Gavin Bryars: Jesus Blood Never Failed Me Yet

    • Gavin Bryars: Jesus Blood Never Failed Me Yet

      Ist es überhaupt Musik oder eine Art psychoakustisches Event? Ist es ein clever gemachter Angriff auf unsere Betroffenheitsdrüsen oder wirklich das berührende Denkmal für einen am Boden der Gesellschaft Angekommenen, der nichts mehr besitzt als die schlichte Zuversicht dieser Zeilen:

      Jesus' blood never failed me yet
      Never failed me yet
      Jesus' blood never failed me yet
      This one thing I know
      That He loves me so


      Der Komponist hat 1971 Tonaufnahmen erhalten, die im Rahmen eines Dokumentarfilmes in einer Londoner Kaschemme entstanden waren. Dabei fiel ihm der Gesang eines obdachlosen alten Mannes mit vorstehendem Text auf. Er schreibt hierzu:



      "In 1971, when I lived in London, I was working with a friend, Alan Power, on a film about people living rough in the area around Elephant and Castle and Waterloo Station. In the course of being filmed, some people broke into drunken song – sometimes bits of opera, sometimes sentimental ballads – and one, who in fact did not drink, sang a religious song "Jesus' Blood Never Failed Me Yet". This was not ultimately used in the film and I was given all the unused sections of tape, including this one. When I played it at home, I found that his singing was in tune with my piano, and I improvised a simple accompaniment. I noticed, too, that the first section of the song – 13 bars in length – formed an effective loop which repeated in a slightly unpredictable way [in the notes for the 1993 recording on Point, Bryars wrote that while the singer's pitch was quite accurate, his sense of tempo was irregular]. I took the tape loop to Leicester, where I was working in the Fine Art Department, and copied the loop onto a continuous reel of tape, thinking about perhaps adding an orchestrated accompaniment to this. The door of the recording room opened on to one of the large painting studios and I left the tape copying, with the door open, while I went to have a cup of coffee. When I came back I found the normally lively room unnaturally subdued. People were moving about much more slowly than usual and a few were sitting alone, quietly weeping. I was puzzled until I realised that the tape was still playing and that they had been overcome by the old man's singing. This convinced me of the emotional power of the music and of the possibilities offered by adding a simple, though gradually evolving, orchestral accompaniment that respected the homeless man's nobility and simple faith. Although he died before he could hear what I had done with his singing, the piece remains as an eloquent, but understated testimony to his spirit and optimism." From Wikipedia, the free encyclopedia


      Entstanden ist eine 74 minütige CD, die nur diese ca. 25 sekündige Sequenz ca. 150 mal mantraartig wiederholt, zuerst von dem Hobo allein gesungen, dann mit Streichquartettbegleitung, tiefen Streichern, Holzbläsern, dann vollem Orchester und schließlich - das mußte wohl sein - mit vokaler "Veredelung" des Universalbeauftragten für Warz und Quarz Tom Waits:

      youtube.com/watch?v=quJjqZprGu0

      Wer es schafft, dieses Werk ganz zu hören, dürfte sicherlich einen bleibenden Eindruck zurückbehalten. Amazonrezensenten sprechen davon, daß sich nach diesem Werk ihr Leben verändert habe. Zumindest dürfte sich ein veritabler, mehrere Stunden wütender Ohrwurm einnisten und sein Unwesen treiben.

      Das Werk ist wirklich perfide. Der schlichte Gesang des Hobos berührt tatsächlich sehr. Langsam gesellt sich eine sehr gefällige, ziemlich süsslich-erhabene Streicherfläche dazu. Das musikalische Material ändert sich nicht, nur die Instrumentation. Am Schluß orgelt und jodelt es in höchster Dynamik, vom innigen Gesang des Hobos ist kaum noch was zu hören.

      Das Werk verursachte bei mir diverseste Stimmungsaggregatzustände. Es begann mit der Gewißheit, dieses musikalisch äußerst limitierte Geschehen auf gar keinen Fall in seiner vollen Länge durchhalten zu können. Allmählich und widerwillig nahm ich dann Abschied von meinem Vorhaben, das ganze für kitschigen, überrumpelnden und prätentiösen Mist zu halten. Es ist wie mit Kartoffelchips, irgendwann kann man nicht mehr aufhören und will immer weiter in diesem Mantra baden. Und am Ende: tatsächlich so etwas wie - ich kann es nicht anders beschreiben: betäubt-gelöste Melancholie.

      Die Eingangsfrage muß ich unbeantwortet lassen, macht aber auch nichts.

      Ich weiß noch nicht mal, ob ich eine Empfehlung für dieses audiopsychische Experiment aussprechen soll, nachher werde ich noch haftbar gemacht. Immerhin kann ich sagen, ich habe es hinter mir.

      Andreas



    • ... ein kraftvolles Mantra ...
      in mutiger Weise ausgespielt ...die Aufnahme läßt Raum (und Zeit) für Ideen und nicht jeden Sound hätte man selbst so dauerhaft verwendet - (vor Allem den komischen elektrischen chorartigen), aber es hat echt meditative Kraft.
      ... Danke für den link...

      die hohen Streicher in der letzten und vorletzten "Variation" haben was fast lohengrinöses.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht