Klavier a-moll op. 105 haben Kremer und Argerich schon vor vielen Jahren für CD eingespielt, mit Martha Argerich liegt seit einiger Zeit auch eine Liveaufnahme mit Itzhak Perlman vor. Die Interpretation des Werks, zwei Vollprofis im vollendeten Zusammenspiel, macht Lust darauf, sich ins Werk mit diesen Aufnahmen gerne zu vertiefen, in den ersten Satz voll intensiver, unbedingter Leidenschaft, in den freundlich-liedhaften zweiten mit seinem dramatischen Abschnitt mittendrin (erneut besonders aufdringlich in stillen Passagen durch die offenbar nicht unterdrückbaren Hustenanfälle Einzelner „bereichert“) und mit dem furiosen Ritt des dritten Satzes.

      Und dann also ein Werk für Violine, Klavier und die Kremerata Baltica: Victor Kissine hat Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299 für Violine, Klavier und Orchester arrangiert – als wäre es ein echtes Mozartkonzert für diese Besetzung? Wieder spielt das Ensemble völlig autonom, Kremer und Argerich können sich vollkommen darauf verlassen, dass „alles funktioniert“ und sich ganz auf ihre Soloparts konzentrieren. Zu Höhepunkten werden für mich die Kadenzen in allen Sätzen, geistvolle, inspirierte Dialoge zweier Weltklassemusiker. Im oberen Rang R der akustisch seit jeher umstrittenen Philharmonie höre ich im ganzen Konzert die Solovioline wesentlich undeutlicher als den auftrumpfenden Steinway-Flügel, der seinerseits keinen wirklich guten raumfüllenden Sound ausstrahlt. Die mozartsche Sensibilität des Zusammenspiels und der Klangwelt von Flöte und Harfe ist verlorengegangen. Im Block R hört man ein Mozart-Klavierkonzert mit Soloviolineergänzungen. Trotz der tollen Leistung aller: Wie bei Schubert, Mozart wird schon gewusst haben, warum er sein Werk genau für die Besetzung Flöte, Harfe und Orchester komponiert hat.

      Die Zugaben sind auch taktisch passend gewählt: Liebesleid von Fritz Kreisler mit dem Starduo und etwas Kurzes wie Schmissiges (Filmmusik von Weinberg, aus der SZ Kritik erlesen), noch einmal mit Kremer und seinem Ensemble. Im lang anhaltenden, herzlichen Applaus dankt Gidon Kremer noch jedem einzelnen Ensemblemitglied.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ENTDECKUNGEN IM RAHMEN SCHUBERT

      Zu einem Klavierkonzert von Rudi Spring im Lehrinstitut Bencic (München), 11.3.2017 (ein persönlicher Konzerteindruck)

      Der 1962 in Lindau geborene Pianist, Komponist und Musikpädagoge Rudi Spring, seit 1999 Dozent für Liedgestaltung an der Münchner Musikhochschule, erhielt vom engagierten Münchner Musikalienhändler Heinz Lebermann („Notenpunkt“) die Möglichkeit, einen Klavierabend zu gestalten mit den Vorgaben, etwas Eigenes einzubauen und sonst zu spielen, worauf er Lust hat, wie der Künstler in einer seiner launigen Moderationen erklärt.

      Wer schon öfter Klavierkonzerte mit Rudi Spring miterlebt hat weiß, dass das Programm besonders ausgefeilt zusammengestellt sein wird und man auch als Musikinteressierter einiges lernen kann und vielfach inspiriert wird, sich mit dem Gebotenen und dessen Umfeld vertiefend zu befassen.

      Klavieristisch geht Rudi Spring „da-seiend“, kräftig, zupackend, sehr bestimmt zur Sache. Der kleine Rahmen (es sind im nicht zu großen Raum zwölf Besucher anwesend) unterstützt den ausfüllenden Sound des Steinway Stutzflügels, selten kann man Klaviermusik so unmittelbar miterleben, fast als wäre man mitten im Klavier.

      Einige Druckfehler im Programmblatt werden im Lauf des Konzerts vom Künstler charmant richtiggestellt, die Moderationen geben dem Abend eine sympathische Lockerheit. Rudi Spring kann das – fundiert aber auch humorvoll erklären und dann aber sofort ganz in die Musik eintauchen. Er vermittelt Menschsein und hochkarätiges Künstlertum gleichzeitig.

      Franz Schuberts Impromptus D 935/1&2&4: 1 mit dieser Wunderwelt der fließenden himmlischen Längen, 2 für den Schreiber dieser Zeilen eine Jugenderinnerung, da selbst damals gerne geübt und gespielt, 4 pointiert und mit grimmigem Schalk – dass Schubert ein Urwiener Komponist ist, spielt Rudi Spring wie selbstverständlich mit, ich fühle mich mit dieser Interpretation als geborener Wiener ganz zu Hause. Danach erläutert Rudi Spring, warum er die Nr. 3 ausgespart hat, seiner Meinung nach passt dieses Stück tonartlich nicht zu den anderen, an anderen Abenden spielt er die Nr. 3 zu einem späteren Konzertzeitpunkt. Er wollte hier die Tonartenwelt belassen.

      Die Visionen op. 6 (Im Traume I, Spiegelung, Tanz, Schattenspiel und Im Traume II) hat Rudi Spring 1980 komponiert und dann teilweise revidiert, bis zur Druckausgabe 2005 und sogar noch in kleinen Details bis zu diesem Konzert. Die Stücke – so Spring – gehen auseinander hervor, wie auch die danach folgenden von Stenhammar. Sie fächern reizvolle Klavierspiel- und Klangwelten auf, Charakterstücke, die die Stücktitel in unterschiedlichen Farben und Klangwirkungen „interpretieren“. Man kann sich damit so richtig in die Welten der Stücktitel versetzen.

      Eine echte Entdeckung sind auch Wilhelm Stenhammars Sensommarnätter (Spätsommernächte) op. 33 vor der Pause, eine dunklere, nordischere Klangwelt offenbarend. Wir erfahren von Rudi Spring, dass das letzte der fünf Stücke als erstes komponiert wurde. Rudi Springs leidenschaftlicher Einsatz in Worten und am Klavier macht Lust darauf, sich mehr mit diesen Stücken und mit dem Komponisten überhaupt zu befassen.

      Im zweiten Teil, so Spring „beruhigend“, gibt es weniger einleitende Worte als die Stückanzahl vermuten lässt. Hier wurden aus lauter Einzelstücken Zyklen gebildet, ein Bogen gespannt.

      Für Klavier hat Rudi Spring Hans Pfitzners Liebesmelodie aus der Oper "Das Herz" bearbeitet, auch dies eine reizvolle Neuentdeckung.

      Springs nun folgende erste eigene Bagatellenauswahl, fast alle Widmungsstücke, bringt kurze Charakterstücke, die zwischen 1982 und 1996 entstanden: Taivas on sininen (Der Himmel ist blau) op. 6A/10 (eine Bearbeitung des gleichnamigen finnischen Volkslieds), Intermezzo op. 16A/2, Capriccietto op. 6A/6, Garthurinn skaftholts (Der Garten von Skaftholt) op. 67B, Sotto voce op. 6A/9 und „…and the elephants are flying south“ op. 6A/5.

      Ein ganz besonders reizvoller Zweierblock mischt nun die Grenzen zwischen E- und U-Musik auf: Auf Eduard Künnekes von Spring besonders sympathisch musikantisch gespielten Valse mélancolique (1929) folgt Erwin Schulhoffs jazzig angehauchter Tango pour E. Künneke.

      Der zweite Bagatellenblock mit Werken Springs bringt Stücke, die zwischen 2004 und 2007 entstanden, Der Widerhall der Klüfte op. 84C 2004 und für den 80. Geburtstag von Wilhelm Killmayer 2007 erweitert, Seltsames Lied op. 83A 2006 für eine damals elfjährige Lernende und Munin & Hugin op. 83B ebenfalls 2006 als Auftragskomposition, es sollte etwas „mehr Fließendes“ sein. Spring kam thematisch auf die beiden Raben des Göttervaters Odin Munin und Hugin und zeigt am Klavier, wie er eine musikalische „Bestätigung“ versteht, die im Werk wichtig ist. Da der Auftrag für ein Vierminutenwerk erteilt wurde, aber nach Fertigstellung noch 25 Sekunden zwischen den beiden Bagatellen offen waren, fügte Spring Beethovens letztes Klaviernotat Comme un souvenir à Sarah Burney Payne hinzu, wodurch sich der Auftraggeber 50 Euro ersparte. Auch diese späteren Bagatellen verdienen es sicher, einem größeren Publikum vorgestellt zu werden.

      Abrundung wieder mit Franz Schubert: Das Klavierstück D 946/3, so Spring, steht für sich, also ohne die beiden anderen erstmals von Brahms herausgegebenen späten Klavierstücke, es muss nicht mit diesen zusammen aufgeführt werden. Spring erläutert kurz die Dreiteiligkeit des Stücks, rasend, sich ausbreitend, dann noch einmal rasend. Die noch einmal kräftige Interpretation des Pianisten groovt in den rasenden Teilen und offenbart ein weiteres dieser wehmütigen Schubert-Wunder im Mittelteil.

      Verschmitzt beendet Rudi Spring das Konzert nicht mit einer musikalischen Zugabe, denn dies ist der letzte Scherz des Abends (so Spring), „das war bereits die Zugabe, der Kreis ist geschlossen“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      Alexander und ich decken tatsächlich einige Teile des Münchner Klassik-Konzertlebens ab.

      Hier kommt mal wieder ein Beitrag zu einem von mir besuchten Konzert des BStOr. Gestern hörte ich dort in reizender Begleitung das 5. Akademiekonzert der diesjährigen Spielzeit, am Pult stand Cornelius Meister, dessen sehr ordentliche Karriere ich aufmerksam beobachte, nachdem ich das Vergnügen hatte, ihn in jungen Jahren schon einmal zu erleben.

      Das Programm war buntgemischt, eine Cornelius Meister gewidmete, 2012 in Heidelberg uraufgeführte Komposition des 1975 geborenen David Philip Hefti eröffnete das Konzert. Das Lento bezeichnete Stück ,Changements Stimmungsbilder für Orchester genannt, spielt mit Orchesterfarben, die Mehrheit der Spieltechniken und Klangeindrücke könnten, so mein sicher nicht maßgeblicher Eindruck, auch schon 80- 100 Jahre vorher geschrieben worden sein. Wie die beiden weiteren Stücke im Programm beginnt es mit einem tiefen Ton, hier ein E, gespielt von Kontrafagott, Tuba, Harfe und Kontrabässen. Wie das wie immer sehr gut geschriebene Programmheft richtig bemerkt, sind Veränderungen an sich das Thema, oder eine 'diskontinuierliche Zusammenhangsbildung'. Ich fand das Ganze recht interessant, das Orchester spielte unter Meisters Leitung ungemein farbig-begeistert.

      Als Zweites stand Ludwig van Beethovens Konzert für Violine, Violoncello und Klavier C-Dur op. 56 auf dem Programm. David Schultheiß, Violine, Yves Savary, Violoncello sind Solisten des Bayerischen Staatsorchesters, dazu war Maria Mazo, Gewinnerin des Beethoven-Wettbewerbs Wien 2013, am Klavier zu erleben. Bisher bin ich dem Stück einmal im Konzert begegnet, dort spielten sich namhafte Solisten in ihren - oft sehr kurzen - Einwürfen immer etwas an die Wand, hier war nun ein sehr kammermusikalisches Musizieren mit dem Orchester zu erleben, auch hier leistete Cornelius Meister viel Gutes bei der Koordinierung der heiklen, leicht auseinanderbrechenden Musik. Ich fand es hervorragend zu erleben, wie auch in den leiseren Solistenpassagen von Violine und Violoncello das Streichorchester immer weit genug zurücktrat. Und über die Bläser gibt es auch nur Gutes zu berichten. Wenn man mäkeln will, könnte man kritisieren, dass das 'Rondo alla polacca' eher ein freundliches Rondo viennese war, aber das geht mir schon immer so mit der berühmten Einspielung mit Karajan/Richter/Oistrach/Rostropowitsch.

      Zum Schluss stand Richard Strauss Also sprach Zarathustra op 30 TrV 176 auf dem Programm, in Gegensatz zu den vorigen Stücken ein auch vom BStOr recht oft gespieltes Stück, nur gut drei Jahre nach der Uraufführung in Frankfurt leitete der Komponist eine erste Aufführung des Reißers im Rahmen eines Akademiekonzerts am 16.3.1900. Die letzte Aufführung des BStOr ist nun aber fast zehn Jahre her. Ich bin kein Strauss-Fan, bin es auch durch die Aufführung nicht geworden, obwohl es sicher nicht an der Interpretation lag. Im Gegensatz zur fast gleichzeitigen Mahler-Symphonie mit Nietzsche-Bezug erreicht mich diese Musik wieder einmal nicht. Von der Disposition vom brutal-eingängigen Werbemusik-Einstieg bis zu den kleinsten Verästelungen der Streicher haben BStOr und Cornelius Meister vieles absolut überzeugend gestaltet, das Orchester war in luxuriöser Hunderter-Besetzung auf dem Podium und hat mit großer Begeisterung die Interpretation Meisters getragen. Besonderen Applaus bekamen neben dem Dirigenten der Solopauker Ernst-Wilhelm Hilgers und die als Gast hinzugetretene Konzertmeisterin Sophie Heinrich.

      Das BStOr ist auch ohne Kirill Petrenko in absolut bestechender Form, auch wenn das Orchester dann noch einmal einen ordentlichen Qualitätssprung macht, wenn der Bayrische Generalmusikdirektor am Pult steht. Cornelius Meister hat sich durch sein Dirigat sicher noch mehr Freunde in München und auch in der Staatsoper gemacht, seinem sehr guten Ruf ist er gestern voll und ganz gerecht geworden.

      Gruß Benno
    • ORIGINELLE POINTIERUNGEN

      Zum Klavierabend von Josef Bulva im Herkulessaal der Münchner Residenz, 3.4.2017 (ein persönlicher Höreindruck)

      Mit Bohuslav Martinůs dreisätziger Klaviersonate H 350 aus dem Jahr 1954 legte der 1943 in Brünn geborene Pianist, der wegen eines Unfalls der linken Hand 13 Jahre pausieren musste, ehe er mit einer Alterskarriere neu durchstartete, im nicht ganz ausverkauften Benefizkonzert zu Gunsten des Hilfsvereins Nymphenburg e.V. eine beeindruckende Vorgabe hin. Sofort konnte man mit dem stoisch ruhig am Steinway sitzenden Künstler ganz unmittelbar in die Musik im Spannungsfeld zwischen rhythmisch-motorischen Passagen, mährischen Volksliedzitaten und großen bis ins Orchestrale sich aufbauenden Steigerungen eintauchen. Eine große, fulminante Klaviersonate des 20. Jahrhunderts, atemberaubend mitreißend dargeboten, freilich vor einem Publikum, das wohl mehr des guten Zwecks als der Musik wegen zugegen war, wie gleich der Applaus danach unterstrich, der beschämend bescheiden ausfiel.

      Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53, die berühmte „Waldstein“ Sonate, spielte Bulva genauso stoisch ruhig sitzend. Im 1. Satz wiederholte er die Exposition nicht. Der Satz zog eher routiniert abgespult wirkend vorüber, etwas kühl, mit winzigen Ungenauigkeiten, über die der Pianist aber souverän hinwegspielte. Bei den gelegentlichen Zäsuren der Musik erlaubte sich Bulva teilweise durchaus originelle Pointierungen. Spannend impulsiv gelang ihm der 2. Satz, bei dem man ja eine immense innere Spannung aufbauen kann, wenn man es möchte. Ganz aus dem Augenblick heraus entwickelte sich hier der große Bogen. Den mitreißend aufspielenden Vollblutmusikanten kehrte Bulva im großen Rondofinale der Sonate hervor, nur mehr gelegentlich zur Tendenz des maschinellen Abspielens aus dem 1. Satz zurückkehrend. Den vorigen Applaus bestätigend signalisierte das Publikum danach, der Gang in die Pause sei wichtiger als deutliche Anerkennung der beachtlichen Leistung eines 74jährigen arrivierten Pianisten.

      Stoisch ruhig wie bisher begab sich Bulva auch in die große Welt der Klaviersonate h-Moll von Franz Liszt. Wer die kürzlich erst veröffentlichte Aufnahme Bulvas aus dem Jahr 1984 im Ohr hatte, war gespannt darauf, ob sich der unkonventionell-originelle Interpretationsansatz des Pianisten seither verändert hat. Bulva enttäuschte die neugierige Erwartungshaltung keineswegs, er verblüffte auch im Herkulessaal an diesem 3.4.2017 mit einer impulsiven und originell pointierten Herangehensweise, trotz Frack sympathisch hemdsärmelig, frech eigenwillig-subjektiv, zwischendurch auf einmal ganz große poetische Bögen spannend als wäre das nichts, dann wieder voll eruptiver Kraft, und immer wieder plötzlich seltsam zurückhaltend – eine immens spannende Konzertinterpretation voller Überraschungen, die das Werk auch für den, der es schon x-mal gehört hat, wieder ganz neu mitlebbar machte. Der Applaus fiel nun etwas höflicher freundlich aus. Zu einer Zugabe hin streckte er sich aber nicht, allerdings machte Josef Bulva auch keine wirklichen Anstalten, eine geben zu wollen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • STAUNEN MIT DER LIEDVIELFALT

      Zum Liedforum 2017 der Hochschule für Musik und Theater München, 3. bis 5.4.2017 (persönliche Höreindrücke)

      Ein besonders ambitioniertes Projekt ist jedes Frühjahr das dreitägige Liedforum der Hochschule für Musik und Theater München. 2017 steht es unter dem Motto »Das Kunstlied in Europa«. Im Großen Konzertsaal stellen Studentinnen und Studenten der Liedgestaltungsklassen ein vielfältiges Kaleidoskop an Kunstliedern für Gesang und Klavier vor. Die Liedduos 2017 kommen aus den Liedgestaltungsklassen von Prof. Fritz Schwinghammer, Rudi Spring, Prof. Donald Sulzen und Tobias Truniger sowie aus den Kursen Französisches Lied (Prof. Celine Dutilly) und Slawisches Lied (Evgenia Grekova und Hans-Christian Hauser).

      Textdichter-Jubiläumsjahre prägen vielfach die Zusammenstellung und Blöcke der drei Konzertabende: Ernestine von Krosigk und August Wilhelm von Schlegel sind 1767 geboren, Max von Schenkendorf und Ernst Schulze 1817 gestorben, Karl Candidus, Aleksej Tolstoj und Theodor Storm 1817 geboren, Franz von Bruchmann, Julius Mosen und Charles Baudelaire 1867 gestorben, J.P. Contamine de Latour, Elsa von Asenijeff, Konstantin Balmont und Paul Remer 1867 geboren und Bo Bergman und Langston Hughes 1967 gestorben.

      Das Programm des ersten Abends (3.4.2017): Franz Schubert, Drei Lieder nach Ernst Schulze (1826): »Lebensmut« D 883, »Über Wildemann« op. 108/1 D 884 und »Im Frühling« D 882 mit Bavo Orroi/Ryuzo Seko (Klasse Rudi Spring) – aber dieser Block fiel leider aus. Der Start also gleich mit einem Storm-Mosaik: Alexander Zemlinsky, »Geflüster der Nacht« op. 2 (Heft I, Nr. 3) (1895), Alban Berg, »Schließe mir die Augen beide« (frühe Version, 1907), Othmar Schoeck, »April« op. 35 / 2 (1928) und Johannes Brahms, »Über die Heide« op. 86 / 4 (ersch. 1882) mit Mirjam Künstner/Yejin Koo (Klasse Rudi Spring), in der Folge Franz Schubert, »An die Leier« op. 56 / 2 (1822 oder 23) und »An mein Herz« D 860 (1825) mit Frederic Jost/Ji Young Han (Klasse Prof. Donald Sulzen), und vor der Pause noch Lieder von Enrique Granados, aus: »Colleción de tonadillas« (1912-13) »La maja dolorosa« Nr. 1 (»Das kummervolle Mädchen«), »La maja dolorosa« Nr. 2 und »La maja dolorosa« Nr. 3 mit Florence Losseau /Wonny Seongwon Park (Klasse Prof. Donald Sulzen) sowie »La maja y el ruisenor« / »Das Mädchen und die Nachtigall« (1911/15) mit Josephine Renelt/Mayuko Obuchi (Klasse Tobias Truniger) und aus: »Canciones amatorias« (1914–15) »Descubrase el pensamento de mi secreto cuidado«/»Enthülle den Gedanken meines gehüteten Geheimnisses« und »Llorad, corazón, que tenéis razón«/»Weine, Herz, denn du hast Recht« sowie »Gracia mia«/»Meine Anmutige« mit Carmen Artaza /Mayuko Obuchi (Klasse Tobias Truniger).

      Nach der Pause viel Zoltán Kodály: zunächst »Fáj a szivem …«/»Es schmerzt mein Herz« (1917), »Kis kertët kertëltem …« / »Einen kleinen Garten pflegte ich« (ersch. 1964) und »Várj meg Madaram …« op. 14 / 3 / »Wart ab, mein Vogel« (ersch. 1929) mit Katharina Peschl/Ji-Young Han (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer), leider ausgefallen auch der Hermann Reutter Block, in dem es aus den Fünf Liedern nach Gedichten von Theodor Storm op. 58 (ersch. 1948) »Hyazinthen«, »Verirrt« und »Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt« mit Pia Buchert/Yuri Yamamoto (Klasse Prof. Donald Sulzen) gegeben hätte, nun noch einmal Kodály, Drei Volkslieder, nämlich »A csitári hegyek alatt«/»Unter den Csitárer Bergen« (ersch. 1932), »Kocsi, szekér …«/»Wagen, Schlitten …« (ersch. 1928) und »Tücsöklakodalom« /»Grillenhochzeit« (ersch. 1929) mit Réka Kristóf/Aldo Brecke (als Gast) (Klasse Prof. Donald Sulzen), von Wilhelm Killmayer aus: Mörike-Lieder (2003–04) »Ein Stündlein wohl vor Tag«, »Verborgenheit«, »Der Gärtner« und »Dr. B. und der Dichter« mit Shimon Yoshida /Rie Kimura (Klasse Prof. Donald Sulzen) und im dritten Kodály Block »Magányosság« op. 6/1 /»Einsamkeit« (1912), »Búsan csörög a lomb« op. 6 / 5 / »Traurig klirrt das Laub« (1915) und »A tavasz« op. 6 / 4 / »Der Frühling« (1913) mit Corinna Scheurle/Esperanza Martin-Lopez (Klasse Prof. Donald Sulzen).

      Das Konzert wurde vom Schreiber dieser Zeilen nicht besucht (ich war ja im Herkulessaal, siehe voriges Posting), die ihm zur Verfügung stehenden Aufnahmen einiger Lieder des Konzerts mit Dietrich Fischer-Dieskau (Schubert mit Gerald Moore, DGG und Brahms mit Daniel Barenboim, EMI) am 4.4.2017 in den Stunden vor dem zweiten Konzert aber konzentriert (nach)gehört. »Lebensmut« D 883 kommt lebensfroh-positiv daher. »Über Wildemann« op. 108/1 D 884 erinnert mit seinen ihm innewohnenden Kontrasten an den „Erlkönig“, und »Im Frühling« D 882, der wehmütige Rückblick, die Erinnerung an eine frühere Geliebte, ist ein melodisch so schlichtes wie atmosphärisch ganz besonderes Lied, ein verstecktes, kleines großes Kleinod. Brahms´ »Über die Heide« op. 86 / 4 hingegen ist ein kurzes, nahezu verstörendes Lied einer Herbstdepression. Schuberts »An die Leier« op. 56 / 2 fordert pazifistisch einen Liebes- statt einen Heldengesang, und sein »An mein Herz« D 860 meint einmal mehr, früher war der Sänger glücklich, jetzt bleibt ihm der Appell an die Solidarität des Herzens.

      Zu Beginn des zweiten Konzertabends (4.4.2017) bietet Rudi Spring eine kurze Einführung zur Programmfolge, speziell auf die Textdichter-Jubiläumsjahre verweisend. In den leider mehr halbleeren als halbvollen Saal kann man zusätzlich zum Programmheft auch eine Synopse mitnehmen, die alle fremdsprachigen Lieder des Konzerts inhaltlich aufschlüsselt.

      Das Programm, im Konzert selbst ohne Mitschreiben durchgehört, um sich ganz auf die Lieder einlassen zu können: Franz Schubert, Drei Lieder nach Ernst Schulze, nämlich »Im Jänner 1817« D 876 (1826), »Der liebliche Stern« D 861 (1825) und »Auf der Bruck« op. 93 / 2 D 853 (1825) mit Manuel Adt/Kathrin Isabelle Klein (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer), danach ein Jubilar-Mosaik, Robert Schumann, »Der Nussbaum« op. 25/3 (1840), Alban Berg, »Die Nachtigall« (1907), Sergej Prokofiev, »Schmetterling« op. 36 / 3 (1921) mit deutschem Text und Arnold Schönberg, »Mädchenlied« op. 6 / 3 (1905 / 07) mit Andrea Jörg /Ji Young Han (Klasse Rudi Spring), jeder Komponist, jedes Lied egal welchen Blocks, zwischendurch sei es eingestreut, eine Entdeckung, eine Vertiefung, eine Weiterbeschäftigung damit wert, nun ein Niels Wilhelm Gade Block mit drei Hans Christian Andersen Gedichtvertonungen, »Romanze«, »Martsviolerne« / »Die Märzveilchen« und »Snee-Dronningen« / »Die Schneekönigin« (Rudi Spring verweist in der Einführung auf das gleichnamige Märchen) und »Knud Lavard« (1842) mit William Pedersen/Hiroko Utsumi (Klasse Prof. Donald Sulzen), danach Drei Lieder nach Gedichten von Karl Candidus von Johannes Brahms, »Sommerfäden« op. 72 / 2 (1876), »Lerchengesang« op. 70 / 2 (1877) und »Geheimnis« op. 71 / 3 (1877) mit Anna Karmasin /Rie Kimura (Klasse Prof. Donald Sulzen) sowie vor der Pause noch zwei Wilhelm Stenhammar Blöcke, Vier Lieder nach Gedichten von Bo Bergman op. 20, das sind »Stjärnöga«/»Sternauge« (1903), »Månsken«/»Mondschein« (1904), »Gammal Nederländare«/»Alter Niederländer« (1904) und »Adagio« (1903) mit Eric Ander/Linlin Fan (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer) und weitere vier Lieder nach Gedichten von Bo Bergman, »Melodi« (1917), »I en skogsbacke« op. 38 / 2 /»Auf einem Waldhügel« (1918), »Klockan«/»Die Glocke« (1923) und »Stjärnan« op. 26 / 3 /»Der Stern« (1909) mit Kathrin Zukowski/Hiroko Utsumi (Klasse Rudi Spring).

      Nach Wiederbeginn nicht-deutschsprachige Liedwelten, vielfach impressionistisch, naturhaft: Claude Debussy, Cinq Poèmes de Charles Baudelaire, das sind hier so gereiht Nr. 2 »Harmonie du soir«/»Harmonie des Abends« (1889), Nr. 3 »Le Jet d’eau«/»Der Springbrunnen« (1889) und Nr. 4 »Recueillement«/»Andacht« (1889) noch einmal mit Florence Losseau /Linlin Fan und Nr. 1 »Le Balcon«/»Der Balkon« (1888) und Nr. 5 »La Mort des amants«/»Der Tod der Liebenden« (1887) mit Samantha Gaul/Hiroko Utsumi (beide Klasse Prof. Céline Dutilly), in der Folge zwei Charles Kœchlin Blöcke, der erste mit »N’est-ce pas?« op. 24 /3 / »Nicht wahr?« (1901–02), »Il pleure dans mon Cœur« op. 22 / 4 / »Es weint in meinem Herzen« (1901) und »Le Vin« op. 14 / 4 / »Der Wein« (1896 / 99) mit Alexander York /Anna Handler (Klasse Rudi Spring) und der zweite mit »La Rose du rameau sec« op. 56/3/»Die Rose vom dürren Zweig« (1914–16), »Villanelle« op. 21/1 (1900–01) und »La Pêche« op. 8 /1 / »Die Fischerei« (1891 / 95) mit Martin Burgmair/Yiqui Zhou (Klasse Tobias Truniger). Flore van Meerssche/Hiroko Utsumi (Klasse Evgenia Grekova) bringen Zwei Lieder nach Gedichten von Aleksej Tolstoj, beide auf Russisch, Nikolaj Rimskij-Korssakovs »Heller der Lerche Gesang« op. 43 /1 (1897) und Aleksandr Grečaninovs »Auf die gelben Felder senkt sich die Stille«. Der Block mit Modest Mussorgskijs Zwei Liedern nach Gedichten von Aleksej Tolstoj (»Es verfliegt, es verschwindet die Trauer« und »O, ist es eine Ehre für einen jungen Mann, Leinen zu weben?«) mit Nathalie Flessa /Linlin Fan (Klasse Evgenia Grekova) entfällt leider. Den Abschluss machen Josephine Renelt/Wonny Seongwon Park (Klasse Evgenia Grekova) mit Zwei Liedern nach Gedichten von Konstantin Balmont, wieder auf Russisch, Sergej Prokofievs »Es gibt andere Planeten« op. 9 /1 (1910 /11) und Reinhold Glières »Die Nixe« 52 / 8 (1911), den ja auch von Antonín Dvořák aufgegriffenen Rusalka Stoff behandelnd und mit der ambitionierten Sängerin die Nymphe, die den Prinzen in den Meeresgrund ziehen möchte, auf der Konzertsaalbühne akustisch lebendig werden lassend, am Ende also fast noch eine richtige Opernszene bietend.

      Die Leistungen aller Mitwirkenden beeindrucken, so unterschiedlich die Charaktere, Stimmfarben und Ausdrucksmöglichkeiten auch erscheinen. Einige bestreiten mehrere Blöcke, bei insgesamt vier Blöcken (und am nächsten Tag auch noch bei zwei weiteren) spielt Hiroko Utsumi Klavier, eine außergewöhnliche virtuose wie als Liedgestalterin flexibel einfühlsame Leistung.

      Nachts zu Hause erfolgt dann die akustische „Nachbereitung“ einiger deutschsprachiger Lieder des Konzerts mit Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore (Schubert, DGG), Christoph Eschenbach (Schumann, DGG) und Daniel Barenboim (Brahms, EMI). Dem Schubert Lied »Im Jänner 1817« D 876 ist im Klammer (Tiefes Leid) beigefügt, auch Schuberts »Der liebliche Stern« D 861 und »Auf der Bruck« op. 93 / 2 D 853 (der Ritt eines Ehemannes fern der Frau) erweisen sich als weitere Lied-Edelsteine, die man nicht mehr missen möchte. Schumanns »Der Nussbaum« op. 25/3 erklärt dem Mägdlein am Baum, noch warten zu müssen. Brahms´ »Sommerfäden« op. 72 / 2 sind Liebesträume, der »Lerchengesang« op. 70 / 2 besticht hingegen ganz zauberisch mit seinem irisierend zarten Klaviersatz und Fischer.-Dieskaus weiser Zurückhaltung, und »Geheimnis« op. 71 / 3 erfragt Nämliches bei der Natur.

      Am 5.4.2017, beim dritten Konzert, begrüßt Fritz Schwinghammer das sich locker im Saal verteilt habende Publikum. Das Programm: Franz Schubert »Lob der Tränen« op. 13 / 2 (1818?), »Ilmerine« D 458 (1816) (Ernestine von Krosigk) und »Die verfehlte Stunde« D 409 (1816) mit Samantha Gaul/Ji Young Han (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer), danach ein Jubilar-Mosaik mit Franz Schubert Ständchen (»Horch, horch« – einstrophiges Original) D 889 (1826, im Original Shakespeare, deutsch Schlegel), Adolf Jensen »Lose« op. posth., Johannes Brahms »Todessehnen« op. 86 / 6 (1878) und Franz Schubert »Der zürnende Barde« D 785 (1823) mit Niklas Mallmann /Ningxin Zhang (Klasse Rudi Spring), leider ausgefallen Max Regers Drei Lieder nach Gedichten von Elsa Asenijeff (1912) - »Klage«, »An eine Mutter« und »Amselliedchen« mit Nathalie Flessa /Yiqui Zhou (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer), aber weiter mit Johannes Brahms - Drei Lieder nach Gedichten von Max von Schenkendorf (1874), nämlich »Frühlingstrost« op. 63 /1, »An ein Bild« op. 63 / 3 und »An die Tauben« op. 63 / 4 mit Ansgar Theis/ Wonny Seongwon Park (Klasse Prof. Donald Sulzen), nun stilistisch völlig anders John Musto (*1954), aus: »Shadow of the Blues« (1986) (Texte von Langston Hughes) »Silhouette«, »Litany« und »Island« mit Gabriel Rollinson /Yiqiu Zhou (Klasse Prof. Donald Sulzen), und weiter Ausgefallenes, Drei weitere Lieder nach Gedichten von Langston Hughes, darunter Dessau auf Englisch, Paul Dessau Two Songs (1934), nämlich »Homesick Blues« / »Heimweh-Blues« und »Porter« / »Träger« und Alexander Zemlinsky, »Afrikanischer Tanz« op. 27 / 9 (1937, deutsch: Josef Luitpold) mit Florian Drexel/Hiroko Utsumi (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer) sowie vor der Pause noch Wilhelm Killmayer, aus dessen vielfach humoristischen »Heine-Liedern« (1994–95), II. Abteilung »Das ist menschlich« durchaus mit Witz vorgetragen die Lieder »Meine gute, liebe Frau«, »Dieser Liebe toller Fasching«, »Das Fräulein stand am Meere« (hat auch Christian Bruhn vertont, für Katja Ebstein), »Mittelalterliche Rohheit« und »Diese Damen, sie verstehen« mit Michael Birgmeier/Kyung-Min Hwang (Klasse Prof. Donald Sulzen).

      Nach der Pause folgen dann zunächst Lieder aus Europa, und die Abrundung bringen weitere deutschsprachige Liedern, alle, wirklich alle der drei Abende sind eine Entdeckung und nähere Beschäftigung damit wert. Gabriel Fauré »Chant d’automne« op. 5 /1 / »Herbstlied« (ca. 1870), Eric Satie »Sylvie« (1886) und noch einmal Gabriel Fauré »Hymne« op. 7 / 2 (1870?) mit Victória De Sousa Real/Wonny Seongwon Park (Klasse Prof. Céline Dutilly) sowie Henri Duparc Zwei Lieder nach Gedichten von Charles Baudelaire, nämlich »L’Invitation au voyage«/»Die Einladung zur Reise« (1870/71) und »La Vie antérieure«/»Das vorige Leben« (1884) mit Benedikt Eder/Katarina Khodos (Klasse Tobias Truniger), nun Pjotr Cajkovskij Drei Romanzen op. 38 nach Gedichten von Aleksej Tolstoj (1878), nämlich (alle russisch) »Es war im frühen Frühling« mit Alexander York /Wonny Seongwon Park, »Inmitten des rauschenden Balles« mit Niklas Mallmann /Ji Young Han und »O, könntest du in einem einzigen Augenblick« mit Matthias Bein /Wonny Seongwon Park (alle Klasse Hans-Christian Hauser), und schließlich die Abrundung mit Franz Schubert »Schwestergruß« D 762 (1822) und Richard Strauss »In goldener Fülle« op. 49 / 2 (1901) mit Lilli Jordan /Yiqiu Zhou (Klasse Prof. Donald Sulzen) sowie Ludwig Thuille »Sommermittag« op. 19 / 2 (1900) und »In goldener Fülle« op. 27/3 (1902) mit Flore van Meerssche/Hiroko Utsumi (Klasse Prof. Fritz Schwinghammer), womit am Ende sogar noch ein interessanter Vergleich der beiden Paul Remer Vertonungen »In goldener Fülle« geboten wird, Strauss rhythmisch pulsierender, Thuille auch mit großen Melodiebögen, aber lyrischer.

      Vertiefen, weiter hören zu Hause, nachts, mit Dietrich Fischer-Dieskau wieder, Schubert mit Gerald Moore am Klavier (DGG): Franz Schuberts »Lob der Tränen« op. 13 / 2 ist ganz Schubert, eine wunderschöne Melodie mit leichter Melancholie durchsetzt; das Ständchen (»Horch, horch« – einstrophiges Original) D 889 kommt volkstümlich daher, die Maid soll aufstehen, wohingegen »Der zürnende Barde« D 785 sehr bestimmt zürnt. Nun Brahms, »Todessehnen« op. 86 / 6 mit Barenboim (EMI), dunkel und ganz vertieft, die weiteren Lieder mit Wolfgang Sawallisch am Klavier (auch EMI), der belebte »Frühlingstrost« op. 63 /1, »An ein Bild« (das an die Jugend erinnert) op. 63 / 3 und »An die Tauben« (unsicher die Liebespost aufgebend, erneut sehr lebendig) op. 63 / 4; und schließlich die heiter-beschwingte, gelöste Richard Strauss Fassung »In goldener Fülle«, wieder mit Gerald Moore am Klavier (EMI). Mit jedem Komponisten, jedem Werk tut sich, ob im Konzert oder von CD, eine neue, vielfach unglaublich bereichernde Liedwelt auf.

      Aus dem ersten Konzert Schuberts »Im Frühling« D 882, aus dem dritten Schuberts unglaublich schöner, eindringlicher »Schwestergruß« D 762 – alleine die Entdeckung dieser beiden Schubert Lieder war es wert, diese unüberschaubare Liedfülle kennengelernt zu haben. Und das Interesse für die Liedvielfalt wurde damit ganz stark intensiviert.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • DER NATÜRLICHE FLUSS DER MUSIK

      Sophie Pacinis Klavierabend im Prinzregententheater (München), 7.5.2017, ein persönlicher Höreindruck

      Nach Polling also jetzt München, die Echo Nachwuchspreisträgerin 2015 stellt ihre aktuelle Beethoven/Liszt CD vor nun noch viel größerem Publikum vor.

      Ganz eintauchen in Frederic Chopins Welt: ein natürlich-empfindsamer Fluss der Musik, nichts Mutwilliges drängt sich vor, nichts Gekünsteltes, Poesie und stupende Virtuosität ganz im Jetzt – wer viel Klaviermusik hört, dem sind die Nocturnes b-moll und Es-Dur op. 9/1-2 sowie das Scherzo Nr. 2 b-moll op. 31 durchaus vertraut, man hört die Musik aber frisch und neu und eben einfach als natürlichen Fluss der Musik. Hochkonzentrierte Anspannung auch im Publikum, selbst die Huster zwischen den Stücken halten sich zurück. Das Scherzo ist der erste Abräumer des Konzerts. Dann: selbstbewusst drauflos in Ludwig van Beethoven Sonate C-Dur op. 53, die „Waldstein Sonate“, wieder empfindsam ohne Manierismen und grandios virtuos, ohne Expositionswiederholung im 1. Satz (schade), weiter ganz im Jetzt. Jede Abtönung, jeder Nuancenwechsel wirken natürlich, aus dem Geschehen heraus empfunden – mag sein spontan oder wohlüberlegt, auf jeden Fall mit der Musik, in der Musik, nie gegen die Musik – kein Spiel mit der Musik, sondern Leben ganz in der Musik.

      Nach der Pause erneut ein Eintauchen, jetzt in die Franz Liszt Welt, die dem Klavierspieler durchaus auch vertrauten Consolations E-Dur S 172/1, E-Dur S 172/2 und Des-Dur S 172/3, weiter so natürlich empfindsam, und dann der gewaltige pianistische Brocken der Réminiscences de Don Juan, der Komtur, Reich mir die Hand, mein Leben und die Champagnerarie, in wildeste Läufe und Varianten gebettet, und Sophie Pacini macht Musik daraus, bringt gar Charme hinein, und sie bietet vor allem auch eine immense Kraftleistung sondergleichen. Standing Ovations sind die logische Folge. Die lassen sich noch toppen mit der furios hingelegten 6. Ungarischen Rhapsodie von Liszt, der ersten Zugabe. Die zweite Zugabe spannt den Bogen zurück zum Konzertbeginn, Chopins Etüde op. 25/7 öffnet erneut die große, vertiefte Chopin Welt, natürlich-empfindsam, der Fluss der Musik…
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • DIE MOLDAU FLIESST DURCH WIEN

      Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker mit Bedřich Smetanas Zyklus Má vlast (Mein Vaterland) in einer Konzertaufzeichnung aus dem Wiener Musikverein und live in der Philharmonie im Gasteig (München), 11.5.2017, persönliche Eindrücke

      Einstudiert hat das Orchester unter der Leitung von Daniel Barenboim den Zyklus nach Aufnahmen mit Kubelik (1958), Levine (1986) und Harnoncourt (2001) im Dezember 2016 für das 3. Abonnementkonzert im Großen Musikvereinssaal am 17. und 18.12.2016, das vom ORF aufgezeichnet und am 26.12.2016 in ORF III ausgestrahlt wurde. Nach Paris und Köln bereits im Dezember ist München die erste Mai-Gastspielstation mit diesem Programm, ehe man sich zweimal in Prag damit vorstellt und schließlich nach Linz und Wien (diesmal ins Konzerthaus) zurückkehrt.

      Die Fernsehaufzeichnung erfüllt die Erwartungen: Smetanas 1882 erstmals komplett aufgeführter Zyklus zieht als wienerisch klangschöner Reigen vorbei, die stolze Prager Burg Vyšehrad, die schließlich einstürzt und an die man sich wehmütig erinnert, die berühmte Moldau (Vltava) mit ihren markanten Stationen wie der Bauernhochzeit, dem Nymphentanz im Mondschein und den Stromschnellen, die rachsüchtige Amazonenkönigin Šárka, die den Prinz Ctirad dann doch ermorden lässt, die abwechslungsreiche Reise durch Böhmens Hain und Flur (Z českých luhů a hájů), der Kampf um Tábor und der Berg Blaník mit seinem die Tschechen rettenden Ritterheer – Barenboim lässt das Orchester seine Klangstärken ausspielen, harmonisierend und kompakt, vollblütige Streicher, klangschöne Holzbläser, das Blech auf den Punkt; man kann das Werk genießen mit so einer Fernsehaufnahme. Wenn nach Beginn des letzten Teils Blanik ein Fugato einsetzt, sieht man Daniel Barenboim kurz nicht dirigierend, das Orchester (das konzentriert den Takt hält) alleine spielen lassend, sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht wischend. Die Kamera blendet rasch weg und konzentriert sich auf Blicke ins Orchester.

      Beherzte Begrüßung durch das Münchner Publikum ein paar Monate später. Rotiert wurde wenn dann nicht viel, an markanten Orchesterpositionen angefangen vom Konzertmeister Steude sieht man dieselben Musikerinnen bzw. Musiker. In der Philharmonie ganz oben im Sektor R sitzend höre ich, wie auch hier versucht wird, das Wiener Klangbild durchzubringen. Die Streicher klingen fast so sanft wie bei der Aufzeichnung aus Wien, das Holz kommt recht schön zur Geltung, im Tutti wirkt das Orchester extrem kompakt und tourneegerecht präpariert. Es ist keine Aufführung zum Mitschreiben und Analysieren, die Wiener Donau-Moldau nimmt halt hier auch die Isar mit. Nach den Teilen 2 und 3 versucht sich Applaus zu melden, er merkt beide Male, dass es offenbar noch weiter geht und ebbt wieder ab. So lässt man sich erneut auf die Burg, den Fluss, die Amazone, Böhmens Landschaften, den Kampf um Tábor und den Berg Blanik (Barenboim hier durchdirigierend) ein, die Musik erneut einfach nur genießend, in einem Klangbild, das versucht, die Tradition zu wahren und das offenbar in München sehr geschätzt wird.

      Keine Zugabe, kein Ungarischer oder Slawischer Tanz, nein, der Zyklus steht hier für sich.

      Anfang 2018 kommen sie wieder nach München, diesmal erneut unter der Leitung von Gustavo Dudamel, und München darf nach 2007 (Daniele Gatti) und 2015 (erneut Gatti) mit diesem Orchester schon wieder die Symphonie Nr. 1 von Johannes Brahms hören. So großartig die ist und so oft jemand wie ich die zumal mit diesem Orchester hören möchte – für den Auslandswiener stellt sich die Frage: Warum so oft die Brahms Erste in München?
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • WUNDERLAND UND HADES

      Ein Klavierabend mit Alice Sara Ott, Prinzregententheater (München), 12.5.2017, ein persönlicher Höreindruck

      Die Inszenierung gehört zum Konzept: Die aktuelle Grieg CD und die Konzertplakate zeigen Alice Sara Ott mit Pagenkopf mit schon etwas längeren Haaren und in einem gelben Kleid, und genau so tritt sie auf. Die Künstlerin nimmt das bereitliegende Mikrophon und erklärt ihr Konzertkonzept, zuerst bitte hinwegträumen in Griegs Wunderland, nach der Pause dann mit in den Hades, in die Welt der großen Liszt-Klaviersonate.

      Das Licht ist abgedämpft, nur das Klavier wird für die Grieg-Klavierwelt beleuchtet. Griegs Charakterstücke, eine Auswahl aus den Lyrischen Stücken und die Ballade g-Moll op. 24, liegen Alice Sara Ott. Ihr beherztes Spiel, getragen durch ihre große Stärke, die kräftige Transparenz ihres Anschlags bei gleichzeitiger Fähigkeit, poetisch sehr fein zu schattieren, vermag wirklich, zum Mitträumen einzuladen, etwa mit einem Schmetterling zu fliegen, an einem Elfentanz teilzunehmen, dem Zug der Zwerge beizuwohnen, sich einem breiten lyrischen Notturno hinzugeben, über einen Kobold zu staunen und dann dem Hochzeitstag auf Troldhaugen beizuwohnen, musikantisch und poetisch abwechslungsreich, durchaus liebevoll (fast kindlich) charmant und dann gerne auch etwas bewusst zelebriert Manches. Alice Sara Ott weiß aber auch Effekte auszukosten. Das unterstreicht sie bei der Ballade, die sich zum Schluss hin ins Fulminante steigert und bei deren Climax die Künstlerin auch optisch „explodiert“, die Raserei mit großem „Anlauf“ ins Nichts schleudert, um dann den kurzen Abschwung umso beruhigender nachzusetzen. Die glasklare, etwas kühle Transparenz in Alice Sara Otts Klavierspiel passt gut in die Grieg-Welt.

      Ist die auch optisch sichtbare Kraftentladung plus abrupt kontrastive Entspannung am Ende der Ballade bereits eine Vorausschau auf die Art, wie sie Liszts h-Moll Sonate gestalten wird? Wer Liszts Sonate bereits oft gehört hat (zumal meist von Tonträgern) freut sich und ist gespannt auf eine weitere Konzertaufführung. Das Werk ist ja technisch höllisch schwer und verlangt pianistisch wie vom musikalischen Feingefühl her den Interpretinnen und Interpreten wirklich alles ab. Durchschummeln kann man sich da nicht. Wird der zweimal absteigende Beginn der Eintritt in eine dämonische Welt oder in ein ein pianistisches Feuerwerk? Wenn die ersten virtuoseren Passagen loslegen, wird meist spürbar, wie die Interpreten „drauf“ sind, wohin sie wollen, aber keineswegs immer. Wird die Sonate in sich geschlossen aufbereitet oder bewusst „zerlegt“?

      Alice Sara Ott baut zunächst auf die Fortsetzung der äußerlichen Inszenierung. Sie tritt nun in einem schwarzen Kleid auf und der Saal wird völlig verdunkelt, nur die Tastatur ist beleuchtet. Hat sie Angst davor, ihre möglicherweise zu deutlichen optischen Hinwürfe ans Klavier könnten von Musikalischen zu sehr ablenken? Muss der Hades unbedingt auch optisch verdeutlicht werden? Der Einstieg kommt eher pianistisch als dämonisch, die ersten heftigen Oktavläufe nimmt Alice Sara Ott nicht in vollem Tempo, aber mit bewusstem Gestus in Richtung Effekt, auch das Pedal des Steinway Flügels als Wirkungsverstärker einsetzend. Bald kristallisiert sich heraus: Die pianistischen Effekte die sich herausholen lassen kostet sie technisch virtuos äußerst eindrucksvoll aus, das macht enorme Wirkung, vielleicht hier mehr äußerlich als unheimlich, weil es durch die optische Aufbereitung in diesem Sinne auch extrem unterstützt wird. Alice Sara Ott gelingen aber in den rezitativischen und poetischen Passagen des Werks durchaus durchgehend herzergreifende stimmige Momente, die sehr wohl von jener Kunst zeugen, die über ein routiniertes und auf Äußerlichkeiten angewiesenes Mittelmaß hinausweisen. Ihr kräftig transparentes Spiel bietet die Basis für ihre Möglichkeiten, die Facetten des vielschichtigen Werks auszuloten. Eine insgesamt mehr pianistisch als dämonisch wirklich beeindruckende Leistung.

      Die eindrucksvolle halbe Stunde packt das Publikum natürlich total. Sicher sind viele gekommen, die die Sonate nicht so verinnerlicht haben wie der Schreiber dieser Zeilen. Sie verharren nach dem stillen Ausklang, in dessen letzten Takten vor den verklärenden Schlussakkorden Alice Sara Ott noch einmal etwas Effekt mit herausgehobenen Einzeltönen demonstriert, in absoluter Stille, und die Sekunden werden zu Ewigkeiten. Niemand traut sich, den Moment zu durchbrechen. Erst als das Licht dann doch sanft aufgedimmt wird, setzt der Applaus ein, der sich rasch zu einer Standing Ovation wandelt.

      Mit der Zugabe führt uns Alice Sara Ott zurück in Griegs Wunderland, in die Halle des Bergkönigs. Das macht auch Effekt mit einer gut ankommenden weiteren fulminanten Steigerung, und es hinterlässt einen veritablen Ohrwurm für den Rest des Abends bei der Zuhörerschaft.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Neu

      Hallo zusammen,

      zu einem der ganz Großen der Musikgeschichte, der in diesem Monat Geburtstag feiern durfte - seinen 450. immerhin schon, gab es in der Haidhauser Johannis-Kirche am Sonntag Nachmittag ein sehr schönes Konzert, von dem ich kurz berichten möchte. Unter dem Titel 'Barock & Beyond' sang und spielte das Ensemble Phoenix unter Leitung von Joel Frederiksson Musik von Claudio Monteverdi, seinen (mehr oder minder) Zeitgenossen Luca Marenzio, Biagio Marini, Francesco Corbetta und Giulio Caccini. Dazu gab es eine Aufführung eines auf die Besetzung zugeschnittenen Stückes des in Europa lebenden Amerikaners Laurence Traiger. Mitwirkende waren Sabine Lutzenberger (Sopran, Blockflöte), Markéta Cukrová (Mezzosopran), Joel Frederiksen (Bass, Erzlaute, Leitung), Yuna Lee (Violine), Theona Gubba-Chkheidze (Violine), Domen Marinčič (Viola da Gamba), Christoph Eglhuber (Theorbe, Barockgitarre) sowie Michael Eberth (Cembalo).

      Die Mehrheit der Stück von Monteverdi entstammten den beiden Büchern der Scherzi musicali (7 Stücke aus der Veröffentlichung von 1607, darunter z.B. die recht bekannten 'Damigella tutta bella' und 'Lidia spina del mio core', 3 Stücke aus den Scherzi von 1632 (z.B. Zefiro torna), einige Canzonette à 3 voci von 1584 und als ein Hauptstück 'Io che nell'otio nacqui' aus den Madrigali guerrieri et amorosi von 1638. Beim letztgenannten Stück handelt es sich um eine große Soloszene für einen Bass, das Joel Frederiksen mit seinem samtig-tiefen Bass und seiner intelligenten Interpretation zu einem Höhepunkt hat werden lassen. Unter Begleitung von Gambe, Theorbe und Cembalo wurde aus diesem textlich recht konventionellen Stück (der erfolgreiche Krieger ist von Amor besiegt) ein kleines Universum. Danach folgte die (Ur?-)Aufführung von Laurence Traigers 'Inanzi al'alba) auf einen (natürlich im italienischen Original vertonten) Text von Torquato Tasso. Ich fand diese Erweiterung der (recht einheitlichen Tonsprache) von Monteverdi und seinen Zeitgenossen als Komposition an sich, aber auch als Programmerweiterung sehr gelungen. Nach einem recht konventionellen Beginn, der von den beiden Violinen, der Gambe und dem Cembalo gebildet wurde, war die Vertonung des Textes ausgesprochen stimmig, nicht zu dissonanzenreich, sondern dem schwelgerischen romantisch-traurigen Sujet angemessen. Sowohl der anwesende Komponist als auch die engagierten Aufführenden waren vom sehr freundlichen Beifall überrascht.

      Meinen Konzertbegleitern ging es wie mir, dass wir unter den Sängern Markéta Cukrova und Joel Frederiksen von der Varianz der Stimmfarben und der Intelligenz der Gestaltung gleichberechtigt die Krone geben wollten, die tschechische Mezzosopranistin kenne ich von zwei großartigen Auftritten bei den Göttinger Händelfestspielen, sie hat sich also auch bei noch älterer als auch bei ganz neuer Musik sehr bewährt.

      Gruß Benno