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Florian Voß

Lebender Film noir

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1

Sonntag, 28. März 2010, 13:53

Schumann: Syphilis, Suff oder (Selbst)mord – Woran starb er?

1. AKT - Umnachtung (?)

Wenn man die Briefe und Berichte von und über Robert Schumann aus den letzten Tagen vor seiner Einlieferung nach Endenich liest, kommen einem die verschiedensten Tatsachen und Aussagen mehr als merkwürdig vor. Zwar hat Schumann ganz ohne Zweifel in diesen Tagen (eine knappe Woche, um genau zu sein) "Gehöraffectionen", aber schon am 17ten Feb. 1854 geht es ihm "Beßer". Die Gehörerscheinungen schwanken zwischen schrecklichem und himmlischem Eindruck, aber auch von ersterem scheint sich Schumann nicht wirklich irre machen zu lassen: er schreibt am Dichtergarten, komponiert die sog. "Geistervariationen", macht Korrekturen am Violoncellkonzert, korrespondiert mit Geschäftspartnern (mit seinem Verlag Breitkopf & Härtel, mit Dr. Friedrich Arnold, mit Richard Hol), wird zwischendrin wahnsinnig und springt schließlich in den Rhein.

Aus dieser Zeit gibt es Tagebucheinträge Schumann, die durchgehend völlig normal wirken, ebenso seine Briefe. Dann sind da die später redigierten (also geschönten) Tagebücher seiner Frau. Und ein Tagebucheintrag von Ruppert Becker (ein mit Schumann befreundeter Geiger):
"Dienstag, den 21ten Februar 1854. Was ich mir nicht zu denken getraute ist eingetroffen! Schumann ist schon seit einigen Tagen geisteskrank! Gestern früh erfuhr ichs erst durch Dietrich [...] - Heute habe ich ihn denn besucht, aber es würde mir nicht eingefallen sein an die Krankheit zu glauben, wenns mir nicht von Dietrich versichert worden wäre, so fand ich ihn; ganz wie gewöhnlich, eine halbe Stunde unterhielt ich mich mit ihm und dann nahm ich Abschied. Frau Schumann sieht so leidend aus wie noch nie! [...]" (Unterstreichungen von mir). Tja, merkwürdig, oder?

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Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
und die Rabenmuttern festgedreht

2

Sonntag, 28. März 2010, 22:09

Lieber Florian, ic hfinde deine Theorie ja serh spannend im Hinblick auf einen tollen Romanstoff mit fiktiven Elementen, aber was Du aus den unterstrichenen Zitaten zu schliessen meinst, leuchtet mir wenig ein.

Jemand ist weder "seit einigen Tagen geisteskrank", sondern es handelt sich dabei um langwierige Prozesse die auch keinesfalls in regulâren Kurven verlaufen müssen. , noch kann man aus einem Besuch bei einer Person ihren geistigen Gesundheitszustand beurteilen. Es gibt genug psychisch schwer kranke Personen, die das jahrelang verbergen können und wo selbst enge Freunde nicht wirklich Bescheid wissen.

Die Theorie, dass Schumann ins Irrenhaus abgeschoben wurde, ohne krank zu sein, nur weil seine Frau ihn aus diversen Gründen loswerden wollte, musst du schon anders beweisen. Das jahrelange Komplott mit den Ärzten, das dahinter stehen müsste, ist ein noch schwererer Vorwurf als der an Clara und auch Brahms mitimplizierte.

Ich kann mich gut in die Rolle einer Frau wie Clara Schumann hineindenken und dass es da keinesfalls so eitel Sonnenschien war, wie von der Nachwelt lange verbreitet wurde, glaube ich nach Lektüre zahlreicher Bücher, Lieder, Briefe etc auch, aber zwischen dem hier aufgestellten Vorwiurf und einer "Ehemüdigkeit" bestehen noch gewaltige Unterschiede.
F.Q.
Eine Seele, die sich erhebt, erhebt die Welt. (M. Gandhi)

3

Sonntag, 28. März 2010, 22:17

http://monalisa.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,8054243,00.html

Macht nachdenklich, oder???

Ich arbeite selber im medizinischen Bereich und will deshalb keine alten Vorurteile schüren, doch gaaaaanz ausgeschlossen stelle ich mir das zu dieser Zeit, in der Schumann lebte auch nicht vor.

LG Lotte
"Wobei ich zwischen meiner Frau und Claude Debussy - der als Mensch nicht ganz einfach war - noch zu differenzieren weiß"
(Gurnemanz)


4

Montag, 29. März 2010, 05:18

In Sachen Quacksalberei bin ich immer skeptisch.

5

Montag, 29. März 2010, 08:38

Ich bestreite überhaupt nicht, dass es solche Zwangseinweisungen gibt und gab, aber der ungeheuerliche Vorwurf, der im Falle Schumanns dahinter steht, und der gleichermassen Clara Schumann wie die Ärzte in Endenich und letzlich auch Johannes Brahms trifft,, kann nicht einfach so in den Raum gestellt werden.
Da bedarf es wirklich handfester Indizien, um sich nicht dem Vorwurf populistischer und sensationsheischender Verleumdung ausgesetzt zu sehen.
F.Q.
Eine Seele, die sich erhebt, erhebt die Welt. (M. Gandhi)

Mina

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6

Montag, 29. März 2010, 10:00

Ich stimme

1. Fairy darin zu, daß es psychische Erkrankungen gibt, die lange Zeit von großen Teilen der Außenwelt unbemerkt bleiben, noch dazu, wenn es sich um einen Künstler handelt, dem ja (aus welchen Gründen auch immer) wesentlich mehr exzentrisches Verhalten zugebilligt wird als anderen.

2. Werden solche Erkrankungen oft selbst heute noch bewusst verschleiert und „unter der Decke gehalten“, weil sie als peinlich, unanständig oder was auch immer gelten, und niemand sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen will „verrückt“ zu sein oder mit einem „verrückten“ Menschen zusammenzuleben.

3. Gibt es Erkrankungen die Phasenweise verlaufen und durchaus relativ plötzlich aufflackern und wieder abklingen können. In gesunden Episoden kommt niemand auf die Idee, daß der Patient ein psychisches Problem haben könnte.

4. Ist es vermutlich für Laien manchmal schwierig zwischen einer schwierigen Persönlichkeit und einem bereits krankhaften Zustand zu unterscheiden (ich traue mir das zumindest nicht unbedingt zu)

5. Muß es die manchmal die Hölle sein mit einem psychisch kranken Menschen zu leben dem nicht geholfen werden kann/der sich nicht helfen lassen will. Selbst wenn Clara (in einer relativ gesunden Phase ihres Mannes) getan hätte was man ihr vorwirft: der werfe den ersten Stein der von sich behaupten kann, er würde nicht irgendwann verzweifelt aufgeben und nur noch seine Ruhe haben wollen.

6. Kenne ich das alles leider zur Genüge aus dem Freundes- und Bekanntenkreis.
Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

Florian Voß

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7

Montag, 29. März 2010, 13:34

aber der ungeheuerliche Vorwurf, der im Falle Schumanns dahinter steht, und der gleichermassen Clara Schumann wie die Ärzte in Endenich und letzlich auch Johannes Brahms trifft,, kann nicht einfach so in den Raum gestellt werden.


Liebe Fairy,
nur um die Dinge noch mal zu verdeutlichen: ich unterstelle weder Clara Schumann noch Dr. Richarz noch Joh. Brahms etwas, schon gar keine bösen Absichten. Ich sammle nur Auffälligkeiten in der Berichterstattung, in den Briefen, den Tagebüchern, und stelle das zur Diskusssion. Dass Robert Schumann schwere depressive Phasen in seinem Leben durchgemacht hat, das steht wohl ausser Frage, auch die Gehöraffektionen sind immer wieder gut belegt. Zudem hatte Schumann vermutlich sowohl Panikattacken (Schumann schrieb in seinen Tagebüchern bereits im Jahr 1833: "Heftiger Blutandrang, unaussprechliche Angst, Vergehen des Atems, augenblickliche Sinnesohnmacht"), als auch eine leichte Zwangsneurose (insbesondere was Messer anbelangt). Aber ich persönlich bezweifle, dass er geistig umnachtet, also im klassischen Sinne wahnsinnig war. Üblicherweise verlieren gerade Patienten mit Erkrankungen aus dem Formenkreis "Schizophrenie", "Paranoia", "Borderline" jegliches Selbstbewußtsein für ihren Zustand, habe also auch keine Furcht vor dem Wahnsinnig sein, zur Zeit eines Schubes. Wenn hingegen Schumann noch am 11ten März 1855 davon spricht, dass er "befürchte Wahnsinnig zu werden", spricht das für sich.

Was mich bezüglich Clara Schumann immer wieder wundert sind einerseits ihre, von überschwänglicher Liebe geprägten Tagebucheintragungen dieser Jahre (obwohl wir ja immer bedenken müssen, dass diese Aufzeichnungen von ihr späterhin redigiert wurden), und andererseits ihr mangelnder Wille, Schumann auch nur ein einziges Mal zu besuchen, in einem Zeitraum von mehr als zwei Jahren.

Ob Schumann freiwillig in Endenich blieb, ist fraglich. Er hatte durchgehend einen Wärter an der Seite, der auch bei ihm nächtigte, und Schumann äusserte des Öfteren den dringlichen Wunsch, die Heilanstalt verlassen zu dürfen - dem wurde nicht entsprochen. So steht z.B. in seiner Krankenakte unter dem Datum vom 3ten April 1855: "[...] Abends bei der Visite unfreundlich, wolle fort, sprach auch gegen[über] Brahms häufig denselben Wunsch aus". - Das gibt zumindest zu denken.

Herzliche Grüße Florian

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8

Montag, 29. März 2010, 15:14

Ich frage mich, wieso Schumann alleine starb, wo er doch nie (weder am Tag noch in der Nacht) alleine/unbeaufsichtig sein durfte in Endenich, ferner
wieso seine Krankheitsakte erst 2006 gefunden wurde, und
Clara ihn 2 Jahre lang nicht besuchte und einen Sohn später auch internieren ließ.
Alles in allem m.E. eine sehr undurchsichtige Geschichte, deren Wahrheit man wohl nie erfahren wird.
Ich zitiere:
Was lange Zeit vermutet wurde, bestätigte sich anhand der 2006 veröffentlichten Krankenakte: Robert Schumann starb an den Folgen einer Neurosyphilis. Einer Geschlechtskrankheit, die sich bis an sein Lebensende in seinem gesamten Nervensystem ausgebreitet hatte und zu Hirnschwund führte. Das Leben und Schaffen Schumanns ist vor dem Hintergrund dieser neuen Dokumente und Erkenntnisse bisher filmisch unerzählt geblieben.
(Quelle: ARD, MDR, SF)

Gruß Robert

9

Montag, 29. März 2010, 17:42

Lieber Florian, was du hier mit "echtem Wahnsinn" im Vergleich zu Depressionen, Angstzuständen etc meinst, ist vermutlich der Realitätsverlust, der mit psychotischen oder Demenz-Erkrankungen einhergeht.
Ich kann mir serh gut vorstellen, dass Schumann zumindest bis zum Endstadium der Syphilis weder eine Psychose noch eine Demenzerlkrankung hatte, sondern wie du schriebst, Depressionen, Angststörungen und evtl auch Kontrollverlust wegen Alkoholmissbrauchs. Dass er daneben geistig normal wirkte ist in diesem Fall ganz normal- Deprssive, Alkoholkranke, Angstgestörte wirken ausser in den akuten Schüben normal.
Wenn du nun aber medizinischer Laie bist und ausserdem in einer Zeit lebst, wo die Diagnose psychiatrischer Krankheiten noch in den Kinderschuhen steckt und dein Mann oder Freund in einer akuten Depressionphase in den Rhein geht oder im Suff ausrastet oder Weinkrämpfe hat oder oder oder was dann?
Das Leben mit psychisch Kranken kann die Hölle sien, Mina sagt das oben.
Es gibt hochangesehene Personen des öffentlichen Lebens: Künstler, Politiker, Uniprofessoren, denen merkt im Dienst niemand ihre Krankheit an aber die Familie leidet Martyrien. Leider kenne ich solche Fälle aus eigener Erfahrung.

Warum Clara Schumann ihren Mann nciht bescuht hat, wird vershcieden erklärt.

Sie durfte nicht, weil die Ärzte abgeraten haben.
Sie wollte nciht, weil sie den Anblick nciht ertragen konnte und ihre romantische Liebe so nciht enden durfte.
Sie wollte nciht, weil sie Alles verdrängen wollte, was mit dieser Ehe zusammenhing.
Sie wollte nciht, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, keine Möglichkeit sah, den kranken Ehemann weiter im Hause zu haben und ausserdem in Brahms verliebt war.

Vielleicht ist die Wahrheit einfach eine Mischung aus alledem?

Im Clara Schumann Thread habe ich einige Dinge dazu bereits geschrieben und auch im Thread zum Film von Helma Sanders Brahms gibt es bereits Teile dieser Diskussion.

Zumindest kann die Ehe der Schumanns auch am Ende nciht total zerrüttet gewesen sein denn aus den Briefen und ROBERTS (die sind wohl weniger redigiert als die von Clara....) Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass bis kurz vor seinem Sprung in den Rhein, das Eheleben seinen normalen Gang ging.
Ich gehe hier wie gesagt nciht von permanenten Vergewaltigungen aus, sondern glaube dass Clara Schumann ihren Mann wirklich geliebt hat. auch wenn sie als echte Künstlerin aber serh beanspruchte Ehefrau und Mutter von viel zu vielen Kindern von ihrem eigentlichen Lebensnerv nciht zuletzt durch seine Ansprüche schmerzlich abgeschnitten wurde. Und darunter serh gelitten hat.

Bei aller Empathie für Schumann, sollte man auch nciht vergessen, was diese Frau, die eine sehr grosse Künstlerin war, gelitten hat.
Und was die Syphilis angeht, hat Schumann selbst gewusst dass und wie er sie sich zugezogen hatte. Lange vor seiner Ehe. Angeblich wusste Vater Wieck das und wollte auch deshalb die Ehe verhindern
Der echte Wahnsinn, sprich die Demenz, am Lebensende wâren damit jedenfalls erklärt.
Wenn es keine Syphilis war oder gewesen sein soll, kann man natürlich auch an der Legende Hungersteik und ergo Selbstmord stricken......
F.Q.
Eine Seele, die sich erhebt, erhebt die Welt. (M. Gandhi)

Florian Voß

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10

Montag, 29. März 2010, 18:13

Das Problem ist, dass nichts auf eine Syphilis hinweist. Es gibt eine Passage im Tagebuch von 1831, die gerne im Sinne eine Lues-Infektion gedeutet wird, die aber gerade nicht die typischen Symptome eben einer solchen Infektion beschreibt. Zudem gibt es ein "Geständnis" Schumanns im Jahre 1855, das in der Krankenakte vermerkt ist. Schumann war also selbst der Meinung, dass er an der Syphilis erkrankt sei, das besagt aber erstmal nichts weiter, denn Schumann war ebenfalls ein ziemlicher Hypochonder. Vielmehr ist z.B. gerade seine Sprachstörung der letzten Jahre untypisch für Lues, ebenso die Art der erweiterten Pupillen, die bei ihm beobachtet wurde.

Dass sein Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen war, steht wohl ausser Zweifel, aber die Art der Vergesslichkeit läßt eher an Demenz denken, möglicherweise an eine Frühform von Alzheimer. Nicht aber an Syphilis, bei der im Endstadium das Gehirn so beeiträchtigt ist, dass eine völlige Verblödung daraus hervor geht. Das ist bei Schumann gerade nicht festzustellen.
Ich werde morgen oder übermorgen anhand einiger Belege darauf zurück kommen.

Etwas anderes: hat denn schon jemand das Buch b.z.w. die zwei Bücher von Uwe Henrik Peters erworben und vielleicht sogar gelesen? Ich leider noch nicht...

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Florian Voß

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11

Montag, 29. März 2010, 18:15

ferner
wieso seine Krankheitsakte erst 2006 gefunden wurde


Oh, das liegt vermutlich einfach daran, dass die zeitgenössischen Geschichtswissenschaftler meist zu faul sind, in die Archive zu gehen. So simpel.

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Armin Diedrich

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12

Montag, 29. März 2010, 18:53

ferner
wieso seine Krankheitsakte erst 2006 gefunden wurde


Oh, das liegt vermutlich einfach daran, dass die zeitgenössischen Geschichtswissenschaftler meist zu faul sind, in die Archive zu gehen. So simpel.

.
In dem Fall liegt die Sache allerdings anders:

"Jetzt liegen die klinischen Eintragungen jener Jahre endlich als
Buch vor:
Robert Schumann in Endenich (1854–1856): Krankenakten,
Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte,

herausgegeben von Bernhard R. Appel, mit einem Vorwort des
Komponisten Aribert Reimann. In dessen Privatbesitz waren die Akten als
Erbschaft gelangt, die auf familiären Pfaden direkt aus Endenich kam:
Reimanns Onkel war der Patensohn von Richarz’ Schwiegertochter. Es lag
ein Bann auf diesen Akten: strengstes Stillschweigen. Richarz hatte die
Schweigepflicht sehr ernst genommen und das Material der Nachwelt
vorenthalten.

Nach langer Überlegung zerschlug Reimann den Knoten aus Pietät,
Datenschutz und Öffentlichkeitspflicht. Ein Impuls war der Wunsch, einen
Schlussstrich unter »Verleumdungen und abenteuerliche Erfindungen« über
Schumanns Endenicher Zeit zu ziehen. Das mag eine zulässige Motivation
sein, wenn man glaubt, in Schumanns Nachwelt tummele sich viel Halbwelt,
ein Volk von Klitterern, Sensationsschleichern und Mystagogen, die bar
aller Fakten nur Märchen erzählen – etwa dasjenige von Claras Freude an
der Abschiebung Roberts, damit sie endlich Zeit für den jungen Johannes
Brahms habe."
http://www.zeit.de/2006/30/SM-Schumann
Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)

13

Montag, 29. März 2010, 19:12

Warum Clara zunächst ihren Mann nicht besuchen ging, in Endenich, wird damit begründet, daß sie von ihm schwanger war mit Felix, und die Ärzte ihr davon abrieten.
Ansonsten kann man sich nur an die Fakten halten, die im Schumann Portal wiedergegeben sind, eben auch die Geschichte der Krankenakten und Aribert Reimann, und es wird halt weiter vieles ungewiß bleiben, bei einer derartigen Faktenlage. Schumann Portal Link:
"http://www.schumann-portal.de/pgcms/output.php?PAGE_ID=1106&PHPSESSID=1f86e54c85f5b3c202b01c9c99259c8a"

Robert

PS: ihren Sohn Ludwig ließ Clara 1870 in eine Irrenanstalt einweisen, die anderen Kinder kamen außer Haus, nach Berlin und Leipzig.

14

Dienstag, 30. März 2010, 06:03

Das Schicksal der meisten Schumann Kinder ist wahrlich traurig und ich bin relativ sicher, dass die Kinder von Clara Seite eher als eine Last als ein Geschenk angesehen wurde, womit sie in ihrer Zeit keinesfalls alleine steht.
Wenn man gezwungen ist, Kinder zur Welt zu bringen, in Wahrheit aber einen ganz anderen Lebensplan und Lebenssinn hat, ist Mutterglück à la Chamisso Frauenliebe- und leben kaum zu erwarten.
Clara Schumann ist zur Künstlerin erzogen worden und sie war von Kind an auf der Bühne und in der Musik zu Hause. Dass sie nicht nur ein Klavierautomat sondern eine echte Künstlerin war, zeigen nicht nur ihre Kompositionen. Künstler und überhaupt alle Menschen, die von ihrem Lebensnerv abgeschnitten werden, entwickeln wenig sympathische Verhaltensweisen.
Clara Schumann war in ihrer Ehe ständig schwanger. Feministinnen können zwar behaupten, dass sei ein Druckmittel gewesen um sie zu knechten und an ihrer Karriere zu hindern, und einige Briefe von Robert Schumann belegen auch seinen Wunsch, eine "brave Hausfrau und Ehefrau" im Hause zu haben, aber vor allen Dingen war das eine biologische Notwendigkeit. Robert Schumann konnte nichts dafür, dass die Pille noch nciht erfunden war und dafür, dass er seine geliebte Frau lieben wollte, kann man ihm wohl keinen Vorwurf machen. Zumal ich nach wie vor davon ausgehe, dass das durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte; es gibt aus der Korrepondenz und der mir bekannten Literatur keine Gegenbeweise- im Gegenteil.

Bei einem Biographen, ich weiss nciht ob Kühn oder Beci oder Weissweiler habe ich gelesen, dass Clara Liebesfähigkeit nur fûr die Musik und ihren Mann gereicht habe, fûr die Kinder sei nichts mehr übrig gewesen.
Das ist sehr traurig, aber ncht ganz an den Haaren herbeigezogen. Auch wenn Mutterliebe sakrosankt ist, automatisch ist sie dennoch nicht. Und wenn nicht gewünschte Kinder Lebenspläne zerstören, kann daraus sogar Aggression werden.

Für mich ist Clara Schumann eine wirklich tragische Figur, die zwischen ihrem Frausein und ihrem Künstlertum in der bürgerlichen Welt des 19 Jh zerrieben wurde und Übermenschliches einfach nicht leisten konnte. Auch wenn das bei Helma Sanders- Brahms so dargestellt wird.

F.Q.
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15

Donnerstag, 1. April 2010, 00:21

Zitat von »Florian Voß«


Das Problem ist, dass nichts auf eine Syphilis hinweist.


Hmm...

...ziehe gerade mal kurz "Kerners Krankheiten" zurate, in dessen 6. Auflage von 2008 auch die Endenicher Krankenakten berücksichtigt werden. Die beiden Autoren, beides Fachärzte, sind da anderer Meinung:

"Die ausführlichen Endenicher Krankenakten belegen relativ eindeutig, dass Schumann an den Folgen einer Spätsyphilis des Zentralen Nervensystems (ZNS) [Neuolues] starb."




Am Rande sei vermerkt, dass dieses Buch mit seiner skurrilen Mischung wirklich lesenswert ist. Bei allem Chaos im Gesundheitswesen bin ich nach dem Lesen doch recht froh darüber, dass ich nicht vor hundert oder noch mehr Jahren gelebt habe... ein Irrsinn, an welchen heutzutage läppischen Dingen da Menschen elend zugrunde gegangen sind!

Zitat von »FairyQueen«

Das Schicksal der meisten Schumann Kinder ist wahrlich traurig und ich bin relativ sicher, dass die Kinder von Clara Seite eher als eine Last als ein Geschenk angesehen wurde, womit sie in ihrer Zeit keinesfalls alleine steht.

...

Für mich ist Clara Schumann eine wirklich tragische Figur, die zwischen ihrem Frausein und ihrem Künstlertum in der bürgerlichen Welt des 19 Jh zerrieben wurde und Übermenschliches einfach nicht leisten konnte. Auch wenn das bei Helma Sanders- Brahms so dargestellt wird.
Wenn ich mich recht erinnere, hast Du auch die Schumann-Biographie von Veronika Beci gelesen?! Mir wurde da Clara Schumann jedenfalls nicht sympathischer. Aber klar wurde mir auch, dass sie einfach nur ein Kind ihrer Zeit war. Vieles, was heute so brutal und umenschlich an ihrem Verhalten gerade gegenüber ihren Kindern wirkt, war damals "zeitgemäß" und mehr oder weniger normal.

Aber eine tragische Figur? Finde ich nicht! Sie hat doch recht zielstrebig ihr Künstlerleben verfolgt, und dem alles ziemlich skrupellos und egozentrisch untergeordnet. Und war erfolgreich damit.

Parrot
In "Lohengrin" gibt es hübsche Augenblicke, aber bittere Viertelstunden.
(Gioacchino Rossini)

16

Donnerstag, 1. April 2010, 07:51

Guten Morgen und erstmal- Deine Signatur gefällt mir! :yes:

Ja, ich habe Vernonika Beci, Kühn und Weissweiler gelesen und mich aber auch sehr intensiv mit Clara Schumanns Kompositionen befasst. Das Urteil skrupellos und egozentrisch teile ich so nicht, auch wenn ich mir serh gut vorstellen kann, wie diese Sicht entstehen kann.
Aber hier tut sich leider- auch wenn Viele das nciht hören wollen- ein Abgrund zwischen einem Frauen-Künstler-Leben und einem Männer-Künstler -Leben auf. Gerade im 19 Jahrhundert. Wer nennt denn einen Mann egozentrisch und skrupellos wenn er seiner tiefsten inneren Berufung folgen will?
Wenn ein Mann sich nicht sonderlich um seine Kinder kümmert und sich in seinem Studierstübchen einschliesst ist das normal und sogar notwendig. Wenn eine Frau auf Konzertreise gehen will und keine Lust hat am Herd zu stehen ist das skrupellos.

Für mich ist Clara Schumann insofern eine tragische Figur als sie zunächst von ihrem Vater auf eine internationale Musiker-Karriere gedrillt wurde und sich dabei als Hochbegabung zeigte. Dass sie dann einer grossen Liebe folgte, die von ihr sowohl den Bruch mit dem Vater als auch den vorläufigen Verzicht auf die Künstlerkarriere bedeutete. (Schumann hat eindeutig in den Brautbriefen geschrieben, dass er seine Frau als Mutter und Ehefrau sah und nciht als reisende Piansitin- was man ja auch verstehen kann und was zeitgemäss war). Zwsichen der Liebe zu einem Menschen und der künstlerischen Bestimmung zerrissen zu werden, IST tragisch.

Genauso tragisch finde ich das Ende der Ehe der Schumanns, die ja immerhin aus einer ganz grossen romantischen Love-Story hervorgegangen ist. Die Briefe und die Lieder, die ncihts als Liebesbriefe waren und sein sollten, sprechen da Bände genug.
Je höher der Beginn, desto tiefer der Fall. Auch das ist zwar einigermassen normal, aber dieses Ende dann doch nicht.

Sollte es eine Liebegeschichte mit Brahms gegeben haben, ist auch die tragisch. Selbst wenn Clara Schumann mehr als Freundschaft für Brahms empfunden hat, nach der Erfahrung mit Schumann hatte sie gewiss keine Kraft und keine Nerven mehr, sich noch einmal auf eine Künstler-Ehe einzulassen. Und vor allen Dingen: wieder mit dem Kinderkriegen anzufangen . Sie war ja noch nciht zu alt, um erneut schwanger zu werden und ein junger verliebter Mann wie Brahms hätte gewiss nicht minder als Robert Schumann dazu beigetragen.

Tragisch ist und bleibt für mich die Zerrissenheit zwischen dem Frausein und dem Künstlersein, die etwas wirklich Geschlechtsspezifisches in dieser Zeit war und leicht als Skrupellosigkeit ausgelegt werden kann.
Sympathisch ist mir Clara Schumann auch nicht immer, aber empathisch kann ich serh wohl sein und das drängt sich geradezu auf.

F.Q.
Eine Seele, die sich erhebt, erhebt die Welt. (M. Gandhi)

Florian Voß

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17

Dienstag, 13. April 2010, 19:29

Verzeihung, dass ich erst jetzt wieder schreibe (und das hier wird nicht einmal die angekündigte Fortsetzung meiner "Analyse"). Ich habe mir das Schumann-Buch von Peters gekauft, "Gefangen im Irrenhaus", heute ist es geliefert worden. Und da Peters möglicherweise die gleiche These zu Schumanns Tod vertritt wie ich, wollte ich - bevor ich das Buch lese - nur kurz einen Brocken in die Arena werfen, und meine bislang unbegründete These vortragen:
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Robert Schumann an einer Leberzirrhose gestorben ist, eventuell verstärkt durch eine weitere (unabsichtliche) Vergiftung. Eine Begründung folgt natürlich, da ich aber zur Zeit ziemlich gebunden bin durch meinen Sohn und meinen neuen Roman, kann das noch etwas dauern.

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Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
und die Rabenmuttern festgedreht

18

Dienstag, 13. April 2010, 19:45

Ich melde mich hier auch mal zu Wort:
Für mich war Clara Schumann, so etwas, das man heute Weltstar nennen würde, und dementsprechend groß die Last dem zu entsprechen, und ich finde (damals gab es ja noch keine Pille und dergleichen, nur knaus ogino oder so ähnlich), eine Ehe war für sie nicht ideal, zumal mit so vielen Kindern (7 denke ich). Klar, sie war keine Putze, aber auch die Tatsache, daß sie Brahms nicht mehr ehelichen wollte, weißt darauf hin, daß sie keine gute Erfahrung damit gemacht hatte, die Gesellschaft hat es ihr wohl eher vorgeschrieben. Man bedenke, daß sie als Mädel dem Paganini vorgestellt wurde und ihn sicher auch gehört hat. Liszt genauso.

Zu Schumanns Krankheit: wie soll da heute noch etwas bewiesen werden?

19

Montag, 19. April 2010, 10:13

"Abstruse Argumente"

Leserbrief im heutigen Kölner Stadtanzeiger:

Zitat

Ein 80-jähriger, emeritierter Psychiater und Professor aus Köln hat das Ei des Kolumbus gefunden: Robert Schumann, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt begeht, war gar nicht geisteskrank. Krank, ja verrückt machen ihn heutge Schumann-Interpreten, die dessen letztes Klavierwerk, die "Geistervariationen", so langsam spielen, dass es nicht zu ertragen ist. Lässt sich eine abtrusere Argumentation denken? Oh doch. Prof. Dr. Dr. h.c. Peters hat es in zwei jüngst erschienen Büchern über Schumanns letzte Zeit vor und in Endenich bewiesen. Sein geheimes Wissen hat er bis jetzt zurückgehalten. Was ist neu an diesen Theorien? Jedenfalls nicht die Internierungsgeschichte samt Clara-Diffarmierung. Sie wurde vor allem von Eva Weissweiler - ebenfalls aus Köln! - in ihrem unsäglichen Kolportageroman über Clara Schumann wider besseres Wissen verkündet. Es bleibt also bei Theorien, die mit großem Aufwand an Eigenwerbung verkündet wurden, deswegen aber nichts an Wahrheit und Wahrhaftigkeit gewinnen. Die etablierte Schumann-Forschung wird ihre Zeit nicht damit verschwenden, sie im Einzelnen zu widerlegen, wohl aber ist ihr zu verdanken, was Professor Peters in der Eile entgangen ist: die komplette und akribische Aufarbeitung und Rehabilitierung des Schumann'schen Spätwerks inklusive "Geistervariationen" und natürlich des übrigen reichen kompositorischen Œuvres sowie die ehrliche Publikation der tragischen Krankengeschichte, so weit sie heute noch fassbar ist.
Dr. Irmgard Knechtges-Obrecht, Robert-Schumann-Gesellschaft Düsseldorf

Der etablierten Schumann-Forschung sind argumentative Abstrusitäten immerhin auch nicht fremd, wie das 'Argument' "ebenfalls aus Köln!" eindrucksvoll belegt. Weia!
Bernd

Florian Voß

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20

Dienstag, 22. Juni 2010, 19:57

2. Akt - Ein Jahr später

Machen wir einen kleinen Sprung und schauen uns Schumann in der Irrenanstalt von Endenich an, ein Jahr nach seiner (freiwilligen) Einlieferung. Er hat sich lange geduldet, kaum Besuch bekommen - zwei mal kam Joh. Brahms für wenige Stunden vorbei - auch Clara ist noch kein einziges Mal erschienen, obzwar sie an Freunde und Bekannte immer wieder schreibt, dass es ihr das Herz zerreissen würde, ihren Robert nicht zu sehen.
Nach einem Jahr unter Aufsicht, teilweise auf der Abteilung für renitente Patienten, immer in Begleitung eines "Pflegers" (vielmehr also eines Wachmanns, der ihn auf jeden kleinen Spaziergang begleitet, der selbst in seinem Zimmer nächtigt), verliert Schumann langsam die Geduld. Er verlangt in zunehmender Häufigkeit und mit Nachdruck seine Entlassung. Weder Dr. Richarz, noch Clara, noch Brahms gehen auf diese Forderung ein.
Schumann ergibt sich vorerst seinem Schicksal und arbeitet, so wie er das letzte Jahr - das erste Jahr in der Anstalt - gearbeitet hatte. Er korregiert Druckfahnen seiner Kompositionen, korrespondiert mit Freunden und Kollegen, mit seinen Verlegern. Er liest Fachzeitschriften und Tagespresse. Er spielt viel, sehr viel Klavier, teilweise ganze Tage. Und er komponiert wieder. Seit spätestens Anfang des Jahres 1855 komponiert er wieder, und zwar nicht wenig. Das wird immer wieder in der Krankenakte erwähnt, so zum Beispiel im Eintrag vom 16. April:

"... den ganzen Tag mit Notensetzen beschäftigt, ging nur in den Garten; bei der Abendvisite eigensinnig auf seinen irrigen Behauptungen bestehend. Sprach gestern viel vor sich hin, ging auf und ab, den Takt schlagend. Aß gut. Stuhl fest. Bei der Visite einsylbig."

Auch wird im Krankenjournal immer wieder angegeben, dass Schumann bis spät in die Nacht schreibt, ob Wörter oder Noten, geht nicht klar hervor.
Einerlei: alles was er zu Papier brachte in der Endenicher Zeit ist später vernichtet worden, in erster Linie vermutlich von Clara und Brahms in den 1880er Jahren. In einem Freudenfeuer. Geisteskranke Musik.

Das also sind so die Tätigkeiten des syphilitischen, also gehirnerweichten, des wahnsinnigen Komponisten Robert Schumann in den ersten Monaten des Jahres 1855. Und dann kommt Bettine von Armin zu Besuch, und sie ist entschieden nicht der Meinung, das Herrn Schumann irgendetwas an geistiger Gesundheit fehlen würde. Dazu mehr im nächsten Akt.

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21

Freitag, 25. Juni 2010, 17:32

Doch erst mal eine Gegenmeinung, aus einem Artikel des ZEIT-Journalisten Wolfram Goertz:

"[...] Zwei international ausgewiesene Syphilis-Experten, Hans-Jochen Hagedorn (Herford) und Hilmar Prange (Göttingen), haben die in dem Band vorgelegten Befunde und Stellungnahmen studiert; beide halten bei aller Abneigung gegen Bewertungen, die aufgrund der historischen Entfernung nur spekulativ sein können, die Syphilis-Diagnose für einleuchtend. Der Infektionsexperte Hagedorn widerlegt beispielsweise die fast schon unverzeihlich naive Vermutung Peters’, dass ein Syphilitiker Schumann wohl kaum acht gesunde Kinder gezeugt haben könne und seine Frau gewiss angesteckt haben müsse. Hagedorn: »Sofern sich Schumann 1831 mit Syphilis infiziert hat, war er zum Zeitpunkt seiner Eheschließung im Jahr 1840 mit Sicherheit in der Phase der Spätlatenz und somit nicht mehr infektiös. Eine spätlatente Syphilis hat außerdem keinen Einfluss auf die Zeugungsfähigkeit des Mannes.«

Die abnormen Pupillenreaktionen, die Schumann aufwies, sind laut Prange symptomatisch für das vielfältige neurosyphilitische Krankheitsbild. Der Neurologe vermisst zudem einen Hinweis von Peters auf die Geschmacks- und Geruchsstörungen Schumanns, der glaubte, er müsse bei den Speisen, die ihm in Endenich angeboten wurden, »Scheiße essen«. Prange: »Bei der Neurosyphilis treten auch organische Schädigungen von Strukturen des limbischen Systems, in dem Geruchs- und Geschmackssinn verortet sind, gehäuft auf.« [...]"

Zu den Geschmacks- und Geruchsstörungen läßt sich allerdings erwidern, dass Schumann von seinen Endenicher Ärzten Medizin in Wein und Essen gemischt bekam - ohne dass er darüber informiert wurde!

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22

Montag, 8. November 2010, 17:24

3. Akt – Besuch von Bettine

Und dann kam also Bettine von Arnim zu Besuch, es ist der 28. April 1855, Schumann ist seit mehr als einem Jahr in Endenich interniert – ein Irrer. Aber Bettine kann nichts irres an ihm finden.
Einige Tage später schreibt sie einen Brief an Clara und berichtet von ihren Eindrücken:
„[...] während Gisel [ihre Tochter] sich mit Frl. Reumont [Sekretärin der Anstalt] auf dem Soffa unterhielt, sagte er [Schumann] mit Worten die er nur mit Mühe aussprechen konnte, das Sprechen sei ihm immer schwer geworden, und nun er seit länger als einem Jahr mit niemand mehr rede, habe dieses Übel noch zugenommen. Er unterhielt sich über Alles was ihm interessantes im Leben begegnete, über Wien, über Petersburg und London, über Sicilien – über Brahms und Woldemars Werke, über Joachims Genius seiner Compositionen welche den seiner Virtuosität weit überflügeln, kurz er sprach über alles unausgesetzt, was ihn je freudig erregt hatte. [...] Man erkennt deutlich daß sein überraschendes Übel nur ein nerveuser Anfall war der sich schneller hätte beenden lassen hätte man ihn besser verstanden, oder auch nur geahnt was sein Inneres berührt, allein dies ist bei Herrn Richards [der Anstaltsleiter] nicht der Fall, er ist ein Hypochondrer Mann. Krank an Leib und Gemüth, der eher Schumanns Seelenadel nicht sowohl versteht als ihn für ein Zeichen seiner Krankheit annimmt“.

Einige Wochen später trifft Schumanns erster Biograph Wasielewski Bettine von Arnim im Bonner Hofgarten. Bettine bittet ihn auf eine Parkbank und zeigt ihm einen Brief Schumanns, den sie kurz zuvor bekommen hatte. Wasielewski wird später schreiben, dass der Brief auf ihn einen „zusammenhangslosen, verworrenen“ Eindruck gemacht hätte, aber Bettine von Arnim versichert ihm anhand des Briefes: „Schumann ist der einzige vernünftige Mensch in der Heilanstalt Endenich, die anderen dort sind sämtlich gestört“.
Außer Schumann begegneten ihr dort Dr. Richarz, Frl. Reumont und ein Pfleger.

Den Brief Schumanns, auf den sich beide beziehen ist folgender, er liest sich ganz ohne Zweifel ein wenig konfus:
„Hochverehrte, Verziehen Sie, längeres Unwohlsein war die Schuld meines langen Schweigens. Und Frühlingsboten haben Sie mir zugesendet, ein Fest bereitet, durch die Ehre des Besuches, dem ein gütiger Brief folgte. Noch erinnere ich mich noch der dichterischen Studien von Adalbert Stifter,
namentlich des Hochwald und der Narrenburg. Sein Bildniß gleicht ihm sehr. [Es folgen Ausführungen über befreundete Dichter und Komponisten, schließlich eine lange Passage über den „Dichtergarten“ und die Bibeltexte, die in ihn einflossen]. Erfreuen würde es mich,wenn Sie Hochverehrte, die Gesänge der Frühe von meiner Clara hörten. Sie wird Ihnen auch die Gesänge zusenden. [...] Ihr ergebener Robert Schumann“.


Vom (vermutlich) selben Tag ist zudem ein Briefentwurf Roberts an Clara erhalten, den ich hier vollständig zitiere:
„Lieb Clara, Heute erst läuten die Frühlingsboten den 1sten Mai ein. Wie herrlich jetzt das Grün! Könnten wir beieeinander sein - wir kennen uns schon lange, seit 27 Jahren! Warum scheibst du mir nicht vom Tag, wo Johannes das Licht der Welt erblickte, obwohl träumend! Ich erbaue mich noch immer an seinen Musikwerken, ich schreib an Frau von Arnim „Du, meine liebe Frau sendest mir immer Freude durch deine Briefe und viele Musik, die mir dadurch würde, auch Manuskripte von Johannes: Balladen für Pianoforte so auch von seinen Sonaten, schwer zu bezeichnen mit einem Namen. Je tiefer man sich in seine Musik versenkt, so höher verklärt [Neuer Absatz] So auch Joachim [Weiterer Text wurde abgeschnitten]“.

Die Eintragung im Krankenjournal über diesen 1ten Mai lautet:
„Den Tag über ziemlich gut gestimmt, ging nur kurze Zeit in den Garten; nach dem Abendessen sehr aufgeregt, wahnbefangen viel gesticulirend und perorirend [Im Wortschwall redend]. Bei der Abendvisite gegen den Arzt heftig, verweigerte das Puls fühlen lassen, wies den Arzt fort. War die ganze Nacht unruhig. [...]“

So unterschiedlich sind also die Eindrücke über Schumann Ende April, Anfang Mai im Jahre 1855. Wer irrt sich hier?




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23

Dienstag, 9. November 2010, 20:48

Nachtrag:

Auch der Geiger Joseph Joachim, der Schumann einige Male in Endenich besucht hatte, und somit neben Brahms die Person war, die den häufigsten Kontakt zu Schumann hatte, läßt sich in einem Brief an Brahms über Dr. Richarz aus, auch er weiß nichts Positives über den Arzt und seinen Assistent zu sagen. Er würde sich "zu dem [...] auch nie vertrauend hingezogen fühlen" auch scheint ihm "Richarz hochmütig und hypochondrisch und Peters schwach". Man muss wissen; der Begriff "hypochondrisch" wird in dieser Zeit in erster Linie gleichbedeutend mit "griesgrämig / missgünstig" verwandt.




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24

Donnerstag, 2. Dezember 2010, 17:15

Hallo Allerseits,
verzeiht, daß ich hier als newcomer alte Themen aufwärme,
aber es ist auch gar zu interessant...

Ich würde die ganze Sache mal etwas philosophischer angehen und behaupten,
daß R.Schumann eigentlich an der ganzen Situation zugrundegegangen ist:
Seine Frau weltberühmt, er selbst überfordert vom Musikdirektor-Job in Düsseldorf
- vielleicht erschwert durch Mentalitätsprobleme des Sachsen im Rheinland -
und mit seinen Kompositionen lämgst nicht so erfolgreich wie seine Frau
am Klavier.
Heutzutage wäre es für den einen oder anderen Mann schon denkbar,
das so zu verkraften, womöglich sich mit Freude um die Kinder zu kümmern,
was ja neben dem Komponieren durchaus leichter geht (meine Erfahrung)
als eine Pianistenkarriere mit Tourneen etc.

Aber damals hat das sicher so an seinem Selbstbild genagt,
daß es kein gesundes Entkommen gab.
Ein Opfer der Romantik und der Rollenvorstellungen seiner Zeit.
(wovon Syphilis natürlich auch ein physischer Widerhall ist)

Schade drum, und doch kann ich am Violinkonzert z.B.
nichts wirklich krankes finden,
auch wenn ihn der Schwung der Jugend da nicht mehr trägt...

Gruss herr Maria
.................................................................................................

Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
daß Alles für Freuden erwacht

25

Donnerstag, 30. Mai 2013, 20:05

Das habe ich eben gerade gefunden. Da ich den Thread nicht komplett durchgelesen habe, weiß ich nicht, ob es schon erwähnt worden ist:

"http://www.aerzteblatt.de/archiv/76921/Robert-Schumann-%288-Juni-1810-bis-29-Juli-1856%29-Abgeschoben-ins-Irrenhaus"


jd :wink:
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26

Donnerstag, 30. Mai 2013, 23:34

Das Buch (und das vorhergehende 10 Tage bis ENDEnich) habe ich gelesen.
Man muß Peters' Schlüsse nicht unbedingt teilen, Stoff zum Nachdenken gibt es allemal.
Zwei Dinge sind sicher:

Erstens hat es schon sehr früh seitens Claras eine Legendenbildung gegeben, die von der Tochter Marie fortgesetzt wurde. Dies liest sich auch indirekt aus Eugenie Schumanns Büchern. Wolfgang Bötticher hat auch am Schumann-Bild rumgewerkelt. Schumanns Tagebücher und Briefe sind erst seit relativ kurzer Zeit in einer verläßlichen Ausgabe verfügbar, bzw. werden es, wenn die Ausgabe abgeschlossen ist. Claras Tagebücher sind von Marie Schumann vernichtet worden, nachdem die Biographie erschienen ist, die Bertold Litzmann unter schärfster Kontrolle von Marie verfaßt hat. Die Wirklichkeit, nicht nur der letzten Jahre Schumanns sondern der ganzen Robert-Clara Beziehung und noch darüber hinaus, ist wesentlich facettenreicher, komplizierter als die von Clara propagierte Legende und wohl kaum richtig in ihrer Gesamtheit zu entziffern.

Zweitens, und dies ist das wichtigste, kann Schumanns Spätwerk nicht mehr einseitig als die Schaffung eines von der Krankheit gezeichneten Geistes abgeschrieben werden. Erfreulicherweise gibt es nicht zuletzt seit dem Gedenkjahr 2010 eine neue Beschäftigung mit diesen Werken (Violinkonzert, Violinsonaten inkl. der dritten ...) und man kann sie voruteilsfrei betrachten.
Alles, wie immer, IMHO.

27

Dienstag, 11. Juni 2013, 11:16

Das habe ich eben gerade gefunden. Da ich den Thread nicht komplett durchgelesen habe, weiß ich nicht, ob es schon erwähnt worden ist:

"http://www.aerzteblatt.de/archiv/76921/Robert-Schumann-%288-Juni-1810-bis-29-Juli-1856%29-Abgeschoben-ins-Irrenhaus"
Ich hatte beim Lesen dieses Artikels das eher unbestimmte Gefühl, dass Peters nicht gerade seriös mit den historischen Quellen und Fakten umgeht. Ich habe mich deshalb an den Brahms- und Schumann-Forscher Dr. Michael Struck (den ich von meinen diversen Brahms-Aktivitäten her kenne) gewandt und ihn um seine Meinung gebeten. Michael Struck erhielt u.a. 2009 den Schumann-Preis der Stadt Zwickau und hat viele Artikel vor allem zum Spätwerk des Komponisten geschrieben. Er bezeichnet in seiner Antwort auf meine Anfrage sowohl den Artikel als auch die Bücher von Uwe Henrik Peters als "höchst anfechtbar" und zitiert der Einfachheit halber einen Text, den er in den Amazon Kundenrezensionen zu Peters' Buch "Robert Schumann, 13 Tage bis Endenich" veröffentlicht hat, und der seinerseits einen Ausschnitt aus einer Rundfunk-Rezension des Buches darstellt: http://www.amazon.de/product-reviews/393190606X/ref=cm_cr_pr_hist_1?ie=UTF8&filterBy=addOneStar&showViewpoints=0 . Außerdem verweist er auf einen Leserbrief von Gerd Nauhaus, Musikwissenschaftler und Herausgeber der Tage- und Haushaltsbücher Robert Schumanns und Vorsitzender der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau, als Antwort auf den o.g. Artikel im Ärzteblatt: http://www.aerzteblatt.de/archiv/78542/Robert-Schumann-Nur-Theorien. Beide Texte, vor allem Michael Strucks detaillierte und überzeugend begründete Kritik bestätigen mich in meiner Skepsis gegenüber den reißerischen Thesen von Uwe Henrik Peters.

Christian

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28

Dienstag, 11. Juni 2013, 12:02

Michael Struck ist in jedem Fall die erste Adresse, wenn man sich für Schumanns Spätwerk interessiert und man kann nur bedauern, daß sich kein Verleger gefunden hat, um seine Artikel in Buchform herauszugeben (wenn ich falsch informiert bin, würde ich mich freuen, es zu erfahren).

Was Peters' Bücher betrifft, muß man hinzufügen, daß die editorische Arbeit ziemlich miserabel ist. Ein seriöser Verlag hätte sicher eine andere Arbeitsqualität hervorgebracht.
Rein persönlich, und nachdem ich mich an unterschiedlichen Quellen informiert habe, würde ich sagen, daß Peters' These, wie sie im Ärzteblatt in ihrer Knappheit formuliert wird:

Zitat

Schumann war nicht geisteskrank
nicht unkommentiert haltbar ist - ganz abgesehen von der Tatsache, daß das Wort "geisteskrank" heutzutage nicht unter die Feder eines Mediziners kommen sollte.
OK, der Artikel im Ärzteblatt ist nur ein Aufhänger, der zum Lesen der Bücher anregen sollte. Aber komisch, daß man gerade im Ärzteblatt "geisteskrank" lesen muß.
In jedem Fall ist allemal Peters' Versuch interessant, die Fakten in einem anderen Licht darzustellen. Auch wenn seine Methode durchaus kritisierbar ist. Andere haben es vor ihm gemacht, z.B. Udo Rauchfleisch,

der, wohl weil er es nicht so reißerisch dargestellt hat, weniger beachtet wurde.
Es heißt definitiv nicht: "Alles, was man euch vorher erzählt hat, ist eine Lüge oder ein Märchen", sondern "Elemente, die man bisher kommentarlos hingenommen hat, verdienen, kritisch betrachtet zu werden".
Ein Beispiel unter anderen: das angebliche ärztliche Verbot an Clara, ihren Mann zu besuchen.

Ich finde die Bücher lesenswert, mit der Bemerkung, daß man sie nicht als Beweis einer revolutionären These lesen sollte ("die Wahrheit über den Fall Schumann, die man Euch bislang verschwiegen hat"), sondern als Anregung zum kritischen Selbstdenken - kritisch auch in Hinsicht auf Peters selbst.

Der größte Gewinn ist allemal, daß Schumanns spätes Schaffen nicht pauschal abgewertet werden kann.
Alles, wie immer, IMHO.

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