"Die großen Sänger" von Jürgen Kesting

    • palestrina schrieb:

      Liebe Amaryllis, ich bin der Meinung dass man die beiden nur bedingt miteinander vergleichen kann, um es für mich zusagen , man sollte beide haben, denn bei dem einen ist dieser bei dem anderen jener DER Sänger .

      Interessanter Aspekt...
      Nur was hast Du dann davon? Wenn Du zwei Uhren hast, die unterschiedlich gehen, weißt Du nicht welche (und ob überhaupt eine) richtig geht.... :hide:
      Es läßt sich nicht vermeiden, daß solche Bewertungen eine mehr oder weniger ausgeprägte subjektive Komponente enthalten, wie die beiden Beispiele ja augenfällig demonstrieren. Ich finde es daher interessanter, sich ein eigenes Bild zu machen und dabei selbst den Versuch einer Begründung zu unternehmen, was einem warum an der einen oder anderen Stimme gefällt oder missfällt - was anderes machen die beiden Herren nämlich auch nicht, eben nur aus ihrer Sicht. Da hat man meiner Ansicht nach selber mehr davon, wenn man sich um ein eigenes Urteil bemüht. Wenn's nur um objektive biographische Details gehen sollte - da ist das Internet mittlerweile ein ebenso gutes Informationsmedium.
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Lieber bustopher,

      ich erachte das Werk von J. Kesting als d i e herausragende Arbeit bzgl. Sängerkritik…nicht nur in deutscher Sprache.

      1.
      Sorry, auch bei Aufnahmen „der mechanischen und frühen elektromechanischen Phase“ kann man Qualität hören und erkennen. Oder möchtest Du z. B. die außerordentliche Qualität eines E. Caruso bestreiten (bei sehr vielen Aufnahmen, wenn auch nicht Opern-Gesamtaufnahmen; hier als Beispiel für sehr frühe Aufnahmen)?

      Einschränkungen bzgl. der möglichen Bewertung aufgrund der Aufnahmen (Technik) und der Hinterlassenschaft (Umfang) hat Kesting immer wieder betont. Dein Fazit ist falsch, weil es nachweisbar unrichtig und somit nicht allgemein gültig ist. Zu viele 'Stimmenkenner' hören das anders und die Aussagen Kestings zeigen bestimmte Vorbehalte bzgl. Technik und Umfang der zugänglichen Aufnahmen ausreichend auf. Der Vorwurf ist hinfällig.

      2.
      Seine - mutmaßlich (ich könnte das höchstens im 'Extra-Werk', dem trotzdem kritischen Buch über M. Callas erkennen) „oft überschwänglichen Einschätzungen“ oder Bewertungen resultieren aus Hörvermögen, Kenntnis, Erfahrung und Vergleichen. Kesting hat seine „Bewertungskriterien“ immer wieder betont, was z. B. bei J. M. Fischer nicht in den Maßen durchscheint oder geschieht. Überschwänglichkeit habe ich darüber hinaus bei ihm (Kesting) selten festgestellt. Da sollten andere Kritiker prägnanter sein. Und damit relativiert sich zumindest Dein Fazit in Form von „geschmäcklerisch…bei jüngeren Sängern“, welche der weit über 70jährige heute vielleicht nicht mehr in den Maßen mitverfolgt. Auch ist eine umfassende Bewertung bei jüngeren Sängern aufgrund mangelnder Einspielungen (intersubjektiver Vergleichbarkeit) und ggf. noch nicht annähernd erreichten „Karrierehöhepunkt“ obsolet (insb. bzgl. der letzten, nicht überabeiteten Ausgabe seines Werks). Deine Einschätzung ist falsch.

      3.
      Vielleicht hätte sich Dein Freund nicht an den Verlag, sondern freundlich an den Autor selbst wenden sollen? Aber biographische Daten sind nicht im Fokus von Kesting. Dafür gibt es andere. Und möglicherweise hat er einige biographische Daten aus dem sehr fehlerhaften Werk von Kutsch/Riemens übernommen; eben weil diese nicht im Zentrum seiner Betrachtung war/ist. [Und sorry, bei Jens Malte Fischer habe ich wesentlichere Fehler gefunden: Nur einen - aber wesentlichen (weil für die Repertoire-Entwicklung entscheidend) - habe ich hier in Capriccio bzgl. di Stefano aufgezeigt...]. Deine Beobachtung (oder die Deines Freundes) ist statthaft, aber nicht entscheidend, um das Werk Kestings negativ oder abschätzig zu beurteilen.

      4.
      Und wenn man eine mangelnde Registerverblendung („passaggio“) nicht mittels mehrerer Aufnahmen hören könnte, würde es keine Gesangslehrer geben. Denn dieses Kriterium ist eines der herausragenden der Gesangsausbildung. Vielleicht kann man die Qualität des Passaggios nicht anhand eines Liedes oder einer Arie hören und beurteilen, aber mit Sicherheit bzgl. mehrerer, vieler Aufnahmen. Sorry, da liegst Du vollkommen falsch. Und dass dieser – Deiner - Meinung/vermeintlichen Erkenntnis nicht Gesangslehrer widersprochen haben, erstaunt mich oder zeigt, das Capriccios Weitreiche sehr eingeschränkt ist. Deine Einschätzung ist falsch und sorry, zeugt von Unkenntnis.

      5.
      Vergleichbar (hier: i. S. von ungefähr gleichwertig) ist das Werk Kestings bzgl. Umfang, Details, Seriosität und Kenntnis lediglich mit den Werken von J. B. Steane. Selbst Henderson, Fischer, Brug usw. reichen da m. E. nicht heran. Trotzdem musst Du Kesting „nicht mehr ernst nehmen“; es zwingt Dich niemand. Aber ich glaube, dass Deine Einschätzung vollkommen falsch ist, weil irrelevant und nachvollziehbar unbegründet, weil "geschmäcklerisch". [Und so etwas bin ich von Dir nicht gewohnt.]

      6.
      Allgemein und nicht gegen Dich gerichtet: Und wer außerordentliche Expressivität in Gesang und Schauspiel, "tenorale" Lautstärke (Dauerforte), Fokussierung auf das hohe (Tenor-)C oder 'gar Äußerlichkeiten, wie Aussehen in den Vordergrund einer Kritik schiebt oder 'gar zum alleinigen Parameter erhebt, sollte sich meiner Meinung nach der Sängerkritik enthalten. Das sind Einlassungen für ein Poesiealbum. Denn - nicht nur meiner Meinung nach - haben die Ausbildungskriterien des Belcanto (i. e. S.; vgl. hierzu den Thread über 'Belcanto') weiterhin Gültigkeit für den Kunstgesang in 'Oper', aber auch 'Lied'. Und damit ist Kesting nicht von gestern, sondern hoch-aktuell und wird es bleiben.

      Sorry; bei aller Wertschätzung für Deine sonst - und von mir extra herausgehobenen - sehr guten Beiträge; aber Deine Einschätzung war Quatsch, denn sie ist wahrlich "geschmäcklerisch". Nichts für ungut und mit der Bitte um Verständnis für meine Einlassungen.

      Mit freundlichen Grüßen (und sei mir nicht böse)

      Keith M. C.

      [...und ich wollte unbedingt die unsägliche Zahlenkombination bzgl. meiner angezeigten Beitragsanzahl eliminieren.]
      _____

      Nachtrag 04.11.2014 Uhr 6:35: "Registerverblendung", "Subjektivität", "Gesamtbild und Einzelaspekte" u. a.:

      Lieber bustopher, ich habe im ersten Satz des 4ten Punktes "Gesangslehrer" in ihrer Eigenschaft als Experten mit einem besonderen oder besonders geschulten Hörvermögen angeführt, für die das Erkennen der Qualität der Registerverblendung fundamental ist. Das Wissen, dass diese in ihrer Eigenschaft als Lehrer keine Schallplatten hören oder Plattenkritiken mit/von ihren Schülern veröffentlichten Platten (o. ä.) tätigen, sondern eine übliche Lehrer-Schüler-Kommunikation pflegen, habe ich unterstellen dürfen. Oder rein formal: Hätte ich bzgl. der gedanklichen Abgrenzung einen weiteren Absatz einfügen sollen? [Scherzmodus: ein] Einerseits wirfst Du ggf. m i r ein 'Glauben an Autoritäten' vor (s. u.) und schreibst im selben Beitrag: "Glaub' mir:...[es folgt eine in der Sache irrelevante, rein subjektive (vgl. Deine Ausführungen) Verallgemeinerung ("Jeder...")]". Haaallo! Ich dachte, dass Logik auch etwas mit Stringenz zu tun hat. Und weil Du nicht nur versuchst Argumente anzuführen, sondern Reputation i. w. S. mittels Deiner Gesangsausbildung vorzuschieben gedenkst, muss ich mich fragen: Warum weißt Du es dann nicht besser und antworte darüber hinaus: Ich sprach von Gesangslehrern, nicht Gesangsschülern. [Scherzmodus: aus]

      Die mögliche Kritik bzgl. "Subjektivität bei der Wahrnehmung [hierzu habe ich damals in Capriccio einen Beitrag mit m. E. sehr interessanten Literaturempfehlungen veröffentlicht] und der Bewertung" ist aber ein grundsätzliches Problem im Bereich 'Musik' und trifft m. E. auf Kesting (s. o.) weniger zu, als auf andere Stimmenkritiker. Seit wann sind "Vorwissen", also Wissen, Kenntnis und Erfahrung für eine Beurteilung abträglich? Sollten Deiner Meinung nach zukünftig nur noch Sängerkritiken von vollkommen 'unbelasteten' Personen verfasst sein? BTW, bzgl. der von Dir angesprochenen Logik: Dann erübrigt sich aber auch Deine Kritik an der Kritik.

      Einerseits wird kritisiert, dass sich die 4-bändige Ausgabe zu wenig mit jungen, aktuellen Sängern befasst (und d a z u habe ich meine Meinung geäußert), nun wirfst Du ihm (Kesting) dagegen vor, dass er und wie er (mit Letzterem sollte man sich m. E. in den jeweiligen Sängerthreads auseinandersetzen) junge oder jüngere Sänger in seinem Werk beurteilt. So what?

      Meine grundsätzliche oder abschließende Bewertung (die Einordnung und Gewichtung der Einzelaspekte in ein Gesamtbild) ist ebenfalls nicht immer (aber sehr oft) kongruent mit seinem Werk, obwohl seine Detail-Kritikpunkte fast immer sehr gut nachvollziehbar und stimmig sind.

      Und dass Du gerade mir h i e r in Capriccio möglicherweise durch die Blume sagen wolltest, dass ich zu stark an Autoritäten glaube, amüsiert mich. Denn dann hast Du etwas verpasst und Deine Vorhaltung mit Sicherheit falsch adressiert. Aber ein wenig mehr oder weniger lustig bist Du schon, nicht wahr?
    • Lieber Keith M.C.,
      ein paar Kommentare zu Deinen Einlassungen:

      Sorry, auch bei Aufnahmen „der mechanischen und frühen elektromechanischen Phase“ kann man Qualität hören und erkennen. Oder möchtest Du z. B. die außerordentliche Qualität eines E. Caruso bestreiten (bei sehr vielen Aufnahmen, wenn auch nicht Opern-Gesamtaufnahmen; und als Beispiel für sehr frühe Aufnahmen)?

      Einschränkungen bzgl. der möglichen Bewertung aufgrund der Aufnahmen (Technik) und der Hinterlassenschaft (Umfang) hat Kesting immer wieder betont. Dein Fazit ist falsch, weil nicht allgemein gültig. Zu viele 'Stimmenkenner' hören das anders und die Aussagen Kestings zeigen bestimmte Vorbehalte bzgl. Technik und Umfang der zugänglichen Aufnahmen ausreichend auf.

      Unser Ohr ist sehr leicht beeinflußbar und natürlich wissen wir (und weiß Kesting), daß Caruso ein aussergewöhnlicher Sänger war. Dieses Wissen können weder wir noch Kesting beim Hören ausblenden. Ich bezweifle nämlich, daß auch ein Kesting (und andere) im kontrollierten Blindversuch mit ihm unbekannten (!) Aufnahmen aus der frühen Phase der Aufzeichnungstechnik die Sänger überhaupt richtig erkennen würde, geschweige denn ohne sein Vorwissen nur auf Basis der Aufnahmen zu solch dezidierten Beurteilungen gelangen könnte, wie er sie abgibt. Ein Indiz hierfür ist für mich, daß er Sänger, von denen es tatsächlich verläßliche und aussgefähige Aufnahmen gibt (grob die Nachkriegsgeneration), erst einmal weniger emphatisch beurteilt. Daß er seine Beurteilung einiger Nachkriegssänger im Laufe der Jahrzehnte revidiert hat, z.T. nachdem er sie persönlich getroffen hat, macht mich dabei zusätzlich stutzig. Wie objektiv ist denn dann sein Urteil?

      Seine - mutmaßlichen (ich könnte das höchstens im 'Extra-Werk', dem trotzdem kritischen Buch über M. Callas erkennen) „oft überschwänglichen Einschätzungen“ oder Bewertungen resultieren aus Hörvermögen, Kenntnis, Erfahrung und Vergleichen. Kesting hat seine „Bewertungskriterien“ immer wieder betont, was z. B. bei J. M. Fischer nicht in den Maßen durchscheint oder geschieht.

      ändert das etwas an der Subjektivität derartiger Bewertungen? ICH kann nicht beurteilen, was bei ihm wie gefiltert ist. Ich kann nur feststellen, wenn (und wie) meine Einschätzung nicht mit der seinen übereinstimmt und ich mich manchmal frage, woher er das nimmt, was er schreibt. Aber jedem seine Autorität an die er glaubt!

      Auch ist eine umfassende Bewertung bei jüngeren Sängern“ aufgrund mangelnder Einspielungen (intersubjektiver Vergleichbarkeit) und ggf. noch nicht annähernd erreichten „Karrierehöhepunkt“ obsolet

      Warum macht er's dann? Ich meine dabei noch nicht einmal nicht die ganz jungen, sondern die, die jetzt oder die letzten Jahre in Rente gegangen sind.

      Vielleicht hätte sich Dein Freund nicht an den Verlag, sondern freundlich an den Autor selbst wenden sollen? Aber biographische Daten sind nicht im Fokus von Kesting. Dafür gibt es andere. Und möglicherweise hat er einige biographische Daten aus dem sehr fehlerhaften Werk von Kutsch/Riemens übernommen; eben weil diese nicht im Zentrum seiner Betrachtung war/ist. [Und sorry, bei Jens Malte Fischer habe ich wesentlichere Fehler gefunden: Nur einen - aber wesentlichen (weil für die Repertoire-Entwicklung entscheidend) - habe ich hier in Capriccio bzgl. di Stefano aufgezeigt...]. Deine Beobachtung (oder die Deines Freundes) ist statthaft, aber nicht entscheidend, um das Werk Kestings negativ oder abschätzig zu beurteilen.

      Also, ich kenne die Autorenregeln so: 1) 150% recherchieren, 100% schreiben. 2) Nichts abschreiben, was nicht aus unabhängiger Quelle überprüft wurde (ok: ich gebe zu: daran hapert es in vielen Büchern). Mangelnder "Fokus" ist keine Entschuldigung für schlampige Arbeit. Wenn's ihn nicht interessieren sollte, wozu schreibt er's dann?.
      Im übrigen weiß ich nicht, wie die Korrespondez bei meinem Bekannten gelaufen ist.

      Und wenn man eine mangelnde Registerverblendung („passaggio“) nicht mittels mehrerer Aufnahmen hören könnte, würde es keine Gesangslehrer geben. Denn dieses Kriterium ist eines der herausragenden der Gesangsausbildung. Vielleicht kann man die Qualität des Passaggios nicht anhand eines Liedes oder einer Arie hören und beurteilen, aber mit Sicherheit bzgl. mehrerer, vieler Aufnahmen. Sorry, da liegst Du vollkommen falsch. Und dass dieser – Deiner - Meinung/vermeintlichen Erkenntnis nicht Gesangslehrer widersprochen haben, erstaunt mich oder zeigt, das Capriccios Weitreiche sehr eingeschränkt ist. Deine Einschätzung ist falsch und sorry, zeugt von Unkenntnis.

      Seit wann beurteilen Gesangslehrer ihre Schüler per Aufnahme? Oder willst Du damit sagen, daß eine lausige Aufnahme das Motiv zu einer Geasngsausbildung wäre? Da wirft Du gerade zwei Sachen zusammen, die logisch nichts miteinander zu tun haben: Daß das eines der Kernziele jeder klassischen Gesangsausbildung ist, ist unbestritten. Daß Du es aus einer technisch mangelhaften Aufnahme hören könntest, ist aber Quatsch, und daran ändern auch mehrere technisch mangelhafte Aufnahmen nichts. Glaub' mir: Jeder Sänger, der sich (früher) mit einem Kassettenrecorder oder (heute) mit Smartphone oder seinem Computer aufnimmt, denkt erst einmal zwei Wochen an Selbstmord, egal wie gut er im richtigen Leben singt...

      Allgemein und nicht gegen Dich gerichtet: Und wer außerordentliche Expressivität in Gesang und Schauspiel, "tenorale" Lautstärke (Dauerforte), Fokussierung auf das hohe (Tenor-)C oder 'gar Äußerlichkeiten, wie Aussehen in den Vordergrund einer Kritik schiebt oder 'gar zum alleinigen Parameter erhebt, sollte sich meiner Meinung nach der Sängerkritik enthalten.

      wer tut denn sowas? Wenn er's täte, gäbe ich Dir recht.

      Sorry; bei aller Wertschätzung für Deine sonst - und von mir extra herausgehobenen - sehr guten Beiträge; aber Deine Einschätzung war Quatsch, denn sie ist wahrlich "geschmäcklerisch". Nichts für ungut und mit der Bitte um Verständnis für meine Einlassungen.

      Mit freundlichen Grüßen (und sei mir nicht böse)

      man darf über alles unterschiedlicher Meinung sein...

      PS, bezüglich Unkenntnis: ich hab' 'ne Gesangsausbildung. Du auch?
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Danke, Keith M. C. für diese audführliche Richtigstellung! Kestings Verdienste um den Gesang haben inziwchen dazu geführt, dass er im Redaktionsteam von " Vox Humana " , der Fachzeitschrift des BDG ( Bundesverband deutscher Gesangspädagogen ), mitmacht.
      Natürlich stellt man schnell fest, ob die Bewältigung des Passagios okay ist und ob die so genannte Registerverblendung funktioniert. Und dass Kesting dazu bereit ist, Urteile, die er in der ersten Auflage gefällt hat, später zu korrigieren bzw. zu modifizieren, spricht für ihn.
      Prominentes Beispiel : Fischer-Dieskau. Einer herausragenden Sängerin wie Inge Borkh widerfährt erst in der letzten Auflage Gerechtigkeit usw. usw. Ich bin jedenfalls froh, auf dieses gigantische Nachschlagewerk jederzeit zurückgreifen zu können.

      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • Bei aller Aufregung über Kestings Urteil im Detail, sollte man einen Aspekt nicht unterschätzen. Er bietet Orientierung in einem fast unübersehbaren Markt. Es gibt im deutschen Raum kein vergleichbares Werk in diesem Umfang. Zu fast jedem größerem Sänger der auf Schallplatten dokumentiert ist, findet man einige Einschätzungen. Kesting spürt Aufführungstradtionen, Gesangsschulen und anderen Einflüssen nach und stellt sie dar. Im Prinzip eine Gesangsgeschichte eines ganzen Jahrhunderts. ich freue mich immer wieder an Kestings prägnanten und zugespitzten Formulierungen. Aber auch Sängern, die er ablehnt, lässt er gerechtigkeit zukommen, indem er auch ihre Fürsprecher zitiert. Außerdem ist die Größe, die Kesting einem Sänger zumisst, nicht nur anhand seines Urteils erkennbar, sondern auch daran, wie intensiv er sich einem Sänger widmet. Beleg dafür ist das Kapitel über Renata Scotto, an vielen Aufnahmen hat er etwas zu kritteln, kommt aber nach einer mehrseitigen Auseinandersetzung zu dem Urteil, dass sie eine der zentralen Sängerinnen der Nachkriegszeit war. Auf jeden Fall sollte man sich die Mühe machen seine Urteile hörend nachzuvollziehen. Durchs Nachhören bekommt man ein Gespür für seine Maßstäbe und kann das dann auch mit den eigenen Maßstäben abgleichen. Teilweise weiß ich schon durchs Lesen, ob mir ein Sänger gefallen wird oder nicht.

      Und wie schon erwähnt andere Übersichtswerke und Einschätzungen von Opern sind rar. Es gibt noch das vergriffene Hermes Handlexikon Opern auf Schallplatten. Dort finden sich zu sehr vielen Aufnahmen bis ins Jahr 82 kurze und prägnante Einschätzungen. Alle Aufnahmen danach bleiben auf der Strecke. Im Opernführer von Csampai und Holland gibt es nur Empfehlungen ohne jede Begründung. In der auch vergriffenen, aber in Musikbibliotheken vorhandenen, Reihe rororo Opernbücher (Herausgegeben von Csampai und Holland) gibt es vergleichende Diskographien. Aber da fällt mir der Nachvollzug manchmal etwas schwer. Was Csampai zum Beispiel an der in grottenschlechter Tonqualität vorliegenden Zauberflöte von Toscanini findet, kann ich hörend nicht nachvollziehen. Ich habe auch den Eindruck, dass dort mehr die Gesamtkonzeption ins Urteil einfließt als die einzelnen sängerischen Qualitäten.
      Die Zeitschrift Fono Forum bietet manchmal vergleichende Diskographien an. Aber die muss man sich auch erst mal zusammensuchen und dort hat jeder Rezensent andere Maßstäbe. Deshalb bleibt für mich Kesting unverzichtbar. Das Buch von Jens Malte Fischer ist zwar interessant zu lesen, aber gibt nur wenige Empfehlungen für einzelne Aufnahmen. Da ist und bleibt Kesting meine wichtigste Quelle, auch wenn ich nicht jedes Urteil teile. Beispielsweise war ich irritiert über die Lobeshymne, die er Diego Florez gewidmet hat. Sicher der Sänger hat eine überwältigende Technik, aber sein leicht nasales Timbre und seine Phrasierungen gefallen mir einfach nicht. Da kann er noch so virtuos singen und Spitzentöne akzentuieren. Aber ich verdanke ihm die Entedeckung vieler Sänger und Aufnahmen, wie Alfredo Kraus, dessen etwas nasales Timbre mich überhaupt nicht stört, Aksel Schiotz, Conchita Supervia und viele andere.
    • Ich finde auch, dass die besondere Stärke Kestings in den Beschreibungen einzelner Aufnahmen liegt - auch mit gelegentlich tief in die Rollen-Profile, in den künstlerischen Ausdruck einer Musik eintauchenden Einlassungen. Ich finde sogar wiederum eine 'Schwäche' seines Buches, dass er nicht vielmehr (sondern nur in einzelnen Diskursen, etwa zu Tristan oder Otello) an ROLLEN bzw. bestimmten Musiken entlang argumentiert und da vergleicht, sondern eben letztlich doch v. a. die Sänger diskographisch vorstellt. Denn m. E. liegt seine Stärke in der Analyse des Ausdrucks einzelner Interpretationen.
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Früher habe ich Kesting eher in längeren Abschnitten gelesen. Mittlerweile lese ich mehr zu einzelnen Sängern. Manches Porträt habe ich schon mehrfach gelesen und immer wieder entdecke ich noch Aspekte, die ich beim ersten Lesen nicht wahrgenommen habe. Da erscheinen dann beim zweiten Lesen manche Urteile über einen Sänger nicht mehr so hart, wie beim ersten Lesen. Aber auf jeden Fall gibt es bei Kesting sehr wertvolle Hinweise auf vokale Schätze und welche Aufnahmen man besser überhört. Durchs Nachhören entdecke ich auch die ein oder andere Stelle eines Stückes neu.

      Sehr spannend finde ich auch die Serie "Belcanto- Die Tenöre der Schellackzeit". Sie lief vor Jahren im Fernsehen, ist aber auch auf DVD erhältlich. Dort wirkt u.a. Kesting mit und beschreibt anhand von Aufnahmen sehr genau, worin das Besondere in der Interpretation eines Sängers liegt. Das ist dann nochmal anschaulicher, als wenn man seine Beschreibungen nur liest. Zudem erfährt man noch viel über die einzelnen Sänger und sieht rare Bildaufnahmen.

    • Ich schmökere gerne in dem Jens Malte Fischer ("Große Stimmen") und würde lesend gerne mehr über Gesangstechnik lernen, Stichwort "Registerverschmelzung" etc.

      Nun habe ich die Qual der Wahl zwischen dem einbändigen und mehrbändigen Kesting (Auflage: bei marketplace weiß man oft nie so genau, um welche Auflage es sich dann genau handeln wird). Oder gibt es sowieso noch ein besseres "Gesangbuch", das in die Kunst des gesangstechnischen Fachchinesisch einführt? Gibt es bei Kesting überhaupt einen allgemeinen, einführenden Theorie-Teil?
      Karajan hat keinen eigenen Klang. Den macht das Orchester.
    • Die drei- (alt) bzw. vier- (neu) -bändige Ausgabe ist was für Leute, die VIEL haben wollen (d.h. in diesem Fall: MEHR Sänger). Die einbändige trifft eine exemplarische Auswahl aus der alten dreibändigen Gesamtausgabe.

      Die neuere vierbändige Gesamtausgabe ist vor allem um jüngere Sänger erweitert worden, und auch eine Reihe älterer, deren Aufnahmen inzwischen verfügbar sind. Dafür sind aber auch wichtige Sänger aus der ersten Gesamtausgabe vergessen (?) worden (z.B. die von Kesting in höchsten Tönen gelobte Ernestine Schumann-Heink). Die dreibändige ist AFAIR antiquarisch inzwischen relativ günstig zu haben. Aber auch die einbändige bietet schon eine ganze Menge Stoff!

      Sehe gerade, auch die vierbändige gibt's auf'm Marketplace gebraucht schon für knapp 30 €

      Kesting ist weniger eine Abhandlung über Gesangstechnik; man lernt aber mE übers Lesen der einzelnen Beiträge (möglichst mit Anhören von Aufnahmen) eine Menge. Irgendwo gibt's von ihm ein Glossar der Fachausdrücke, aber ich glaube, das ist in Kestings Callas-Biografie drin (kann gerade nicht nachsehen). Die ist aber sowieso ein Muss für Gesangsinteressierte.

      [EDIT]Ja, das Glossar ist in der Biographie enthalten!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Jürgen Kesting auf youtube

      Neu

      Das Jürgen Kesting "umstritten" ist, kann man diesem Faden wohl entnehmen.

      Auf youtube gibt es jetzt eine 6teilige Senderreihe "Die schöne Stimme und der meisterliche Gesang" von Kesting, folgende Themen werden behandelt:
      - Die natürlichen Qualitäten
      - Die technischen Qualitäten
      - Die Entwicklung der Stimmfächer
      - Singen und Sprache
      - Der musikalische Ausdruck.

      Alles mit zahlr. Klangbeispielen.

      youtube.com/playlist?list=PL1YuPvtvOEHw_eAShThoDWICiB7T0f1e0
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).