Carl ZELLER: "Der Obersteiger"

    • Carl ZELLER: "Der Obersteiger"

      Nach dem rauschenden Erfolg des "Vogelhändlers" lag es nahe, daß der berühmte Alexander Girardi seinen Erfolg als Adam mit dem gleichen Komponisten-Librettisten-Team in einer weiteren Operette wiederholen wollte. Doch der 1894 uraufgeführte "Obersteiger" erwies sich letztlich als Absteiger in der Gunst des Publikums. Das Werk ist heute weitgehend aus dem allgemeinen Musikbewußtsein verschwunden, sieht man ab von der mit Recht weltweit berühmt gewordenen Arie "Sei nicht bös", die als Sololied aber nicht in der originalen Tenorversion Furore machte, sondern umgesetzt für Sopran und vor allem auch im angloamerikanischen Raum als "Don't be cross" (tatsächlich ist bis jetzt für mich auch Marylin Hill-Smith die beste Interpretin dieser Nummer und schlägt als solche auch berühmte heimische Sängerinnen wie die Güden aus dem Feld).
      Aufführungen gibt es kaum und wenn, dann nicht an den großen Bühnen, sondern zum Beispiel in Zusammenhang mit der Carl-Zeller-Gedächtnispflege (immerhin ist ihm ja ein eigenes Museum gewidmet). Selbst auf Tonträgern gibt es derzeit nur eine einzige, 2009 entstandene, Gesamtaufnahme, die aber nur relativ als solche zu bezeichnen ist:



      Sie verzichtet nämlich auf sämtliche Dialoge. Das kann man bei bekannten Werken unter Umständen noch hinnehmen, weil man das Inhalt und Libretto ja gut kennt. Bei einem so verborgenen Stück und einer ziemlich komplizierten Handlung jedoch stört das gewaltig, sodaß der Gesamteindruck hier schon a priori lahmt. Operette besteht aus Musik und Wor, dessen Witz einen wesentlichen Faktor darstellt. Dabei muß man wirklich dankbar sein, daß sich cpo und der Dirigent Herbert Mogg des "Obersteigers" angenommen haben, denn zumindest musikalisch steht er hoch über vielen anderen Operetten und Operettchen, die mehr Aufmerksamkeit genießen. Das heißt freilich nicht, daß er einen verkannten Geniestreich bedeutet. Das ist er nur zu einem geringen Teil (der aber seinerseits zum besten zählt, was es im Operettensektor gibt). Moritz West und Ludwig Held konnten sich bei der Erstellung des Textes vom Vorbild des "Vogelhändlers" ebenso wenig befreien wie Zeller beim Komponieren. Aber während dessen Routine und musikalisches Empfinden doch Niveau bewahren, schwächelt das Libretto oft ziemlich dahin. Nicht nur ist die Handlung um den Hallodri Martin (der Obersteiger, der trotz seiner gewissenlosen Flirterei zum Schluß doch seine Nelly bekommt) ziemlich verworren, die Personencharakteristik bleibt blaß und oberflächlich bis krampfig (das edle Paar Fürst Rodrigo und Comtesse Fichtenau schafft kaum stereotypische Überzeugungskraft), die Handlungslogik bleibt dürftig. Glücklicherweise schreibt Zeller schmissige Musik, allerdings weitestgehend ganz in der Manier des "Vogelhändlers", den man deshalb unwillkürlich immer vergleicht oder erinnert - sehr zu Ungunsten des "Obersteigers", der überwiegend den schwächeren Aufguß nicht verleugnen kann. Ausgenommen natürlich die paar wirklich genialen Einfälle, aber die sind insgesamt zu wenige. Allerdings glaube ich, daß eine erstklassige und sorgfältige Interpretation den Eindruck wesentlich verbessern könnte, denn Zellers Musik stellt hohe stimmliche Ansprüche.
      Das von Mogg im "Musik Theater Schönbrunn" vereinte Ensemble kann besonderen Erwartungen aber nicht genügen. Die jungen Leute sind sehr ambitioniert bei der Sache, Orchester und Chor gefallen mir, aber die Stimmen sind eher klein und meist vom Timbre her nicht übermäßig attraktiv. Die Nelly (Anna Siminska) wird in der Höhe ein bißchen schrill, die Comtesse (Cornelia Zink) ebendort etwas scharf, die Herrn wirken wenig profiliert. Bernhard Berchtold als Martin zeigt zwar gutes musikalisches Empfinden, aber die Stimme hinterläßt keinen signifikanten Eindruck. Beim Anhören, so muß ich gestehen, habe ich mir ununterbrochen das Team des Boskovsky-"Vogelhändlers" gewünscht. Was hätten Rothenberger/Dallapozza/Holm/Berry/Unger aus dem "Obersteiger" gemacht! Denn Potential hätte das Werk ja trotz der erwähnten Schwächen.
      Herbert Mogg dirigiert spritzig und schmissig, für mein Empfinden aber manchmal zu schmissig. Durch die fehlenden Dialoge gerät man da in eine beschleunigte Abfolge, die irgendwie hektisch wirkt.

      Trotz allem: Dieser Einspielung kommt hohes Verdienst zu. Und solange wir nichts Besseres haben, wird sie vorläufig der Maßstab bleiben und vielleicht doch einmal zu einer Renaissance des "Obersteigers" helfen können. Einen Versuch wäre das Opus nämlich wirklich wert.
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      Homo sum, ergo inscius.