Plagiatsvorwürfe gegen designierten Direktor der Wiener Staatsoper

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    • Es gibt aber doch große Gegensätze zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Nur bestehen die nicht darin, dass Geisteswissenschaften ungenaue oder schlampige Naturwissenschaften wären. Sie haben eben entsprechend den unterschiedlichen Forschungsgegenständen ganz unterschiedliche Methoden und daher ist auch nicht immer abwegig, dass die in den jeweiligen Disziplinen erreichten Erkenntnisse unterschiedlich stark abgesichert ist. (Auch innerhalb der empirischen Wissenschaften ist es typischerweise einfacher, zuverlässige Erkenntnisse zu erlangen, wenn man systematische Experimente an isolierten und leicht manipulierbaren Systemen im Labor machen kann, was z.B. in Geologie oder Astrophysik oft nicht in der Weise geht wie in der Halbleiterphysik.)
      Diesen Unterschieden kommt man aber m.E. nicht näher, indem man durchweg alles mit einem skeptischen Fragezeichen versieht oder als "nur eine Theorie" bezeichnet.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Dein Furor in allen Ehren, aber ich mache mir eher Sorgen darum, dass Studenten der NW praktisch nicht mehr mit Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie in Berührung kommen - zumindest hier in Österreich. Kein Wunder, dass es dann zu solchen Kulturlosigkeiten im Betrieb kommt, wie wir sie hier beklagen. Typisch für heute: zu viel Aktivität, zu wenig Reflexion.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Kater Murr schrieb:

      Die größten wissenschaftlichen Leistungen der Menschheit stammen beinahe alle aus der Zeit vor dem peer review. Jedenfalls in den Wissensbereichen, die schon etabliert waren, bevor sich Mitte des 20. Jhds. (oder teils noch wesentlich später) blindes peer review als Standard etabliert hat.
      Naja, im 20. Jahrhundert hat es doch eine enorme Explosion wissenschaftlicher Erkenntnisse gegeben, oder siehst du das anders?

      Kater Murr schrieb:

      (Und auch Ergebnisse der Mathematik sind revidierbar und erweiterbar, sonst würde es dort ja keine strittigen Debatten und nur sehr begrenztes und von anderen Gebieten völlig unterschiedliches Fortschreiten geben.)
      Kannst du ein paar Beispiele nennen, was du hier meinst?

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Felix Meritis schrieb:

      Jetzt bin ich auch mal etwas offener: Wissenschaftler, die am Peer-review herummäkeln sind meiner Beobachtung nach immer unkreativ und nicht mal mittelmäßig. Klar, dass dann "das System" schuld sein muss. Menschlich erklärbar, aber trotzdem lächerlich.
      Das ist jetzt aber ein bischen sehr pauschal. Du willst doch nicht bestreiten, dass das System auch Schwächen hat, oder?

      Ich denke ja auch, dass es derzeit kein besseres System gibt. So, wie es ja auch nichts besseres als eine Demokratie gibt. Aber dennoch kann man ja Dinge kritisieren. Wünschen würde man sich ja, dass eine Begutachtung ohne Kenntnis der Identität des Autors stattfindet. Aber das ist in der Praxis natürlich nicht möglich, da ein Peer sowieso erkennen wird, um wen es sich handelt.

      Ich denke auch, dass die meisten Gutachter, ihre Arbeit ernst nehmen und gut machen. Also kritische Begutachtung, aber ohne persönliche Animositäten etc. einzubringen. Und natürlich auch ohne, es einfach durchzuwinken. Aber erstens ist eine gewisse Subjektivität nie völlig unmöglich, und zweitens denke ich, dass es einen geringen Prozentsatz von Gutachtern gibt, die gewisse Papers schnell abschmettern, aus unterschiedlichsten Gründen, sei es Konkurrenz, Neid, mangelnde Bereitschaft des Verstehenwollens (was ja Arbeit macht), abgehendes Verantwortungsgefühl etc. Wie gesagt, aus meiner Sicht ist das eher eine Minderheit, schwarze Schafe gibt es halt überall.

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
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    • Ohne zu mäkeln oder zu verteufeln: ich bin seit nunmehr fast 20 Jahren Mitglied der Redaktion einer (geistes-/sozial-/kultur-)wissenschaftlichen Zeitschrift. 2003 haben wir ein peer review-Verfahren (double blind) zur Artikelauswahl eingeführt. Datt funktioniert eigentlich ziemlich gut (abgesehen davon, dass die Gutachter a) ziemlich lange Zeit benötigen und b) sich als "Experten vom Dienst" häufig in Rückzugsgefechte mit den zu begutachtetenden Texten verstricken) - aber in ca. 95% der Fälle hätten Redaktion und Herausgeberteam auch ohne peer review dieselben Texte zur Publikation ausgewählt bzw. abgelehnt. Soviel dazu.

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Kater Murr schrieb:

      Nur bestehen die nicht darin, dass Geisteswissenschaften ungenaue oder schlampige Naturwissenschaften wären. Sie haben eben entsprechend den unterschiedlichen Forschungsgegenständen ganz unterschiedliche Methoden und daher ist auch nicht immer abwegig, dass die in den jeweiligen Disziplinen erreichten Erkenntnisse unterschiedlich stark abgesichert ist.
      Sind "Geisteswissenschaften" überhaupt Wissenschaft? Zuweilen stellt sich schon die Frage... :D
      Was heißt hier modern? Betonen Sie das Wort mal anders! Richard Strauss
    • Algabal schrieb:

      Ohne zu mäkeln oder zu verteufeln: ich bin seit nunmehr fast 20 Jahren Mitglied der Redaktion einer (geistes-/sozial-/kultur-)wissenschaftlichen Zeitschrift. 2003 haben wir ein peer review-Verfahren (double blind) zur Artikelauswahl eingeführt. Datt funktioniert eigentlich ziemlich gut (abgesehen davon, dass die Gutachter a) ziemlich lange Zeit benötigen und b) sich als "Experten vom Dienst" häufig in Rückzugsgefechte mit den zu begutachtetenden Texten verstricken) - aber in ca. 95% der Fälle hätten Redaktion und Herausgeberteam auch ohne peer review dieselben Texte zur Publikation ausgewählt bzw. abgelehnt. Soviel dazu.

      Adieu
      Algabal
      Wenn Ihr ein Expertenteam seid, das ein Fachjournal über einen relativ kleinen Bereich herausgebt, glaube ich das gerne. Eigentlich ist das ja dann auch ein peer review, wenn Ihr die Arbeit durchlest und bewertet. Es ist halt ab einer gewissen Anzahl an Einreichungen nicht mehr praktikabel
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Gneisenau schrieb:

      Kater Murr schrieb:

      Nur bestehen die nicht darin, dass Geisteswissenschaften ungenaue oder schlampige Naturwissenschaften wären. Sie haben eben entsprechend den unterschiedlichen Forschungsgegenständen ganz unterschiedliche Methoden und daher ist auch nicht immer abwegig, dass die in den jeweiligen Disziplinen erreichten Erkenntnisse unterschiedlich stark abgesichert ist.
      Sind "Geisteswissenschaften" überhaupt Wissenschaft? Zuweilen stellt sich schon die Frage... :D
      Die Frage überrascht mich eigentlich bei jemandem, der gerne historische Fachliteratur liest. Wächst die auf den Bäumen?
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Wenn Ihr ein Expertenteam seid, das ein Fachjournal über einen relativ kleinen Bereich herausgebt, glaube ich das gerne. Eigentlich ist das ja dann auch ein peer review, wenn Ihr die Arbeit durchlest und bewertet. Es ist halt ab einer gewissen Anzahl an Einreichungen nicht mehr praktikabel
      So ist das. Ich halte peer review (bei allen vorhandenen Problemen, die Gutachterverfahren so an sich haben) auch für einen ziemlich vernünftigen Weg - und ganz abgesehen davon, was ein Redaktions-Herausgeberteam so entscheidet: die externen Gutachten im double blind-Verfahren sorgen für eine gewisse Transparenz und sind ja auch nicht zuletzt eine Rückversicherung für Redaktion und Herausgeber.

      Adieu
      Algabal
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    • maticus schrieb:

      Wie genau funktioniert das in diesem Kontext?
      double-blind bedeutet einfach, dass (mindestens) zwei Gutachter einen anonymisierten Aufsatz zur Begutachtung erhalten - und der Autor schließlich anonymisierte Gutachten zurückerhält. Bei unserer Zeitschrift wissen die einzelnen Gutachter zudem auch nicht, wer außer ihnen den Artikel zur Begutachtung erhält und wie viele Gutachter insgesamt am Verfahren beteiligt sind.

      Alles klar?

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Algabal schrieb:

      double-blind bedeutet einfach, dass (mindestens) zwei Gutachter einen anonymisierten Aufsatz zur Begutachtung erhalten - und der Autor schließlich anonymisierte Gutachten zurückerhält. Bei unserer Zeitschrift wissen die einzelnen Gutachter zudem auch nicht, wer außer ihnen den Artikel zur Begutachtung erhält und wie viele Gutachter insgesamt am Verfahren beteiligt sind.

      Alles klar?
      Okay, so habe ich mir das gedacht. Bei uns wäre es aber kaum denkbar, dass ein Gutachter nicht sofort herausfindet, wer der Autor des Artikels ist. Zumal es heutzutage ja auch Preprint-Server gibt, auf denen die meisten ihre Arbeiten schon vorab publizieren, oder auf Tagungen vortragen. Aber selbst wenn nicht, sollte dies einfach festzustellen sein -- sofern es sich nicht um ein ganz allgemein gehaltenes Thema (was aber selten ist) oder ein absolut unbeschriebenes Blatt handelt. Ist das bei Euch nicht so?

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
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    • maticus schrieb:

      Ist das bei Euch nicht so?
      Klar könnte das double blind-Verfahren unterlaufen werden, indem man als Gutachter mit mehr oder weniger großem Aufwand ggf. feststellt, wer den Artikel eingereicht hat - wobei wir Artikel, die bereits in irgendeiner Form veröffentlicht sind (etwa als Manuskript auf der Website der AutorIn oder auf Plattformen wie academia oder so), grundsätzlich nicht publizieren. Das überprüft die Redaktion schon, bevor die Texte überhaupt ins review-Verfahren gegeben werden.

      Also: völlig wasserdicht ist das Verfahren nicht - was aber IMO nicht dafür spricht, ein solches Verfahren, das eine weitgehend neutrale Begutachtung zumindest möglich macht, grundsätzlich abzulehnen.

      Viel problematischer ist doch (zumindest in Deutschland) das Begutachtungsverfahren bei Dissertationen - hier sind die (Erst)Gutachter eigentlich immer zugleich Betreuer der Arbeit und in der Regel (oder zumindest häufig) auch Dienstvorgesetzte und Chefs der KandidatInnen. Multibles Abhängigkeitsverhältnis nennt man sowas wohl ...

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Algabal schrieb:

      Viel problematischer ist doch (zumindest in Deutschland) das Begutachtungsverfahren bei Dissertationen - hier sind die (Erst)Gutachter eigentlich immer zugleich Betreuer der Arbeit und in der Regel (oder zumindest häufig) auch Dienstvorgesetzte und Chefs der KandidatInnen. Multibles Abhängigkeitsverhältnis nennt man sowas wohl ...
      Das kann seine Nachteile haben, richtig. Andererseits: In Österreich hat man das seit längerem strikt getrennt. Ich war sehr skeptisch deswegen und sehe mich eigentlich bestätigt. Denn zu oft ist entweder der Betreuer nicht kompetent für das Thema (muß sich aber mangels Alternativen zur Verfügung stellen) oder der Gutachter ist überfordert (und kann auch nicht immer wissen, was der Betreuer ansteuern wollte - von Konkurrenzdenken, methodischer Intoleranz etc. zu schweigen). Oft sucht man auch vorschriftsgemäß auswärtige Gutachter, kriegt aber keine, weil die entweder selbst wissen, daß sie zu weit weg von der Sache oder auf solche Extraarbeit gar nicht neugierig sind. Klar, es gibt kein Verfahren ohne irgendwelche Nachteile. Aber alles in allem steuert man - zumindest in den Gebieten, zu denen ich etwas sagen kann - keinen guten Kurs. Auch bei Forschungsprojekten haben viele Kollegen und ich seit Jahren die Nase voll wegen der zwar gut gemeinten, aber völlig aus dem Ruder laufenden Multibürokratie und der Gutachterproblematik (Anonymität der Einreicher ist eher nicht die Regel und sture Ignoranz zu häufig).
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Naja, blütenweiß ist die protodirektorliche Weste nicht gerade, aber das, was er abgeschrieben und nicht entsprechend deklariert hatte, fällt quantitativ offenbar nicht so ins Gewicht. Hoffen wir also, daß er sich als Direktor umso mehr bemühen wird, einen guten Job zu machen...
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Kater Murr schrieb:

      Alle plagiatsverdächtigen Arbeiten von Politikern u.ä. waren wissenschaftlich weitgehend irrelevant und vermutlich wurden die Plagiate so lange nicht entdeckt, weil kein Mensch das Zeug gelesen hat.
      Nur kann man heutzutage dank der neuen technologischen Möglichkeiten von Computer und Internet Plagiate viel leichter aufdecken. Immer noch ohne das Zeug wirklich zu lesen. Es geht wie bereits gesagt nicht um Erkenntnis und Wissenschaft, sondern darum, dass der akademische Betrieb auch Dienstleister ist, der Karrieren befördert. Das ist schon ne veritable Lebenslüge, die eigentlich allen klar ist.

      Dieses Geschäftsmodell bekommt nun gewisse Schwierigkeiten. Da nützt es auch nichts mehr, von Theoretikern wie Peter Decker abzuschreiben, die sich aus Kritik am akademischen Betrieb zu Außenseitern in diesem gemacht haben.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)