Die barocke Violinsonate - Hintergründe, Beispiele, Empfehlungen

    • Felix Meritis schrieb:

      Ich habe aus persönlicher Erfahrung leider nur einen Anti-Tipp:



      Ziemlich langweilig gespielt....

      So gut wie unter Garantie ist folgende Einspielung besser:



      Die beiden von Felix genannten Aufnahmen sind auf U-tjuub auch zu finden. Angefangen habe ich mit Letzbor und hielt die Kompositionen für ziemlich schlecht. Dann Lessing und die Musik macht doch einen sehr guten Eindruck. Aber in der Tat, das könnte es besser geben. Aber das langweilige Gekratze von Letzbor hat mir überhaupt nicht gefallen, wobei ich schon gute Sachen von ihm im Radio gehört habe. Wenn auch eher in eher extremerer Interpretation als mir gewöhnlich lieb ist. Irgendwie verwunderlich, dass es von der schönen und bedeutsamen Musik Westhoffs nicht noch mehr Aufnahmen gibt als die, die bei den Partnern zu finden sind.

      Zum Abschluss des Nachmittags habe ich mir dann Veracini mit Fabio Biondi & Co gegönnt. Wunderbar, sowohl die Musik, als auch die Musiker.

      Gruß, Frank
    • Hm... Letzbor finde ich auch nicht als kratzig, Lessing hingegen doch sehr eitel und langweilig....so ist das mit den Geschmäckern.

      Aus gebenem Anlass habe ich auch Biondi gehört, nämlich zwei seiner ganz frühen CDs. Eine mit Castello, die andere mit Rossi, Farina und Co.. Ich habe jetzt wirklich lange gesucht, aber weder bei Amazon, noch bei JPC Bildchen gefunden, muss also ohne gehen.
      Einem sehr lieben Freund schrieb ich dazu:
      "Ja, wie macht er (Biondi) das? Vielleicht mit seinem Ton, der so vokal klingt?
      > Viele werfen ihm das ja vor, dass er einen Ton oft nicht gerade hält,
      > sondern schon an den folgenden bindet und damit Intonationstrübungen
      > inkauf nimmt. Mich stört das nie, ganz im Gegenteil." Das Gesangliche scheint für Biondi stets im Vordergrund zu stehen- was paradoxerweise ja für den Zink spricht.
      Oder aber für eine doch etwas andere Spielkultur als Goebel sie walten lässt bei dieser Musik.

      Chris hat mir ihren fundierten Texten bei mir ein Interesse wiedererweckt, das beinahe sanft entschlafen war- Danke!
      Zu ihrer Erwähnung der frühen Reflexe- Aufnahme der MAK: es existiert eine noch frühere mit Goebel, seinerzeit bei Aulos erschienen. Goebels erste Aufnahme überhaupt mit der MAK.
      Auch für EMI- Reflexe ist zumindest noch eine weitere Aufnahme entstanden, die ebenso hörenswert ist. Und ja: immer noch!
      Mir persönlich ist dennoch Biondis Geigenton lieber, auch bei "deutscher" Violinmusik. So hörte ich vor wenigen Tagen Bachs Violinsonaten wieder mit ihm und Alessandrini:

      und war wieder ganz überwältigt, wie sprechend, singend, melodiebetont das klingt, so ganz anders als das eher Trockene britischer oder deutscher Geiger. Er wagt Verzierungen, arbeitet mit dem Bogen, also mit Mitteln wie Bogenvibrato etc., und bereichert die Musik damit ungemein.
      Alessandrini ist nun auch kein Cembalist, der sich "die Butter vom Brot nehmen" ließe, er hält dagegen und mit und es entwickelt sich ein reiches Gespräch in allen Facetten.

      Beinahe bin ich versucht, noch über Biondis Leclair- Sonaten zu schreiben und seine Vivaldi- "Manchester- Sonaten", aber davon später.
      Hier erstmal: wer irgendwie an den Castello kommt und die CD mit Farina und Rossi, wird reich belohnt werden mit immer neuen Entdeckungen auf der Violine.

      Herzliche Grüße,
      Mike

      amazon.com/Castello-Sonate-Con…&keywords=biondi+castello

      amazon.com/Invenzioni-Stravaga…words=biondi+farina+rossi
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Die Manchestersonaten Vivaldis habe ich in der Aufnahme Manzes und war eigentlich immer zufrieden damit. Dass Biondi noch mehr rausholen könnte, halte ich indes für wahrscheinlich. Die Manchestersonaten finde ich übrigens um eine gute Raste besser als die andere Kammermusik von Vivaldi, die ich kenne.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Carlo Ambrogio Lonati (um 1645 - zwischen 1710 und 1715)



      Carlo Ambrogio Lonati
      Violinsonatas für Violine und Basso continuo

      Christoph Timpe - Violine
      Accademica Per Musica:
      Andrea Fossà - Cello
      Francesco Romano - Theorbo
      Anna Fontana - Cembalo

      rec.: Berlin 2002


      Aus den Kaiser Leopold I. gewidmeten 12 Sonaten per violino e basso continuo 1701:

      1. Sonata XI D-Dur "in Scordatura"
      2. Sonate II g-moll
      3. Sonata IV A-Dur
      4. Sonata X G-Dur "in Scordatura"
      5. Sonata III d-moll
      6. Sonata XII G-Dur
      mit als 1. Satz die "monumentale" Ciaccona - 15'33 von 22'46 der ganzen 5-sätzigen Sonate


      Diese Sonatensammlung ist nur handschriftlich überliefert. Sie kam über Pisendel nach Dresden, wo die Originale seit 1945 verschollen sind. Lonati ließ seine Werke bewußt nicht drucken; sie seien seitenweise kopiert und die Originale unterschlagen worden.


      Christoph Timpe schrieb:

      Die Sonaten von 1701 sind für die barocke Violinliteratur aus verschiedenen Gründen von größter Bedeutung. Sie gliedern sich, wie üblich, in einen ersten Teil (I-VI) mit Kirchen- sowie einen zweiten Teil (VII-XII) mit Kammersonaten. Die letzte der Kirchensonaten sowie die Kammersonaten mit Ausnahme der letzten, nämlich der Ciaccona sind überdies für verschiedene Skordaturen konzipiert, d.h. sie erfordern für die Violine eine andere als die übliche Quint-Stimmung. Die Verwendung der Skordatur , die zahlreichen Variationssätze und überhaupt, das geigerische Idiom rücken Lonati in die künstlerische Nähe des gleichaltrigen österreichisch-böhmischen Violinvirtuosen Heinrich Ignaz Franz Biber. Wer hier wen beeinflußt hat, bliebe boch zu untersuchen, jedenfalls ist Lonati der einzige Italiener, der Gemeinsamkeiten mit Biber und seinem Umkreis aufweist. Des weiteren warten die Sonaten mit einem violintechnischen Standard auf, der alles bisher auf der Geige Erprobte resümiert und in den Schatten stellt. Besonders die monumentale Ciaccona ist ein Kompendium bogen- und grifftechnischer Problemstellungen.


      Die Sonate VIII von Lonati findet sich mit Werken anderer, z.T. selten aufgeführten Komponisten wie Bonporti, Stradella, Caldara, Calista, Ravenscroft, Manelli, Lulier auf dieser CD:



      Roma
      Alte Musik Köln

      Bei dem Ensemble Alte Musik Köln handelt es sich um den Nachfolger der Musica Antiqua Köln.

      Rezension:
      musica-dei-donum.org/cd_reviews/myriosclassics_MYR002.html


      Beiden CDs ist jeweils ein informatives Booklet beigelegt.
      Ich höre die Aufnahmen gern - aber hört selbst mal rein.


      lg vom eifelplatz, Chris.
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      Außer dem Booklet habe ich folgende Literatur benutzt:

      de.wikipedia.org/wiki/Carlo_Ambrogio_Lonati
      en.wikipedia.org/wiki/Carlo_Ambrogio_Lonati
      tools.wmflabs.org/persondata/p/Carlo_Ambrogio_Lonati
      viaf.org/viaf/100319247/

      treccani.it/enciclopedia/carlo…_(Dizionario-Biografico)/

      youtube.com/watch?v=C1LXWg8lEmk
      youtube.com/watch?v=Ipe1vg2f4Kc
    • Hempel schrieb:

      Eine mit Castello, die andere mit Rossi, Farina und Co.. Ich habe jetzt wirklich lange gesucht, aber weder bei Amazon, noch bei JPC Bildchen gefunden, muss also ohne gehen.
      Geht auch mit:

      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Lieber JD,
      wiedermal danke!
      Ich gebe gern zu, einfach keine Geduld zu besitzen, nach Covern zu suchen- sieh es mir bitte nach.

      Fast immer höre ich, worüber ich gerade schreibe und bin dann auf die Musik konzentriert. Wenn dann eine Verlinkung nicht auf Anhieb klappt, fehlt mir der Nerv zum Suchen.
      Dir also wieder meinen Dank!

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Jean-Marie Leclair (1697-1764)



      Jean-Marie Leclair
      Sonatas à Violon Seul avec La Basse continue
      extraites du Quatrième Livre

      Sonatas X, VII, V, XII

      Luis Otavio Santos, violin
      Alessandro Santoro, harpsichord
      Ricardo Rodriguez Miranda, viola da gamba

      Rec.: Church of St. John & St. Philip, Den Haag, 2004
      Cover: Brocade silk shoe, c. 1730-1750, Musées de la Ville Bruxelles


      Rainer Arndt schrieb:

      Als Jean Marie Leclair im Alter von 46 Jahren sein Viertes Buch mit Sonaten für Violine und Generalbass veröffentlichte, befand er sich im Zenit seiner geigerischen und kompositorischen Entwicklung. [...] Leclairs Sonaten des Vierten Buches sind Musik von größter Emotionalität, einer subjektiven, man möchte fast sagen romantischen Expressivität, die sich in ungewöhnlichen melodischen Wendungen, in unerwarteten Modulationen und Trugschlüssen manifestiert. [...] Der französische Stil, der das Erste Buch seiner Sonaten noch ganz entscheidend bestimmt hat, ist hier selbst in den Charaktersätzen vollkommen in einer italianisierten Schreibweise aufgegangen, Leclair hat wie kein anderer den italienischen Stil in Frankreich eingeführt und es als erster verstanden, die hohe Kunst der italienischen Violinvirtuosen und die Modelle der Corellischen Kirchensonate bzw. des Vivaldischen Ritornellkonzertes mit der französischen Tradition zu verschmelzen.
      Aus dem Booklet.



      Dies ist eine der CDs, die mir die französische Instrumentalmusik nahe brachte. Schon der Beginn zog mich an, leise, etwas melancholisch, gefasst und doch virtuos, ich habe sie in den Jahren oft und mit Freude gehört. Vielleicht gefällt es euch auch - hört mal rein.


      lg vom eifelplatz, Chris.


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      Außer dem Booklet habe ich folgende Texte benutzt:

      de.wikipedia.org/wiki/Jean-Marie_Leclair
      en.wikipedia.org/wiki/Jean-Marie_Leclair
      tools.wmflabs.org/persondata/p/Jean-Marie_Leclair
      ramee.org/0403gb.html
      musicologie.org/Biographies/l/leclair_jean_marie.html
    • Leclair und seine Reivalen



      Leclair & his Rivals
      Guillemain, Cardonne, Guignon & Duphly



      Louis-Gabriel Guillemain (1705-1770)
      Sonata no. IV, la majeur, a violon seul avic la basse continue
      (Premier livre, Dijon 1734)

      de.wikipedia.org/wiki/Louis-Gabriel_Guillemain

      Jean-Baptiste Cardonne (1730-1792)
      Sonata IIIe en mi mineur
      (Premier livre de Sonates pour Clavecin avec l'accompagement de violin obligé, Paris 1765)

      de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Cardonne

      Jean-Pierre Guignon (1702-1774)
      Sonata a violino solo avec è basso op 1 no 9, do mineur

      de.wikipedia.org/wiki/Jean-Pierre_Guignon

      Jacques Duphly (1715-1789)
      Troisième livres des pièces de Clavecin (1756)

      en.wikipedia.org/wiki/Jacques_Duphly

      Jean-Marie Leclair (1697-1764)
      Sonate no XII, sol majeur, à violon seul avec la basse continue
      (Troisième livre, Paris 1734)

      de.wikipedia.org/wiki/Jean-Marie_Leclair


      Leila Schayegh, Baroque violin
      Jörg Halubek, harpsichord


      Rec.: Radiostudio Zürich 2011


      Leila Schayegh schrieb:

      Jean-Marie Leclair (1697-1784) war aus heutiger Sicht der wichtigste Violinist im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Sein musiklalischer und geigerischer Einfluss war so gross, dass man ihn gar als Begründer der französischen Violinschule bezeichnet. In Lyon geboren wirkte er an der dortigen Oper zuerst als Tänzer, bevor es ihn 1922 nach Turin zog. Er hielt sich dor ein ganzes Jahr auf und nahm mit ziemlicher Sicherheit Unterricht bei Giovanni Battista Somis, dem musikalischen Ziehvater so manchen italienischen Geigers. Das hat Leclairs Stil nachhaltig beeinflusst - seine Werke gehören zum sogenannten Goût réuni (dem "vereinten Geschmack"), in dem der französiche und italienische Stil ineinanderflossen.


      1723 ging Leclair nach Paris, unternahm ausgedehnte Konzertreisen. Schließlich führte sein Erfolg zu einer Stellung am Hof Louis XV. Natürlich war er am Hof nicht der erste und einzige bekannte Geigenvirtuose, der bekannteste war vielleicht Jean-Pierre Guignon, gebürtiger Italiener und ebenfalls Somis-Schüler, dann Louis-Gabriel Guillemain und Jean-Baptiste Cardonne, der, in Versailles geboren, schon als Kind als Page am Hof lebte. Sie alle waren Rivalen um die Gunst des Königs und seiner Höflinge. Jacques Duphly ist als Cembalist und Organist natürlich keine Konkurrenz als Geiger; er schuf einige Solostücke für sein Instrument mit begleitender Violione - das passt gut zu dem schön gewählten Programm von Schayegh und Halubek, die ich beide sehr schätze.


      So bin ich auch sofort aufmerksam geworden, als ich diese CD entdeckte. Und dann kam einer der Momente, die man bei der Beschäftigung mit Musik so liebt und die im Alter seltener werden: die Entdeckung eines Komponisten und das Wissen, dass einen sein Werk von nun an begleiten wird - gemeint ist Louis-Gabriel Guillemain, nie gehört vorher.


      Gleich Track 1: der hinreißede Anfang der Sonate Guillemains, - ein Freund nannte das "Lebensfreude pur".
      Also, hört mal rein, unbedingt. Für mich war es d i e CD des letzten Jahres. Und in den nächsten Wochen werde ich noch ein paar CDs mit Werken Louis-Gabriel Guillemains vorstellen (natürlich habe ich sofort danach gesucht und einige wenige gefunden).



      lg vom eifelplatz, Chris.

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      Außer dem Booklet habe ich folgende Texte benutzt:

      scb-basel.ch/index/117731
      leilaschayegh.com/wp/portfolio…clair_rivals/#rezensionen
      musica-dei-donum.org/cd_reviews/Leclair_PC10278_A361.html

    • Deutlich nach den Konzerten Leclairs (mit Gerard Jarry und Paillard) brachte mir Biondi die Sonaten nahe.

      Etwas kurios, da hier nun ein Italiener französische Barockmusik spielt- dass das "funktioniert" zeigt, dass Leclairs Musik doch sehr dem Goût réunis verpflichtet ist.
      Macht wohl auch wieder Biondis Geigenton, der so sehr an der Stimme orientiert ist, dass auch die Manirismen der damaligen französischen Musik völlig organisch wirken.


      Leclair ist für mich ein zu Unrecht unterschätzter Komponist, nicht nur in seinen Sonaten für Violine, denen für Flöte, vor allem in seinen Konzerten und größer besetzen Kammermusiken- die wunderbaren Duos für zwei Violinen!


      Auch seine einzige Oper "Scylla et Glaucus" stelle ich neben die Opern Rameaus. Er scheint "aus dem Ärmel zu schütteln", worum Rameau gekämpft hat.


      Einige der Konzerte Leclairs hat Luis Otavio Santos eingespielt, in meinen Ohren nicht vollends überzeugend- das "Zeug" ist aber auch mordsmäßig schwer!


      Das Thema weiter auszuführen, würde bedeuten, sich der Musik Frankreichs zwischen ca. 1730 bis zur Französischen Revolution anzunehmen, darunter solchen großartigen Kompositionen wie derer von Aubert mit seinen Konzerten für vier Violinen und Bass, den Sonaten und Konzerten Louis-Gabriel Guillemains, denen der Familie Corette und anderen- was eigentlich beinahe einen eigenen Thread erforderte, obwohl so unbekannte Musik und aus dem Konzertleben nahezu völlig verschwunden.

      Zumal man sofort auch wieder Bezüge herstellen müsste zwischen Blavet und Telemann z.B., wie zwischen so einigen Franzosen wie Buffardin und Volumnier, die am Dresdner Hof tätig waren.



      Eine Art Büchse der Pandora, wenngleich ihr hier nur Erfreuliches entspringt.
      Chris, danke für Deinen Tip!

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Jean Baptiste il Maestro Somis, Artiste Musicien Classique 1686-1763

      Wenn man sich mit den zuletzt vorgestellten französischen Musikern beschäftigt, sollte man auch einem gewissen Signore Jean-Baptiste Somis nicht aus den Augen bzw. Ohren verlieren, der - abkömmlich aus einer Musikerfamilie - einige dieser Musiker unterrichtete. Er selbst war ein Schüler von Corelli; die de.Wikipedia erwähnt, dass dieser ihn in neuen Bogentechniken und der Kunst der Verzierungen ausbildete.
      Somis gab später ebenfalls sein Können weiter, sein bekanntester Schüler war Lean-Marie Leclair, von dem die Wikipedia schreibt, dass er Somis Spielweise in die französische Violinschule einbrachte. Weitere Schüler von Somis waren Gaspard Fritz, Jean Pierre Guignon, Louis-Gabriel Guillemain, Gaetano Pugnani und sein Neffe Carlo Chiabrano.


      In einem Verzeichnis seiner Werke sind 152 Violinkonzerte aufgeführt, von denen mehr als 80 Violin- und Triosonaten gedruckt wurden, weiß die Wikipedia, aus der auch die folgende Liste stammt:


      Op. 1: 12 Kammersonaten für Violine und Basso continuo (1717 Amsterdam)
      Op. 2: 12 Kammersonaten für Violine und Basso continuo (1723 Turin)
      Op. 3: 12 Kammersonaten für Violine und Basso continuo (1725 Turin)
      Op. 4: 12 Kammersonaten für Violine und Basso continuo (1726 Paris)
      Op. 5: 6 Triosonaten für 2 Violinen und Basso continuo (1733 Paris)
      Op. 6: 12 Kammersonaten für Violine und Basso continuo (1734 Paris)
      Op. 7: "Ideali trattimenti da camera" für 2 Violinen, 2 Flöten oder Gamben (1750 Paris)
      Op. 8: 6 Triosonaten


      Ich habe Aufnahmen der Sonaten Op. 1 und Op. 2.




      Giovanni Battista Somis
      Violin Sonatas Op. 1

      Kreeta-Maria Kentala, violin
      Lauri Pulakka, violoncello
      Mitzi Meyerson, harpsichord

      Rec.: Dorfkirche Rahnsdorf; Berlin 2011
      Cover: Charles Dauphin (c.1620-1677), Charles-Emmanuel II. Duke of Savoy, with his son and wife Marie-Jeane-Baotiste of Savoy, Madrid, Museo del Prado




      Giovanni Battista Somis
      Sonate da Camera Op. 2
      per violino e cembalo

      Roberto Noferini, violin
      Chiara Cattani, harpsichord

      Rec.: Chiesa di San Girolamo, Bagnacavallo 2013
      Cover: Vittorio Amedeo Cignaroli (1700-1800) in collaboraione con figlio Angelo Cignaroli, Veduta della Valle del villagio della Novalesa



      Die Sonaten Op. 2 sind hier mit Violine und Cembalo besetzt, bei den Sonaten Op. 1 finde ich die Besetzung durch Violine und zwei andere Instrumente farbiger.
      Die von mir sehr geschätzte Cembalistin Mitzi Meyerson hat im Booklet zum Op. 1 Anmerkungen zu Transkriptionen über die ungeklärte Frage geschrieben, wie man damals die Idee des basso continuo interpretierte.

      Zu ihrem Vorgehen, verweist sie auf die damalige Praxis, die Freiheiten bei der Besetzung ermöglichte und fährt fort:


      Was für eine Freundlichkeit, den Musikern die Erlaubnis zu erteilen, alles zu arrangieren, was auch immer sie wollen, und sogar Passagen wegzulassen, die schwierig zu spielen sind! Ich glaube, dass wir aus diesen Angaben folgern können, dass ein gewisses Maß an Kreativität bei den Musikern dieser Zeit erlaubt war und regelmäßig ausgeübt wurde. Unsere Musiker haben sich dies zu Herzen genommen und mit verschiedenen Arrangements des Notentextes experimentiert. Entsprechend haben wir die Partitur mit Duos zwischen Violine und Cello instrumentiert, und Cembalo-Soli sowie viele einfallsreiche Kombinationen für die Continuo-Gruppe ersonnen.

      Ihre Interpretation der Sonaten Op. 1 nach dieser Beschreibung hat mir auch sehr gefallen - aber das ist ein reines Geschmacksurteil, hört mal rein und bildet euch selbst eine Meinung.



      lg vom eifelplatz, Chris.


      ________________________

      Den Titel des Beitrags habe ich abgeschrieben weil ich ihn so passend fand, aber leider habe ich die Quelle nicht notiert. Tut mir leid.

      Außer den Booklets habe ich folgende Literatur benutzt:

      Biographische Angaben:
      de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Battista_Somis
      en.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Battista_Somis
      tools.wmflabs.org/persondata/p/Giovanni_Battista_Somis
      gw.geneanet.org/garric?lang=de&p=jean+baptiste&n=somis


      Kritiken:
      musica-dei-donum.org/cd_reviews/Glossa_GCD921807.html
      musica-dei-donum.org/cd_reviews/Tactus_TC681908.html
    • Was ich bei den op. 1 Sonaten von Somis überraschend finde, ist der Aufbau! Alle haben die Satzfolge "Adagio - Allegro -Allegro", passen also in kein von Corelli propagiertes Schema und sind auch nicht der dreisätzigen Concertoform nachgebildet. Dem Booklet zufolge ist das typisch für alle Werksammlungen Somis`. Die Werke sind auch mMn für die damalige Zeit erstaunlich konzise, denn kein einziger Satz erreicht 3 Minuten Spielzeit (Gesamtspieldauer pro Sonate in den meisten Fällen knappe 6 Minuten).
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Was ich bei den op. 1 Sonaten von Somis überraschend finde, ist der Aufbau! Alle haben die Satzfolge "Adagio - Allegro -Allegro", passen also in kein von Corelli propagiertes Schema und sind auch nicht der dreisätzigen Concertoform nachgebildet.
      Das ist bei op. 2 etwas anders (und nur zu sehen, weil ich die CD in die itunes-Bibliothek kopiert habe, im Booklet ist das nicht zu sehen und mangels Sprachkenntnissen auch nicht zu eruieren.) Laut itunes gibt es 8 Sätze, mit mehr als 3:00 min Spielzeit, davon ein Satz mit mehr als 4 Minuten. Darüner hinaus ist auch der Aufbau variabler, ich versuch mal abzuschreiben, obwohl da Mozart läuft und itunes immer zurückschaltet:

      Op.2, 1: Adagio. allegro, Vivace
      Op.2, 2: Largo, Allegro, Allegro
      Op. 2, 3: Largo, Vivace, Allegro
      Op. 2, 4: Largo, Allegro, Allegro
      Op. 2, 5: Largo, Allegro ma poco, Allegro
      Op. 2, 6: Largo, Allegro ma poco, Allegro
      Op. 2, 7: Adagio, Allegro, Allegro Assai
      Op. 2, 8: Adagio, Allegro, Allegro
      Op. 2, 9: Largo, Allegro, Grazioso
      Op. 2,10: Adagio, Adagio ma poco, Allegro
      [ich vermute, dass hier Op. 2, 10 gemeint ist -
      verzeichnet ist Op. 2, 1 - aber das hatten wir schon]
      Op. 2,11: Largo, Allegro, Grazioso
      Op. 2,12 Adagio, Allegro, Allegro

      mir scheint, zwischen 1717 und 1723 hat er einige Differenzierungen eingebaut.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Es war ja auch seine erste Werksammlung und er selbst mit 30 Jahren noch relativ jung. Ich finde auch die Werke deshalb noch nicht so französisch sondern schon noch sehr italienisch, auch wenn er lange nicht so virtuos schreibt wie etwa Veracini oder Tartini.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.



    • Hier die Trackliste mit Zeiten:

      naxosmusiclibrary.com/catalogue/item.asp?cid=TC681908.

      Und hier das Booklet:

      naxosmusiclibrary.com/sharedfi…/TAC/booklet-TC681908.pdf.

      Darin zur Satzfolge im englischen Text (hab´s nicht mit dem italienischen verglichen, ist bei flüchtigster Prüfung der gleiche):

      “The pieces are all formed of three movements, with an introduction, Adagio o Largo, followed by two Allegro movements. The central movement is the most important within these sonatas, and is also the one whose form is most complex.
      Somis was always praised by his contemporaries for the sweet, cantabile quality of his Adagios, the broadness of his bowing and the brilliancy of his bow strokes....
      By analysing the characteristics of these sonatas, it is possible to divide them into two rather distinct groups.
      The first group, from the first sonata to the sixth, addresses and develops, in the quick movements, a constant polyphonic writing within a musical context that is quite brilliant and often prefers a staccato style over a legato, cantabile one, in clear contrast with the smooth gentleness of the introductory movements....
      In the second group of sonatas, from the seventh to the twelfth, the quick movements are more dominated by the pursuit of speed and fluidity, and favour a
      more monodic development of the violin’s line, which is also softer and more slurred...”

      Also (hastig übersetzt):

      „Die Stücke bestehen alle aus drei Sätzen, mit einer Introduktion, Adagio oder Largo, gefolgt von zwei Allegro-Sätzen. Der mittlere Satz ist der wichtigste bei diesen Sonaten, er ist der mit der komplexesten Form.
      Somis wurde von seinen Zeitgenossen immer gelobt für die süße, cantabileQualität seiner Adagios, die Breite seiner Bogenführung und die Brillianz seiner Bogenstriche.
      Wenn man die Charakteristik dieser Sonaten analysiert, kann man sie in zwei deutlich unterschiedliche Gruppen trennen.
      Die erste Gruppe, von Sonaten eins bis sechs, unternimmt und entwickelt, in den schnellen Sätzen, eine konstante polyphone Schreibweise in einem musikalischen Zusammenhang, der recht brilliant ist und oft einen Staccato-Stil dem Legato und Cantabile vorzieht, in deutlichem Gegensatz zur weichen Sanftheit der einleitenden Sätze …
      In der zweiten Gruppe von Sonaten, von der siebten bis zur zwölften, werden die schnellen Sätze beherrscht vom Bestreben nach Schnelligkeit und Flüssigkeit, sie bevorzugen eine mehr monodische Entwicklung der Violinstimme, die auch weicher und mehr legato ist...“

      Die Musik selbst höre ich grade, gefällt mir sehr gut und das Verhältnis 2 : 1 schnell – langsam entspricht mir. Ich würde mir bloß eine mehr „körnige“ Orgel oder eine (Erz-) Basslaute oder sowas im b.c. wünschen (Klage auf hohem Niveau!).

      Freundliche Grüße
      JC
    • Julius Chr. schrieb:

      Die Musik selbst höre ich grade, gefällt mir sehr gut und das Verhältnis 2 : 1 schnell – langsam entspricht mir. Ich würde mir bloß eine mehr „körnige“ Orgel oder eine (Erz-) Basslaute oder sowas im b.c. wünschen (Klage auf hohem Niveau!).
      Danke für die Übersetzung ... ich bin eine fremdsprachlische Niete, Moselfränkisch, Hochdeutsch und Latein, das wars. Hast Du auch die Möglichkeit die andere CD in irgendeinem Stream zu hören? Mich interessiert, wie Du die beiden CDs im Vergleich siehst, wenn man da überhaupt Vergleiche ziehen kann.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Moselfränkisch, Hochdeutsch und Latein
      Braucht´s wirklich soviel mehr, das Wesentliche ist doch dabei, oder? Jedenfalls eine höchst interessante Kombination!
      Höre jetzt kurz in Meyerson et al. ´rein, irgendwann muss man doch auch schlafen. Gefällt mir auf´s erste Anhören besser. Das liegt aber, fürchte ich, an der akustischen Qualität, ich lasse mich von der äußeren Qualität viel zu leicht beeindrucken. Wenn etwas perfekt geschrieben und formatiert ist habe ich immer Schwierigkeiten, kritisch zu sein.

      Freundliche Grüße
      JC
    • Neu

      Gottseidank folgt dieser Thread keiner Ordnung, deshalb hier eine Rückkehr zu den früheren italienischen Violinsonaten mit einer köstlichen CD:



      Paradise: Instrumental Sonatas
      von Antonio Bertali (1605-1669).

      Es spielt das US-amerikanische Ensemble für Barockmusik ACRONYM (acronymensemble.com/home/). Im einzelnen vgl. Beitrag 3052 im Thread „Eben gehört – ALTE MUSIK“ (kann man den Verweis auch als direkten Link einbauen?).

      Inhalt:
      1. Sonata in d a 4 (Wolfenbüttel) 10:04
      2. Sonata in g a 6 (Kremsier / Kroměříž 515) 3:37
      3. Sonata in d a 6 (Wolfenbüttel) 4:50
      4. Sonata in g a 5 (Wolfenbüttel) 2:32
      5. Sonata in d a 2 (Wolfenbüttel) 3:21
      6. Sonata in d a 3 (Uppsala und Murhardsche Bibliothek Kassel) 6:02
      7. Sonata in G a 2 (Wolfenbüttel) 8:25
      8. Sonata in d a 6 (Kremsier / Kroměříž und Wolfenbüttel) 3:33
      9. Sonata in G a 8 (Murhardsche Bibliothek Kassel) 4:02
      10. Sonata in C a 8 (Kremsier / Kroměříž) 4:52
      11. Sonata in e a 6 (Wolfenbüttel) 4:32
      12. Sonata in a a 8 (Kremsier / Kroměříž und Wolfenbüttel) 5:44
      13. Sonata in d a 6 (Kremsier / Kroměříž) 2:33.

      In Klammern das Musikarchiv, aus dem die Noten stammen. 6 Sonaten sind Erstaufnahmen – das Booklet sagt aber nicht, welche.
      Bertali war kaiserlicher Hofkapellmeister in Wien de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Bertali

      Aufnahme August 2013 im Oberlin Concervatory Colleege of Music Ohio/USA; die CD ist 2014 erschienen bei newfocusrecordings.
      Das Cover zeigt „Der Garten Eden und der Sündenfall“ von Rubens (Figuren) und Jan Brueghel d.Ä. (Tiere und Pflanzen) im Mauritshuis im Haag (en.wikipedia.org/wiki/The_Gard…Eden_with_the_Fall_of_Man).

      CD bei Spotify und NaxosMusicLibrary, Booklet (mit recht wenig Informationen – bei späteren CDs wird’s besser) hier: naxosmusiclibrary.com/sharedfi…ts/OLF/booklet-FCR901.pdfund zum wesentlichen Teil hier: acronymensemble.com/albums/paradise-sonatas-by-bertali.

      Die Technik ist gut (ein bisschen Dröhnen am Anfang), die Musik hat den Musikanten Freude gemacht und das hört man!

      Freundliche Grüße
      JC
    • Neu

      Julius Chr. schrieb:

      Gottseidank folgt dieser Thread keiner Ordnung
      Darum darf ich ungestraft folgende CD nennen:


      Valetti spielt nun eben einen italienischen Bach, melodiös und arienhaft, wenn auch wiederum anders als Biondi.
      Der Dialog zum Cembalo insbesondere ist anders aufgefasst als der zwischen Biondi und Alessandrini.
      Die beiden gehen extrovertiert zu Werke, Valetti eher schlicht ohne "deutsch" sachlich zu klingen.

      Ich kann mich nie entscheiden, welche der beiden Lesarten mir lieber ist- beide jedoch sind mir lieber als ein "statischer" Bach á la Carmignola oder anderen Aufnahmen, die Bachs Musik spröde- protestantisch lesen.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire