Kurze Prosa - „Spontanitäten“

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    • Kurze Prosa - „Spontanitäten“

      Hallo liebe Leute!

      Ich dachte mir, hier könnten ein paar kurze, spontan geschriebene, Prosa Stücke von uns rein, ob sie nun vor Jahrzehnten oder erst kürzlich verfasst worden sind. Vielleicht habt Ihr ja Lust daran und macht mit. Wenn nicht, dann habe ich als versagender Einzelgänger eben Pech gehabt und verlasse beschämt und erniedrigt dieses angefangene Thema.


      Anfangen würde ich gerne mit etwas, das ich im Alter von 23 geschrieben habe, während einer Extremsituation meines Lebens, wo ich zum ersten Mal die absolute Eskalation der Bedeutung von „Schmerz, Verrat, Angst, Wut und Hass“ erfuhr und einen harten, psychischen Knicks bekam. Na ja, ich habe es überlebt und man ist zuversichtlich, dass ich in ein paar Jahren entlassen werden darf.
      Da es mir nicht gelingen will lustig zu sein, breche ich den Versuch ab und beginne endlich mit meinem:


      Ein schwarzer Dämon

      Ein schwarzer Dämon, der im Zorn von Stadt zu Stadt zieht und seinen Hass mit ausgebreiteten dunklen Flügeln unter alten Kirchendächern brüllt, steigt in die Lüfte der Verbitterung und donnert seine Wut der Welt entgegen, die er in seinem alten und verfaulten Herz trägt. Es ist ein Hass, der sich mit Vernunft nicht zu paaren kennt und eine Eigenschaft entdeckt, die sich seitdem es Menschen gibt, als Rache kundtut. Rache für Illusion, Rache für Wahrheit, Rache für das Sein. Schmutzig, wie er ist, strebt ein größeres Verlangen nach ihr, als reine, unbefleckte Forderung.

      Der greise Dämon fliegt und schnaubt unter dem Himmel auf der Suche nach dem, was ihn ehedem geekelt, abgestoßen hatte und nun eins der Wenigen ist, das ihn belebt. Er ächzt und jammert, bald schreit und stöhnt er in die Nacht und sein Gekrächzt verhallt als Wind, der heult und nach Freiheit trachtet. Doch der Wahn wird ihn verfolgen bis er vollbringt, was ihn besudelt und entstellt. Blut ist seine Nahrung, Blut dient ihm als Trank und wer wird versuchen sein Begehren mit Wasser zu stillen?

      Einst hat er geliebt und vielleicht liebt er auch heute, aber seine Illusion ist von ihm gewichen und geblieben ist ein klares Bild, welches auch die schlimmsten Dinge zu beschreiben vermag. Ein Bild von heulenden Hunden bei Vollmond und von Eidechsen, die auf eine Zinne klettern. Bilder von Schlangen und von Spinnen, deren Gift nicht töten, nur verwandeln. Dunkles Geistesgut schwirrt in der verlorenen Seele, böse Zeichen von Veränderung und Wandlung, die jeglicher Vernunft entbehren und doch so einleuchtend und ersichtlich sind. Die verzerrte Fratze im Schmerz entwertet und doch verschleiert für die Augen der Schöpfung, sucht gekrümmt im Leid nach Vergeltung für das verlorene Ich, für die verschwundene eigene Autorität, für das, was war und nicht mehr sein kann. Rote Augen suchen in der Nacht und Höllenqualen treiben die Gedanken in den Abgrund des Tartaros, wo sie gemartert und geläutert werden, bis sie schließlich von neuem ihren Weg zum selben Ziel einschlagen. Rote Augen suchen ihren Wert und ihren Stolz, doch was ist, wenn sie finden, was sie suchen?

      Es wird nie ein Ende geben und der Dämon weiß, dass es niemals ein Ende geben wird und doch bleibt ihm nichts anderes zu tun, als sich seinem Zorn zu beugen, zu vernichten, zu zerstören. Wo ist sein Ebenbild geblieben, wo ist nur dieses Band, das ihn mit ihm vermählte und umklammerte? Wo ist nur das, was er verlor; in welchem Erdteil soll er suchen? Er weiß nicht einmal genau, was er verlor und was er fühlt schlummert dort, wo Beschreibungen keine Stätte finden.

      Der Dämon der Urzeit war er gewesen und die Todgeweihten grüßten ihn, wie Gladiatoren ihren Cäsar. Doch nun lasten Blicke auf ihn, die seiner Wut das Feuer schüren, die seinem Hass die Existenz lehren. Blicke, die verletzen und betäuben und ach so durchsichtig sind. Blicke, die verändern und auf einer Art und Weise töten und begraben und doch nicht verschwinden und wo sie sehen und ihn treffen, Male hinterlassen, die nie zu Narben heilen. Doch schreiende Leichen begräbt man nicht und offene Münder von alten Engeln schließt man nicht so leicht in die Mauern des Schweigens.

      Er ist allmächtig, dieser Dämon, doch eins, das er niemals fertig bringen wird, ist die Macht des Vergessens. Gott mag vergeben, er nicht und aus diesem Grund, ist er nicht Gott. Er ist ein dunkler Racheengel und seine Flügel, groß und ledern, schwarz, wie die der Raben, gleiten durch die Nacht, suchend, wünschend, spürend, dass nichts ihm Ruhe und Frieden geben kann. Aus diesem Grunde ist er in einem Dämon verwandelt und vom Himmel verstoßen worden, gezwungen auf der Erde zu wandeln und seine Schreie und Wehklagen zu offenbaren.

      Der Tod bleibt ihm fern, wie das Leben, und was einst seinen Sinn ausmachte, brüllt er in die Dunkelheit um als Echo seinen Lärm zu empfangen, seine eigenen Worte, die er fragend voller Schmerz dem Himmel zuwarf. Reißende Hyänen der Wildnis sind seine Brüder und schreckliche Chimären seine Vertrauten. Er schläft auf Friedhöfen und lauscht dem Flüstern der Verstorbenen, die noch bei ihren Körpern weilen, verwirrter als er, suchend nach dem Ort, wo sie sich befinden. Doch sie verspüren nichts als Angst vor der Ungewissheit und der Dämon kennt keine Angst. Er ist erhaben und doch nichts als Unrat, Abfall vor der Schöpfung.

      „Wo bist du?“, eine Stimme, rau, verlassen in der Einsamkeit. Er sucht sie, er sucht sie, doch kann er sie nicht finden. Er wütet und verzweifelt jede Nacht aufs Neue um wieder zu verzweifeln und immer, immer wieder, bis die Welt vergeht. Und sie wird vergehen, sie wird, denn sein Zorn ist größer als die Welt und wichtiger als alles vor dem Herrn, den er seinen Vater nannte. Seine Verletzung, ist die Wandlung, und der Verlust seines Stolzes die Verbannung in eine Welt, die nicht für ihn geschaffen wurde und die ihn doch aufnimmt und verbrennt und foltert und quält bis sie vergeht. Eine Welt der Scherben und der Lügen, eine Welt des Nichts und der Verbitterung.

      Es war anders, alles war anders vor langer Zeit. Wo ist nur sein Leben; wo nur der Thron auf dem er saß und richtete und sprach und von dem aus er dachte und ja, von dem aus er liebte und liebte, bis die Sonne sich bildete, wieder bildete und aus dem Toten entstand? Wo nur das Licht, das ihn durchflutete, und seine Seele weis vor seinen Schritten schickte, gleich einem Vorboten für all das Gute, das es mal gab? Wo ist das, das er seinen Sinn nannte und als solchen erkannte und doch bei reinem Zustand nicht vollkommen bewerkstelligen konnte? Hin und her gerissen zwischen Qual und Verlangen sucht er den Weg aus dieser Leere in der er sich befindet und aus der er doch nicht entkommen kann. Gefangen im Universum und getrennt, gevierteilt und entwurzelt ruft er nach dem, was er verlor.

      Doch horcht! Riecht! Verrat liegt in der Luft und Verderben lastet auf den Ackern. Seine Kraft bezieht er nur noch aus dem Schwarzen, sein Leben aus sich selbst bis er dem Ödipus zur Seite stehe und Steine rollt auf den Berg, der das Vergessen von dem Wissen trennt; auf einen Berg, dem nicht einmal der Tod entkommt.

      Trauriger Dämon, der du bist! Wie sollst du jemals Ruhe finden, jetzt, wo du einmal wütest und nicht mehr innehalten kannst? Sag mir, o Gestalt der Nacht, Engel der Finsternis, nenn mir deinen Namen! Doch der Dämon bleibt stumm, denn seinen Namen hat er vor langer Zeit verloren und wo man fragt, wird er Wermut genannt von denen, die ihn schon einmal gesehen. Und jene sahen ihn auch nur ein einziges Mal, denn tausend Blicke würden doch nur immer einen Blick erzeugen. Einen roten, zornigen, wilden Blick und ja, sein Name ist Wermut und Verzweiflung, und Tod und Schrecken seine Schritte.

      „Wo bist du?“, schnaubt seine Stimme in die Welt. „Wo, wo nur, wo bist du?“, doch alles schläft, alles stirbt und alles kehrt wieder, nur sie nicht, die er sucht.

      Ihr Name ist Schmerz, doch früher war sie Liebe; früher, als Dämonen noch Engel waren und sangen und sangen, damit die Hoffnung bestünde. Der Schmerz ist allgegenwärtig und doch nicht hier, noch dort, wo man ihn sucht.
      „Wermut, Wermut!“ schreit es aus der Hölle und Licht wird Dunkelheit, Engel werden Dämonen. Die Wandlung, die Wandlung, ist das Geheimnis, die Wandlung vor dem Herrn und vor dem Sohn, einem weißen Sohn, einem Sohn von Engeln ohne Eltern.

      „Wo bist du?“, schreit er wieder in die Nacht und Flammen erheben sich aus den Schluchten, Geister wirbeln aus den Abgründen und verlieren sich im Äther des Unsichtbaren.

      Der Tau des Morgens legt sich auf die Erde und die ersten Hähne krähen und verleumden, was niemals zu verleumden war. Nur ein schwarzer Engel flieht in dunklere Gefilde um der morgendlichen Sonne zu entgehen, die doch nur Licht auf die Verzweiflung wirft.

      „Wo bist du?“ und der Hahn kräht nun zum dritten Mal und verstummt für immer.


      06.06.2003
      © Andreas P.
      Liebe Grüße

      Andreas

      Contra negantem principia non est disputandum.
    • Irgendwie ist es einsam... hier. :pfeif:
      Et in Terra Pax

      Das Zwitschern der Vögel in einer vollkommenen Harmonie. Natur und Wesen vereinen sich in roten Seidentüchern, die lautlos vor sich hin schweben, ohne niemals wirklich den Boden zu berühren. Sie gleiten ewig in den Lüften und verschwinden für immer um neuen, vom Himmel kommenden den Auftritt zu gewähren.

      Ich atme tief, die Augen geschlossen und rieche sanft die beinah absolute Freiheit in meine Seele dringen.

      Ich fühle wahren Frieden durch einen beflügelten Geist. Ich liebe, wie ich nie zu hoffen wagte, da ich Eins mit Allem geworden, und erkenne, wie klein ich doch allein in Wirklichkeit bin. Doch nun, wo ich Alles bin und Alles liebe, sehe ich die wahre Herrlichkeit der Größe und nehme ehrfürchtig meinen Platz im großen Treiben des Daseins ein.

      Enttäuschend zu erkennen, dass dies nur wenige Sekunden des Lebens sind.

      Die Tabletten zeigen ihre Wirkung. Keine Rückkehr. Niemals wieder. Zum letzten Mal nehme ich alles in mich auf und … sterbe.

      22.07.2013
      © Andreas P.
      Liebe Grüße

      Andreas

      Contra negantem principia non est disputandum.
    • Lieber novizeadson,

      jetzt muss ich erstmal fragen, wie Du den Thread angedacht hast:

      Darf man auch Fragen zu Deinen Texten stellen bzw. Kommentare dazu abgeben? Oder sollen einfach nur eigene Texte eingestellt werden? -- So klingt es in Deinem Eröffnungsbeitrag.

      LG, Amaryllis
    • Hallo liebe Amaryllis! :wink:

      Ich wollte eigentlich keinen Thread für mich allein... sonst ist es ziemlich einsam. Natürlich können Fragen gestellt und Kommentare geschrieben werden, die dann, wenn es die Erinnerung zulässt, auch beantwortet werden. Alles ist willkommen, aber auch alle sind willkommen, was bedeutet, dass ich mich über andere Texte natürlich freuen würde, da ich kein Monopol in spontan und amateurhaft geschriebenen Texten gründen wollte. Ich schäme mich halt ein wenig... :hide:
      Liebe Grüße

      Andreas

      Contra negantem principia non est disputandum.
    • Lieber Andreas, wir haben übrigens bereits einen längeren Thread mit vielen eigenen Texten, meist Gedichte, aber auch Prosa:

      Eigenes von allen für alle - Jeder herzlich eingeladen!!!

      Du könntest dich ja auch dort anschließen...

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      ich hatte diesen Thread schon gesehen, bevor ich meinen eröffnet habe, habe meinen jedoch eröffnet, da in dem bestehenden, so gut, wie alles Lyrik ist und ich der Meinung bin, man sollte Lyrik und Prosa auseinander halten. Falls es aber wünschenswert ist, dass dieser mit dem bestehenden Thread zusammengeführt wird, so werde ich nicht widersprechen, sondern nur innerlich die literarische "Unordnung" beklagen.
      Dennoch beuge ich mich natürlich der Meinung und Anordnung der Moderation. :prost:
      Liebe Grüße

      Andreas

      Contra negantem principia non est disputandum.
    • Lieber Andreas, ich bin aber kein Moderator und habe Dir nur einen privaten Hinweis gegeben, weil Du geklagt hattest, hier sei es "einsam".

      :prost:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Lieber Andreas, ich bin aber kein Moderator und habe Dir nur einen privaten Hinweis gegeben, weil Du geklagt hattest, hier sei es "einsam".

      :prost:
      Ich danke Dir, doch jetzt ist es nicht mehr ganz so einsam. :D
      Ich habe auch eine Menge Gedichte, größtenteils bis Anfang meiner 20er Jahre, die ich irgendwann in Deinem vorgeschlagenen Thread katapultieren werde.

      Da ich nach 22 Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe und seitdem Kaffee aus dem Weg gehe, mache ich mir erst mal einen Tee, bevor ich gleich arbeiten muss. Bis bald! :wink:
      Liebe Grüße

      Andreas

      Contra negantem principia non est disputandum.
    • Menschenkinder


      Ich sehe lachende Kinder, die auf immergrünen Wiesen spielen. Sie laufen und verlieren sich. Sie spielen fangen und der Gewinner bleibt die Zeit. Sie spielen Verstecken, doch findet sie ewig die Veränderung, ein kleiner Mord, der Kinder tötet.

      Ich sehe weinende Kinder, wie ihre Tränen das schmutzbedeckte Gesichtchen waschen. Sie hocken auf der Erde und sie finden sich. Sie erkennen das Widersprüchliche und vereinen dieses in der Harmonie ihrer Tränen, welche sie später vergessen sollen.

      Ich sehe große Kinder, wie ihre Ängste sie verzehren. Sie meinen die Wahrheit gefunden zu haben und folgen dem irdischen Lauf der Dinge. Mal lachen sie, mal weinen sie und sie sterben ohne je wirklich geboren worden zu sein.



      24.03.2002
      © Andreas P.
      Liebe Grüße

      Andreas

      Contra negantem principia non est disputandum.