C. P. E. Bach - Die Klaviersonaten. Für Kenner und Liebhaber

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    • C. P. E. Bach - Die Klaviersonaten. Für Kenner und Liebhaber

      Wenn ich das richtige sehe, gibt es hier noch keinen einzigen Thread über C. P. E. Bach – kaum zu glauben, und das im Jubiläumsjahr.

      Dass Carl Philipp zu den am meisten unterschätzten Komponisten heutzutage gehört, wird besonders deutlich, wenn man liest, was Zeitgenossen bzw. die nachfolgende Generation über ihn zu sagen hatten. Damit ist nicht die breite Masse gemeint – das Schicksal widerfuhr ja so vielen Komponisten, dass manche boshaft behaupten, der künstlerische Erfolg während des eigenen Lebens verhalte sich antiproportional zu dem danach –, sondern niemand geringeres als die drei "Großen" der Wiener Klassik:

      Haydn: „Wer mich gründlich kennt, der muss finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, dass ich ihn verstanden und fleißig studiert habe.“

      Mozart: „Er ist der Vater, wir die Bub’n.
Wer von uns was Rechtes kann,
hat von ihm gelernt.“

      Beethoven: „Von Emanuel Bachs Klavierwerken habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künstler gewiß nicht allein zum hohen Genuß, sondern auch zum Studium dienen.“

      Und Schubart äußerte sich über Bach: „Bach in Hamburg führt die Klavieristen an, wie Klopstock die Dichter. Er macht nicht nur für unsere, sondern auch für die Folgezeit Epoche. Seine Setz- und Spielart ist gleich unnachahmlich.“

      Trotzdem wird er heute häufig als etwas eigenwilliger Experimentator betrachtet, der irgendwo zwischen den Stühlen steht, musikhistorisch als Wegbereiter zwar bedeutend war, aber für den Hörer heute, der "Besseres" zur Verfügung hat (Haydn, Mozart, Beethoven), wenig von Belang. Wie ist das zu erklären?

      Ich selbst hatte lange Zeit meine Probleme mit C. P. E. Bach. Das Problem scheint mir: Seine Musik klingt beim ersten Hören spröde, bruchstückhaft, nicht eingängig. Man glaubt, wenn man den Mozart von danach kennt, dass da jemand seine Mittel noch nicht elegant zu handhaben wusste.
      Wer sich nicht von diesem Eindruck geleitet einer intensiveren Auseinandersetzung verwehrt, wird bemerken: Die Musik ist tatsächlich schwer zugänglich, nicht aber, weil Bach es nicht anders konnte, sondern weil er extreme Ansprüche an den Hörer stellt. Verschiedene Affekte prallen jäh auf engstem Rahmen aufeinander, nichts wird bequem ausgeführt, jegliche Gefahr der Redundanz wird vermieden. Die Folge: Die Stücke sind äußerst dicht und meist ziemlich kurz – so dauern die Sonatensätze etwa oft nur 3–4 Minuten. Was künstlerischen Anspruch, Wille zum Ausdruck, Vermeidung von Redundanzen (sowohl innerhalb eines Stücks als auch, was sein Schaffen als Ganzes betrifft: in fast jedem Sonatensatz erfindet er die Form in großen Teilen neu, den Bedürfnissen des jeweiligen Ausdrucksgehalts entsprechend) und Dichte sowie Knappheit des Ausdrucks betrifft, scheint er mir durchaus mit den Komponisten der Wiener Schule (Schönberg, Webern, Berg) vergleichbar. Er war ein ausgesprochener Avantgardist seiner Zeit.

      Ein anderes Problem ergibt sich bei Interpretation. Damit kommen wir zu den Klaviersonaten. Bach hat ca. 150 Stück davon komponiert. Spannend sind sie alle, und teilweise höchst unterschiedlich. Die frühen "Württembergischen" und "Preußischen" Sonaten zeugen teilweise noch mehr von barockem Fluss (wobei etwa der erste Satz der 6. Württembergischem klingt wie ein zur Sonate ausgestaltetes Rezitativ) und haben teilweise äußerst kurze Reprisen (mit großem Formbewusstsein. Hier gibt's tatsächlich schon motivisch-thematische Arbeit im Beethoven'schen Sinne, und die verkürze Reprise ist stets eine Folge des Geschehens in der Durchführung). Die späteren Sonaten "für Kenner und Liebhaber" haben teilweisere einen noch feiner durchgestalteten Formverlauf (vor allem an den formalen Nahtstellen vernehmbar) und wahnsinnig großen Gestaltenreichtum (in dieser Hinsicht, würde ich sagen, sehen die drei Klassiker gegen Carl Philipp ganz schön alt aus).

      Es sind zum Jubiläumsjahr erfreulicherweise zwei neue Gesamteinspielungen erschienen:





      Von ersterem gibt es auch schon wenig länger folgende CD:



      Ich muss sagen: Markovina spielt sicher schön, aber die glatte, klangschöne Art, allein schon durch das Instrument bedingt, hätte mir den Zugang zu den Sonaten versperrt, wenn ich nicht auch die Belder-Aufnahme entdeckt hätte. Darüber hinaus übergeht sie regelmäßig die Wiederholungen, was ich sehr schade finde, denn oft sind die Nahtstellen von Exposition u. Durchführung besonders spannend komponiert, sehr häufig sogar mit einer ersten und zweiten Klammer. Belders Ansatz finde ich kongenial: Die Farbenpracht durch die Verwendung unterschiedlichster Instrumente (Cembalo, Clavichord, Fortepiano) ist phänomenal. Hinzu kommt eine wunderbar erfrischende Agogik, womit er es für mein Empfinden als einer der wenigen schafft, die Musik wirklich organisch rüberzubringen, eine Geschichte zu erzählen, sodass man nicht eine willkürlich scheinende Abfolge von Bruchstücken vernimmt (was, wenn man die Sonaten einfach so glatt und elegant runterspielt, schnell passiert). Wo eigenwillige Brüche sich ereignen (die eben nicht von mangelndem Kompositionshandwerk zeugen, sondern sehr bewusst komponiert sind, einerseits affektbedingt, andererseits sich häufig auch durch eine komplexe strukturelle Idee erklären lassen), werden sie von Belder sehr überzeugend inszeniert.
      Was herauskommt, ist extrem spannende Musik, wenn man seine Hörgewohnheit abschaltet, ausladende Melodien, Themen im Mozart'schen Sinne zu erwarten – ich empfehle tatsächlich, es mal mit einer ähnlichen Hörhaltung wie etwa bei den aphoristischen Stücken der Schönbergschule zu versuchen. Die Querbezüge der auf den ersten Blick bruchstückhaft scheinenden Formen erschließen sich wohl erst bei genauem und mehrmaligen Hinhören. Kein Detail ist hier "einfach so".


    • Bei BIS wurde vor Kurzem die Aufnahmereihe der kompletten Soloklaviermusik abgeschlossen. Miklos Spanyi ist Interpret aller 27 Folgen. Er spielte bereits beim gleichen Label alle Klavierkonzerte ein.

      Verwendet wird zumeist ein Clavichord von Joris Potvlieghe (nach Gottfried Joseph Horn). Viele werden aufgrund der Auswahl des Instrumentes die Nase rümpfen. Doch erst einmal an den hellen und silbrigen Klang gewöhnt, erscheint die empfindsame Klaviermusik Carl-Philipp-Emanuels sehr durchsichtig. Meines Erachtens würde durch Verwendung einen donnernden modernen Konzertflügel zu viel hineininterpretiert und damit die zarten Gespinste dieser feingliedrigen Werke nur zerstören. Das soll jetzt nicht heißen, dass Spany die Musik wie auf einer Nähmaschine runternudelt. Ganz im Gegenteil - ausdrucksstark nützt er die Möglichkeiten des Clavicords voll aus. So hat die Musik auf mich etwas sehr Kontemplatives.

      Ich bin immer wieder beglückt über den überwältigenden Ideenreichtum des ältesten Bachsohnes. Die Werke seines Bruders, Johann Christian, finde ich da wesentlich formaler und uninspirierter.



      Gruß
      Josquin
    • Die erste "Württembergische" Sonate in a-moll Wq. 49 Nr. 1 (H. 30) habe ich durch Glenn Gould kennengelernt. Aktuell wohl am ehesten im Rahmen dieser Doppel-CD erhältlich:



      Sie gefiel mir schnell gut. Aber einen großen Unterschied zu den ebenfalls von mir geschätzten Sonaten von Haydn kann ich noch nicht festmachen.

      Auf jeden Fall machte mich diese Aufnahme neugierig auf die weiteren Sonaten von C.P.E., so dass ich mir die bereits gezeigte 3-CD-Box mit der Einspielung der "Preussischen" (1740) und "Württembergischen" Sonaten (1744) von Pieter-Jan Belder zugelegt habe. Die muss ich aber noch häufiger hören.

      Belders ebenfalls gezeigte 5-CD-Box scheint diese übrigens laut jpc-Infos nicht zu enthalten, sondern spätere Werke von 1779 - 1787.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Wie ich gerade sehe, gibt es eine ältere Aufnahme der Markovina von den "Württembergischen" Sonaten ebenfalls auf modernem Klavier bei Genuin. Als Bonus gibt es ein Klavierkonzert dazu:

      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Hallo zusammen,

      ja, es ist schröcklich, wie wenige CPE Bach Threads es gibt. Danke an Ralph für die Eröffnung dieses Fadens.

      Ich muss ja zugeben, dass ich es etwas außergewöhnlich finde, das gemeinsame Vorbild und den Zeitgenossen von FJ Haydn, WA Mozart und Beethoven in der Alten Musik zu finden. Er ist kein Barock. Unsere 'Klassik' beginnt mit der Aufklärung, darunter kann man diesen Jubilar auch wunderbar begreifen. Darf ich die Mod bitten, CPE Bach umzuziehen?

      Anlässlich des Geburtstags vor einigen Wochen gab es eine Sendung auf DLR Kultur zur Klaviermusik, an der auch Christine Schornsheim als Gesprächspartner teilnahm. Leider konnte ich die zweistündige Sendung nicht vollständig hören. Sie hat angekündigt, dass in diesem Jahr von ihr noch eine etwas unfangreichere Aufnahme von Rondi erscheinen soll, ich denke, darauf darf man sich sehr freuen.

      Ansonsten waren sich Frau Schornsheim und die Moderatorin einig, dass Andreas Staiers Aufnahme, die ich schon einige Male unter Eben gehört gepostet habe, absolut maßstabsetzend sind. Das Unvorhersehbar-Schroffe, absolut Eigengesetzliche der aufgenommenen Stücke ist sehr gut getroffen. Immerhin Frau Schornsheim konnte den Reiz der Aufnahmen von Mikhail Pletnev verteidigen, ich mag diese überraschende Kombination ganz gern hören.

      Momentan höre ich die Sammel-CD aus der April-Ausgabe des Fono-Forum. Die Hälfte der Stücke auf der CD stammen aus der Gesamtaufnahme von Ana-Marija Markovina, die im Heft ziemlich gut besprochen ist. Nach den Hörbeispielen auf der CD klingt es in meinen Hören viel zu brav-gleichförmig, der größte Vorteil ist dann vermutlich die Vollständigkeit dieser Aufnahme. (Wobei ich zugeben muss, dass auch die Klavierkonzerte und Symphonien nicht wirklich gut getroffen sind).

      Und zugegebenermaßen bin ich viel zu geizig gewesen, bei Miklos Spanyi und seinen Aufnahmen der Tasteninstrumente-Musik zuzugreifen. Wird da halt Zeit für Midprice! Lediglich eine der Konzerte-CD's (Wq 23, 31, 33) ist mein eigen und schon seit bald 20 Jahren eine absolute Lieblings-CD.

      LG Benno
    • Die Staier-CD ist sehr lohnend. Gespielt wird auf Cembalo und Fortepiano.
      Von den Sonaten f. Kenner u Liebhaber ist aber, glaube ich keine dabei.
      Leider ist das die einzige Solo-CD geblieben; zwei weitere mit Kammermusik gibt es noch (eine davon gemischt mit Joh. Chr. und Joh. Chr. Fr.). Und die "Hamburger Konzerte", letztere habe ich selbst aber (noch) nicht.

      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Ich muss ja zugeben, dass ich es etwas außergewöhnlich finde, das gemeinsame Vorbild und den Zeitgenossen von FJ Haydn, WA Mozart und Beethoven in der Alten Musik zu finden. Er ist kein Barock. Unsere 'Klassik' beginnt mit der Aufklärung, darunter kann man diesen Jubilar auch wunderbar begreifen. Darf ich die Mod bitten, CPE Bach umzuziehen?


      Dieser Bitte schließe ich mich an. Auch die Threads zu anderen Bach-Söhnen und MB's neuer Thread zur Auferstehungskantate von CPE Bach finden sich sinnvollerweise bei "Aufklärung bis Gegenwart".


      Kater Murr schrieb:

      Die Staier-CD ist sehr lohnend. Gespielt wird auf Cembalo und Fortepiano.


      Diese CPE-CD...



      ... findet sich auch in dieser preiswerten und überaus lohnenswerten Edition:




      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Ich muss ja zugeben, dass ich es etwas außergewöhnlich finde, das gemeinsame Vorbild und den Zeitgenossen von FJ Haydn, WA Mozart und Beethoven in der Alten Musik zu finden. Er ist kein Barock. Unsere 'Klassik' beginnt mit der Aufklärung, darunter kann man diesen Jubilar auch wunderbar begreifen. Darf ich die Mod bitten, CPE Bach umzuziehen?


      Dieser Bitte schließe ich mich an. Auch die Threads zu anderen Bach-Söhnen und MB's neuer Thread zur Auferstehungskantate von CPE Bach finden sich sinnvollerweise bei "Aufklärung bis Gegenwart".

      Danke für die Hinweise! Ich schaue mir das später gern an und verschiebe dann entsprechend. (Brauche dafür ein wenig Muße, da auch Inhaltsverzeichnisse betroffen sind.)

      :gurni:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich habe mir unlängst die von Ralph empfohlene Box von Belder gekauft und weitgehend durchgehört. Leider ist und bleibt die Klaviermusik CPE Bachs für mich reinstes Kantonesisch (auf Mandarin kann ich wenigstens "Nichao" sagen). E ist mir praktisch unmöglich, mich längere Zeit auf diese Musik zu konzentrieren. Ihre jähen Wechsel in Tempo, Rhythmik und ihre äusserst blassen Themen führen dazu, dass ich nirgends irgendetwas wirklich heraushöre. Sehr oft scheint die Musik unvermittelt irgendwie stehenzubleiben und etwas anderes machen zu wollen. Ich fürchte, bei CPE muss ich irgendwann kapitulieren. Die Klaviermusik von Wilhelm Friedemann finde ich leider ähnlich schwierig.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Ich habe mir unlängst die von Ralph empfohlene Box von Belder gekauft und weitgehend durchgehört. Leider ist und bleibt die Klaviermusik CPE Bachs für mich reinstes Kantonesisch (auf Mandarin kann ich wenigstens "Nichao" sagen). E ist mir praktisch unmöglich, mich längere Zeit auf diese Musik zu konzentrieren. Ihre jähen Wechsel in Tempo, Rhythmik und ihre äusserst blassen Themen führen dazu, dass ich nirgends irgendetwas wirklich heraushöre. Sehr oft scheint die Musik unvermittelt irgendwie stehenzubleiben und etwas anderes machen zu wollen. Ich fürchte, bei CPE muss ich irgendwann kapitulieren. Die Klaviermusik von Wilhelm Friedemann finde ich leider ähnlich schwierig.


      Ich kenne nur wenig Klaviermusik von Carl Philipp und (vermutlich) keine von Wilhelm Friedemann Bach. War Letzterer nicht wesentlich konservativer? Irgendwo müsste ich ein Konzert von Wilhelm Friedemann finden.

      Bezüglich der Sinfonien und der Konzerte ist mir die Musik von Carl Philipp Emanuel eher geläufig und auch melodisch wie strukturell durchaus zugänglich. Aber darum geht es hier ja nicht. Könnte es sein, dass er in seinen Klavierstücken den aufrührerischen Geist des Sturm und Drang auf betont experimentelle Weise umsetzt, zu ihm aber - bewusst oder weniger bewusst - nicht durch eingängiges Material einen Kontrapunkt setzen will? Denn wie vorher gesagt, bin ich nicht der Meinung, dass es mangelnde melodische Begabung ist.

      Dennoch auf einem anderen Niveau bewegen sich wohl die Werke, welche sich dem Sturm und Drang zuordnen lassen, zu denen vor allem Haydn, aber auch Mozart fähig waren, also vor allem KV 183 und die gute Hand voll Sinfonien in den zwei Jahren, in denen auch die Abschiedssinfonie entstand.

      Ich denke, dass es sich für Dich lohnen könnte, Felix, im Netz die Noten zur Klaviermusik Carl Philipps mitzuverfolgen. Das würde mich jetzt spontan reizen - ich habe es auch schon mal gemacht.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Ich kenne nur wenig Klaviermusik von Carl Philipp und (vermutlich) keine von Wilhelm Friedemann Bach. War Letzterer nicht wesentlich konservativer?


      Dann würde ich gern meine W.-Fr.-Empfehlung wiederholen.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Wilhelm Friedemann mag weniger von der galanten Schreibart übernommen haben, aber gewiss war er ein kühner Exzentriker und in gewisser Weise sehr experimentell.
      Siegbert Rampe vertritt ja die These, dass Bachs Werke "in der Regel nicht melodisch oder vokal erdacht, nicht gesanglich oder schön klingend" sind, sondern "statt der italienischen oder französischen die deutsche Sprache mit ihren vielen Konsonanten im Wechsel mit Vokalen, ihren Höhen und Tiefen der Sprachmelodie und ihren zahlreichen rhetorischen Pausen und Kunstpausen" nachahmen. "Wahrscheinlich hat kein anderer Komponist davor und danach jemals in so enger Anlehnung an das Deutsche gedacht und komponiert", schreibt er in in seiner Bach-Monographie (Carl Philipp Emanuel Bach und seine Zeit, S. 202). Seine Melodien "entwickeln sich nicht einfach nach- oder auseinander und fließen natürlich dahin, sondern skandieren plötzliche Wendungen, also Überraschungen, die aufrütteln und zum Zuhören zwingen, aber eben oft auch verhindern, dass man diese Musik stundenlang hören kann, da sie die Aufmerksamkeit allzu sehr beansprucht. Dieser Gesichtspunkt ist gewiss dafür verantwortlich, dass Bachs Werke nicht aller Orten und beständig im Radio erklingen". (S. 205)
      Vielleicht ist es das, was dir den Zugang erschwert, Felix?
    • ralphb schrieb:

      Vielleicht ist es das, was dir den Zugang erschwert, Felix?

      Ja, das trifft es ziemlich genau! Das interessante ist, dass CPE Bach durchaus Sinn für Melodien hatte. Seine Flötensonate BWV 1020 (fälschlich dem Vater zugerechnet) ist ja melodisch sehr gehaltvoll und so was wie ein Hit der Flötenliteratur. Auch die Cellokonzerte finde ich sehr zugänglich. Die Klaviersonate war für ihn also so etwas wie ein Experimentierfeld.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      ralphb schrieb:

      Vielleicht ist es das, was dir den Zugang erschwert, Felix?

      Ja, das trifft es ziemlich genau! Das interessante ist, dass CPE Bach durchaus Sinn für Melodien hatte. Seine Flötensonate BWV 1020 (fälschlich dem Vater zugerechnet) ist ja melodisch sehr gehaltvoll und so was wie ein Hit der Flötenliteratur. Auch die Cellokonzerte finde ich sehr zugänglich. Die Klaviersonate war für ihn also so etwas wie ein Experimentierfeld.


      Ich hatte das von ralphb genannte Buch gar nicht mitbekommen (schröcklich, schröcklich!) und es mittlerweile erworben (danke für den Tipp, Ralph). Nach der sehr oberflächlichen und partiellen Lektüre des Buches und dem Vergleich des Gelesenen mit dem gerne Gehörten denke ich, dass die (von Rampe allenthalben hervorgehobene) Eigensinnigkeit und Ablehnung der Erwartungen (z.B. Melodien schreiben) genau das ist, was ihn zum Vorbild der ihn als Lehrer zitierenden Trias der Wiener Klassik hat werden lassen.

      Seine Klaviermusik ist nicht nur ein Experimentierfeld, sondern DAS zentrale Veröffentlichungsfeld (darin ja übrigens seinem Vater folgend, auch wenn er sozusagen das Aufheben von Regeln zu seiner Regel gemacht hat) seiner Musik. Und da hat es erst jetzt eine Gesamteinspielung gegeben (und wie ich oben schrob, eine nicht einmal überzeugende in dem, was ich daraus kenne)!! Ich hoffe nur, dass sich mehr Pianisten an diese großartige Musik machen.

      Gruß Benno
    • ralphb schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Und da hat es erst jetzt eine Gesamteinspielung gegeben (und wie ich oben schrob, eine nicht einmal überzeugende in dem, was ich daraus kenne)!! Ich hoffe nur, dass sich mehr Pianisten an diese großartige Musik machen.


      Hallo Benno,

      was hältst du denn von der Belder-Aufnahme – sollte sie bereits in deinem Besitz sein?


      Hallo Ralph,

      gut Ding will Weile haben ....

      ich habe mittlerweile bei den CPE Bach Aufnahmen für Klavier reichlich mit rezenten Aufnahmen nachgelegt: sowohl was die frühen Württemberger Sonaten von 1744 angeht:



      als auch die Aufnahmen von Belder zu den sowieso schon viel mehr um Ausgeglichenheit bemühten Hamburger Publikationen für 'Kenner und Liebhaber' aus den Jahren 1779-1787:



      Das Eigenständige, Freie, Innovative und Aufmerksamkeit Fordernde dieser Musik kommt in beiden Aufnahmen ganz wunderbar zur Geltung. Wobei ich wenigstens für die erste Württemberger Sonate mit Richard Egarr und Andreas Staier zwei ähnlich tolle Aufnahmen besessen habe. Die Quellen im Folgenden hieraus kopiert: 'www.koelnklavier.de/quellen/scheibe-birnb/_index.html'

      Das Selbstbewusstsein CPE Bach's im Umfeld seines (heute als Übervater angesehenen, aber damals ja schon eher als altertümlich-weltfernen Komponisten angesehenen) Vaters einen genauso anspruchsvollen [ich zitiere hier einmal J.A. Scheibe, Critischer Musikus (1738) über Johann Sebastian Bach: 'Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte.'], aber anderen Weg zu gehen, ist absolut beeindruckend.

      Wenn man die Äußerungen von Felix Meritis und Philmus hier im Thread liest, muss man den Eindruck haben, dass Herr Scheibe nicht JS Bach, sondern CPE Bach gemeint hat.

      Auch in der Antwort auf Scheibe von Johann Abraham Birnbaum (1738) hat man den Eindruck, dass Musik des Vaters, nicht des Sohnes in der heutigen Wahrnehmung beschrieben ist, obwohl eindeutig JS Bach erwähnt wird: 'Die wahre annehmlichkeit der Music bestehet in der verbindung und abwechselung der consonanzen und dissonanzen ohne verlezung der harmonie. Die natur der Music verlangt dieselbe. Die verschiedenen, insonderheit traurigen leidenschafften können ohne diese abwechselung der natur gemäß nicht ausgedrückt werden. Man würde wieder die allenthalben vor bekannt angenommenen regeln der composition verstossen wenn man sie hindansetzen wollte ... Es wird der Herr Hof-Compositeur ferner beschuldiget, daß er seinen stücken durch ein schwülstiges und verworrenes wesen das natürliche entzöge ... wenn man bey dem putz auf niederträchtige gezwungene und läppische kleinigkeiten verfällt, und die gründlichen gedancken mit kindischen einfällen verwechselt: so gebe ich zwar zu, daß dergleichen fehler in der Music könne von denen begangen werden, so die regeln der composition entweder nicht verstehen, oder nicht recht anzuwenden wissen ... So viel weis ich, daß verworren dasjenige heisse, was keine ordnung hat und dessen einzelne theile so wunderlich untereinander geworfen und in einander verwickelt sind, daß man, wo ein jedes eigentlich hin gehöre, nicht absehen kann ... Wo die regeln der composition auf das strengeste beobachtet werden, da muß ohnfehlbar ordnung seyn. Nun will ich nimmermehr hoffen, daß der verfasser den Herrn Hof-Compositeur vor einen übertreter dieser regeln halten wird. Ubrigens ist gewiß, daß die stimmen in den stücken dieses grossen meisters in der Music wundersam durcheinander arbeiten: allein alles ohne die geringste verwirrung. Sie gehen mit einander und wiedereinander; beydes wo es nöthig ist. Sie verlassen einander und finden sich doch alle zu rechter zeit wieder zusammen. Jede stimme macht sich vor der andern durch eine besondere veränderung kenntbar, ob sie gleich öfftermahls einander nachahmen ... Die rühmlichen bemühungen des Herrn Hof-Compositeurs sind vielmehr dahin gerichtet, eben dieses natürliche, durch hülffe der kunst, in dem prächtigsten ansehn der welt vorzustellen ... Also schenckt die kunst der natur die ermangelnde schönheit, und vermehrt die gegenwärtige. Je gröser nun die kunst ist, das ist, je fleißiger und sorgfältiger sie an der ausbeßerung der natur arbeitet, desto vollkommener gläntzt die dadurch hervorgebrachte schönheit. Folglich ist es wiederum unmöglich, daß die allergröste kunst die schönheit eines dinges verdunckeln könne. Sollte es also wohl möglich seyn, daß der Herr Hof-Compositeur, auch durch die größte <> kunst, die er bey ausarbeitung seiner musicalischen stücke anwendet, ihnen das natürliche entziehen, und ihre schönheit verdunckeln könne?'

      An den Ansprüchen, die Natur zu verbessern, sind offensichtlich Leute aus JS Bachs Umfeld und Schülerkreis zerbrochen (z.B. die Verzehrung von Johann Gottlieb Goldberg), nicht jedoch CPE Bach: er hat anspruchsvolle Musik geschrieben, die sich aber nicht an der 'ausbeßerung der natur' versucht hat, sondern durch sein Öffnen des Blicks auf Freiheiten und Innovation das Fundament für die Wiener Klassik gebildet hat. Eine auch aus heutiger Sicht ganz außerordentliche Leistung.

      LG Benno