Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Capriccio Forum für klassische Musik. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

1

Dienstag, 15. Juni 2010, 22:43

Simone Dinnerstein - das Märchen vom Aschenputtel

Eine meiner Hauptschwächen besteht darin, dass ich mich aus purer Faulheit zu wenig um Interpreten kümmere, deren Stern erst in jüngster Zeit richtig aufgegangen ist. Aber im Rahmen meines permanenten Radiokonsums (während der Arbeit :D ) werde ich dann doch immer wieder mal mit der Nase auf die eine oder andere hochspannende Überraschung gestoßen, letzte Woche auf Angelika Kirchschlager und heute auf Simone Dinnerstein.

Unser Forumsmitglied Edwin Baumgartner schrieb am 5.11. 2009 unter der Überschrift "Eine Aschenbrödel-Geschichte und frischer Wind" in der Wiener Zeitung folgende Zeilen:

Zitat

Die US-Pianistin Simone Dinnerstein macht eine Karriere, die einem Märchenbuch des Klassik-Betriebs entstammen könnte. ...

...Auf diese Idee kommen viele Künstler. Aber die meisten lassen von ihr wieder ab, weil der Erfolg zu unrealistisch scheint. Nämlich selbst eine Aufnahme zu produzieren und diese dann an ein Label zu senden in der Hoffnung, dass sie ins Programm genommen wird. Allenfalls aus dem Pop- oder Jazzbereich kennt man solche Vom-Noname-zum-Star-Legenden. Aber im Klassik-Betrieb?

Doch jetzt hat auch dieser solch eine Legende. Ihr Name ist Simone Dinnerstein. Die Amerikanerin ist Schülerin von Peter Serkin, dem Sohn des legendären Rudolf Serkin. Und sie fällt aus dem Jugendwahn der derzeitigen Klassikszene dadurch heraus, dass sie bereits Mitte dreißig ist.

Derzeit lebt Simone Dinnerstein mit ihrem Mann, dem früheren Journalisten und jetzt als Lehrer arbeitenden Jeremy Greensmith, und ihrem gemeinsamen Sohn in New York.

Simone Dinnerstein war Klavierlehrerin, ehe sie sich entschließt, den Versuch der Solistenkarriere zu riskieren: Sie produziert in Eigenregie eine Aufnahme von Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen" und schickt diese an das Label Telarc.

Es funktioniert. Telarc greift zu, die Aufnahme entwickelt sich sogar zum Klassik-Bestseller. Die renommierte Agentur IMG übernimmt das Management der Newcomerin. In den USA etabliert sie sich dann auch mit Live-Konzerten. Fehlt nur noch Europa. Doch auch das ändert sich. Die Weihe eines Auftritts in Wien etwa empfängt Simone Dinnerstein am Freitag im Wiener Konzerthaus.....


Mich schlug Simone Dinnerstein heute schon mit den ersten Takten in Bachs Französischer Suite Nr.5 unwiderstehlich in ihren Bann. Dieses feine, fast unmerkliche, sofort eine besondere Atmosphäre evozierende Rubato gleich zu Beginn, die im weiteren Verlauf ebenso klare wie expressive Diktion, der immer leichte, anscheinend völlig mühelose Anschlag, die Kombination von Durchsichtigkeit und Tiefe - all das kennzeichnet für mich ein Bach-Spiel, wie ich es mir auf einem modernen Flügel nicht besser wünschen kann (und auf einem ollen Cembalo erst recht nicht :P :D :hide: ).
Vor ein paar Jahren habe ich per Zufall ebenfalls im Radio die Aufnahme einer Bach-Partita mit Piotr Anderszewski gehört. Damals war ich außerordentlich begeistert (natürlich habe ich mir bald die entsprechende CD besorgt), aber Dinnersteins Kunst scheint mir in Sachen Bach der des polnischen Ausnahmepianisten nicht nachzustehen - eher im Gegenteil!

Nun kenne ich Simone Dinnerstein bislang nur mit dieser einen Französischen Suite. Die Eindrücke anderer Forumsteilnehmer würden mich deshalb sehr interessieren!

Viele Grüße

Bernd

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

2

Dienstag, 15. Juni 2010, 23:02

Ich besitze zwei Aufnahmen mit Simone Dinnerstein, einmal die Goldbergvariationen:



Meine Erinnerungen sind aber nicht mehr taufrisch, für genauere Eindrücke müsste ich die CD erst noch mal querhören ;+)

Dann gibt es da noch ein Berlin-Recital, aufgenommen in der Berliner Philharmonie - unter anderem mit Bach und Beethovens op. 111:



Das wäre ja eine gute Gelegenheit die Aufnahmen wieder einmal auszugraben ;+)

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

3

Dienstag, 15. Juni 2010, 23:12

Hallo Christian,

bei dem Berlin-Recital scheint es sich um eine Art Insiderlegende zu handeln. Jedenfalls ging das heutige Radio-Gemurmel in diese Richtung...

Wenn du gelegentlich ein paar Zeilen über diese Aufnahme schreiben könntest, würde ich mich (auch wenn ich mit Beethovens op. 109 und 110 deutlich mehr anfangen kann als mit op. 111) besonders freuen!

Viele Grüße

Bernd

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

4

Dienstag, 15. Juni 2010, 23:19

Wenn du gelegentlich ein paar Zeilen über diese Aufnahme schreiben könntest, würde ich mich (auch wenn ich mit Beethovens op. 109 und 110 deutlich mehr anfangen kann als mit op. 111) besonders freuen!


Wird erledigt Bernd ;+) Zumindest zu einer der beiden Einspielungen dürfe ich in den nächsten Tagen kommen :)

Eine Anmerkung am Rande zu den Goldbergvariationen: wenn ich mich richtig erinnere hat Simone Dinnerstein auf einem Steinway aus der Vorkriegszeit aufgenommen, der eine recht bewegte Geschichte hinter sich hat- und da ich eine Schwäche für solche Instrumente habe, musste ich mir die CD einfach kaufen. Abgesehen davon, dass es die Goldbergvariationen waren ;+)

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

5

Montag, 28. Juni 2010, 23:46

Offenbar ist Dinnersteins Kunst den meisten Capricchiosi bislang unbekannt geblieben. Da es mir bis vor kurzem ähnlich ging, bin ich weit entfernt davon, dies zu beklagen. Trotzdem hoffe ich auf noch zwei oder drei Beiträge in diesem Thread (notfalls kann man ja auch mal auf youtube erste Eindrücke gewinnen....).

In der FAZ vom 6.11. 2007 hieß es übrigens: "...Simone Dinnerstein könnte mit ihrem furtwänglerisch-schwermütig bebendem Anschlag, ihrem enormen Gestaltungswillen und ihrer stilsicheren, plastischen Phrasierung, die jedem Ton sein spezifisches Gewicht verleiht, gewiss selbst noch ein Toy-Piano zum Singen bringen...."

Was ein *furtwänglerisch-schwermütig-bebender Anschlag* sein soll, ist mir nicht so ganz klar :D , aber auch verflixt ungefähre Assoziationen tragen ja häufig zur verbesserten Möglichkeit einer ersten Vorstellung bei. Und insofern scheint mir Furtwänglers Name hier gar nicht so fehl am Platze. Die besondere Spannung, das "Beben", welches Furtwänglers Dirigat oft auszeichnete, spüre ich auch bei Simone Dinnerstein - insofern fühle ich mich durch die FAZ-Zeilen zunächst einmal bestätigt :angel:.


Zitat

Wird erledigt Bernd Zumindest zu einer der beiden Einspielungen dürfe ich in den nächsten Tagen kommen


Nur kein Stress, Christian! Aber trotzdem bitte nicht komplett vergessen!

Herzliche Grüße

Bernd

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

6

Dienstag, 29. Juni 2010, 14:40

Simone Dinnerstein könnte mit ihrem furtwänglerisch-schwermütig bebendem Anschlag


Furtwänglerisch? Vielleicht ist damit ja auch die ausgeprägte Agogik von Simone Dinnerstein gemeint? ;+)

Nur kein Stress, Christian! Aber trotzdem bitte nicht komplett vergessen!


Habe ich nicht :D Nur geht hier in der Pfalz das Schuljahr gerade in die letzte Woche. Und dementsprechend hektisch geht es dann auch in Schule zu - das Gröbste ist jetzt aber geschafft. Und ich habe gerade die Goldberg-Variationen aufgelegt ;+) Für die einleitende Aria "braucht" Simone Dinnerstein fast sechs Minuten, am Schluss runde zwei Minuten weniger. Mehr dann später!

Herzliche Grüße, :wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

7

Dienstag, 29. Juni 2010, 19:29

Was mir an der Aufnahme Simone Dinnerstein ausnehmend gut gefällt: die Trennschärfe. Jede Stimme ist für sich deutlich wahrnehmbar. Das kann man beispielsweise sehr schön bei Variation 14 hören: Die Basslinie bleibt zwar im Hintergrund, wird aber so deutlich artikuliert, dass der Bass stehts präsent ist, ohne zu sehr in den Vordergrund zu treten. Ebenfalls ein Plus: Jeder Ton klingt deutlich und klar. Ich muss die Aufnahme noch mal hören um etwas detaillierter schreiben zu können. Aber der positive Gesamteindruck, den ich noch im Hinterkopf hatte, hat sich bestätigt ;+)

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

8

Dienstag, 29. Juni 2010, 20:23

Ich habe mir inzwischen die Berlin-Recital-CD besorgt, und für die gilt das Gleiche: Bei allem Willen zur Expressivität und zur atmosphärischen Dichte, bei aller Freiheit der Gestaltung geht doch nie die Klarheit und Durchhörbarkeit der einzelnen Stimmen verloren.

Für mich ist das ganz, ganz große Kunst - und es wirft ein bezeichnendes Licht auf unseren Kulturbetrieb, dass eine Pianistin, die so herausragend spielen kann, aber keinen Wettbewerb gewonnen hat, beinahe völlig unbekannt geblieben wäre.

Sehr interessant finde ich übrigens die auf die französische Suite folgenden "Twelve Variations On A Chorale By J.S. Bach" von Philip Lasser. Darauf komme ich bei Gelegenheit noch einmal gesondert zurück.

Und ich fürchte, dass ich mir die Goldberg-Variationen mit Dinnerstein jetzt auch noch kaufen muss...

Beste Grüße

Bernd

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

9

Freitag, 7. Januar 2011, 23:20

Neues vom Aschenputtel

Und ich fürchte, dass ich mir die Goldberg-Variationen mit Dinnerstein jetzt auch noch kaufen muss...


Und Bernd? Hast Du? :D

Wie ich gerade gesehen habe, ist eine neue CD von Simone Dinnerstein erschienen, bei einem neuen Label: Sony

Aufgenommen hat sie dieses Mal Bach, nämlich zwei Konzerte, eine der englischen Suite und als Zugabe gewissermaßen das Klavierarrangement von BWV 147, apropros BWV 147: War da nicht was? Begleitet wird Frau Dinnerstein übrigens von dem Kammerorchester der Staatskaeplle Berlin:



Eigentlich bin ich ja inzwischen ein wenig skeptisch, wenn Barockmusik auf dem Flügel und mit einem modernen Orchester gespielt wird -aber in dem Fall werde ich eine Ausnahme machen ;+)

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

10

Freitag, 7. Januar 2011, 23:55

Hallo Christian,

gekauft habe ich mir die Dinnerstein-Goldbergvariationen nicht, aber ich habe sie mir (über einen längeren Zeitraum hinweg) leihen können!

Das erstaunliche Differenzierungsvermögen der Künstlerin dominiert auch diese Aufnahme - aber leider wollte es der Teufel (in Gestalt eines gewissen Internetforums :D ) , dass ich mich gleichzeitig auch mit der ollen Kempff-Einspielung von BWV 988 auseinandergesetzt habe. Und ich muss gestehen, dass mich Kempff schlussendlich noch mehr überzeugen konnte. Bei ihm spüre ich eine stringentere, "größere" Linie, und die Abschattierungen wirken bei aller gebotenen Deutlichkeit einfach noch feiner, abgeklärter, "durchgeistigter".

Am Ende finde ich aber Simone Dinnersteins Klavierspiel auch bei den Goldbergvariationen ausgesprochen faszinierend. Diese Frau kann unglaublich differenziert mit ihrem Instrument umgehen.

"Bach Strange Beauty" ist hingegen ein CD-Titel, der mich erst einmal gnadenlos vom Kauf der betreffenden Scheibe abhält! Ich warte dann mal auf dein Urteil...

Beste Grüße

Bernd

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

11

Samstag, 8. Januar 2011, 00:06

"Bach Strange Beauty" ist hingegen ein CD-Titel, der mich erst einmal gnadenlos vom Kauf der betreffenden Scheibe abhält!


Den Titel fand ich auch erst einmal zum Davonlaufen :D Aber die Hörschnipsel überzeugten mich dann doch einen Versuch zu wagen. Ich bin da eigentlich recht zuversichtlich. Zugegeben, die Programgestaltung könnte einfallsreicher sein, aber bisher hat mir Dinnersteins Spiel einfach zu gut gefallen. Kempff? Muss ich auch nochmal hören.

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

Amfortas09

Mißtöner

  • »Amfortas09« ist männlich

Beiträge: 4 365

Wohnort: Klingsors Zaubergarten

  • Nachricht senden

12

Samstag, 8. Januar 2011, 09:46

Mir ist diese Pianistin zum ersten Mal in folgendem Mitschnitt aufgefallen: Beethoven: Celloson. Nr. 5 D-Dur op. 102 (Dinnerstein & Bailey) , wurde als Pausen-Fillup von France Musique gesendet und gehört seit dem zu meinen Favoriten von op. 102.

:wink:
“If somebody was sending rockets into my house where my two daughters sleep at night, I'm going to do everything in my power to stop that.” (2008) „Justice has been done.“ (2011)

Barack Hussein Obama

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

13

Samstag, 3. September 2011, 13:29


"Bach Strange Beauty" ist hingegen ein CD-Titel, der mich erst einmal gnadenlos vom Kauf der betreffenden Scheibe abhält! Ich warte dann mal auf dein Urteil...


Hallo Bernd,

gekauft habe ich mir die CD, ich muss mir die CD allerdings noch einmal gründlich anhören - mein Feedback kommt aber noch versprochen. Irgendwie bin ich noch nicht dazu gekommen. Vor einigen Tagen hattte ich die CD allerdings wieder einmal in den Händen.

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

Counter:

Hits pro Tag: 4 601,57 | Klicks pro Tag: 13 552,84