Konzerterfahrungen in München

    • AlexanderK schrieb:

      Das Traditionsorchester aus Weimar allerdings gibt sich unter seinem ukrainischen Chefdirigenten Kirill Karabits lieber als kompakt auf Tourneeperfektion getrimmter Klangkörper, alles sauber modellierend, auf den Punkt effektvolle Höhepunkte setzend, eine durchaus beeindruckende Klangschönheit und –balance offenlegend, aber eben alles mehr abrufend als aus dem Augenblick heraus fesselnd.

      AlexanderK schrieb:

      Das Orchester gibt das Seine wie eine gut geölte Maschine dazu, klanglich reizvoll, in den Einsätzen gut auf die Harmonie achtend, auf Dirigentenschlag auch ein Fugato abrufen könnend, weiter aber mehr funktionell als musikdramatisch offensiv agierend.
      Lieber Alexander, wenn ich die wertschätzende Art bedenke, mit der Du künstlerische Leistungen zu würdigen pflegst, dann ist das hier ein gnadenloser Verriß! Ich glaube, ich hätte mich sehr geärgert, wenn ich dieses Konzert miterlebt hätte, trotz Sophie Pacini, die offensichtlich überzeugte.

      Vielen Dank für Deinen informativen und aufschlußreichen Bericht!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • BUNTE GEFÄLLIGE HITSUITEN

      Die Münchner Symphoniker spielten Musik aus Gershwins „Porgy and Bess“ und Bernsteins „West Side Story“, Philharmonie am Gasteig (München), 5.2.2018, ein persönlicher Höreindruck

      Zwei zentrale amerikanische Bühnenwerke des 20. Jahrhunderts sind zweifellos George Gershwins 1935 uraufgeführte Oper „Porgy and Bess“ und Leonard Bernsteins 1957 uraufgeführtes Musical „West Side Story“, und Dirigent Ken-David Masur (ein Sohn von Kurt Masur) und die Münchner Symphoniker servierten die Highlights der beiden Werke in der nicht ganz ausverkauften Philharmonie am Gasteig leicht bekömmlich als Suiten und mit weiteren populären Einzelnummern.

      Großsymphonisch aufgedreht, rhythmisch straff, aber dort wo es sich anbietet auch schwelgerisch nahmen sie zu Beginn das Publikum durch eine „Catfish Row“ betitelte Symphonische Porgy and Bess Suite in fünf Teilen mit, die Ohrwürmer wie „Summertime“, „I Got Plenty O´ Nuttin´“, „My Man´s Gone Now“, „Bess You Is My Woman Now“ und „I Love You, Porgy“ enthält und mit durchwegs farbigem bis schmissigem Spiel die Ohrwürmer wieder einmal ins Hirn festzusetzen verstand. Zwei spezielle Hits des Werks erklangen vor der Pause noch extra mit Gesang, die Sopranistin Bibiana Nwobilo bot innig „Summertime“, der Tenor Michael Pflumm kam mit „It ain´t necessarily so“ hingegen mehr als Entertainer rüber denn als stimmkräftiger Sänger.

      Leonard Bernstein, dessen 100. Geburtstag im Jahr 2018 auch in München in mehreren Veranstaltungen gewürdigt wird, erfuhr nach der Pause mit Highlights aus der „West Side Story“ eine erste Reverenz des Jahres durch ein Münchner Orchester. Auch Bernsteins Musik wurde das Orchester gut aufgestellt gerecht, man spürte die souveräne Routine der Stilvielfalt die dieser Klangköroper drauf hat und hörbar gerne immer wieder lebendig zu machen versucht in jedem Moment. Die Abfolge wollte gefallen, man wählte nicht die sich anbietenden „Symphonischen Tänze“, sondern wich diesen mit Alternativstücken aus.

      Eine Ouvertüre zu „West Side Story“ gibt es erst seit dem Film, das Originalwerk beginnt ja mit dem Prolog. Die Ouvertüre also – sie beginnt mit der Ensemblenummer „Tonight“ und geht nach dem in diesem enthaltenen Zitat aus dem Balkonduett „Tonight“ in „Maria“ über, um dann mit dem „Mambo“ schmissig zu enden. Im Gasteig wurde der „Maria“-Abschnitt (zu hören auf der Filmsoundtrack CD) durch „Somewhere“ ersetzt, wohl weil in der nun anstehenden Concert Suite No. 1 für Sopran, Tenor und Orchester gleich die von Michael Pflumm gesungene Version folgen sollte. Pflumm bot für seine „Maria“ ein wunderbares Piano, allerdings ausschließlich dieses, und so konnte man „Maria“ diesmal mehr von den Orchesterfarben her genießen, die sich zum Gesang auftun. Beim Duett „One Hand“ gesellte sich Bibiana Nwobilo dazu. Pflummer versuchte, hier etwas kräftiger zu intonieren, und das Duett gelang schon innig, wobei man den Eindruck gewinnen konnte, der Dirigent nahm das Orchester jetzt schon bewusst etwas zurück, um den Tenor nicht erneut im Sound versinken zu lassen. Bibiana Nwobilo hielt sich mit „Somewhere“ schadlos, ihre Stimme fand die ideale Balance zwischen Oper und Gospel, das passt zu Gershwin wie zu Bernstein. Das „Tonight“ Duett, die nun folgende berühmte Balkonszene, meisterten die beiden erneut innig, es ging sehr zu Herzen, vor allem auch durch die farbenreich sinnliche Orchestergestaltung dazu. Ken-David Masur, so erschien es mir weiter, wusste das Orchester gut ins subtile Piano zurückzunehmen, weil vor allem die Stimme des Tenors im großen Saal unterzugehen drohte. Ich hatte einen Sitzplatz ziemlich weit oben im Sektor R, die Philharmonie am Gasteig trägt die Stimmen nicht wirklich gut in den Saal, und wenn sich dann noch jemand zurückhält (aus welchen Gründen auch immer), bleibt fast gar nichts davon für ganz oben.

      Die nun folgenden, von Jack Mason arrangierten „West Side Story“-Selections for Orchestra versuchen, die “Symphonischen Tänze” großteils durch einige zugkräftige Nummern des Musicals zu ergänzen, die dort fehlen – sie beginnen mit fanfarenartigen Zitaten „Maria“ und „Tonight“ und gehen durch „I Feel Pretty“, „Maria“, „Something´s Coming“, „One Hand“, „Cool“, „America“ und „Tonight“. Das Orchester wusste das Publikum weiter mitzureißen, mit fortgesetzt farbigem und rhythmisch packendem, abwechslungsreichem Spiel.

      Der Applaus für diese gefällige Abfolge der zugkräftigen Hits fiel derart herzlich aus, dass das Duett „Tonight“ als Zugabe noch einmal mit den beiden Solisten des Abends wiederholt werden konnte, extrem lyrisch, extrem innig, und plötzlich, in dieser Innigkeit, klang auch die Stimme des Tenors befreiter, lockerer, kräftiger. War es Nervosität, die ihn im regulären Programm, vor allem bei „Maria“, so zurückhalten ließ?
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • TRÖSTLICHE URKLÄNGE

      Die acht Kontrabassisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks im Lehrinstitut Bencic, 6.2.2018, persönliche Eindrücke

      Am 10.2.2018 im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz, am 11.2.2018 in der Evangelischen Akademie Tutzing, am 22.2.2018 ab 20:05 Uhr in BR-Klassik, aber die Weltpremiere dieses außergewöhnlichen Kammerkonzerts mit den Kontrabassisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, die sich erstmals in der Orchestergeschichte auf das Wagnis eines eigenen Konzertprogramms ausschließlich ihrer Instrumentengruppe begeben, gibt es im ganz kleinen Rahmen der vom Musikalienhändler des Münchner Notenpunkts veranstalteten Konzertreihe.

      Die Kontrabassisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, das sind Heinrich Braun, Philipp Stubenrauch, Wies de Boevé, Teja Andresen, Frank Reinecke, Lukas Richter, Alexander Weiskopf und Matej Varga, bieten in ihrem Programm »Kontrabass par excellence« Musik von Giovanni Gabrieli (1557–1612), Gavin Bryars (*1943), Johann Sebastian Bach (1685–1750) in der Bearbeitung von Philipp Stubenrauch, Giacinto Scelsi (1905–1988), Giovanni Bottesini (1821–1889) und Georges Bizet (1838–1875) in der Bearbeitung von Bernard Salles (*1954), also ein musikhistorisch breites Spektrum von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik. (Im Lehrinstitut Bencic noch ausgespart wird Jörg Widmanns (*1973) »Teiresias« für sechs Kontrabässe aus dem Jahr 2009.)

      Launig und humorvoll, aber genauso informativ und sehr neugierig auf das dann musikalisch Gebotene machend, übernehmen verschiedene Mitwirkende die mündlichen Einführungen zu den gebotenen Werken. Damit stellt sich die Gruppe schon einmal menschlich sehr herzlich und völlig natürlich vor.

      Aus Gabrielis besetzungsoffenen chorischen Stücken hören wir zu Beginn das in dorischer Tonart komponierte Canzon per sonar primi toni a 8, Ch. 170 aus: »Sacrae Symphoniae« (1597), gespielt von allen acht Mitwirkenden. Diese Klänge greifen wunderschön ineinander, vielfach wird die Musik auf zwei Gruppen aufgeteilt. Schon hier offenbart sich die großartige Klangfülle und Wärme der äußerlich so beeindruckend voluminös wirkenden großen Streichinstrumente.

      Gavin Bryars, ein britischer Komponist und Kontrabassist, schuf »Silva Caledonia« für acht Kontrabässe (2006, Molto adagio) ursprünglich als Männerchor auf einen Text des schottischen Dichters Edwin Morgan, in dem es um die Dunkelheit ins Unheimliche hinein geht. Die Erstaufführung der Kontrabassfassung im Jahr 2006 brachte 22 Kontrabässe zu Gehör. Selbst wenn man für diesen Abend die Kollegen etwa der Münchner Philharmoniker und des Bayerischen Staatsorchesters hinzugezogen hätte, im Lehrinstitut wäre viel zu wenig Platz dafür da gewesen. Acht tun´s auch. Die faszinierend dunkel fließende Musik Bryars offenbart die klangliche Qualität die sich auch sonst in Konzerten des Orchesters zeigt allein mit dieser Gruppe eindrucksvoll, selbst in der dunkelsten Musik das Tröstliche, Liebende, Herzerwärmende immer mitschwingen zu lassen.

      Bachs Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 (1717–1723), ursprünglich für Solovioline komponiert, auch in Klavierbearbeitungen von Brahms und Busoni verfügbar sowie für Orchester und sogar für vier Bratschen (Ichiro Nodaira), erklingt nun, inspiriert von einer Bearbeitung von Bernard Salles für vier Kontrabässe, in einer eigenen Bearbeitung für vier Kontrabässe von Philipp Stubenrauch, einem der Mitwirkenden des Konzerts. Wir erfahren in der Einführung, dass diese Chaconne möglicherweise auch als ein instrumentales Requiem für Bachs verstorbene erste Frau angesehen werden kann. Die verschiedenen Variationen greifen hier nahtlos, den Musikcharakter wechselnd, ineinander über. Die fließend groovenden Abschnitte, die sich dabei herauskristallisieren, suggerieren bei mir in diesem grundierten, vollblütigen Klangbild den Urfluss pulsierenden Lebens.

      Scelsis »Kshara« für zwei Kontrabässe (1975) arbeitet mit der Tiefendimension der Musik. Sich formal oder analytisch dieser Musik zu nähern führt zu nichts. Der Klang wird Welt, seine Veränderung wird Sein. Das genial radikale spirituell animierende Geschrubbe der beiden Kontrabassisten dreht sich um einen einzigen Ton, schon mal die Oktavhöhe wechselnd, aber immer am Ton bleibend, ihn vierteltönig umkreisend. Auch dies hat etwas Urweltliches, Ursprüngliches, Ur-Irdisches, für mich wie die Stimmen von Mutter Erde, wie Jessye Norman oder Mercedes Sosa.

      Ein ziemlicher Brocken, vor allem auch spieltechnisch, ist das Gran Duetto Nr. 1 G-Dur für zwei Kontrabässe mit den Sätzen Allegro, Andante und Polacca des mit Kantilenen nicht geizenden mit seinem Kontrabass die Welt bereist habenden Bottesini. Man fühlt sich wie in der melodieseligen italienischen Oper oder zumindest wie in einem Tosti Liederabend, und die beiden müssen dabei aber ganz schön ackern, der Komponist verlangt ihnen technisch und musikalisch alles ab.

      Den publikumsfreundlichen Abschluss macht die »Carmen-Fantaisie« für Kontrabass-Quartett (1992), gespielt mit acht Kontrabässen, ein kurzweiliges Hitfeuerwerk, mit dem Prélude (Andante moderato), der Aragonaise (Allegro vivo), dem Intermezzo (Andantino quasi allegretto), Les dragons d’Alcala (Allegro moderato) und Les toréadors (Allegro gracioso). Die könnten wohl die ganze „Carmen“ auch ohne Restorchester hinlegen, so fulminant und schmeichlerisch wissen sie die zugkräftige Musik aus den Tiefen ihrer Instrumente heraufzuholen.

      Die Zugabe ist ein besonderes Schmankerl – alle acht (!) an einem einzigen Kontrabass, um diesen gruppiert und ihn miteinander musikalisch teilend, mit einer salonmusikartigen Octobasso-Polka von Gustav Laska (1847-1928).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hallo zusammen,

      ich möchte berichten vom gestrigen Konzert des BR SO unter Daniele Gatti im Herkulessaal. Heute wird das Programm wiederholt, live ab 20:03 Uhr in BR Klassik. Ich kann von einer sehr spannungsvollen und intensiven Aufführung der Orchesterfassung von Schönbergs op. 4 und Mahlers vierter Symphonie berichten. Wer es einrichten kann, sich das heute anzuhören, sollte meiner Meinung nach nicht zögern ...

      Die 'Verklärte Nacht' wurde in luxuriöser Besetzung gespielt: die 16 ersten Geigen des BR SO können in den großen, leidenschaftlichen Passagen des Stücks einen großen, intensiven Ton erzeugen, meinen Mitgängern und mir ist aber auch das sehr spannungsreiche pianissimo besonders positiv aufgefallen. Dadurch, dass einzelne Passagen aber auch solistisch besetzt waren (z.T., wenn Begleitstimmen in der großen Gruppe spielten), war eine sehr genaue Dynamikabstimmung gefragt. Da ich bei meinem letzten Besuch beim BR SO an dieser Stelle doch ziemlich enttäuscht worden bin, war ich nun umso begeisterter, dass die Koordination wie ein perfekt sitzender Handschuh passte.

      Für mich war das Konzert gestern die Erstbegegnung mit dem Dirigenten Daniele Gatti, dessen Schlaggebung an manchen Stellen völlig losgelöst von der Musik zu sein schien, aber im entscheidenden Moments eines Rubatos dann so klar und präzise wie eben denkbar war. Und sowohl, was kleine crescendi und decrescendi, was rubati angeht, als auch was die genaue Abstimmung, welche Stimme wieweit im Raum akustisch hervortritt, war ich von der Interpretation Gattis sehr beeindruckt. Er hat etliche Stellen bei Schönberg und Mahler kräftiger gegeneinander gesetzt als ich das bei den mir lieb gewordenen Einspielungen kenne (z.B. die Zwischenspiele im letzten Satz beim Mahler). Ich fand das sehr drängend und überzeugend interpretiert, das Orchester hat das Ganze perfekt umgesetzt.

      Bei Mahler war dann der Streicherchor etwas verringert gegenüber Schönberg, aber auch hier war ich wieder fasziniert, wie schlüssig und überzeugend viele Stellen interpretiert worden sind. Im ersten Satz war ich immer wieder überrascht, wie deutlich die 1. Klarinette (und etwas weniger die 1 Oboe) in einigen Passagen akustisch hervorgehoben war. Beim nachvollziehenden Blättern in der Partitur bin ich erstaunt, wie viele Details in diesem (auswendig dirigierten) Konzert erheblich genauer wiedergegeben sind als in den mir vorliegenden CDs (Bernstein & COA, Abbado & BPh, Sinopoli & PO). Es war aber bei aller Präzision auch eine emotional sehr überzeugende Interpretation. Sehr lustig war die gewählte Lösung für den Auftritt der Sopranisten. Christina Landshamer stand erhöht hinter dem Orchester, ich habe schon bei Konzerten erlebt, dass die Sopranistin vor dem dritten Satz den Raum betritt, um den direkten Übergang vom langsamen Satz zum Finale zu sichern. Gatti und Landshamer entschieden sich dafür, dass sie zum E-dur-Höhepunkt am Ende des langsamen Satzes von hinten auf die Bühne betrat. Was für ein Auftrittsmoment, der natürlich dem Radiohörer verborgen bleibt. Landshamer sang sehr textverständlich und klangschön, war auf meinem Platz immer sehr gut zu hören, wirklich bewegt hat mich ihr Gesang leider nicht.

      Gruß Benno
    • Neu

      Etwas verspätet (aus Zeitgründen) ein weiterer persönlicher Konzerteindruck...

      EIN FULMINANTES DENKMAL FÜR LEONARD BERNSTEIN

      „Happy Birthday, Lenny“ mit der Theaterakademie August Everding im Prinzregententheater (München), 15.2.2018

      Eine fulminante Leonard Bernstein Revue, konzipiert und geleitet von Hardy Rudolz, stellte die Theaterakademie August Everding in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater München und dem Münchner Rundfunkorchester da auf die Bühne des nicht ganz ausverkauften Prinzregententheaters! Man ist begeistert vom Anspruch des jungen Ensembles mit seinem frischen hochmotivierten Spiel und seinen unverbrauchten Stimmen, dem universellen Künstler Leonard Bernstein in seiner ganzen Vielseitigkeit nachzeitlich gerecht werden zu wollen.

      Wenige Requisiten und angedeutete Bühnenecken genügen im Bühnenvordergrund (Bühne: Angelika Höckner), sie lassen Platz für Einzel- wie für Ensembleszenen, und ein paar Treppenstufen höher spielt im Hintergrund vor der großen Leinwand die für Bild- und Schrifteinblendungen genutzt wird das von Wayne Marshall geleitete Orchester.

      Die Musical- und Gesangsszenen werden teilweise in Englisch, teilweise in Deutsch gesungen. Sie versuchen, in den Choreografien und mit den Kostümen ein Feeling zu erzeugen, als säße man in den Erstaufführungen der 40er bis 80er Jahre – es wird also jede Modernisierung und Verfremdung vermieden.

      Die Mitwirkenden bringen zwischendurch wesentliche Lebensstationen Bernsteins einerseits mit Faktenaufzählung, andererseits anekdotisch ein, vom Konzert in Landsberg vor ehemaligen Lagerinsassen 1948 bis zum Zwiespalt zwischen dem alles auskostenden Lebensmenschen und dem liebevollen Familienvater. Diese Aufbereitung wirkt etwas plakativ. Sie würde Bernstein genauso groß da stehen lassen, brächte man es etwas weniger reißerisch und marktschreierisch.

      Zu Beginn wird kurz „Somewhere“ aus der „West Side Story“ angesungen und angespielt, dann geht das eigentliche Programm los, im ersten Teil mit der schmissigen Ouvertüre zu „Candide“, die gleich das musikalisch top aufgestellte Orchester die Funken sprühen lässt und dann mit Szenen aus den Bühnenwerken „On the Town“, „Peter Pan“, „Trouble in Tahiti“ und „Wonderful Town“, und nach der Pause mit Ausschnitten aus „Mass“, „A Quiet Place“, „Candide“, dem Song „I hate Music!“, „1600 Pennsylvania Avenue“ und „West Side Story“.

      Ob wir nun mit einem Matrosen in New York Taxi fahren, Captain Hook eher lustig als bedrohlich finden, mit einer amerikanischen Vorstadtbürgerin deren Filmbesuch nachvollziehen, beim Conga am liebsten mittanzen würden (dieser Ohrwurm führt in die Pause), die bewusst statisch vorgetragenen Chorsätze aus „Mass“ bewundern, mit einer weiteren amerikanischen Durchschnittsbürgerin den Tod der Mutter betrauern, die fulminante Glanznummer aus „Candide“ „Glitter and be Gay“ einmal mehr bejubeln (mit einer souveränen Einspringerin vom Gärtnerplatztheater), uns Sorgen mit den Mitwirkenden zusammen ums Weiße Haus machen oder ob wir dann zum erst recht grandios aufgedrehten Finale mit den „West Side Story“ Superhits „Mambo“, „I Feel Pretty“, „Jet Song“, „America“ und „Tonight“ (Ensemble) noch einmal die perfekt studierten und mit hinreißendem Einsatz die Szenen grandios lebendig machenden durchwegs charakterlich ideal besetzten und studierten Ensemblemitglieder mit Standing Ovations bedanken, dem Bühnenkomponisten Leonard Bernstein wird eine exzellente, brillante Reverenz erwiesen mit dieser vielfältigen Revue.

      Die Zugabe rundet den Abend als großes musikalisches Gebet aller ab – „Somewhere“, mit dem Wunsch und der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft im Sinne des die Welt umarmenden universellen Künstlers Leonard Bernstein.

      Freue mich auf die Radioaufzeichnung in BR-Klassik am 4.3.2018 ab 19:05 Uhr.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK