Dvorak: Stabat Mater

    • Dvorak: Stabat Mater

      Dieser Faden ensteht wohl aus der Verlegenheit heraus, dass ich noch keinen dazu fand, es auch keinen zu Dvorak allgemein gibt und ich demnach den Mangel empfand, das, was ich sagen möchte irgendwo sagen zu können.

      Dvorak: Stabat Mater

      Der Text der mittelalterlichen Hymnus Stabat Mater wird gemeinhin dem italienischen Franziskanermönch Jacopone da Todi (1230-1306) zugeschrieben. Die liturgische Sequenz wurde von der offiziellen Liturgie durch das Konzil von Trient entfernt, aber von Papst Benedikt XIII im Jahre 1727 wiederhergestellt. Die lateinischen Verse beschreiben die biblische Szene der Kreuzigung Christi aus der Sicht der Mutter Maria, dieihren Sohn am Kreuz betrauert. In einer Mischung aus religiösem Thema und tiefer menschlicher Gefühl inspirierte der Texte Dutzende von Vertonungen im Laufe der Jahrhunderte. Abgesehen von Dvorak, gehören zu einigen der bekanntesten Kompositionen des Stabat Mater die von Palestrina, Pergolesi, Haydn, Verdi und Rossini.

      Die Entscheidung Stabat mater zu schreiben wird traditionell als eine Reaktion auf den Tod von drei Kindern Dvoraks gesehen. Es ist nicht ganz klar, ob diese herkömmliche Auslegung in vollem Umfang den Tatsachen entspricht. Der Komponist hatte bereits eine erste Version der Arbeit nach dem Tod seiner Tochter Josefa 1875 geschrieben. In seiner ursprünglichen Form, besaß das Werk nur sieben Sätze mit nur einem Klavierbegleitung, dennoch kann es immer noch als vollwertige Zusammensetzung betrachtet werden. Als 1877 seine 11-Monate alte Tochter Ruzena und sein erstgeborener Sohn Otakar innerhalb einen Monats starben, überarbeitete Dvorak das Werk in die heute bekannte Form.

      Die Premiere des Werkes fand in Prag am 23. Dezember 1880 bei einem Konzert der Musikervereinigung statt, gefolgt von einer Aufführung in Brno am 2. April 1882 unter der Leitung von Leos Janacek: die erste Aufführung im Ausland innerhalb von wenigen Tagen, in Budapest am 5. April des gleichen Jahres. Ein Meilenstein in der Geschichte von Dvoraks Stabat Mater war die erste Präsentation in England. Die London-Premiere am 10. März 1883 war so ein herausragender Erfolg, dass der Komponist aufgefordert die Aufführung im nächsten Jahr selbst zu leiten. Dieses Konzert am 13. März 1884 war der erste große Triumph des Komponisten im Ausland.
      Dvorak berichtet selbst über eine Londoner Aufführung:
      "...sobald ich auf das Podium trat, wurde ich von einem stürmischen Applaus eines Publikum von etwa 12.000 begrüßt. Nach jedem Satz erhöhte sich ihre Inbrunst und am Ende war das Klatschen so laut, ich musste mich merhmals verbeugen, wieder und wieder. Das Orchester und Chor wurden auch in ihren inbrünstigen Applaus eingeschlossen, der mich mit Ovationen überschüttete."
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Jedes der zehn Teile des Oratoriums wird als eigenständiger Teil mit einem eigenen thematischen Basis konzipiert. Nur
      der letzte Satz ist eine Ausnahme, in dem der Komponist aus dem ersten Teil zitiert, wahrscheinlich um eine größere Einheit des Werkes als Ganzes zu erreichen.
      Die Atmosphäre der gesamten Komposition wird vom ersten Satz, Stabat mater dolorosa, geprägt welcher ein starkes Gefühl von unaussprechlicher Trauer und Angst beinhaltet. Nach einer langen Orchestereinleitung, fügen sich nach und nach der gemischte Chor und das Solistenquartett ein. Der ununterbrochene melodische Strom führt in einen steil abgestuften Durchgang, der nach einem Anstieg auf einem markanten motivische Sequenz in einer Art "Schrei" gipfelt, fortissimo in verminderten Septakkord im Orchester und Chor. Erst kurz vor dem Ende bewegt sich die Musik in ein sanftes Dur.

      Die folgenden acht Teile sind im wesentlichen abwechselnd vom Chor und den Solisten geprägt. Der letzte Satz, Quando corpus morietur, mit Chor und Solisten gleichermaßen, ist wie weiter oben gesagt, thematisch aufbauend auf Material aus dem ersten Teil. Die Stimmung des Satzes ist jedoch anders. Der Anstieg gipfelt hier in kein fortissimo, sondern direkt in einen strahlenden Dur. Es folgt eine komplexe Fuge auf das Wort "Amen" und ein letztes A-cappella im Chor.

      Trotz seiner gewissen Monumentalität berührt Stabat mater sehr sanft und demutsvoll. Charakteristisch für die ganze Komposition ist ein gewisser Erhabener musikalischer Ausdruck, Feierlichkeit, die aber frei von jeglicher Form von Trivialität oder vordergründigen Effekten ist. Im Kontext der anderen Werke Dvoraks erscheint das Stück als erster greifbare Beweis für seine religiöse Hingabe. Dvoraks einfacher, anspruchsloser Glauben, eines der wichtigsten Attribute seiner ganze späten Werke sowie eine tiefe Kontemplation prägen das gesamte Werk. Die gesamte Struktur des Stückes lässt einen majestätischen, expressiven Bogen, der sich von dem Bild von Tod und Leiden, und das Gefühl der Angst und schmerzhafter Meditation, über die endgültige, lebensbejahende Katharsis erstreckt, spannen.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Sooo, alle guten Dinge sind drei und ich komme endlich dazu, was ich im Grunde "nur" sagen wollte...

      Vor Kurzem erwarb ich folgende Scheibe:


      Ich würde lügen, wenn ich schon Dutzend andere Versionen gehört hätte, insofern ist ein Vergleich erstmal müßig.
      Da ich seit jeher Sinopoli schätze, dachte ich, da werde ich wohl nichts falsch machen und muss definitiv sagen, dass ich das eine ganz, gan großartige Aufnahme finde, sowohl orchtestral als auch gesanglich.
      Fast erstaunlich (oder gerade auch nicht?), dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt, muss ein tolles Erlebnis gewesen sein damals vor Ort gewesen zu sein. Immer wieder bedauerlich, dass Sinopoli bereits von uns gegangen ist.
      Ingesamt sehr ergreifend, auch das Werk ganz allgemein.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Das Stabat Mater von Dvorak ist eines der ergreifendsten Werke die ich kenne. Neben der Missa Solemnis von Beethoven ist es mein absolutes Lieblingswerk dieses Genres. Dem Komponisten ist hier ein wahrer Geniestreich geglückt. Das ganze Werk wirkt geschlossen und organisch, trotz des doch ziemlich unterschiedlichen Charakters der einzelnen Teile. Neben den in sich gekehrten Teilen wie dem "Stabat mater dolorosa" oder dem "Eja Mater", die in Moll gehalten sind, gibt es auch wunderschöne versöhnlich wirkende Musik, wie das "Tui Nati Vulnerati" in Es-Dur mit seiner sanften Bewegung. Das großartigste aber ist der Schlußsatz, der die Musik des Anfangs aufnimmt, weiterentwickelt und dann nach einer Climax und einem gewaltigen Akkord des Orchesters unmittelbar in die Schlußfuge mündet. Das Werk endet jedoch nicht im vollen Orchester, sondern nach einem a capella vorgetragenen Choral mit dem "Quando corpus morietur" klingt es langsam aus und endet im ppp. Man muß kein religieuser Mensch sein, um vom Inhalt des stabat mater (Schmerzensmutter) angerührt zu sein. Aber ich kann jeden verstehen, der nach ber Beschäftigung mit diesem Werk intensiver über den Sinn des Lebens und den spirituellen Hintergrung des Christentums nachdenkt. Allerdings glaube ich nicht, das es Dvorak im Sinn hatte hier eine religieuse Bekenntnismusik zu schaffen. Die Dichtung war für ihn eine ideale Grundlage um sich zu artikulieren und seinen Schmerz zu verarbeiten. Gewissermaßen als Selbsttröstung.

      Damit dieses Werk zur vollen Entfaltung kommt, braucht es gute Solisten und einen ausgezeichneten Chor. Die o.g. Aufnahme mit Sinopoli erfüllt diese Kriterien weitestgehend, obgleich es sich nicht um ein Starensemble handelt. Aber wichtiger als das Individuum ist hier auch das Zusammenwirken der Akteure.
      Meine erst Aufnahme dieses Werkes war jene:



      Kubeliks Deutung ist noch innerlicher als die von Sinopoli. Er vermeidet Schärfen und betont mehr den lyrischen Charakter der Komposition. Auch hier sind die Solisten sowie der Chor ausgezeichnet.

      Die Aufnahme mit Herrweghe kenne ich noch nicht. Vielleicht kann jemand etwas dazu sagen.

      Für die Jäger unter uns wäre die Aufnahme mit Harnoncourt von Interesse, denn sie wird fast wie eine seltene Briefmarke gehandelt. Die CD war nur kurz auf dem Markt, und wurde dann wegen Einwänden eines Solisten (Pjotr Becala?) wieder zurückgezogen. Seitdem werden die beiden Scheiben zu hohen Preisen auf dem Gebrauchtmarkt angeboten.



      Ein wirklich umfassenden Eindruck des Werkes erhält man jedoch nur durch eine Live Aufführung. Wer für diese Musik empfänglich ist, sollte sie sich unbedingt im Konzert, vorzugsweise in einer Kirche anhören. Das habe ich zuletzt am Karfreitag in der Hamburger St. Michaeliskirche getan. Aber ich nutze jede Gelegenheit um das Werk in einer öffentlichen Aufführung zu hören.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Für die Jäger unter uns wäre die Aufnahme mit Harnoncourt von Interesse, denn sie wird fast wie eine seltene Briefmarke gehandelt. Die CD war nur kurz auf dem Markt, und wurde dann wegen Einwänden eines Solisten (Pjotr Becala?) wieder zurückgezogen. Seitdem werden die beiden Scheiben zu hohen Preisen auf dem Gebrauchtmarkt angeboten.
      Warum hierfür unnötig viel Geld ausgeben, wenn doch Sinopoli und Kubelik als absolute Volltreffer zu günstigen Preisen auf dem Markt zu kaufen sind? Ich fühle mich mit Sinopoli bestens bedient. Mehr Einspielungen brauche ich persönlich auch nicht.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Hallo Maurice

      In der Beurteilung der beiden Aufnahmen stimme ich Dir zu. Ich benötige eigentlich auch keine weitere. Ich habe deshalb auch die Jäger unter uns angesprochen. Und da gibt es ja durchaus Zeitgenossen, denen auch die 12. Einspielung eines Werkes noch nicht ausreicht. Und ob Harnoncourt den finanziellen Aufwand lohnt lasse ich auch mal dahingestellt. Immerhin ist sein Arnold Schönberg Chor nicht dabei, was schon mal bedauerlich ist.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Maurice schrieb:

      Warum hierfür unnötig viel Geld ausgeben, wenn doch Sinopoli und Kubelik als absolute Volltreffer zu günstigen Preisen auf dem Markt zu kaufen sind?

      Die Sony-Einspielung habe ich nicht, dafür aber meine Aufnahme der Live-Übertragung, auf der sie beruht, und für mich zählt sie zu den überzeugendsten. Die hier nicht erwähnten Sawallisch und Belohlavek (ich meine die mit Urbanová, [Marta] Benacková, Uhlenhopp und Mikulas, die andere kenne ich nicht) sollten nicht vergessen werden, Zdenek Kosler hat auch eine vortreffliche Einspielung geliefert, wie auch Vaclav Talich mit seinem erstklassigen Solistenquartett (Tikalová, Krásová, Blachut, Kalas).
      Man merkt, ich "brauchte" mehr als eine Einspielung, Dvoráks Stabat Mater ist für mich nämlich eines der Meisterwerke, die mit einer Einspielung nicht erschöpft sind, so gut sie auch sein mag.

      Eusebius schrieb:

      Immerhin ist sein Arnold Schönberg Chor nicht dabei, was schon mal bedauerlich ist
      Der Arnold Schönberg Chor ist nicht Harnoncourts Chor, sondern Erwin Ortners. Und der Chor des Bayerischen Rundfunks braucht sich hinter keinem zu verstecken, ganz besonders in dieser Aufführung.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      Der Arnold Schönberg Chor ist nicht Harnoncourts Chor, sondern Erwin Ortners. Und der Chor des Bayerischen Rundfunks braucht sich hinter keinem zu verstecken, ganz besonders in dieser Aufführung.
      Wieder was dazugelernt. In meiner Wahrnehmung sind Harnoncourt, Concentus Musicus und Arnold Schönberg Chor eins, wie der Monteverdi Choir bei Gardiner, da sie wohl den größten Teil ihrer Aufnahmen in dieser Konstellation gemacht haben.
      Kennst Du denn auch die Aufnahme mit Herrweghe? Diejenige mit Belohlavec würde mich auch noch interessieren. Aber wie schon gesagt, ich höre das Werk am liebsten im Konzert, und es wird ja auch immer mal wieder aufgeführt.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Philbert schrieb:

      Zdenek Kosler hat auch eine vortreffliche Einspielung geliefert
      Die gibts für wenige Cent zusammen mit dem Requiem bei Amazon....
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)