Raritäten der Kammermusik

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    • uliwer schrieb:

      Jean Cras hatte mit Roussel den Beruf gemeinsam: beide gehörten der Marine an. Während Roussel die Seefahrerei schon bald an den Nagel hängte und sich als professioneller Musiker etablierte, blieb Cras der Marine treu und betätigte sich nur "nebenamtlich" als Komponist. Das hat ihn aber nicht gehindert, erstaunlich gute Musik hervor zu bringen, die inzwischen langsam wieder entdeckt wird.

      Sein Quintett für Harfe, Flöte, Violine, Viola & Cello von 1928 lässt sich schon wegen der Klangfarben eindeutig der franzöischen Tradition zuordnen. Harmonisch wie rhythmisch ist es "konservativer" als Roussel, steht aber in der Qualität der Verarbeitung den Vorbildern Debussy oder Ravel mit ihren bekannteren Stücken für Harfe und Kammerbesetzung nicht nach.


      Ein wirklich schönes Werk - Danke für den Tipp! Ich habe allerdings die auf Spotify verfügbare Aufnahme gehört - das ist diese hier:



      Ich möchte ein etwas älteres französisches Kammermusikwerk empfehlen: Ernest Chaussons wunderschönes Klavierquartett A-dur op. 30.

      Das heiter-luzide Stück, dem jegliche Erdenschwere fehlt, entstand im Sommer 1897 als eines der reifen "Spätwerke" des all zu früh in die ewigen Jagdgründe eingegangenen Meisters. Besonders gut gefällt mir der düster-poetische langsame Satz. Basierend auf den unverkennbaren Einflüssen des Lehrers César Franck, aber auch Gabriel Faurés, hat Chausson hier seinen unverkennbar eigene, lyrisch-distinguierte Tonsprache zur höchsten Entwicklung geführt. Wer wissen will, was eigentlich die vielfach beschworene französische "Clarté" ist - hier ist das Musterbeispiel.

      Das Werk ist Chaussons Freund, dem Pianisten Auguste Pierret gewidmet - zum Dank dafür, dass dieser sich stets sehr für sein Kammermusikwerk eingesetzt hatte. Chausson, aus einer wohlhabenden Familie stammend und als Jurist in einer hohen Position im Staatsdienst tätig, komponierte nicht fürs Publikum, sondern für sich selbst. Seine große Sorge war zeitlebens, als dilettierender Amateur eingestuft zu werden, nur weil für ihn der wirtschaftliche Erfolg als Komponist ohne Bedeutung war. Pierret wirkte auch bei der Uraufführung 1898 - ein Jahr vor Chaussons verhängnisvollen Fahrradfahrt - in der Societé Nationale de Musique mit, deren Sekretär Chausson viele Jahre lang war.



      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Magus schrieb:

      Generell lohnt sich ein Ausflug in die Spohrschen Kammermusik"raritäten"; besonders möchte ich auch seine Klaviertrios hier empfehlen (Aufnahmen gibts u.a. bei Naxos).

      Am besten die Aufnahmen des Beethoven Trio Ravensburg kaufen, die man für einen Appel und ein Ei bei jpc ordern kann. Mir gefallen die Werke gut, vor allem das 2. Trio ist sehr hörenswert.

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Am besten die Aufnahmen des Beethoven Trio Ravensburg kaufen, die man für einen Appel und ein Ei bei jpc ordern kann. Mir gefallen die Werke gut,

      Das kann ich bestätigen, zumal es sich ausnahmslos um spätere Kompositionen handelt, die den reifen Stil von Spohr repräsentieren. Sein Werk ist ja ansonsten stark geprägt von seinem Instrument der Violine, und in der Kammermusik von den unzähligen Streichquartetten.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Sein Werk ist ja ansonsten stark geprägt von seinem Instrument der Violine, und in der Kammermusik von den unzähligen Streichquartetten.

      Es scheint so zu sein, zumindest habe ich das wiederholt gelesen, dass Spohr sehr ungünstig für das Klavier schrieb, sprich technisch sehr anspruchsvoll aber nicht spektakulär. Die Klaviertrios sollen daher für Pianisten eine Qual sein, was ihrer Verbreitung leider im Weg steht.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Ich habe von Spohr ein paar Sinfonien, Lieder, ein Oratorium ... man müsste mal das Werkverzeichnis durchsehen, ob da tatsächlich eine "starke Prägung" durch die Violine zu finden ist.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Felix Meritis schrieb:

      Es scheint so zu sein, zumindest habe ich das wiederholt gelesen, dass Spohr sehr ungünstig für das Klavier schrieb, sprich technisch sehr anspruchsvoll aber nicht spektakulär. Die Klaviertrios sollen daher für Pianisten eine Qual sein, was ihrer Verbreitung leider im Weg steht.
      Bei IMSLP sind Noten dazu frei zugänglich (u.a. die Klaviertrios 1-5).

      Allein, was dort verfügbar ist, verweist tatsächlich auf einen Schwerpunkt Violine bei Spohr (auch seine Violinschule ist dort einsehbar).

      Grüße

      Magus
      "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972
    • Spohr war bevor er in Kassel sesshaft wurde, reisender Violinvirtuose, und hat sich demzufolge viele Werke für diesen Zweck geschrieben. Ebenso in Kombination mit Harfe, denn seine erste Frau Dorette war Harfenistin. Er schrieb allein 18 Violinkonzerte und zahlreiche Duos mit einer 2. Violine oder Harfe.

      Sehr interessant zu lesen ist seine Autobiografie, die allerdings nur die Zeit vor Kassel beschreibt.



      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ludwig Thuille

      Hallo zusammen,

      kammermusikalische Raritäten, da darf das Sextett für Klavier und Bläserquintett von Thuille, Opus 6 nicht fehlen! Es ist eine ziemlich klangstarke Komposition, auf Youtube zu finden, wen es interessiert. Vom Charakter her hat der Komponist eher eine Symphonie im Kopf gehabt, sehr intim ist das Stück nicht, aber doch noch kammermusikalisch und für Bläser sehr dankbar!

      herzlichst, Holger
    • Im überschaubaren Oeuvre von Ludwig Thuille (1861-1907) gibt es eine Reihe von Kammermusik. Das Sextett op.6 für Klavier, Flöte, Oboe, Fagott, Klarinette und Horn ist ein frühes Werk (1889 veröffentlicht). Durch die Art der Besetzung erhält das Werk einen lockeren Charakter, und es klingt ausgesprochen beschwingt. Thuille setzt die Instrumente ausserordentlich farbig ein, und erhält dadurch ein sehr transparentes Klangbild.
      Das Werk besteht in klassischem Aufbau aus 4 Sätzen, wobei der 3. Satz kein schnelles Scherzo, sondern eher eine bedächtige Gavotte ist. Der Beginn des 1. Satzes erinnert mit seinem Horneinsatz ein wenig an den Beginn des 2. Klavierkonzertes von Brahms, welches in der selben Tonart B-Dur steht. Der 2. Satz ist ein wunderschön kantables Stück, was wiederum nahe an Brahms ist. Der 4. Satz hingegen ist ein typischer "Rausschmeisser", der flink daher kommt und an vergleichbare Sätze bei Mendelssohn erinnert. Aber Vorsicht: Die Anklänge an Thuilles Vorbilder bedeuten nicht das er ein Nachahmer wäre. Er hat schon sein ganz eigenes Kolorit, stand aber der klassischen Linie näher als den "Neudeutschen".

      Ich habe das Werk vor einigen Wochen noch in einem Konzert gehört, und es ist immer wieder eine große Freude dieser wundervollen Musik zu lauschen. Die Besetzung in dem Konzert ist mit der auf dieser Sammlung identisch:



      Die preiswerte Zusammenstellung auf 3 CDs ist ein echter Glücksgriff. So dargeboten dürfte man diese Musik wohl derzeit nirgendwo anders finden.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Norbert Burgmüller - Streichquartett op. 14, a-Moll

      Norbert Burgmüller (1810 - 1836), von Brahms auch "Rheinischer Schubert" tituliert, war ein Zeitgenosse Mendelssohns und Schumanns, der leider noch früher verstarb als die beiden berühmteren Kollegen - vielleicht zu früh, denn ähnlich wie bei Arriaga sind nur wenige Werke erhalten geblieben. Diese haben es allerdings in sich. Seine eineinhalb Symphonien halten den Vergleich mit Schumann und Mendelssohn durchaus stand, und seine Kammermusik ist ebenfalls hochwertig. Burgmüller war ein Schüler Spohrs, emanzipierte sich aber spätestens mit seinem op. 14, seinem vierten Streichquartett, deutlich von seinem Lehrer. Tatsächlich erinnert das Werk an den späten Schubert (den Burgmüller wahrscheinlich nicht kannte) und ist unbedingt hörenswert. Bei Tamino schrieb ich folgendes zu dem Werk:



      Burgmüller (1810 - 1836) schrieb vier Streichquartette, die sich weitgehend klar an den entsprechenden Werken Louis Spohrs, Burgmüllers Lehrer in Kassel, orientieren. Allerdings gibt es eine Ausnahme und diese ist das vierte Streichquartett in a-Moll, Op. 14. Hier löst sich Burgmüller weitgehend vom Spohr'schen Vorbild ab und schreibt ein Werk, das nicht zu Unrecht oft als schubertähnlich empfunden wird. Brahms, beispielsweise, prägte das Aperçu des "rheinischen Schubert". Es ist allerdings wichtig zu betonen, dass Burgmüller wahrscheinlich nichts von Schubert kannte, und wenn, dann sicherlich weder dessen Streichquartette noch dessen Symphonien. Am bedeutendsten in diesem Quartett ist wohl der Kopfsatz (Allegro moderato), welcher sehr groß dimensioniert ist und fast die Hälfte der Spieldauer auf sich verbucht. Und es ist eben dieser Satz, der Assoziationen mit Schubert, nämlich dessen späte Streichquartette, aufkommen lässt. Im CD-Begleittext ist nur von Ähnlichkeiten mit dem d-Moll Quartett D810 die Rede, ich meine aber, dass auch D804 und D887 (orchestrale Wucht!) anklingen. Bemerkenswert ist der erste Themenkomplex, welcher kaum melodischen Gehalt hat aber dafür in einer synkopierten Streicherfigur beinahe orchestralen Charakters gipfelt. Ausgeglichen wird dieses äußerst düstere Thema durch ein melancholisches und gelassenes zweites Thema, welches durchaus an Schuberts Rosamunde denken lässt. Schubertähnlich scheint mir auch der blockartige Verlauf des Satzes zu sein, da ich eine klassische Durchführungsepisode kaum heraushören konnte. Dieser beeindruckende Kopfsatz wird durch ein schwärmerisches Andante abgelöst, welches aber eher Mozart den nSchubert anklingen lässt. Im Gegensatz zum ersten Satz kann man hier aber seinen Lehrer Spohr streckenweise heraushören, z.B. in einigen Begleitfigurationen ("Girlanden"). Das Menuett kommt wieder zum eher düsteren Charakter des ersten Satzes zurück und erinnert in seinem streckenweise beinahe manischen Ausdruck an Schumann. Leider auf qualitativ deutlich niedrigerem Niveau bewegt sich das Finale, welches den insgesamt sehr positiven Eindruck von diesem Streichquartett etwas schmälert. Dennoch: in dieser schwierigen Gattung ist Burgmüller ein Werk gelungen, das man als hochqualitativ einstufen kann.



      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Bei mir läuft grad im Auto rauf und runter:

      Felix Weingartner (1863-1942)



      Sextett für Klavier, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass e-moll op. 33
      Oktett für Klarinette, Horn, Fagott, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier G-Dur op. 73


      Das Sextett ist äußerst gefällig, irgendwas in der ganz späten Schumann-Nachfolge, ein Spritzer Dvořák vielleicht, mit einem Schuss Chausson, you name it.
      Prima durchhörbar, trotzdem - bei der Besetzung klar - immmer wieder auch vollmundig. Was zum Reinlegen.
      Das Oktett gerät etwas herber, aber nicht weniger reizvoll.
      Tipp für Raritätenjäger wie Euch. Und Autofahrer.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • audiamus schrieb:

      Bei mir läuft grad im Auto rauf und runter:

      Boah, so weit bin ich noch nicht, dass ich mit dem Auto fahre, Musik höre und gleichzeitig hier lese und dazu schreibe. Kompliment! Und da sag einer Männer wären nicht multitaskingfähig. :klatsch:
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Sergej Taneyev (1856-1915) Quintett für Klavier, 2 Violinen, Viola und Cello g-Moll op.30

      Taneyev gehört leider auch zu den vergessenen Komponisten seiner Zeit, und es bleibt zu hoffen, dass sein sich in diesem Jahre zum 100. Male jährender Todestag zu etwas mehr Aufmerksamkeit führt. Er war an den diversen Strömungen der russischen Musik wenig interessiert und vertrat einen konservativen musikalischen Standpunkt, der mehr an der Wiener Klassik und strengem Kontrapunkt orientiert war. Demzufolge schuf er auch eine bedeutende Menge von Kammermusik. Sein Klavierquintett nimmt darin eine besondere Stellung ein, denn es ist hinsichtlich Erfindungsreichtum, harmonischer Raffinesse und klanglicher Opulenz unter seinen übrigen Werken herausragend.

      Das Quintett entstand zwischen 1910 und 1911 und steht zwar in g-Moll, beginnt aber in es-Moll und verändert seine Tonarten permanent. Dieses unablässige umherirren verweist auf das offensichtliche Vorbild bei dieser Musik, nämlich César Franck. Überhaupt erinnert der klangliche Gestus dieses Werkes viel mehr an französische als an russische Musik. Die ständige Chromatik schafft eine unruhige Atmosphäre, die beim eintreten des 2. Themas, einer schwärmerischen Kantilene, etwas beruhigt wird. Mit der Durchführung kehrt dann die geradezu grimmige Grundstimmung wieder zurück. Der Satz schließt mit einer Stretta in chromatisch absteigenden Skalen und erreicht dann auch wieder die Grundtonart g-Moll.

      Der 2. Satz ist ein gespenstisches Scherzo in Es-Dur, das im Presto gewissermaßen vorbeifliegt. Das Trio (moderato teneramente) ist wieder eine weit geschwungene Kantilene, die gegenüber dem Presto viel üppigere Klänge aufweist. Der Satz endet so wie er begonnen hat und einem Pizzikato der Streicher im pp.

      Der 3. Satz (Largo) beginnt mit einem unisono abwärts strebendem Thema, welches in der Art einer Passacaglia die Grundierung für den weiteren Fortgang des Satzes bildet. Auch hier wieder interessant, dass das Thema in e-Moll beginnt, aber dann auf C, der eigentlichen Grundtonart des Satzes endet. Der Gestus dieses Satzes ist getragen, mit gebremster Leidenschaft.

      Das Finale (Allegro vivace) beginnt nach 12 einleitenden Takten mit einem vorwärts drängenden Thema in c-Moll. Das bildet aber nur den Auftakt für weitere harmonische und thematische Verschlingungen. Die Musik ist hier von großer und mitreißender Leidenschaft geprägt. Zum Schluß des Satzes kehrt das 2. Thema des ersten, in vollem sotto voce und geradezu hymnisch, zurück (moderato maestoso). Die Violinen schwingen sich zu höchsten Höhen auf (hier könnte fast Mahler Pate gestanden haben), und der Streicherklang erreicht wieder diese Opulenz, die typisch für das ganze Werk ist. Die Streicher haben zum Schluss Vier- bzw. Dreiklänge zu spielen, und so endet das Werk in orchestraler Fülle in G-Dur.

      Es gibt ein paar Aufnahmen dieses Werkes und ich möchte auf diese hier hinweisen, die ich großartig finde. Es ist ein Live Mitschnitt aus Lugano mit den dort seit langen Jahren wirkenden Stammkräften.



      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)