Ernst (Ernö) von Dohnanyi (1877-1960) - Die Kammermusik

    • Ernst (Ernö) von Dohnanyi (1877-1960) - Die Kammermusik

      Nachdem ich die Klaviermusik von Dohnanyi behandelt habe, werde ich mich jetzt der Kammermusik widmen, indem ich in loser Reihenfolge einzelne Werkgruppen behandeln werde.


      Quintett für Klavier und Streichquartett c-Moll Op.1 (1895)

      Das Klavierquintett op.1 war das erste veröffentlichte Werk von Dohnanyi, und er hatte noch die Gelegenheit es voller Stolz Brahms vorzuführen. Der war davon so begeistert, dass er sich für eine Aufführung einsetzte. Das Quintett ist gemessen an dem frühen Entstehungsdatum (Dohnanyi war erst 18 als er das Werk komponierte) ausgesprochen anspruchsvoll, hervorragend gearbeitet und voller Temperament und Leidenschaft. Natürlich waren Brahms und Schumann die großen Vorbilder für den jungen Komponisten, aber das Werk klingt keinesfalls epigonenhaft, sondern schon erstaunlich eigenständig. Man wird beim Anhören dieser Musik sofort in ihren Bann gezogen. Trotz des spürbaren jugendlichen Überschwangs zeigt Dohnanyi in diesem Quartett bereits eine staunenswerte Beherrschung der Kompositionstechniken, und bietet dem Hörer ein kurzweiliges und an gut erfun-denen Themen reiches Werk an.

      Der erste Satz (Allegro) wird vom Klavier mit einem breiten und leidenschaftlichen Thema begonnen. Die Streicher greifen erst ab Takt9 in das Geschehen ein, und entwickeln das Thema zusammen mit dem Klavier zu einem ersten Höhepunkt. Das zweite Thema ist ruhiger angelegt und wird vom Cello vorgestellt. Majestätisch fließend führen beide Themen zum Beginn der Durchführung, die sofort drängender und impulsiver wird, wenn die Streicher in eine spannungsgeladene Stretta eintreten, welche durch Fragmente des ersten Themas, über einer pulsierende Klavierbegleitung ausgebreitet wird. Die Reprise bringt das Hauptthema mit pathetischem Gestus durch das Klavier, begleitet von auf- und absteigenden Skalen der Streicher. Nach einer Generalpause leitet eine kurze Adagio-Passage die Coda ein, in welcher das Hauptthema nach C-Dur gewendet wird. Ein besonders schöner Einfall ist es, wenn in der Klavierbegleitung unvermittelt von C-Dur auf B-Dur und dann a-Moll gewechselt wird (28 Takte vor Ende des Satzes). Das klingt schon sehr nach Fauré.

      Das Scherzo in a-Moll gibt sich volkstümlich und tänzerisch. Im lockeren ¾ Takt fließt es dahin. Im Trio wird der wiegende Rhythmus durch die Folge von einer halben und 4 Viertelnoten verstärkt. Man hat den Eindruck dass die imaginären Tänzer immer leicht zur Seite kippen und sich dann (halbe Note) wieder fangen. In der Coda werden die unterschiedlichen Charaktere der beiden Themen miteinander verknüpft.

      Der dritte Satz, ein Adagio quasi Andante, steht in F-Dur und folgt einer ABA Struktur. Das Thema wird von der Viola vorgetragen und vom Klavier begleitet. Die erste Violine und das Cello folgen versetzt. Es herrscht überwiegend ein elegischer Grundton vor. Im Mittelteil wendet sich die Tonart nach Des-Dur, und über einer sanft fließenden Triolenfigur des Klaviers singen sich die Streicher aus. Die Wiederholung des Anfangsthemas erfolgt mit deutlicher Belebung in den Stimmen, und führt zu einem Aufschwung ins ff. Die letzten 11 Takte bilden einen beruhigenden Abschluss.

      Das Finale steht in C-Dur und ist ein munteres und auftrumpfendes Rondo im 5/4 Takt, der sich ständig mit einem 6/4 Takt abwechselt. Das Eröffnungsthema trägt unverkennbar ungarische Züge. Im zweiten Thema übernehmen die Streicher die Führung, und das Klavier begleitet mit aufgelösten Akkorden der linken und dann rechten Hand. Den Mittelteil bildet nach einer Generalpause in einem recht unvermittelten Übergang ein Fugato in f-Moll. Diese Passage wirkt ein wenig fremd in der sonst eher überschwänglichen Stimmung des Beginns. Man hat den Eindruck, dass Dohnanyi hier beweisen wollte dass er auch die polyphone Schreibweise beherrscht. Die beiden Anfangsteile werden dann mit leichten Abwandlungen wiederholt. Nach einem gewaltigen Aufschwung wird dann in der Coda das Hauptthema des ersten Satzes maestoso wiederholt und führt so zu einem triumphalen Abschluss des Werkes.

      Quintett für Klavier und Streichquartett es-Moll Op.26 (1914)

      Das Klavierquintett in es-Moll, Op. 26 stammt aus dem Jahre 1914, wurde also beinahe zwei Jahrzehnte nach dem ersten Quintett komponiert. Vom Charakter unterscheidet es sich von seinem Vorgänger erheblich, denn es ist wesentlich intensiver und emotional konzentrierter. War das Vorbild bei seinem Erstling Brahms, so scheint es in diesem Werk eher Gabriel Fauré zu sein, dessen Klavierquintett op.115 allerdings erst 5 Jahre später komponiert wurde. Das Werk hat nur 3 Sätze, wobei Scherzo und langsamer Satz durch ein Intermezzo ersetzt wurden. Das Quintett ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Variationen über einen Kinderreim Op. 25, und der Suite im alten Stil für Soloklavier Op. 24, entstanden. Alle drei Werke vermitteln eine außergewöhnliche Polarisierung an Stilarten, obwohl Dohnányis musikalischer Ausdruck selten so spannungsgeladen war wie in seinem zweiten Klavierquintett, einem Meisterwerk seiner Blütezeit.

      Das Werk war im Laufe des Sommers und Herbstes 1914 größtenteils in Berlin geschrieben worden, wo es am 12. November dann auch vom Klinger Quartett mit dem Komponisten am Klavier uraufgeführt wurde. Seine Unbeständigkeit und sein Drängen spiegelten Dohnányi’s natürliche Reaktion auf die schnell um sich greifende Unruhe dieser Zeit wider, obgleich das Werk in jeder Hinsicht abstrakt ist. Tatsächlich ist ein Großteil seines musikalischen Ausdrucks bemerkenswert progressiv, und seine einzigartige Klangfarbe ist sicher dem Einfluss der Zeit geschuldet. Allerdings deutet Dohnányi den Modernismus nur diskret an, denn dazu war er als Musiker zu sehr dem 19. Jahrhundert verpflichtet. Aber der schwelgerische Ton ist einer größeren Klarheit und Sparsamkeit der Mittel gewichen.

      Das Werk beginnt geheimnisvoll, wobei die Streicher im tiefen Register bei gedämpfter Begleitung des Klaviers auf ostinaten Triolen in Es, eine düstere Stimmung herauf-beschwören. Seltsamerweise ist Es-Dur notiert, obwohl es-Moll gespielt wird, was sich auch den ganzen Satz über nicht ändert. Das Thema dieses Allegro non troppo, welches auf die Einleitung folgt, ist deutlich kraftvoller und wird vom Klavier in vollen Akkorden präsentiert. Ein eher lyrisches und weit ausholendes Nebenthema wird mit steigender Chromatik in einem Dialog zwischen Klavier und Streicher behandelt, und der eigentliche Entwicklungs-abschnitt ist von seiner Konzentration her beachtenswert: ab Takt 165 folgt ein Abschnitt, bei dem 19 Takte lang über einem Ostinato auf dem Subkontra-C das Klavier das Einleitungsthema ff spielt, und die Streicher dazu als Kontrast ein dichtes Stimmengeflecht beisteuern. Dann plötzlich ändert sich die Stimmung vollständig, und über einer luftigen auf– und absteigenden Girlande des Klaviers hellt sich auch der Streicherklang auf. Der Satz endet wie er begonnen hat, und verflüchtigt sich in dreifachem Piano.

      Das Intermezzo nimmt zwar einerseits die grüblerische Grundstimmung des ersten Satzes auf, aber der Fluss wird durch 2 kurze Presto Einschübe unterbrochen, die wie hingetupft wirken. Dazwischen gibt es eine rezitativartige Episode, die maßgeblich vom Klavier bestimmt wird. Die Anlage ist dadurch symmetrisch, und bietet eine Synthese zwischen dem langsamen Satz und einem Scherzo. Auch dieser Satz verklingt in absoluter Stille.

      Die kanonische Stimmführung des Finales führt uns wieder in die grüblerische Stimmung zurück. Nachdem die Einleitung nur von den Streichern bestritten wurde, meldet sich im Anschluss das Klavier mit einem Choral, bei dessen letzten 3 Takten die Streicher wieder hinzutreten. Diese beiden Elemente bilden das Kernmaterial des gesamten Satzes. Ein weiteres bestimmendes Merkmal dieses Satzes ist seine unbestimmte Tonalität. Hier ist zwar es-Moll notiert, aber die Faktur ist sehr stark chromatisch aufgespaltet, so dass dadurch der ruhelose und unbeständige Charakter der Musik noch verstärkt wird. Die Komplexität von Dohnányis Instrumentierung offenbart hier ausgesprochen wirkungsvoll den Modernismus dieses Abschnitts: Der Einfluss von Schönbergs Stil, allerdings mehr des prädodeka-phonischen, ist deutlich spürbar. Der tragische und pessimistische Aspekt der Musik weicht in der Coda jedoch einer optimistischen Stimmung. Das Werk endet wie es begonnen hat mit Triolen des Klaviers auf Es, während die Musik wiederum im ppp erstirbt.

      Der kontemplative Charakter dieses einzigartigen Quintetts steht in starken Gegensatz zu dem auftrumpfenden jugendlichen Überschwang des Geschwisterwerks, und dürfte auch im gesamten kammermusikalischen Schaffen des Komponisten eine singuläre Stellung einnehmen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Diskographische Hinweise

      Es gibt eine ganze Reihe von Einspielungen der beiden Quintette. Diese beiden kenne ich:






      Für eine Empfehlung könnte ich mich schwer entscheiden, denn während die Version mit dem Schubert Ensemble besser klingt, ist die mit Martin Roscoe und dem Vanbrugh Quartet musikalisch besser gelungen, klingt aber nicht besonders gut. Der Klang ist dumpf und man hat bisweilen Mühe die Instrumente zu erkennen. Beide Aufnahmen sind aber schon älteren Datums. Ebenso wie diese Aufnahme:



      die von der Besetzung her auch gut sein müsste. Das Fine Arts Quartet hat auch die 3 Streichquartette eingespielt.

      Hungaroton hatte sich seinerzeit neben ASV auch sehr für Dohnanyi eingesetzt (es existieren 2 sehr gute Aufnahmen der Klaviermusik mit Ilona Prunyi).





      Vielleicht kann ja jemand etwas über andere Aufnahmen berichten.


      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Vielleicht kann ja jemand etwas über andere Aufnahmen berichten.
      Ja kann ich! Und zwar habe ich diese Aufnahme der Klavierquintette und der sehr hübschen Cellosonate:




      Vor ein paar Jahren schrieb ich andernorts dazu folgendes:


      Auf dieser CD befinden sich: zwei Klavierquintette, Op. 1 (c-Moll) und
      es-Moll (Op. 26) und eine Cellosonate in b-Moll (Op. 8). Alle drei Werke
      sind von ganz hervorragender Qualität. Kompositorisch herrlich
      gearbeitet, mit eingängigem thematischen Material, kommt praktisch keine
      Sekunde Langeweile auf. Die Tonsprache orientiert sich, wie bereits
      erwähnt, an Brahms, dennoch sind die Texturen durchaus leichter als bei
      jenem und die generelle Stimmung ist heller. Das erste Klavierquintett
      fand seine Uraufführung in Wien in 1895, und zwar in Anwesenheit von
      Brahms, der das Werk überschwänglich gelobt haben soll. Mir scheint die
      Cellosonate fast am bedeutendsten, denn in diesem Genre sind wir ja
      nicht gerade mit Meisterwerken gesegnet. Dieses Werk klingt tatsächlich
      sehr nach Brahmsens Op. 99, allerdings weist das geschickt komponierte
      Scherzo eher auf Mendelssohn zurück. Im zweiten Klavierquintett (1914
      publiziert) fanden ebenso wie im zuvor besprochenen späten
      Klavierquintett Goldmarks, französische Einflüsse Eingang, vor allem im
      Klavierpart des ersten Satzes. Dieses Werk weist zudem ein herrliches
      Finale auf, das einen Choral und eine darauf fußende Fuge (keineswegs
      akademisch!) umfasst.


      Wie gesagt, die Musik auf dieser CD ist durchgängig auf höchstem Niveau.
      Das Prager Kocian Quartett und die hinzutretenden Instrumentalisten,
      Michal Kaňka (Cello) und Jaromír Klepáč sind absolut hervorragend!


      Den Fauré scheinen wir beide gleichermaßen herausgehört zu haben!
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Sextett für Klavier, Violine, Viola, Cello, Klarinette und Horn C-Dur Op.37 (komponiert 1935, veröffentlicht 1948)

      Das Sextett op. 37 ist wohl eines der außergewöhnlichsten Kammermusikwerke von Dohnanyi. Die Besetzung dürfte wohl singulär sein, denn ich wüsste nicht, wer sonst noch für diese Kombination komponiert hat. (Es gibt ein Quintett von Zdenek Fibich, bei dem aber die Viola fehlt). Die Kombination von Klavier, Streichern und den beiden Blasinstrumenten bietet eine Fülle von Möglichkeiten zur Klangkombination, die der Komponist auch in beeindruckender Weise nutzt.

      Das Werk hat 4 Sätze, die aber durch Motive aus dem ersten Satz alle miteinander verknüpft sind, und somit eine Einheit bilden. Wie auch bereits im 2. Klavierquintett ist die Tonalität eher unbestimmt, und das eröffnende Thema nutzt bis auf 3 alle Töne der chromatischen Tonleiter. Und obwohl C-Dur notiert ist, taucht ausgerechnet ein C nicht darin auf. Dieses umherwandern zwischen den Tonarten setzt sich das ganze Werk über durch, und bestimmt maßgeblich dessen Klangcharakter.

      Über einer unruhig auf- und abwogenden Akkordbrechung im Cello, die von lang gehaltenen Akkorden des Klaviers grundiert werden, wird das Thema durch die übrigen Instrumente sukzessive vorgestellt. Interessant ist auch, dass dem Klavier nur die begleitende Funktion zugeordnet wird, die Exposition der Themen bleibt im gesamten Satz ausschließlich den anderen Instrumenten vorbehalten. Dafür dass Dohnanyi Pianist war ist es schon recht ungewöhnlich.

      Ein in Triolen aufstrebendes Motiv, gefolgt von einer Kadenz im Klavier beendet die Exposition des 1. Themas. Dieses Motiv wird auch in den anderen Sätzen als Zäsur eingesetzt. Das 2. Thema ist schwelgerisch und wird von einem Seufzermotiv mit absteigender Sekund eingeleitet. Die Viola beginnt, und die anderen Instrumente folgen. Die Verarbeitung dieses Themas bietet Dohnanyi diverse Möglichkeit der harmonischen Veränderungen. Vor der Überleitung zur Durchführung taucht im Klavier eine Akkord-Rückung auf (Ais-Cis-E+ G-Cis-E-G auf H-D + G-D), die so auch häufiger bei Richard Strauss vorkommt (Z.B. in der Frau ohne Schatten).

      In der Durchführung werden die Möglichkeiten des Anfangsthemas geschickt ausgenutzt, um es kontrapunktisch zu entwickeln. Das aufsteigende Triolenmotiv führt dann zur Reprise, welche die beiden Themen nochmals ausweitet. Kurz vor dem Schluss des Satzes gibt es noch mal eine Passage, bei der das Horn eine chromatisch aufsteigende Tonleiter spielt und dabei vom Klavier mit aufrauschenden Arpeggien und von den anderen Instrumenten mit chromatischen Verschränkungen von Themenfragmenten begleitet wird. Diese Stelle hat etwas ungemein mitreissendes und eine geradezu orchestrale Wucht. Das bereits geläufige Triolenmotiv beschließt den Satz im ff.

      Der 2. Satz, Intermezzo Adagio, steht zwar in As-Dur, aber die Tonart wird eher selten benutzt. Die Streicher stimmen einen Gesang an, der im Stil einer Laute vom Klavier begleitet wird. Die beiden Bläser haben Pause. Ein „alla Marcia“ Motiv in c-Moll unterbricht die Idylle. Hier obliegt dem Klavier die Führung, und auch die Bläser treten jetzt hinzu, wobei die Streicher schweigen. Während sich die Dramatik steigert, vereinen sich alle Instrumente. In der weiteren Entwicklung des Satzes werden nun sowohl Themenfragmente des Hauptthemas aus dem ersten Satz, sowie solche des Anfangsthemas zusammen mit dem Marschthema kunstvoll verarbeitet. Der Satz schließt im ppp auf einem As-Dur Akkord.

      Der 3. Satz ist eine Folge von Variationen, die ohne Zwischenpausen notiert sind. Das Thema ist ein schlichter und wiegender Gesang, und trägt folkloristische Züge. Bei dessen Vorstellung schweigt wiederum das Klavier. Es tritt erst in der ersten Variation auf und löst das Thema chromatisch bewegt auf, wobei es vom tiefsten Ton des Cellos mit einem pulsierenden Ostinato begleitet wird. Von besonderem Interesse ist die Variation 4, die Presto und sempre staccato dahinhuscht, wie ein Scherzo von Mendelssohn. Der Umfang der einzelnen Variationen wird sukzessive ausgeweitet, was besonders für Variation 5 gilt. Im Überleitungsteil zum letzten Satz taucht wieder das Triolenmotiv auf, und 4 akzentuierte und chromatisch aufsteigende wuchtige Akkorde des Klaviers katapultieren förmlich ins Finale.

      Dieses Finale beschert uns einen gänzlich anderen Charakter. Als ob wir plötzlich eine Tür zu einer anderen Welt geöffnet hätten. Das Thema hat einen unglaublichen Drive, und wird zunächst vom Klavier vorgetragen, wobei die übrigen Instrumente eine synkopierte Begleitung beisteuern, die später auch das Klavier übernimmt, wenn die anderen Instrumente das Thema übernommen haben. Das Ganze wirkt wie eine muntere Unterhaltung zwischen den Beteiligten. Der Satz besteht zwar überwiegend aus dem einen Thema, aber zwischendurch taucht unvermittelt ein Wiener Walzer auf, der allerdings regelwidrig in den 2/4 Takt gezwängt wird. Aber auch eine weitere eher lyrische Passage kann die Omnipräsenz des vorwärtsstürmenden Themas nicht beeinträchtigen. Es besitzt deutliche „Ohrwurm“ Qualitäten, und nachdem ich das Sextett jetzt ein paar Mal gehört habe, hat es sich bei mir festgesetzt.

      Der Schluss bietet noch eine Überraschung. Nachdem das Triolenmotiv zum krönenden Abschluss angesetzt hat, landet die Musik in Des-Dur. Der Satz ist aber in C-Dur notiert. Was macht also Dohnanyi: er leitet nach einer Pause (in der er wohl beim Komponieren gedacht hat „hallo, wo bin ich denn jetzt gelandet“) mit einem G-Dur Akkord nach C über. So etwas nennt man wohl eine pragmatische Lösung. Aber sie passt zum Humor des ganzen Satzes. Angesichts der bedrückenden Zeitumstände während der Komposition ist es erstaunlich, ein so humorvolles Finale zu hören. Aber vielleicht wollte Dohnanyi ja mit dieser Art Musik gegen den Horror anspielen Es blieb dann auch sein letztes kammermusikalisches Werk.

      Nach meiner unmaßgeblichen Meinung haben wir es bei diesem Sextett mit einem absoluten Meisterwerk zu tun. Sowohl die Verarbeitung, wie auch die harmonische und kontrapunktische Faktur sind bewunderungswürdig. Es gehört auf jeden Fall viel häufiger auf die Bühne. Und wer es da hören möchte, sollte zum Kurzfestival "Kammermusik in Detmold" am 29./30. April kommen, wo Christian Köhn es aller Voraussicht nach mit Kollegen aufführen möchte.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Diskografische Hinweise


      Das Werk ist relativ (gemessen an den anderen Kammermusikwerken) gut vertreten. Besonders empfehlen kann ich diese Einspielung, bei der auch das sehr schöne Quintett von Fibich enthalten ist.



      Das gibt es zwar nur noch gebraucht, aber das ist nicht unbedingt schlecht, da preislich interessant. Die Musiker treffen m.E. den Ton sehr gut, und der Kehraus im letzten Satz wird mit viel Spielfreude und Witz vorgetragen.

      Diese Aufnahme



      finde ich etwas "dröge". Sie ist identisch mit jener, wo auch das Quintett von Fibich enthalten ist




      Eine ebenfalls sehr gute Aufnahme des Werkes befindet sich auf einer Mitschnitt-CD des NDR, die aber wohl nirgendwo mehr erhältlich ist.

      Die anderen Aufnahmen muss ich mir bei nächster Gelegenheit mal zu Gemüte führen, falls sie in der Naxos Library angeboten werden.









      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Diese Aufnahme ist im letzten Jahr erschienen und ich habe sie mir gearde angehört. Absolut empfehlenswert, wirklich mitreissend gespielt.



      Weniger empfehlen dagegen kann ich diese Aufnahme. Ich habe zwar nur den 4. Satz des Sextetts angehört, aber das klingt für mich wenig überzeugend, eher ein wenig "fusslahm" und zudem extrem hallig. Ausserdem klingen Klarinette und Horn zuweilen etwas schrill. Damit soll gewiss ein grotesker Effekt erzielt werden, aber man kann es auch übertreiben.



      Aber der aktuelle Preis ist ohnehin ausser Konkurrenz.

      Eine eher durchschnittliche Leistung bekommt man auf dieser CD. Nicht wirklich schlecht, aber im Gegensatz zu einigen anderen (insbesondere der ersten auf dieser Seite) klar schlechter. Auch hier finde ich den Klang etwas mulmig. Das kann u.U. auch an der MP3 Qualität der Naxos Library liegen, aber bei den von mir empfohlenen Aufnahmen ist das Klangbild trotzdem natürlicher.



      Ebenfalls sehr gelungen finde ich diese Aufnahme mit dem Ensemble Kheops



      Die Musiker achten sehr auf Durchhörbarkeit und lockern somit das teilweise recht dichte Stimmengeflecht auf. Die Stellen, wo das Ensemble im Tutti spielt wirken hier kräftig, aber nicht unbedingt laut. Klitzekleiner Kritikpunkt: den Schmäh bei den Walzereinschüben im letzten Satz bekommt das Ensemble Raro besser hin. Aber das können sicher die Wiener unter uns besser beurteilen ;)



      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Sonate für Violine und Klavier Cis-Moll Op.21 (1912)


      Dohnanyis bedeutendstes Kammermusikwerk für Violine und Klavier ist wohl die Violinsonate in cis-Moll op.21, die er 1912 im Alter von 35 Jahren in Berlin komponierte. Bei diesem Werk ist erkennbar, dass Dohnanyi sich intensiv mit den Violinsonaten von Brahms auseinandergesetzt hat, denn gleich ihm setzt er seine Mittel eher sparsam aber entschieden ein. Es gibt nichts überflüssiges, die Vorstellung der Themen und deren Verarbeitung erfolgt ausgesprochen konzentriert. Auffällig an dieser leidenschaftlichen Musik (einen wirklich langsamen Satz gibt es nicht) ist Dohnányis Streben nach thematischer Einheit und dem Zusammenhalt der drei Sätze durch Variation und thematische Rückerinnerung.

      Der erste Satz, ein Allegro appassionato, beginnt mit einem verhaltenen Thema in cis-Moll, das dann in variierter Gestalt in Dur wiederkehrt. Ein etwas ruhigeres zweites Thema wird nur kurz behandelt, und die Beschäftigung mit dem ersten Thema wird bald wieder aufgenommen, und mündet in die Durchführung. Das zweite Thema wird dann allerdings in der Coda wieder verwendet, wodurch die überwiegend unstetige Stimmung des Satzes durch eine heitere und gelassene ersetzt wird, und der Satz dann sanft in Cis-Dur ausklingt.

      Das folgende Allegro ma con tenerezza ist ein Variationssatz auf einem einfachen liedhaften Thema. Die einzelnen Variationen sind sehr abwechslungsreich gestaltet. Es erklingen unter anderem tänzerische Episoden, ein sizilianischer Rhythmus, Anklänge an Csárdás oder ein luftiges Pizzicato der Violine. Der Satz hat mehr von einem Intermezzo, und grenzt die beiden Ecksätze voneinander ab. Durch die Unterschiedlichkeit der einzelnen Variationen wird ein langsamer Satz eigentlich nicht vermisst.

      Das abschließende Vivace assai beginnt dramatisch mit einem musikalischen Ausrufezeichen, und einemRückblick auf das einleitende Motiv des ersten Satzes. Das eigentliche Hauptthema kommt dann lebhaft und energisch im Dreiachteltakt daher, und dominiert fortan den ganzen Satz. Dieses Thema ist eine raffiniert verkleidete Variation des Hauptthemas im ersten Satz. Die Form ähnelt einem Rondo, und so tritt in der Mitte des Satzes ein deutlich kontrastierender Abschnitt in A-Dur auf, der ein prachtvolles Thema auf der Violine bringt, das von einer durchgängigen Achtelbewegung des Klaviers grundiert wird. Bei der Rückkehr des Hauptthemas wird dieses immer intensiver, und führt zu einer Klimax. Danach klingt die Bewegung ab, und die Coda bringt zunächst eine verkürzte Version des Hauptthemas aus dem ersten Satz. Den Ausklang bestimmt hingegen das zweite Thema des ersten Satzes, welches nach Cis-Dur gewendet den Satz ruhig und entspannt ausklingen lässt.

      Diskografische Hinweise:



      Martin Roscoe hat sich intensiv mit dem Klavierschaffen Dohnanyis auseinandergesetzt, und liefert hier mit seiner Partnerin Tasmin Little eine mehr als ordentliche Leistung ab.



      Eine sowohl aufnahmetechnisch wie auch interpretatorisch ausgezeichnete Alternative. Auch die Kombination mit Janaceks Violinsonate und anderen kleineren Werken ist sehr attraktiv.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Die volle Ladung EvD

      Dohnanyi-Jünger sollten im Juni eine Pilgerreise zur wunderschönen Wuppertaler Stadthalle erwägen.

      Nicolai Mintchev und Anna Heygster, Violine, Florian Glocker, Viola, Karin Nijssen-Neumeister, Violoncello und Sofja Gülbadamova, Klavier spielen dort am 19.06. die Sonate für Violine und Klavier op. 21 und das Klavierquintett op. 1 c-Moll (neben Brahms' g-moll Klavierquartett).

      Außerdem gibt es am 25./26.6. die Sinfonischen Minuten op. 36 und das 2. Klavierkonzert h-Moll op. 42 (neben Brahms3). Es spielen Sofja Gülbadamova, Klavier und das Sinfonieorchester Wuppertal unter Dmitri Jurowski.




      Cheers,
      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)