Konzerterfahrungen in München

    • Lieber Alexander,

      danke für diesen Bericht.

      Ich wäre am Samstag gerne in das Konzert gegangen, aber leider habe ich nicht aufgepasst - und Karten für die Tosca an der Staatsoper für den selben Tag gekauft (naja, auch nicht sooo schlecht)....

      Aber das Program ist schon ziemlich interessant - ich muß mir die Kammerkonzerte des Bayerischen Rundfunksinfonie-Orchester mal besser merken.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Liebe Melanie,

      als "Notlösung" bleibt ja noch die Radioaufzeichnung. Sollte meine Aufnahme klappen, sende ich Dir dann eine PN.
      Oper: Wollte ja morgen in den "Figaro" ins Nationaltheater, wird sich leider aus beruflichen Gründen aber wohl doch nicht ausgehen, wie sich heute abzeichnet.
      (Und wahrscheinlich hätte ich festgestellt, dass "ausverkauft" in München wirklich "ausverkauft" heißt, auch was die Stehplätze betrifft.)
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      dann schließe ich mit den Eindrücken des Auftritts von Philippe Jaroussky und dem Ensemble Artaserse an. Gestern Abend fand das Konzert im Prinzregententheater in München statt. Zu berichten gilt es vom Konzert zur vor wenigen Wochen erschienenen CD 'The Händel Album'. Konzert wie CD orientieren sich, der Händelianer in mir ist begeistert, nicht an den wenigen, mittlerweile gut bekannten Opern des Hallensers, sondern nehmen v.a. ziemlich unbekannte Werke aus ziemlich genau zwanzig Jahren der Londoner Produktion in den Focus (in dieser Reihenfolge im Konzert): Radamisto HWV 12a/b (1720), Ezio HWV 29 (1732), Flavio HWV 16 (1723), Siroe HWV 24 (1728), Imeneo HWV 41 (1740), Giustino HWV 37 (1737) und Tolomeo HWV 25 (1728). Einiges davon ist mir nach über dreißig Jahren regelmäßigen Händelhörens noch nicht live begegnet, andere Stücke hingegen schon, so dass ich mich in die Ariensituation recht gut hineinbewegen kann. Das ist dann auch schon mein Hauptproblem beim gestrigen Konzert gewesen. Doch dazu später mehr.

      Im seit Wochen ausverkauften Prinze war ein Münchner Publikum versammelt, das seinen Gesangsstar liebt, kennt und feiert, das vermutlich auch bei nicht so viel gespielten Komponisten seinem Künstler die Stange hält. Gesanglich und gesangstechnisch war es auch wieder ein absolutes Verwöhnprogramm, das Jaroussky geboten hat. Sowohl mir als auch Mitsängern aus meinen Münchner Chören stand der Mund offen, wie selbstverständlich Jaroussky mit leichtestem Ansatz herrliche Töne produziert hat, auch Kadenzen, Momente des Innehaltens wie der Übergang von B-Teil zur Wiederholung des A-Teils wurden professionell zum Luftanhalten gestaltet. Alles prima.

      Auch die Programmgestaltung - nach der eröffnenden Ouvertüre des Radamisto erfolgten Arien und Orchesterstücke (v.a. aus den Concerti grossi op. 6) in klug disponierter Reihenfolge: weil das Publikum artig wartete, dass das Stück ausklingt, gingen viele Stücke ineinander über, so dass es nur wenige Unterbrechungen durch Beifall gab - war sehr fein und austariert. Die Orchesterstücke waren ziemlich ordentlich, aber eher auf dem summarischen Seite musiziert, da ist mehr an Schattierungen, lautstärkemäßigen Abstufungen und Phrasierungen denkbar als das gestern gebotene.

      Am Beginn des Arienteiles standen zwei Arien aus Ezio und Flavio, die den zärtlich liebenden Helden charakterisieren 'dolci affetti tuoi' bzw. 'Bel contento già gode quest'alma' geben hier den Ton vor. Hier war Jaroussky sichtlich in seinem Element, hier kann er mit seiner weich und schön geführten Stimme überzeugen. Danach folgte die große Szene des Siroe vom Beginn des dritten Akts 'Son stanco, ingiusti Numi, di soffrir l'ira vostra': hier steht ein verzweifelter Held, der sich schuldig fühlt, im Zentrum: emotionales Außer-sich-sein, Aufruhr gegen die ungerechte Welt sind gefragt. Hier konnte mich die Interpretation Jarousskys nicht überzeugen: allzu wenig wusste er die Erregung, das Aufbrausen der verklagten männlichen Unschuld zu gestalten. Das war prima gesungen, aber das war Meilen vom emotionalen Kern dieses Stücks entfernt.

      Die nächste Arie war die Schlussarie des Tirinto aus der ersten Szene des ersten Akts 'operetta' Imeneo 'Se potessero i sospir miei'. Schon textlich kommt die Ironie der Musik eigentlich klar hervor. Hier ist ein zaudernder lover, der aber weiß, dass er die Herzen der Frauen mit seinem Gesang jederzeit brechen kann, geschildert, das Stück trieft textlich wie musikalisch vor Ironie: gehört habe ich davon wieder gar nichts. Den Abschluss des ersten Teils bildete die Szene des Radamisto HWV 12 'Vieni, d'empietà ...Vile, se mi dai vita' aus dem dritten Akt: Auch hier ist der Titelheld außer sich: er steht seinem Feind Tiridate gegenüber, beschimpft ihn, obwohl unterlegen. Die Brutalität der Szene und das Selbstbewusstsein des Helden wurden allein über Lautstärke des Orchesters, nicht durch bedrohlich sich aufbauende Spannung geschildert. Im Vergleich zu den anderen Arien des ersten Programmteils war Jaroussky hier nun aber wenigstens darstellerisch glaubwürdiger.

      Am Beginn des Gesangsteils des zweiten Teils stand die am Schluss der Auftrittsszene des Giustino stehende Kopplung 'Chi mi chiama alla gloria ... Se parla nel mio cor', ein Stück, das in der Zeit der Entstehung einer der großen Hits der späten Opern Handels war. Auch diese Oper ist höchstens semi-seria, die Titelfigur hat gerade eine in Musik geschilderte Erscheinung der Fortuna gehabt, die sie zu Höherem aufruft, aber leider sind die Umstände des Helden noch nicht so. Hier bereitet sich ein zukünftiger Held auf seine glorreiche Zukunft vor: gehört hat man von diesem nicht völlig ernsten Stück kaum etwas vom Inhalt.

      Die nächsten beiden Stücke sind für mich absolute Lieblingsstücke: das für Senesino geschriebene 'Che più si tarda omai ... Stille amare' des Titelhelden aus Tolomeo und die Anrufung der (vermeintlich) toten Gattin aus Radamisto 'Ombra cara': das erstere eine Selbstmordszene (für das lieto fine wichtig: die Tropfen, die der Held nimmt, sind kein Gift, das er zu trinken glaubt, sondern ein Schlafmittel): auch hier steht die Figur völlig außer sich: Verzweiflung, Schmerz stehen im Zentrum: eine glaubwürdige Schilderung dieser Emotionen habe ich nicht vernommen. 'Ombra cara' ist die Schilderung und Würdigung einer großen Seele, es ist ein trost- wie schmerzvolles Stück Musik, das dennoch fahle Farben und eine 'große Seele' verträgt: Hier war es grandios gesungen, nur fehlten gegenüber emotional beteiligteren Interpreten Welten.

      Die abschließende Szene des für Senesino geschriebenen Guido aus Flavio 'Privarmi ancora dell'amata beltà? ... Rompo i lacci' war wieder eine recht derbe Schilderung eines aufbrausenden Liebhabers, ein sehr virtuoses Stück, das den verdienten Applaus hervorkitzelte. Zugaben waren das innige 'Qual nave smarrita' aus Radamisto, 'Sì, la voglia e l'otterrò' des Arsamene aus Serse HWV 40 und als Abschluss das 'Ombra mai fu' des Titelhelden aus der gleichen Oper. Ich weiß nicht, was genau passieren musste: insbesondere bei der Arie des Arsamene war Jaroussky wie verwandelt: er hatte Spaß an der (offensichtlich) musikalisch übertrieben geschilderten Eifersucht und dem Selbstbewusstsein des Königsbruders, er spielte, er gestaltete witzig, war wie verwandelt. Eigentlich nur in dieser knapp drei Minuten langen Zugabe zeigte Jaroussky, was als Gestalter in ihm steckt: das hatte Biss, das hatte Witz und ein wenig Brutalität, das war großartig gestaltet.

      Mit dem Blick von dieser zweiten Zugabe auf das Konzert zurück wünschte ich mir, dass Jaroussky diesen Weg weiter geht, sich den weiten emotionalen Bogen der Handel'schen Musik stellt und dort eintaucht. Dort könnte man noch so manches erleben ... Aber dafür ist er auch mit der gebotenen Darstellung schon erfolgreich genug .... Trampeln, Johlen, standing ovations gab es auch so ...

      Gruß Benno
    • Neu

      ALLE ACHTTAUSENDER NIEDERGEWALZT

      Ein Klavierabend mit Peter Chukhnóv im Steinway Haus (München), 17.11.2017 - ein persönlicher Höreindruck

      Wenn man Franz Liszts monumentale h-Moll Sonate, Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ und Mili Balakirevs Orientalische Fantasie „Islamey“ als pianistische Achttausender ansieht, was sind dann die das Konzert eröffnenden sieben Fantasien op. 116 von Johannes Brahms? Der 1993 in Moskau geborene Pianist wirft sich in die erste daraus, ins Capriccio d-Moll, kraftvoll und präsent, die Akustik des kleinen Saals mit fast erschlagender Lautstärkenentladung völlig ignorierend, also zumindest gleich einmal einen Mont Blanc erklimmend. Ich mag ja das Intermezzo a-Moll op. 116/2 besonders gern. Zwar gibt Chukhnóv diesem doch Poesie und Verinnerlichung, er bleibt aber in seinem grundsätzlich vorwärtsdrängenden, kräftigen, selbstbewussten Duktus, den das Capriccio vorgegeben hat und zieht das auch durch alle anderen op. 116 Stücke beinhart durch.

      Derart überrumpelt bleibt alles still nach dem letzten Ton, das ist wohl auch ganz im Sinne des Pianisten, alle starren gebannt zu ihm, wie er die Konzentration zusammenrafft, sich in die halbe Stunde Liszt zu stürzen. Und diese setzt den Brahms-Ansatz fort: Stupend virtuos, im Rezitativischen und Poetischen etwas ungestüm, mit festem Schritt durch alles durch, sich einem h-Moll-Sonaten-Rausch hingebend, der keine Weile duldet, nahezu alles niederwalzt was sich ihm in den Weg stellt, ein eiliges, schwindelerregendes pianistisches Furioso sondergleichen. In gefühlten 22 Minuten ist Chukhnóv durch. Im Gegensatz zur CD-Aufnahme von Leslie Howard der ähnlich rasch unterwegs war ratscht Chukhnóv das Werk keineswegs durch, nichts kommt beiläufig, alles hat enormes Gewicht, und kleine Unsauberkeiten passieren nie in den exponierten Passagen, wenn dann irgendwo „im Mittelfeld“, sie lassen sich souverän überspielen. Das Publikum ist verblüfft angesichts so rasch hingeworfener, wild grimmiger Virtuosität.

      Ist diese ungeduldige Eile der Nervosität geschuldet oder einem Konzept? Der nächste Achttausender (Mussorgsky) bestätigt eher zweiteres – wieder wird alles niedergewalzt, mit schwindelerregender Technik, mit ungeheurer Kraft, und, wie gehabt, sehr eilig, etwa beim alten Schloss oder bei den Promenade-Zwischenspielen. Und dann – in die Hütte der Baba Yaga sowie durch das große Tor von Kiew, darauf hat er offenbar nur gewartet, da dreht er noch einmal extra auf, er donnert durch und landet im x-fachen Fortissimotriumph.

      Jetzt geben sie ihm keine weitere Chance zur atemlosen Pausenlosigkeit, sie applaudieren sofort, aber sie dürfen nur kurz, schon sitzt er wieder am Steinway Flügel der immer noch da steht und wirft sich auf den dritten Achttausender, Balakirevs „Islamey“. Das irrwitzig virtuose Stück scheint, derart kräftig und stark gespielt, auch um ein paar Minuten schneller abzulaufen als man es gewohnt ist. Am Ende hat man das Gefühl, alle Achttausender wurden niedergewalzt.

      Chukhnóv räumt ab, alle sind verblüfft und überwältigt von dieser vor allem technischen Bravourleistung. Vielleicht bringt er ja doch in den nächsten Jahren eine gewisse innere Ausgeglichenheit ins Spiel, etwas mehr Ruhe, die dem Zuhörer auch Möglichkeit zum Innehalten gibt, dort wo die Musik es ermöglichen könnte. Als Zugabe wiederholt der Pianist das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalten aus den „Bildern einer Ausstellung“.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK