Pfitzners Musik – Noch immer vergessen?

    • Pfitzners Musik – Noch immer vergessen?

      Es gibt Komponisten, wie z.B. Zemlinsky oder Pfitzner, deren Musik ich für sehr viel gelungener halte bzw. mir näher ist, als z.B. die des so populären + so oft aufgeführten Erfolgskomponisten R. Strauss. Hans Pfitzners Musik ist nicht besonders beliebt, sogar weniger populär als die Zemlinskys. Sie wird extrem selten aufgeführt.

      Einer der Hauptgründe (die aber nicht in Pfitzners Musik zu finden sind) bildet Pfitzners (als Person) Nähe zu den Nazis. Und da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen. Sogar nach dem 2. Weltkrieg hatte Pfitzner diese abstoßende, antisemitische Stellungnahme verfasst. Ein Zitat davon soll Pfitzners Rassismus ungeschminkt verdeutlichen:
      "Das Weltjudentum ist ein Problem & zwar ein Rassenproblem, aber nicht nur ein solches, & es wird noch einmal aufgegriffen werden, wobei man sich Hitlers erinnern wird & ihn anders sehen, als jetzt, wo man dem gescheiterten Belsazar nur zu gern den bekannten Eselstritt versetzt. Es war sein angeborenes Proletentum, welches ihn gegenüber dem schwierigsten aller Menschenprobleme den Standpunkt eines Kammerjägers einnehmen ließ, der zum Vertilgen einer bestimmten Insektensorte angefordert wird. Also nicht das ,Warum‘ ist ihm vorzuwerfen, nicht, ,daß er es getan‘, sondern nur das ,wie‘ er die Aufgabe angefaßt hat, die berserkerhafte Plumpheit, die ihn dann auch, im Verlauf der Ereignisse, zu den Grausamkeiten, die ihm vorgeworfen werden, führen musste." (aus Hans Pfitzner: "Glosse zum II. Weltkrieg")
      Es gibt eine Ehrenerklärung zu Pfitzner. Schönberg hatte sie in den USA - nach dem Deutschland bzw. Europa von der Nazi-Herrschaft durch die Alliierten befreit wurde - geschrieben.. Wäre Schönberg über die Verstrickungen + Ressentiments Pfitzners gründlicher informiert gewesen, dann hätte er diese mit größter Wahrscheinlichkeit nicht verfasst.. Es bleibt also mehr als verständlich, dass Pfitzners Nähe zum Faschismus, zu den Nazis und sein Rassismus eine große Barriere, ein Hindernis zu seiner Musik bleibt.

      Dennoch mag ich die Musik Pfitzner: Seine Opern, seine Kammermusik, seine Chor- und Orchesterwerke.....
      Ich will versuchen zu beschreiben, was mich an Pfitzners Musik so fasziniert (so ähnlich hatte ich es bereits einmal im Taminoforum versucht, als über die Oper Palestrina debattiert wurde).

      George Alexander Albrecht – langjähriger GMD in Hannover – hatte in Hannover – während seines Vortags über Pfitzners Oper „Palestrina“ Pfitzners Musik mit folgendem Wort bezeichnet: „Altgold“ (ich vermute mal, G.A. Albrecht dachte just zu dem Augenblick an das Buch „Mahler- eine musikalische Physiognomik“ und zwar aus dem vorletzten Teil, in der das "Lied von der Erde" interpretiert wird) Und durch dieses Wort „Altgold“ wurde plötzlich mein Interesse an Pfitzner Musik geweckt. Ich kannte vorher die Musik Pfitzner s nicht. Beim Reinziehen des Palestrinas sprang der Funke sofort rüber, und ich war für Pfitzners Musik gewonnen (nicht nur für "Palestrina"). Und wenn versucht werden soll die Musik Pfitzner zu beschreiben, also das was einen an Pfitzner so fasziniert, dann würde ich sie versuchen so zu beschreiben: Pfitzners trägt Merkmal des Grüblerischen, Düsteren, Schwermütigen. Die Musik wirft oft den Blick zurück. Sie ist - während sie ertönt - gleichzeitig eigene Remeniszens, Eingedenken. Sie klingt, als widerstrebe sie ihren weiteren Verlauf. Also genau das Gegenteil des Straussschen Elans. Und auch wenn es etwas kitschig + banal klingt (besser krieg ich’s aber nicht hin): sie hat herbstlichen, herben Sound.

      Clemens Nachtmann hatte 2007 (im Zusammenhang mit der Kontroverse über die „Deutsche Seele“ in Berlin, wobei Nachtmann mit Kritik an Pfitzners Nazi-Nähe zu recht nicht sparte) sehr triftig über die Pfitznermusik geschrieben : „.. dass ... diese Musik kein veranstalteter Propagandakitsch ist und mit ihr kein Staat gemacht werden kann „
      „ das einer, der es „in Treue fest“ mit den Nazis hielt, von den Nazis so wenig gemocht wurde, dass einer, der so deutsch und volksverbunden fühlte wie Pfitzner, so überaus „volksfremde“ und schwer zugängliche Musik schrieb.. "

      Was wünsche ich mir zu diesem Thread ?
      Das sich hier möglichst viele - zustimmend und/oder auch kritisch – über Pfitzners Musik (also Opern, Kammermusik, Chor- und Orchesterwerke, Lieder, Klavierstücke.. und.. und.. und ...) einbringen mit z.B. Konzerteindrücken, Opernerlebnisse, Analysen, Hinweisen, Stellen/Passagen, die einem besonders gefallen, Radiomitschnitte, missionarische Eiferei und natürlich auch CD-Tipps, wenn möglich mit Links, weils auch hübscher aussieht.
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Hallo Amfortas,

      es gibt wohl keinen anderen Komponisten, mit dem ich mich über Jahrzehnte so umfassend beschäftigt habe wie mit Hans Pfitzner. Meine Liebe zu Pfitzners Musik hat einen etwas eigenartigen Ursprung: Sie resultiert aus der Lektüre eines alten Reclam-Opernführers, den ich als Vierzehnjähriger abends vor dem Einschlafen zu lesen pflegte. Im Zusammenhang mit meiner ersten Wagner-Begeisterung (ich hatte im hiesigen Theater 4 oder 5 Holländer- Vorstellungen besucht) entwickelte ich eine starke Affinität zur Romantik, und das, was ich in dem Opernführer an begeisterten Zeilen über den Palestrina oder die Rose vom Liebesgarten fand, machte mich ungeheuer neugierig auf diese Musik. Nun war es zu der Zeit aber gar nicht so leicht, überhaupt an Aufnahmen zu kommen - die Plattenläden vor Ort führten nichts von Pfitzner, und als Schüler verfügte ich natürlich auch nur über ein sehr schmales Budget. Irgendwann strahlte der WDR dann aber ein von dem Komponisten Tilo Medek verfaßtes, auch aus meiner heutigen Perspektive sehr gelungenes Pfitzner-Porträt aus. Dieses schnitt ich auf Casette mit - jetzt besaß ich neben diversen Auszügen das komplette Vorspiel zum 1. Palestrina- Akt, welches ich immer und immer wieder mit großer innerer Anteilnahme hörte. Etwas später geriet der Kölner Saturn in mein Blickfeld, ich sparte und fuhr mit dem Zug nach Köln, um mich mit Raritäten einzudecken.Im Gepäck befanden sich dann der komplette Palestrina (in der Kubelik-Version), das Violinkonzert, die cis-moll-Sinfonie, die C-Dur-Sinfonie und eine Schwarzpressung des Christelfleins. Andere Opern oder Orchesterwerke waren damals gar nicht zu greifen!
      Später, während meiner grausigen BW-Zeit, bin ich in die Pfitzner-Gesellschaft (in der ich heute nicht mehr Mitglied bin) eingetreten. Bei JPC hatte ich inzwischen die Eichendorff-Kantate, diverse Lieder und die komplette Kammermusik Pfitzners ergattert, und noch etwa später folgte mein erster Live-Palestrina (in Nürnberg unter Thielemann).
      Inzwischen habe ich nicht alle, aber sehr viele der bislang erschienenen Pfitzner-CDs und -LPs im Regal stehen. Leider ist die Tonträger- Situation im Falle Pfitzners immer noch sehr unbefriedigend; eine gescheite Aufnahme der Rose vom Liebesgarten z.b. liegt nicht vor, und die "kleine" G-Dur-Sinfonie gibt es meines Wissens auch nur unter dem Gruseldirigat Alberts in der JPC-Edition.
      .
      Bei Gelegenheit werde ich hier mal auf einzelne Werke eingehen, gerne auch auf die viel zu wenig bekannte Kammermusik (z.b. auf das großartige Klaviertrio op.8 oder auf das Streichquartett op. 50).

      Über Pfitzners Nazi-Verstrickungen wurde auf Tamino seinerzeit heftig diskutiert. Ich selber möchte diese Auseinandersetzung hier nicht mehr weiterverfolgen. Tatsache ist aber, daß es von Pfitzner nicht nur Äußerungen wie das oben angeführte, in der Tat in keinster Weise zu rechtfertigende Zitat gibt, sondern ebenso Bemerkungen, die in eine andere Richtung gehen. Eine davon sei der Balance halber hier noch einmal kurz zitiert:
      Gott sei Dank kennen sie mich schlecht, wenn Sie glauben, daß Bedenken von meiner Seite vorliegen, meine Lieder von Ihnen gesungen zu wissen, weil Sie Jude sind. Ich möchte Ihnen nicht ausführlich schreiben, wie ich über die Judenverfolgung denke, denn ich liebe die Dachauer Gegend nicht besonders!
      (Pfitzner in einem 1933 an den jüdischen Bariton Hermann Schey gerichteten Brief).
    • Hier möchte ich meine bisher einzige Begegnung mit Pfitzner beschreiben:

      Ich las ein Interview mit Ingo Metzmacher über Pfitzner. Daraufhin habe ich im Internet einiges über ihn gelesen, vor allem über die Problematik mit seiner Weltanschauung. Und ich habe mir "Palestrina" angeschafft, in der Berliner Aufnahme mit Peter Schreier.

      Normalerweise höre ich neue Opern nicht in einem Stück durch. Ich erarbeite sie mir Stück für Stück, äußerst kopflastig. Das genießende Hören folgt erst später. Einen Menschen will man ja auch erst ein bisschen kennen lernen, bevor man ihm seine Gefühle anvertraut anvertraut. Aber "Palestrina" habe ich in einem Zug durchgehört. Und nicht nur das. Ich habe es seither nicht zustande gebracht, die Oper noch einmal aufzulegen. Der Eindruck ist so intensiv, dass ich ihn keinesfalls durch wiederholtes Hören verwässern oder relativieren will. So etwas ist mir sonst noch nie passiert...

      Das war nicht lange bevor ich Capriccio beigetreten bin. Warum das wichtig ist? Im Vorfeld zum Hören der Oper habe ich gelesen, dass Palestrina ein Misanthrop ist, und dass Pfitzner ein Misanthrop war. Dass "Palestrina" eine Misanthropen-Oper ist. Als die Oper verklungen war und in meinem Inneren noch nachhallte, da wurde mir erst bewusst, was ich intuitiv schon lange gewusst habe: Dass ich auch einer bin. Also ist Pfitzner mit "Palestrina" mitverantwortlich, dass in Capriccio "(Hobby)-Misanthrop" unter meinem Nick steht...

      Beste Grüße,
      Falstaff
    • Ja die Lage hinsichtlich der Rose ist zu blöd. Ich hatte das Werk zum 1. Mal in einer verstümmelten d.h. gekürzten Bootleg?Version unter Heger (mono) mir zum 1. Mal reingezogen. Dann ertauschte ich mir einen weniger gekürzten Radio-Mitschnitt aus Zürich unter Welser-Möst (stereo) und zum Schluss gab es den Mitschnitt aus Chemnitz. Musikalisch gefällt von der Rose mir am besten der 2. Teil der Rose. Ich würde aber den früher entstandenen "Armen Heinreich" noch vorziehen. Da kusieren 2 inoffiziiele (?) leider gekürzte Versionen unter Altman und Wakasugi (der letztere sogar stereo) und eine offizielle (ich habe davon den Radiomitschnitt) unter Rumpf aus Dortmund. Wenn man sich den Text zur Rose anschaut (kann man sich nur aus der Bücherei ausleihen + kopieren). dann gewinnt man den Eindruck das sei z.Tl. Wagnerverarsche. Nee, nee, Pfitzner war das aber ernst. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum die Rose kaum aufgeführt wird.

      Sehr schön finde ich auch das unambitionierte Christelflein. Allerdings würde ich von Eichhorn abraten. Das klingt da völlig aseptisch (die Texteinrichtung war da auch mega-bescheuert gemacht). Da ist sogar der Freiberg-Mitschnitt unter Sandmann gelungener, auch wenn da das Orchester manchmal etwas schräg klingt. Trotzdem gefällt mir dieser Mitschnitt. Schüchter, Märzendofer und Flor sind aber meine Favoriten.

      Beim Sextett op. 55 ist die Situation entspannter. Das wird öfters im Radio gesendet. Die kleine Sinfonie hat G.A. Albrecht mit den NDRlern schön wiedergegeben. Bei den Streichquartetten sieht es nur cd-mäßig hoffnungsvoller aus, aber nicht im Konzertbetrieb.

      Im Vorfeld zum Hören der Oper habe ich gelesen, dass Palestrina ein Misanthrop ist, und dass Pfitzner ein Misanthrop war. Dass "Palestrina" eine Misanthropen-Oper ist. Als die Oper verklungen war und in meinem Inneren noch nachhallte, da wurde mir erst bewusst, was ich intuitiv schon lange gewusst habe: Dass ich auch einer bin. Also ist Pfitzner mit "Palestrina" mitverantwortlich, dass in Capriccio "(Hobby)-Misanthrop" unter meinem Nick steht...



      Na, na, na .. wenn das Pfitzner hören würde :D :shake: . Wir müssten alle Dir mal eine Oper heraussuchen, die Dich zu dem Ausbruch verleiten möge: "Ich lieb' Euch doch alle !" :D :yes:

      Ich las ein Interview mit Ingo Metzmacher über Pfitzner

      Dazu fällt mir ein: Im Internet hatte ich damals zu der Metzmacher-Deutsche-Seele-Kontroverse folgende witzige Bemerkung gelesen: " Metzmacher ist nicht Eva Herman " :D


      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Das war nicht lange bevor ich Capriccio beigetreten bin. Warum das wichtig ist? Im Vorfeld zum Hören der Oper habe ich gelesen, dass Palestrina ein Misanthrop ist, und dass Pfitzner ein Misanthrop war. Dass "Palestrina" eine Misanthropen-Oper ist. Als die Oper verklungen war und in meinem Inneren noch nachhallte, da wurde mir erst bewusst, was ich intuitiv schon lange gewusst habe: Dass ich auch einer bin. Also ist Pfitzner mit "Palestrina" mitverantwortlich, dass in Capriccio "(Hobby)-Misanthrop" unter meinem Nick steht...


      Sehr schöne Geschichte, Falstaff! Wobei ich Palestrina eher als Pessimisten- denn als Misantrophen-Oper bezeichnen würde. Und du solltest irgendwann mal versuchen, sie live zu erleben - die Konserve ruft (jedenfalls in mir) höchsten den halben Eindruck hervor.

      Pfitzner selber hätte ich, wenn ich ihm persönlich begegnet wäre, vermutlich unerträglich gefunden. Mit so schroffen, stacheligen, von jeder Form der Verbindlichkeit freien Streithähnen, wie er wohl einer war, kann ich im realen Leben normalerweise gar nichts anfangen.

      Amfortas, die Rose unter Heger gibt es inzwischen auch als "offizielle" CD-Aufnahme: "http://www.jpc.de/image/w183/front/0/8712177052714.jpg"

      Zum Kauf kann ich aber nur raten, wenn man das Werk noch nie gehört hat und es unbedingt grob kennenlernen möchte. Denn die Tonqualität ist auch für meine Verhältnisse (und ich bin in dieser Beziehung ziemlich anspruchslos) oberlausig.
      Den Armen Heinrich finde ich persönlich ebenfalls eindrucksvoller als die Rose. Die Dortmunder Aufführung unter Rumpf (der mich übrigens beim Bund im Musikorps als Korrepetitor begleitet hat) habe ich nicht nur als CD vorliegen, ich habe sie auch gesehen.

      Die kleine Sinfonie hat G.A. Albrecht mit den NDRlern schön wiedergegeben


      Diese Einspielung zählt zu denjenigen, deren Kauf ich leider verpaßt habe. Man bekommt sie jetzt aber auch nur noch gebraucht, oder? Auf Casette habe ich noch eine ganz ordentliche Version mit einem japanischen Orchester unter einem unbekannten Dirigenten, dessen Name mir gerade nicht mehr einfällt. Albrechts Interpretation finde ich dagegen grauenhaft, da ist alles entsetzlich verschleppt, die eigentlich wunderschöne Musik steht herum wie ein schlammiger Moortümpel in der Mittagssonne. Kein Wunder, daß die Leute nicht so viel von Pfitzner halten, wenn sie mit einem solch latschigen Zeug konfrontiert werden!

      Viele Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Sehr schöne Geschichte, Falstaff! Wobei ich Palestrina eher als Pessimisten- denn als Misantrophen-Oper bezeichnen würde.
      Macht nicht, Pessimist bin ich auch...


      arundo donax schrieb:

      Und du solltest irgendwann mal versuchen, sie live zu erleben - die Konserve ruft (jedenfalls in mir) höchsten den halben Eindruck hervor.
      Tja, beinahe hätte es letzten Juli in München geklappt. Aber es kam was dazwischen. Im nächsten April wird Palestrina in München wieder aufgenommen. Dasm merke ich mir vor...


      Falstaff
    • Lieber Bernd, lieber Amfortas

      Wenn ich an den Wozzeck-Thread denke und jetzt diesen hier lese, kann ich nur sagen: Capriccio bringt unerwartete Koalitionen zustande. :thumbsup:

      Könnte mich ja beinahe dazu bringen, dem Hans nochmal eine Chance zu geben, denn:

      Mit Pfitzners Musik habe ich so meine Probleme. Nicht, dass sie ähnlich starke Emotionen hervorgerufen hätte wie der Wozzeck bei Bernd. Eher im Gegenteil: Das wenige, was ich bisher live gehört habe, hat mich in der Regel mehr oder weniger gelangweilt, inklusive Palestrina neulich in der Bayrischen Staatsoper. Dieses Stück ist einfach zu viel Selbstmitleid auf einmal :shake: . Aber insgesamt möchte ich nicht ausschließen, dass ich vielleicht das richtige Stück vom richtigen Interpreten noch nicht erwischt habe. Oder dass mir Vorurteile die Ohren verstopft haben, das soll ja vorkommen.

      Lieber Bernd, wenn ich in 2 Wochen aus dem Urlaub zurückkomme, spielen wir ein Spiel: Du empfiehlst mir eine Aufnahme mit Werken von Pfitzner, ich empfehle Dir eine mit Werken von Berg. Und wir versprechen beide, die Platte mindestens 5 Mal möglichst unvoreingenommen zu hören. Und dann beschreiben wir unsere Eindrücke hier im Forum. Was hältst Du davon? 8+)

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Diese Einspielung zählt zu denjenigen, deren Kauf ich leider verpaßt habe. Man bekommt sie jetzt aber auch nur noch gebraucht, oder?
      Die treue Twin-Dreambox (ein tolles Spielzeug) hat sie mir mitgeschnitten (ARD-Nachtkonzert). Auch MDR-Figaro hatte sie unter Cornelius Meister mit den MDlern am 06.05.07 gesendet.
      Im nächsten April wird Palestrina in München wieder aufgenommen. Dasm merke ich mir vor...
      Hey, Falstaff dann bist Du auf den guten Pfitzner-Weg. :juhuu: :jub: Ich vermute Simone Young wird diese Wiedergabe leiten...
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Wenn ich an den Wozzeck-Thread denke und jetzt diesen hier lese, kann ich nur sagen: Capriccio bringt unerwartete Koalitionen zustande. :thumbsup:


      ja, einige moderne Komponisten (auch - vor allem - solche die der Avantgarde nahe stehen) haben die Musik Pfitzners auch für sich entdeckt.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Falstaff schrieb:

      Im nächsten April wird Palestrina in München wieder aufgenommen. Dasm merke ich mir vor...
      Lieber Falstaff

      In der Tat wird der traditionelle österliche Parsifal in München im nächsten Jahr durch Palestrina ersetzt. Du solltest Dich früh um Karten kümmern, nur so als Tipp. Es dirigiert übrigens nicht Simone Young, sondern Asher Fisch (? nie gehört). Young hat die erste Serie dirigiert, zu meinem Eindruck verweise ich auch mein Post weiter oben.

      Falls ich in der Zwischenzeit beschließen sollte, dem Palestrina noch eine Chance zu geben, können wir uns ja treffen (und das Leiden eines Mathematikers in der Forschung mit dem Leiden zweier Mathematiker in der freien Wildbahn vergleichen :D )

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Wolfgang Rihm über Pfitzner:

      pfitzner ist nicht „aktuell“. aktualität dürfte in seinem Fall paradoxerweise gerade deshalb bestehen: sein werk widersetzt sich in einer auf „renaissance“ gestimmten atmosphäre bis jetzt weitgehend dem zugriff professioneller ausgräber. Das hat gründe: pfitzner ist zu progressiv, um einfach wie korngold eingeschlürft werden zu können,und er ist zu konservativ, um etwa wie schönberg die musik hörbar folgenreich beeinflusst zu haben. wir finden nicht auf den ersten blick das gebrochene heutige in seinem werk, aber auch nicht das ungebrochen gestrige. wir finden beides, – also keines, und dies lässt einordnungsversuche stocken. pfitzner ist heute noch querständig.Das macht ihn zum fall, das ist auch das aktuelle


      Michel, wenn du dich beim Palestrina in München gelangweilt hast, fürchte ich, das es sich da einfach nicht um "deine Sphäre" handelt. Aber ich spiele das Spiel gerne mit, auch wenn umgekehrt zu vermuten steht, daß nach ungezählten Versuchen, mich mit der Musik der 2. Wiener Schule zu befreunden, ein weiterer Anlauf nicht viel bringen wird....

      Früher hatte ich mehr Zeit und Freunde in München, bei denen ich übernachten konnte. Leider sieht das inzwischen anders aus...ansonsten würde ich Ostern 2010 sehr gerne mit euch in die Oper gehen!

      Amfortas, "Twin-Dreambox"?? Ich bin ein absoluter Techniktrottel (und lade infolgedessen auch keine Musik auf meinen Laptop).

      Viele Grüße

      Bernd
    • Ich oute mich mal als jahrzehntelanger Liebhaber seines Klavierkonzertes, von dem meine Lieblingsaufnahme die äußerst fulminante Live-Aufnahme mit Gieseking aus dem Jahre 1943 ist.
      Diese klangtechnisch sehr gute Mono-Tonbandaufnahme der RRG aus dem kurz nachher zerbombten und zerstörten Hamburg ist für mich ein Dokument erster Klasse.

      Natürlich stehe ich Pfitzners NS-Nähe und seiner antisemitischen Haltung sehr kritisch gegenüber, allerdings spüre ich trotzdem eine sehr große Affinität gegenüber seiner Musik.
      "Von deutscher Seele" habe ich selber gespielt, und dies ist rein musikalisch ein tolles Werk jenseits aller Ideologien.
      Sein Sextett habe ich auch aufgeführt und muß sagen, daß ich mich in dieser seiner Tonsprache völlig "zuhause" fühle, sie hat eine immense Sogkraft für mich.

      Auch seine drei Cellokonzerte gehören zum besten, was dieses Genre angeht.

      Pfitzners Musik ist für mich einfach zu sehr "eigen" und auch zu gut, um sie nur wegen des zweifelhaften Charakters Ihres Erzeugers links liegen zu lassen.

      Allerdings lege ich keinen Wert darauf, jemals seine "Krakauer Begrüßung" hören zu müssen, nur weil er der Komponist dieses Hans Frank, dem "Schlächter von Polen" und persönlichem "Freund" gewidmeten Werkes ist.
      Da hört es dann für mich dann doch auf.

      Pfitzner war und wird immer schwierig zu beurteilen sein, als Mensch wie als Künstler, aber seine Musik hat über große Strecken für mich eine derartige Kraft, daß ich Ihr nicht widerstehen kann und möchte.

      LG,
      Michael
      Comedians machen Ihren Job wegen dem Geld.
      Satiriker wegen des Geldes.
      -Götz Alsmann-
    • Twin-Dreambox"??
      Ist ein Digitalreceiver mit großer Festplatte, der 2 Sendungen gleichzeitig aufnimmt (=> 4-fach-LMB an der Salatschüssel der Hauswand). Wird dann über z.B. ein Programm als mp-File konvertiert und auf den Rechner rübergezogen. Kann zu Wave oder mp3-File konvertiert werden. Stream ist digital. Wie gesagt, ein tolles Spielzeug (ca 500 bis 700 €, leider nicht bedienungsfreundlich) (preisgünstiger als eine elektrische Eisenbahn :D )
      ..aber seine Musik hat über große Strecken für mich eine derartige Kraft, daß ich Ihr nicht widerstehen kann und möchte.


      :jub: dann wird das für mich doch noch hier der erhoffte Kuschel-+ Wohlfühlthread. Diesmal mit Pfitzner :juhu: (aber mit Wozzeck wäre auch schön gewesen, kann ja noch werden)

      Deutsche Seele ist in den letzten Jahren öfters wiedergegeben worden. Mein Favorit ist momentan ein Live-Mitschnitt unter Luisi (wird alle paar Jahre mal vom Nachtkonzert gesendet)

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ich oute mich mal als jahrzehntelanger Liebhaber seines Klavierkonzertes, von dem meine Lieblingsaufnahme die äußerst fulminante Live-Aufnahme mit Gieseking aus dem Jahre 1943 ist.


      Das Klavierkonzert habe ich mir heute noch mal angehört, und ich finde, daß es sich um ein ganz starkes, zu Unrecht völlig unterschätztes Stück handelt. Schon die große Geste des Anfangs (fast ein wenig an Tschaikowsky erinnernd) wirkt auf mich ungemein eindrucksvoll. Das Adagio in seiner Mischung aus Schwärmerei und Vergrübeltheit ist sehr typisch für Pfitzner, und der Schlußsatz, dem mein Konzertführer unterstellt, er wirke ein wenig "blutleer", begeistert mich durch seine kunstvolle Faktur und seine teilweise etwa bizarre, an manche Schumann-Kapriolen erinnernde Atmospäre.
      Leider habe ich nur die Banfiel-CD - ich vermute mal, daß Gieseking deutlich überzeugender spielt. Allerdings sind die Bläser der Münchener Philharmoniker vorzüglich; es macht großen Spaß, ihnen in dieser Aufnahme zuzuhören. Das Oboen-Solo am Ende des erstem Satzes ist atemberaubend klangschön gespielt.

      Die Eichendorff-Kantate habe ich in drei Versionen (mit Keilberth, Jochum und Hollreiser) - die Aufführung unter letzterem habe ich auch live erlebt). Richtig schlecht finde ich keine der drei Aufnahmen; am besten gefällt mir immer noch Keilberth, aber das mag auch damit zuaammenhängen, daß ich seine Interpretation früher sehr, sehr oft gehört habe. Da mag sich ein gewisser Prägungseffekt eingestellt haben.

      Viele Grüße

      Bernd
    • Einem Straussianer würde ich in jedem Fall zu der Kantate "Von Deutscher Seele" raten. Leider gibt es meine bevorzugte Aufnahme von Joseph Keilberth mit Agnes Giebel, Herta Töpper, Fritz Wunderlich und Otto Wiener (derzeit) nicht auf cd, aber hör mal in diese Aufnahmen hinein, die ich leider beide nicht kenne:

      ..........

      Das Berliner Konzert von Ingo Metzmacher erhielt tolle Kritiken, ist aber leider auch die teuerste Aufnahme.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Rideamus schrieb:

      Leider gibt es meine bevorzugte Aufnahme von Joseph Keilberth mit Agnes Giebel, Herta Töpper, Fritz Wunderlich und Otto Wiener (derzeit) nicht auf cd [...]
      Die Aufnahme schätze auch ich (kenne allerdings die Alternativen nicht). Merkwürdig, daß ich die Doppel-CD nicht bei den deutschen, französischen oder britischen Amazonen finden kann, wohl aber bei den US-Amerikanern:

      Bild funktioniert nicht, bitte hier <> hineinklicken (ASIN: B00004SLB2). Näheres auch hier: "http://www.arkivmusic.com/classical/Drilldown?name_id1=9401&name_role1=1&name_id2=56446&name_role2=3&bcorder=31&comp_id=27616"

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Peter,

      zwoelftonapostel schrieb:

      Werte Capricci!

      Könnt ihr mir bitte ein paar hörenswerte Werke von Hans Pfitzner empfehlen? Ich kenne lediglich die Palestrina und das Weihnachtselflein - damit hat es sich schon.

      Ich danke euch sehr herzlich vorab!!! :thumbup: :prost:

      die von Rideamus genannte Metzmacher-Aufnahme der Eichendorff-Kantate 'Von Deutscher Seele' dürfte durchaus zu den Referenz-Einspielungen gehören. Habe damals die Berliner Aufführung im Radio mitverfolgt und war absolut begeistert.
      Es existiert allerdings auch ein Live-Mitschnitt eines HR-Konzertes aus der Alten Oper Ffm. von September 1995 unter Leitung von Horst Stein, das ich live erleben durfte und mich von allen Einspielungen bisher am meisten begeistert hat! :juhu: :juhu: :juhu:
      Leider gibt es diese Aufnahme jedoch nicht als CD-Edition, d. h. man müßte beim HR mal anfragen, zu welchen Konditionen diese zu erwerben wäre.
      Die von Rideamus und Gurnemanz genannte Keilbeth-Einspielung kann in keiner Weise mit der Stein-Interpretation konkurrieren.

      Ansonsten könnte ich außer dem 'Christelflein' noch die Oper 'Die Rose vom Liebesgarten' empfehlen, die allerdings erst demnächst bei CPO in der ersten vollständigen Gesamteinspielung erscheinen wird.

      Außerdem gibt es etliche Juwelen unter Pfitzners Klavier- bzw. Orchesterliedern, vor allem mit Fischer-Dieskau als erstklassigem Interpreten (Herr Oluf, opus 12 1891; An den Mond, opus 18 1906 usw.).
      Zwei Kostproben kannst Du in den phänomenalen - zudem schön bebilderten - Darbietungen Fischer-Dieskaus auf 'Youtube' bewundern:
      In Danzig für Singstimme und Klavier:
      "http://www.youtube.com/watch?v=tPo4T8lHxEo
      An die Mark für Singstimme und Orchester
      "http://www.youtube.com/watch?v=9t8xRqpkhak

      :wink:
      Johannes
    • Einem Straussianer würde ich in jedem Fall zu der Kantate "Von Deutscher Seele" raten. Leider gibt es meine bevorzugte Aufnahme von Joseph Keilberth mit Agnes Giebel, Herta Töpper, Fritz Wunderlich und Otto Wiener (derzeit) nicht auf cd, aber hör mal in diese Aufnahmen hinein, die ich leider beide nicht kenne:Das Berliner Konzert von Ingo Metzmacher erhielt tolle Kritiken, ist aber leider auch die teuerste Aufnahme.
      von der Metzmacher-Wiedergabe habe ich den Radiomitschnitt, der mir gefällt. Ich ziehe Keilberth (studio, 1966) und live (1957) vor. Mende kenne ich nicht, klingt aber sehr vielversprechend. Mein Favorit der Dt. Seele ist momentan der Radiomitschnitt unter Fabio Luisi (vom 06.11.01, Leipzig). Straussianern würde ich auf alle Fälle die Konversion zur Dt. Seele (also zu Pfitzner) empfehlen :D :hide:

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Was Pfitzner angeht, wären aus meiner Sicht noch einige Werke zu ergänzen, nämlich:

      Alle 3 Sinfonien (die in G-dur op. 44 besitzt einen der schönsten langsamen Sätze, die ich kenne).

      Klavier- und Violinkonzert

      Duo für Violine und Cello mit Orchesterbegleitung

      Klaviertrio op. 8

      Streichquartett op. 50

      sowie diverse Lieder (bevorzugt in der Interpretation durch Fischer-Dieskau)

      Das wäre zunächst einmal das Wichtigste - daneben gibt es noch genug andere Kompositionen Pfitzners, die mir ausgezeichnet gefallen.

      Viele Grüße

      Bernd