Die großen Streichquartettformationen und ihre Aufnahmen

    • Kater Murr schrieb:

      Mir ist aber in etwa 20 Jahren Hören historischer Aufnahmen nie aufgefallen, dass hier ein besonderes Problem oder ein besonderer Gewinn beim Streichquartettklang vorliegen würde und ich habe diese Meinung außer in Eckes Büchlein noch nie irgendwo gehört oder gelesen.
      Klangqualität zu beurteilen ist ja auch davon abhängig, welchen Anspruch man an der Sache hat. Wenn man das Zitat Eckes liest, so zeigt sich auch sehr deutlich, daß die Meßlatte sehr weit oben angesetzt wird. Heute würde ich Eckes Ansichten nicht mehr so wichtig nehmen, weil sich inzwischen viel getan hat in der Aufnahmetechnik. Oder anders gesagt: die damals beurteilten Aufnahmen werden heute ganz anders gehört und beurteilt (manche sehen sie sogar als "außer Konkurrenz") - auch mit anderem Equipment (ganz zu schweigen vom Remastering).

      Mich stört die alte Klangqualität ja auch nicht - habe ich ja oft genug besprochen.

      Fallada schrieb:

      Einigen wir uns darauf, dass wir uns nicht einigen können .....
      Gut... :saint:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Fallada schrieb:

      Hallo Wieland,

      leider kann ich da nicht helfen, auch mir liegt keine vor. Ich habe lediglich einige Plattenkataloge aus den Jahren vor 1960, da war das Koeckert Quartett bei der Deutschen Grammophon dominierend.
      Einiges wird bei Discogs gelistet:

      "https://www.discogs.com/artist/946554-Koeckert-Quartett?page=1

      Ob dabei wie so oft bei Discogs noch einige Doppelteinträge sind, die noch nicht in einem Master zusammengefasst wurden, habe ich nicht versucht, nachzuvollziehen.

      Gruß,
      Wolfgang
      Die Wahrheit zu sehen müssen wir vertragen können, vor Allem aber
      sollen wir sie unseren Mitmenschen und der Nachwelt überliefern,
      sei sie günstig oder ungünstig für uns. (August Sander)
    • Minguet Quartett

      Minguet Quartett
      Das Minguett Quartett ist ein deutsches in Köln beheimatetes Streichquartett. 1988 gegründet spielt es derzeit in folgender Formation:

      - Ulrich Isfort 1.Violine
      - Annette Reisinger 2.Violine
      - Aroa Sorin Viola
      - Matthias Diener Violoncello

      Neben der Pflege des klassisch-romantischen Repertoires widmet sich das Minguet Quartett vor allem der zeitgenössischen Musik. Hochgelobte Gesamtaufnahmen der Streichquartette von Wolfgang Rihm, Peter Ruzicka und Jörg Widmann zeugen davon.
      Wer in den letzten Jahren dieses Quartett live erlebt hat, weiss, dass es derzeit auf dem Höhepunkt seines Könnens angelangt ist und zu den besten Quartetten der Gegenwart gezählt werden muss.




      2010 wurde das Minguet Quartett mit dem begehrten ECHO Klassik ausgezeichnet. Für das beim renommierten Label ECM erschienene Requiem ET LUX von Wolfgang Rihm erhielt das Minguet Quartett gemeinsam mit dem Huelgas Ensemble den Diapason d'or Juli/August 2015.
      Namensgeber ist übrigens Pablo Minguet é Irol (* vor 1733; † 1801) ein spanischer Schriftsteller, Verleger, Stecher, Musikpädagoge und Komponist, der in Madrid gewirkt hat.

      Derzeit spielt das Quartett offensichtlich für cpo Werke von Kaminski und Reznicek ein.
    • Vlach Quartett

      Das Vlach Quartett wurde von Kater Murr schon kurz erwähnt. Dieses Quartett war neben dem Smetana und dem Janacek Quartett das führende tschechische Quartett der 50er und 60er Jahre. 1949 gegründet existierte es bis 1975. Die klassische Besetzung war:

      Josef Vlach
      Vaclav Snitil
      Josef Kodousek
      Victor Mouchka

      Leider ist das Quartett derzeit auf CD schlecht dokumentiert.

      Auf Vinyl (Supraphon) habe ich
      Beethoven op. 59.1 und 131
      Debussy/Ravel
      Dvorak op. 51, op. 106 und das Sextett
      Janacek 1 + 2
      Martinu 7
      Suk 2
      Tschaikovsky 3

      Kürzlich kamen auf CD die Beethoven Aufnahmen heraus, die aber nur die Hälfte der Werke umfassen.



      Das (Neue) Vlach Quartett, das auf Naxos alle Dvorak Quartette und Quintette eingespielt hat, wurde 1992 von der Tochter Jana Vlachowa gegründet.
    • Barylli Quartett

      Das Barylli Quartett (auch Musikvereins-Quartett) war neben dem Konzerthausquartett wohl das führende österreichische Quartett der 1950er Jahre. Es war personell die Fortsetzung des Schneiderhan Quartetts, das durch Auswechselung des Primarius eben zum Barylli Quartett wurde.
      Die am meisten dokumentierte Formation bestand aus:

      Walter Barylli
      Otto Strasser
      Rudolf Streng
      Emanuel Brabec

      Das Barylli Quartett hat umfangreich für das Westminster Label aufgenommen, u.a. eine Beethoven Totale und die meisten Mozartwerke. Die entsprechenden LPs sind von Sammler gesucht und teuer.
      Scribendum hat sich der Sache kürzlich angenommen und alle Westminsteraufnahmen in einer preiswerten Box herausgebracht (die vom Konzerthausquartett ebenfalls).
      Daraus habe ich heute op. 74 gehört, was mir gefallen hat. Tully Potter schreibt allerdings in seinem Blog, dass die späten Quartette ein "Disaster" seien. Das werde ich zeitnah überprüfen.

    • The (In)famous Lindsays

      b-major schrieb:

      Das Lindsay String Quartet war ein britsches Quartett welches von 1965 bis 2005 bestand . Als Cropper Quartet gestartet ,nannten sie sich 1970 in Lindsay Quartet um , nach Lord Lindsay , dem Gründer der Keele University, an der sie Stipendien erhalten hatten. Nach einem Wechsel im Jahre 1971 spielten sie bis 1985 in gleicher Besetzung :
      Peter Cropper (first violin)
      Ronald Birks (second violin, 1971 to 2005)
      Roger Bigley (viola, 1965 to 1985)
      Bernard Gregor-Smith (cello)
      Von Anfang an stand Beethoven im Mittelpunkt ihres Interesses, und diese Besetzung spielte auch den 1.Beethoven Zyklus ein , der von mir sehr geschätzt wird. Auch das Schubert - Quintett spielten sie 1985, unterstützt von Douglas Cummings am Cello, in dieser Formation ein .
      Kurz danach verließ Bigley die Gruppe und wurde von Robin Ireland an der Viola ersetzt . Diese Gruppierung nahm einen 2.Beethoven Zyklus auf, der aber in meinen Ohren gerade an Intensität und Zusammenspiel den 1. nicht erreicht .
      Weiterhin nahmen sie viel Haydn, Mozart ,Schubert und Dvorak sowie weitere Werke auf, die aber - für mich - nicht an die oben genannten Einspielungen heranreichen . Überhaupt war der Erfolg der Lindsay sehr auf Großbritannien beschränkt, hinzu kam noch eine kleine nordamerikanische Hörerschaft . Auf dem Kontinent begegnete man dem Quartett sehr kritisch . Die Briten hörten bei den Lindsay vielleicht immer so etwas wie ihre zeitgemäße Ausgabe des Busch Quartetts, jedenfalls ist das meine ganz persönliche Vermutung .
      Nach der Auflösung im Jahr 2005 folgten die Mitglieder ihren persönlichen musikalischen Interessen . Überraschend verstarb der Primarius Peter Cropper 2015 im Alter von 69 Jahren.

      Noch eine Bemerkung zu den großen Streichquartettformationen . Ich habe Tully Potter gefragt, was denn mit einem Buch über Streichquartette wäre, an dem er gerüchteweise arbeiten würde ? Die Antwort lautete :

      Yes, a lot of such a book is written. I just need time!

      Ich lese recht viele Rezensionen aus unterschiedlichsten Quellen und wenn es um die Einschätzung von Streichquartettformationen geht, findet sich da häufig eine Art Konsens. Unterschiedliche Einschätzungen gibt es vielleicht bei frühen Werken und HIP vs Non-HIP, aber ansonsten herrscht häufig Einmütigkeit.

      Bis auf eine Ausnahme und das sind die Lindsays:

      Gerade heute morgen habe ich in einem 5 Jahre alten ARG-Heft geblättert, wo drei Haydn-op. 76 Quartette mit dem Gewandhaus Quartett rezensiert wurden. Fazit war: sehr gute Aufnahme, aber an die Lindsays reicht sie nicht heran, die wären noch tiefer ins spezifisch Haydn'sche eingedrungen. Ganz zufällig hatte ich gestern eine Rezension gerade dieser Haydn Quartette mit den Lindsays gelesen, die die Aufnahme desaströs fand und ihr 3 von 10 möglichen Punkte zugestand. Auch hier im Forum gehen die Meinungen weit auseinander. Der Kater warnt regelmäßig vor diesem Quartett und b-major (s.o.) war von ihrem Beethoven sehr angetan.
      Ich habe gestern ihren Debussy als Studioaufnahme gehört und fand jetzt nichts zu bemängeln. Heute morgen op. 76,2 als Live-Aufnahme, sehr rustikal mit einem dritten Satz, der auf einer Dorfhochzeit spielen könnte, aber auch das ist ja vielleicht ein Aspekt von Haydn.

      Wie erklärt ihr Euch diese doch sehr unterschiedliche Rezeption der Lindsays.
    • Ich warne nicht direkt vor diesem Quartett, sondern weise nur darauf hin, dass sie, was Intonationssicherheit und Klangschönheit betrifft, mit kaum einem anderen professionellen Quartett der letzten 50 Jahre mithalten können. (Ich besitze im wesentlichen zwei Haydn-CDs, die ich auch immer noch behalten habe, obwohl die Mängel selbst für mich, der ich alles andere als ein Experte für Streicherklang bin, offensichtlich hörbar sind.)
      Ob man meint, dass ihre anderen Qualitäten diese Mängel aufwiegen, ist eine ganz andere Sache...
      Meinem Eindruck nach konzentrierten sich die überschwänglich positiven Kommentare zu den Lindsays allerdings in den diesbezüglich geradezu legendär neutralen britischen Medien.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Prazak Quartett

      Das tschechische Prazak Quartett ist bei uns in Deutschland nicht so bekannt, dabei gehört das Ende der 1970er Jahre gegründete Quartett seit 3 Jahrzehnten zu den führenden seines Landes und ihre Aufnahmen egal ob von Haydn, Beethoven, Janancek oder Schönberg erhalten fast immer höchstes Lob. Im Rahmen der Sonderaktion beim Werbepartner habe ich einige der CDs erstanden und wurde bisher nicht enttäuscht. Die Beethoven Quartette habe ich anderweitig schon gelobt.

      Gestern noch die Aufnahme von DSCH 14 gehört, die den Diapason d'Or und fünf Sterne im FF erhielt. Eine absolute Topaufnahme, wie ich finde. Musikalisch sehr intensiv und klanglich vom allerfeinsten. Bin gespannt auf DSCH 15.

      Seit 2015 haben die Prazaks auch zum ersten Mal ein weibliches Mitglied als Primaria.



      »Hier geht es ans Eingemachte: Janáceks Musik handelt von existenziellen Themen wie verbissener Eifersucht, tiefer Sehnsucht und einer geradezu verzweifelten Leidenschaft. Ihr ständiges Außer-sich-sein gehört zum Wesenskern der Quartette. Das ist der Aufnahme des Prazák Quartet deutlich anzuhören, dem hier das Kunststück gelingt, kontrolliert die Kontrolle zu verlieren. Großartig!« (Marcus Stäbler, Fono Forum, November 2014)