Vom Konzertleben in Dresden

    • Herbert Blomstedt verabschiedet das Jahr mit Mozart

      Zum Abschluss der Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag hatte sich der Ehrendirigent unserer Staatskapelle Herbert Blomstedt ein Konzert mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart gewünscht.
      Sein voller Terminkalender hatte dieses Konzert erst am 15. Dezember, also fünf Monate nach dem 11. Juli erlaubt.
      Im ersten Konzertteil wurde das 25. Klavierkonzert in C-Dur, KV 503 geboten. Als Solisten hatte sich der betagte Dirigent den jungen, gerade 35-järigen Pianisten Martin Helmchen eingeladen.
      Helmchen gilt, als der „sympathische Sonderling und als der Philosoph am Klavier, mit einer Liebe zur Pointe“.
      Bei Mozart trafen sich zwei Musiker unterschiedlichen Alters, aber beide identisch in der Bescheidenheit im Umgang mit dem Werk. Nie entsteht der Eindruck, dass der Komposition eine besondere Sichtweite übergestülpt werden soll.
      Helmchen ist keiner, der über das Ziel hinaus schießt, nichts maschinelles, sondern bietet beglückend perlendes und elegant bewegendes Klavierspiel. Dabei vermeidet er in den langsamen Passagen den Eindruck des Blassen.
      Herbert Blomstedt sicherte dabei, dass das Werk kompakt blieb und nicht in unverbundene Teile zerfiel.
      Besonders beeindruckte mich aber die von Martin Helmchen gespielte Bach-Zugabe.
      Im zweiten Konzertteil spielten Musiker der Staatskapelle die 41. Sinfonie C-Dur mit dem Beinamen Jupiter-Sinfonie.
      Das Allegro vivace dirigierte Herbert Blomstedt mit eigentlich jugendlicher Frische und in hohem Tempo. Dabei setzte er beide Hände für seine akzentuierten Informationen ein.
      Das Andante cantabile ließ er dann ruhiger und betont lyrisch mit den gedämpften Violinen an, so dass die Töne „wie von ferne, gleichsam hinter einem Schleier“ zu entstehen schienen.
      Den dritten Satz Menuetto, Allegretto dirigierte Blomstedt zunächst sehr verhalten, während dann im zweiten Satzteil Holzbläser und die erste Violine ein tänzerisches Staccato aufbauen.
      Mit dem Molto allegro-Schlusssatz zeigte dann Herbert Blomstedt noch einmal sein Können und bewies seine gewaltige Erfahrung, wobei ihm die Musiker begeistert folgten.
      Mit stehenden Ovationen und lauten Rufen feierte Blomstedts Dresdner Fan-Gemeinde seinen Abschied für die laufende Saison.
      Der Jubilar war von der Begeisterung angerührt und nutzte die lange Zeit der Ovation, um sich mit Handschlag einzeln von den Musikern zu verabschieden.
    • Neuinszenierung von E.W. Korngolds "Die tote Stadt"

      Der Besuch der Premiere der David Bösch-Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ war mir versagt geblieben und auch die ersten Aufführungen musste ich aus Termingründen auslassen, so dass ich erst die Vorstellung am 2. Januar 2018 nutzen konnte.

      Nun habe ich inzwischen ein halbes Dutzend Kritiken der Dresdner Inszenierung gelesen und man könnte meinen, von den Profi-Kritikern sei bereits Alles geschrieben.

      Es gibt aber doch einen eigenen Eindruck, der zum Teil erheblich von der Einschätzung der Veröffentlichungen abweicht.

      Anschließen möchte ich mich der allgemeinen Begeisterung für das Hausdebüt-Dirigat von Dmitri Jurowski.

      Dmitri ist ein Enkel des Komponisten Wladimir Michailowitsch Jurowski (1915 bis 1972), damit ein Sohnvon Michael Jurowski (*1945 und seit 1989 Semperoper-Dirigent) sowie Bruder von Wladimir Jurowski (*1972 und häufiger Gastdirigent der Staatskapelle DD).

      Damit ist der inzwischen 37 Jahre zählende ist nun der dritte Vertreter der Dynastie „Jurowski“, der im Semperbau wirkt. Mit seinem Dirigat treibt er die Musiker der Staatskapelle zu einer mitreißenden Klangorgie und vermeidet aber alles Sentimentale der rauschhaft-sinnlichen Musik des jungen Korngold.

      Diese Mischung von Spätromantik und Impressionismus sicherte bereits den musikalischen Erfolg des Abends.

      Der wunderbare Orchesterklang hatte bei mir zur Folge, dass ich mich voll auf das Musikerlebnis konzentrierte und ich damit den Handlungsfaden nahezu ignorieren konnte. Das Libretto ist mir ohnehin kaum geläufig und die Übertexte von unseren Plätzen nur schwer erkennbar.

      Vor allem konnte ich die vorherrschende Einschätzung der meisten Kritiker, dass die Sänger-Darsteller der beiden Protagonisten Marietta und Paul fehlbesetzt seien, absolut nicht nachvollziehen.

      Mit ihrer hochdramatischen Stimme bietet Manuela Uhl insbesondere in den leicht erotischen Szenen beeindruckend einfühlsamen schönen fast liedhaften Gesang, öffnet sich aber im sich entwickelnden obsessiven Sinnentaumel mit schier unbegrenzten stimmlichen Möglichkeiten. Aber auch mit Mariettas Lautenlied und im Ohrwurm „Glück, das mir verblieb“ konnte Frau Uhl musikalische Höhepunkte des Abends beisteuern.

      Nicht einfach hatte es der Paul von Burkhardt Fritz, der vom Libretto als der zurückhaltende und weltfremde Trauernde sich zu einem von Marietta Getriebenen entwickeln musste, aber letztlich seiner Verklemmung nicht entkommt.

      Mit seinem Gesang überzeugt er in jeder Phase der Entwicklung seiner Figur bis zur Schluss-Erleichterung, dass das Ganze eigentlich letztlich nur ein Alptraum war. Ein wunderbarer Abschluss wurde so sein „Glück das mir verblieb“.

      Die zweite Hauptpartien-Reihe war von Ensemble-Mitgliedern bestritten worden.

      Das Hausgewächs Christoph Pohl brillierte als Pauls Freund Frank. Wenn er mit seiner ansprechend schönen Bariton- Stimme das „Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück“ singt, ist man schon beeindruckt.

      Christa Mayer hinterlässt mit den kleinen Rollen der Brigitta als einfache Putzfrauund als „scheinbare Nonne“ sängerisch und gestalterisch einen starken Eindruck.

      Der von Jörn Hinnerk Andresen vorbereitete Opern-Chor und der von Claudia Sebastian-Bertsch einstudierte Kinderchor trugen nicht unwesentlich am musikalischen Gelingen des Abends bei.

      Der Hauptakteur aber war unbestritten das Orchester unter der musikalischen Leitung des Dmitri Jurowski.

      Der Regisseur David Bösch hatte das Werk in etwas klischeehaften Episoden als Psychodrama angelegt. Verlustangst, verklärte und schmerzhafte Erinnerungen wechseln mit obsessiver Leidenschaft.

      Die Abläufe waren straff unter Nutzung von unaufdringlichen Video-Projektionen durchgezogen, das Moderne der Oper betonend.

      Viele Details sind mir ob meiner Konzentration auf die Musik entgangen, so dass wohl ein zweiter Besuch der Inszenierung von Nöten sein wird.

      Mit stürmischen und lang anhaltenden Ovation feierten die Besucher des vollbesetzten Hauses die Künstler.

      Offenbar haben die zahlreichen Besprechungen der Inszenierung zusätzlich breiter interessierte Opernfreunde nach Dresden gelockt. Dem sachkundigeren Publikum waren auch die im Gegensatz zu den vorweihnachtlichen Vorstellungen deutlich heftigeren Beifallskundgebungen zu verdanken.

      Auch hatte die hiesige Touristen-Branche für eine Auffüllung des Zuschauerraumes gesorgt, denn noch wenige Stunden vor Beginn waren im Internet noch etwa ein Viertel der Plätze vakant. Auch das Outfit vieler Besucher bewies, dass der Opernbesuch nicht ursächlich geplant war.
    • Lieber thomathi, das ist schön, dass Du etwas zur "Toten Stadt" berichtest. Ich war zur Premiere (16.12.2017) und konnte mich nicht durchringen, etwas zu schreiben, eben auch weil ich durch die erwähnten negativen Besprechungen irritiert war. Mir hatten nämlich sowohl Inszenierung als auch Besetzung sehr gut gefallen, aber ich kannte die Oper, von Ausschnitten abgesehen, vorher nicht. Und wenn man keinen Vergleich hat, dann ist ma ja schneller zufrieden gestellt. Geht zumindest mir so. Was ich sicher sagen kann, ist, dass die szenische Umsetzung Tote-Stadt-Neulinge intellektuell nicht überfordert und trotzdem genug Spielraum für individuelle Gedanken lässt. Das Outfit der Besucher war zur nicht ausverkauften Premiere übrigens auch schon sehr durchmischt, vor allem im 4. Rang tummelten sich auffällig viele Individualisten – war total interessant! 8o

      :wink: Amaryllis
    • Liebe Amaryllis, ich werde am 2. Februar die Inszenierung noch einmal ansehen und vor allem anhören,bevor sie, wie bei Pelleas und Melisande geschehen, im Orkus verschwindet.
      Aber, warum bist du so zögerlich mit der Äußerung deiner doch gut fundierten Meinung?
    • Ein betörender Alban Berg im 4. Saisonkonzert der sächsischen Staatskapelle

      Im Februar 1935 übermittelte der amerikanische Geiger Luis Krasner Alban Berg den Auftrag, für seine Europatournee im Folgejahr, ihm ein Violinkonzert in Zwölfton-Technik zu komponieren.

      Der Komponist war zwar mitten in der Arbeit zur „Lulu“, benötigte aber dringend die ausgelobten 1500 Dollar, sagte deshalb zu.

      Zunächstentstanden aber nur einige Skizzen, so wahrscheinlich die „Kärntner Volksweise-Ein Vogel auf´m Zwetschgenbaum“.

      Im April 1935 starb dann die Tochter von Alma Werfel und Walter Gropius Manon. Das Ehepaar Berg war mit den Werfels befreundet und der fast fünfzig jährige Alban wohl in die achtzehn Jährige Schönheit vernarrt gewesen.

      Der Schmerz über den Verlust, gleichsam als Versuch einer Trauerbewältigung, brachte Berg zur Weiterführung der Arbeit am Violinkonzert als eine Art Requiem zum “Dem Andenken eines Engels“.

      Im 4. Symphoniekonzert der Saison 2017/18 der sächsischen Staatskapelle war die Geigerin Isabelle Faust eine ideale Interpretin dieses ergreifenden Werkes. Mit ausdrucksstarken melodischen Linien entwickelte sie große raumfüllende Töne. Die Schwierigkeiten, die sich beim Hören von Zwölf-Ton-Musik häufig einstellen, traten weniger zutage.

      Die verästelten Kantilenen der Kombination differenzierter Tonarten zeugten von hoher Meisterschaft der Solistin. Es blieb zeitweilig der Wunsch nach der Wohltat einer führenden klaren Melodie. Das aber hatte der Komponist der Solistin verweigert.

      Auch die Begleitung durch das Orchester, Daniel Harding hatte die musikalische Leitung für den erkrankten Robin Ticciati übernommen, erlaubte kaum Erholung.

      Mit dem Bach-Motiv „es ist genug“ löste Isabelle Faust nur zum Teil ihre eigene Anspannung, so dass die deprimierende Wirkung der Darbietung im Raum blieb, zumal die Zugabe einer ungarischen Melodie im gleichen Duktus geblieben war.

      Mich hatte die Wirkung des Violinkonzertes besonders erwischt, da ich am Vormittag des Konzert-Tages einen lieben Freund aus jüngeren Tagen, dessen Freundschaft über die Jahrzehnte stabil geblieben war, zu Grabe tragen und seine Tochter und Enkelin trösten musste.

      Die im zweiten Konzertteil gebotene 4. Symphonie G-Dur von Gustav Mahler hatte ich schon ambitionierter erleben dürfen. Es war eine solide „Handwerksarbeit“ des Ur-Briten Harding. Orchester und Dirigent kennen sich seit längerem, so dass es keine Verständigungsprobleme gab. Es war eigentlich alles in Ordnung, aber eben handwerklich und ohne große Emotionen.

      Der Brite mit den italienischen Genen Ticciati wäre wohl besser am Platze gewesen.

      Zum versöhnenden Abschluss gestaltete sich aber das Sopransolo mit den Versen aus des Knaben Wunderhorn. Die glasklare wundervoll-ruhige Stimme der Schweizerin Regula Mühlemann bot einen uneingeschränkten Hörgenuss ohne Fehl und Tadel.