Operntelegramm - Saison 2017/18

    • Operntelegramm - Saison 2017/18

      Kurzberichte von Opernbesuchen für die Saison 2017/2018

      Un hier gleich einer:

      EINE IDEALE SALOME

      „Salome“ von Richard Strauss, Wiener Staatsoper, 22.11.2017

      Vor Vorstellungsbeginn trat Direktor Meyer vor den Vorhang und ersuchte um eine Gedenkminute für den verstorbenen Dmitri Hvorostovsky.

      Seit 45 Jahren zeigt die Wiener Staatsoper die Boleslaw Barlog Inszenierung des Musikdramas von Richard Strauss im Jugendstil-Bühnenbild von Jürgen Rose. Es liegt an der Abenddramaturgie und an den Möglichkeiten der Mitwirkenden, jede Vorstellung (an diesem Tag die 234. dieser Inszenierung) völlig neu lebendig zu machen, die aufgeheizt-morbid-erotische Atmosphäre, den Spannungsbogen aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

      Für mich ist Lise Lindstrom ab sofort eine ideale Salome. Sie strahlt als Gesamterscheinung eine verführerische optimale Jugendlichkeit für diese schillernde Opernfigur aus, stimmlich wie körperlich, gespeist aus Erotik (wenn sie Narraboth genauso wie später Herodes von ihrer morbiden Fixierung auf Jochanaan überzeugen will) und darstellerischem wie gesanglichem Facettenreichtum. Ihr voll ausgekosteter Tanz der sieben Schleier, an dessen Ende sie sich Herodias und Herodes kurz vorne nackt zeigt, kippt die Aufführung endgültig von schwelender abgründiger Lust ins faszinierend Morbid-Suggestive. Wie diese Salome nicht davon abzubringen ist den Kopf des Jochanaan zu fordern, wie sie gegen Ende hin völlig aufgeht in der Lust am Schädel am Silbertablett – das sind extrem intensive, atemlos spannende Opernminuten.

      Neben Lise Lindstrom gewinnen vor allem Herwig Percoraro als Charaktertenor-Herodes und Alan Held als bodenständig grundierender Jochanaan Profil, während Janina Baechles Herodias etwas zurückgenommen wirkt im Gesamtkomplex der Aufführung. Carlos Osuna ist ein weiterer Narraboth, der, ein armer Kerl, als erster an Salomes Wahn verzweifelt, sich vor ihr umbringt und dann ziemlich lange auf der Bühne herumliegen muss, bis ihn Herodes wegtragen lässt.

      Peter Schneider leitet das groß besetzte Strauss-Staatsopernorchester kräftig, er verlässt sich dabei auf die Durchsetzungskraft der Stimmen von der Bühne, die ihr Bestes geben, über den üppigen Sound aus dem Graben zu kommen. In Wien klingt Strauss wie Strauss, also Richard schon auch wo es geht wie Johann, was bedeutet: Streicherschmelz wie beim Wiener Walzer aus dem 19. Jahrhundert auch immer wieder mittendrin in den schillernden Klangfarben der Richard Strauss Partitur des 20. Jahrhunderts.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • „Ein Maskenball“ von Giuseppe Verdi am 2.12.2017 in Chemnitz

      Es war die Opernpremiere des neuen Generalmusikdirektors Guillermo García Calvo. Ansonsten waren an dieser Aufführung beteiligt:

      Inszenierung: Arila Siegert
      Bühnenbild: Hans Dieter Schaal
      Kostüme: Marie-Luise Strandt
      Musikalische Leitung: Guillermo García Calvo
      Gustavo: Ho-Yoon Chung
      Anckarström: Paolo Rumetz
      Amelia: Maraike Schröter
      Ulrica: Alexandra Ionis
      Oscar: Silvia Micu
      Cristiano: Andreas Beinhauer
      Graf Horn: Magnus Piontek
      Graf Ribbing: Eric Ander
      Richter: Edward Randall
      Amelias Diener: Hubert Walawski

      Wie man an den Rollen erkennen kann, wurde die sogenannte Stockholmer Fassung aufgeführt.
      Das Bühnenbild zeigte sich größtenteils grau in grau und sehr einfach. Phantastisch aber, wie durch Verschieben einzelner Elemente immer neue Räume entstanden! Diese Schlichtheit mag ich, besonders bei Werken, die sonst allein von deren erstklassiger Musik leben.
      Gedeckte Farben herrschten auch bei den zeitneutralen, also keiner bestimmten Epoche zuordenbaren Kostümen vor. Nur die Masken, welche die Darsteller auf dem Ball, der dieser Oper den Namen gab, trugen, setzten ein paar farbliche Akzente. Für mich nur ein wenig unverständlich, warum Opernchor und Statisten auch außerhalb des eigentlichen Maskenballs im 3. Akt teilweise etwas skurrile Kostüme trugen.
      Zur musikalischen Qualität der Aufführung kann ich nichts sagen. Ich genieße viel lieber die wunderschöne Musik, als dass ich auf Einzelheiten der Darbietung achte. Auf jeden Fall aber ist mir nichts Negatives aufgefallen.
      Alles in allem eine gelungene und sehenswerte Inszenierung, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann.
      https://www.theater-chemnitz.de/oper/premieren/repertoire/infos/ein-maskenball/
      Viele Grüße aus Sachsen
      Andrea
    • tja nu . . . Arila Siegert ist Berghaus-Schülerin (so ich mich nicht ganz übel verlesen habe) . . . so ganz ohne ein wenig Unverständlichem geht's da wohl nicht ;)

      für Würzburg hatte sie vor 2, 3 Jahren die (Ur !! -) Butterfly inszeniert . . . hierbei fand ich ihre Personenregie derart überzeugend,
      dass ich im Laufe des Abends auf Bühnenbild, Statisterie etc. weniger und weniger geachtet habe . . .

      n`Morgn :wink:
      a. d. fränkischen . . .
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske >Inventur<)Majo ist ätzend(Gus van Sant >Paranoid Park<) Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)


    • Tschaikowski: Eugen Onegin - Oper Graz (9. 2. 2018)

      "Eugen Onegin" war eine Wunsch-Oper der neuen Chefdirigentin des Grazer Opernhauses, Oksana Lyniv, und ihre erste Opernpremiere in Graz zu Beginn dieser Saison. Ich habe es erst in eine spätere Vorstellung geschafft, die gegenüber der Premierenbesetzung zwei wesentliche Änderungen aufwies: Statt Oksana Lyniv dirigierte der Erste Kapellmeister und Stellvertreter der Chefdirigentin Robin Engelen, und statt der Premieren-Tatjana Oksana Sekerina sang Sandra Janusaite.

      Die musikalischen Leistungen waren tadellos, aber insgesamt wenig mitreißend. An meine (vielleicht verklärte?) Erinnerung an meinen letzten Grazer Onegin, den samtstimmigen Mariusz Kwiecien 2002, hat Markus Butter diesmal nicht herangereicht, obwohl er den Onegin ansonsten recht überzeugend als Unsympathler spielte. Sandra Janusaite sang die Tatjana mit jugendfrisch-hell timbriertem, manchmal etwas spitzem Sopran, ohne die weiche dunkle Fülle, die man klischeehaft mit dem russischen Repertoire assoziiert. Das war in dieser Rolle eigentlich sehr passend; nur wie die Sängerin gleichzeitig in Riga die Turandot bewältigt, ist mir nach dieser Vorstellung ein Rätsel. Der eigentliche Star des Abends war Pavel Petrov als Lenski, der seinen lyrischen Tenor mit viel Schmelz und ohne Forcieren sicher führte. Yuan Zhang (Olga) ergänzte das Protagonistenquartett mit ihrem dunklen Alt. Von den Nebenrollen sind besonders Elisabeth Hornungs hörbar, aber rollendeckend reife Filipjewna und Manuel von Sendens eleganter Triquet erwähnenswert. Das Grazer Philharmonische Orchester spielte sicher und brillant, besonders die häufigen Holzbläsersoli waren ein Hörgenuss. Zwischendurch waren manche ungewohnt schnelle oder ungewohnt langsame Tempi zu hören.

      In hohem Maße problematisch fand ich aber die Inszenierung. Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit gehäuft in furchtbar langweilige, statische, öde Operninszenierungen zu geraten und meistens haben sie ein gemeinsames Requisit: eine lange Tafel, die die Bühne horizontal unterteilt und so sehr beherrscht, dass den armen Sängern wenig Aktionen übrigbleiben als am Tisch zu sitzen und zu singen, am Tisch zu stehen und zu singen, oder auf dem Tisch zu sitzen/stehen und zu singen. Dann könnte man aber auch gleich eine konzertante Aufführung machen. Beim Grazer "Onegin" hat Jetske Mijnssen noch ein übriges getan und das gesamte Bühnenbild (ein nach vorne offener Kubus) und die Kostüme in verschiedenen Grautönen gehalten - sicherlich eine sinnvolle visuelle Metapher sowohl für den Weltekel, der Onegin umtreibt, und für die provinzielle Enge, aus der Tatjana sich in ihre Bücherwelt flieht, aber insgesamt eine Visualisierung, die so weit als möglich die Visualisierung verweigert. Requisiten gibt es weniger, als nötig wären. Es gibt wahrscheinlich keine Oper, ja nicht einmal eine Operette, die schmissigere Tanzmusik beinhaltet als der "Eugen Onegin", und es ist der Chefdirigentin hoch anzurechnen, dass man sie in Graz vollständig und ungekürzt hören kann, sogar die oft gestrichene und mit ihren synkopierten Rhythmen besonders fetzige Écossaise des dritten Akts. Nur leider fällt Jetske Mijnssen zu Tschaikowskis rauschender Ballmusik gar nichts ein: die Protagonisten stehen einfach nur bewegungslos auf der Bühne rum, während das Orchester feurig aufspielt, es gibt keinen Chor (der nur auftritt, wenn er singt, und dann wieder abtritt, ebenso wie übrigens auch Larina), keine Statisterie, die im Entferntesten ein Ballgeschehen andeuten würde, es gibt aber auch kein alternatives Narrativ, wie das vielleicht die Altmeister des "Regietheaters" in solchen Fällen entwickelt hätten. Nur den Triumph der Langeweile. Völlig absurd ist die Pause nach den Couplets von Monsieur Triquet; eigenwillig ist, dass alle Szenenwechsel ohne Vorhang durchgeführt werden, bis auf den letzten, vor der Schlussszene. Und dann, die "Regieeinfälle"! Olga schien sich keine Sekunde für Lenski zu interessieren, sondern fummelte ständig an den livrierten Dienstboten herum. Dass der Chor grundsätzlich ident wie die Protagonisten kostümiert war, war zwar für den Zuschauer mitunter etwas verwirrend, wurde aber in der Inszenierung kein einziges Mal funktionalisiert. Dass Tatjana keinen Brief an Onegin schickte, sondern die Tischdecke, die zwischendurch auch noch als ihr Bettlaken und als imaginierter Brautschleier gedient hat, hatte wenigstens einen Hauch von Poetizität und Symbolik. Lenski wurde von der Regisseurin in den Selbstmord getrieben, bevor Onegin zielen und schießen konnte. Wirklich übel fand ich aber den dritten Akt: Die charakterliche Entwicklung der Tatjana, die Puschkin beschreibt und sogar Onegin in der Oper selbst feststellt, wurde einfach gestrichen, Tatjana bleibt auch als Fürstin Gremina das scheue, unsouveräne Mädchen, dass sich unter dem Tisch versteckt (!), obwohl der gesungene Text gerade das Gegenteil behauptet hat. Deshalb kann sie ja dann auch in der Schlussszene gleichzeitig singen, sie würde ihrem Mann ewig treu bleiben, und eine Liebesnacht mit Onegin genießen. So bekommt Onegin am Ende doch noch, was er wollte, und wir lernen aus der Oper: Wenn Mann bei Frauen landen will, zahlt es sich aus, ein Arschloch zu sein. Vielleicht war die Inszenierung ja deshalb in "50 Shades of Grey" gehalten.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.