C. P. E. Bach - Die Klaviersonaten. Für Kenner und Liebhaber

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • eifelplatz schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Oder ist alles nur Arbeit und gar kein Vergnügen?
      Sagen wir: eine abenteuerliche Entdeckungsreise!


      lg vom eifelplatz, Chris.
      Liebe Chris,

      ich habe nun mal in die erste Hörprobe aus den links reingehört ... ich glaube nicht, dass CPE Bach an einem derartig dürr und ärmlich klingenden Instrument seine Freude gehabt hätte. Ein Clavichord kann man vermutlich schönklingender aufnehmen, oder man verwendet einen Nachbau ...

      Wir haben ja gelesen, dass für Mike dieser Klang überzeugend ist. Ich kann mich für diese Musik sogar auf einem modernen Konzertflügel erwärmen ... de gustibus ...

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      habe eher zufällig festgestellt, dass es von der 1765 geschriebenen, 1779 veröffentlichten Sonate A-dur Wq 55,4 H 186, die Felix Meritis in Eintrag 25 mit der Hamelin-Einspielung eingebracht hat, auch eine Live-Aufnahme von Emil Gilels auf Youtube gibt: youtube.com/watch?v=WwPKrR-uVKg Spielzeit 18:42

      Gilels geht den Kopfsatz etwas hüftsteifer an, aber spielt alle Wiederholungen, das Humorvolle der Musik blitzt recht oft durch, aber es ist mehr ein stilles in-sich-Schmunzeln, als der (von mir eher anarchisch-selbstbewusst wahrgenommene) handfeste Humor CPE Bach's. Die sehr (ironisch ?) pathetische Stelle am Schluss des Kopfsatzes kommt nicht wirklich gut rüber.

      Das Poco Adagio klang in meinen Ohren bei Hamelin deutlich innerlicher, bei Gilels versteckt sich mindestens in den ersten Partien des Mittelsatzes die Innerlichkeit hinter Brillianz, auch zum Satzende geht er eher Richtung Pathos als Richtung Innerlichkeit.

      Der Schlusssatz Allegro gefällt mir in dieser Interpretation wieder sehr gut, die Varianz im Tempo und das Leuchtende vieler Stellen kommen meiner Vorstellung von dieser Musik sehr entgegen.

      Anscheinend hat Gilels nur diese eine Sonate von CPE Bach eingespielt, schade eigentlich ...

      Gruß Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Wir haben ja gelesen, dass für Mike dieser Klang überzeugend ist
      Lieber Benno,

      mit Abstrichen! Ist Dir im Vergleich beider yt- links aufgefallen, wie verschieden zumindest die Lautstärke beider ist?
      Irgendwo anders schrieb ich auch mal, dass es auch heute noch eine Herausforderung ist für die Technik, ein Clavichord natürlich aufzunehmen- und bekam Watschen. Das "rechte Maß" zu finden zwischen Nähe und Distanz gelingt nicht immer.

      Grundsätzlich aber ist auch mir eine überzeugend gespielte Aufnahme lieb, egal auf welchem Instrument- dabei spielt Frau Cuiller ja wirklich schön!
      Nur ist es eben hilfreich, die Aufnahme in möglichst tiefer Stille zu hören, um sich ganz auf den Klang einlassen zu können. Eigentlich könnte ich schreiben: dem Instrument entgegenkommen.
      Aber bitte: keine Vorschrift, Anmaßung oder Bevormundung, eher einfach das Zwiegespräch suchend mit diesem zartbesaiteten "Lebewesen" Clavichord.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Hallo zusammen,

      ich mache mich weiter auf meine Forschungsreise zu CPE Bach in den mir vorliegenden Aufnahmen. Und muss zu den Einträgen 33 und 35 in diesem Faden einen Nachtrag machen. Die Zuordnung der Sonate G-dur Wq 56,2 H 246 zu der zeitgenössischen Quelle (CF Cramer) habe ich von Rampe übernommen, habe mich darüber geärgert, dass ich in den Interpretationen von Hambitzer und Belder so wenig von den von Cramer geschilderten Charakterisierungen wiedergefunden habe.

      Ich habe den Interpreten damit unrecht getan, wie ich nun festgestellt habe. Denn die Satzbezeichnungen von CF Cramer treffen nicht auf die obige Sonate zu, sondern auf die 1781 geschriebene sehr kurze und konzise G-dur-Sonate Wq 58,2 H 273 mit den von Cramer genannten Satzbezeichnungen Grazioso - Larghetto e sostenuto - Allegretto.

      Diese liegt mir nur in der Einspielung von Belder von 2012/2013 (1:44/1:47/1:51) vor, die ich zuletzt oft genug aufgeführt habe. Nun also noch einmal das Gegenhören der Aufnahme mit der Schilderung Cramers: Belder spielt auf einem Clavichord, trotz dieses feinen Instruments will sich der 'dämmernd-wonniglich'e Charakter bei mir als Zuhörer nicht einstellen, obwohl man einen viel entspannteren Eindruck bekommt. Im Mittelsatz höre ich die 'widrigere Empfindung', auch die sonstige Schilderung Cramers passt viel besser zu diesem Stück, wobei ich die Abstufungen im Tempo am Satzende wieder nicht höre. Auch der Schlusssatz dauert in der Interpretation Belders wie die vorhergehenden Stücke weniger als zwei Minuten, ich höre wieder nur wenig 'verdrießlichercharakteristisches', nichts barsches.

      Vielleicht ist das ein Stück für die CPE Bach Novizen: keinerlei Wiederholungen, nach knapp fünfeinhalb Minuten ist alles vorbei, also genauso lapidar wie die C-dur-Sonate KV 545, aber doch geht so einiges mehr hier vonstatten. Aber man sollte beachten: die Entwicklung geht nicht 'per-aspera-ad-astra', sondern genau andersherum.

      Gruß Benno
    • Beim nächsten Stück bei meinem Gang durch den CPE Bach-Kosmos der Clavier-Sonaten liegen mir drei Einspielungen vor. Ich denke an die 1784 geschriebene e-moll-Sonate Wq 59,1 H 281 mit den Sätzen Presto - Adagio - Andantino:



      Andreas Staier spielte 1987 einen Hammerklavier-Nachbau nach Walter. 3:28/1:34/3:33 Er bricht sehr stürmisch in den Kopfsatz auf: ungemein vielgestaltig, jedes Motiv mit einem anderen Charakter spielend- leicht schwingend, sehr variabel im Tempo, auch hier denke ich, müssten CPE Bach-Novizen ähnlich großen Spaß wie ich haben. Auch am Ende dieses Satzes gibt es wie bei der A-dur-Sonate Wq 55,4 H 186 von 1765 am Ende eine sehr freie, langsame Passage am Satzende. Der langsame Satz ist recht langsam genommen, einige Ausweichungen sind in ihre Düsternis sehr überzeugend gespielt. Mit Andantino ist der Schlusssatz ein ausnehmend bedächtiger Satz, das frei genommene Tempo von Staier gefällt mir gut. Immer wieder setzt die Musik in ganz anderen Regionen an, ich finde das sehr überzeugend-anrührend in Szene gesetzt. Das Ende wirkt sehr beiläufig-unauffällig, will nicht wirklich zum Schluss kommen. Nichtsdestotrotz will diese Musik sicher nicht so gefällig sein wie manche Musik der großen Wiener Komponisten. Aber auch dort gibt es Stücke wie das Rondo a-moll KV 511 oder das Adagio h-moll KV 540.

      Muss ich erwähnen, dass ich mir mehr CPE Bach-Clavier-Aufnahmen von Andreas Staier wünsche?

      Gruß Benno
    • Der nächste Interpret ist Mikhail Pletnev, er spielte 1998 einen modernen Flügel und ist in allen Sätzen schneller als Staier unterwegs: 2:44/1:21/2:52

      Der Hauptunterschied zur Tempowahl bei Staier, ist, dass Pletnev viel weniger Tempoabweichungen zuläßt, vieles wirkt elegant-brillianter. Das Adagio ist außerordentlich zügig genommen, ich finde, Pletnev traut sich nicht wirklich, die Dunkelheiten dieses kurzen Satzes auszugenießen. Beim Andantino finde ich Pletnev nun endgültig zu schnell, obwohl er in einigen Passagen sehr schön die Fragilität der Musik zuläßt. Der Nicht-Schluss-überrumpelt hier genauso wie bei Staier. Vom Klang finde ich den Walter-Nachbau Staiers diesem Stück doch sehr viel angemessener.

      Beim Hörvergleich direkt nach Staier wirkt Pletnevs Einspielung brilliant- eleganter, aber weniger tiefgehend.

      Gruß Benno
    • Abschließend nun Belder, der 2012/2013 wieder einen Clavichord-Nachbau nach Friederici spielt, seine Spielzeiten sind: 3:37/1:10/2:42

      Belder geht das Presto am langsamsten an, seine Gestaltung lässt einige Abweichungen vom Haupttempo zu, aber im Vergleich zur Gestaltungsfreude der Staier-Aufnahme ist er doch eher eindimensional unterwegs. Der gewichtige Schluss am Kopfsatz steht hier völlig unlogisch- unverbunden zwischen den schnellen Passagen des Kopfsatzes und dem recht zügigen Adagio. Liegt es an dem schnellen Verschwinden des Clavichord-Klanges oder an der Spielweise Belders, dass ich das Bewegende dieses Satzes gar nicht höre? Auch im Schlussatz finde ich Belder zu schnell unterwegs, obwohl er sich erfreulich viel Freiheit in der Tempogestaltung lässt. Recht gut gelungen ist hier nur das Ende dieser Sonate.

      Das ist schon gegen Pletnev schwach, aber im Vergleich mit Staier in meinen Ohren einfach unbefriedigend.

      Gruß Benno
    • Lieber Benno,

      ungeachtet der von Dir bereits vorgestellten Aufnahmen finde ich diese:

      sehr reizvoll und gelungen.
      (Und nicht so "abgespult" wie die Belders.)

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Lieber Mike,

      schreib bitte etwas mehr zu Gatti, was Dir daran gefällt, welches Programm er spielt. Evtl. habe ich ja auch noch ein paar Aufnahmen dieser Stücke, dann kann ich auch noch was dazu schreiben. Bei mir fällt Belder leider auch immer stärker unter 'abspulen', womit man ihm vermutlich sogar nicht einmal gerecht wird ... Aber die Stücke spielen sich nun doch nicht einfach runter, sondern wollen ernst genommen werden ...

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      nun mal zu einer recht frühen Sonate CPE Bachs, der dreisätzigen a-moll-Sonate Wq 49,1 H 30, die - nach einem Brief Bachs aus dem Jahre 1775 an Forkel - 'anno 1743, im Töpziger [sic!] Bade von mir, der ich damals sehr gichtbrüchig war, auf einem Clavichord mit der kurzen Oktav verfertiget' und 1744 als erste der heutzutage als 'Württembergische' bezeichneten Publikation herausgegeben worden ist. Sie liegt mir wieder in drei Einspielungen vor, die ich wieder einmal in der Reihenfolge der Entstehung abhandeln möchte. Die Satzbezeichnungen lauten Moderato - Andante - Allegro assai. Es geht also in verhaltenem Tempo los, der langsame ist deutlich zügiger bezeichnet als so manches Larghetto, erst am Schluss geht die Post ab. Rampe nimmt trotz der Angabe des Clavichords als Komponierhilfe aber das zweimanualige Cembalo als eigentliches Zielinstrument der Stücke an. In Vielem sind diese Stücke schon unglaublich weit vom Hochbarock weg, die Vorbildlichkeit für den jungen Haydn hat dieser selbst hervorgehoben, ich will ihm das gerne glauben.

      Andreas Staier spielte im November 1987 auf einem Nachbau eines Zelt-Cembalos: 5:57/4:11/3:29. In recht gemäßigtem Tempo wirkt der Anfang recht nachdenklich, viele der leiseren Passagen sind im Tempo sehr schön nachgegeben, aber immer kommt der Anfangsimpuls wieder zum Vorschein. Wie schon so oft lobend hervorgehoben, gefällt mir die abwechslungsreiche Gestaltung der unterschiedlichen Motive. Der langsame Satz ist bei Staier für mein Empfinden für Andante etwas zu langsam genommen, aber die Innerlichkeit/gebrochene Hoffnung der Musik höre ich sehr gut. Erst mit der Behändigkeit des Schlusssatzes stellt sich so etwas wie Lebensmut ein, es ist mit Sicherheit auch ein Beweis für Virtuosität.



      Richard Egarr spielte im Oktober 1991 ein leider deutlich weniger klangschönes Cembalo, das leider etwas dumpf aufgenommen ist: 5:13/3:07/3:51. Im Kopfsatz ist er deutlich zügiger unterwegs, dadurch wirkt das Stück weniger nachdenklich, eine eigene Charakterisierung kann ich trotz mehrmaligem Durchhören nicht wirklich benennen, so klingt der Satz etwas 'leer'. Egarrs Tempo wirkt auf mich viel mehr Andante als das Tempo bei Staier. Leider ist die Gestaltung des ganzen Satzes wieder recht gleichförmig-farblos. Im Schlusssatz wirkt das Tempo nicht wie ein Allegro assai, auch hier gestaltet Egarr eher wieder eintönig, hier kommt der Charakter des Stücks aber noch am ehesten heraus: Ich schätze Egarr als Interpreten bei späteren Aufnahmen deutlich besser ein, diese Aufnahme ist kein Ruhmesblatt.



      Mahan Esfahani spielte im Januar 2013 den Nachbau eines Mietke-Cembalo: 4:40/3:13/3:35. Das Tempo des Kopfsatzes ist in meinem Gefühl kein Moderato mehr, sondern viel eher schon ein Allegretto. Durch das recht hohe Tempo wirken manche Passagen deutlich virtuoser als bei Staier, aber die abwechslungsreiche Gestaltung kann mit Staier mithalten, der nachdenkliche Charakter bei Staier kann auch ein Ergebnis der (mich überzeugenden) Tempowahl sein. Im Tempo mit Egarr nahezu gleichschnell gefällt der Mittelsatz, weil die Gestaltung das Niveau von Staier erreicht. Im Schlusssatz wirkt Virtuosität als ein Mittel, um neu gewonnenen Lebensmut zu feiern, das ist wunderbar flexibel ausgestaltet.

      Dass ich Andreas Staier mit CPE Bach mag, dürfte klar geworden sein, aber Mahan Esfahani ist hier ebenfalls außerordentlich überzeugend. Hoffentlich spielt er nach dem Wechsel zur Deutschen Grammophon nicht nur noch JS Bach, sondern auch noch ganz viel CPE Bach ein.

      Gruß Benno
    • Ein Stück habe ich heute noch: Rondo c-moll Wq 59,4 H 283, geschrieben 1784, in der fünften Sammlung der 'Clavier-Sonaten und freie Fantasien nebst einigen Rondos, fürs Forte-Piano für Kenner und Liebhaber' ein Jahr später herausgegeben, die Tempobezeichnung ist Allegro. Das aufsteigende Thema des Hauptthemas hat sehr viel Energie, viele Seitenthemen sind sehr verschattet eingebettet, nur selten wird aber der eher auseinandergerissene, oft nur einstimmig, über viele Oktaven hinwegfegende Melodieverlauf stärker zusammengefasst, mehrstimmigen Satz hat CPE Bach nur in wenigen Passagen angestrebt. Der Schluss reißt das Hauptthema ganz lapidar ab.



      Andreas Staier spielte im November 1987 den Nachbau eines Walter-Pianoforte, die Spielzeit ist 5:04. Staier ist mit einigem Abstand am langsamsten unterwegs, das liegt vor allem an seiner flexiblen Tempogestaltung. Seine abwechslungsreiche Spielart habe ich nun an viele Stücken hervorgehoben, auch hier finde ich es wieder sehr gelungen und ein tolles Plädoyer für diese Musik, die mich so gespielt umgemein überzeugt.

      Pieter-Jan Belder spielte 2012/2013 ebenfalls auf einem Nachbau eines Walter-Pianoforte, die Spielzeit ist 4:42. Das Hauptthema spielt mit der selben Energie und Geschwindigkeit, er läßt allerdings viel weniger Abweichungen zu, einige der Seitenthemen nimmt er allerdings langsamer, bei seinem Spiel habe ich den Eindruck, ein viel virtuoseres Stück zu hören, die von CPE Bach geforderte eigene Rührung des Spielers scheint Belder nicht darbieten zu wollen. Im Vergleich zu vielen anderen Aufnahmen finde ich Belder hier aber deutlich überzeigender.



      Christine Schornsheim spielte im März 2013 auf einem originalen (1801 gebauten) Tangentenflügel, der in einem recht großen Saal aufgenommen zu sein scheint, die Spielzeit ist 4:36. Ihr Spiel wird durch eine noch größere Varianz der Tempi und starke Unterscheidung von Charakteren gekennzeichnet. Im der CD beigefügten Interview betont Schornsheim insbesondere bei H 283, 'das c-moll-Rondo ist für mich vor allem witzig und bizarr. Schon im 2. Takt überrascht er uns mit verminderten Akkorden, die er nicht auflöst und mit Pausen, da hatte das Stück ja gerade erst begonnen. Sehr speziell ist auch das Ende. Er benutzt einfach einen Teil dieses Anfangsmotivs noch einmal, aber es führt nirgends hin. Es ist, als würde man verschwinden, ohne sich zu verabschieden, sich förmlich in Luft auflösen'.

      Hier sind alle drei Interpreten deutlich näher beieinander, was die Qualität der Interpretationen angeht. In meinen Ohren hätte insbesondere Schornsheim noch stärker das Humorvolle des Stücks heraus-spielen können, aber es wird ja hoffentlich noch viele Interpreten geben, die sich dieser herrlichen Musik annehmen.

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen.

      nun bin ich mit dem Vergleichshören bald ganz durch die großartige Andreas-Staier-CD durch. Als vorletztes Stück folgt nun die C-Dur-Fantasia Wq 61,6 H 291. Diese wurde 1786 geschrieben, im Jahre danach als Schlusspunkt der sechsten und letzten Sammlung 'Clavier-Sonaten und freye Fantasien nebst einigen Rondos fürs Fortepiano für Kenner und Liebhaber' veröffentlicht. Lt. den Angaben der Staier-CD lauten die Tempobezeichnungen: Presto di molto - Andante - Presto di molto - Larghetto sostenuto - Presto di molto. Wie man der Vielzahl der Tempobezeichnungen ansieht, handelt es sich also um ein Stück, das durch ein sehr hohes Grundtempo gekennzeichnet ist, aber immer wieder in schreitende und ziemlich langsame Tempi ausweicht. Von der Anlage ist das Stück ein Rondo, durch die extremen Tempoabweichungen aber nun als Fantasia geschrieben.

      Im Beiheft zur Schornsheim-CD sagt sie noch folgendes zu diesem Stück: 'Der Charakter dieser Rondo-Fantasie, nennen wir sie einmal so, ist sehr speziell. Der Charme sprüht nicht an erster Stelle, dafür beginnt das Stück furios im Presto di molto, es gibt viel Frechheit und Spott. Fast wirkt es, als würde er nicht gerade höflich eine Person nachäffen ...(In den langsameren Satzteilen) ist er wirklich unglaublich weit entfernt von dem, wie das Rondothema gestaltet ist, es klingt plötzlich fast choralartig, hymnisch, wir hören tief gesetzte dunkle Akkorde in G-dur, die fast an einen Männerchorgesang erinnern. Zu guter Letzt kommen dann im 3. A-Teil noch einmal ganz große Überraschungen, weil er bei einem großen Kadenz-Sprung nicht auf dem Basston landet, der der richtige wäre, sondern genau daneben. Und das scheint wirklich eine Karikatur eines Klavierspielers zu sein, der sich in solchen Momenten immer verspielt. Dabei ist das natürlich wenig vergnüglich, wenn man danebengegriffen hat! Und - weil es so "schön" war, benutzt er den gleichen Effekt dann gleich noch mal. Schließlich hört er nach all diesen Überraschungen ganz friedlich auf. Diesmal gibt es kein abruptes Ende, sondern eine ganz unaufgeregte Schlusswendung. Das wirkt auf mich so, als wollte er sagen "bin ich nicht eigentlich doch ganz nett"?'

      Andreas Staier spielte 1987 den Nachbau eines Walter-Fortepiano, er ist mit 7:13 deutlich langsamer als andere Interpreten unterwegs. Das hat mit einem zügigen Tempo zu tun das für mich aber nicht nach Presto di molto klingt, ich höre in seiner Spielweise wenig Frechheit und Spott. Die langsameren Passagen nimmt er in erheblich langsamerem Tempo, gestaltet das Andante sehr bewegend, im Larghetto sostenuto (die Männerchorstelle in Schornsheims Schilderung) denke ich an entsprechende Passagen bei Beethoven und Schubert, in dieser Interpretation komme ich akustisch überhaupt nicht mehr in den 1780'er Jahren zurecht. Im abschließenden A-Teil wird das Vergreifen nicht als Verulkung, sondern als Kühnheit gespielt - das ist in meinen Ohren eine angemessene Interpretation, der Schluss dämmert weg, da ist nichts Nettes.

      Aber es ist wunderbar gespielt und ich empfinde es als angemessene Interpretation dieser großen Musik.

      Belder spielte 2012/2013 ebenfalls auf einem Nachbau eines Walter-Pianoforte, mit 5:37 ist er erheblich schneller unterwegs. Sein Haupttempo ist für ein Presto di molto auch noch eher gemütlich, aber den nachdrücklichen Charakter des Themas trifft er ganz gut, die Andante-Passagen sind herrlich ausgesungen, die zweite Rückkehr des Presto di molto bricht humorvoll in diese Welt hinein. Die Larghetto sostenuto-Passagen sind in einem recht flotten Andante gehalten, in meinen Ohren nicht so überzeugend wie Staier. So klingt es mehr nach 1780'er Jahren, die finale Rückkehr des Presto di molto mit den Ausweichungen in den Kadenzen klingen nun bei Belder eher nach Beethoven, er nimmt diese Stellen nicht so humorvoll. Wiederum eine deutlich überzeugendere Version bei Belder.

      Schornsheim spielte im März 2013 wieder den Orignal-Tangentenflügel von 1801, sie ist mit 5:05 noch einmal schneller unterwegs. Bei ihr scheint mir das Tempo wirklich Presto di molto zu sein, der nachdrücklich-freche Ausdruck kommt nun sehr genau bei mir an. Die Andante-Passagen finde ich tempomäßig gut getroffen, sehr sanglich gespielt, auch in der zweiten Presto-Stelle ist sie sehr überzeugend. Etwas zu zügig finde ich sie beim Larghetto sostenuto- klanglich ist es sehr schön gestaltet, das harmonisch Suchende dieser Stellen spielt sie sehr überzeugend trotz des hohen Grundtempos. Und die Spielweise des 'Verspielens' hört man bei ihr im abschließenden Presto in ihrer Interpretation sehr genau.

      Welches für mich die überzeugendste Interpretation ist, kann ich kaum sagen, wieder fällt mir auf, dass bei diesem Stück die Interpreten ganz Eigenes versuchen, bei Staier bin ich vermutlich am Besten aufgehoben.

      Gruß Benno
    • Zum in Beitrag 51 besprochenen Rondo c-moll Wq 59,4 H 283 muss ich noch die Einspielung von Mikhail Pletnev auf einem modernen Flügel nachreichen, mit 4:41 ist er nahezu gleich schnell wie Belder. Was sicher auch am modernen Flügel liegt, klingt das Stück in dieser Interpretation viel brillanter in den zügigen Passagen, dennoch finde ich seine Interpretation sehr angemessen, auch so gespielt ist diese großartige Musik gut anzuhören, die vielen Temporücknahmen sind gut gestaltet, das Stück fällt in meinen Ohren nicht auseinander. Auch das Verschwinden am Ende ist so humorvoll gestaltet, dass ich sehr überzeugt bin von CPE Bachs Eigensinn.

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      Eines geht noch (für heute). Und hier nun ein Stück, bei dem Christine Schornsheim sogar einen biographischen Hintergrund annimmt: Rondo a-moll Wq 56,5 H 262, geschrieben im Jahre 1778, veröffentlicht zwei Jahre später in der zweiten Sammlung 'für Kenner und Liebhaber'. Das Poco Andante überschriebene Stück ist eigentlich wieder kein Rondo, obwohl das Motiv (Achtel c''/e'' über einem liegendem Hohen Bass-A, dann punktierte sechzehntel a'/c'', danach Zweiunddreißigstel und viertel wieder c''/e'', im nächsten Takt das Motiv mit Gis im Bass, und den Oberstimmen darüber auf d''/f'', etc) danach immer wieder auftaucht, es wird aber eher durch unterschiedlichste Tonregionen geführt und bleibt dennoch fast unverändert. Ich zitiere aus dem Interview der Schornsheim-CD:
      '1778, im gleichen Jahr dieser Komposition starb sein Sohn Johann Sebastian d.J. nach schwerer Krankheit. Dieses Rondo hängt ganz sicher mit dieser Lebenssituation zusammen und es wirkt wie ein endloses Lamento. Es ist ein Andante, hat zwar auch diese aufbrausenden Teile, die eine starke Verzweiflung symbolisieren, aber dennoch weniger als andere. Es ist besonders ausdrucksstark, und CPE Bach unterstreicht das durch sehr genaue und häufig wechselnde dynamische Bezeichnungen.'

      Johann Sebastian Bach d.J. verstarb, wenige Tage vor seinem dreißigsten Geburtstag, am 11. September 1778 in Rom, also ohne dass CPE Bach direkt davon mitbekommen hätte. Ich habe den Bezug dieses Rondo zum Ableben des Sohnes nicht weiter erwähnt gefunden (kann an mir liegen), aber einen gewissen Lamento-Charakter kann man nicht überhören. Dem beschriebenen Motiv könnte man einen einfachen Text wie 'Kehr doch zurück' unterlegen.

      Besonders auffällig sind im Notentext vor allem die z.T. jeden Takt anders bezeichnenden Lautstärke-Angaben, z.T. stehen pp und ff direkt nebeneinander, z.T. ist die Bassstimme mit einer anderen Lautstärke versehen als die Oberstimmen.

      Schornsheim spielte im März 2013 auf dem Original-Tangentenflügel aus dem Jahre 1801, von C.F. Schmahl in Regensburg gebaut, sie benötigt 7:54 für das Stück. Das sehr stark auf Wiederholung und Durchgang durch die Tonarten und Tonräume hingestaltete Stück gestaltet sie sehr bewegend.

      Belder spielte 2012/2013 auf einem Nachbau eines Walter-Fortepiano, auch er benötigt 7:54. Noch stärker als Schornsheim erlaubt er sich, einzelne Angaben über die Lautstärke vom forte zum piano (beim ersten Auftauchen der punktierten Figur) zu überspielen. Dafür gestaltet er das erste Auftreten der Zweiunddreißigstel-Triolen in der Kopfstimme und dem Marcato in der Unterstimme besonders präzise. Grundsätzlich finde ich den Klang des Fortepianos hier überzeugender als den des Tangentenflügels. Belder gibt hier, finde ich, eine seiner besten Einspielungen aus dem Bereich der Veröffentlichungen 'für Kenner und Liebhaber'

      Und dennoch denke ich, dass gerade bei diesem Stück noch viel mehr zu holen ist, mit einer flexibleren Tempowahl, mit stärker kontrastierender Anschlagskultur zwischen weich-flehend und hart-unerbittlich ...

      Gruß Benno
    • Ich höre zum wiederholten Male eine CD mit Ludger Rémy, aufgenommen 1985 im Nürnberger Nationalmuseum, gespielt auf einem originalem Claviere von J.A. Stein.
      Sorry, ich fand kein Cover.
      Darunter eben jenes Rondo a-moll Wq 56,5 H 262.

      Rémy lässt sich sehr viel Zeit, mehr als zehn Minuten.
      Er liest das Stück wie ein ausgedehntes Lamento, sehr an Sprache und Rhetorik orientiert.
      Wie eben jemand versucht, Unaussprechliches in Worte zu fassen. Daneben gestattet sich Rémy aber auch die extremen Ausbrüche, die hilflose Wut ebenso wie das resignierte Verstummen.

      Lieber Benno, Deine Textunterlage "Kehr doch zurück" ließe sich ganz sicher um weitere Zeilen ergänzen!
      Zumindest bei Rémy, denn bei ihm klingt das Stück wie Trauerarbeit auf engstem Raum, eine Entwicklung wahrnehmbar. Bis hin zum Loslassen.
      Wäre ich nicht so müde, würde ich mir die vier Phasen der Trauer ("http://www.trauerphasen.de/#das-vierphasenmodell-der-trauer-nach-yorick-spiegel") vornehmen und in Kontext zu diesem Rondo stellen. So soll es als Hinweis genügen, aber man höre gegen Ende des Rondos die Wiederaufnahme des Hauptthemas, das nun um sein Subjekt beraubt ist.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Hallo zusammen,

      auch hier habe ich heute noch eine kleine Zugabe: Rondo A-dur Wq 58,1 H 276, geschrieben 1782, veröffentlicht in der vierten Sammlung 'für Kenner und Liebhaber' 1783. Ich bin sicher, dass die Mehrheit der modernen Zuhörer die Autorschaft Haydns sofort glauben würde, wenn man ihnen das Stück als aus seiner Feder stammend vorstellen würde. Es ist ein gelungenes Beispiel für den 'sanglichen' Stil, den CPE Bach schon seit 1773 für sich in Anspruch nahm. Der von seinen Zeitgenossen geschätzte Humor Bachs kommt auch am lapidaren Ende des Stücks sehr schön zum Vorschein.



      Mikhail Pletnev auf modernem Flügel kommt im Jahre 1998 in 4:36 ans Ziel, seine Interpretation wirkt noch viel stärker hingetupft als viele seine anderen CPE Bach-Einspielungen. Dennoch gehen Humor und Charme dieser Musik nicht unter, mancher CPE Bach- Skeptiker könnte durch diese Interpretation vielleicht doch überzeugt werden.

      Belder spielt auf dem Walter-Fortepiano-Nachbau 2012/2013 deutlich gemäßigter, er benötigt 5:02. Das Instrument passt in meinen Ohren sehr gut zum Stück. Auch finde ich seine schwingende Version des punktierten Hauptthemas durch leichte Varianten sehr gelungen. Manche Seitenpasage könnte im Tempo noch stärker individuell gestaltet sein. Mir scheint, dass Belders Interpretation so manche Lautstärkevorschrift genauer nimmt als Pletnev,

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      ein weiterer Nachschlag in dieser Abteilung ist die 1785 geschriebene, zwei Jahre später in der letzten Ausgabe 'für Kenner und Liebhaber' veröffentlicht, D-dur-Sonate Wq 61,2 H 286 mit den Sätzen Allegro di molto - Allegretto - Presto di molto. Wiederum ein Stück von außerordentlicher Kürze und Lakonik, es scheint im ersten Satz eine Übung in schneller Koordination zwischen Ober- und Unterstimme zu sein, ich nehme an, dass das alles sehr humorvoll leicht sein will. Die Sätze gehen ineinander über, der mittlere ist eher introvertiert, hier gibt es ein klar singbares Thema, aber in weniger als zwei Minuten ist auch dieser wieder vorbei. Der Schlusssatz macht mit anderem motivischem Material da weiter, wo der Kopfsatz angefangen hat, immer mal wieder knallt ein lauter Ton in der tiefen Lage rein.



      Mikhail Pletnev auf modernem Flügel benötigt im Jahre 1998 weniger als fünf Minuten für die ganze Sonate: 1:42/1:34/1:34. Auch hier eine Interpretation, die oft hingetupft, aber in meinen Ohren noch deutlich humorvoller-spritziger sein dürfte. Vielleicht ist es der moderne Flügel, der das Ganze so glatt-perlend-beliebig klingen lässt. Ich empfinde das nicht ganz so blitzende Spiel Pletnevs im Mittelsatz als angemessen, wirklich tragisch will diese Musik nicht. Beim Schlusssatz empfinde ich kein Presto di molto, allerhöchstens ein Allegro molto. Vielleicht ist dieses Stück als Bravourübung gemeint, klingen tut es bei Pletnev etwas beiläufig.

      Belder spielt auf dem Friederici-Clavichord-Nachbau 2012/2013 in allen Sätzen langsamer, besonders auffällig beim Kopfsatz: 2:20/1:48/1:38. Obwohl dies eine der letzten Sonaten CPE Bachs ist, passt das Instrument Clavichord in meinen Ohren sehr gut zum Stück. Im Allegro di molto finde ich das variabler genommene Tempo Belders ganz stimmig, ich finde manche Passagen im mittleren Satz sehr fade, viel zu brav gespielt. Belders Tempo im Schlusssatz ist kaum langsamer als Pletnevs, wirkt aber auf dem Instrument geschwinder.

      Was ich nach so viel intensivem CPE Bach-Hören mal als Zwischenbilanz festhalten kann?

      - Bei der Wahl des Instruments möchte ich mich nicht festlegen, manches klingt hier richtiger gespielt, manches auf dem anderen Instrument. Meine Meinungen hierzu habe ich hier immer wieder aufgeführt.
      - Manches Stück benötigt noch mehr Beschäftigung seitens interessierter Interpreten, da scheint mir gerade im Hinblick auf den Humor Bachs noch vieles nicht richtig gefasst zu sein.
      - Dadurch dass CPE Bach seine Werke in einem zu Lebzeiten verfassten Werkverzeichnis genau sortiert hat, hat er anscheinend mehr Musikwissenschaftler abgeschreckt als angezogen. Dadurch sind vielleicht Spuren, die den Interpreten und uns die Werke besser verstehen lassen könnten, bisher meines Wissens zu wenig bekannt oder kenntlich gemacht. Wo ein Interpret ein Stück mit einem persönlichen Erleben Bachs in Verbindung setzt, so hier beim a-moll-Rondo Wq 56,5 angedeutet, kann es uns vielleicht helfen, den Charakter und die vielleicht vorhandenen Tiefen der Musik wahrzunehmen. Sicher will nicht alles tragisch sein, eine Sonate wie Wq 61,2 in diesem Beitrag will sicher eher unterhaltend-virtuos, eventuell eine Fingerübung sein. Auffällig ist, dass in der letzten Lieferung viele sehr knappe Stücke enthalten sind, das liegt vielleicht daran, dass Bach sich die sechste Sammlung schon überlegte, als er, wie er Breitkopf schrieb, noch keine Stücke dafür zur Verfügung hatte.
      - Der Kosmos mit 156 Sonaten (laut der Auflistung bei Rampe) und ca. 100 Klavierstücken ist eigentlich noch nicht wirklich bekannt. Und wegen seiner Unübersichtlichkeit gibt es offensichtlich zu wenig Interpreten, die sich mit Tiefgang an diese Musik machen. Selbst jemand wie Belder liegt bei manchem helleren Stück, so mein Eindruck noch meilenweit daneben. Und das ist aus meiner Sicht vor allem bedauerlich.

      -to be continued -

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      das Beste scheint mir, nach einer kleinen Zwischenbilanz einfach gleich weiter zu machen. Heute soll es um die 1782 geschriebene F-dur-Fantasie Wq 59,5 H 279 gehen, sie wurde in der Fünften Sammlung 1785 veröffentlicht. Das Stück ist Allegro bezeichnet, zeichnet sich durch viele Sechzehntel, aber auch durch ganze Noten-Werte aus. die Lautstärkeangaben pp und ff stehen zum Teil nebeneinander. Es handelt sich, wie man der bei islmp.org veröffentlichten zeitgenössischen Abschrift ablesen kann, um eine der ohne Taktstrich geschriebenen ganz freien Stücke von CPE Bach.

      Mir liegen drei relativ neue Einspielungen vor: Ana-Marija Markovina spielt auf einem modernen Flügel, sie ist in 3:52 am Ziel, bei ihr klingt das Stück schön, virtuos aber inhaltsleer. Wenn man die erste Notenseite mitliest, bemerkt man, dass die krassen Lautstärke-Unterschiede nicht befolgt werden, was selbstverständlich erlaubt ist, wenn ein Überspielen einer Angabe einer künstlerischen Intention folgte. Das kann ich nicht erkennen. Ich habe nicht die Gesamtaufnahme, mir liegt dieser Track auf dieser Scheibe vor:



      Christine Schornsheim spielte im März 2013 auf einem originalen Tangentenflügel von 1801, Spieldauer ist 4:06. Am Beginn nimmt sie das Allegro in einem recht flüssigen Tempo, aber im weiteren Verlauf geht sie sehr viel freier mit dem Tempo um, das finde ich bei diesem Stück noch angemessener als bei vielen anderen Stücken. Ich denke, dass man die Dissonanzen stärker ausspielen müsste, ich finde oft genug blickt in dieser Lesart der eigensinnige Humor Bachs durch. Leise Passagen könnten vermutlich noch mehr gesungen werden, schroffe Passagen sind sehr schön herausgedonnert.

      Pieter-Jan Belder benötigt 2012/2013 auf seinem Nachbau eines Friederici-Clavichords noch etwas länger, nämlich 4:38. Der Anfang ist etwas langsamer-nachdenklicher genommen als bei den Vergleichsaufnahmen. Und im weiteren Verlauf lässt Belder das Tempo nach, erstaunlich viel genauer als beide Konkurrentinnen nimmt er die Lautstärkevorschriften. Ich empfinde diese Interpretation als sehr angemessen, weil sie noch mehr in die (Geschwindigkeits- und Lautstärke-) Extreme geht.

      Auch wenn Markovina natürlich den Vorteil der Vollständigkeit besitzt, ist das, was sie bei diesem Stück präsentiert, in meinen Ohren zu wenig CPE Bach, sondern vor allem Materialbewältigung. Welches Instument hier wohl am stimmigsten ist? Vermutlich der Clavichord, auch wenn gerade auf dem natürlich die Dissonanzen kaum richtig beißend ausgespielt werden können.

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      das Unverständnis unserer heutigen Zeit mit dieser von seinen Zeitgenossen als epochal empfundenen Figur wäre ja nicht so verwunderlich, weil es das immer wieder gegeben hat. Aber ich denke, dass bei CPE Bach gerade die Selbstbezeugungen der Großen der Wiener Klassik darauf hinweisen, dass CPE Bach nicht nur eine nebensächliche Figur war.

      Ich höre aus dieser Clavichord-Aufnahme vor allem die Sonaten A-dur Wq 65,37 H 174, e-moll Wq 65,39 H 176 und B-dur Wq 65,38 H 175, alle 1763 geschrieben. Bei der Aufnahme mit Miklós Spányi kommt der Nachbau eines 1785 in Dresden von G.J. Horn gebauten Instruments zum Einsatz:



      Im Gegensatz zu den Sonaten aus den Sammlungen für Kenner und Liebhaber (spätestens ab der zweiten Lieferung finde ich das auffällig), sind diese Stücke alle ambitioniert, Spieldauern zwischen 13 und 18 Minuten sprechen dafür. Zudem erkenne ich hier Versuche, eine Vielfalt an Texturen und Rhythmen zu gestalten. Die Mittelsätze (hier mit Andante ma non troppo, Largo con tenerezza, Largo e mesto bezeichnet) sind häufig als instrumentale Arien gestaltet, expressive, chromatisch gesättigte Musik, wie sie vermutlich kein anderer Zeitgenosse gestaltet hat.

      1763 war eines der reichsten Jahre im Sonatenschaffen CPE Bachs, insgesamt 7 Sonaten entstanden damals, zu Lebzeiten wurde nur die f-moll-Sonate Wq 57,6 H 173 veröffentlicht.

      An Spányis Interpretationen habe ich wenig auszusetzen, er lässt den Motivaufbau sehr organisch sich entwickeln, immer geht die Lautstärke zurück, wenn ein Motiv beendet ist. Innehaltende Motive werden im Tempo zurückgenommen, alles stimmt.

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      und nun die letzte Sonate aus Wq 63/64, also den 'Achtzehn Probestücke in sechs Sonaten zum Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen': H 75 wurde 1753 geschrieben und publiziert:

      Allegro di molto f-moll, - Adagio affettuoso e sostenuto As-dur - Fantasia (Allegro moderato - Largo - Allegro moderato) c-moll

      Der Schlusssatz soll hier im Zentrum meiner Betrachtungen stehen: eine der frühesten Verwendungen des Begriffes Fantasia bei Bach. Die Schreibweise ist wieder ohne Taktstriche, abwechselnd werden halbe Noten und Sechzehntel-Läufe verwendet, harmonisch ist vieles sehr unsicher, Sexten und Septimen sind in den Melodieverlauf eingebaut, zum Teil klingen gleichzeitig c,d, f, as und h, also kräftige Dissonanzen und verminderte Akkorde.

      In der zweiten Auflage der Wahren Art das Clavier zu spielen geht Bach 1762 auf derartige Stücke genauer ein:
      'Eine Fantasie nennet man frey, wenn sie keine abgemessene Tacteintheilung enthält, und in mehrere Tonarten ausweichet, als bey anderen Stücken zu geschehen pfleget, welche nach einer Tacteintheilung gesetzet sind [...] bei jener [der freien Fantasie] hingegen blos gründliche Einsichten in die Harmonie, und einige Regeln über die Einrichtung derselben hinlänglich [...] Hingegen glaube ich, daß man einem im fantasieren glücklichen Kopfe allzeit mit Gewißheit einen guten Fortgang in der Composition prophezeyen kann [...] Eine freye Fantasie besteht aus abwechselnden harmonischen Sätzen, welche in allerhand Figuren und Zergliederungen ausgeführt werden kann [...] Das Clavichord und das Fortepiano sind zu unserer Fantasie die bequemsten Instrumente. Beyde können und müssen rein gestimmt seyn. Das umgedämpfte Register des Fortepianos ist das angenehmste, und, wenn man die nöthige Behutsamkeit wegen des Nachklingens anzuwenden weiß, das reizendste zum Fantasieren'

      Wie diesen Satz die Zeitgenossen verstanden haben können, wird durch die Veröffentlichung im Jahre 1767 eines Altonaer Dichters, Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, deutlich, der zwei Texte als mögliche Interpretation dieser c-moll-Fantasia unterlegt: DEN berühmten Monolog der Hauptfigur aus Shakespeares Hamlet und den Monolog des Sokrates, bevor er den Schierlingsbecher trinkt.

      Die Zeitgenossen haben in dieser Musik also Abgründe, eine tiefste Meditationen über Leben und Tod gehört. Und wie wird das Stück heute gespielt?

      Mir liegt die Einspielung von Armin Thalheim vom Mai 1987 auf einem originalen Clavichord von Johann August Straube aus dem Jahre 1787 vor, noch in der Original-West Ausgabe, von der ich das Bild leider nicht gefunden habe:



      Das Verzweifelt-gelegentlich Ausbrechende der Musik wirkt gegenüber den unterlegten Texten merkwürdig brav. Durch das schnelle Verklingen des Instruments geht so mancher 'schuhausziehender' Akkord verloren, vieles klingt braver als nötig in meinen Ohren.

      Rampe (273) schreibt hierzu: 'Nunmehr hatten Instrumentalkompositionen ihren eigenen Wert, wenn sie als Programmmusik ohne formuliertes Programm gelten konnten. Sie wecken emotionale Bilder, statt diese verbal zu beschreiben. Das ist die musikalische Voraussetzung, auf der die Sonaten und Sinfonien von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert gründen.'

      Wie Rampe 310 schreibt, sind mehrere Musikwissenschaftler der Überzeugung, es handle sich bei diesem Stück um ein Tombeau auf seinen Vater.

      Gruß Benno

      Gruß Benno