Stummheit / Schweigen / Verschwiegenheit in der Musik

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    • eifelplatz schrieb:

      Schubert, Mignon I (1. Bearb. d726, 2. Bearb. d877,2) Text von Goethe.

      Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,

      ach ja, und Schumanns Vertonung op.98a Nr. 5
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Silentium! Ihr Leute, und höret mich! Seid stille, spitzt die Ohren!
      (Dulcamara in Donizetti, Liebestrank)
      Ok, die Übersetzung ist nicht korrekt:
      Udite, udite oh rustici! Attenti, non fiatate! - Hört, hört ihr Bauern! Passt auf, atmet nicht!
      Aber wer nicht atmet, kann ja wohl auch nicht reden, oder?
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • "Silentium, Silentium! Macht kein Reden und kein Gesumm"

      Chor in der Festwiesenszene Meistersinger 3. Aufzug

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Schönberg , op. 15 Nr. 11

      Als wir hinter dem beblümten Tore
      endlich nur das eigne Hauchen spürten,
      warden uns erdachte Seligkeiten?
      Ich erinnere, daß wie schwache Rohre
      beide stumm zu beben wir begannen,
      wenn wir leis nur an uns rührten
      und daß unsre Augen rannen.
      So verbliebest du mir lang zu Seiten.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Stör' ich eu'r Spiel,
      wenn staunend ich still hier steh'?

      Wagner, Rheingold

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • Ruhe, ruhe, du Gott!

      Wagner, Götterdämmerung

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • Tyras schrieb:

      Ja, und es hat recht viele Pausen, wodurch es einen fragmentarischen Charakter bekommt. Der Titel "Fragmente, Stille" wäre von daher für dieses Werk auch nicht so abwegig.
      Ja durchaus, deshalb kommt einen ja die Schönberg-Trio-Mucke beim Reinzien auch gleichsam retardierend rüber, selbst wenn sie vom speedig-aggressiven Trio recherche gekratzt wird.

      Tyras schrieb:

      Ansatzweise (also Pausen, auf die womöglich heterogenes Material folgt) gibt es das bereits im ersten Satz von Beethovens Streichquartett op. 130.
      Gefällt mir der Hinweis auf heterogenes Material bei op. 130.
      Als wir uns mal op. 132 mit dem Emrich Quartett richtig live reinzogen, wurde dabei im 4. Satz (Alla Marcia, assai vivace) plötzlich Aufmerksamkeit auf die achtel-halbe und achtel-viertel Pausen geschärft:
      „www.youtube.com/watch?v=qYKKdHD24z0“ 00:03 und 00:15
      so als ob diese Pausen den Muckenverlauf brechen, um Schweigen beredt werden lassen.
      Das war geil, hatte ich nämlich bis dahin mir noch nie so reingezogen...

      Wenn ich mir die Pollini-Studiokonserven von Beethoven op. 101 bis 111 sowie Diabelli-Variationen einschmeiße, dann drängt sich unwillkürlich der – allerdings höchst subjektive ! - Eindruck auf, dass diese Beethoven-Mucke quasi ununterbrochen aus höchst rätselhaften Schweigen in Erscheinung tritt, dass quasi die Basis bildet und andererseits sich ständig dabei verbirgt, verhüllt....
      ..vermittelt durch Pollinis höchst subtile, oft sich zurücknehmende und dennoch intensivste Tastenquälerei.....

      Tyras schrieb:

      Der einsilbigen Musik von Anton Webern sagt man ja auch eine große Nähe zum Schweigen bzw. Verstummen nach.
      Sollte jemand mal dazu einen eigenen Thread eröffnen.

      Tyras schrieb:

      Wenn ich mich recht entsinne, erzählt Adorno irgendwo, dass er im Unterricht bei Berg mal mit seinem Lehrer eine Webern-Karikatur angefertigt hat: Eine Achtel-Pause, die noch mit allerlei Anweisungen (z.B. "morendo") versehen wurde.
      Ach ja, in Bergs Mucke gibt es auch fetzige Momente des Schweigens:
      Im ersten Satz (Präludium) aus seinen drei Orchesterstücken op. 6 entspringt Mucke aus Schweigen. Kulminiert zum Schrei/Klage, um wieder im Ungrund zu versanden.
      „www.youtube.com/watch?v=hXSAN4tKQh8“ (00:00 – 04:32)
      (wenn ich’s irgendwie noch recht auf dem Schirm habe, fand Berg Teddies Feedback zu op. 6, dass die Orchesterstücke zwischen Mahler- und Schönberg (op. 16) verortete, echt geil)...

      Formal ähnlich, wie das Präludium, organisiert der 3. Satz seiner Lyrischen Suite (Allegro misterioso).
      „www.youtube.com/watch?v=GU_HIvMXSM8“ 08:43
      Da entwindet sich quasi aus Stille zischelnde Mucke, dabei sich mehr und mehr spickend mit Thementrümmer und - partikel. Nach dem leidenschaftlich-aggressiven Trio (10:04 bis 10:49) bildet sie sich zurück und verschwindet..

      . und der 6.Satz (Largo desolato ) verendet, (27:19) indem, eingezwängt in zunehmend starrer Figur, die Instrumente nach und nach ihren Löffel abgeben, bis auf die Bratsche, die dann bloß noch abbricht.. erinnert mich auch etwas an die Schlusstakte vom Wozzeck... also das Orchester nach dem „Hopp hopp“.

      Und beim Tod Wozzecks mündet Mucke gleichfalls ins Schweigen (Doktor: „Stiller, . Jetzt ganz still.“ Hauptmann: „Kommen Sie ! Kommen Sie schnell“) ehe als Verwandlung zur 5. Szene die höchst passionierte Trauermucke ansetzt... „www.youtube.com/watch?v=uUkbjO8dkDI“ 1:36:24 .
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Vom Zeitgenossen Beethovens und seinerzeit sehr populären: Philipp Jakob Riotte
      gibt es eine parodierende Posse: Die geschwätzige Stumme von Nußdorf (1830)
      (vermutlich eine Persiflage der Auber Oper Die Stumme von Portici)

      Scheint aber nicht als Aufnahme vorzuliegen und auch Hörproben konnte ich keine finden...Schade! :S




      Herzliche Grüße:
      KALEVALA :wink:

      Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. (Nietzsche)


      Es gibt nichts Überflüssigeres und Schädlicheres als wie Musik. Wenn ein Mensch eine gewisse Zeit lang Musik hört, wird sein Gehirn faul und unseriös. (Ayatollah Khomeini)
    • Franz Schubert, Liedsammlung "Schwanengesang" - Heine-Lieder:

      Am Meer
      Das Meer erglänzte weit hinaus
      Im letzten Abendscheine;
      Wir saßen am einsamen Fischerhaus,
      Wir saßen stumm und alleine.
      Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."
    • Lieben und Schweigen

      Ich flocht ein Kränzlein schöner Lieder,
      Ihr Name klang in jedem wieder,
      Ich schrieb ihn in Blätter und Blumen ein
      und wahrte sie lang in geheimem Schrein
      Ich grub ihn tief in dunkle Eichen,
      Ich liebte so schön und musste schweigen.
      ...
      Konstantin von Tischendorf (1815-1874)

      vertont von Felix Mendelssohn
      (Songs and Duets - 5, CD2 Track 10
      Hyperion Ausgabe)
      lg vom eifelplatz, Chris.



    • Johann Hermann Schein: Ich will schweigen. Motette nach Psalm 39, 10-12

      Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun;
      Herr, Du wirsts wol machen
      Wende deine Plage von mir;
      denn ich bin verschmacht von der Strafe deiner Hand.
      Wenn du einen züchtigst um der Sünde willen
      so wird seine Schöne verzehret von Motten.
      Ach wie gar nichts sind doch alle Menschen! Sela.


      So vermutlich noch in vielen Vertonungen des Psalms 39 mit diesen Versen.


      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Webern:
      Kantate Nr. 2 op. 31

      Schweigt auch die Welt,
      aus Farben ist sie immer
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).