Eine weitere Parsifal Inszenierung an der Wiener Staatsoper - Richard bei Otto Wagner - 16.4.2017

    • Eine weitere Parsifal Inszenierung an der Wiener Staatsoper - Richard bei Otto Wagner - 16.4.2017

      RICHARD BEI OTTO WAGNER

      Richard Wagners „Parsifal“ in der Wiener Staatsoper, 16.4.2017, ein persönlicher Eindruck

      Wer in Wien aufgewachsen ist, ist mit Otto Wagners Jugendstilarchitektur vertraut, mit den Stadtbahnhöfen (jetzt U-Bahnhöfen) und der Wientalbrücke, mit der Kirche am Steinhof, mit den Häusern auf der Linken Wienzeile, mit der Postsparkasse, mit dem Karlsplatz-Pavillon und all den anderen markanten Bauwerken Wagners.

      Wer von Jugend an in Wien gerne in die Oper ging, lernte parallel zu dieser architektonischen Sozialisierung Richard Wagner Aufführungen zu schätzen und somit auch die „Parsifal“ Sichtweise von August Everding von 1979 kennen, und er stellte sich im neuen Jahrtausend auf jene von Christine Mielitz ein.

      Nun gibt es also eine Neuinszenierung von Alvin Hermanis, die Ende März 2017 Premiere feierte und das Bühnenweihfestspiel in die Architekturwelt Otto Wagners verpflanzt.

      Parsifal, der reine Tor, vermag auch hier im 1. Akt noch nicht seine Berufung zu erkennen durch Mitleid wissend erlösen zu können, Kundrys Kuss im 2. Akt macht ihn weltsichtig, aber erst im 3. Akt, nach langen Irrfahrten, kann er Amfortas und die Gralsritter erlösen.

      Der 1. Akt spielt bei Hermanis in der Kirche am Steinhof, der 2. Akt in der Pathologie des Spitals und der 3. Akt in einem Pavillon. Die derart ausgestellten Werbeprospekte für die Wiener Jugendstilarchitektur werden durch verschiebbare Kulissen etwas variiert. Hermanis, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, beschränkt sich bei den Verwandlungen auf Kulissenverschiebungen und Lichtwechsel und fügt gelegentlich Poster mit gerade zu singenden Librettopassagen und dazu passende Zeichnungen ein.

      Ärzte, Pflegepersonal und Patienten sind zu sehen und zu hören. Sie spielen „Parsifal“ – oder sie träumen sich diese Geschichte, und Parsifal selbst ist entweder eine Einbildung aller oder wirklich ein Erlöser.

      Der Gral ist eine Art Gehirn, von einer Käseglocke geschützt. Zu Beginn des 2. Aktes hat Dr. Klingsor wieder einmal versucht, einen Toten zum Leben zu erwecken, erfolglos. Am Ende des 2. Aktes gewinnt ein größeres Gehirn auf der Bühne Bedeutung, weil in ihm der Speer steckt, den Parsifal ganz leicht herausziehen kann. Klingsor und Kundry stehen unbeteiligt daneben und gehen dann genauso unbeteiligt wirkend zur Seite. Die Gralsritter tragen im 3. Akt Helme wie man sie aus Asterix-Comics kennt. In diesem 3. Akt beherrscht ein noch größeres Gehirn die Bühnenmitte. Den Gral enthüllt letztendlich Kundry auf Geheiß Parsifals in dieser Inszenierung, und eine Glocke, die sich schon mehrmals zeigte, schwebt erneut herab und setzt sich wie ein Hut auf das Gehirn.

      Gurnemanz und Klingsor (mit Freud-Couch) sind Ärzte, Kundry (im 1. Akt im Gitterbett), Amfortas und die Gralsritter hingegen sind Patienten, und die Blumenmädchen erheben sich zwecks Parsifal-Verführungsversuchen von Totenbetten und tragen Unterwäsche aus der Jugendstilzeit.

      So belanglos und seltsam die szenische Aufbereitung ist, so unvergleichlich großartig gelingt die musikalische Umsetzung unter der Leitung von Semyon Bychkov. Das Staatsopernorchester bietet von dem Moment an, als Gurnemanz ein Grammophon einschaltet und damit das Orchester aufgeblendet wird und Bychkov somit ohne Begrüßungsapplaus anhebt, das Vorspiel zu dirigieren, den schönsten samtenen Streicherklang auf, und wenn sich der mit den Bläserfarben mischt, erblühen die großartigsten Richard Wagner Klangfarben. Nicht satthören kann man sich an dieser vielfarbigen Partitur voller musikalischer Blüten. Die ganze Kraft und Energie der Aufführung kommt von der Musik, nicht von der szenischen Aufbereitung. Bychkov badet geradezu im Philharmonischen Wohlklang, er zelebriert die Musik als würdiges großes Weihespiel.

      Die vielen rezitativischen Passagen des Werks zu singen, vor allem von Gurnemanz und Amfortas, hat immer meine höchste Bewunderung. Das darstellerische Profil wird in dieser Inszenierung vielfach gedämpft zur Statik, man hat den Eindruck, die Mitwirkenden wurden vom Regisseur zu oft alleingelassen. Sie machen das Beste draus. Bychkov überdeckt sie nicht mit dem Orchester, die Stimmen können sich gut entfalten. Am stärksten gelingt die Sequenz mit Christopher Ventris und Nina Stemme als Parsifal und Kundry im 2. Akt. Das ist großes Operntheater, trotz der Nicht-Regie. Kwangchul Youns Gurnemanz und Nina Stemmes Kundry vibrieren im 1. Akt stimmlich noch etwas, gewinnen dann beide an Sicherheit. Darstellerisch weiß Nina Stemme ohnedies ihre vielschichtige Rolle von der ungebändigten Patientin über die Verführerin zur stillen und demütigen Büßerin eindrucksvoll auszufüllen. Gerald Finleys Amfortas vermag auch sehr zu berühren. Christopher Ventris ist als Parsifal doch eher wirklicher Erlöser als von allen eingebildeter Ritter, zu präsent füllt er seine Rolle aus. Leider ist Jochen Schmeckenbechers Klingsor nach erster Frustration über eine mißlungene Operation zu Beginn am Ende des 2. Aktes zur Untätigkeit verdammt. Vor allem musikalisch beeindruckend bleiben die Chöre, die im Einsatz sind, in Erinnerung.

      Bleibt also die Frage, ob im Otto-Wagner-Spital zu Beginn des 20. Jahrhunderts Richard Wagners „Parsifal“ gespielt oder wirklich gelebt wurde - Alvin Hermanis lässt dies offen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK