Raritäten der Kammermusik

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    • Raritäten der Kammermusik

      Wie angedroht geht es jetzt gleich los (weil Sonntag ist)

      Frei nach der "Feuerzangenbowle" könnte man jetzt fragen "wat is en Rarität? Da stellen mir uns mal janz dumm .." In der Tat gibt es nicht die Rarität, denn das hängt ganz vom Erfahrungshorizont jedes Einzelnen ab. Insofern muß man eine Prämisse setzen, und davon ausgehend Werke vorstellen, von denen man vermutet, daß sie einem großen Kreis von Musikliebhabern nicht bekannt sind. Das da natürlich immer Sachen dabei sind, die schon bekannt sind liegt in der Natur der Sache.

      Da ich ja so keck Herrn Kornemann als unwissend in Sachen französischer Kammermusik bezeichnet habe (vielleicht tie ich ihm ja auch Unrecht, und er inetressiert sich einfach nicht dafür), so fange ich mit einem aus meiner Sicht schwergewichtigen Werk an.

      Charles Valentin Alkan (1813-1888): Sonate für Cello und Klavier E-Dur op.47

      Alkan ist vielleicht in erster Linie den Spezialisten für Klaviermusik bekannt. Er hat aber auch einige wenige Kammermusikwerke geschrieben. Insofern ist er mit Chopin vergleichbar, der auch nur wenig Kammermusik aber immer mit Klavier verfasst hat. Beide Komponisten kannten sich recht gut, und wohnten auch in Paris nicht weit von einander entfernt. Er wurde im selben Jahr wie Wagner und Verdi geboren, und das ist vielleicht auch der Grund weswegen er bei den 200-Jahr Feiern 2013 leer ausgegangen ist. Der unermüdlichen Gudrun Parsons vom Verein "Pro Piano" ist es zu verdanken, dass im November 2013 in Hamburg ein kleines aber feines Minifestival zu Ehren von Alkan veranstaltet wurde, bei welchem auch diese Sonate erklang.

      Das Werk hat einen klassischen 4-sätzigen Aufbau mit einem Siziliano statt einem Scherzo an 2. Stelle. Im Gegensatz zu vielen seiner Klavierkompositionen vermeidet Alkan hier weitgehend die übermässigen Schwierigkeiten im Klaviersatz, und das Instrument drängt sich auch nicht vor, sondern pflegt einen ausgeglichenen Dialog. Alkan vermeidet auch seine sonst so berüchtigte Exzentrik, was nicht bedeutet das wir es hier mit einem harmlosen Werk zu tun haben, eher im Gegenteil.

      Der 1. Satz Allegro molto ist in ständiger Bewegung. Der melodische Gestus erinnert etwas an Schumann, der mit seinem vernichtenden Urteil über Alkan allerdings zu dessen Verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung beigetragen hat. Aber Alkan ist kein Epigone, er hat genug Eigenes beizusteuern, so dass es eine Reihe Alkan-typischer Einfälle gibt. Der Aufbau ist nahezu schulmäßig, und auch nicht das interessanteste, sondern das ist die Behandlung von Cello und Klavier als gleichberechtigte Partner, sowie die Verarbeitung des musikalischen Materials.

      Der 2. Satz Allegrettino spinnt eine sich im wiegenden 6/8 Takt sanfte Melodie fort. Er ist 3-teilig angelegt wie eine Arie, und hat im Mittelteil ein Minore, also die Moll-Variante des Themas. Man sollte sich von dem ersten Eindruck nicht täuschen lassen, denn Alkan hat keinesweges vor hier ein harmloses Siziliano abzuliefern, sonder fürhrt immer mal wieder kleine Widerhaken in Form harmonischer Rückungen und Unterbrechnung des melodischen Flußes ein.

      Der 3. Satz Adagio beginnt mit einer kurzen Introduktion, an welche sich eine weit geschwungenen Kantilene des Cellos anschliesst, die nur sparsam vom Klavier begleitet wird. Das Klavier folgt mit einer sanft bewegten Weise, die ihrerseits sparsam vom Cello begleitet wird. Wir haben es hier also mit einem Dialog der beiden Instrumente zu tun, der in dieser Weise den ganzen Satz über fortgesponnen wird. Die Grundstimmung dieses Satzes ist beseelte Ruhe und Frieden, jede Aufregung wird vermieden, es gibt kaum einen nenneswerten Höhepunkt, bis auf ein kurzes sforzato in Takt 93. Das sanft bewegte Tremolo des Klavier erinnert ein wenig an das "Waldweben" aus dem "Siegfried" von Wagner.

      Der 4. Satz Prestissimo ist ein mitreissender Saltarello, der in seiner permanenten Motorik ungemein schwungvoll wirkt, und die friedliche Stimmung des vorhergehenden Satzes jäh unterbricht. Er beweist einmal mehr die Fähigkeit des Komponisten bruchlose Stücke ohne Langeweile oder sog. "Brückenepisoden" zu schreiben. Den Ausführenden wird hier einiges abverlangt, und das Werk endet in einer fulminaten Coda mit einem "Rausschmeisser". Der Effekt ist natürlich kalkuliert und soll im Konzert unmittelbare Beifallsstürme entfachen.

      Um das Werk auch akustisch erleben zu können möchte ich diese großartige Aufnahme mit Alban Gerhardt und Steven Osborne empfehlen.



      Die beiden Protagonisten werden dem Werk vollauf gerecht und beweisen damit einmal mehr ihren Ausnahmerang als Künstler. Die Sonate von Chopin befindet sich ebenfalls auf dieser CD, und der geneigte Hörer mag entscheiden welchem Werk er den Vorzug geben möchte. Meine Wahl ist allerdings vollkommen klar.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Die beiden Protagonisten werden dem Werk vollauf gerecht und beweisen damit einmal mehr ihren Ausnahmerang als Künstler. Die Sonate von Chopin befindet sich ebenfalls auf dieser CD, und der geneigte Hörer mag entscheiden welchem Werk er den Vorzug geben möchte. Meine Wahl ist allerdings vollkommen klar.

      Interessant, Du gibst der Alkan-Sonate (welche ich noch nicht kenne) also den Vorzug vor der Chopin-Sonate? Das ist allerdings sehr vielversprechend, denn op. 65 von Chopin halte ich für ein Meisterwerk!
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Louise Héritte-Viardot (1841 - 1918) ist die Tochter von Pauline Viardot-Garcia, welche als Sängerin der Nachwelt geläufiger sein dürfte. Louise schrieb drei Klavierquartette. Das hübscheste (op. 1 in A-Dur), durchaus von gewisser Eigenart, erscheint in hochromantischem Gewand und verkörpert unter dem Titel "Im Sommer" einschlägige Assoziationen. Insekten gibt es da, Picknick-Flair und Abendstimmung. Eine schöne Genre-Nummer!

      Ich höre diese Musik gern. Die Einspielung ist ausgezeichnet.



      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Felix Meritis schrieb:

      Interessant, Du gibst der Alkan-Sonate (welche ich noch nicht kenne) also den Vorzug vor der Chopin-Sonate? Das ist allerdings sehr vielversprechend, denn op. 65 von Chopin halte ich für ein Meisterwerk!
      Das eine schließt das andere ja nicht aus. Meine Präferenz beruht auf
      rein persönlichen Motiven, und nicht auf einer künstlerischen Bewertung,
      zu der ich auch gar nicht berufen bin.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ferdinand David - Streichsextett, op. 38

      Vor einiger Zeit schrieb ich bei Tamino eine Reihe von Kurzrezensionen zu deutscher Kammermusik aus dem 19. Jahrhundert, abseits von den ganz grossen Namen. Ein Werk, das mich absolut begeistert hat, war Ferdinand Davids Streichsextett, op. 38. David war einer der führenden Geiger seiner Zeit, der Lehrer Joseph Joachims und Mendelssohns rechte Hand beim Gewandhausorchester. Das Sextett entstand 1861, also ein Jahr bevor Brahmsens op. 18 publiziert wurde! Somit dürfte Davids Werk das erste Streichsextett im 19. Jahrhundert sein! Dass Brahms es kannte, halte ich für wahrscheinlich, war er doch mit Joachim, Davids Schüler, befreundet. Das Werk steht ganz im Zeichen des Leipziger Stils, geht aber, vor allem im Adagio, durchaus eigene Wege. Ich schrieb bei Tamino folgendes zu diesem Werk:


      Ferdinand David - Streichsextett op. 38
      Ferdinand David (1810 - 1873) war einer der besten Geiger des 19. Jahrhunderts und viele Jahre lang der Konzertmeister Mendelssohns am Gewandhaus zu Leipzig. Mit Mendelssohn verband ihn eine enge Freundschaft seit den späten 1820er Jahren. Witzigerweise wurden beide zufällig, etwa im Zeitabstand von einem Jahr im selben Haus in Hamburg geboren. Ebenso wie Mendelssohn war David auch ein konvertierter Jude und es fällt auf, was sicherlich auch dazu beitrug, dass er so schnell in Mendelssohns engsten Vertrautenkreis aufstieg. Seine geigerische Ausbildung erhielt David teilweise bei Louis Spohr und er war es, der Mendelssohn bei Komposition dessen e-Moll Konzerts über Jahre hinweg mit praktischen Hinweisen behilflich war (obwohl Mendelssohn selbst ein fähiger Geiger war). David führte das Werk auch zum ersten Mal in Leipzig auf (1844). Als Komponist steht David wenig überraschenderweise in der klassizisisch-romantischen Tradition Mendelssohns, auch als Leipziger Schule bekannt. Heutzutage sind seine Kompositionen mehr oder weniger vergessen, viel mehr noch als die Reineckes oder anderer Gleichgesinnter. Nach mehrmaligen begeistertem Hören Davids Streichsextett op. 38 scheint mir das vollkommen unverständlich. Das Werk entstand 1861, also ein Jahr vor Brahmsens op. 18 und hat eine etwas andere Besetzung als gewöhnlich: 3 Violinen, 1 Bratsche, 2 Celli. Die Faktur ist sehr dicht, ganz an Mendelssohns Streichquintetten geschult, die melodische Erfindung frisch und - natürlich - hervorragend den Streichern in die Finger komponiert. Den Kopfsatz empfinde ich als wahrhafte kontrapunktische Tour de Force, obwohl er durchwegs melodisch gehaltvoll bleibt. Wirklich fantastisch ist aber das Adagio (das auch zu Davids Begräbnis gespielt wurde)! Hier wird das Niveau von Brahms oder Bruckner erreicht - einfach wunderbar. Dieser Satz verdiente viel größere Bekanntnheit. Auch die letzten beiden Sätze halten das Niveau, sodass ich von diesem Streichsextett wirklich sagen kann, dass man es Brahmsens Erstling in der Gattung an die Seite stellen kann.


      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Ein grosser Favorit meinerseits ist Robert Volkmann (1815 - 1883), der sechs hervorragende Streichquartette geschrieben hat. Das bedeutendste ist wohl das erzromantische fünfte Quartett in f-Moll, op. 37, das ich immer wieder sehr gerne höre. Zu Volkmann gibt es hier einen eigenen Thread (Robert Volkmann (1815 - 1883) - Ein Romantiker zwischen Schumann und Brahms?), deshalb hier nichts weiter zu seiner Person sondern nur zum fünften Streichquartett. Wieder von Tamino hinüberkopiert:


      Jetzt fehlt nur noch ein Streichquartett, das besprochen werden muss - und dieses ist gleich das mMn bedeutendste von Volkmann: das 5. in f-Moll. op. 37. Es ist als einziges von Volkmanns Quartetten dreisätzig - analog dem gewaltigen b-Moll Klaviertrio - und weicht auch sonst am deutlichsten vom Standardschema eines Streichquartetts ab. Wie im b-Moll Trio ist der Kopfsatz kein richtiger Sonatensatz sondern ein komplexes und unorthodoxes Rondo. Sehr erstaunlich ist jedenfalls die Tonsprache des Satzes, die ich am ehesten mit Schuberts großem G-Dur Quartett vergleichen würde: Klangflächen statt thematischer Arbeit im eigentlichen Sinne. Allerdings findet man hier keine himmlischen Längen, denn nach etwas mehr als 5 min ist der Satz - leider - schon wieder vorbei. Aufgefallen sind mir gewisse Ähnlichkeiten des Haupthtemas mit dem Themenkopf des ersten Satzes aus Brahms' Streichquartett op. 51/1 in c-Moll. Ob es sich um eine Hommage an Volkmann oder um Zufall handelt, weiß ich nicht (allerdings: Brahms war mit Volkmann befreundet und schätzte dessen Werke). Der zweite Satz ist ein Adagio, oder eigentlich ein Adagio mesto, und Beethovens weltentrücktes Idiom der späten Quartette ist hier nicht fern. Trotzdem bewahrt der Satz auch einen spezifisch Volkmannsch-romantischen Schmelz. Der dritte Satz ist eine weitere komplexe Finalkonstruktion Volkmanns und besteht eigentlich aus einem Scherzo und einem Finalsatz. Der Verlauf der Tempoangaben des Satzes sind dementsprechend kompliziert: Allegro energico - Andantino - Allegro molto - Presto - Prestissimo. Der Eröffnungsteil, das Scherzo, hat thematische Ähnlichkeiten zum Scherzo in Schumanns a-Moll Streichquartett, aber der weitere Verlauf ist völlig individuell. Insgesamt wirklich ein wunderbares Streichquartett eines Komponisten, den man fast als eine Art Synthese aus Beethoven, Mendelssohn, Schumann und Brahms ansehen könnte.....


      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Somit dürfte Davids Werk das erste Streichsextett im 19. Jahrhundert sein!
      Louis Spohr hat sein Sextett op.140 bereits 1848 komponiert. Allerdings in der klassischen Besetzung mit 2 Violinen, 2 Bratschen und 2 Celli. In abweichender Besetzung gibt es noch ein paar andere.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Louis Spohr, Sextett für 2 Violinen, 2 Violen und 2 Celli C-Dur op.140

      Das Werk wurde 1848 geschaffen, also in einem Jahr großer Umbrüche in deutschen Landen. Spohr war erklärter Republikaner und gegen feudalherrliche Willkür. Er hat sich sogar mit den frisch gekürten Abgeordneten der ersten Nationalversammlung beraten. Insofern hat sein Werk eine durchweg positive und verhalten euphorische Grundstimmung, was ja auch schon durch die Tonart C-Dur befördert wird. Spohrs Musikgeschmack war trotz der bereits in voller Blüte befindlichen romantischen Epoche, mehr rückwärts gewandt. Er fand sogar das Beethoven, den er sonst sehr schätzte, in seinen späten Quartetten den Überblick verloren hatte. Jedenfalls empfand er sie als das Ergebnis eines wirren Geistes. Demzufolge hat das Sextett zwar leichte Anklänge an frühen Wagner, ist aber ansonsten konventionell gebaut und empfunden.

      Der erste Satz hebt mit einem kraftvollen Thema in der 1. Viola an, welches dann von den Violinen umspielt wird. Der Gesamtcharakter wird von klanglicher Wärme und einer gewissen Opulenz bestimmt. Das allgegenwärtige "sotto voce" gemahnt etwas an Brahms, ohne allerdings dessen avanciertere Harmonik zu benutzen. Tatsächlich hat Brahms den Altmeister sehr geschätzt, und ihn wohl auch in Kassel aufgesucht.
      Der zweite Satz ist gegenüber dem ersten ein ruhiges Larghetto, das immer mal wieder durch ein paar abweichende Nebengedanken aufgelockert wird. Der dritte Satz (Scherzo moderato) geht unmittelbar in das Finale über. Ein ähnliches Verfahren, wie Beethoven es in seiner 5. Sinfonie angewendet hat. Der Beginn des Scherzos wird dann statt der Durchführung im Finale wiederholt, und kehrt auch kurz vor Schluss noch einmal wieder. Das Werk endet mit einem bewegten Kehraus und einem Ausrufezeichen als Abschluss.

      Das ist sehr schöne Musik, die mich bei der Vorbereitung eines Hühnerfrikassees bestens unterstützt hat. Die zuvor gepostete Aufnahme ist hervorrragend gespielt, klingt super und ist gar nicht mal so teuer.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ja, ich weiß! Ich bin aber mit der Qualität des Ensembles nicht so zufrieden. Auch die Streichquintettaufnahmen bei Naxos sind grenzwertig. Ich besitze allerdings bereits die Klaviertrios, die Doppelquartette und diverse Kompositionen mit Bläsern. Ich finde das alles gut gemacht und interessant, insgesamt aber zu zahm. Selbst als Mendelssohnianer würde ich mir bisweilen mehr "Brutalität" wünschen.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Wenn man bedenkt, dass Spohr zu Lebzeiten als der führende Komponist im deutschsprachigen Raum galt...

      Ich kenne die Aufnahme bisher nicht, halte aber viel von der Camerata Freden, so dass ich vermute, dass auch ihr Spohr hörenswert ist (wenn man sich denn mit der Betulichkeit des Komponisten arrangieren möchte)

      .


      Roussel ist da von ganz anderer Qualität.

      Das Streichtrio op. 58 von 1937 ist Roussels letztes vollendetes Werk. Sehr dicht gearbeitete knappe drei Sätze, von denen der mittlere weitaus der längste ist und harmonisch stark an den frühen Schönberg erinnert. Die anderen beiden Sätze sind ebenfalls in ihrer rhythmisch akzentuierten Polyphonie meisterhaft gearbeitet. Der Finalsatz kommt allerdings im Vergleich zu den beiden anderen als etwas leichtgewichtigeres Scherzo daher, so dass es die Vermutung gibt, Roussel habe ursprünglich vier Sätze geplant, sei aber nicht über das Scherzo hinausgekommen. Eine ordentliche Aufnahme gibt es von Mitgliedern des Schönberg-Quartetts in der Gesamtaufnahme der Kammermusik Roussels. Dass diese Musik immer noch zu den Raritäten zu zählen ist, was Aufführungen und Aufnahmen angeht, spricht eher gegen die Qualität des Musikbetriebs.




      Jean Cras hatte mit Roussel den Beruf gemeinsam: beide gehörten der Marine an. Während Roussel die Seefahrerei schon bald an den Nagel hängte und sich als professioneller Musiker etablierte, blieb Cras der Marine treu und betätigte sich nur "nebenamtlich" als Komponist. Das hat ihn aber nicht gehindert, erstaunlich gute Musik hervor zu bringen, die inzwischen langsam wieder entdeckt wird.

      Sein Quintett für Harfe, Flöte, Violine, Viola & Cello von 1928 lässt sich schon wegen der Klangfarben eindeutig der franzöischen Tradition zuordnen. Harmonisch wie rhythmisch ist es "konservativer" als Roussel, steht aber in der Qualität der Verarbeitung den Vorbildern Debussy oder Ravel mit ihren bekannteren Stücken für Harfe und Kammerbesetzung nicht nach.

      Vom Quintett gibt es eine klanglich hervorragende Aufnahme des Horenstein Ensembles, die noch weitere Kammermusikraritäten enthält:


      Cras ist jemand, den es zu entdecken lohnt. Das Label Timpani hat mehrere CDs mit Klavier-, Kammer-, Orchester- und Vokalmusik von ihm herausgebracht.
    • uliwer schrieb:



      Cras ist jemand, den es zu entdecken lohnt. Das Label Timpani hat mehrere CDs mit Klavier-, Kammer-, Orchester- und Vokalmusik von ihm herausgebracht.
      Das kann ich zu 100% unterschreiben. Übrigens sind bei Timpani alle veröffentlichten Werke einschließlich der Oper "Polyphème" erschienen. Ich komme darauf noch zurück, denn den Komponisten hatte ich mir auch vorgenommen zu präsentieren.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Zurück zu Spohr - ein Kammermusikstück, das fast so unbekümmert, unverbindlich, belanglos, aber doch auch wieder ganz nett klingt, also so wie Spohr, ist Samuel Barbers Summermusic op.31 für Bläserquintett.
      So stelle ich mir einen feinen Sommerabend am Elbufer oder irgendwo in der Lüneburger Heide vor, was angesichts des derzeitigen Wetters gar keine so üble Vorstellung ist.

      Eine etwas abwegige Besetzung hat Henry Cowells Quartett für Flöte, Oboe, Cello und Cembalo . Das bewegt sich munter irgendwie zwischen Boccherini und Milhaud hin und her und erinnert mich an Erkennungsmelodien aus Vorabendserien im Ersten Programm der 60-er Jahre, die ich allerdings nicht mehr erkenne, weil ich sie vergessen habe.

      (Der Cowell hat auch anderes geschrieben, was überhaupt nicht so flach ist).

      Geradezu anspruchsvoll - schon vom Titel her - dagegen gegen zwei Diaphonische Suiten von Ruth Crawford Seeger. Die erste für Flöte allein, die zweite für Fagott und Cello. Aphorstisch kurz und in jedem Ton eigenständig.

    • Kann jemand von der "Summer music" eine Aufnahme empfehlen?

      Vielleicht nicht ganz so rar wie einige der bereits genannten und ich habe das Stück in diesem Komponisten-Kettenthread schon einmal angeführt, aber ein sehr klangschönes, "süffiges" Stück in ungewöhnlicher Besetzung (Klavier, Klarinette, Horn, Streichtrio) ist das Sextett von Ernst von Dohnanyi; es gibt einige Aufnahmen zur Auswahl, ich bin mit der folgenden sehr zufrieden (habe dazu noch einen Mitschnitt auf der Festplatte, da weiß ich aber die Besetzung nicht mehr). Andere Aufnahmen sind von der Kopplung her evtl. interessanter, da man die Serenade für Streichtrio oft schon irgendwo anders mit dabei hat

      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Ich habe folgende Aufnahme mit der ich sehr zufrieden bin:



      diese hier dürfte auch gut sein



      Mit dem Ensemble habe ich sonst nur gute Erfahrungen gemacht. In beiden Fällen ist das reizvolle Sextett von Fibich dabei.

      Von dem Barber Stück habe ich diese Aufnahme:



      Darauf sind noch eine ganze Reihe weiterer Werke versammelt. Für die paar Euro lohnt die Anschaffung sicher.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ergänzend zu oben erwähntem Sextett Op. 140 Spohrs von 1848 sollte man auch das "Pendant" hören:

      sein Streichquintett No. 7, Op.144 g-moll von 1850.

      Von der Grundstimmung ganz entgengesetzt zu Op. 140. Besonders im ersten Satz windet sich das Thema aus den Tiefen drohend hinauf, wird von vermeintlich lieblicheren Seitenthemen durchbrochen, die aber stets wieder in die düstere Anfangsstimmung zurücksinken müssen.

      Das Quintett entstand nach der endgültigen Niederschlagung der 1848er Revolution und bei Einsetzen der Reaktion. Spohr, der seit 1822 am Kasseler Hof die Stelle eines Hofkapellmeisters und -seit 1847- die eines Generalmusikdirektors versah, erlebte nur wenige Wochen nach Fertigstellung des Quintetts den Einmarsch von Bundestruppen in die kurhessische Hauptstadt, wo sie auch die letzten Reste der revolutionären Renitenz erstickten. In jenen Wochen spielte Spohr mit dem Gedanken, wie andere Liberale und Demokraten nach Amerika auszuwandern, was er aber aufgrund seines Alters (65) verwarf. Sein Dienstherr, der reaktionäre hessische Kurfürst, hat ihm seine liberale Gesinnung (Republikaner war Spohr übrigens m.W. nicht) sowie sein politisches Engagement während der Revolution (u.a. als Mitglied des liberal-konstitutionellen Bürgervereins in Kassel) nie verziehen, was dazu führte, daß sich Spohr in seinen letzten Lebensjahren kleinlichen Schikanen und willkürlichen Pensionskürzungen ausgesetzt sah.

      Ich besitze zu beiden Werken diese Aufnahme:



      Generell lohnt sich ein Ausflug in die Spohrschen Kammermusik"raritäten"; besonders möchte ich auch seine Klaviertrios hier empfehlen (Aufnahmen gibts u.a. bei Naxos).

      Grüße

      Magus
      "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972