Klezmer

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Anlass war der Krakau-Besuch von neulich. Und nun stelle ich überrascht fest, dass es noch keinen Thread für jüdische Musik gibt.

      Einführung siehe Wikipedia:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Klezmer

      Kann natürlich jederzeit erweitert werden.

      Was mich besonders interessieren würde: Wo kann man diese Musik live erleben, und zwar idealerweise so, dass sie ins Umfeld passt? Also nicht: Tournee der Gruppe X, Konzerthaus Dortmund. Sondern z.B. so wie in Krakau.

      Nach Krakau kammt man für 70 Euro (hin und zurück) mit Ryanair. Dort gibt es das ehemals jüdische Viertel Kazimierz:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Kazimierz

      Bei meinem ersten Besuch 1993 schrieb ich: "So hässlich, dass es fast schon wieder interessant ist." Es war damals wirklich im Verfall begriffen. Man konnte allenfalls einige skurrile Fotos machen. Heute ist die jüdische Kultur zurückgekehrt, außerdem ist es ein touristischer Anziehungspunkt, versprüht aber immer noch einen gewissen morbiden Charme. Vor allem aber ist es ziemlich "relaxed". In der Szeroka-Straße reiht sich ein Restaurant an das andere, in vielen davon gibt es Live-Musik.

      Besonders angetan hatte es mir die Gruppe "Inejnem":
      http://inejnem.pl/
      Sie spielte jeden Tag im Restauracja Ester (www.restauracjaester.pl).

      Ihre Interpretationen klingen zurückhaltend, gefühlvoll. Der Klarinettist begeisterte mich. Aber es war alles war perfekt aufeinander abgestimmt. Hier zwei Beispiele:
      www.youtube.com/watch?v=mZUkLF424gM
      www.youtube.com/watch?v=7Sw3LNC10GI

      Nun, Inejnem ist sicher nicht der Klezmer-Nabel der Welt, aber man kann sie (und andere) auf alle Fälle problemlos live erleben, nämlich täglich in Krakau. Gesucht sind nun weitere Klezmer-Ensembles. Auch solche, die nicht (oder nicht mehr) live auftreten.

      Und natürlich:
      Welches sind die bekanntesten Stücke der Klezmer-Musik?


      Thomas
    • Tharon hatte im "Trikont"-Thread (ebenfalls hier unter "Weltmusik und Folk") folgende Klezmer-CD empfohlen, die ist wirklich sehr sehr schön:



      Zitat von Tharon in seinem Post:
      "Das ist wirklich eine sehr schöne Sammlung mit Aufnahmen von neueren Klezmer-Musikern vom Mandoline-Hackbrett-Duo über verschiedene Varianten des klassischen Klezmer Klarinettenquintetts bis hin zu größeren Blasorchestern. Die Musiker stammen vorwiegend aus den USA, es gibt aber auch ein paar osteuropäische und israelische Ensembles. Das Booklet ist ausführlich und informativ. Für mich am überraschendsten ist Musa Berlin, ein israelischer Klarinettist, der sich nur von Percussion begleiten lässt ("nach althergebrachter Art" behauptet das Booklet). Das Ergebnis ist eine vorwärtstreibende, groovige Musik, die mir viel Spaß macht und die ich so bisher noch nicht gehört habe."


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • ...und von Zupfgeigenhansel gibt es auch Jiddisches:




      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Mein erster Kontakt mit Klezmermusik war vor vielen Jahren bei einem Konzert mit Giora Feidman in Salzburg. Der Freund, mit dem ich damals das Konzert besuchte, meinte, Feidman wäre der Peter Alexander der Klezmermusik. :D Mir hat es trotzdem Spaß gemacht und ich habe danach diese Musik immer wieder gerne gehört.
      Als Interpreten fallen mir spontan Geduldig und Thimann ein, ein österreichisches Duo, aber auch einige neuere Formationen, die Klezmer-Elemente in ihre Musik integriert haben, wie z.b. der österreichische Bassist Georg Breinschmid oder Die Strottern.

      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • In Krakau fragte ich, wo man sonst noch typischerweise Klezmer-Musik hören könnte: Angeblich gibt es eine größere Szene in Paris. Weiß da jemand Genaueres?

      Die "besten" Falafels gibt es ja im L'As du Fallafel, das ist 34 rue des Rosiers, im 4. Arrondissement, Métro Saint-Paul.
      ("Die Rue des Rosiers ist ein Sinnbild für die jüdische Gemeinde und besitzt viele Geschäfte, Lebensmittelläden, Büchereien und Restaurants. Die Straße ist bekannt für ihre Falafel, die dort von fünf konkurrierenden Restaurants angeboten werden.")

      Aber musikalisch ist mir da nichts aufgefallen...


      Thomas
    • amelia grimaldi schrieb:

      Mein erster Kontakt mit Klezmermusik war vor vielen Jahren bei einem Konzert mit Giora Feidman in Salzburg. Der Freund, mit dem ich damals das Konzert besuchte, meinte Feidman wäre der Peter Alexander der Klezmermusik. :D


      :mlol: Da ist was dran, aber, wie auch immer, Giora Feidman ist auch ein verdammt guter Klarinetist und Klezmer ist auch schon immer Bastard-Musik, so in seinen Balkan-Ausprägungen zumindest vom Sound oft kaum zu unterscheiden von manchen Roma-Kapellen. Den Bastard-Charakter hat Klezmer auch gemeinsam mit dem Jazz. So lag es auch nahe, dass es seit den 30ern auch immer wieder Verbindungen mit Jazz entstanden, etwa schon bei Mikey Katz, wohl einem der besten Klezmer-Klarinetisten aller Zeiten, oder den Epstein-Brüdern, seit den frühen 80ern vor allem bei Musikern aus der damaligen New Yorker progressiven Downtown-Jazz-Szene um John Zorn, Frank London, David Krakauer, den Klezmatics.... innerhalb von Konzepten einer "Radical Jewish Culture". Diese radikalen Erneuerungen konnten wohl auch nur in New York, Chicago, Toronto, Montreal, Amsterdam, Paris entstehen, wo es noch wirklich lebendige Traditionslinien yiddisher Tradition gab. Die gab es sonstwo nicht mehr. Alles, was seitdem auch anderswo entstanden ist, einschließlich in Israel, sind Re-Importe. Die eher konservativen Folklore-Formen, die es seitdem auch an diversen anderen Orten Europas gibt, finde ich daher ziemlich aufgesetzt. Jedoch gibt es auch gerade in Krakau auch anderes: Polnische MusikerInnen, die durch Zorn, Krakauer, London usw, die regelmäßig und oft in Krakau auftreten, nach eigenen jüdischen Roots forschen, aber nicht um museal-folkloristisch etwas wiederzubeleben zu versuchen, was in Europa, außerhalb vielleicht Amsterdams, Antwerpens und des Pariser Marais nicht mehr wiederzubeleben ist, sondern aktuelle Improvisationsmusik auch unter Aufnahme des yiddischen Erbes zu machen. Auch da gibt es in Krakau einige gute Bands mit Aufnahmen bei John Zorns Tzadik-Label oder bei jüngeren polnischen Firmen für vor allem progressiven Jazz, wie Kilogram Records und Multikulti Records. Dafür gibt es in Krakau auch ein regelmäßiges Festival und Konzerte dieser Richtung finden auch oft im Alchemia statt, dem wohl seit einigen Jahren m.E. interessantesten Jazz-Club Europas, in dem an jedem Abend spannende experimentelle Musik läuft.

      Wenn es einem aber um traditionelle yiddische Klezmer Musik geht, dann ist eine der besten Gruppen die Klezmer Conservatory Band aus Boston. Auch das waren zwar ursprünglich Jazzmusiker, von denen aber einige aus ihrer Kindheit noch eine Verbindung zu den wirklichen Traditionslinien hatten. Zudem haben sie seriöse musikethnologische/musikhistorische Forschung betrieben. Aber angeregt, authentischen Klezmer lebendig für eine breitere Öffentlichkeit zu machen, wurden sie vom Irish Folk. Boston ist einer der größten irischen Städte und ein Zentrum des Irish Folk.

      :wink: Matthias
    • Ganz vergessen: Budapest hat auch (wieder?) ein jüdisches Viertel. Peinlicherweise war ich Ende April sogar 2 Tage in der Stadt (Wizzair: 120 Euro hin und zurück, hab sogar in der Dob utca gewohnt), kam aber nicht auf die Idee, nach Klezmer-Musik zu suchen.

      "Ferenc Javori, Gründer der inzwischen weltberühmten "Budapest Klezmer Band", nennt Klezmer gar den "Blues des 21. Jahrhunderts". Im jüdischen Viertel rund um die Große Synagoge hat sich in den vergangenen Jahren eine lebendige Klezmer-Szene entwickelt."
      www.welt.de/reise/nah/article11761392/Budapest-ist-eine-ungeahnt-brodelnde-Musikstadt.html

      Budapest Klezmer Band:
      de.wikipedia.org/wiki/Budapest_Klezmer_Band
      www.youtube.com/watch?v=0VdoHnidz70
      www.youtube.com/watch?v=C_rT9A3ApzI


      Thomas
    • Assimilation und Austausch mit der jeweiligen Musik und Kultur des Landes spielen und spielten im Klezmer eine große Rolle und machen seine große Vielfalt und Lebendigkeit aus.

      "Pianophile" ;+) unter uns dürften ihre besondere Freude haben an "Vu is dos Gessele" - interpretiert von Mikhail Altshuller und der Gruppe "Dona":
      "http://www.youtube.com/watch?v=mrrllPK-ySk"

      Hier noch eine weitere Aufnahme mit dieser Gruppe, allerdings kein klassisch-jiddischer "Schtetl-Klezmer" der Aschkenazim, sondern ein Skotchna der Sephardim:
      "http://www.youtube.com/watch?v=Gh0VBwVqnUo"
      Sephardische Elemente der Musik der iberisch/nordafrikanischen Juden findet man hin und wieder in der Musik von Klezmer-Gruppen.

      Elemente der Musik der dritten großen jüdischen Volksgruppe, der Mizrachim, (indisch/arabische/kaukasische Juden) haben meines Wissens nach bei Klezmer-Formationen keinen wesentlichen Eingang gefunden.
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Ecclitico schrieb:

      Angeblich gibt es eine größere Szene in Paris. Weiß da jemand Genaueres?


      Ja, aber es sind eher Szenen, von ganz traditionell, über Touri-Folklore, bis "Radical Jewish Culture"-Klezmer-Jazz. Die wirklich traditionellen, werdet ihr aber als Touristen nicht zu Hören bekommen, denn die spielen eben auf jüdischen Hochzeiten und Bar-Mitzwas usw. Von dem, was ich eher für aufgesetzte Touri-Folklore halte, habe ich keine Ahnung, wo das heute läuft, gibt es aber bestimmt immer noch. Und was wo von den lebendigen progressiveren Sachen läuft, werde ich aber in einem so touristisch geprägten Thread in einem deutschen Forum nicht nennen :D .

      :wink:
    • Matthias Oberg schrieb:

      Ecclitico schrieb:

      Angeblich gibt es eine größere Szene in Paris. Weiß da jemand Genaueres?


      Ja, aber es sind eher Szenen, von ganz traditionell, über Touri-Folklore, bis "Radical Jewish Culture"-Klezmer-Jazz. Die wirklich traditionellen, werdet ihr aber als Touristen nicht zu Hören bekommen, denn die spielen eben auf jüdischen Hochzeiten und Bar-Mitzwas usw. Von dem, was ich eher für aufgesetzte Touri-Folklore halte, habe ich keine Ahnung, wo das heute läuft, gibt es aber bestimmt immer noch. Und was wo von den lebendigen progressiveren Sachen läuft, werde ich aber in einem so touristisch geprägten Thread in einem deutschen Forum nicht nennen :D .

      Du willst also sagen: Die Top-Künstler spielen auf Familienfeiern. Wird wohl so sein. Hat Alfred Brendel ja auch so gemacht.

      Außerdem sagst du: Die "lebendigen progressiveren Sachen" kennst nur du. Die sind aber total geheim. So geheim, dass sie niemand kennt.

      Macht aber nichts. Ich fliege demnächst nach Athen, dann nach Moskau, außerdem nach Buenos Aires. Dann ist erst mal Pause, und Ende August ist New York dran. Mit den Insider-Tipps meiner Marco-Polo-Reiseführer werde ich die besten Musik-Events finden, ganz ohne Capriccio. Ich werde berichten.

      Dennoch danke für den Beitrag. Die Beiträge von Kennern sind extrem wertvoll in so einem Thread. Was wäre Capriccio ohne seine Experten.


      Thomas
    • Soweit ich verstehe hatte Klezmer (wie natürlich auch der Jazz) schon in den 1920er/30er Jahren durchaus auch einen professionalisierten, "kommerziellen" Strang; Stücke wie "Bay mir bistu sheyn" stammen ja aus jiddischen Operetten. Insofern scheint mir die Suche nach einer "reinen Volktradition" eher müßig zu sein.

      Ich wurde um 1990 über Giora Feidmans Aufnahmen auf diese Musik gebracht. Peter Alexander mag vielleicht auf einige neuere Alben zutreffen; die älteren sind zwar in ihrer kammermusikalischen Besetzung mit dominierender Klarinette eine Abweichung von einer traditonellen Hochzeitskapelle, aber m.E. eine legitime Spielart, bei der eben weniger Tanzmusik als die Klangrede und Virtuosität des Klarinettisten im Vordergrund steht. Ich habe keinen Überblick über die neueren Aufnahmen, aber die CDs aus den 80ern/90ern finde ich weitgehend hörenswert (eine Handvoll steht im Regal).

      Auch die Klezmatics kenne ich seit den 90ern und habe sie damals zweimal live gesehen. Ich besitze ihre ersten drei Alben oder so (Rhythm and Jews, Shvaygn=Tot, Jews with horns). Es gibt pro Album meistens etwa ein Stück, das mir zu "modern" ist, aber insgesamt bringen sie eine sehr interessante und packende Fusion von Jazz, Klezmer und noch ein paar Stilen, hatten damals sehr gute Solisten und einen charismatischen Sänger.

      Aus der Trikontreihe habe ich auch noch eine oder zwei und in den USA eine mit der "Klezmer Conversatory Band" gekauft. Letztere ist eher "leichter" und vermutlich näher an den Revue/Operettenwurzeln, auch hörenswert. Den Epstein-Brothers-Film habe ich seinerzeit auch im Kino gesehen, ebenfalls interessant, auch wenn ich Details nicht mehr parat habe.

      Seit dem Popularitätsschub vor ca. 25 Jahren ist die Anzahl der neueren Klezmer-Aufnahmen kaum mehr zu überblicken. "Crossover" mit klassischen Künstlern wie Perlman u.a. waren mir meistens etwas zu glatt. Ich sehe mich aber ingesamt auf Tonträgern gut ausgestattet, daher kein großes Interesse mehr an neuen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Ecclitico schrieb:

      Die Top-Künstler spielen auf Familienfeiern.


      Nein, habe ich nicht geschrieben. Aber Klezmer als lebendige volksmusikalische Form mit seinen alten Funktionen in einer yiddishen Kultur gibt es eben nur noch an wenigen Orten, weil es in Folge des deutschen Faschismus nur noch ganz wenige Orte gibt, an denen diese yiddishe Kultur nicht völlig abgerissen worden ist.

      Ecclitico schrieb:

      Außerdem sagst du: Die "lebendigen progressiveren Sachen" kennst nur du. Die sind aber total geheim. So geheim, dass sie niemand kennt.


      Quatsch, aber die Musikformen, die eben auch nach musikalischen Ausdrucksformen suchen, die auch spürbar machen, dass diese Musik als lebendige Tradition eben mit der yiddishen Kultur und ihren Trägern fast überall in Europas weitgehend vernichtet wurde und dass dies ein Bruch ist, den mit leichter Folklore zu überdecken, als sei da nichts gewesen, doch nicht nur mich, sondern viele Juden großes Unbehagen überkommt, diese Formen und die Überlegungen und konzeptionellen Auseinandersetzungen würde ich dann schon lieber mal genauer vorstellen, wenn ich dazu Zeit finde, und in einem eigenen Thread, nicht nur quasi touristisch-kulinarisch im Vorrübergehen. Einen ganz guten Einblick über die Auseinandersetzung über "Radical Jewish Culture" bot etwa die Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin zu diesem Thema vor wenigen Jahren mit auch einem ziemlich guten Katalog.

      Orte und Dates der eben primär jüdischen Auseinandersetzung werde ich gerne Leuten nenne, die ich persönlich kenne. Aber wieso ich sie nicht blind im Internet nennen werde, liegt doch wohl auf der Hand. Wenn das nicht verstanden wird, dann bestärkt mich das naheliegenderweise nur in dieser Haltung.

      Kater Murr schrieb:

      Soweit ich verstehe hatte Klezmer (wie natürlich auch der Jazz) schon in den 1920er/30er Jahren durchaus auch einen professionalisierten, "kommerziellen" Strang; Stücke wie "Bay mir bistu sheyn" stammen ja aus jiddischen Operetten. Insofern scheint mir die Suche nach einer "reinen Volktradition" eher müßig zu sein.


      Den professionalisierten, "kommerziellen" Strang gab es auch schon früher. Und das Klezmer immer schon eine "Bastard-Musik" war, damit begann ich selbst. Insofern geht es mir nicht um die Suche nach irgendeiner "reinen Volktradition", die es nie gab, sondern darum, dass lebendige Traditionen fast überall, bis auf einige sehr wenige Diaspora-Orte, fast völlig abgerissen sind. Das mit netter Folklore zu überdecken und sich touristisch-kulinarisch darüber zu freuen, hach, gibt:s ja wieder, da wird mir sehr unbehaglich. Gruppen, wie die Klezmatics oder Künstler wie John Zorn, Davis Krakauer, Burton Greene usw. reflektieren diesen Bruch auch musikalisch. Andere, wie die Klezmer Conservatory Band, versuchen eher eine verlebendigte Musikethnologie zu betreiben oder beides zu verbinden, wie die Cracow Klezmer Band . Dies alles ist Ausdrucks- und Auseinandersetzungsform wieder lebendiger jüdischer Kultur. Wo aber z.B. nicht-jüdische deutsche Musiker Klezmer-Folklore spielen, da kommt mir das eher als merkwürdige Blüte von Formen eines selbstermächtigt-umarmenden Philosemitismus vor, bei dem nicht nur mir sehr unbehaglich wird. Nicht-jüdische Deutsche oder Östereicher können andere Formen musikalischer Auseinandersetzung mit dem Zivilisationsbruch finden, wie z.B. Joe Zawinul mit seiner eindrücklich-schmerzlichen Komposition "Mauthausen".

      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Wo aber z.B. nicht-jüdische deutsche Musiker Klezmer-Folklore spielen, da kommt mir das eher als merkwürdige Blüte von Formen eines selbstermächtigt-umarmenden Philosemitismus vor, bei dem nicht nur mir sehr unbehaglich wird.

      Toller Satz. So was ähnliches hab ich auch schon mal über Weiße gehört, die Blues spielen....

      In meinem Leben hatte ich als (nicht nur) Begleiter verschiedene Begegnungen mit Klezmer-Spielern, denen ich alles nachsagen würde, nur nicht, wie war das?: "selbstermächtigt-umarmenden Philosemitismus"!!! sondern einfach eine Liebe zu diesen Melodien, zu dieser sehr speziellen Klarinettenkunst; nicht zuletzt auch zu manchen Liedern in dieser kaum mehr gesprochenen Sprache, die auch ein Gefühl für eine vernichtete Kultur vermitteln, aber eben auch Lieder von Menschen sind, die auf sehr eigene Art menschliche Erfahrungen thematisieren. Ob es wirklich ein sinnvoller Ansatz ist, eine produktive Beschäftigung mit dieser Musik durch "nicht-jüdische deutsche Musiker" nur als "selbstermächtigt-umarmenden Philosemitismus" zu verwerfen, bitte ich Dich doch nochmal zu überdenken.

      Nicht daß ich ein großer Fan von H.Eisel und co wäre, aber ich habe in dieser Szene einfach zuviele ehrliche Musiker getroffen, denen man mit so einem Verdikt nicht gerecht wird, meiner Meinung nach.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Matthias Oberg schrieb:

      Nicht-jüdische Deutsche oder Östereicher können andere Formen musikalischer Auseinandersetzung mit dem Zivilisationsbruch finden, wie z.B. Joe Zawinul mit seiner eindrücklich-schmerzlichen Komposition "Mauthausen".
      Natürlich können sie das.

      Aber was wolltest Du sagen: den Feinheiten einer von ihren Großeltern zerstörten Kultur nachspüren, das sollen sie lieber bleiben lassen? Was ist denn so verkehrt daran, frage ich Dich, mit Schrecken, aber auch Freude am Entdecken einer hierzulande lange diffamierten Kultur nachzuhorchen?

      Mit dem Argument dürften wir alle hier, als Erben des Kolonialismus, überhaupt auch keine außereuropäische Musik spielen.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • :thumbup: sehe die Dinge wie Philmus.


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Wo der Bezug zu afroamerikanischen Traditionen und die Solidarität mit dem afroamerikanischen Widerstand im Jazz und Blues verloren gingen, sehe ich das mit Amiri Baraka u.a. auch ähnlich problematisch. Aber im Jazz und Blues gab es von Anfang an auch weiße Musiker, die sich über alle Apartheidsgesetze hinwegsetzten und zur produktiven und solodarischen Auseinandersetzung mit ihren schwarzen Kollegen fanden, oft in den Südstaaten unter hohem Risiko. Dixieland oder Whitemans Symphonic Jazz lehne ich hingegen völlig ab, Viele nicht-jüdische Klezmer-Folklore find ich eher mit solchen Ausbeutungsformen vergleichbar.

      Klar könnt ihr euch mit Klezmer-Musik beschäftigen. Aber könnt ihr nicht die Ausgestaltung dessen, was heute jüdische Kultur sein soll, uns Juden überlassen!

      (Und wenn einzelne, die sich ausführlich mit unseren Traditionen und aktuellen Weiterentwicklungen beschäftigt haben, zur Verwirklichung eines Projekts von jüdischen Musikern dazugebeten werden, wie es oft geschieht, wird auch niemand was sagen.)

      :wink: Matthias
    • Lieber Matthias,

      ich teile Deine Bedenken gegen eine unsensible Vereinnahmung der Klezmer-Musik. Klezmer als Ausbeutungsobjekt hat auf jeden Fall einen schalen Geschmack für mich. Man darf sicher nicht vergessen, dass es Klezmer-Musik von sehr unterschiedlicher Qualität (vom tristen Schlager bis zum musikalischen Kunstwerk) mit den unterschiedlichsten Beimischungen gab und gibt. Es empfiehlt sich schon, Klezmer-Musik (wie jede andere auch) mit ein wenig Vorwissen und evt. auch mit kritischer Distanz zu betrachten. Auch ist es sicher richtig, unterschiedliche Strömungen der jiddischen Musik zu beobachten, von der Klezmer ja nur ein Teil ist.

      Positiv finde ich es, wenn Interesse und Liebe zur jüdischen Musik auch auf diesem Weg geweckt wird - und hoffe, dass es mehr bleibt, als ein exotischer Kitzel bei einer schräg gespielten Klarinette, dass also dem oberflächlichen Interesse eine ernsthafte Beschäftigung folgt.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ich habe nicht so sehr den Einblick, um hier dezidiert Stellung zu beziehen. Allerdings fällt mir als kleiner Hobby-Rezensent für Musik bei unserer Tageszeitung auf, in welch hohem Maße zur Zeit alle möglichen Crossover-Formationen sich insbesondere des Klezmer und des Tango Nuevo bemächtigen und nach Belieben über alles Mögliche stülpen. Verständnis schaffen solche Moden nicht, eher Überdruss.

      Der Vergleich mag ein wenig hinken, aber ich fühle mich hier an die Moritat von Mackie Messer erinnert. Aus der einstigen Bürgerschreck-Nummer ist hier eine Salonnummer für alles und jeden geworden. Das nennt man zumindest Dialektik und Brecht muss es geahnt (und vielleicht gewollt) haben.

      Ich will gewiss nicht in Abrede stellen, dass es Gekonntes und Überzeugendes auch dort gibt, wo man nicht im engeren Sinne von Authentizität sprechen kann. Aber das allzu Modische stört mich bisweilen schon.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Matthias Oberg schrieb:

      Aber könnt ihr nicht die Ausgestaltung dessen, was heute jüdische Kultur sein soll, uns Juden überlassen!
      Das natürlich nicht.
      Wenn es explizit darum geht "jüdische Kultur" "auszugestalten", hast Du natürlich recht.
      Ich bilde mir ja auch nicht ein, "afrikanische Kultur auszugestalten", wenn ich die Kalimba spiele,
      oder die "indische Kultur", wenn ich das besondere Raga-Bewußtsein für bestimmte Tonleitern und -wendungen aufnehme...

      Hier ging es aber um Musik, womöglich "lebendige", und da schert sich zum Glück das wertschätzende Ohr einen Dreck um die kulturelle, religiöse oder rassische Herkunft der Spieler.

      Ich würde den Unterschied eher daran festmachen, wie feinfühlig sich jemand bestimmten Traditionen nähert.

      Matthias Oberg schrieb:

      Klar könnt ihr euch mit Klezmer-Musik beschäftigen.
      Danke für diese quasi persönliche Einladung!

      Matthias Oberg schrieb:

      (Und wenn einzelne, die sich ausführlich mit unseren Traditionen und aktuellen Weiterentwicklungen beschäftigt haben, zur Verwirklichung eines Projekts von jüdischen Musikern dazugebeten werden, wird auch niemand was sagen.)
      Bei allem Verständnis für die besondere Sensibilität des Themas "deutsche Musiker spielen jiddische Musik", das sind schon interessante Kategorien für musikalische Qualität...

      Matthias Oberg schrieb:

      Wo der Bezug zu afroamerikanischen Traditionen und die Solidarität mit dem afroamerikanischen Widerstand im Jazz und Blues verloren gingen, sehe ich das mit Amiri Baraka u.a. auch ähnlich problematisch.
      Ist das nicht schon lange viel zu spät? Willst Du aus der amerikanisch-europäischen Unterhaltungsmusik den afrikanischen Beitrag wieder herausoperieren?
      Musik, die sich in mal sagen afrikanischem Maße auf Rhythmus bezieht, nur noch in explizit antirassisitischen Kontexten durchgehen lassen?

      das täte unseren antisemitischen Verschwörungsheinis so passen, daß der anständige Deutsche keinen Klezmer zu spielen hat....

      lieber Mathias, ich achte Deinen hohen politischen Anspruch bei der Betrachtung von Musik, aber an dieser Stelle weht der Geist einfach mal, wo er will, und zwar für mich nicht in die schlechteste Richtung. Für mich hieß es eine zeitlang, an bestimmten jiddischen Liedern und deren Sprache etwas zu entdecken, das auch mir als Kind deutscher Kolonialisten in Namibia etwas sagen konnte, gewiss in schmerzlicher Bewußtheit unserer Ahnen, aber eben auch in dem Gefühl, sich etwas gewissermaßen abgespaltenem zu nähern. Und Nein, ich habe nicht auf die Erlaubnis irgendeines "jüdischen Musikers" gewartet, diese Lieder für unser damaliges Trio zu arrangieren. Ich habe mich auch nicht gefragt, ob es in "unsere(n) Traditionen und aktuelle(n) Weiterentwicklungen" passt, "Papirosn" als Tango mit Hardrockelementen zu spielen, mich hat die Sprache und die Melodien unmittelbar berührt und dazu gebracht, die Stücke möglichst differenziert zum Leuchten zu bringen.
      Wenn Du darin keinen Wert erkennen kannst außer

      Matthias Oberg schrieb:

      Viele nicht-jüdische Klezmer-Folklore find ich eher mit solchen Ausbeutungsformen vergleichbar.
      hast Du mein Verständnis auf einer politischen Ebene gewiß, auf der Ebene zwischen Musikern finde ich das furchtbar pauschal und irgendwie auch rassistisch oder meinetwegen kulturalistisch. JA, es ist nicht egal, wer etwas spielt. Aber wie und aus welcher Haltung heraus jemand etwas spielt, finde ich allemal wichtiger als seine ethnische, religiöse oder sonstige Herkunft, und irgendwie dachte ich bis jetzt, da mit Dir auf einer Linie (und der dieses Forums) zu sein.

      .
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • PS wenn Du, Mathias, Dich an einem Satz wie:

      Ecclitico schrieb:

      Was mich besonders interessieren würde: Wo kann man diese Musik live erleben, und zwar idealerweise so, dass sie ins Umfeld passt?
      störst, sind wir völlig einer Meinung...

      Nicht daß ich dem Threadstarter unterstellen will, so historisch unsensibel zu sein, wie es dieser Satz suggeriert....

      Das mit dem "passenden Umfeld" provoziert schon zynische Antworten en masse...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht