Konzerterfahrungen in München

    • FASZINIERENDE STREICHQUARTETTDIMENSIONEN

      Die vier Streichquartette von Jonathan Harvey mit dem Arditti Quartet im Herkulessaal der Münchner Residenz, 8.7.2017, persönliche Höreindrücke

      Ab sofort bin ich Jonathan Harvey Fan. Der erste Weg nach dem eindrücklichen Konzerterlebnis (Konzertbeginn 17 Uhr, Konzertende 19 Uhr) führte mangels Verkaufsstand vor Ort noch zu Beck am Rathauseck, um die Doppel CD mit den Werken des Konzerts, gespielt von den Interpreten des Konzerts, zu bestellen.

      Das Streichquartett Nr. 1 (1977) des 1939 geborenen und 2012 verstorbenen britischen Komponisten Jonathan Harvey bricht den Bann, öffnet den Zauber. Klänge, Figuren und Ereignisse kommen und verschwinden wieder, viele außermusikalische Assoziationen sind möglich, etwa aus dem Fantasybereich. Ganz stark dringt die spirituelle Dimension durch. Die tolle Streichquartettmusik zieht mich total in ihren Bann, ich bin hin und weg, das wirkt nahezu magisch auf mich, sicher auch bestärkt durch die intensive Interpretation des Arditti Quartets. Das Werk hätte durchaus noch länger dauern können, und das bei einem zeitgenössischen Streichquartett!

      Wegen eines Saitenrisses kurze Pause, dann geht´s weiter.

      Harvey hat kein Problem damit, der Vorgabe dieses einmaligen ersten Streichquartetts mit dem Streichquartett Nr. 2 (1988) gleich ideal kongenial gerecht zu werden und schon mal eins draufzusetzen. Erneut tue ich mich leichter, sofort auf die spirituellen Dimensionen anzuspringen, das Werk emotional aufzunehmen, damit wird es unmittelbarer fassbar als sich ihm nur konzentriert intellektuell oder analytisch hinzugeben. Die 1. Violine ist hier zeitweise etwas exponierter unterwegs. Wieder: Was, schon aus?

      Das Streichquartett Nr. 3 (1995) wirkt dann fragmentarischer, die Figuren und Erscheinungen zeigen sich flüchtiger, teilweise schemenhafter. Harveys Auslotung der Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten bleiben für mich weiter faszinierend und extrem spannend. Drittes Aha-Erlebnis des Effekts, diese Musik durchaus noch länger mitvollziehen zu wollen.

      Zum Streichquartett Nr. 4 mit Live-Elektronik (2003) bekommt man aus dem Programmbuch zum Konzert die Stichworte Traum vom Fliegen, Theater der Illusionen und Lebenszyklen mit auf den Weg. Wer wie der Schreiber dieser Zeilen gerne auf solche Wegweiser anspricht, ist sofort wieder zu Hause damit, doch nach den bisherigen drei Werken ist wer für Harvey gewonnen wurde ohnedies schon Fan. Der Raumklang des Werks (die Elektronikpartien kommen auch aus den hinteren Ecken des Saales) erweitert das Geschehen in sphärische Dimensionen, das Zusammenspiel zwischen den vier Musikern auf der Bühne und den elektronischen Zuspielungen scheint perfekt zu funktionieren, und sie machen erneut extrem spannende Musik daraus, der man gebannt auch noch länger zuhören würde, mit oder ohne außermusikalische Assoziationen, auf jeden Fall fasziniert.

      Große Vorfreude auf die Doppel CD. Er hat sie schon. :top:
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander, vielen Dank für Deinen schönen Bericht! Er ermutigt mich, demnächst mal wieder die Einspielung der Ardittis vorzunehmen. Offen gestanden, habe ich bislang noch keinen intensiven Zugang zu diesen Quartetten gefunden - was sich allerdings noch durchaus ändern kann!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • Lieber Alexander,

      Vielen Dank für diesen Bericht über das gestrige Konzert in München, dem ich mich vollständig anschließen kann. Die Intensität und Konzentration der Ardittis überträgt sich sofort auf mich, so daß ich wie gebannt zuhören könnte, obwohl ich noch etwas müde war. Ich weiß nicht, wie sie das machen, aber diesen Effekt haben sie immer auf mich.

      Auch für mich war es die Erst-Begegnung mit dem Komponisten und diesen Stücken und es fällt mir immer schwer meine Eindrücke in Worte zu fassen, also dank Dir, daß Du es getan hast :wink:

      Meine Favoriten gestern waren das zweite und vor allem das vierte Quartett. Das hätten sie meinetwegen gleich nochmal spielen können, obwohl es mit rund 30 Minuten das längste war. Ich bin gespannt, wie das auf der CD wirkt, der Raumklangeffekt dürfte ja wohl leider etwas verlorengehen.

      Die CD wird übrigens noch bestellt, dann sind wir im Forum schon mindestens vier :)

      Viele Grüße,
      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Danke auch von mir für die interessanten Berichte. Die Ardittis sind doch immer einen Besuch wert. In 2011 hatte ich das Vergnügen an einem dreitägigen Festival mit Ihnen im Herrenhaus Edenkoben teilnehmen zu können. Da waren auch noch ehemalige Mitglieder als Gäste dabei (Saram, Knox, Jennings). So konnte man u.a. auch Schönbergs Verklärte Nacht spielen. Dazu gab es gutes Essen und Weinproben.

      Gespielt wurden Kompositionen von Vykintas Baltakas, George Benjamin, Luciano Berio, Harrison Birtwistle, Elliott Carter, Franco Donatoni, Kui Dong, Pascal Dusapin, Brian Ferneyhough, Jonathan Harvey, Helmut Lachenmann, Garth Knox, György Ligeti, Kui Dong, Hilda Paredes, Robert HP Platz, Wolfgang Rihm, Arnold Schönberg, Salvatore Sciarrino, Iannis Xenakis u.a.
    • Klingt anmachend. Bei Qobuz kann man die Aufnahme auch als Download kaufen:
      qobuz.com/de-de/album/quatuors…than-harvey/3760058369753
      Leider gerate ich da jetzt in einen Zwiespalt, denn ich will mir aus Platzgründen eigentlich nur noch CDs zulegen, wenn es davon keine Downloadversion zu kaufen gibt. Gleichzeitig lege ich aber Wert darauf, dass ein Booklet dabei ist. Wenn ich also das Booklet nicht auf anderem Wege bekomme …
      Das ist mein größter Einwand gegen Musik, dass Österreicher darin exzelliert haben.
      (Arno Schmidt: Das steinerne Herz)
    • Dieter Stockert schrieb:

      Klingt anmachend. Bei Qobuz kann man die Aufnahme auch als Download kaufen:
      qobuz.com/de-de/album/quatuors…than-harvey/3760058369753
      Leider gerate ich da jetzt in einen Zwiespalt, denn ich will mir aus Platzgründen eigentlich nur noch CDs zulegen, wenn es davon keine Downloadversion zu kaufen gibt. Gleichzeitig lege ich aber Wert darauf, dass ein Booklet dabei ist. Wenn ich also das Booklet nicht auf anderem Wege bekomme …
      Das Booklet zu dieser Aufnahme gibt es hier; scheint so zu sein, dass es sogar komplett ist.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Das ist schön, vielen Dank. Allerdings scheint das Booklet hier nur in Bildschirmauflösung vorzuliegen. Die Texterkennungssoftware tut sich da sehr schwer. Ein halbwegs passabler Scan würde erheblich bessere Ergebnisse liefern. Ich frage mich deshalb, ob es nicht sinnvoller wäre, das gleich abzutippen statt die Bildschirmfotos als Vorlage für eine Texterkennung zu benutzen, bei der man jedes zweite Wort ausbessern muss.
      Das ist mein größter Einwand gegen Musik, dass Österreicher darin exzelliert haben.
      (Arno Schmidt: Das steinerne Herz)
    • Hallo zusammen,

      spontan, so was lässt der Münchner Andrang bei bestimmten Veranstaltungen nicht immer zu, war ich gestern in reizender Begleitung in Schloss Lustheim, also etwas außerhalb der Stadtgrenze Münchens:

      Friederike Heumann, Viola da Gamba, und Dirk Börner, Cembalo haben ein sehr schönes Programm franzöischer Barockmusik gespielt:

      Sieur de Sainte-Colombe (17. Jahrhundert): Prelude – Les Couplets
      ...

      Marin Marais (1656-1728): Le Labyrinthe
      ....

      Antoine Forqueray (1672-1745) : 5ième Suite c-moll
      La Rameau Majesteusement – La Guignon Vivement et detaché – La Léon, Sarabande Tendrement – La Montigni

      Charles Dollé (fl. 1735-55): Tombeau de Marais le Père

      Antoine Forqueray: La Jupiter
      ...

      Louis Couperin (1626 - 1661): Suite en sol mineur
      Prélude – Allemande – Courante – Passacaille
      ...

      Antoine Forqueray: 2ième Suite G-Dur
      La Leclair Très vivement et detaché – Chaconne La Buisson Gratieusement

      Die beiden Aushängeschilder alter Musik in München haben sich eine treue Gemeinde erspielt, das ein so spezialisiertes Programm französischer Gambenmusik des 18. und eine teilweise gespielte Suite des mittleren 17. Jhs. mit großer Begeisterung anhört.

      Ich muss zugeben, dass ich in vorherigen Konzerten mit ähnlichen Programmen vor allem dem Komponisten Marin Marais begegnet bin, der mit seiner ausgeglichenen Schreibweise von einem Zeitgenossen als 'Engel der Viola da Gamba' bezeichnet worden ist. Nun fällt das gestern gespielte 'Le Labyrinthe' eher nicht in die Kategorie, so dass sich die beiden Aufführenden also v.a. mit komplexeren und virtuoseren Stücken beschäftigt haben. Lediglich die sicher bewusst dort platzierte 'Tombeau de Marais le Père' von Charles Dollé ist deutlich ruhiger.

      Der hier in zwei recht großen Suiten (beide waren allerdings nicht vollständig) vorgestellte Forqueray hatte unter Zeitgenossen den Spitznamen 'Teufel der Viola da Gamba', hier sind große Gestaltungsbögen gefragt, die großartig gelöst worden sind. Angesichts der schwülen Hitze gestern Nachmittag hatte Friederike Heuberger allerdings ziemlich mit feuchten Händen zu kämpfen, wenige Töne waren nicht ganz sicher gegriffen. Allerdings gehört das für mich zu den Dingen, die ich als nicht zu ändern empfinde in einem Konzert. Gestalterisch gab es für meine Ohren wenig zu verbessern, die Charakterstücke - sehr viele mit Namen uns auch heute noch bekannter Komponisten wie Rameau, Leclair versehen - waren wunderbar gegeneinander gesetzt und sehr fein charakterisiert.

      So gelang - wieder einmal - ein bezaubernd schönes und abwechslungsreiches Konzert, das mit dem Lustschlösschen von Bayerns Fürst Max Emmanuel sogar einen persönlichen Bezug zu Antoine Forqueray aufwies. Der Fürst soll in seiner Zeit im französischen Exil während des Spanischen Erbfolgekrieges bei Forqueray sein Gambenspiel verbessert haben.

      Gruß Benno
    • COOL UND KNALLIG

      Live bei „Klassik am Odeonsplatz“ in München mit Yuja Wang, Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern, 16.7.2017, ein persönlicher Konzerteindruck

      Das Orchester, umgeben von Fernsehkameras und Mikrophonen, „versteckt sich etwas“ hinter den steinernen Löwen und den Säulen der Feldherrnhalle, aber links neben der Bühne hilft der Großbildschirm, auch optisch nichts zu verpassen. Der Eventcharakter wird von Anfang an abgemildert durch die klassische Konzertdisziplin des Publikums. Die Konzentration gilt hier nicht dem Dabeisein, sondern der Musik. Oberbürgermeister Reiter begrüßt das Publikum, das bei strahlend blauem Himmel und angenehm sommerlicher Temperatur wettermäßig den absolut idealen Abend erwischt hat.

      Valery Gergiev dirigiert wie immer ohne Taktstock. Die Akustik (man hört das Konzert natürlich elektronisch verstärkt) ist gar nicht so schlecht, der Mischklang fächert den Klang zwar gemischt, aber durchaus anhörbar auf. Wuchtig wirft sich das Orchester in den Beginn des Klavierkonzerts Nr. 1 d-Moll op. 15 von Johannes Brahms, bald auch die satte Klangfülle der Streicher ausbreiten könnend. Dann Yuja Wangs erster Einsatz: cool! Sie holt den großen Ausdruck aus dem Steinway mit einem klaren, kühlen Ansatz, aus dem sie die Gefühlstiefe der Musik transparent herauszuholen versteht. Damit macht sie nicht nur speziell die lyrischen Passagen des gewaltigen Eröffnungssatzes zu vertieften Höhepunkten, sondern dann gerade den dunkel-poetischen zweiten Satz, der eine ganz eigene lyrische Aura verströmt. Großer, herzlicher Applaus für die souveräne Leistung und das fabelhafte Zusammenspiel zwischen Solistin und Orchester. Grimmig-klar, gekonnt gesteigert, fesselt Yuja Wang mit der ersten Zugabe, dem Precipitato aus Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 7, um mit der zweiten, ihrer beliebten, furios-virtuosen Mozart Alla turca Paraphrase, erst recht abzuräumen.

      Die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky, instrumentiert von Maurice Ravel, ziehen nach der Pause farbenprächtig plastisch und von Gergiev dort wo es sich anbietet (Gnom, Hexenhütte) durchaus ins Knallige gesteuert vorbei. Da will ein Orchester bei seinem Sommer Open Air Heimspiel noch mal so richtig zeigen, was es klanglich und virtuos so drauf hat. Bei einer Promenaden-Reprise verpatzt eine Trompete ihre Phrase leider zu deutlich hörbar, sonst läuft alles auf den Punkt zielsicher ab.

      Zwei Zugaben, Pas de deux aus Tschaikowskys „Nussknacker“ und Mikhail Glinka, Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“ – noch einmal lassen sie die klangherrlichen Muskeln spielen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      eine lange Konzert- Sommerpause geht zu Ende, das gilt auch für diesen Faden.

      Gestern hatte ich das Vergnügen in einem der berühmtesten Renaissance-Säle nördlich der Alpen (der Saal ist natürlich rekonstruiert), im Antiquarium der Münchner Residenz, ein Konzert mit Musik zu hören, die vermutlich schon zur Zeit der Entstehung in diesem Raum erklungen ist: Orlando di Lasso, Hofkomponist in München zur Zeit der ersten Jahrzehnte des Bestehens des Saals, stand im Mittelpunkt des außerordentlich klug gestrickten Programms. Das blutjunge Svapinga Consort unter der Leitung von Robert Selinger bot in einer Besetzung, die sich an den Beschreibungen der 1568 im Saal stattgefundenen Trauung des bayerischen Thronfolgers durch Massimo Troiano orientiert, Stücke von Lasso und (v.a. italienischen) Zeitgenossen, z.B. Andrea Gabrieli und Claudio Merulo. Das dreigeteilte Programm startete mit einem Tugendspiegel (und nahm damit Bezug auf die Deckengemälde des Konzertsaales), am Schluss dieses Teils stand das Albrecht von Bayern direkt erwähnende zehnstimmige 'Quo properas, facunde nepos Atlantis'. Der zweite Programmteil nahm darauf Bezug, dass Wilhelm V. den Saal vor allem als Speisesaal benutzte, hier standen italienische Madrigale und französische Chansons im Mittelpunkt, den Abschluss bildeten z.T. derb erotische Lieder, v.a. aus der Feder Lassos. Das Ensemble war nur mit zwei Sängern besetzt, einem Altus und einem Tenor. Nachdem viele Stücke nun mit mehr Stimmen versehen waren, wurden die übrigen ausschließlich instrumental besetzt, damit das von Troiano beschriebene Vorgehen aufnehmend. An mancher Stelle waren die Lösungen überraschend, so war das doppelchörige 'Oh la, oh che bon ecco' nun eigentlich nur ein Dialog von zwei Stimmen, funktioniert hat die Praxis aus meiner Sicht aber trotzdem.

      Musikalisch war vieles nahe an der Perfektion, die Besetzung mit Violinen, Traversflöte, Lauten, Basse de Violon, Cembalo und einer Rekonstruktion einer zeitgenössischen Truhenorgel, (deren Bälge noch von Hand bedient worden sind) und lediglich zwei Sängern ließ abwechslungsreiches farbiges Musizieren zu. Alle Instrumentalisten hatten Solostücke, zumeist mit Variationen italienischer Komponisten über das von Lasso verfasste 'Susanne un jour'. Das nahezu voll besetzte Auditorium spendete herzlichen Beifall, es war ein ausgesprochen intimer musikalischer Abend, der das Schaffen Lassos in vielen Facetten überzeugend präsentierte. So klug aufbereitete Programme möchte ich noch ganz oft hören ...

      Gruß Benno
    • Ja, di Lasso hatte ein Händchen für den derben französischen Chanson gehabt... :love:

      Wäre interessant, das mal hören zu können. Denkst du, man hat es vielleicht aufgezeichnet?
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Lieber JD,

      in meinen Augen war das aus vielerlei Gründen eine Veranstaltung, bei der eine Aufzeichnung sehr sinnvoll gewesen wäre, aber ich kann sicher ausschließen, dass es passiert ist.

      Wie mir ein Mitchorist, der das Konzert am So auch besucht hat, gestern erzählte, ist Robert Selinger erst seit kurzem an der Kreuzkirche in München Schwabing als Kantor tätig. Auf der Website des Ensembles wird nur ein Ausschnitt einer Aufführung der Membra von Buxtehude vorgestellt (hat immerhin auch ein BR-Signet).

      Aber vielleicht werden die vielversprechenden Mitglieder des Ensembles ja mal so berühmt, dass sie auch Aufnahmen machen können .... Auf youtube ist der gleiche Beitrag auch vorhanden ...

      Aber wenn ich Revue passieren lasse, wie selten etablierte Ensembles wie das BR-SO oder der BR-Chor Aufnahmen, schon gar Videos produzieren, müssten die Klickzahlen auf dem youtube-Video schon explodieren, bis da was passiert. Aber tu Dir keinen Zwang an ... Ich bin halt sehr froh, dass ich von solch schönen Veranstaltungen oft genug mitbekomme und noch ein Kärtchen erwerbe, wenn es meine Zeit zulässt, damit die jungen Künstler an solchen Auftritten wachsen können.

      Gruß Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      aber ich kann sicher ausschließen, dass es passiert ist.
      Schade... ;(

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Aber wenn ich Revue passieren lasse, wie selten etablierte Ensembles wie das BR-SO oder der BR-Chor Aufnahmen, schon gar Videos produzieren, müssten die Klickzahlen auf dem youtube-Video schon explodieren, bis da was passiert.
      :D

      Wobei man sagen muß: heutzutage lassen sich durchaus Archiv-Aufnahmen produzieren, die anständig in Bild und Ton sein können. Man muß nur genau wissen, wo man Kamera und Mikros hinstellt.

      Ich hatte vor zwei Jahren einer h-moll-Messe im Altenberger Dom beigewohnt - dort war zumindest eine Kamera aufgestellt worden, die das Ensemble als Totale eingefangen hatte. Für Archiv-Zwecke ist das eigentlich immer machbar.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Hallo zusammen,

      gestern Abend hatte ich noch das Vergnügen, Matthias Goerne, Kirill Petrenko und das BayStOr mit einem Mahler-Brahms Programm im Nationaltheater zu erleben.

      Sieben sehr unterschiedliche Lieder aus ‚Des Knaben Wunderhorn‘, liedhaft- (vermeintlich) einfache wie das eröffnende ‚Bald gras ich am Neckar‘ oder das zentral positionierte, jenseitsverliebte ‚Urlicht‘ standen auf dem Programm. Für einen einzelnen Sänger bedeutet das, eine große emotionale Bandbreite innerhalb kürzester Zeit anbieten zu müssen. Insbesondere bei der Schlussgruppe aus ‚Revelge‘ und ‚Der Tambourg‘sell‘, aber auch schon beim an dritter Position stehenden ‚Das irdische Leben‘ stehen viele dunkle, tragisch-hoffnungslose, recht tief notierte Passagen im Vordergrund. Recht selten hat man die Gelegenheit, das deutlich höher notierte, in der zweiten Symphonie stehende ‚Urlicht‘ mit einer Männerstimme zu hören.

      Was Goerne in allen Liedern auszeichnete, war die wunderbar wandlungsfähige, immer wohlklingende dunkle Stimme, die (eine ähnliche Diskussion gab es einmal im Faden zu den Kindertotenliedern) bei allem Streben nach Gott und der Begegnung mit einem Engel dem Lied ‚Urlicht‘ eine sehr interessante erdennahe-diesseitige Prägung geboten hat. Die sängerische Präsenz war auf unseren sehr vorteilhaften Plätzen kaum zu überbieten, gestalterisch hätte so mancher Beckmesser kleinere Textabweichungen (beim natürlich auswendig singenden Goerne) zu bemängeln, mich hat das angesichts der sehr überzeugenden Interpretation überhaupt nicht gestört. Das Bayerische Staatsorchester begleitete unter Petrenko, so wie ich es liebe: ungemein agil, bis in die letzten Pulte der Geigen mit ständigem Kontakt zum Dirigenten, so dass jedes Tempodetail überall ankam. Im Vergleich zur Mahler V. im Juni an gleicher Stelle wirkten alle Beteiligten hier deutlich souverän-routinierter im Zusammenspiel.

      Nach der Pause dann Brahms op. 98, ein Stück, das das Bayerische Staatsorchester seit 1886, also ein Jahr nach der Uraufführung recht regelmäßig auf den Pulten hat. Von der ersten Note des ersten Satzes herrschte erneut riesige Anspannung, Orchester und Dirigent machten Musik, als ginge es um ihrer aller Leben, natürlich gab es Lautstärkeregulation an Stellen, die das benötigten, dennoch habe die tragische und melancholische Wucht des Stücks noch sie so intensiv erlebt wie hier. Auch der langsame Satz steigerte sich nach der langen Eröffnung mit Streichern im Pizzicato wieder sehr schnell und war ebenfalls mitreißend. An ganz wenigen Stellen wäre für mein Empfinden ein langsameres Crescendo noch spannender-überzeugender gewesen. Nahezu ohne jedes Ritardando raste der noch einmal eine Steigerung der Leidenschaft darstellende Schlusssatz an sein Ende.

      Der Gesamteindruck dieser Interpretation ist Überdruck, ungemeine Anspannung, vieles war an der lauten Kante des Möglichen gespielt. Ist es das, was eine Interpretation aus unserer Sicht mit dem Epitheton ‚russische Schule‘ versehen lässt? Ich bin mir nicht sicher. Das Musikmachen unter Petrenko macht den Musikern immer noch ungemein Freude, es war offensichtlich, dass man an dieses Konzert (das vierte in einer Reihe nach Tokyo am 1.10. und zwei weiteren Auftritten am Sonntag und Montag im Nationaltheater) mit deutlich Freude an Präzision und emotional überwältigendem Musizieren herangegangen ist. Ich werde also weiter so viel Petrenko wie möglich hören wollen.

      Ach ja:
      Obwohl, soweit ich erkennen konnte, keine der Veranstaltungen vom BR oder von staatsoper.tv übertragen worden sind, standen sehr viele Mikrofone für einen Mitschnitt parat. Es besteht also – vielleicht - Hoffnung für die nicht-Anwesenden, dass es eine Veröffentlichung geben wird.

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      nach einem Konzert mit Musik v.a. des 16. Jahrhunderts am Sonntag und der vorletzten Jahrhundertwende am Dienstag nun gestern Abend noch einmal ein Konzert mit teilweise lokalem Bezug: Musik aus der Zeit von 1630 bis 1710 wurde im Rahmen der Residenzwoche erneut im Antiquarium präsentiert: Maria Cristina Kiehr, Sopran, und das Ensemble Stylus Phantasticus sangen und spielten Musik aus dem Dreieck Wien - Venedig - München. Für mich waren vor allem die Vokalstücke der wenig bekannten Münchner Komponisten Rupert Ignaz Mayr und Johann Christoph Pez Anlass, das Konzert anzuhören. Ich hatte nur von einem Freund eine CD geliehen bekommen, auf der Vokalmusik von Mayr drauf ist. Ich war mir dabei nicht sicher, wie repräsentativ diese Musik war, die sicher nicht in die Kategorie der besten Barockmusik Ende des 17./Anfang des 18. Jhs. gehört. Wobei ich gerade die Komposition 'Misericordia' aus dem Zyklus von Marienkantaten 'Corona stellarum' von Pez sehr lohnend fand: in geradezu vorbildlicher Weise kann man hier ablesen, wie die Gesangsstimme auf jedes Wort reagiert: hier kann man einem guten Komponisten sehr schon bei seinem soliden Handwerk zuschauen ...

      Ergänzt waren diese Kompositionen durch Instrumentalstücke von Johann Heinrich Schmelzer und Georg Muffat, sowie Vokalkompositionen von Antonio Cesti, Antonio Caldara und Giovanni Antonio Rigatti, wobei bei Cesti ein Ausschnitt aus der Oper 'Orontea' etwas aus dem Rahmen fiel. Musiziert wurde auf sehr hohem Niveau, mein Eindruck war, dass Kiehr bei den wenig bekannten Stücken von Mayr und Pez nicht so souverän agierte wie bei den anderen Gesangsstücken. Die großartige Arie 'Pompe inutili' der Maria Maddalena aus Caldaras Oratorium hat Kiehr schon in der Einspielung von Jacobs gesungen, in unserem Forum findet sich eine kleine Eloge auf diese Arie von Fairy Queen, für mich war dieses Stück mit obligater Viola da Gamba der Höhepunkt der gestrigen Aufführung. Grundsätzlich hätte ich mir bei einigen Passagen im Ausschnitt aus der Orontea deutlich zügigere Tempi vorgestellt, aber auch in der vorgeführten Version war es ein großartiges Erlebnis.

      Das Antiquarium war deutlich weniger gefüllt als bei der Aufführung mit Musik von di Lasso. Mayr und Pez können sicher nicht behaupten, in der gleichen Lage wie di Lasso in ihrer jeweiligen Zeit zu spielen, aber auch aus einer so gelungenen Aufführung dieser Musik kann ich viel Vergnügen und Bereicherung ziehen.

      LG Benno
    • Geringes Publikumsinteresse?

      Trotz geringerem Interesse sollte man derartige Konzerte durchführen und ggf. sogar wiederholen.
      Mancher musikalische Schatz könnte damit gehoben werden. Auch das Wissen über die Breite des musikalischen Schaffens unserer Vorfahren schadet nicht.