Vom Konzertleben in Dresden

    • Bei der Staatskapelle Dresden sind aktuell 150 Musiker unter Vertrag. Deneben stehen die 15 Mitglieder der Guiseppe-Sinopoli-Akademie, Studenten der Musikhochschule als Akademisten und Bewerber um eine Festanstellung beim Orchesterstamm zur Verfügung.

      Dieser Pool ist erforderlich, um auch ausserhalb der Salzburger Osterfestspiele z.B. bei Konzertreisen den Opernbetrieb abzusichern.
    • Pelléas und Ravel mit Trifonov im 10. Symphoniekonzert

      Im Jahresprogramm der Staatskapelle war Sofia Gubaidulinas Komposition „Der Zorn Gottes“, ein Auftragswerk des Klangkörpers, für das Konzert angekündigt.

      Aber die betagte Dame hatte ihre Arbeit nicht fertigstellen können, so dass, wie bereits beim Antrittskonzert des Orchesters in Hamburg, eine Programmänderung von Nöten wurde.

      Und so kombinierten die Programmgestalter des 10. Symphoniekonzertes zwei Werke, die von Maurice Maeterlincks Spiel „Pelléas et Mélisande“ abgeleitet worden sind.

      Als Auftakt erklang das Prélude aus der Schauspielmusik op. 80 von Gabriel Fauré von 1898. Nach der Pause wurde dann Arnold Schönbergs „Symphonische Dichtung für großes Orchester nach Maeterlinck op. 5“ (Uraufführung 1905) geboten.

      Damit sind nach der leider inzwischen verschwundenen Inszenierung der Oper von Claude Debussy des Alex Ollé aus dem Jahre 2015 drei der fünf von Maeterlincks bezaubernden Märchendrama „Pelléas et Mélisande“ abgeleiteten musikalischen Werke in der letzten Zeit in Dresden aufgeführt worden.

      Zwischen dem AuftaktFaurés und Schönbergs Symphonischer Dichtung hatten die Programmplaner Maurice Ravels aufregend instrumentiertes Spätwerk „Konzert für Klavier und Orchester G-Dur“ (1928 bis 1931) gepackt. Mit diesem Konzert verabschiedet sich Daniil Trifonov als der Capell Virtuos der laufenden Saison von seinem Dresdner Publikum.

      Bereits in der Generalprobe hatte Trifonov vor dem Prélude am Flügel Platz genommen. Christian Thielemann, erst kürzlich von der Mehrheit des Orchesters zu einer weiteren Zusammenarbeit aufgefordert, leitete vom recht kurzen Auftakt unmittelbar zum Peitschenknall-Beginn des Klavierkonzerts über.

      Im Konzert war das nicht so überraschend. Aber möglicherweise, weil man wusste, was kommt.

      Vom Bretterknall führte Christian Thielemann das Klanggeschehen zu flirrenden Tönen der Pikkoloflöte und in der Folge zunehmend in ein Zirkusambiente des Allegramente. Unüberhörbar die Einflüsse der Freundschaft Ravels zu George Gershwin. Für Trifonov die Voraussetzung, sich in das Quirlige von Blues, Swing und Jazz regelrecht hineinzulegen.

      Im Adagio assai bot der Solist lyrische Kammermusik vom Feinsten. Die Anklänge an Mozarts Musik eigentlich unüberhörbar.

      Den Presto-Schlußsatz spielte dann Trifonov scharf maschinenhaft kühl und ziemlich aggressiv ohne Suche nach einem versöhnlichen Abschluss.

      Als Zugabe versöhnte er sein Dresdner Publikum mit Strawinskys „Russischen Tanz“ aus Petruschka, indem er noch einmal seine unwahrscheinliche Virtuosität abrief.

      Im zweiten Teil des Konzertes war ich recht froh, dass wir am Vortag bereits die Generalprobe erlebt hatten.

      In der Mediathek der „Digital Concert Hall“ ist zwar eine Einspielung der frühen Schönbergkomposition der Berliner Philharmoniker mit Christian Thielemann von 2009 verfügbar, aber inzwischen ist doch, insbesondere in der Probe, spürbar, welche Vertrautheit zwischen den Musikern der Dresdner Staatskapelle und ihrem Chefdirigenten entstanden ist.

      Mit der gewaltigen Orchesterbesetzung wurden die Handlungen des Maeterlinckschen Spiel mit einer berückenden Klarheit lebendig. Die überfließende Kreativität und der Reichtum der musikalischen Ideen des jungen Schönbergs gestalteten sich so zu einem musikalischen Ereignis.

      Eine Aufzeichnung des Konzertes wird am 16. Mai ab 20.05 Uhr von MDR Kultur gesendet.
    • Gergiev und das Mariinsky-Orchester im Konzertsaal-Umbau des Kulturpalastes


      Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich zu den Akustik-Bedingungen des neuen Konzertsaals im Kulturpalast erst zu äußern, wenn ich dort Veranstaltungen von unterschiedlichen Plätzen und mit variierten Stilrichtungen erlebt habe.

      Es erweist sich aber als nicht so einfach, Kartenin der notwendigen Varianz zu erhalten.

      Andererseits hatten wir nun unseren ersten Besuch, und dann auch gleich mit einem Konzert des Mrawinsky-Orchesters unter Gergiev, mit auch unterschiedlichen Klangfarben. Geboten wurde im ersten Teil des Konzertes Schostakowitschs „Fünfte Symphonie“, seine „Rehabilitationskomposition“ von 1937.

      Für uns sind das Spiel der „Mariinskys“ und die Interpretation einer Schostakowitsch-Sinfonie des Valery Gergiev über jeden Zweifel erhaben, so dass wir uns auf die Beurteilung des Klangerlebnisses im neuen Konzertsaal konzentrieren konnten.

      Die lyrischen Phasen des Moderatos kamen bei uns, im ersten Rang-links im hinteren Saal-Teil, unwahrscheinlich warm, transparent und plastisch an.

      Die Entwicklung zum Haupt-Thema hörte ich etwas verwaschen, was eventuell auf die unterschiedlichen Laufzeiten der Töne zurückzuführen sein kann.

      Immerhin waren, wenn ich mich nicht vertan habe, die Abstände der entferntesten Musiker gut 25 Meter größer, als die uns am nächsten positionierten Instrumente. Für den geübten Hörer sind diese 80 Millisekunden Laufzeit-Unterschied der Töne schon merkbar, zumal wenn man auf derartige Feinheiten spitzt.

      In der schärferen Rhythmik des zweiten Allegretto-Satzes hat sich dann dieser Eindruck verloren. Den Einwand anderer Anwesender bezüglich eines überbordenden Bleches, konnte ich nicht nachvollziehen.

      Faszinierend haben mich die leider wenigen Töne des Klaviers. Das Instrument schien regelrecht über dem Orchester zu schweben.

      Für den zweiten Teil des Konzertes hatte man Gergiev gebeten, den Saal mit einigen Richard-Wagner-Versatzstücken zu erproben.

      Für die von der Staatskapelle mit dem Dirigat Christian Thielemanns und den mystisch aus dem Graben aufsteigenden Klängen verwöhnten Hörer, konnte das nur schief gehen.

      Und so kam der „Karfreitagszauber“ tatsächlich als die, wie Wagner mal augenzwinkernd mal geäußert hat, „Feld- und Wiesenmusik“ daher. Da traf uns ein zu großer Anteil des Direktschalls. Die begrenzten Reflexionsmöglichkeiten des Saales werden hier offenbar.

      Auch die Versatzstücke aus der Götterdämmerung, „Morgendämmerung“, „Siegfrieds Rheinfahrt“, und „Siegfrieds Trauermarsch“, konnten am Eindruck, dass dies nicht unsere „Wagner-Musik“ sei, kaum etwas ändern. Aber wann hört man mal Wagner vom Konzertpodium?

      Den Abschluss des Konzertes bildete der „Schlussgesang der Brünnhilde“ mit einer gut aufgelegten Eva-Maria Westbroek. Aber mit der geballten Kraft des Marinsky-Orchesters im Rücken hatte sie doch einige Schwierigkeiten, sich zu behaupten.

      Es gab noch keine Gelegenheit, mit Besuchern anderer Raum-Bereiche zu sprechen, ob die Sopranistin dort besser durchdringen konnte.

      Mein Eindruck ist aber, dass ein nicht unbedingt demokratischer Konzertsaal geschaffen worden ist. Diesen Verdacht zu widerlegen, dürfte Aufgabe möglichst baldiger weiterer Konzertbesuche sein.

      Deshalb stehen auch Schumann und Mendelssohn, übrigens mit Herbert Blomstedt, sowie Brahms auf dem Zettel.
    • Shaham statt Kavakos- Beitrag zur Klangentfaltung im neuen Saal

      Gebucht war ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Andrés Orozco-Estrada mit dem Geiger Leonidas Kavakos und dem Violinkonzert von Johannes Brahms umrahmt vom „Lontano“ des György Ligeti und dem „“Le sacre du printemps“ des Igor Strawinsky.

      Wir hatten im Juni des vergangenen Jahres Kavakos mit dem Brahms-Konzert gemeinsam mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters und Valeri Gergiev unter den hervorragenden akustischen Bedingungen des Bad Kissinger Max-Littmann-Saales erlebt und wollten nun die weitgehend identische Kombination auf Mittelplätzen der achten Reihe im Konzertsaal des Kulturpalastes Dresden vergleichen.

      Aber, wie groß war die Enttäuschung, als wegen eines Trauerfalls in seinem engsten Familienkreise Kavakos durch den Israeli Gil Shaham ersetzt wurde und statt Brahms Ludwig van Beethovens D-Dur Violinkonzert auf dem Zettelauftauchte.

      Nun lieben wir das Beethovenkonzert spätestens seit wir es 1961 mit Yehudi Menuhin und Franz Konwitschny im Gewandhaus-Interim Kongresshalle Leipzig gehört hatten. Aber was uns mit dem nervösen Einspringer geboten wurde, war doch recht außergewöhnlich.

      Der 46-Jährige entwickelte auf dem Podium keine Individualität. Von einer Solistenpersönlichkeit erwarte ich doch, dass sie sich entweder dem Orchester entgegenstemmt und den Dirigenten vor sich her treibt oder dem Orchester eine Unterhaltung oder Anregungen anbietet.

      Aber Shaham wirkte immer, als wäre er Orchestermitglied, gewissermaßen der Primus inter Paris des Orchesters und dem Dirigenten untergeordnet.

      Selbst die Kadenzen spielte er mehr verlegen und wirkte, als habe er Angst, sein wertvolles Instrument kaputtzumachen.

      Dabei kannte er die Noten und beherrschte die Partitur hervorragend. Mit der „Gavotte en Rondeau“-Zugabe von Bach demonstrierte er seine Virtuosität und die Beherrschung seiner Stradivari „Gräfin Polignac“.

      Das als Auftakt gespielte „Lontano für großes Orchester“ von Ligeti dürfte mit seinem extremen Aushalten von Tönen vor allem den Akustikern Gelegenheit gegeben haben, Schwächen der Klangentfaltung im noch jungen Konzertsaal aufzuspüren.

      Wir sind mit der Klangentfaltung zumindest im Mittelbereich des Parketts hoch zufrieden.

      Zu einem Höhepunkt des ersten Gastkonzertes des HR-Sinfonieorchester im neugestalteten Konzertsaal entwickelte sich dann im zweiten Teil Strawinskys „Le sacre du printemps“ (Das Frühlingsopfer) mit dem Orchester und Andrés Orozco-Estrada ihre Klasse fulminant unter Beweis stellten.
    • Mit Harding und Goerne in zwei unterschiedlichen Konzerträumen

      Die Staatskapelle Dresden hat mit ihrem Gastdirigenten Daniel Harding und dem Bariton Matthias Goerne nach dem 11. Symphoniekonzert im Semperbau mit dem gleichen Programm und den identischen Interpreten eine Europa-Tournee nach Brüssel, Amsterdam Wroclaw und Kattowice unternommen.

      Auf dem Programm der Konzerte standen, neben dem etwas merkwürdigen Mahlerschen Symphonischen Satz „Blumine“, seine „Kindertotenlieder“ nach Friedrich Rückert und die Symphonie Nr. 8 G-Dur von Antonin Dvořák.

      Bereits in der Generalprobe war auffällig, dass der noch junge Dirigent ausgezeichnet vorbereitet war. Er setzte selbstbewusst seine Akzente gegenüber den erfahrenen Musikern und dirigierte auswendig. Das hatte natürlich zur Folge, dass er seine Wünsche gegenüber dem Orchester nur mit emsigen Suchen in der Partitur artikulieren konnte.

      Interessierte Konzertfreunde der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle hatten die Gelegenheit der Nähe Wroclaws genutzt, und haben neben der Generalprobe und der Dresdener Aufführung, das Konzert im Saal des 2015 eröffneten „Nationalen Musikforums Breslau“ besucht, um die Klangentwicklung unter den doch deutlich abweichenden akustischen Bedingungen zu erleben und mit dem Stammhaus zu vergleichen.

      Der für 1820 Besucher konzipierte Saal ist, obwohl er auch über drei Ränge verfügt, dem „Schuhschachtel-Typ“ zuzuordnen. Die Wände und Decken sind aus schwarzem gegossenen Corian-Acryl und die Balkone aus einem weißen „speziellem Beton“ ausgeführt.

      Die gekrümmten Deckenelemente können zur Anpassung der Klangwirkung abgesenkt oder angehoben werden. Mit abtrennbaren sogenannten Akustikkammern lassen sich zusätzliche Dämpfungseffekte insbesondere für den Chorgesang erzielen. Für die Klangoptimierung auf den Rangplätzen sind offenbar auch elektronische Hilfen in Anspruch genommen worden.

      Die Akustik war von der US-Firma Artec unter Mitwirkung des Japaners Yasuhisa Toyota konzipiert worden.

      In Verkennung unseres Anliegens waren uns vom Partner Plätze im Vorderbereich des ersten Ranges, der nur wenige Meter über dem Parkett, etwa in Höhe des Orchester-Podestes, angeordnet ist, zur Verfügung gestellt worden.

      Dort war insbesondere der Gesang von Matthias Goerne außergewöhnlich sauber moduliert mit hohem Direktschall-Anteil zu hören. Die im Nahbereich befindlichen Instrumente, dabei insbesondere die Harfe, waren geringfügig überprivilegiert auszumachen.

      Nach der Pause habe ich mir dann einen unbesetzten Platz in der Mitte der achten Parkettreihe erobert, um die Dvořák-Symphonie à la Schuhschachtel hören zu können.

      Dieses Hören hat mich dann wieder in meiner Schwärmerei für die „demokratische Schuhschachtel“ bestärkt. Ich musste mein Hörgerät, das ich vor allem zur Kompensation eines Höhenfrequenzeinbruchs nutze, zunächst dämpfen.

      Der Anteil des Reflexschalls von den Deckenelementen erreichte nahezu die Intensität des absolut symmetrischen Direktklangs vom Podium. Vermischt wurde das von diskreten, aber gut differenzierbaren Klangreflexen von den Rängen.

      Die Töne strömten gleichsam von allen Seiten und wohlgeordnet auf mich ein, so dass selbst der vom Orchester etwas verschlurte dritte Dvořák-Satz nicht unangenehm, auffiel.

      Ich wurde gleichsam von der Musik eingehüllt, wie ich es ansonsten nur, auch da selten, vom Max-Littmann-Saal in Bad Kissingen bzw. von ausgezeichneten Kopfhörern kannte.

      Gegenüber dem Semper-Saal, der eben kein ausgesprochener Konzertraum ist, klingt die Musik imWroclawer Haus damit noch etwas weicher und voluminöser.

      Und noch etwas fiel im Konzertsaal in Wroclaw auf: Junge Besucher dominierten das Publikum und machten uns Dresdner noch zusätzlich etwas neidisch.