Daniel Barenboim - als Pianist, Dirigent und Institution

    • Barenboim als Pianist? Weltklasse über Jahrzehnte! Barenboim als Dirigent? Weltklasse über Jahrzehnte! Beides zusammen ist singulär und alle Ehren der Welt wert.

      Unfassbar ist sein riesiges Repertoire. Andere Pianisten, deren Boxen ich in letzter Zeit archiviert habe (zuletzt und rein zufällig: Brendel, Rubinstein, Gould, wobei Gould eine kürzere Karriere hatte), haben weit weniger eingespielt.

      Dennoch und obwohl ich diverse sehr gute Aufnahmen mit Barenboim als Pianist wie als Dirigent besitze (übrigens aus jedem Jahrzehnt seit den 60ern bis heute), käme ich nie auf die Idee, gezielt eine Aufnahme mit Barenboim zu kaufen (Konzerte sind etwas anderes, die lohnen immer). Der Grund geht in dieselbe Richtung wie Abendroths oben formulierter Gedanke und lässt sich in ein Wort fassen: Omnipräsenz. Weil Barenboim sowieso immer da ist, bemühe ich mich nicht um ihn, ist er weniger interessant als irgendein/e Neue/r. Das hat mit Qualität nichts zu tun, sondern ist der normale Mechanismus der Neugier.

      Der letzte Punkt ist der einzige, der hier wesentlich diskutiert wird: Barenboim hat Macht und er nutzt sie. Wie manche andere habe ich dagegen Bedenken. Wir haben ein verfasstes Gemeinwesen und für bestimmte Entscheidungen Verfahren und Regeln. Barenboim steht wie andere Mächtige über diesen Regeln. Das mag ich nicht und stört mich. Allerdings wäre es unfair, das Barenboim zuzuschreiben. Vielmehr ist es unseren Entscheidungsträgern, sprich: Politikern, eigen, sich nicht zuletzt zum eigenen Nutzen dafür einzusetzen, wenn ein Promi ein Leuchtturmprojekt durchsetzen möchte. Dann muss so etwas möglich gemacht werden und wird es möglich gemacht.
    • Hach
      und wenn von seinen vielen Einspielungen nix mehr bleiben würde, was gewiss nicht passieren wird:
      Der Druck, den er gemacht hat, um die "olle" fast schon vergammelte Staatsoper in Berlin sanieren zu lassen, den wird man ihm nicht vegessen. Und solchen Druck konnte nur er mit seinen exzellenten Vernetzung erzeugen.
      Auch wenn ein Bekannter, ein Freund der "Deutschen Oper" in der Bismarckstr. mal meinte, nun würde er ja auch die Wasserhähne endlich in gold bekommen.

      Gruß aus Kiel
      Guter Wein, mäßig genossen, ist auch in großen Mengen nicht schädlich.
    • ChKöhn schrieb:

      Ich finde, dass politische Vernetzung per se nichts Negatives ist. Die Frage ist, ob man sie so nutzt wie Barenboim oder wie seinerzeit z.B. Justus Frantz...
      Das ist halt eine sehr subjektive Sicht. Statt gut zu finden, dass ein eigentlich bedenklicher Vorgang mal zu den eigenen Gunsten ausgeht, sollte man doch besser den Vorgang grundsätzlich kritisieren.

      Den Musiker finde ich eigentlich ziemlich super, auch wenn ich ihn, wie Knulp, selten gezielt auswähle. Als Dirigent hat mich vor allem sein Dirigat beim Cellokonzert von Dvorak mit du Pré sehr beeindruckt und als Pianist ausgerechnet ein youtubetrailer der DCH mit dem langsamen Satz aus dem zweiten Chopinkonzert (youtube.com/watch?v=BcO7srWZJmk). Aber meistens gibts dann doch immer noch jemanden, dessen Aufnahme ich lieber höre...
    • El Duderino schrieb:

      Das ist halt eine sehr subjektive Sicht. Statt gut zu finden, dass ein eigentlich bedenklicher Vorgang mal zu den eigenen Gunsten ausgeht, sollte man doch besser den Vorgang grundsätzlich kritisieren.
      Ich hatte ja geschrieben, dass ich den "Vorgang" (also politische Vernetzung) nicht grundsätzlich kritikwürdig finde. Man kann von Politikern kaum erwarten, dass sie alle guten Ideen von sich aus bekommen, also z.B. ohne Anstoß von außen eine israelisch-palästinensische Musikhochschule gründen. Man kann aber sehr wohl erwarten, dass sie in demokratischen Prozessen über die Umsetzung entscheiden. Ich habe keine Informationen darüber, dass das in diesem Fall nicht geschehen wäre. Ohne Mariss Jansons und seine Verbindungen zur Politik gäbe es übrigens auch keinen Neubau des Münchner Konzertsaals (der im Vergleich zur Barenboim-Said-Akademie samt Pierre-Boulez-Saal schon zu Beginn der Planungen mit mehr als zehnmal so hohen Kosten veranschlagt wird), ohne Steven Sloane in Bochum kein Musikzentrum.

      Christian
    • Doch, ich würde schon erwarten, dass die Politik mal hin und wieder ne gute eigene Idee zur Kulturförderung hätte. Im derzeitigen Prozedere wird nur gehört, wer mächtig ist, und von den Resultaten haben nur zwei Seiten etwas: Politiker bekommen Leuchtturmprojekte (abgedeckt werden damit Stadtmarketing, Tourismus, Sponsoringmöglichkeiten für Unternehmen, die sich ansiedeln sollten etc...) und die wenigen, mächtigen Künstler mit ihren jeweils eigenen Anliegen (Barenboim mit Aussöhnungsideen, Jansons, Rattle und Sloane wollen Säle für ihre Orchester). Die damit einhergehenden Kulturangebote finde ich oft nicht aufregend, ambitionierte kleinere Anbieter mit spannenderen Ideen müssen dagegen schauen, dass sie mit immer weniger Geldern zurecht kommen. Derzeit erlebe ich selber, dass ein kleines Festival, für das ich arbeite, sich zunehmend selbst kastriert, um zumindest noch etwas aus den Töpfen von Gemeinde und Land (gerade mit gleich mehreren neuen Sälen beschäftigt) zu bekommen. Gestrichen werden interessante, aber riskante Themen (in diesem Fall Dada-Kunst), bleiben dürfen Programmpunkte, die niemandem mehr weh tun. Würde es hingegen ein kompetentes politisches Gremium zur Kulturförderung geben, müsste man nicht mehr mit "Leuchttürmen" konkurrieren, die weniger nach Kunscht, als nach Geld programmieren.
    • ChKöhn schrieb:

      alle guten Ideen

      El Duderino schrieb:

      mal hin und wieder ne gute eigene Idee
      Du erkennst schon den Unterschied zwischen den beiden Aussagen, oder?

      Außerdem: Dass der neue Münchner Konzertsaal oder der Pierre-Boulez-Saal nur Politikern und den jeweiligen "mächtigen Künstlern" nutzt, während das Publikum deshalb auf die geliebten Dada-Festivals verzichten muss, ist eine ziemlich originelle Meinung.

      Christian
    • El Duderino schrieb:

      Im derzeitigen Prozedere wird nur gehört, wer mächtig ist, und von den Resultaten haben nur zwei Seiten etwas: Politiker bekommen Leuchtturmprojekte (abgedeckt werden damit Stadtmarketing, Tourismus, Sponsoringmöglichkeiten für Unternehmen, die sich ansiedeln sollten etc...) und die wenigen, mächtigen Künstler mit ihren jeweils eigenen Anliegen (Barenboim mit Aussöhnungsideen, Jansons, Rattle und Sloane wollen Säle für ihre Orchester).
      Verstehe ich nicht. Neuer Kammermusiksaal in Berlin, neuer Konzertsaal in München sind "nur etwas für Politiker und mächtige Künstler"? Ich werde sehr gerne in diese neuen Säle gehen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.
      Doch, ich würde schon erwarten, dass die Politik mal hin und wieder ne gute eigene Idee zur Kulturförderung hätte.
      Ewarten kann man ja viel. Nur weiss doch heute jedes Kind, dass man von "unseren" Politikern nur noch sehr wenig erwarten kann. Wenn sich nicht zufälligerweise ein Politiker mit so einem "unwirtschaftlichen" Projekt mal selbst eine goldene Nase verschaffen kann, dann geschieht sowas auch nicht (von selbst). Deswegen bin ich froh und dankbar, dass es solch "mächtigen" Künstler wie Barenboim, Jansons, ... mit einem großen Engagement für die Kunst gibt.

      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • ChKöhn schrieb:

      Geht's auch ein bisschen differenzierter?
      Prinzipiell ja. Aber ich glaube, eine politische Diskussion ist hier nicht erwünscht und würde vermutlich in der Tat in einer Schlammschlacht (im Splitter) enden.

      Nur so viel: Erstens dürfte klar sein, dass die eigentliche Macht in unserer Welt nur noch zu einem sehr geringen Teil bei der Politik liegt. Jedenfalls bin ich davon überzeugt. Zweitens sind "die" Politiker meist mehr mit sich selbst beschäftigt. (Mir ist klar, dass ich hier sehr generalisiere und es Ausnahmen gibt.) Man schaue sich etwa diese aktuelle "Jamaika"-Hängepartie an...

      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • Ich komme hier nicht mehr so ganz mit...

      In diesem Thread soll es doch wohl um Daniel Barenboim gehen. Wenn Herr Barenboim demokratisch gewählten Politikern Vorschläge unterbreitet und diese Politiker sie dann umsetzen, dann haben die Politiker diese Entscheidung sowie die spätere Umsetzung zu verantworten, nicht Herr Barenboim. Der hat nur den Anstoß gegeben und damit etwas getan, was im Prinzip jedem Bürger in einem freien Land zusteht: er hat mit den politischen Vertretern des Volkes kommuniziert.

      Die Verantwortung für generelle Tendenzen in der Kulturpolitik liegt ebenso nicht bei Herrn Barenboim. Wenn Politiker lieber "Leuchttürme" fördern als kleinere Projekte, so ist das ebenfalls ihre Verantwortung. Ob die Barenboim-Said-Akademie überhaupt ein "Leuchtturm-Projekt" ist, wäre durchaus noch zu diskutieren. Es ist m. W. eine Ausbildungsstätte für einen kleinen Personenkreis mit einem schönen Kammermusiksaal. Kammermusik war eigentlich noch nie eine Massenattraktion, und der Saal ist nach einem verstorbenen Avantgarde-Komponisten benannt. "Leuchttürme" für die breite Masse sehen wohl eher anders aus. Dass der Saal eine Einrichtung ist, von dem alle Musikfreunde in der Bevölkerung profitieren können, steht auf einem anderen Blatt.

      Aber selbst wenn wir die Barenboim-Said-Akademie als "Leuchtturm-Projekt" auffassen: die Tendenz, eher solche größeren als diverse kleinere Vorhaben zu fördern, ist ein allgemeineres politisches Phänomen und hat nichts mit Barenboim zu tun.

      Bleibt noch die Frage, wieviel kulturpolitische Impulse aus der Politik kommen sollten. Wenn ich mir unsere hiesige Kulturpolitik ansehe (was zugegebenermaßen eine kleine Stichprobe darstellt), so kann ich nicht empfehlen, Politiker zum Impulsgeber für kulturelle Vorhaben zu machen. Kulturelle Angebote wachsen im Kern immer noch aus der Tätigkeit der Kulturschaffenden, und die Politik kann für deren Tätigkeit lediglich gute Rahmenbedingungen schaffen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • And now for something completely different...

      Ich habe mir gestern auf Spotify Barenboims Aufnahme der beiden Brahms-Konzerte (mit Dudamel am Pult) von 2015 angehört, und komme zu folgendem Eindruck.



      Das ist m. E. eine sehr spannende Aufnahme, auch wenn ich sie in gewisser Hinsicht speziell finde. Zunächst einmal fasziniert mich Dudamels Lesart des orchestralen Parts. Der Beginn des ersten Konzerts ist weder eine schwere Maestoso-Walze, noch fällt er unter den "Schlankheitswahn" der HIP-Schule. Irgendwie klingt dieser Brahms orchestral etwas wild, teilweise gar fahl, dabei aber nie unkultiviert oder intransparent, kurz: er klingt gewissermaßen "jugendlich". Barenboims Herangehensweise ist dieser Lesart eher entgegengesetzt. Er liefert einen schweren, dunklen Klavierklang, dem im Diskant manchmal vielleicht etwas das Kantable abgeht. Dabei ist er großzügig mit Rubato, Tempo-Stabilität wird nicht unbedingt allzu groß geschrieben. Das faszinierende ist nun, dass diese durchaus unterschiedlichen Herangehensweisen bei Barenboim und Dudamel zu einem stimmigen Ganzen verschmelzen, das durchgehend von hoher innerer Spannung geprägt ist. Lediglich der erste Satz des zweiten Konzerts vermag mich nicht ganz zu überzeugen. Barenboims subjektive Lesart ist hier besonders ausgeprägt und führt dazu, dass der Musik ein gewisser natürlicher Fluss abhanden kommt. Manche Läufe klingen bei Barenboim übrigens nicht mehr ganz flüssig, sauber und gleichmäßig - vielleicht ist das dann doch ein Tribut an das Alter und/oder den Umstand, dass das Spielen beider Konzerte an einem Abend eine immense pianistische Kondition erfordern muss.

      Was diese Aufnahme nicht (!) ist: ein schnell rundergenudeltes Stück Klavierspiel eines Pianisten über 70, der die Brahms-Konzerte nochmal spielen wollte, bevor seine Fingerfertigkeit dafür nicht mehr ausreicht. Vielmehr handelt es sich m. E. um einen Beleg dafür, dass Barenboim auch im höheren Alter immer noch in der Lage ist, anspruchsvollste Klavierliteratur auf hohem Niveau darzubieten, auch wenn mich einige seiner musikalischen Entscheidungen nicht vollends überzeugen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Was diese Aufnahme nicht (!) ist: ein schnell rundergenudeltes Stück Klavierspiel eines Pianisten über 70, der die Brahms-Konzerte nochmal spielen wollte, bevor seine Fingerfertigkeit dafür nicht mehr ausreicht. Vielmehr handelt es sich m. E. um einen Beleg dafür, dass Barenboim auch im höheren Alter immer noch in der Lage ist, anspruchsvollste Klavierliteratur auf hohem Niveau darzubieten, auch wenn mich einige seiner musikalischen Entscheidungen nicht vollends überzeugen.
      Ich habe die Aufnahme vor einiger Zeit auch bei Spotify gehört und hatte einen etwas zwiespältigen Eindruck. Einerseits fand ich gerade beeindruckend, mit welcher Freiheit er beide Konzerte (vor allem das B-Dur) spielte. Er kann sich das nur erlauben, weil er das Material und dessen Möglichkeiten vielleicht besser kennt als irgendjemand sonst, was ihm erst diese gleichermaßen individuelle wie textgenaue Version ermöglicht und erlaubt. Andererseits muss ich zugeben, dass mich seine hier doch hörbaren manuellen Grenzen ziemlich gestört haben. Im Saal konnte ich (beim d-moll-Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Rattle) noch darüber weghören (bzw. war sogar etwas erleichtert, dass anscheinend selbst er so etwas wie Anfangsnervosität kennt, als er gleich den technisch sehr anspruchslosen ersten Klaviereinsatz verhaute...), aber auf einer Aufnahme geht mir das dann doch zu weit. Gleichwohl bleibt es natürlich eine unglaubliche Leistung, diese beiden Brocken hintereinander auf dem Niveau zu spielen.

      Christian
    • ChKöhn schrieb:

      Andererseits muss ich zugeben, dass mich seine hier doch hörbaren manuellen Grenzen ziemlich gestört haben. Im Saal konnte ich (beim d-moll-Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Rattle) noch darüber weghören (bzw. war sogar etwas erleichtert, dass anscheinend selbst er so etwas wie Anfangsnervosität kennt, als er gleich den technisch sehr anspruchslosen ersten Klaviereinsatz verhaute...), aber auf einer Aufnahme geht mir das dann doch zu weit.

      Man kann es wohl kaum belegen, aber beim ersten Satz des B-Dur-Konzerts (den ich wie gesagt für den schwächsten Teil dieser Aufnahme halte) habe ich die Vermutung, dass so manche Tempoverzögerung und -verschiebung auch dazu dienen mag, den Klavierpart zu bewältigen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Ich glaube, das Geburtstagskonzert mit Rattle in der Philharmonie bekam recht schlechte Kritiken, was das Klavierspiel Barenboims angeht. Hatte mich damals interessiert, weil Freunde von mir im Konzert waren (und fast ein Vermögen dafür bezahlt hatten).

      Ich selbst habe nur sehr wenige Aufnahmen von Barenboim. Er steht nicht auf meinem Zettel. Woran das liegt, weiss ich nicht. Seine "politisches" Engagement bewundere ich schon sehr. Vielleicht finde ich ihn als Typ etwas zu trocken. Meine erste CD mit ihm, so Ende der 80er Jahre, war eine mit späten Sonaten von Beethoven. Ich fand sie damals, etwa im Vergleich zu Rudolf Serkin, eher langweilig. Vielleicht hat das meine Einstellung zu ihm geprägt.

      Um aber ein positives Beispiel zu nennen: die Doppel-CD mit Verdis Requiem in der Mailänder Scala gefällt mir extrem gut.



      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • Zu Daniel Barenboim kann ich nicht so viel sagen aber das denkwürdigen Konzert vom 12. November 1989 in der Berliner Philharmonie wird mir unvergesslich bleiben:



      Gespielt wurde damals Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur, op. 15 mit Barenboim als Solist und die Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92 sowie als Zugabe Mozarts Ouvertüre zu Così fan tutte.

      Sehen kann man das auch in der Digital Concert Hall mit Barenboims Erinnerungen daran, hier separat abrufbar.

      Die besondere Atmosphäre an jenem Tag ist für mich selbst beim Anhören der CD auch heute immer noch spürbar und sorgt für Gänsehaut. Ein großartiges Dokument wie ich finde.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Es gibt in Barenboims Karriere allerdings auch eine misslungene Episode: Er war der designierte Chef der neuen Pariser Opera Bastille, aber sein Vertrag wurde wieder aufgelöst, noch ehe ein Ton in dem neuen Opernhaus erklungen war. Offiziell waren seine Gehaltsforderungen zu hoch, die man schon vertraglich gebilligt hatte, und als Barenboim nicht mit einer Halbierung (!) seiner Bezüge einverstanden war, wurde sein Vertrag gegen seinen Willen aufgelöst. Sein "Nachfolger" wurde der damals noch völlig unbekannte Myung-whun Chung (dem man auch vorzeitig kündigte und sogar physisch am Betreten der Oper hinderte, obwohl er dieses Recht juristisch erzwungen hatte). Aber vielleicht war Barenboims "Niederlage" in Paris ein Glücksfall: wenige Jahre später wurde er Chef der Berliner Staatsoper.
    • Symbol schrieb:

      Man kann es wohl kaum belegen, aber beim ersten Satz des B-Dur-Konzerts (den ich wie gesagt für den schwächsten Teil dieser Aufnahme halte) habe ich die Vermutung, dass so manche Tempoverzögerung und -verschiebung auch dazu dienen mag, den Klavierpart zu bewältigen.
      Ich habe mir gestern das B-Dur-Konzert noch einmal in dieser Aunfahme angehört: Im ersten Satz kommt Barenboim vor allem bei den Sprüngen ab Takt 159 hörbar an seine Grenzen, was mich auch beim erneuten Hören wieder etwas gestört hat. Andererseits spielt er das ganze Werk mit atemberaubender Differenziertheit und einem schwer zu beschreibenden, tiefen musikalischen Verständnis. Viele Details hat er auch einfach genauer gelesen als seine Kollegen: So spielen z.B. gleich in der ersten Kadenz (ab Takt 11) fast alle anderen die Rechte einfach weiter im Sextolen-Rhythmus der Linken, was aber nicht im Notentext steht. Bei Barenboim hört man ganz klar Sextolen links und einfache Punktierungen rechts. Ob Brahms das wirklich so gemeint oder nur vereinfacht notiert hat, ist nicht mehr festzustellen, aber auf alle Fälle kann Barenboim sich auf den Text berufen. Und vor allem stellt er damit einen Bezug zu späteren punktierten Stellen her, besonders deutlich in der Durchführung. So geht es mir bei dieser Einspielung (und allgemein bei Barenboim) immer wieder: Ich habe den Eindruck, dass er einfach genauer und tiefer in das Werk hineinblickt als die meisten. Man spürt bei seinem Spiel, dass er immer das Ganze im Blick hat und mitdenkt, selbst wenn er an einigen Stellen gerade manuell schwer zu kämpfen hat. Das erinnert im Stil (wenn auch nicht in den Ergebnissen) etwas an Brendel und dessen Aufnahme mit Abbado.

      Christian