Jeden Tag ein Streichquartett

    • Gestern noch:



      Das Streichquartett Nr. 2 der aus Berlin stammenden Komponistin und Dozentin Ursula Mamlok (1923-2016, sie ist eine derjenigen, die mit ihrer Familie emigrieren mussten) wurde 1998 abgeschlossen und ist neoklassizistisch gehalten. Es dauert beim Sonar Quartett (CD „Ursula Mamlok Volume 3“, erschienen bei Bridge, das 2. Streichquartett aufgenommen am 25.11.2010 beim Deutschlandfunk in Köln) an die 13 Minuten und hat drei Sätze, With fluctuating Tension, Larghetto und Joyful. Ich fand beim Kennenlernen vor allem die unerwarteten, überraschenden Charakterwechsel innerhalb der Sätze reizvoll – man stellt sich auf eine Stimmung ein, und schon wird sie durchbrochen. Am meisten hat mich der grundsätzlich ruhig fließende 2. Satz, das Larghetto, angesprochen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Mieczysław Weinberg: Streichquartette
      Nr. 2 Op. 3/145 (1940/1987)
      Nr. 12 Op. 103 (1970)
      Nr. 17 Op. 146 (1987)
      Quatuor Danel

      Alle drei gefallen beim ersten Hören. Das geheimnisvolle 12. läuft gerade ein zweites Mal. (P.S.: Fantastisch!)


      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • Das 12. läuft bei mir auch immer wieder gerne, aber ich habe gerade zuviel Streß, um wirklich in Ruhe hören zu können. Und die nächste Weinberg-Streichquartett-CD wartet noch ungehört.

      Gerade jetzt läuft ein interessanter eBay-Blindfang mit Werken aus Georgien:

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      Sulchan Nasidse / Sulkhan Nasidze (*1927–1996) / Sulchan Zinzadse / Sulkhan Tsintsadze (1925–1991)
      Sulkhan Nasidze: String Quartet No. 5 + Sulkhan Tsintsadze: String Quartet No. 6

      Sulchan Nasidse: Streichquartett Nr. 5 « Con Sordino » (1992)
      (dem Andenken SulchanZinzadses gewidmet) [19′56″]

      Sulchan Zinzadse: Miniaturen für Streichquartett (nach georgischen Volksliedern)
      · Indi Mindi [1′44″]
      · Suliko [2′27″]
      · Mtskemsuri (Schäfertanz) [1′32″]
      · [Firefly] [1′52″]
      · Sachidao (Melodie zum sportlichen Wettkampf) [2′08″]
      · Zoli gamididgulda (ein keifendes Weib) [1′31″]
      · Sisatura (Georgisch-megrelisches Wiegenlied) [3′15″]
      · [Rural Dance] [1′06″]

      Sulchan Zinzadse: Streichquartett Nr. 6 (1967) [19′24″]

      Staatliches Georgisches Streichquartett: Konstantin Wardeli, 1. Violine; Tamas Batiaschwili, 2. Violine; Nodar Zhwania, Viola; Otar Tchubinischwili, Violoncello
      Aufgenommen im April 1994 im Music Centre Tbilisi (heute Kakhidze Music Center), Tbilissi, Georgien.
      ℗ 1995 Sony Classical Gmbh / © 1995 Sony Classical GmbH. Sony Classical – SMK 66 363

      discogs.com/de/Sulkhan-Nasidze…-Quartets/release/8942844

      Eigentlich beide Werke stark der Tradition verbunden, wobei das Nasidse-Quertett schon eindeutig modern ist. Aber ich werde noch einige Male hören müssen.

      LG, Kermit :wink:
      Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.


    • Danke maticus und Wieland, ein guter Impuls für mich, endlich auch mit dieser Box zu beginnen.
      Gestern noch: Weinberg, Streichquartett Nr. 1 op. 2/op. 141 (1937/1985)
      Quatuor Danel

      Oh ja das ist wieder einer dieser Komponisten, bei dem mich die Musik sofort im Innersten anspricht. Die Beklemmung des 1. Satzes, das Gewichtige auch des zweiten Satzes und schließlich ein Finale, das mich an diverse tragikomische Schostakowitsch Finali erinnert hat. Bin sehr gespannt auf die weiteren 16 Quartette, die werde ich im Lauf der nächsten Wochen hören.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Morton Feldman: Structures (1951)
      FLUX Quartet

      Momentesammlung mit Tiefgang, zum "Aufwärmen" für die demnächst zum Hören anstehenden Three Pieces und die Streichquartette 1 und 2, die alle drei jeweils eine winzige Spur länger dauern, das zweite Quartett ja überhaupt :) ...

      PS: Habe 1994 bei "Wien modern" unter anderem "For Philip Guston" live gehört, Nachtkonzert von 22:00 Uhr bis 02:25 Uhr, weiß, was mich erwartet...
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Mieczysław Weinberg: Streichquartette
      Nr. 12 Op. 103 (1970)
      Nr. 17 Op. 146 (1987)
      Nr. 5 B-Dur Op. 27 (1945)
      Nr. 9 fis-Moll Op. 80 (1963)
      Nr. 14 Op. 122 (1978)
      Quatuor Danel

      Nochmal die Nrn. 12 und 17. Bisher bleibt Nr. 12 mein Favorit. Auch die anderen drei gefallen beim ersten Hören, wobei Nr. 9 für mich auf Anhieb als Attraktivstes der drei heraussticht; wie letztes mal Nr. 12.

      Man braucht nicht erst den Text von David Fanning zu lesen, um im 9. starke Parallelen zu Schostakowitschs (später entstandenen) 10., 11. und 12. zu erkennen. Ein Déjà-vu hatte ich beim 5. Quartett, da es viele übereinstimmende Passsagen zu Weinbergs 3. Kammersinfonie Op. 151 hat; wie auch vorgestern schon (Beitrag #622), denn das 17. Quartett wurde nochmal in Weinbergs 4. Kammersinfonie Op. 153 verwendet.


      maticus

      Da capo: Nr. 9
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • Danke maticus für die Anregungen und Infos, ich werde im Lauf der nächsten Wochen hoffentlich dazu kommen, all diese Streichquartette erstmals zu hören.

      Bei mir gestern noch:




      Morton Feldman: Three Pieces for String Quartet (1954-56)
      FLUX Quartet

      Morton Feldmans Three Pieces for String Quartet entstanden 1954 bis 1956 und dauern beim FLUX Quartet (zusammen mit den Structures aufgenommen am 7.12.2011 in den Spin Recording Studios, Long Island City, New York, 2 CDs und DVD mode 269/70) ca. 13 ½ Minuten.

      Mein Höreindruck:

      Die Musik hat etwas seltsam Sphärisches und für mich faszinierend Unbestimmtes. In Satz 1 werden vielfach länger gehaltene Töne mit Pizzicato-Tupfern gefärbt, in Satz 2 entwickelt sich ein langsamer Puls, und in Satz 3 scheinen die „Tropfen“ aus Satz 1 etwas größer zu sein. Es ist Musik, in der sich die Zeit aufhebt, man verliert das Zeitgefühl beim Hören. Eine ganz eigene Welt!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Heitor Villa-Lobos: 9. Streichquartett (1945)
      Cuarteto Latinoamericano

      Für mich ist das 1945 komponierte 9. Streichquartett von Heitor Villa-Lobos quasi „Mahlers Sechste“ unter den Villa-Lobos Streichquartetten. Beim erstmaligen Hören hab´ ich mich sofort mit dem eröffnenden komplexen kontrapunktischen Allegro wie bei einer Verfolgungsjagd gefühlt – als Verfolgter. Vielleicht hat der Verfolgte im 2. Satz, Andantino vagaroso, einen Platz zum Durchatmen gefunden, die Musik dieses langsamen Satzes bleibt bangend, schicksalsschwer, irgendwie innerlich zerrissen. Im Mittelteil scheint der Verfolgte eine Fieberphantasie zu haben. Mit dem 3. Satz, Allegro poco moderato (con bravura) geht die Verfolgungsjagd weiter, im Mittelteil auch mit einem Fugato. Und im Finale, Molto allegro, wird die Jagd teilweise motorisch treibend fortgesetzt. Nach etwa drei Minuten landet der Verfolgte kurz auf einer Lichtung, erneut kann er durchatmen, dann geht die Hetzjagd aber unbarmherzig weiter. Derart außermusikalisch „infiltriert“ landet man (beim Cuarteto Latinoamericano nach ca. 28 ½ Minuten, 6 CD Box Brilliant 6634, erneut eines der Quartette, das 1998 und 2000 im Sala Blas Galindo of the Central Nacional de las Artes in Mexico City eingespielt wurde) – ja wo jetzt, vor dem „Showdown“, als Gefangener oder als erfolgreich Geflohener? Der Schlussakkord lässt das offen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Philippe Boesmans (*1936): Streichquartett Nr. 1 - Fly & Driving (1988)


      Arditti String Quartet (Ricercar, 1990).
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Gestern noch:



      Das etwa 12 Minuten lange, 1982 komponierte Apo do (von hier) für Streichquartett des 1944 in Frankfurt am Main geborenen Mathias Spahlinger, aufgenommen vom Arditti Quartet am 15.6.1994 in Köln (CD Kairos 0012692KAI), wurde laut Begleithefttext vom Gedicht „Das letzte Jahrhundert vor dem Menschen“ des griechischen Widerstandsdichters Jannis Ritsos inspiriert.

      Persönlicher Höreindruck:
      Abschnitt I, knapp über sechs Minuten: Punktuelle Geräuschmusik, nur wenige liegende Klänge, aber nach etwa vier Minuten aufhorchen lassende „Momente“ in der Stille, wie verlorene Klänge im All (wo ja an sich kein Schall zu hören ist).
      Abschnitt II Quasi da capo senza fine, knapp über fünf Minuten: Weiter Geräuschmusik, dann auf einmal ein schneidend dominantes As, hier als harmonischer Ton eher unheimlich, danach wieder Geräusche.
      Abschnitt III Quasi da capo senza fine, knapp über eine halbe Minute: Verklingen ins Nichts.
      Für mich hat solche Geräuschmusik (trotz der wohl akribischen Leistung der Interpreten) etwas Unbestimmtes, etwas Willkürliches, auch Beliebiges und Distanzierendes. Sie reizt mehr zum Beobachten was alles mit vier Streichinstrumenten klanglich möglich ist als zum Eintauchen in die und Mitleben mit der Musik.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Ich habe das berühmte Adagio aus dem 1936 entstandenen Streichquartett h-Moll des US-amerikanischen Komponisten Samuel Barber (1910-1981) Anfang der 80er Jahre mit der DGG-Aufnahme Leonard Bernsteins der von Barber 1938 erstellten Streichorchesterfassung mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra kennengelernt. Werk wie Expressivität der Interpretation gehen mir nach wie vor extrem zu Herzen. Auf der 1988 entstandenen CD „Winter was hard“ des Kronos Quartets (Elektra/Nonesuch 979 181-2) ist auch nur dieser Einzelsatz enthalten, nicht das ganze Quartett. Mein Höreindruck: Die bewusste Kälte der Aufnahme erzeugt, zumal wenn man den vollen Streicherklang gewohnt ist und hier alles völlig entschlackt hört, eine wieder ganz eigene, starke Suggestivität. Aber bei mir folgt gleich danach auch wieder mal die volle Ladung Expressivität mit der Bernstein-Aufnahme...
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Heitor Villa-Lobos: 10. Streichquartett (1946)
      Cuarteto Latinoamericano

      Weiter auf einer wie ich finde sehr bereichernden Entdeckungsreise, in die Streichquartettwelt des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos (1887-1959), der ja insgesamt 17 Streichquartette komponiert hat: 1946 entstand dessen 10. Streichquartett. Es dauert beim Cuarteto Latinoamericano (6 CD Box Brilliant 6634, wieder eines der Quartette, das 1998 und 2000 im Sala Blas Galindo of the Central Nacional de las Artes in Mexico City aufgenommen wurde) ca. 25 ½ Minuten. Der 1. Satz (Poco animato) bietet ein dichtes, abwechslungsreiches, teilweise grüblerisches Geflecht – einmal mehr höre ich hier die Inspiration stärker als die Konstruktion (die den alles zusammenhaltenden Unterbau liefert) mit. Das nachdenkliche, vertiefte Adagio des 2. Satzes ist ein großer, schwergewichtiger langsamer Streichquartettsatz, und im kurzen rascheren Mitteilteil dieses Satzes wird völlig überraschend Johann Strauss´ „Fledermaus“ zitiert. Den 3. Satz, Scherzo, allegro vivace, höre ich als surrealen Ritt mit faszinierenden Farb- und Schichtwechseln im Trioteil. Erneut ein dichtes Gewebe bringt der 4. Satz, Molto allegro, teilweise mit reizvoller kontrapunktischer Verschachtelung. Ich lerne Villa-Lobos mit dessen Streichquartetten als einen wirklich inspirierten, sehr ernsthaften Komponisten kennen und schätzen, der immer neue musikalische Substanz in die Formen zu gießen imstande ist und bin unverändert gespannt auf die weiteren Quartette, die ich noch entdecken darf.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gestern noch:



      Das Streichquartett Nr. 2 op.3/op.145 von Mieczysław Weinberg entstand 1939/40. Weinberg hat es 1987 überarbeitet, den 3. Satz hinzugefügt und der Neufassung sowie der Fassung als Kammersymphonie Nr. 1 die neue Opuszahl 145 zugewiesen. Das Quatuor Danel (CD cpo 777 587-2) schloss unter anderem mit diesem hier 26 ½ Minuten langen Quartett 2008/09 die Gesamtaufnahme der Weinberg-Streichquartette im Studio Stolbergstraße in Köln ab.

      Mein Höreindruck:
      Der 1. Satz (Allegro), ein deutlich durchhörbarer Sonatensatz, kommt immer wieder auf den überraschend serenadenartigen Beginn zurück, überhaupt wirkt dieser Satz leichter, aufgehellter als man es erwarten könnte. Umso mehr Gewicht legt der Komponist in den nachdenklichen, getragen erzählenden 2. Satz (Andante), dessen rascherer Mittelteil allerdings auf das Serenadenhafte des 1. Satzes zurückverweist. Der 1987 hinzugefügte 3. Satz (Allegretto) kommt zart, zurückhaltend, „vorsichtig“ daher. Das lässt den aufgeweckt heiteren 4. Satz (Presto) umso spritziger auftrumpfen.

      Das wird noch eine sehr, sehr spannende weitere Entdeckungsreise durch die weiteren 15 Weinberg-Streichquartette für mich!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Mieczysław Weinberg: Streichquartett Nr. 9 fis-Moll Op. 80
      Quatuor Danel

      Das knapp halbstündige 9. von Weinberg ist fantastisch mitreißend. Immer sehr geschäftig, das Andante (3. Satz) sehr aufgewühlt.


      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • Neu

      Gestern noch:



      Das Streichquartett Nr. 1 D-Dur von Carl Ditters von Dittersdorf (1739-1799) bietet so wie ich es höre ansprechende Wiener Klassik. Der 1. Satz (Moderato) beginnt ruhig. Das konzertante Element spielt sich dann in den Vordergrund, die 1. Violine darf sich virtuos und melodisch exponiert präsentieren. Dittersdorf spart (auch in anderen Streichquartetten) einen explizit langsamen Satz aus. Es folgt gleich als 2. Satz ein gemütliches Menuetto (Moderato) mit einem markanten d-Moll-Mittelteil. Das spritzige Finale (Allegro) kommt wie der 1. Satz fast als „Violinkonzert“ daher, dank der Rondo-Refrains. Das originelle Ende erscheint augenzwinkernd zurückgenommen.

      Das 1974 in Wien gegründete Franz Schubert Quartett nahm das Quartett (und andere von Dittersdorf auch) im Juni 1988 bei MDG (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm) auf (Spieldauer 13:40 Minuten, CD cpo 999 038-2).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK