Michael Giacchino - LOST

    • Michael Giacchino - LOST

      Hallo liebe Freunde der zeitgenössischen symphonischen Musik,



      ich glaube es wird langsam Zeit an dieser Stelle auf einen aus meiner Sicht sehr hoffnungsvollen Nachwuchskomponisten hinzuweisen, der mit seiner phenomenalen athmosphärischen Musik zu LOST meiner Meinung nach eine weitere Tür zur quasi ewig fliessenden musikalischen Idee geöffnet hat:



      Was da - insbesondere in LOST season 3 - erklingt ist mehr als nur bildgegleitende Musik: Es ist einfach nur ein einziger kontinuierlicher Fluss von untrennbar verwobenen Klangideen, die auf Bekanntem aufbauend ein Kontinuum von melodischen und rhythmischen Mikrozentren herbeizaubert. Da gehen kantilene Passagen in Glissandi über, dann baut sich auf einmal ein komplexes perkussives Rhythmusgefüge auf abgelöst von einem nicht von dieser Welt stammenden Piano - Solo, welches dann in eine minimalistische Reihe mündet und und und. Ich möchte nicht übertreiben, aber so viel Begeisterung konnte ich schon lange nicht mehr beim ersten Hördurchgang eines Werkes entwickeln.



      Interessant ist auch die Besetzung des Orchesters: Nicht ein spätromantischer Riesenapparat, wie man zur Verwiklichung solcher Ideen vielleicht erwarten würde, nein eher bescheiden sieht die Besetzung aus. Am Beispiel von LOST 3 sieht sie folgendermassen aus:



      21 Violinen; 10 Bratschen; 8 Celli; 4 Kontrabässe; 7 Posaunen; 3(!) Harfen; 1 Piano; 2 Perkussionisten und 2 Gitarristen.



      Bei LOST 1 und LOST 2 kommen noch 2 Bassposaunen hinzu.



      Die Harfen untermalen die mitunter sehr etherische Stimmung, während die Posaunen auch für die Bläserglissandi verantwortlich sind. Bemerkenswert finde ich insbesondere, dass kein Holz, keine Trompeten, keine Hörner und keine Tuba dabei ist. Die werden aber auch wirklich nicht gebraucht, denn wenn es mal feierlich zugeht, dann besorgen das die Posaunen.



      POSAUNEN - man die Posaune ist doch nun mal eines meiner drei Lieblingsinstrumente - dieser Mann macht es mir aber auch leicht...



      Hat Beethoven in seinen Streichquartetten die starren Regeln von Satz und Tonart genial dem musikalischen Fluss untergeordnet, nun GIACCHINOS LOST ist mal wieder ein lebendiges Beispiel mehr, wie Recht Beethoven mit diesem Prinzip hat.



      Leute - am liebsten würde ich DAS HIER unter der Rubrik ORCHESTERMUSIK schreiben - aber es ist nun mal leider "bloss" Filmmusik - und die hat ja bei vielen Klassikhörern nun mal leider einen nicht so tollen Ruf - SCHADE!
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    • Lieber Aquarius

      Ich bin auch bekennender Fan von gut gemachten amerikanischen Serien :schaem: , und Lost ist sicher eine davon. Kann ich aber nur in Originalfassung genießen, auf deutsch synchronisierte Fassungen reagiere ich ausgesprochen allergisch.

      Allerdings muss ich gestehen, dass ich bisher auf die Musik nicht bewusst geachtet habe. Das hängt wahrscheinlich mit der Erwartungshaltung zusammen - bei den meisten Serien ist die Musik eben eher unwichtige Zutat. Die einzige Serie, deren Musik mir wirklich in Erinnerung geblieben ist, ist Twin Peaks - Musik von Angelo Badalamenti, der ja auch zu den meisten Kinofilmen von Lynch die Musik beigesteuert hat :juhu: .

      Jedenfalls werde ich beim nächsten Mal LOST etwas genauer hinhören.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Ich habe Lost auch sehr gerne gesehen (allerdings nur auf deutsch anders würde ich es mir nicht anschauen, da man m.E. nur mit jahrelanger Landeserfahrung eine andere Sprache auch in ihren Nuancen verstehen kann und sie ansonsten nur grob versteht und das reicht mir nicht), aber ich habe auf die Filmmusik noch nicht so genau geachtet.
      Danke für den Tipp, werde demnächst genauer hinhören.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Erzherzog schrieb:

      Ich habe Lost auch sehr gerne gesehen (allerdings nur auf deutsch anders würde ich es mir nicht anschauen, da man m.E. nur mit jahrelanger Landeserfahrung eine andere Sprache auch in ihren Nuancen verstehen kann und sie ansonsten nur grob versteht und das reicht mir nicht), aber ich habe auf die Filmmusik noch nicht so genau geachtet.
      Danke für den Tipp, werde demnächst genauer hinhören.


      Gestern lief in Kabel 1 die Deutsche Ausstrahlung der fünften Staffel an.



      Zugegeben: Diese vielen Zeitsprünge in der Handlung sind schon ein bisschen anstrengend - da komme ich ja kaum mit, aber was mir sofort sehr angenehm aufgefallen ist, wie toll - ja wie musikdramatisch - Giacchinos Musik da rüberkommt. KLASSE!
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    • Normalerweise lässt mich die Oscar-Verleihung eher kalt. Als ich aber erfahren habe, dass Giacchino für seine aktuelle Arbeit "Up" und somit natürlich auch indirekt für LOST und andere seiner engagierten Arbeiten ein solches goldenes Figürchen bekommen hat, das hat mich nun doch mit Freude erfüllt.

      Und wie der Mann sich darüber dann - meiner Meinung nach völlig zu Recht - gefreut hat.

      Es gibt eben doch noch hoffnungsvolle Neuentdeckungen!

      Habe gestern übrigens die finale Folge der aktuellen Staffel gesehen: Wieder ist mir sehr angenehm aufgefallen, wie gut die Musik zum komplexen Geschehen passt. Es ist, als stelle sie selbst einen quasi akustisch wahrnehmbaren, aber unsichtbaren Schauspieler dar, der jederzeit innerhalb des gesamten räumlichen und zeitlichen Geschehens anwesend ist. Da muss man schon sehr intensiv in der Geschichte des Films suchen um da Vergleichbares zu finden. Frappierenderweise reden wir hier über eine SERIE und kein Kinofilm - meisterhaft!
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    • Die finale Folge der aktuellen Staffel 6 kommt irgendwann im Mai....

      Leider ist die Serie m.E. im Verlauf deutlich schlechter geworden; es gab zwar schon in der 3. Staffel einige Aussetzer, aber die war noch sehr gut. Ab 5 mit den Zeitsprüngen gibt es zunehmend Probleme mit der Logik insgesamt und von der aktuellen 6. bin ich bisher ziemlich enttäuscht.

      (Die neuere Serie von JJ Abrams, "Fringe" ist aber noch wesentlich schwächer als Lost at its worst).

      Am besten waren die ersten 2 Staffeln Alias (die dritte ist auch noch o.k., aber der Rest vernachlässigenswert) und die ersten vier von Lost.

      (Auf die Musik habe ich freilich nie besonders geachtet...)

      Kater Murr
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Habe soeben mit Freude mitbekommen, dass es die Musik zu Lost Season 5 gibt. Werde gleich bei amazon bestellen. Das Opening habe ich schon via You Tube gehört - diese ganz besondere Art von Passacaglia - Steigerung - einerseits postminimalistisch, andererseits aber einfach typisch Michael Giacchino - irre!

      Hier mal ein kleiner Appetithappen:

      "http://www.youtube.com/watch?v=u8mTmjP-TJ0&feature=player_embedded"
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    • In Kürze erscheint der Score zur finalen Staffel - soll grossartig sein. Ich habe bei amazon schon mal vorgemerkt.

      Später werde ich mir dann bestimmt noch die Gesamtedition holen - man gönnt sich ja sonst nichts - oops Letzteres gehört wohl eher in den soeben verarmt - Thread...
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    • ... also ich habe gestern schon mal die beiden ersten Folgen der finalen Staffel in Kabel 1 gesehen:

      Vier parallel laufende Handlungsstränge - und die auch noch zeitlich total versetzt - auf den ersten Eindruck sehr verwirrend, aber schon faszinierend.

      Aber die schauspielerische Leistung Giacchino`s Musik - UMWERFEND.

      Mittlerweile ist auch das Score - Album bei mir eingetroffen, na das kann ja die nächsten Wochen ein musikalisches Erlebnis bei mir werden...
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    • Erster Hördurchgang:

      Unabhängig davon, dass diese Musik perfekt zur filmischen Handlung passt funktioniert sie bei mir auch als Höralbum auf Anhieb: Dieser Score ist bisweilen herrlich kammermusikalisch gearbeitet, wobei hier insbesondere das Piano, aber auch bisweilen mal ein einzelner Streicher oder aber eine kleine Streichergruppe in den Vordergrund rücken. Sehr interessant - wie gehabt - der Umgang mit Harfe und Posaunen: Die Harfe dient quasi als Continuo, um es mit dem Vokabular der Barockmusik auszudrücken. Die Posaunen werden hier ganz besonders für bisweilen sehr scharfe Bläserstakkati und - herrlich - richtig unter die Haut gehende Glissandi eingesetzt. Aber auch für die Tränendrüsen gibt es genug Nahrung. Die Musik ist voll von melancholischen "Etherials". Diese Musik hat aus meiner Sicht ein Riesenpotential. Da habe ich noch sehr sehr viel zu entdecken.
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    • Der Score zu Earth Days, leider nur online erhältlich knüpft qualimässig an LOST an.

      Herausragen tut für mich das umwerfende Destroyed Beauty. In seiner spartanisch postminimalistischen Art wird hierbei eine höchst zerbrechliche, fast schon ehrfurchtsvolle Musik geboten. Klasse!
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    • Ich, meine Schwester, unsere Freunde und Geschwister konnten mit dem herrlichen klanglich von der Dunkelheit in das Licht führenden Destroyed Beauty einer für mein Leben fundamental wichtigen immer sachverständigen, schaffenskräftigen, herzlichen, stets hilfsbereiten, aufrichtigen und wahren Persönlichkeit vor kurzem nochmals diesseits danken.
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