Helmut Lachenmann - Rattern, Kratzen, Schaben, Quietschen, Hauchen - Musik!!

    • Lachenmann in Frankfurt

      Herzlichen Dank, lieber Normann, für den interessanten Hinweis! Der Link führt nicht nur zu Konzerten in Darmstadt, sondern u. a. zu einem in Frankfurt ("http://www.frankfurter-buergerstiftung.de/node/1993"): Dort werden - anwesend ist der Komponist, der am selben Tag seinen 80. Geburtstag feiert - alle drei Streichquartette Lachenmanns aufgeführt. Nr. 2 („Reigen seliger Geister“) wird vom mir noch unbekannten, erst 2013 gegründeten Daphnis Quartett präsentiert, Nr. 1 („Gran Torso“) und Nr. 3 („Grido“) von keinem geringeren als dem Arditti Quartet!

      Ort: Grunelius-Saal im Holzhausenschlösschen, Justinianstraße 5, 60322 Franfurt
      Zeit: Freitag, 27.11.2015, 16:30 Uhr (Einführung mit dem Komponisten: 15:30 Uhr)

      Ich habe mir sofort eine Karte bestellt. ^^

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lachenmann in Wiesbaden

      Anschließend wird das Geburtstagskind offensichtlich weiterreisen nach Wiesbaden, wo im Kurhaus (Friedrich-von-Thiersch-Saal) um 21:00 Uhr ein Konzert mit drei seiner Werke aufgeführt werden:

      Harmonica, Musik für großes Orchester mit Tuba (1983)
      Air, für großes Ensemble mit Schlagzeug-Solo (1969/2015), UA
      Schwankungen am Rand, Musik für Blech und Saiten (1974/75)

      Ensemble Modern Orchestra, hr-Sinfonieorchester, Gérard Buquet (Tuba), Rumi Ogawa (Schlagzeug), Brad Lubman (Leitung)

      "http://www.cresc-biennale.de/de/programm/2015-11-27/helmut-lachenmann-80"

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Helmut Lachenmann
    • Gedächtnisprotokoll zu Lachenmanns freigehaltenen Vortrag “Über das gesellschaftskritische Potential des Hörens“

      für Gurnemanz mit dem Wunsch, dass sich alles für ihn zum Besten wenden möge.
      (Kursiv sind eigene Anmerkungen/Ergänzungen)

      1. Kritisches Hören
      Kritisches Reinziehn von Mucke bedeutet Zuhören im umfassenden Sinn. Es erschöpft sich nicht in bloßer Identifikation, sondern erweitert sich auf Beobachten, schließt Reflexion dabei mit ein. Der Hörer ist angehalten sich der Magie beim Reinziehn nicht gänzlich zu beugen, jedoch ohne Magie zu gänzlich ignorieren. Das bedeutet auch energische Distanz zu einer Tradition, in der Dissonanz für Katastrophe und Konsonanz für Versöhnung einsteht. Teddie nennt solche Verwendungsschemata „neudeutsche Relikte“ .

      2. Magie der Mucke
      Magie der Mucke bezieht sich auf tradierte unreflektierte Konventionen z.B. in der Form der Tonalität. Magie kann zur Beute von politischen Ideologie (Nationalsozialismus) oder zum Einheitstrichter des allgegenwärtigen Unterhaltungssektors werden, um Hörer tendenziell gleichzuschalten, zum Stumpfsinn zu modeln.

      Aber bereits die Gestaltung und Art der Wiederholung der Schlussakkorde am Ende von Beethovens 5. Sinfonie durchbricht den Moment bloßer Magie. Beethovens 5. Sinfonie bekennt darin ihren eigenen Spielcharakter ein.

      Kunst zu definieren bringt eigentlich nichts.
      Sinnvoller wäre eher Abgrenzung von Kunst gegen den Unterhaltungssektor.
      Kunst als reflektierte Magie und damit also keine z.B. kitschig-sentimentale Wahrnehmungsandacht

      3. Ausdruck des Ausdruckslosen
      Ausdruckslos ist das Ende von Bergs Wozzeck. Seinen beklemmenden Ausdruck erhält der Schluss des Wozzecks durch Ausdruckslosigkeit, indem Bergs Mucke sich weigert den Schluss irgendwie zu kommentieren.

      4. Situation nach dem 2. Weltkrieg
      Nach dem 2. Weltkrieg wollte sich die Avantgarde-Mucke (z.B. Boulez, Stockhausen) von alten Verfahrenweisen, überkommener Kompositionspraxis vehement abgrenzen.
      Pierre Boulez Structures für 2 Klaviere (Band 1 +2) gewinnt Intensität/Wirkung durch seine Sprachlosigkeit. Die Titel vieler Kompositionen (z.B. Structure, Zeitmaße, Varianti) kappen Bezug zu realen Gegebenheiten, dienen gleichsam als Kategorien für einen zu entwickelnden neuen Begriff von Mucke. Sie schaffen als reine mechanische Folgen auditive Situationen, die quasi "nichts" ausdrücken wollen. In dieser Ausdruckslosigkeit gewinnen z.B. Stockis Zeitmaße oder Boulez Structures ihren Ausdruck
      „www.youtube.com/watch?v=uo0P6nOtrfU“
      „www.youtube.com/watch?v=QoTYK5mlmDY“

      5. Modelle für kritisches Hören (A – F)

      Lachenmanns Musique Concrete Instrumentale dockt an Tendenzen der damaligen Avantgarde (Boulez, Stockhausen) an.

      A. Pression für Solocello (Lachenmann)
      „www.youtube.com/watch?v=y7Gzrake8nI“
      Der Name des Stücks beschreibt den Druck zwischen zwei Materialien. Das Pressen des Bogens an den Saiten bewirkt Geräusch, aus dem Mucke quasi entspringt. Der traditionell „schöne“ Cello-Ton wird in Frage gestellt, taucht wie als Gespenst wieder auf.

      B. Erstes Streichquartett „Gran Torso“ (Lachenmann)
      “ www.youtube.com/watch?v=YBhjMg_3HO0“
      operiert mit den Elementen/Errungenschaften der Komposition Pression.

      C. temA (Lachenmann)
      “www.youtube.com/watch?v=rnnuo2sgqmc”
      Klänge, die aus dem Atem sich ergeben, umfassen sowohl die Momente der Gefahr des Erstickens/Atemnot wie die des Singens. temA reflektiert Singen, das den Atem zur Grundlage hat. Die mit dem Singen selbstverständlich mitgegebene Emphase soll aufgelöst bzw. in Frage gestellt werden.

      Die Auseinandersetzung mit dem Material vollzieht sich z.B. etwa in der Reflexion von Vielschichtigkeit eines musikalischen Tons.

      Gepresste, verfremdete und verzerrte Klänge vermöchten beim Hörer seine gewohnte Wahrnehmung ändern. Durch Aufbrechen/Zerfaserung vom Klang richtet sich der Focus nicht bloß auf schöne Melodien, sondern mündet z.B. in Erstaunen oder in eine Frage „Was geschieht hier ?“; führt also zum Heraustreten aus bloßer Magie.
      Derlei Momente orten sich zunächst weitab von unmittelbaren gesellschaftspolitischen
      Spekulationen; entscheidender ist Öffnung des eigenen ästhetischen Wahrnehmungsapparates, das Infragestellen von tradierter ästhetischer Vorbildung, festgezurrten Erfahrungen.

      D. Luigi Nonos Canto sospeso
      Passage „Addio Mama“ (Text einer zum Tode Verurteilten)
      Nonos Instrumentation durch Glockenspiel, Vibraphon, Harfe und durch die vom Atem gesetzte (also stimmenähnliche Flöte) bildet eine gleichsam verstörende Scala von Impulsen, die vom Hörer eine Neuorientierung seiner Haltung zur Mucke verlangt.

      E. Anton Webern op. 10 Nr. 4 (vorletztes Orchesterstück aus op. 10 wenige Sekunden lang)
      „www.youtube.com/watch?v=gSDqz1eSXMM“
      Danke an Zabki für Link !

      Durch die Verwendung der Mandoline (dolce), mit der Weberns Stück beginnt, leitet sich diese Mucke von der Serenade ab. Serenade galt ursprünglich als ein abendliches Ständchen mit unterhaltsamem Charakter (seit dem 17. Jahrhundert).

      Weberns op. 10 Nr. 4 verfremdet die Serenade

      Durch Verkürzung der Mucke schrumpft die Serenade gleichsam in eine weit entfernte Vogelperspektive.
      Die Tonart von op. 10 Nr. 4 könnte als kaputtes F-Moll aufgefasst werden
      Anknüpfung auch an die 2. Nachtmucke aus Mahlers 7. Sinfonie, in der sich bereits Serenadenambiente bricht bzw. verdünnt in weit entschwundene, unwiderruflich verlorene Erinnerung. Auch Bezug zu Mahler-Liedern durch das Militärische der kleine Trommel (ppp), die wie zum Zapfenstreich schlägt; verstört zusätzlich die “traditionelle“, „magische“ Serenadenstimmung. Dem Hörer von op. 10 Nr. 4 ist es nicht mehr möglich sich einer beschaulichen Serenadenstimmung hinzugeben.
      Strukturell vollzieht sich Auftakt, Begleitung und Schluss in wenigen Takten; auch eine Melodie, die aber immer weiter verkürzt wird, so dass damit die Frage sich aufdrängt, ob eine Melodie auch aus nur einem Ton bestehen kann? Daneben bestimmt sich das Tenuto (ein gehaltener Ton) als motivisch. Zugleich verändert sich auch der Begriff des Tenuto, wenn auf einem Instrument ein Ton quasi pulsierend gehalten wird. Es gibt also einen Übergang zum Impuls. In diesem Sinn erweisen sich in dem kurzen Webern-Stück Melodie, Tenuto und Impuls als drei Qualitäten. Diese Stringenz ist „method in the madness“ (Zitat Hamlet)

      Der Hörer erhält gleichsam unwillkürlich den Impuls seine festgefügte Art des Hörens zu überprüfen, sie zu erweitern.

      Das bildet die einzig gesellschaftspolitische Funktion von Mucke:
      Also die einzig gesellschaftspolitische Funktion von Mucke wäre, dass der Hörer erfährt, dass er eine geistfähige Kreatur ist, die sich verändern kann und nicht völlig von stumpfsinnigen Stereotypen des alles durchherrschenden Unterhaltungssektors platt gemacht wird.

      Die Erweiterung der Wahrnehmung schließt durchaus auch die Beschäftigung mit der sog. traditioneller Mucke ein.
      Z.B. Beethovens 3. Sinfonie in einer Wiedergabe, welche die Aufmerksamkeit des Hörers auf z.B. auf strukturelle Zusammenhänge schärft, auf Temporelationen (z.B. Deutsche Kammerphilharmonie unter Järvi vom 14.12.06 oder SWR-Sinfonieorchester unter Michael Gielen).

      F. Arnold Schönberg Serenade op. 24
      „www.youtube.com/watch?v=BCVLznDTvpc“
      Schönbergs Serenade op. 24 (seine erste 12-Tonkomposition) stellt die Serenade in Frage. Durch deren Ausdünnung ihrer musikantischen Elemente verhärtet die Serenade gleichsam zum Skelett. Durch das Ausdünnen zum Skelett wird der an der Serenade haftende Gestus des Musikantischen in ein grelles und hartes Licht gerückt

      Wie auch in seiner Klaviersuite op. 25 beschaulichen Züge von barocken Elementen schier wegätzt werden.
      „www.youtube.com/watch?v=19VxHGpzJBo“

      Darin gerät Schönbergs spätere Mucke unversöhnter als z.B. in seinen affektiven 5 Orchesterstücken op. 16 (freie Atonalität) . Das 3. Stück von op. 16 „Farben“ wirkt vergleichsweise beschaulich, idyllisch wie ein schöner Morgen am See.
      „www.youtube.com/watch?v=Up5UwkKybJw“
      Schönbergs Mucke verdirbt den Hörer gleichsam den Spaß, in dem sie in 12-Tontechnik eingebunden wird. Teddie würde diese Schönberg-Mucke als „verwundet“ bezeichnen.

      5. Dialektik in Mucke
      Mucke, die dem Hörer selbstverständlich war, wird den Hörer durch Form bzw. Verfahrensweise zu einem Gegenteil verwandelt.

      6.
      Die Magie in Mucke (z.B. in Lachemnanns Streichquartett Gran Torso, Nonos Canto Sospeso, Weberns op. 4, Schönbergs Serenade op. 24) soll nun aber nicht gleichsam rausexorziert werden; sondern eher quasi der Magie einer Komposition sich hingeben, ohne dabei komplett in kitschige Andachtsweihe zu verfallen...

      Gesellschaftskritisches Potential des Hörens wäre Erfahrung von Mucke, welche die vorherrschenden armselige Schemata vom U-Sektor, öde Standards, gesellschaftlich reproduzierte/vermittelte Uniformität/Gleichschaltung des Hörens durchbricht, in Frage stellt.

      Eigenes Feedback:

      Der Lachenmann-Vortrag war einfach hammergeil.
      Das Gedächtnisprotokoll gerät zwangsläufig bruchstückhaft.
      Lachenmann kam mäandernd und sehr unterhaltend rüber, streute dabei auch nette Jokes/Anekdoten/Erinnerungen mit ein; z.B. zu Pousseur und Teddie
      Für Lachenmann- , Nono- und NWS-Junkies wars an diesem Abend ein mega-fetziges Einschlürfen von Lachemanns Appetizer.
      Von mir aus hätte er weiterhin tagelang zahlreiche Infos/Anregungen zum Besten geben können: über seine eigene Mucke, aber zur Mucke von Nono, Boulez, Cage, Beethoven , Mahler, Bach, Schönberg.....

      Für Lachenmann-Interessierte z.B. noch diesen Link zum Reinziehn
      „www.youtube.com/watch?v=CfuNNZP6VmI“
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Vielen Dank für das Gedächtnisprotokoll!

      Amfortas09 schrieb:

      Gesellschaftskritisches Potential des Hörens wäre Erfahrung von Mucke, welche die vorherrschenden armselige Schemata vom U-Sektor, öde Standards, gesellschaftlich reproduzierte/vermittelte Uniformität/Gleichschaltung des Hörens durchbricht, in Frage stellt.
      Das finde ich ziemlich einleuchtend. Ich verstehe es so: "Unerhörte", Musik von noch nie dagewesenem Charakter bzw. das Erweitern der musikalischen Möglichkeiten bestätigt den Gedanken, dass eine andere Welt möglich sein könnte.

      Bei den einzelnen Beispielen bin ich mir nicht sicher. Vor allem darüber, was "Magie" & "Spielcharakter" ausmachen. Vermutlich hat man besonders viel Spielcharakter in Strawinskys Werk, der der Musik generell absprach, irgendetwas ausdrücken zu können.
      Von Gangsterrap mag man halten, was man will. Dass es sich um ein beschauliches Genre handele, werden wohl die wenigsten behaupten.

      Ich denke, wenn ich mehr Zeit habe, wird mir noch mehr einfallen. Am Ehesten zu Schönbergs Serenade op. 24.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Tyras schrieb:

      Das finde ich ziemlich einleuchtend.
      Ich auch !

      Tyras schrieb:

      Ich verstehe es so: "Unerhörte", Musik von noch nie dagewesenem Charakter bzw. das Erweitern der musikalischen Möglichkeiten bestätigt den Gedanken, dass eine andere Welt möglich sein könnte.
      Check ich auch so, meinerseits in kleinwenig skeptischerer Sicht, also d.h. wenigstens negativ als Einsicht z.B. in die Schmalspurigkeit des eigenen Bregens.
      Ästhetische Erfahrung weist durch ihre Besonderheit auf Begrenztheit bzw. den regelartigen Zwang des eigenen gedanklichen Gebälks hin (dem andererseits eine gewisse Notwendigkeit nicht abzusprechen ist). Sie könnte u.U. zudem quasi kalten Kotzreiz auslösen, ob eigener Verstopfung/Ersticken an gleichförmiger, ideologischer Kloake z.B. des überquellenden sog. U-Sektors.

      Also vielleicht könnte diese „Erweiterung“ wenigstens wie harter + unbarmherziger Rohreiniger an irgendeinen Sankt-Nimmerleins-Tag mal den von dir geschilderten „Gedanken, dass eine andere Welt möglich sein könnte“ frei spülen; ohne jedoch dabei unmittelbare Verknüpfung mit Praxis/Automatismus/Umschlag zu unterstellen und ohne damit Mucke generell darauf zu reduzieren. ...

      Tyras schrieb:

      Vor allem darüber, was "Magie" & "Spielcharakter" ausmachen.
      Ich denke, dass Lachenmann in seinem Vortrag Magie und Spielcharakter unterscheidet.

      Gestern habe ich Radio-Mitschnitt seiner Schwankungen am Rand mit EM unter Lubman vom 27.11.15 mir eingeschmissen (ein Zitat darin aus dem U-Sektor konnte ich dabei nirgens zuweisen). Also wie fetzig-fein und scharf Töne, Tonhöhen, Klänge aus Geräuschpissereien sich da aufdröseln, ziselieren, Pizzicato zum gestalterischen und spannenden Element sich formt und dem Verklingen, Zerfallen, den Pausen nachlauscht; dabei auch Aggro-Blech. Also das hat schon was von Magie auf 2. Stufe und kommt hammer-geil rüber.

      Im Gegensatz zu Lachenmanns Mucke verzichtet Nonos fetzige Mucke bei Gesangpassagen nicht auf Magie in Gestalt von Emphase, lyrischen Ausdruck, wenn man z.B. Intolleranza, Como una ola de fuerza y luz oder Al gran sole sich reinzieht. Gilt auch für fetzige Dallapiccola-Mucke (und das nicht nur für seinen mega-geilen Ulisse). Bei Dallapiccola könnte das quasi Generationenfrage sein.
      Aber ich vermute vor allem, weil beide Notenquäler Italiener waren. :D

      Da fällt mir noch ein, dass bereits das Lied von der Weide (Verdis Otello) mir rüberkommt so wie quasi „Canto Sospeso“, also gleichsam als zerbrochener Gesang.....auch das Lied von der Weide wäre gewissermaßen im Lachenmannschen Sinne reflektierte Magie.
      Reflektierte Magie ist ja eigentlich Magie auf 2. Stufe.

      Tyras schrieb:

      Vermutlich hat man besonders viel Spielcharakter in Strawinskys Werk, der der Musik generell absprach, irgendetwas ausdrücken zu können.
      Da muss ich gestehn, dass ich Schwierigkeiten habe, Strawinskys Mucke da beim Wort zu nehmen; z.B. beim Reinziehn von Geschichte vom Soldaten, egal ob komplette Mucke oder bloß Sparversionen. Also gerade weil diese Soldaten-Mucke umambitioniert, gleichsam schräg-beschädigt rüberkommt, trägt sie Ausdruck.
      Ähnlich geht’s mir beim Violinkonzert. Wird leider oft bloß als Neoklassizismus festgenagelt.
      Ja, okay okay, Neoklassizismus hat auch was Spielerisches.

      Vielleicht will sich Strawinsky mit seiner Ablehnung von Ausdruck von anderer Mucke abgrenzen ? Irgendwo in seiner „Musikalischen Poetik“ ?(

      Lachenmann kennzeichnete in seinem Vortrag - in einem Nebensatz - Weberns Sinfonie op. 21 als spielerisch. Also beim späten Webern ist mir das Spielerische als Eigenheit bisher kompatibler als im Falle von Strawinsky-Mucke.

      Tyras schrieb:

      Ich denke, wenn ich mehr Zeit habe, wird mir noch mehr einfallen. Am Ehesten zu Schönbergs Serenade op. 24.
      Also wenn du in einem Schönberg-Thread was zu Serenade op. 24 schriebst, fänd ich das echt supi, denn op. 24 ist hammergeiler Schönberg.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Danke, lieber Amfortas, für Deine guten Wünsche und Deinen ausführlichen Bericht! Werde ich, sobald ich mehr Zeit habe, mit großem Interesse studieren - dann gern mehr!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann


    • Schreiben für Orchester, 2003

      Es ist nicht meine erste Begegnung mit Lachenmann und Accanto habe ich öfter als einmal gehört - öfter als zweimal wahrscheinlich nicht ...

      Man muss einen Schritt weitergehen im Sich-Einlassen als beim Ligeti der Sechziger Jahre, aber mir schien die erstmalige Begegnung - bewusstes und möglichst unabgelenktes Hören vorausgesetzt, wofür ich gesorgt habe, - in gewisser Weise einfacher, obwohl Lachenmanns Komposition nicht nur mit einer halben Stunde deutlich länger dauert als etwa Atmosphères, sondern viel unmissverständlicher das Geräuschhafte einbezieht. Es ist vielleicht die ruhige, gelassene Weise der Dekonstruktion, welche das Hören für mich erleichtert, die Entwicklung (tendenziell) hin vom Atmen zur instrumentalen Phraseologie in minimalistischem Wechsel und wieder zurück. Kaum eine Ebene und Momentaufnahme der Dekonstruktion (auf den Spielvorgang des einzelnen Instruments bezogen, als melodische Einheit verstanden oder als rhythmische, seltener als harmonische - denn das Harmonische ist überhaupt extrem zurückgefahren) überlappt sich - vereinfacht ausgedrückt - mit einer anderen. Auch wenn das Werk für ein mäßig großes Orchester geschrieben ist, so benötigt es den Apparat per se in keinem Augenblick.

      Ich wage mal die Behauptung, dass Ligeti nicht ohne die Spätromantik denkbar ist, Lachenmann nicht ohne Webern.

      Aber lassen wir es dabei - ich möchte weder ein Musikphilosophiestudium heucheln noch das Programmheft resümieren oder die bislangigen Äußerungen der Freunde Amfortas und Gurnemanz und wie sie alle heißen. :P

      :cincinbier: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Marche fatale

      Nach unserer kleinen Lachenmann-Blütenlese im Rätselthread ist mir (eher per Zufall) die neueste Lachenmann-Kreation in die Augen und Ohren gefallen. Marche fatale für großes Orchester - eine Auftragskomposition zum 425. (immer diese runden Geburtstage :D ) des Stuttgarter Staatsorchesters, das hier unter Leitung seines GMD Sylvain Cambreling spielt:

      youtube.com/watch?v=u-gI9u-bjHo

      Ein Lachenmann, der auch den Fans von Kur- und Neujahrskonzerten gefallen wird (oder auch nicht)! ;)

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Ein Lachenmann, der auch den Fans von Kur- und Neujahrskonzerten gefallen wird (oder auch nicht)! ;)
      Das werde ich demnächst überprüfen; vielen Dank für den Hinweis! :)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Helmut Lachenmann
    • EinTon schrieb:

      An 2 Stellen (insgesamt) höre ich Liszt' Liebestraum bzw. das Tristan-Vorspiel heraus, wahrscheinlich finden sich aber noch mehr Zitate.
      Rossini (Wilhelm Tell) meine ich noch herausgehört zu haben. Sehr schön das! :clap: :D

      Die Zukunft der Neuen Musik wird hier dokumentiert: youtube.com/watch?v=aco12S3wjig ^^

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Zwielicht schrieb:

      Ein Lachenmann, der auch den Fans von Kur- und Neujahrskonzerten gefallen wird (oder auch nicht)!
      vermutlich mein "Problem" mit diesem Lachenmann
      Ach komm, jetzt sei mal nicht verweigender als der Verweigerungsmusiker. Warum nicht mal einen launigen Orchesterspaß. Und mir scheint da noch mehr drin zu sein, auch mehr als die Zitate.

      :cincinbier:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Tyras schrieb:

      Ach komm, jetzt sei mal nicht verweigender als der Verweigerungsmusiker. Warum nicht mal einen launigen Orchesterspaß. Und mir scheint da noch mehr drin zu sein, auch mehr als die Zitate.
      Auf Habenseite vom GuV-Konto von Marche fatale sei schon mal gebucht, dass sich Lachenmann-Mucke nicht meinen Erwartungen anpasste.......
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Tyras schrieb:

      Und mir scheint da noch mehr drin zu sein, auch mehr als die Zitate.
      Den Eindruck habe ich auch. Schade, daß man das nicht sehen kann! Lachenmann liebt z. B. Effekte wie Klaviersaiten, die nicht vom Pianisten, sondern etwa von einem Posaunisten, der direkt in den Klavierkasten bläst, zum Erklingen gebracht werden.

      So etwas Ähnliches könnte hier auch dabei sein. Es pfeift da gelegentlich so merkwürdig...

      :wink:
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    • Offen gesagt, finde ich die Marche fatale ziemlich irritierend: Ist es ein harmloser "musikalischer Spaß" (Mozart) oder schimmert da "eine unendliche Traurigkeit" durch die Musik, wie es G. F. Haas heraushört? Bin da etwas ratlos: irgendwie ist die Verfremdung selbst schon wieder verfremdend (man verzeihe mir meine verschwurbelt-dialektische Formulierung). Ganz verrückt: die manischen Wiederholungen ab ca. 4:45, die den Marsch, fast könnte man sagen, skelettieren!

      So recht schlau werde ich nicht daraus, und das schreibe ich als erklärter Lachenmann-Sympathisant.

      :wink:
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    • "Wenn Helmut das darf..."

      Neu

      Eben gefunden. Immer noch zum Marche fatale.

      blogs.nmz.de/badblog/2018/01/3…ns-eigentlich-sagen-will/

      Moritz Eggert schrieb:

      Man stelle sich vor man lebt als Nonne jahrzehntelang in einem Kloster, in dem strengstes Zölibat herrscht, und dann eröffnet einem die Mutter Oberin, dass sie es nun vollkommen unproblematisch findet, einen Swinger-Club aufzumachen. Ungefähr so muss es sich für strenge Lachenmann-Jünger anhören, wenn ihr Prophet sich nun einen kleinen musikalischen Scherz in Es-Dur erlaubt.
      Das Besondere am Marche sei nicht der Scherz selbst, sondern die Tatsache, wer ihn sich erlaubt hat. Eggert verweist auf einen ähnlich gearteten musikalischen Scherz, der aber offensichtlich nirgendwo im Netz zu finden ist: die Marsch-Fantasie (1988) von Günter Bialas. Kennt die jemand hier?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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