Eben gewälzt

    • Dostojewski Licht und Schatten in einer Person

      Nachdem ich einiges in der baudrillardschen Konsumgesellschaft gelesen hatte, fiel mein Blick beim zurück stellen ins Regal auf Dostojewskis Tagebuch eines Schriftstellers. Ich blätterte etwas umher und fand auf Seite 602 (Piper, 8. Aufl, 1996) eine sehr verstörende antisemitische Passage. Ich war bisher ein Dostojewskifreund, muss jedoch zugeben, dass ich wenig sekundärbiographisches Material zu ihm gelesen habe. Diese menschenfeindlichen Seiten an Ihm sind mir neu. Nun bröckelt einiges an seinem Glanz bei mir... Ein Artikel aus der NZZ schockierte mich gerade völlig ( nzz.ch/feuilleton/buecher/avan…t-der-reaktion-1.18369436).
      Vielleicht liegen Schuld und Sühne immer ganz ganz nah beieinander.

    • Babayaga schrieb:

      Geradezu weihnachtlich, wie "Edeltraut" sich um unsere Allgemeinbildung bemüht ... ...
      ja, geradezu ( t )drollig ;)


      Herzliche Grüße:
      KALEVALA :wink:
      Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. (Nietzsche)


      Es gibt nichts Überflüssigeres und Schädlicheres als wie Musik. Wenn ein Mensch eine gewisse Zeit lang Musik hört, wird sein Gehirn faul und unseriös. (Ayatollah Khomeini)
    • wir wissen doch, was es für uebersetzungsmoeglichkeiten gibt, deine literale Variante entspricht nicht einer künstlerisch ansprechenden Version! ein guter Belletristik Übersetzer versucht sich der Zielsprache anzuschmiegen, andernfalls wäre Luther ein spinner, lies mal seine Sätze zum dolmetschen....
      sorry arbeite mit furchtbaren smartphonetippe

      gruesse
    • Deine Ausführungen gehen in die Irre, liebe Edeltraut. Die Frage ist ja eher, welche Übersetzung wird dem Original gerechter? Vielleicht informierst Du Dich über die derzeit erhältlichen deutschen Übersetzungen Dostojewskis ehe wir weiterdiskutieren? Das sollten wir dann im entsprechenden Thread zur russischen Literatur tun, den Du bei einem Blick ins Threadverzeichnis leicht finden wirst.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • das ist deine Einseitigkeit der Übersetzungsrichtung und, es ist richtig, das dein Vorschlag näher an der Ausgangssprache ist und für einen deutschsprechenden russen auch passig.

      Für die Zielsprache deutsch also besser fuer einen deutschen Leser ist schuld und Sühne die literarisch wohlklingendere variante und bei dostojewskis hintergrund auch nicht abwegig,

      das theater gibt es auch um elberfelder versus lutherbibel
      und zwar seit 100 jahren , wollen wir so auch hier verfahren,
      das sei ferne!

      gruss
    • Also, mir ist "Schuld und Sühne" auch lieber - mag an der jahrzehntelangen Gewöhnung liegen, mag daran liegen daß mir sprachliche Feinheiten egal sind weil ich kein Russisch kann, ist aber jedenfalls egal weil ich gerade diesen Roman im Gegensatz zum Idioten und den Karamasows eh nie mochte und dreimal nach etwa einem Drittel enerviert abgebrochen habe.

      Aber Latte davon wollte ich garnicht berichten. Sondern von meiner Jahresendlektüre,



      Daniel Kehlmanns "Tyll", einer Transposition der alten Eulenspiegelsaga in die Zeit des 30jährigen Krieges.

      Hatte nicht soviel erwartet. Kehlmann kannte ich nicht. Das Buch ist ein Bombenerfolg. Ich dachte, nimm doch mal das statt den nächsten Schwedenkrimi. Aber da hatte ich mich grob getäuscht... Das hier ist ein formidabler historischer Roman, außerordentlich kraftvoll, sprachlich auf wenig aufdringliche Art klasse, zwar butterweich zu lesen aber die damalige Zeit und ihre Stimmungen mit schneidender Eindringlichkeit nahebringend. Selten was gelesen was gleichzeitig derart unterhält aber auch bereichert. Bin sehr angetan - ich sollte diesen Autoren mal weiterverfolgen... Ein Tip, denk ich, hrad auch für die Heinrich Schütz Fans hier im Forum, da kriegt man doch mal mit aus welchen Umständen diese unendliche Traurigkeit seiner Musik wohl herrühren mag ;(

      Kann man als Unterhaltung lesen und geht dann bereichert raus. Was will man mehr?


      LG Frank
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
    • Danke für Deine Eindrücke, Garcia! Den Tyll habe ich auf dem Zettel, weil ich Kehlmann mag - nicht zuletzt der Vermessung der Welt wegen . Der Tyll erinnert mich ein wenig an Günther Grass' ein Treffen in Teltge.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Vor einigen Tagen noch im alten Jahr beendet:



      Ein bißchen lang stellenweise und ein bißchen zu viele technisch-nerdige Details, insgesamt jedoch lesenswert. Aber, selbst wenn das gar nicht der Intention des Autors entsprechen sollte, kann man das Buch kaum lesen, ohne sofort eine Petition zur sofortigen Beendigung jeglicher bemannter Raumfahrt (jedenfalls außerhalb erdnaher Umlaufbahnen) aufzusetzen.
      Wir wussten das ja eigentlich schon vorher, aber das Buch macht sehr schön deutlich, dass eine 10 Grad wärmere, nuklear oder sonstwie verseuchte Erde immer noch tausendmal lebensfreundlicher wäre als z.B. der Mars. Alle, die uns interplanetare oder gar interstellare Raumfahrt und Kolonisation einreden wollen, sind Träumer.

      Angefangen habe ich dann Alex Ross, "The rest is noise". Eigentlich nichts, was man so in einem Rutsch durchliest, daher werde ich das wohl über einen längeren Zeitraum verteilen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Mein glückliches Leben

      Hallo,
      dieses Buch wollte ich schon immer lesen: CMS hat es mir zu Weihnachen geschenkt, doch dauerte es bis heute, dass ich die ca. 800 Seiten Lektüre abschließen konnte.

      Rubinstein erzählt in diesme 2. Band seiner Lebenserinnerungen über sein Leben vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis zum Ende seiner Karriere ca. 1976(!) bedingt durch die Tatsache, dass er nahezu blind wurde.
      Wer Platten vom 88 jährigen Rubinstein hört, glaubt nicht, dass ein so alter Mann da spielt, er war ein schieres Wunder an Kondition.
      Aber zu seinem Leben: Was für eine Fülle! Alles zu erwähnen würde wohl hier zuviel Platz verbrauchen. Andeutungen genügen.
      Immer wieder sind Spanien und Argentinien seine Tourneeziele. Anfangs als Junggeselle ließ er nichts, aber auch nichts anbrennen und seine Erlebnisse mit Frauen beschreibt er auch vollkommen unbekümmert, dass manchem Moralapostel die Spucke weg bleiben dürfte.
      Mein stärkstes Stück: als er mit einer Frau beim Dinner heftig flirtet und sie bereits mit ihm die Nacht verbringen will, geht ein anderer Mann dazwischen, weil er die Frau unbedingt heiraten will und nicht zulassen kann, dass...
      Ergebnis. Rubinstein stiftet eine Ehe, man wird gute Freunde und die Frau ist ihm ewig dankbar, dass er die beiden zusammen gebracht hat. Rubinstein ging aber sicher an diesem Abend nicht allein ins Bett. Seine Geschichten über/mit Gabriella Besanzoni sind zudem überaus drollig.
      1932 heiratet er dann und wird "solide", auch beginnt er endlich die Stücke sorgfälltiger einzuüben. (Sein Biograf Harvey Sachs bezweifelt allerdings, dass er solide wurde, er erzählte nur nicht mehr von seinen "Geschichten")
      Neben der Geschichte des 20igsten Jahrhunderts aus seiner Sicht des priviligierten Künstlers, kommen natürlich Erlebnisse mit anderen nicht zu kurz. Da er ein lebensfreudiger Mensch war, kannte er "Gott und die Welt" und war befreundet mit Stravinsky, Ravel, Milhaud, Picasso, Villa-Lobos, Szell, Heifetz und vielen andere mehr.

      Stravinsky beschwert sich bei ihm, dass Pianisten ja so viel Geld verdienen und er als Komponist nur so wenig. Rubinstein rät. "Schreib Dir doch was für Klavier, nicht zu schwer, denn Du bist ja nicht so gut und trete damit als Solist auf." Gesagt getan, Stravinsky war kurz darauf seine Geldsorgen los.

      Den jungen Gilels empfahl er an Harry (Heinrich) Neuhaus, der ca. gleichaltrige Richter beschloss nach einem Konzert Rubinsteins in Odessa statt Architekt nun Pianist zu werden, William Kapell bekam quasi was hinter die Ohren und Demut vor dem Werk beigebracht.
      So geht es vergnügt durch das Buch: Champagner strömt, Kavier wird pfundweise verdrückt, man tanzt, ist auf Galadines und gibt das Geld mit vollen Händen aus.

      Aber er schildert auch die schweren Entbehrungen und Unglücke duch WK 1, Weltwirtschaftkrise und WK 2. Das Schicksal seiner Heimat Polen ist ihn eine Herzensangelegenheit, im hohen Alter kommt sein Einsatz für Israel dazu.

      Wenn man bedenkt, was für arme Tröpfe manche Pianisten/Musiker sind und waren, wie armselig ihr Leben außerhalb Üben und Konzertieren ist, dann ist deses Buch eine höchst anregende Lektüre für alle, die den "Jahren lieber Leben geben als dem Leben Jahre" (C. Jürgens)

      Gruß aus Kiel

      Ach ja, das Buch hat ein ausgezeichnetes Register
      Guter Wein, mäßig genossen, ist auch in großen Mengen nicht schädlich.
    • Neu

      Tja, diese tendenziell einen einzelnen Kopf überfordernden großhistorischen Werke haben es mir irgendwie angetan. Wenn man das ein bißchen selektiv liest wird man bereichert statt erschlagen, stelle ich nach dem Genuß der Gesamtdarstellungen der Renaissance und der Kolonialgeschichte in den letzten Monaten fest :D

      Also hab ich den Rest des Weihnachtsgeldes entsprechend angelegt, bleibe aber zeitlich näher am Heute und befasse mich mit der Geschichte der Sowjetunion:



      Ersteindruck: der Autor kann schreiben, und das ist verdammt wichtig bei dieser Masse. (Wenn er auch nicht an den Bernd Roeck heranreicht mit dessen Renaissancebuch, aber das heißt wenig, denn der Roeck ist singulär in meinen Augen :D ) Bei aller Informationsballung bleiben die Inhalte durchsichtig und verarbeitbar. Langsam bekomme ich das Gefühl, daß sich alles, was im Beck-Verlag unter Beteiligung der Gerda Henkel Stiftung herausgebracht wird, zu lohnen scheint.

      Ich werde auch hier selektiv rangehen und mich auf die Zeiten der stalinistischen Säuberungen, die Agonie unter Breschnew sowie den Zerfall des Staates unter Gorbatschows Perestroika konzentrieren - die Oktoberrevolution oder die Ereignisse des "Großen Vaterländischen Krieges" beispielsweise interessieren mich gerade weniger. Aber das Ding bei Büchern dieser Art ist ja daß man mit denen jahrzehntelang lebt und jederzeit vertiefen kann was man möchte.

      Mein Respekt gilt denen die es fertigbringen sowas in jahrelanger Arbeit zusammenzuschrauben. Irre. Da neige ich mein Haupt.

      Ansonsten (also literarisch) les ich gerade viel Zola, davon ein andres Mal.

      Frohes neues Jahr allen hier :)

      LG
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
    • Neu

      Doc Stänker schrieb:

      Mein stärkstes Stück: als er mit einer Frau beim Dinner heftig flirtet und sie bereits mit ihm die Nacht verbringen will, geht ein anderer Mann dazwischen, weil er die Frau unbedingt heiraten will und nicht zulassen kann, dass...
      Ergebnis. Rubinstein stiftet eine Ehe, man wird gute Freunde und die Frau ist ihm ewig dankbar, dass er die beiden zusammen gebracht hat. Rubinstein ging aber sicher an diesem Abend nicht allein ins Bett. Seine Geschichten über/mit Gabriella Besanzoni sind zudem überaus drollig.
      Ein noch stärkeres berichtet er hier wohlweislich nicht. Bei seiner Hochzeit tauchte eine seiner Verflossenen auf und machte ihm eine heftige Szene, worauf er sich kurzerhand mit ihr den Nachmittag über in ein Hotelzimmer verzog... Als Ergänzung zu den Memoiren ist die Biographie von Harvey Sachs dringend zu empfehlen, die sich mit Dichtung und Wahrheit des ebensoguten Causeurs wie Pianisten auseinandersetzt.
      Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)