Eben gewälzt

    • :wink:

      Danke an b-major für den Tipp zu Men, Women & Pianos von Arthur Loesser. Das ist wirklich brilliant mit vielen feinen Details. Die Geschichte des Pianos wird historisch, soziologisch und ökonomisch bestens belegt und sehr ansprechend erzählt. Empfehlenswert, besonders für die Liebhaber des Instruments.

      Ich dachte, ich hätte den Autor Josef Skvorecky hier mal gesehen, bin mir aber nicht mehr sicher. Egal, "The engineer of humans souls" ist großartig. Die Geschichte eines Tschechen im kanadischen Exil mit Rückblicken in die Kriegs- und frühe Nachkriegszeit in der Heimat. Sehr intelligent konstruiert und geschrieben, ein Genuss.

      Gruß, Frank
    • Es freut mich, daß dir der Loesser auch gefällt. Du hast den Anstoss gegeben, daß jetzt hier seine Aufnahme des WTC läuft.- Skvorecky hatte ich hier mal in Zusammenhang mit einer frühen Shostakovich -Aufnahme von Kubelik erwähnt. Ja, seine Bücher gefallen mir : Feiglinge, Eine prima Saison, das Mirakel, Junge Löwin , natürlich der Seeleningenieur , bis hin zur Legende Emöke und der Bassklarinette - selten, daß mir so viel von einem Author gefällt . Und dazu noch seine Lebensgeschichte und die der deutschen EA von Feiglinge. Der Stoff , aus dem....
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
    • So, nun doch auch die deutsche Version:



      Letztes Jahr im Februar habe ich das englische Original gelesen, nun die deutsche Version. Ich bin diesmal etwas zufriedener. Sicher, ich verstehe deutsch deutlich besser als englisch, aber die schöne Sprache konnte ich auch im Original genießen. (Nebenbei: die deutsche Übersetzung von Gertraude Krueger ist sehr gut gelungen.) Vielmehr denke ich, dass ich jetzt beim zweiten mal gnädiger mit den Schwächen des "Romans" umgehe.

      Die Stärke des Buches liegt sicherlich in der Stilistik und in der Deutlichmachung und Diskussion der gequälten Zwiespältigkeit des Komponisten. Eher sehe ich Schwächen in der etwas einseitigen Auswahl des Stoffes mit dem Schwerpunkt "Feigling". Gut, ich sehe, dass dadurch dem Buch seine Kompaktheit und Eleganz ermöglicht wird, und der allgemeine Leser durch zu viele Details eher verwirrt als informiert wird. Sicherlich hat der Roman gerade durch diese thematische Verknappung seinen Charme.

      Ich sehe bei dieser Art von Literatur immer eine gewisse Problematik. Sie nennt sich "Roman", gibt also damit zu, fiktiv zu sein, andererseits hat es mehr Ähnlichkeit mit einer (Auto-) Biographie oder noch eher mit Memoiren. Nun sind "Memoiren" bei Schostakowitsch durch Volkov ja besonders problembesetzt. Nun verwendet Barnes diese umstrittenen Memoiren, neben Elisabeth Wilson, auch noch als Quelle, und setzt noch eigenes Fiktives hinzu. Die Gefahr sehe ich, dass der Leser dies alles für die historische Wahrheit hält, auch wenn es klar als "Roman" gekennzeichnet ist. Der Kenner wird das auseinander halten können, der Laie wird es nicht besser wissen und dann glauben, dass er es (nach dem Lesen) weiss. Und gerade beim zweiten Leserkreis finde ich problematisch, dass die Auszüge aus den biographischen Daten sehr speziell sind. Aber auch beim "Experten" können sich entsprechende Bilder schleichend einbrennen.

      Mir ist gleichzeitig klar, dass Literatur alles darf, und rein belletristisch gesehen ist dies wirklich ein gelungenes und schönes Buch. Ich bin da subjektiv sicherlich etwas beckmesserisch, weil ich bei meinem Lieblingskomponisten an einer ausgewogenen Darstelllung seiner Lebensleistung interessiert bin. Ich denke dann konkret etwa daran, dass ich Freunde habe, die Julian Barnes sehr mögen, von Schostakowitsch (und generell klassischer Musik) wenig bis nichts wissen, und denen ich das Buch sicherlich ausleihen werde.

      Wie schon gesagt, empfand ich diese Problematik nach dem ersten Lesen (englisch) stärker als jetzt nach dem zweiten Lesen (deutsch). Vielleicht ist das ja schon Folge oben beschriebenen "osmotischen" Effekts... :D

      maticus
      Wir lesen keine Bücher, wir schreiben sie. --- Alexander Grothendieck

      Grothendieck had a very strong feeling for music. He liked Bach and his most beloved pieces were the last quartets by Beethoven. --- Luc Illusie
    • Schwerpunkt "Feigling"

      Hallo Maticus,
      ich sehe das Werk anders.
      Barnes hat bereits im Roman "Arthur and George" sehr kunstvoll geschichtsträchtige Realität (Arthur Conan Doyle und George Edalji) mit Fiktion verbunden, so dass eine neue Qualität entstehend konnte.
      Hier zeigt er ebenfalls fiktiv, dass DS am sowietischen Regime scheitern musste, egal wie er sich abmühte und Kompromisse suchte. Das macht Barnes in drei wesentlichen Geschichten fest.
      Das Großartige an Barnes Roman ist nun, dass er diesen Extrakt herauskehrt: "Am Ende verlierst du und du hast keine Chance, sie erwischen dich. Du kannst dich nicht verstecken". Oder frei nach Kafka: "Sich einmal darauf einlassen und man landet im Malstrom".

      DS ist dabei ne Blaupause, es hätten auch andere Künstler sein können, Furtwängler oder Gründgens. Aber DS ist nun mal besonders prädestiniert als Vorlage.
      Es ist also ein Roman, ein recht kunstvoll aufgebauter dazu, in dem DS als Protagonist vorkommt,
      Man sollte ihn nicht verwechseln mit irgendeiner Art von Biografie. Gleiches gilt übrigens für DS in Vollmans Roman "Europe Central". Allein die vielen Gedankengänge, die DS umtreiben würde ein seriöser Biograf niemals versuchen. Da ist es ganz Fiktion.
      Gruß aus Kiel
      Der beste Beweis dafür, das es im Universum intelligentes Leben geben muss, ist der, dass noch keiner versucht hat, mit uns Kontakt aufzunehmen (Calvin and Hobbes)
    • Der Lärm der Zeit

      Momentan ist ja ein großer Hype um das Buch. Kein Feuilleton ohne Besprechung. Neulich war es ja auch im ZDF Das Literarische Quartett, und bekam die Wertung "4:0".

      Programmhinweis:

      So, 12.3.2017, 16:10 Uhr
      Deutschlandfunk

      Büchermarkt
      Das Buch der Woche: "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes
      Ein Beitrag von Wolfgang Schneider


      maticus
      Wir lesen keine Bücher, wir schreiben sie. --- Alexander Grothendieck

      Grothendieck had a very strong feeling for music. He liked Bach and his most beloved pieces were the last quartets by Beethoven. --- Luc Illusie
    • Wer Lyrik schreibt, ist verrückt

      wer sie für wahr nimmt, wird es. (aus Hochseil)
      So Peter Rühmkorf, dessen Gedichtband "Haltbar bis 1999" ich immer wieder gerne lese und daraus auch zu zu gerne zitiere.
      "Was dann nachher so schön fliegt....
      Wie lange ist darauf rumgebrütet worden."

      Dazu ein schönes Titelbild gestaltet von Horst Janssen.

      Was will man/Ich mehr?
      Nun, es fehlen viele Gedichte, die Rühmkorf berühmt machten. (so der Titel des Beitrags!)
      Deswegen habe ich mir nun endlich die gesammelten Gesichte von ihm bestellt. Soll mir keiner sagen,es fehle was.
      Gruß aus Kiel
      Der beste Beweis dafür, das es im Universum intelligentes Leben geben muss, ist der, dass noch keiner versucht hat, mit uns Kontakt aufzunehmen (Calvin and Hobbes)
    • In Zeiten abnehmenden Lichts

      Mein Lieblingsbuchhändler legte mir dieses Werk nachdrücklich ans Herz, nachdem in einem Interview der Schauspieler Sylvester Groth= Kurt von diesem Buch und dessen Verflimung in Dradio Kultur sprach und ich schnurstracks die Buchhandlung anrief und fragte, ob man es mir bestellen können.
      "Das beste Buch über das DDR Ende", so Wolfgang Erichsen. Bestellt, abgeholt und gelesen.

      In der Tat, es ist recht gut gelungen. Dass bei Leserkritikern die vielen Zeitebenen und - sprünge sauer aufstossen: geschenkt, es ist ja kein Loreroman.
      Es ist aber auch nicht Buddenbrooks DDR, wie Frau Radisch (Zeit) in grotesker Fehleinschätzung rausposaunte, das wäre wohl eher "Der Turm."

      Es ist aber ein kunstvoll=kalkuliert komponiertes Buch über drei (der Urenkel spielt nur eine untergeordnete Rolle) Generationen in der Zeitspanne zwischen Anfang der 50iger bis 1989 mit einem zusätzlichen Rahmen aus 2001!
      Der Opa Wilhelm, dessen 90igster Geburtstag am 1.10.1989 aus vielen Perspektiven betrachtet wird, ein wiederkehrendes Rondomotiv quasi, das die Handlung immer wieder reflektiert, ist ein alter Kommunist, der seine Biografie etwas(freundlich betrachtet) frisiert hat und derzum "alten Adel der DDR" mit jeder Menge Orden gehört
      Stiefsohn Kurt war in der SU im Arbeitslager und wurde dank Protektion in der DDR noch promoviert und bekam einen Lehrstuhl. Er zweifelt zunehmend am System, lehnt sich aber nicht auf.
      Enkel Alexander gleitet ab in die "Gammlerszene" und in die Arbeitsverweigerung. Am 1.10.1989 ist er in Gießen, also über Ungarn getürmt.
      Das wird in einzelnen Kapiteln mit Zeitsprüngen erzählt, die dann bis 2001 reichen: Dort lebt Kurt als Alzheimer Pflegefall, von Alexander umsorgt. Der aber geht, selbst todkrank, auf Spurensuche seiner Großeltern nach Mexico, wo Wilhelm und seine Frau Charlotte die Nazizeit im Exil verbrachten.

      Was ist nun kunstvoll daran? Zunächst die Konstruktion aus Zeitschichten. aber das machen auch andere Autoren. Und es ist so kunstvoll, dass man mit einigermaßen Primanerwissen die Tricks des Autors um Bedeutungshuberei schnell durchschaut und es für entweder kunstvoll oder künstlich halten mag.
      Ich finde manche Passagen sprachlich sehr gelungen und die Aussagekraft des Inhalts bemerkenswert. Aber mich stört das Gedrechselte, die vielen Allegrorien, die mich beim Lesen mehrfach ausrufen ließen: "Nun lass das mal, ich habe verstanden".
      Mit der Nase in den Quark gestoßen zu werden, ist nicht meine Sache. Dazu kommt, dass Parteigenossen fett versoffen, sprachlich einfallslos etc.. etc sind. Das ist arg einfach, mag aber so gewesen sein, siehe PS.
      Aber im Großen und Ganzen ist der Roman allemal gut.
      Bisher bleibt mein Lieblingsroman über/aus der DDR. allerdings immer noch "Ich" von Wolfgang Hilbich. Der hat Bukowski Niveau.

      Gruß aus Kiel

      PS. 1970/71 war ich in meinem Geburtsort bei den Jusos und die Ortsgruppe wurden von der DKP übernommen. Das heißt, das meine SPD Genossen alle zur DKP wanderten, einzig Klaus, der "arme Hansel" (er war nach einem schweren Unfall geistig nicht mehr da) und ich blieben zurück.
      Wir wurden dann wohl prophylaktisch auch aus der SPD geworfen, obwohl wir keine Mitglieder waren. (Als Juso musste man damals nicht Mitglied der SPD sein)
      Ich konnte mich darüber ca. 12 Jahre später bei Jochen Steffen persönlich beschweren, der hatte aber keinerlei Erinnerung.

      Die Leute, die meine Genossen abwarben, waren Menschen in beigen Anzügen, mit hellbraunen Schlipsen und hellbeigen Oberhemden und sie trugen hellbraune Schuhe.
      Klaus und mir war sofort klar, was das für entsetzliche kleinbürgerliche Spießer waren, die da die DDR in hellen (beige?) Farben verklärten und denen meine ex-Genossen wie dem Rattenfänger folgten. (Dieses "Beige" ist bei Ruge ganz deutlich, man "riecht" es förmlich und ich fürchte es wird beim Film zu kurz kommen, wo Bruno Ganz bereits zu "fit" für die Rolle des Wilhelm scheint)
      Und als dann der neue DKP Genosse Uwe W., vormals Juso, laut von sich gab, dass nach der Revolution "Köpfe rollen werden" und "wir uns eure Abweichlereien schon gemerkt haben", da wußte ich, das Spießer extrem gefährlich sein können, auch wenn sie Helene Fischer hören.

      PPS.. Auf der Suche nach Lyrik (s.o) habe ich nochmals die Raketenlimericks von Pynchon, übersetzt von Elfriede Jelinek, gelesen. Dabei bin ich im Roman lesend für ca. 50 Seiten geblieben, weil es so faszinierend war, von der 1. Zeile ab Seite xx an. Das hat wahrlich ein ganz anderes Niveau.
      Der beste Beweis dafür, das es im Universum intelligentes Leben geben muss, ist der, dass noch keiner versucht hat, mit uns Kontakt aufzunehmen (Calvin and Hobbes)
    • Doc Stänker schrieb:

      So Peter Rühmkorf, dessen Gedichtband "Haltbar bis 1999" ich immer wieder gerne lese und daraus auch zu zu gerne zitiere.
      "Was dann nachher so schön fliegt....
      Wie lange ist darauf rumgebrütet worden."
      Rühmkorfs mega-geilster Gedichtband !!!
      für Capriccio folgende Zeile aus nämlichem Gedicht:

      ".. der Mensch ist kein Klavierhocker !
      Schraube im Arsch,
      zum Rauf- und Runterdrehn.......
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann


    • Ein sehr ungewöhnlicher und raffiniert geschriebener Krimi. Sehr spannend.


      maticus
      Wir lesen keine Bücher, wir schreiben sie. --- Alexander Grothendieck

      Grothendieck had a very strong feeling for music. He liked Bach and his most beloved pieces were the last quartets by Beethoven. --- Luc Illusie