Thesen zur Rückschrittlichkeit der aktuellen Opernregie

    • Tyras schrieb:

      Im Allgemeinen (wenn auch nicht im Sinne eines "Naturgesetzes" des Regietheaters) hat man es also mit sehr voraussetzungsreichen und experimentellen Inszenierungen zu tun, deren erste Sorge nicht unmittelbare Nachvollziehbarkeit durch ein breiteres Publikum ist.
      Das ist übrigens ein weiterer Grund, warum man die Musik weitgehend unangetastet lässt: Man will das Publikum nicht überfordern.

      Der Hauptgrund ist aber: Die Musik ist einfach gut. Das Beste vom Besten. Argonaut gibt das ja unabsichtlich zu: Haydn erfüllt seine Qualitätsanforderungen nicht. Auf seiner Referenzliste finden sich praktisch nur die Highlights der letzten 200 Jahre. Holländer, Lohengrin, Freischütz, Bohème, Fidelio, Wozzeck. Was soll man da groß "umschreiben" oder "aktualisieren"?

      Übrigens sah ich mal eine Inszenierung von Haydns "Il mondo della luna" (in Oldenburg), da wurde tatsächlich die Musik tw. umgeschrieben, und zwar in zeitgenössischem Stil. Hat mich allerdings nicht ganz überzeugt. Vielleicht nicht mal mangels Qualität. Ich hatte einfach keine Lust, mich auf die Gedanken des "Zweitkomponisten" einzulassen. Man kennt das ja: Da wird der "Profi" Haydn durch einen drittklassigen Möchtegern-Komponisten ersetzt, dass kann ja nicht gut gehen. Oder?


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Übrigens sah ich mal eine Inszenierung von Haydns "Il mondo della luna" (in Oldenburg), da wurde tatsächlich die Musik tw. umgeschrieben, und zwar in zeitgenössischem Stil. Hat mich allerdings nicht ganz überzeugt.
      Eingriffe in die Musik (mit Angabe der_des Co-Komponist_in) habe ich in jüngerer Zeit zweimal erlebt: Marschners Vampir & Monteverdis Poppea - beides in der Komischen Oper Berlin. Der Vampir war gekürzt bzw. gestrafft und um unmissverständlich moderne Zwischenspiele ergänzt. Die Poppea hatte z.T. Instrumentarium im Orchester, an das Monteverdi noch nicht hatte denken können - z.B. Saxophon & Vibraphon. Das Saxophon hatte teils eigne Solo-Parts, die immer wieder ins Jazzige spielten. Mich störte lediglich manchmal, dass es die restlichen Instrumente manchmal etwas zudeckte. Aber ich saß auch relativ weit vorne.

      Diese, auch für mich offensichtlichen, Modernisierungen und Veränderungen der Musik haben mich nicht gestört, wobei ich die beiden Opern praktisch nicht kannte. Bei einem Fidelio oder Otello sähe das womöglich anders aus.
      Aber gerade die Poppea war für mich überraschend unterhaltsam.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Argonaut schrieb:

      Ecclitico schrieb:

      Das ist übrigens ein weiterer Grund, warum man die Musik weitgehend unangetastet lässt: Man will das Publikum nicht überfordern.
      Woher weißt Du das so genau? Und woher weißt Du, dass es für diese Entscheidung immer denselben Grund gibt? Bist Du da immer dabei?
      Ja. Immer. Wir sitzen nämlich alle im selben Boot. Wir erbringen eine Dienstleistung, für deren Inanspruchnahme andere Leute mehr oder weniger viel Geld auf den Tisch legen. Sobald diese ihre Zahlungen einstellen, müssen wir verhungern. Oder die Heizung runterdrehen. Beides wäre uns unangenehm. Also müssen wir bis zu einem gewissen Grade darauf achten, dass die Zahlungen nicht eingestellt werden. Mir fällt das übrigens auch nicht immer leicht.

      Ich nutze dabei eine kommerzielle Software, und zwar einen der Weltmarktführer. Also sowas wie Wagner oder Puccini in deiner Branche. Mein Chef meinte zwar mal, mittels eigener Programmierung könnte man da noch hier und da was verbessern. Aber nachdem diverse Ex-Kollegen an diesem Unterfangen gescheitert sind, sieht auch mein Chef ein, dass die Original-Software gut genug (wenn auch nicht perfekt) ist. Zumal die Bearbeitung der damit verbundenen Aufgabenstellungen auch so schon komplex genug ist.

      Womit wir bei einem weiteren Grund sind, warum ihr an der Musik nicht allzu sehr herumdoktert: Der zu erwartende Mehrwert ist nicht hinreichend groß.


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Womit wir bei einem weiteren Grund sind, warum ihr an der Musik nicht allzu sehr herumdoktert: Der zu erwartende Mehrwert ist nicht hinreichend groß.
      Die Häuser würden nicht mehr ausgelastet sein. Nehme ich auch an. Die Regietheaterpille wird ja von vielen auch nur geschluckt, weil die Musik noch da ist.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Stücke wie Poppea mögen sich besonders gut eignen. Ich erinnere eine Inszenierung in Hamburg von vor etwa zehn Jahren, bei der ein Stück, ich weiß nicht mehr welches, ebenfalls sehr jazzig-modern gespielt wurde, was beim Publikum sehr gut ankam.

      Puttos Begriff des konsequenten Regietheaters gefällt mir, nebenbei bemerkt.

      Ebenso nebenbei: Die Entwicklung der Zwölftonmusik zur Seriellen Musik als Assoziation. Wie dort die Idee der Zwölftonmusik auf weitere, möglichst alle Eigenschaften der Musik erstreckt wurden, liegt es nahe, dass die Ideen des Regietheaters auf möglichst alle Bestandteile einer Opernaufführung erstreckt werden, also auch auf die Musik.
    • ich meine, man kann es verstehen angesichts der Randbedingungen, aber ich finds dennoch nicht in Ordnung, daß in einem anderen Forum

      tamino-klassikforum.at/index.p…&postID=610357#post610357

      nahezu der gesamte Beitrag #108 von Argonaut ohne Quellenangabe kopiert wird.

      (Achtung nicht mißverstehen, das ist natürlich nicht gegen Argonaut gerichtet!)
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Neu

      In der aktuellen Süddeutschen (Nr. 161, Samstag/Sonntag, 15./16. Juli 20017, S. 17) ist ein lesenswerter Artikel von Reind J. Brembeck zur Aktualisierungsproblematik der Opernregie erschienen: "Operntod".

      Das von mir in diesem Thread angesprochene Thema wird dort ebenfalls zur Sprache gebracht:

      Brembeck beschreibt zunächst die "aus der Zeit gefallener" Opernsujets und -figuren, insbesondere Frauenfiguren, und stellt die von Opernregisseuren verschiedener Generationen erarbeiteten Lösungsangebote dar, wobei er u. a. herausarbeitet, weshalb die Generation Berghaus, Konwitschny, Neuenfels im Vergleich zu Bieito mittlerweile altbacken daherkommt. Bei jenen handelt es sich - meine Zuspitzung - eben nur um Bühnenbild- und Kostümveränderer, während die aktuell interessanten Regisseure die alten Stücke benutzen, um neue Geschichten zu erzählen, die "oft nur mehr lose" mit den alten Texten zusammenhängen.

      (Tatsächlich sehe ich jene genannten Regisseure als deutlich moderner an, als es im Artikel zur Sprache kommt; gerade Konwitschny hat mein Opernverständnis geprägt)

      Zur hiesigen Thematik heißt es:

      "Während aber Theaterregisseure unbefangen die alten Texte für ihre neuen Bedürfnisse zuschneiden, zurechtstutzen und umschreiben, so ist Opernregisseuren diese Möglichkeit verwehrt, das ist bei Dirigenten, Sängern, Publikum und Intendanten nicht durchzusetzen. Da muss schon ein Großmeister wie Peter Brook antreten, der 2010 eine genial eingedampfte Zauberflöte vorstellte."

      Damit ist auf den Punkt gebracht, was ich hier zur Sprache zu bringen versucht habe. Man ersetze allein "das ist bei Dirigenten, Sängern, Publikum und Intendanten nicht durchzusetzen" durch "dafür sind Operndirigenten, Opernsänger, Opernpublikum und Opernintendanten zur rückschrittlich - und damit nolens volens auch die Opernregisseure.

      :pfeif:
    • Neu

      Ich weiß nicht, warum dieser Artikel lesenswert sein soll. Er stellt Behauptungen auf, die er nicht begründen kann und zieht daraus dann falsche Schlussfolgerungen.

      Zum Beispiel wird die Behauptung, dass der aus »vordemokratischer« (das Wort steht da wirklich!) stammende Stoff des Mozartschen »Titus« uns heute nichts mehr zu sagen hat, weil wir nicht unter der Herrschaft von Erdoǧan oder Kim Jong Un leben. Damit verkennt er, dass ein Kunstwerk seine Bedeutung nicht aus dem Stoff bezieht, er verkennt aber auch, dass die Problematik, die in diesem Stück abgehandelt wird, keineswegs auf »vordemokratische« Zeiten begrenzt ist, wie jeder weiß, der einen leitenden Posten innehat, dass es sich vielmehr um ein Problem handelt, dass so lange existieren wird, wie Menschen in hierarchischen Ordnungen leben und handeln müssen, also so lange es Menschen geben wird. Genauso dämlich ist, was er uns über die »fadenscheinigen« Gründe zu sagen hat, derentwegen Violetta auf ihre Liebe verzichtet. (Die Stelle lautet übrigens: »Violetta lässt sich durch fadenscheinige Gründe ihre große Liebe abschwatzen«, was für einen Großkritiker der Bundesrepublik eine bemerkenswerte sprachliche Fehlleistung ist – allerdings nicht die einzige von diesem Kaliber in diesem Text). Diese Gründe sind bekanntlich keineswegs fadenscheinig, und wenn er meint, weil sie heute kaum noch vorgebracht werden würden, ist auch gleich die ganze Geschichte, die in »La Traviata« erzählt wird, zeigt er nichts als ein bemerkenswertes Desinteresse am Schicksal von Menschen, außer am eigenen.

      Überhaupt würde ich empfehlen, dass Brembeck, bevor er uns darüber belehrt, dass die alten Stücke uns nichts mehr zu sagen hat, die alten Stücke erst einmal liest. Wenn er zum Beispiel den »Ring des Nibelungen« kennen würde, hätte er nicht geschrieben: »Was Wotan durch den Raub des Rheingolds verbricht: Sein Eingriff in die Natur hat den Untergang der Welt zur Folge.« Denn dann wüsste er:
      1. Es ist nicht Wotan ist, der das Gold dem Rhein entreißt.
      2. Auch Alberich, der es tatsächlich tut, begeht kein Verbrechen, weil man keins begehen kann, wo es keine Rechtsordnung gibt.
      3. Der Raub des Rheingoldes ist kein Eingriff in die Natur (da hat er was läuten hören, wusste aber nicht, in welcher Kirche: was er meint, ist der abgebrochene Ast der Weltesche).
      4. Weder Alberichs noch Wotans Umgang mit dem Gold bzw. dem Ring hat den Untergang der Welt zur Folge.
      5. Das kann schon deshalb nicht sein, weil die Welt gar nicht untergeht.

      Es tut mir leid, ich kann einen Opernspezialisten, der sich zu einem Werk äußert, das nun wirklich nicht unbekannt (und übrigens auch nicht besonders schwer zu verstehen) ist, in einem Satz fünf kapitale Fehler unterbringt, nicht ernst nehmen. Ich sehe auch keinen Grund, seine Behauptung ernst zu nehmen, die Stücke seien veraltet, weil er sie nicht kennt. Carmen als »männermordend« zu bezeichnen – auf die Idee kann wohl nur kommen, wer das Stück nicht einmal aus dem Opernführer kennt, denn der weiß, dass sie zwar einmal eine Kollegin mit dem Messer verletzt, aber niemanden umbringt, vielmehr selbst von einem Mann umgebracht wird. Ebenso entbehrt die Behauptung, dass Senta vom »Patriarchenvater zum Überpatriarchen Holländer« wechselt für den jeder Grundlage, der das Stück ein wenig kennt.

      Übrigens ist es witzig (und für die zeitgenössische Debatte zum Thema sehr charakteristisch), dass Brembeck zwar vorgibt, sich mit Problemen der Opernregie zu befassen, in seinem Text aber kein einziges Wort vorkommt, das sich auf das »Kerngeschäft« des Regisseurs, nämlich die Regie bezöge. Stattdessen ist (wie in nahezu allen Opernkritiken – nicht nur von Brembeck) von Ausstattungen die Regel, aus denen Schlüsse auf die Absichten (»Konzepte« nennt man das seit einiger Zeit bezeichnenderweise) gezogen werden. Ich kann das nicht ernst nehmen, während es mir gar nicht schwerfällt, viele Stücke aus »vordemokratischen Zeiten« sehr ernst zu nehmen und in ihnen sehr viel zu finden, was uns heute sehr wohl interessieren kann. Man muss nur ein wenig hinsehen, das macht nicht einmal sehr große Mühe, vor allem aber kann es viel Freude machen – wenn man es denn kann. (Aber wenn man es nicht kann... Es gibt so viele schöne andere Berufe.)
    • Neu

      Knulp schrieb:

      wobei er u. a. herausarbeitet, weshalb die Generation Berghaus, Konwitschny, Neuenfels im Vergleich zu Bieito mittlerweile altbacken daherkommt.

      Woran macht er das fest?

      Da Opernregie zeitgenössisch sein muss, ist klar, dass ältere Inszenierungen "altbacken" daherkommen. Haydns Regiestil wäre heute auch nicht mehr modern, obwohl er ein brutaler Verfechter des Regietheaters war.

      Aber da zumindest die Herren Konwitschny und Neuenfels noch aktiv sind, würde es mich wundern, wenn die plötzlich das Inszenieren verlernt hätten. Die müssten eigentlich heute eher noch besser sein als vor 10 Jahren.


      Thomas
    • Neu

      Ecclitico schrieb:

      Knulp schrieb:

      wobei er u. a. herausarbeitet, weshalb die Generation Berghaus, Konwitschny, Neuenfels im Vergleich zu Bieito mittlerweile altbacken daherkommt.
      Woran macht er das fest?
      Gar nicht. Er behauptet es einfach nur. Und wahrhaftig: Wenn er es für zeitgemäßes Musiktheater hält, was Castellucci verzapft, dessen Machwerke ihn ja in helles Entzücken versetzen, werden die Genannten sicherlich zufrieden sein, nicht in dieselbe Schachtel gesteckt zu werden. Da gehören sie nämlich, so verschieden sie untereinander auch sein mögen, nicht hin. Ganz einfach schon deshalb nicht, weil sie ihr Handwerk beherrschen und Regie führen, was beides man von Brembecks Helden bei besten Willen nicht behaupten kann.
    • Neu

      Noch eine charakteristische Stelle aus diesem angeblich lesenswerten Artikel:

      »Dem Frankreich-Gegner und Antisemiten Wagner war, wie vielen Deutschnationalen, der Vorrang der deutschen Kunst derart eine Herzensangelegenheit, dass er dazu eine ganze Oper schrieb. Bis heute haftet den »Meistersingern« deshalb ein chauvinistischer Beigeschmack an.«

      Lassen wir die reichlich kurzgegriffene Charakterisierung Wagners mal beiseite, bleibt die Behauptung, das Thema der »Meistersinger« sei der Vorrang der deutschen Kunst. Und diese ist so dämlich, dass man sich nur an den Kopf fassen kann. Allerdings kann man Sachs’ Schlussansprache so verstehen, wenn man den Rest des Stücks nicht mit einbezieht. Wenn man nur diese wenigen Minuten des Stücks betrachtet und sie als Quintessenz seiner Botschaft nimmt (wogegen nicht nur die Entstehungsgeschichte dieser Passage, sondern auch das ganze Stück spricht) und wenn man den historischen und politischen Kontext in dem das Stück entstand, ganz und gar außer Acht lässt, kann man zu dieser Auffassung kommen. (Nun ist es unter den Journalisten üblich, wenn sie über Oper schreiben, ein paar Minuten herauszupicken, die ihnen spektakulär erscheinen und aus diesen Schlussfolgerungen zu ziehen, die durch nichts gedeckt sind. Brembeck tut also nichts, als was er sonst auch tut. Das kann man ihm nicht übel nehmen, er kann es eben nicht , sonst wäre er ja auch nicht Kritiker.)

      Die Fortsetzung ist des Anfangs würdig:

      »Auch wenn es in der Nachkriegszeit etliche Ansätze gab, das Deutschkunstgetümle des Stücks zu überhöhen, zu erklären oder zu verklären, so wirken Thema und Diskussionen mittlerweile nicht nur obsolet, sondern geradezu albern und lächerlich. […] Es zeugt mittlerweile nur mehr von bildungsbürgerlicher Engstirnigkeit, wenn man Goethe, Bach und Dürer zum Nonplusultra aller Kunst verklärt, neben dem nichts anderes gelten dürfte.«

      Dass das Thema des Stücks Brembeck albern und lächerlich vorkommt, ist seltsam, denn er kennt es ja offensichtlich gar nicht. Was er da oben als Thema nennt, mag albern und lächerlich sein, aber es ist ja seine Erfindung. Das Thema des Stücks und seine Behandlung ist ein ganz anderes. Und zwar eins von großer Tiefe und nach wie vor großer Aktualität. (Es kann auch nicht an Aktualität verlieren, so lange Kunst gemacht wird.) Die Behauptung im letzten Satz zeigt allerdings, dass Brembeck selbst irgendwie dumpf fühlt, dass mit seinem Text etwas nicht stimmt. Denn er baut da einen Popanz auf (den Popanz jener, die Goethe, Bach und Dürer zum Nonplusultra aller Kunst verklären) und macht sich dann daran, die Strohpuppe zu zerlegen. Das Problem ist: Niemand ist so dumm, die Haltung, die Brembeck sich da ausdenkt, zu vertreten, und Wagners Stück vertritt sie auch nicht. Es ist einfach nur Brembecks dumme Idee, die er da als dumme Idee entlarvt.

      Ich weiß nicht, was daran lesenswert sein soll. Einen gewissen Unterhaltungswert hat es natürlich, wie Brembeck die Position des Famulus Wagner einnimmt und perfektioniert und uns mit ausladender Geste zeigt, wie herrlich weit wir es gebracht haben, und wie überlegen wir allen gegenüber sind, die vor uns irgendetwas gedacht haben. Das beklagenswerte intellektuelle und sprachliche Niveau seines Beitrags nährt allerdings den Verdacht, dass er sich ebenso ulkig überschätzt wie jener, der »mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt / und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.«
    • Neu

      Die zitierten Stellen sind nicht charakteristisch, sondern nebensächlich und für den Gedankengang des Artikels kaum von Bedeutung. Solche Nebensächlichkeiten aufzugreifen und an ihnen darzulegen, wie undifferenziert vorgegangen wird, beweist in Wahrheit gar nichts. Im Übrigen handelt es sich um einen Zeitungsartikel, keinen wissenschaftlichen Aufsatz.

      Zentral für die hiesige Thematik und damit auch für die Bewertung des Artikels ist die Beurteilung der Frage, ob es Aufgabe der Regie ist, zu aktualisieren - und ggf. wie das zu geschehen hat.

      1) Eine Aktualisierung wird aus verschiedenen Gründen verneint (um einem Missverständnis vorzubeugen: im Folgenden handelt es sich um pauschalisierende Zusammenfassungen, die den differenzierteren Standpunkten der Genannten nicht gerecht werden):

      a) Konservative sehen das per se als unerwünschten Eingriff ein.

      b) Argonaut und Co, nennen wir sie die Performativen, meinen, das sei unnötig, da eine Theateraufführung, weil sie im Jetzt aufgeführt wird, notwendigerweise immer aktuell ist.

      2) Andere, wie Herr Brembeck und meine Wenigkeit, sehen eine Aktualisierungsbedürftigkeit, und zwar umso mehr, je älter der Stoff ist, wobei das Alter des Stoffes unterschiedliche Gründe haben kann. Stoffe aus der Mottenkiste werden nach dieser Auffassung nicht allein dadurch aktuell, dass die Motten heute auftreten.

      Nur für die im letzen Absatz genannte Gruppe stellt sich die Frage, welche Mittel zur Aktualisierung der Werke genutzt werden dürfen oder sollten.

      a) Die Mehrheit sieht die Komposition selbst - Noten plus gesungener Text, nicht geht es hier um Transponierungen etc. - als tabu an und beschränkt sich im Wesentlichen auf eine Aktualisierung von Kostüm plus Bühnenbild (hinzu kommen solche Elemente wie Personenregie statt Rampensingen, das dramaturgische Nutzen der früheren Leerstelle Ouvertüre etc.), wodurch oftmals die Ideen oder Konflikte des Stückes in einen anderen Zusammenhang gestellt und damit neu oder anders beleuchtet bzw. hinterfragt werden.

      b) Eine Minderheit meint, die Regie könnte durchaus weiter gehen und sich des kompletten Werks als Steinbruch bedienen, also auch mit Libretto und Partitur nach Belieben verfahren.
    • Neu

      Das ist eine seltsame Verdrehung der Tatsachen. Und zwar in mehrerlei Hinsicht. Zum einen legt Brembeck unmissverständlich dar, dass die alten uns seiner Ansicht nach nichts mehr zu sagen haben und bringt dafür Beispiel, von denen ich einige zitiert habe. Wenn die unwichtig sind, ist auch der Ausgangspunkt des Artikels unwichtig.
      Darüber hinaus kann es nicht unwichtig sein, wenn jemand über die Frage der möglichen Aktualität der alten Stücke schreibt und seine Unkenntnis dieser Stücke unter Beweis stellt, indem er offensichtlichen Unsinn schreibt.
      Außerdem stellt er seine vollständige Inkompetenz in der Frage, die er zu behandeln vorgibt, unter Beweis, indem er erklärt, die Aktualität und Sinnhaftigkeit eines alten Stücks in unserer Zeit hänge von seinem Stoff ab. Da hat er ganz grundlegende Dinge nicht verstanden.
      Wie unter diesen Voraussetzungen ein lesenswerter Text zustandekommen soll, ist mir unklar. Und das Wunder ist ja auch nicht geschehen.

      Und schließlich bitte ich Dich nochmals, ehe Du meine Aussagen zusammenfasst oder paraphrasiert, diese zu lesen. Wenn es Dir nicht möglich ist, sie zu verstehen, lass es einfach, niemand zwingt Dich. Aber unterstelle mir nicht immer irgendwelchen Unsinn, der Dir gerade so durch den Kopf spukt, und den ich nie geschrieben, nicht einmal gedacht habe. Vielen Dank für das Entgegenkommen.
    • Neu

      Argonaut schrieb:

      indem er erklärt, die Aktualität und Sinnhaftigkeit eines alten Stücks in unserer Zeit hänge von seinem Stoff ab. Da hat er ganz grundlegende Dinge nicht verstanden.
      Das ist nach meinem Dafürhalten ein ganz wesentlicher Punkt für unsere unterschiedlichen Auffassungen.

      Ich bejahe die oben zitierte Auffassung ebenfalls und finde es selbstverständlich, dass die Aktualität und Sinnhaftigkeit eines alten Stücks in unserer Zeit von seinem Stoff abhängt. Es würde mich freuen, wenn wir uns darüber noch etwas austauschen könnten.

      Einerseits: Ja, eine Aufführung findet immer in der Gegenwart statt und entsteht in der aufführungsgegenwärtigen Interaktion zwischen den Aufführenden und dem Publikum, so dass Aktualität einer Aufführung immanent ist.

      Andererseits: Denklogisch findet alles Erfahren jetzt statt und ist ihm dieser Gegenwartsbezug daher ausnahmslos immanent. Damit liegt kein genuin theatralischer Befund vor, sondern eine Banalität. In unserer Gegenwart erleben wir unterschiedliche Erfahrungsgegenstände als unterschiedlich interessant und bisweilen sogar als ältlich. Oben, d. h. vor einigen Seiten, habe ich das Beispiel eines alten Films "aus der Mottenkiste" gebracht, den ich jetzt ansehe. Der Gegenwartsbezug ist auch hier gegeben, doch der Film bleibt alt, und zwar auch in meiner gegenwärtigen Wahrnehmung. Du, werter Argonaut, hast dich zu diesem Beispiel nicht geäußert und es schlicht ohne Argument abqualifiziert.

      Beispiel 2: Ich erlebe eine aktuelle Theateraufführung, die in sämtlichen Mitteln eins zu eins eine Aufführung von vor hundert Jahren abbildet, d. h. genau so präsentiert wird (aber im jetzt und mit heutigem Publikum). Mein heutiges Erleben kann nicht umhin, die ältlichen Stilmittel (Ausstattung, Personenführung, Kostüme, Sprechweise usw.) wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde ich das als alt empfinden.

      Beispiel 3: Ich erlebe eine aktuelle Aufführung einer Oper, deren Stoff ich als in jeder Hinsicht überlebt finde - was meiner Einschätzung nach in der Oper häufiger vorkommt als im Schauspiel. Mein heutiges Erleben kann nicht umhin, sich vom Stoff gelangweilt zu fühlen.

      Oder?
    • Neu

      Knulp schrieb:

      Argonaut schrieb:

      indem er erklärt, die Aktualität und Sinnhaftigkeit eines alten Stücks in unserer Zeit hänge von seinem Stoff ab. Da hat er ganz grundlegende Dinge nicht verstanden.

      Das ist nach meinem Dafürhalten ein ganz wesentlicher Punkt für unsere unterschiedlichen Auffassungen.

      Allerdings hat Argonaut hier zu 100 % recht. Und ich bin immer wieder entsetzt, wenn die Leute sich nicht die Mühe machen, die Kernaussage eines Stückes zu verstehen.

      Und auch wenn Argonaut jetzt die Nase rümpft: Gerade durch die Beschäftigung mit den Haydn-Opern ist mir das klar geworden.

      Nehmen wir "Il mondo della luna". Vordergründig wird hier irgendein Trottel auf eine völlig unglaubwürdige Art und Weise hinters Licht geführt. Tatsächlich wird die Gutgläubigkeit der Menschen aufs Korn genommen (man glaubt, was man glauben will, egal wie abstrus es ist), die Expertenhörigkeit, die Eitelkeit von Titelträgern. Außerdem wird die Emanzipation von jugendlichen Töchtern thematisiert.

      Das sind allesamt hochaktuelle Themen. Buonafede ist z.B. ein typischer AfD-Wähler. Wie die damals diesen Blender "Lucke" angebetet haben...

      Ähnliches wird man über ausnahmslos jede Oper sagen können, die einen relevanten Inhalt haben und der in adäquater Weise auf die Bühne gebracht wird.

      Das hat der Brembeck nicht begriffen, und deshalb versteht er auch die Meistersinger nicht. Da geht es nämlich nicht um deutsch oder nichtdeutsch, sondern um Kunst oder Nichtkunst.


      Thomas
    • Neu

      Hier übrigens der fragliche Artikel online:
      sueddeutsche.de/kultur/klassik-der-tod-der-oper-1.3587560

      Fazit: Überzeugt nicht. Erinnert an gescheitertes Regietheater. Man hat eine Idee, aber bei der Umsetzung passt es hinten und vorne nicht. Was nicht passt, wird passend gemacht. Relevanz = Null.

      Zur Grundfrage dieses Threads bin ich inzwischen der Meinung, dass bei einer guten Inszenierung gar nichts modernisiert wird. Das Werk war damals modern und ist es auch heute noch.

      Zur Musik: Ok, die war damals modern. Moderne Musik klingt heute anders. Aber die damalige Musik klingt heute keinesfalls altmodisch.


      Thomas
    • Neu

      Ich verstehe den Text nur in der Hinsicht, daß Brembeck die fehlende Nähe der Opernstoffe an die heutigen Lebensbedingungen beklagt und deshalb fordert, man solle sie auch inhaltlich entsprechend bearbeiten. Daß er dabei drei Beispiele nennt (Tito, Meistersänger und den Ring), die ich persönlich nicht als unmodern ansehe, ist der eigentliche Schwachpunkt in seinem Diskurs. Das Wort "These" werde ich für den Text nicht verwenden, denn Brembeck vertritt einfach seine Meinung zu dem Thema Operninszenierungen.

      Daß es sehr viele Vereinfachungen oder - wie Argonaut durchaus richtig anmerkt - Verfälschungen bestimmter Details vorhanden sind, zeigt eher die schwache logische Durchdringung dieses Textes; ich persönlich hätte das mal eben in zwanzig Minuten runtergeschrieben, ohne Korrekturlesen oder schriftliche Fixierung meiner Aussagen und Argumente. Insofern ist dieser Text unglaublich schwach und tendenziös.

      Der Untertitel
      Alberner Ehrenkodex, Patriarchat, Chauvinismus: Wie kann man eigentlich heute noch Musiktheater auf die Bühne bringen, wenn uns die Stoffe so unendlich fern sind?
      zeigt doch das ganze Dilemma: wenn man sich nicht in andere Verhältnisse hineindenken kann, so soll die Regie dies thematisieren - tut sie dies nicht, ist der Stoff für das heutige Publikum uninteressant - obsolet. Dabei sind die Themen "Ehrenkodex, Patriarchat, Chauvinismus" nicht gerade uninteressant, wie ich finde. Und wäre es nicht z.B. reizvoll, gerade heutzutage die gesellschaftlichen Unterschiede zu damals und heute zu thematisieren? Das soll obsolet sein?

      Ich werde das Gefühl nicht los, daß Brembeck einfach nur davon redet, wie uninteressant er persönlich die meisten Opern empfindet; ich will mal hoffen, daß er dann das Besprechen von solchen Aufführungen konsequent meidet... :jaja1: Denn wie soll man eine Oper bearbeiten, wenn sie zu einem bestimmten Zeitpunkt getextet und komponiert worden ist? Sie trägt also die ästhetischen und musikalischen Ideale ihrer Entstehungszeit in sich und bekommt dadurch erst ihr Profil; von ihrer strukturellen Aufbau zu schweigen, der eben nicht rein dramaturgisch, sondern eben musikalisch-dramaturgisch ist. Außerdem tragen die besten Werke ihre Moral nicht auf der Zunge, sondern lassen sie unausgesprochen, lassen sie indirekt wirken, damit der Zuschauer selber darauf kommt. Eine Konzeption, die heute immer noch sehr gut funktioniert - auch bei alten Werken.

      Ehrlich gesagt: der ganze Text ist deshalb so obsolet ( :P ), weil er falsche Voraussetzungen propagiert. Demnach wäre jeder Fantasy- oder Science-Fiction-Roman obsolet, wenn der Stoff nicht den heutigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten entspricht; und sie wären alle dadurch zu retten, wenn man sie in dem Sinne umschreibt. Genau das propagiert Brembeck bei den Opern.

      Aber damit nimmt man allen diesen Werken ihre Unmittelbarkeit. Und das hat eine RT-Inszenierung, die sich auf das Bühnengeschehen beschränkt, bisher noch nicht geschafft. Da ist das Werk immer noch vorhanden, wenn auch äußerlich stark verfremdet.
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      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
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    • Neu

      Ecclitico schrieb:

      Hier übrigens der fragliche Artikel online:
      sueddeutsche.de/kultur/klassik-der-tod-der-oper-1.3587560

      Fazit: Überzeugt nicht. Erinnert an gescheitertes Regietheater. Man hat eine Idee, aber bei der Umsetzung passt es hinten und vorne nicht. Was nicht passt, wird passend gemacht. Relevanz = Null.

      Ich habe mir den Artikel jetzt auch zu Gemüte geführt - erschreckend schwach!

      Wenn man schon der Meinung ist, dass das Stück xy nichts mehr mit unserer Lebenswelt zu tun habe, dann sollte man zumindest den Inhalt des Stücks xy wiedergeben können.

      In den "Meistersingern" geht es selbstverständlich nicht zuvorderst um Deutschtümelei. Übrigens hat der sicherlich nicht allzu deutschnational gestimmte Marcel Reich-Ranicki die "Meistersinger" als eine seiner Lieblings-Opern und als Beleg für den Genius von Wagner benannt, da er der Meinung war, dass es kaum ein besseres Stück über Kunst gebe (von mir vereinfachend zusammengefasst). Zum angeblichen Rheingold-Raub Wotans wurde schon alles Notwendige geschrieben.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Neu

      Ecclitico schrieb:

      Erinnert an gescheitertes Regietheater.
      Kann nicht sein. Denn von Regie ist in dem Beitrag keine Rede. Davon versteht Brembeck so wenig, dass er nicht einmal weiß, was das ist, und daher gar nicht merkt, dass er das Wichtigste auslässt. Er denkt ja, ein Kunstwerk kann nur dann aktuell etwas zu sagen haben, wenn der Stoff aktuell ist. Das ist allerdings Unsinn, wie sich leicht sehen lässt. Den Athenern war Ödipus fast ebenso fern wie uns, den Menschen des 18. Jahrhunderts die Kreuzritter im »Rinaldo« auch. Auf den Stoff kommt es nicht an, sondern auf das, was daraus gemacht wird. Das könnte selbst Herr Brembeck an einem simplen Beispiel sehen: Er kleidet sich nicht in den Anzugstoff, sondern in den Anzug, und ob der gut ist, hängt in erster Linie davon ab, ob der Schneider etwas konnte. Und er hätte aus demselben Stoff auch eine Hose, oder ein Damenkostüm, vielleicht auch Kissenbezüge und wer weiß, was noch machen können.

      Freilich: We wenig er das kennt, was aus diesen Stoffen gemacht wird, und wie wenig er in der Lage ist, es zur Kenntnis zu nehmen, zeigt er ja mit jedem zweiten Satz. Darum meine ich, der Text ist als Beitrag zur ästhetischen Diskussion nicht der Erwähnung wert. Als Symptom für den Zustand dieser Gesellschaft und ihr zerstörtes Verhältnis zur Geschichte ist er allerdings wertvoll, weil man dieses Verhältnis nur selten in so herzerfrischend dummer Naivität ausgesprochen findet wie hier. (Nur der Famulus Wagner kann es noch hübscher, aber der darf ja in Reimen sprechen – und ist auch vergleichsweise harmlos.)