Vom Konzertleben in Dresden

    • Bei der Staatskapelle Dresden sind aktuell 150 Musiker unter Vertrag. Deneben stehen die 15 Mitglieder der Guiseppe-Sinopoli-Akademie, Studenten der Musikhochschule als Akademisten und Bewerber um eine Festanstellung beim Orchesterstamm zur Verfügung.

      Dieser Pool ist erforderlich, um auch ausserhalb der Salzburger Osterfestspiele z.B. bei Konzertreisen den Opernbetrieb abzusichern.
    • Pelléas und Ravel mit Trifonov im 10. Symphoniekonzert

      Im Jahresprogramm der Staatskapelle war Sofia Gubaidulinas Komposition „Der Zorn Gottes“, ein Auftragswerk des Klangkörpers, für das Konzert angekündigt.

      Aber die betagte Dame hatte ihre Arbeit nicht fertigstellen können, so dass, wie bereits beim Antrittskonzert des Orchesters in Hamburg, eine Programmänderung von Nöten wurde.

      Und so kombinierten die Programmgestalter des 10. Symphoniekonzertes zwei Werke, die von Maurice Maeterlincks Spiel „Pelléas et Mélisande“ abgeleitet worden sind.

      Als Auftakt erklang das Prélude aus der Schauspielmusik op. 80 von Gabriel Fauré von 1898. Nach der Pause wurde dann Arnold Schönbergs „Symphonische Dichtung für großes Orchester nach Maeterlinck op. 5“ (Uraufführung 1905) geboten.

      Damit sind nach der leider inzwischen verschwundenen Inszenierung der Oper von Claude Debussy des Alex Ollé aus dem Jahre 2015 drei der fünf von Maeterlincks bezaubernden Märchendrama „Pelléas et Mélisande“ abgeleiteten musikalischen Werke in der letzten Zeit in Dresden aufgeführt worden.

      Zwischen dem AuftaktFaurés und Schönbergs Symphonischer Dichtung hatten die Programmplaner Maurice Ravels aufregend instrumentiertes Spätwerk „Konzert für Klavier und Orchester G-Dur“ (1928 bis 1931) gepackt. Mit diesem Konzert verabschiedet sich Daniil Trifonov als der Capell Virtuos der laufenden Saison von seinem Dresdner Publikum.

      Bereits in der Generalprobe hatte Trifonov vor dem Prélude am Flügel Platz genommen. Christian Thielemann, erst kürzlich von der Mehrheit des Orchesters zu einer weiteren Zusammenarbeit aufgefordert, leitete vom recht kurzen Auftakt unmittelbar zum Peitschenknall-Beginn des Klavierkonzerts über.

      Im Konzert war das nicht so überraschend. Aber möglicherweise, weil man wusste, was kommt.

      Vom Bretterknall führte Christian Thielemann das Klanggeschehen zu flirrenden Tönen der Pikkoloflöte und in der Folge zunehmend in ein Zirkusambiente des Allegramente. Unüberhörbar die Einflüsse der Freundschaft Ravels zu George Gershwin. Für Trifonov die Voraussetzung, sich in das Quirlige von Blues, Swing und Jazz regelrecht hineinzulegen.

      Im Adagio assai bot der Solist lyrische Kammermusik vom Feinsten. Die Anklänge an Mozarts Musik eigentlich unüberhörbar.

      Den Presto-Schlußsatz spielte dann Trifonov scharf maschinenhaft kühl und ziemlich aggressiv ohne Suche nach einem versöhnlichen Abschluss.

      Als Zugabe versöhnte er sein Dresdner Publikum mit Strawinskys „Russischen Tanz“ aus Petruschka, indem er noch einmal seine unwahrscheinliche Virtuosität abrief.

      Im zweiten Teil des Konzertes war ich recht froh, dass wir am Vortag bereits die Generalprobe erlebt hatten.

      In der Mediathek der „Digital Concert Hall“ ist zwar eine Einspielung der frühen Schönbergkomposition der Berliner Philharmoniker mit Christian Thielemann von 2009 verfügbar, aber inzwischen ist doch, insbesondere in der Probe, spürbar, welche Vertrautheit zwischen den Musikern der Dresdner Staatskapelle und ihrem Chefdirigenten entstanden ist.

      Mit der gewaltigen Orchesterbesetzung wurden die Handlungen des Maeterlinckschen Spiel mit einer berückenden Klarheit lebendig. Die überfließende Kreativität und der Reichtum der musikalischen Ideen des jungen Schönbergs gestalteten sich so zu einem musikalischen Ereignis.

      Eine Aufzeichnung des Konzertes wird am 16. Mai ab 20.05 Uhr von MDR Kultur gesendet.
    • Gergiev und das Mariinsky-Orchester im Konzertsaal-Umbau des Kulturpalastes


      Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich zu den Akustik-Bedingungen des neuen Konzertsaals im Kulturpalast erst zu äußern, wenn ich dort Veranstaltungen von unterschiedlichen Plätzen und mit variierten Stilrichtungen erlebt habe.

      Es erweist sich aber als nicht so einfach, Kartenin der notwendigen Varianz zu erhalten.

      Andererseits hatten wir nun unseren ersten Besuch, und dann auch gleich mit einem Konzert des Mrawinsky-Orchesters unter Gergiev, mit auch unterschiedlichen Klangfarben. Geboten wurde im ersten Teil des Konzertes Schostakowitschs „Fünfte Symphonie“, seine „Rehabilitationskomposition“ von 1937.

      Für uns sind das Spiel der „Mariinskys“ und die Interpretation einer Schostakowitsch-Sinfonie des Valery Gergiev über jeden Zweifel erhaben, so dass wir uns auf die Beurteilung des Klangerlebnisses im neuen Konzertsaal konzentrieren konnten.

      Die lyrischen Phasen des Moderatos kamen bei uns, im ersten Rang-links im hinteren Saal-Teil, unwahrscheinlich warm, transparent und plastisch an.

      Die Entwicklung zum Haupt-Thema hörte ich etwas verwaschen, was eventuell auf die unterschiedlichen Laufzeiten der Töne zurückzuführen sein kann.

      Immerhin waren, wenn ich mich nicht vertan habe, die Abstände der entferntesten Musiker gut 25 Meter größer, als die uns am nächsten positionierten Instrumente. Für den geübten Hörer sind diese 80 Millisekunden Laufzeit-Unterschied der Töne schon merkbar, zumal wenn man auf derartige Feinheiten spitzt.

      In der schärferen Rhythmik des zweiten Allegretto-Satzes hat sich dann dieser Eindruck verloren. Den Einwand anderer Anwesender bezüglich eines überbordenden Bleches, konnte ich nicht nachvollziehen.

      Faszinierend haben mich die leider wenigen Töne des Klaviers. Das Instrument schien regelrecht über dem Orchester zu schweben.

      Für den zweiten Teil des Konzertes hatte man Gergiev gebeten, den Saal mit einigen Richard-Wagner-Versatzstücken zu erproben.

      Für die von der Staatskapelle mit dem Dirigat Christian Thielemanns und den mystisch aus dem Graben aufsteigenden Klängen verwöhnten Hörer, konnte das nur schief gehen.

      Und so kam der „Karfreitagszauber“ tatsächlich als die, wie Wagner mal augenzwinkernd mal geäußert hat, „Feld- und Wiesenmusik“ daher. Da traf uns ein zu großer Anteil des Direktschalls. Die begrenzten Reflexionsmöglichkeiten des Saales werden hier offenbar.

      Auch die Versatzstücke aus der Götterdämmerung, „Morgendämmerung“, „Siegfrieds Rheinfahrt“, und „Siegfrieds Trauermarsch“, konnten am Eindruck, dass dies nicht unsere „Wagner-Musik“ sei, kaum etwas ändern. Aber wann hört man mal Wagner vom Konzertpodium?

      Den Abschluss des Konzertes bildete der „Schlussgesang der Brünnhilde“ mit einer gut aufgelegten Eva-Maria Westbroek. Aber mit der geballten Kraft des Marinsky-Orchesters im Rücken hatte sie doch einige Schwierigkeiten, sich zu behaupten.

      Es gab noch keine Gelegenheit, mit Besuchern anderer Raum-Bereiche zu sprechen, ob die Sopranistin dort besser durchdringen konnte.

      Mein Eindruck ist aber, dass ein nicht unbedingt demokratischer Konzertsaal geschaffen worden ist. Diesen Verdacht zu widerlegen, dürfte Aufgabe möglichst baldiger weiterer Konzertbesuche sein.

      Deshalb stehen auch Schumann und Mendelssohn, übrigens mit Herbert Blomstedt, sowie Brahms auf dem Zettel.
    • Shaham statt Kavakos- Beitrag zur Klangentfaltung im neuen Saal

      Gebucht war ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Andrés Orozco-Estrada mit dem Geiger Leonidas Kavakos und dem Violinkonzert von Johannes Brahms umrahmt vom „Lontano“ des György Ligeti und dem „“Le sacre du printemps“ des Igor Strawinsky.

      Wir hatten im Juni des vergangenen Jahres Kavakos mit dem Brahms-Konzert gemeinsam mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters und Valeri Gergiev unter den hervorragenden akustischen Bedingungen des Bad Kissinger Max-Littmann-Saales erlebt und wollten nun die weitgehend identische Kombination auf Mittelplätzen der achten Reihe im Konzertsaal des Kulturpalastes Dresden vergleichen.

      Aber, wie groß war die Enttäuschung, als wegen eines Trauerfalls in seinem engsten Familienkreise Kavakos durch den Israeli Gil Shaham ersetzt wurde und statt Brahms Ludwig van Beethovens D-Dur Violinkonzert auf dem Zettelauftauchte.

      Nun lieben wir das Beethovenkonzert spätestens seit wir es 1961 mit Yehudi Menuhin und Franz Konwitschny im Gewandhaus-Interim Kongresshalle Leipzig gehört hatten. Aber was uns mit dem nervösen Einspringer geboten wurde, war doch recht außergewöhnlich.

      Der 46-Jährige entwickelte auf dem Podium keine Individualität. Von einer Solistenpersönlichkeit erwarte ich doch, dass sie sich entweder dem Orchester entgegenstemmt und den Dirigenten vor sich her treibt oder dem Orchester eine Unterhaltung oder Anregungen anbietet.

      Aber Shaham wirkte immer, als wäre er Orchestermitglied, gewissermaßen der Primus inter Paris des Orchesters und dem Dirigenten untergeordnet.

      Selbst die Kadenzen spielte er mehr verlegen und wirkte, als habe er Angst, sein wertvolles Instrument kaputtzumachen.

      Dabei kannte er die Noten und beherrschte die Partitur hervorragend. Mit der „Gavotte en Rondeau“-Zugabe von Bach demonstrierte er seine Virtuosität und die Beherrschung seiner Stradivari „Gräfin Polignac“.

      Das als Auftakt gespielte „Lontano für großes Orchester“ von Ligeti dürfte mit seinem extremen Aushalten von Tönen vor allem den Akustikern Gelegenheit gegeben haben, Schwächen der Klangentfaltung im noch jungen Konzertsaal aufzuspüren.

      Wir sind mit der Klangentfaltung zumindest im Mittelbereich des Parketts hoch zufrieden.

      Zu einem Höhepunkt des ersten Gastkonzertes des HR-Sinfonieorchester im neugestalteten Konzertsaal entwickelte sich dann im zweiten Teil Strawinskys „Le sacre du printemps“ (Das Frühlingsopfer) mit dem Orchester und Andrés Orozco-Estrada ihre Klasse fulminant unter Beweis stellten.
    • Mit Harding und Goerne in zwei unterschiedlichen Konzerträumen

      Die Staatskapelle Dresden hat mit ihrem Gastdirigenten Daniel Harding und dem Bariton Matthias Goerne nach dem 11. Symphoniekonzert im Semperbau mit dem gleichen Programm und den identischen Interpreten eine Europa-Tournee nach Brüssel, Amsterdam Wroclaw und Kattowice unternommen.

      Auf dem Programm der Konzerte standen, neben dem etwas merkwürdigen Mahlerschen Symphonischen Satz „Blumine“, seine „Kindertotenlieder“ nach Friedrich Rückert und die Symphonie Nr. 8 G-Dur von Antonin Dvořák.

      Bereits in der Generalprobe war auffällig, dass der noch junge Dirigent ausgezeichnet vorbereitet war. Er setzte selbstbewusst seine Akzente gegenüber den erfahrenen Musikern und dirigierte auswendig. Das hatte natürlich zur Folge, dass er seine Wünsche gegenüber dem Orchester nur mit emsigen Suchen in der Partitur artikulieren konnte.

      Interessierte Konzertfreunde der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle hatten die Gelegenheit der Nähe Wroclaws genutzt, und haben neben der Generalprobe und der Dresdener Aufführung, das Konzert im Saal des 2015 eröffneten „Nationalen Musikforums Breslau“ besucht, um die Klangentwicklung unter den doch deutlich abweichenden akustischen Bedingungen zu erleben und mit dem Stammhaus zu vergleichen.

      Der für 1820 Besucher konzipierte Saal ist, obwohl er auch über drei Ränge verfügt, dem „Schuhschachtel-Typ“ zuzuordnen. Die Wände und Decken sind aus schwarzem gegossenen Corian-Acryl und die Balkone aus einem weißen „speziellem Beton“ ausgeführt.

      Die gekrümmten Deckenelemente können zur Anpassung der Klangwirkung abgesenkt oder angehoben werden. Mit abtrennbaren sogenannten Akustikkammern lassen sich zusätzliche Dämpfungseffekte insbesondere für den Chorgesang erzielen. Für die Klangoptimierung auf den Rangplätzen sind offenbar auch elektronische Hilfen in Anspruch genommen worden.

      Die Akustik war von der US-Firma Artec unter Mitwirkung des Japaners Yasuhisa Toyota konzipiert worden.

      In Verkennung unseres Anliegens waren uns vom Partner Plätze im Vorderbereich des ersten Ranges, der nur wenige Meter über dem Parkett, etwa in Höhe des Orchester-Podestes, angeordnet ist, zur Verfügung gestellt worden.

      Dort war insbesondere der Gesang von Matthias Goerne außergewöhnlich sauber moduliert mit hohem Direktschall-Anteil zu hören. Die im Nahbereich befindlichen Instrumente, dabei insbesondere die Harfe, waren geringfügig überprivilegiert auszumachen.

      Nach der Pause habe ich mir dann einen unbesetzten Platz in der Mitte der achten Parkettreihe erobert, um die Dvořák-Symphonie à la Schuhschachtel hören zu können.

      Dieses Hören hat mich dann wieder in meiner Schwärmerei für die „demokratische Schuhschachtel“ bestärkt. Ich musste mein Hörgerät, das ich vor allem zur Kompensation eines Höhenfrequenzeinbruchs nutze, zunächst dämpfen.

      Der Anteil des Reflexschalls von den Deckenelementen erreichte nahezu die Intensität des absolut symmetrischen Direktklangs vom Podium. Vermischt wurde das von diskreten, aber gut differenzierbaren Klangreflexen von den Rängen.

      Die Töne strömten gleichsam von allen Seiten und wohlgeordnet auf mich ein, so dass selbst der vom Orchester etwas verschlurte dritte Dvořák-Satz nicht unangenehm, auffiel.

      Ich wurde gleichsam von der Musik eingehüllt, wie ich es ansonsten nur, auch da selten, vom Max-Littmann-Saal in Bad Kissingen bzw. von ausgezeichneten Kopfhörern kannte.

      Gegenüber dem Semper-Saal, der eben kein ausgesprochener Konzertraum ist, klingt die Musik imWroclawer Haus damit noch etwas weicher und voluminöser.

      Und noch etwas fiel im Konzertsaal in Wroclaw auf: Junge Besucher dominierten das Publikum und machten uns Dresdner noch zusätzlich etwas neidisch.
    • Herbert Blomstedt wird 90

      Am 11.Juli vollendetHerbert Blomstedt sein 90. Lebensjahr.

      Die Staatskapelle Dresden gratuliert ihrem Ehrendirigenten und Chefdirigenten der Zeit von 1975 bis 1985 im 12. Symphoniekonzert mit einem Programm seiner Wünsche.

      Ausgewählt hatte der außergewöhnlich beliebte Musiker Anton Bruckners vierte Symphonie Es-Dur " Romantische" und Beethovens Klavierkonzert Nr.1 C-Dur.

      Die Generalprobe und die Konzerte dirigiert er für Dresden erstmalig im Sitzen und erspart uns Jüngeren die Scham vor seiner physischen Fitness eines stehenden Dirigats.

      Mit weit ausholenden Armbewegungen führt er die Musiker zu einer beeindruckend frischen Interpretation des Werkes. Hier wurde das Ergebnis einer langjährigen Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der gewaltigen Komposition präsentiert.

      Mit langanhaltendem stehendem Applaus dankten die Dresdner Konzertfreunde für das Musikerlebnis.

      Im ersten Teil des Konzertes hatte Herbert Blomstedt mit Sir András Schiff das Beethoven-Klavierkonzert als eine brillante altersmilde Aufführung zweier gereifter Musiker geboten. Dabei immer wieder der phantastische Tastenanschlag des inzwischen 64-jährigen Pianisten.
    • Saisoneröffnung 2017/18 der Staatskapelle mit Bruch und Bruckner

      Zum ersten Mal haben wir das erste Violinkonzert des Max Bruch mit Nikolaj Znaider 1999 in Bad Kissingen erleben dürfen. Der damals noch wenig bekannte dänische Geiger mit polnischen Wurzeln spielte in einem „Meisterkonzert“ mit der polnischen „Sinfonie Varsovia“ unter Krystof Penderecki.

      Am Abend nach dem Abschlusskonzert der Festspiele wurde ihm dann als erstem jungen Musiker der frisch ausgelobte Luitpold-Preis des Fördervereins des Kissinger Sommersübergeben.

      Seit dieser Zeit gastiert Nikolaj Znaider regelmäßig sowohl bei Kissinger Sommer als auch bei der Staatskapelle. Zuletzt auch im ZDF-Sylvester Konzert 2016 gleichfalls mit dem Bruch-Violinkonzert.

      In Erinnerung ist uns aber auch sein Gastauftritt im 6. Symphoniekonzert am 6. Februar 2015 geblieben, als in den letzten Takten des ersten Satzes des Violinkonzertes von Dmitri Schostakowitsch eine Handy-Klingel ertönte.

      Eine Dame links hinter uns kramte in ihrer typischen Damentasche. Christian Thielemann wandte sich doch ziemlich erregt an das Auditorium und meinte: „Unmöglich“.

      Der Dirigent brauchte dann auch offensichtlich den ersten Teil des zweiten Satzes, um seine Fassung wieder zu erlangen, während der Geiger Nikolaj Znaider scheinbar ungerührt seinen Part spielte.

      Die Probe zum Eröffnungskonzert der Saison 2017/18 am letzten August-Tag verlief allerdings ruhig, nachdem Christian Thielemann die jugendlichen Besucher am Beginn der Probe etwas streng angeschaut hatte. Auch im Konzert fehlte das Klingeln, so dass wir uns den himmlischen Längen des 1. Violinkonzertes von Max Bruch nun auch in der vierten Begegnung hingeben konnten.

      Die Introduktion spielte Nikolaj Znaider impulsiv und mit großzügigem Tempo, wobei ihm Orchester und Dirigent nichts schuldig blieben. Das Adagio eröffnete er warm und einfühlsam, während des Finales Allegro energico mit Bravour und im Gegenpart zum Orchester gespielt war.

      Es war doch erkennbar, dass sich Solist, Dirigent und Orchester bestens kennen. Einfühlsamkeit und Routine waren eine glückliche Synthese eingegangen.

      Die Entstehung der im zweiten Konzertteil gespielten Fassung der 1. Symphonie von Anton Bruckner war etwas komplex. Komponiert 1866 in Linz, war das Werk 1868 dort lediglich einmal von den Musikern des dortigen Ständetheaters und der örtlichen Garnison aufgeführt worden.

      Nachdem Bruckner 1877 einige Retuschen eingearbeitet hatte, verschwand die Komposition fast 20 Jahre in Bruckners Archiv. Um 1898 erfolgte dann die Umarbeitung zur sogenannten Wiener Fassung.

      Erst 1934/35 wurde im Zusammenhang mit der Drucklegung des Bruckner-Gesamtwerkes die „Linzer Fassung“ auf der Grundlage der Manuskripte des Komponisten veröffentlicht, die dann allgemein in den Konzertaufführungen bevorzugt worden war. Das Manuskript enthielt aber bereits Spuren der Brucknerschen Überarbeitung von 1898.

      Mit der „Neuen Anton Bruckner Gesamtausgabe“ bot sich dann die Gelegenheit, durch Einbeziehungen von überlieferten Einzelstimmen der Aufführung von 1868 eine „historisch-kritische Edition“ der „Linzer Fassung“ mit den etwas ungehobelten Passagen im ersten Satz wieder herzustellen.

      Die erste Symphonie von Anton Bruckner haben wir bisher seltener gehört. In Erinnerung ist uns letztlich nur ein Konzert im Juni 2011 mit dem Gewandhausorchester mit Herbert Blomstedt geblieben.

      Im Konzert am 1. September gelang die Linzer Fassung von 1877 zur Aufführung, eine Bauchentscheidung lautete die Auskunft nach Anfrage.

      Nach dem verhaltenen Anfang des einleitenden Allegro nahm das Spiel mit dem Hauptthema dann doch erheblich Fahrt auf. Aber hier Klang noch nicht der Bruckner seiner späteren Werke.

      Mit dem folgenden Adagio wird der Einsamkeit des Komponisten Ausdruck gegeben. Phantastisch dabei das Spiel der Holzbläser des Orchesters. Aber noch entfernt vom Bruckner der späteren Jahre.

      Der dritte recht schnell gespielte Scherzo-Satz mit seinen Streicher-Staccato, die von Hornrufen beantwortet wurden, lassen dann schon eher den späteren Bruckner Geltung zu verschaffen. Ein Satz der durchaus das Potential zum Ohrwurm hat.

      Der Finalsatz, bewegt- feurig, beginnt, eigentlich untypisch für Bruckner, zunächst. strahlend und kraftvoll. Nach der Herausarbeitung der Hauptthemen entwickelt sich das Geschehen ruhiger, fast choralartig.

      Machtvoll dann noch einmal der Schluss, der durch ein wunderbares Zusammenspiel von Bläsern und Streichern beeindruckt.

      Mithin eine gelungene Annäherung des Orchesters und seiner Zuhörer an das für alle neue Werk.
    • Gewandhausmusiker mit Blomstedt im Kulturpalast

      Am 3. September war Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester und dem Gewandhauschor aus Leipzig gekommen, um einen Beitrag zum Ausloten der klanglichen Möglichkeiten des Konzertsaalumbaus zu leisten.

      Das Programm enthielt Werke, die wesentlich zur Tradition des Orchesters beigetragen haben.

      Das Konzertstück F-Dur für vier Hörner und großes Orchester op.86, im Februar 1849 in Dresden-Loschwitz konzipiert und bereits im März fertiggestellt, war 1850 vor einem „wohlwollend interessierten Publikum“ vom Gewandhausorchester uraufgeführt worden.

      Schumann hatte die erweiterten spieltechnischen Möglichkeiten der erst vor wenigen Jahren entwickelten mit Ventilen ausgestatteten Hörner erkannt und bereits mehrfach in seinen Arbeiten eingesetzt.

      Mit der Besetzung von gleich vier dieser Hörner begeht er aber sowohl spieltechnisch als auch formal Neuland.

      Dem höher geführtem ersten Horn folgen die drei anderen Instrumente über Strecken durchaus gleichwertig.

      Der Komponist hat aber eine Gegenüberstellung der Solistengruppe mit dem kompakten Orchester weitgehend vermieden und ein abwechslungsreiches Zusammenspiel gestaltet, so dass ein eher farbenfrohes und opulentes Klangbild entsteht.

      Mit Bernhard Krug, Juliane Grepling, Jan Wessely und Jochen Pleß hatte Herbert Blomstedt auch vier hauseigene und in Leipzig ausgebildete Hornisten zur Verfügung, so dass er die prachtvollen Vorgaben des Komponisten auch zur Geltung bringen konnte.

      Die Sinfonische Kantate „ Lobgesang op. 52“von Felix Mendelssohn -Bartholdy, auch als seine 2. Sinfonie bezeichnet, war ursprünglich ein Auftragswerk erteilt vom Rat der Stadt Leipzig zur Würdigung der Erfindung des Buchdrucks anlässlich der städtischen Vierhundertjahrfeier.

      Die Vorgabedes Auftraggebers, ein sinfonisches Werk mit Chor zu komponieren, bereitete dem Komponisten zunächst Schwierigkeiten, da er an eine großartige Psalm Vertonung oder an ein Oratorium gedacht hatte. Letztlich entschied er sich für die Mischung aus einer Sinfonie und einer Kantate. Die am 25. Juni 1840 im Festkonzert in der Thomaskirche uraufgeführte Fassung erweiterte er mit sinfonischen Sätzen zur im Dezember 1840 aufgeführten noch immer gängigen Fassung.

      Der beginnende instrumentale Teil besteht aus drei ineinander übergehenden Sätzen (Maestoso con molto-Allegro, Allegretto un poco agitato, Adagio religioso). Ihm folgt die Kantate mit Bibelzitaten und dem Kirchenlied „Nun danket alle Gott“. Die Anknüpfung an den Anlass der Komposition erreichte Mendelssohn mit den Texten“ Der Aufstieg des Volkes Gottes aus der Finsternis zum Licht“.

      Ein exzellent vorbereiteter Chor und die Solisten Sophia Brommer (Sopran)von der Oper Graz, Marie Henriette Reinhold(eigentlich eine Mezzosopranistin aus Leipzig) und der als Oratoriensänger bewährte Tenor Tilman Lichdi sowie die Persönlichkeit Herbert Blomstedt gestalteten den Abend zu einem musikalischen Ereignis.

      Gewandhausorchester und Gewandhauschor hatten übrigens das Konzert am 20. April 2012 in der Audienzhalle des Vatikans zum 85. Geburtstag des Papstes Benedikt aufgeführt.

      Auf unseren Seitenplätzen in der ersten Reihe der rechten Saalempore war das Orchester richtig gut zu hören. Der weiche Klang der Instrumentengruppen des Gewandhausorchesters fügte sich zu einem durchaus befriedigenden Klangbild zusammen. Besonders die kompakte Hornsolisten-Gruppe der Schumann-Komposition beeindruckte.

      Die Musiker folgten konzentriert dem etwas verhaltenen Dirigat des Herbert Blomstedt. Dieser dirigierte übrigens das gesamte Konzert frei stehend ohne den zu seinen Geburtstagskonzerten im Sommer verwendeten Dirigentenstuhl.

      Die guten Gesangsolisten waren im Saalemporen-Bereich nur begrenzt gut hörbar. Auch der doch mächtige Chor mit den 75 Sängern drang bei den forcierten Phasen etwas stumpf durch.

      Dieser Klangeindruck änderte sich sofort, als ich mich dank der Seitenplätze etwas eindrehen und um eine Armlänge nach vorn schieben konnte. Umgehend strahlten die Klänge von Chor und Solisten.

      Der in Dresden außergewöhnlich beliebte Herbert Blomstedt wurde am Konzertschluss mit stehenden Ovationen und nahezu frenetischen Jubelrufengefeiert.

      Noch eine Warnung an sensible Konzertbesucher: Auf den Beton-Rangbrüstungen wurden massive Stahlgeländer auf gedübelt und in den Freiräumen unter den Querriegeln sind bis zu vier horizontale Stahlseile gespannt. Offenbar doch das Ergebnis von Bauvorschriften, weil den Betonbrüstungen einige Zentimeter Höhe fehlen. Aber Entschlossene können die Geländer trotzdem unschwer überwinden.

      Für mich sind damit die Plätze in den ersten Reihen der Ränge im neuen Konzertsaal „verbrannt“.