Affirmation und Moderne

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    • Affirmation und Moderne

      Dass bei Schönberg und Webern die kurzen Stücke gerne charakterisiert werden als Ausdruck von Bedrohung, Angst und ähnlich positiven Dingen ist wohl kein Zufall, moderne Musik kann besonders gut Katastrophe. Wenn auf der anderen Seite Schostakowitsch versucht, modern zu jubeln etwa in den Sinfonien 2&3, die Lust auf Kommunismus machen sollen, aber modern, dann kommt vielen von uns das irgendwie misslungen vor. Ist das gerechtfertigt?

      Der Thread ist aber möglichst allgemein gedacht, Schostakowitsch ist nur der Anlass. Schon bei den Strauss-Opern scheint mir das moderne Element zur inhaltlichen Grauslichkeit drängen, und wenn im Friedenstag dann gejubelt wird, glaubt man plötzlich zu Beethoven zurückgeworfen worden zu sein.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • putto schrieb:

      Dass bei Schönberg und Webern die kurzen Stücke gerne charakterisiert werden als Ausdruck von Bedrohung, Angst und ähnlich positiven Dingen ist wohl kein Zufall, moderne Musik kann besonders gut Katastrophe.

      Hm. Ich höre zur Zeit viel Boulez, Ferneyhough und Lachenmann und nehme da nicht mehr "Katastrophe" wahr als bei Beethoven und Brahms (von Schubert ganz zu schweigen).

      Schostakowitschs Zweite und Dritte (letzten Samstag mal wieder gehört) finde ich übrigens keineswegs mißlungen, aber das nur am Rande.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • Ja, klar, die Frage ist aber eher, ob sie denn so richtig jubeln kann.

      (Bei Boulez kämen mir vielleicht Vokabeln wie abstrakt, elegant, virtuos, aufgeregt in den Sinn und Rituel ist schon eine Trauermusik aber Jubelmusik kenne ich keine von ihm.)
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    • Da fällt mir Schönbergs Bläserquintett, Op. 26 ein. Der zweite Satz ist "anmutig und heiter; scherzando" überschrieben. Ich liebe diese Musik über alles, aber anmutig und heiter klingt das für mich (interpretationsunabhängig) kein bisschen. :wink:


    • putto schrieb:

      (Bei Boulez kämen mir vielleicht Vokabeln wie abstrakt, elegant, virtuos, aufgeregt in den Sinn und Rituel ist schon eine Trauermusik aber Jubelmusik kenne ich keine von ihm.)

      Geht "Affirmation" nur mit "Jubelmusik"? Meliones Scherzando-Beispiel finde ich durchaus überzeugend. Wenn schon Jubel und Moderne, dann vielleicht Messiaen? In der berühmten Turangalîla-Symphonie z. B. findet sich da einiges, oder nicht?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Helmut Lachenmann

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    • spannendes Thema.
      Wie steht es mit der Stelle aus Moses und Aron, die im "wir werden frei sein, frei, frei, frei, frei!" (1.Akt, T. 960) gipfelt?
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Messiaen und andere im weiteren Sinne religiöse Musik bieten sicher viele gute Beispiele. Psalmensinfonie zB. Oder auch diese späten? Schönberg-Chorstücke.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Melione schrieb:

      Zitat von »Gurnemanz«

      Geht "Affirmation" nur mit "Jubelmusik"? Meliones Scherzando-Beispiel finde ich durchaus überzeugend.


      In dem Sinne, dass der zweite Satz des Bläserquintetts für dich tatsächlich anmutig und heiter klingt? :wink:


      also ich habe eine ältere Aufnahme auf LP (Czech Philharmonic Wind Quintet, Supraphon), da klingt der 2. Satz für mich tatsächlich "anmutig und heiter".
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Melione schrieb:

      Gurnemanz schrieb:


      Geht "Affirmation" nur mit "Jubelmusik"? Meliones Scherzando-Beispiel finde ich durchaus überzeugend.

      In dem Sinne, dass der zweite Satz des Bläserquintetts für dich tatsächlich anmutig und heiter klingt? :wink:

      Ja, durchaus. Habe eine Aufnahme mit Mitgliedern der London Sinfonietta unter David Atherton, die zumindest den Scherzando-Charakter schön herausarbeitet. Auch "anmutig und heiter" paßt.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • putto schrieb:

      moderne Musik kann besonders gut Katastrophe. Wenn auf der anderen Seite Schostakowitsch versucht, modern zu jubeln etwa in den Sinfonien 2&3, die Lust auf Kommunismus machen sollen, aber modern, dann kommt vielen von uns das irgendwie misslungen vor. Ist das gerechtfertigt?

      Messaiens "Transports de joie" (= Freudenausbrüche) aus dem Zyklus "L'Ascension" ist zwar aus dem Jahr 1933, aber eine durchaus freudige, ausgelassene Musik, die keinen Rückgriff auf älteres Vokabular macht.

      Oder das Gloria aus Brittens reizvoller Missa brevis für Knabenchor und Orgel.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Offenbar gibt es zumindest ein Problem hinsichtlich "affirmativer" oder "affirmativ anmutender" Finalsätze in einer als eigentlich "modern" rezipierten Musik. Das betrifft naklar DSCHs 2+3 Sinfonie, aber ja auch etwa die Finalsätze von Mahlers 3. oder 7. Sinfonie. Und zudem die gesamte 8.

      Affirmation scheint jedenfalls nur schwer mit einem "modernen" Charakter harmonisieren zu wollen. Am ehesten nachgesehen wird soetwas in religiösen Kontexten (Messiaen ist ja schon angesprochen worden). Aber das strahlende C-Dur am Schluss von Pendereckis Lukas-Passion findet ja ob des ungebrochen und ungebremst "afirmativen" Gestus durchaus auch Kritiker.

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • der Schluss von Varèses Octandre ist mit Animé et jubilatore bezeichnet.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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