Die Wanderjahre, bei Salmen als "Sturm- und Drangjahre" bezeichnet, brachten vielen für die Zukunft wichtige Kontakte und auch die Reifung des jungen Komponisten, der fast bargeldlos seine Reise antrat und immer mal wieder auf die materielle Hilfe seiner Freunde angewiesen war.
Zunächst führte die Reise nach Danzig, wo er Konzerte geben musste, um Rechnungen (wenigstens ansatzweise) bezahlen zu können, Interessant ist das Programm, das er bei einem solchen Konzert vorstellte
eine eigene Symphonie
ein Violinkonzert von Franz Benda (ihn und seine Familie sollte er auf seiner nächsten Station in Berlin persönlich kennen lernen)
ein Violonsolo von Veichtner, seinem ehemaligen Lehrer,
ein Klavierkonzert von Carl Philipp Emanuel Bach.
Erheiternd die doch deutlich unterschiedliche Darstellung des Konzertierens bei Fischer-Dieskau und bei Salmen
Salmen: Seine Darbietungen auf dem Cembalo und der Violine, begleitet von einer Ratsmusikerbande, fanden nur schwachen Widerhall. Gespielt wurden Werke von Franz Benda, seinem Violinlehrer Veichtner und C.Ph.E. Bach. Zwischen den Vorführungen pflegte er in lebhafter Unterhaltung mit den Hörern um deren Gunst zu buhlen. Der Mißerfolg war so groß, daß Reichardt seine hohe Zeche nur mit geschenktem Gelde begleichen konnte. (Salmen, 25)
Fischer-Dieskau: Das ganze Programm bestand aus einer Symphonie, welche die damals gut zusammen stimmende Ratsmusikbande, das einzige dortige Orchester, vollkommen genügend ausführte, einem Violinkonzert von Fr.Benda, einem Violinsolo von Veichtner und einem Klavierkonzert von Ph.E. Bach, welches alles der junge Virtuose zur Freude der kleinen Versammlung unbefangen und lebhaft hinter einander weg spielte, sich zwischenein mit seinem Auditorium frei unterhaltend ... Der angesehenste Teil der Versammlung empfahl sich am Ende dem bezahlten Musiker ganz so, als ob er der Wirt einer frei gegebenen angenehmen Gesellschaft gewesen wäre, mit vielen verbindlichen, dankenden Ausdrücken. Der Ertrag genügte nicht ganz zur Bezahlung des Wirtes; indes sah dieser doch Ernst und blieb den nächsten Monat wieder so ruhig als den ersten. (Fischer-Dieskau, 37)
Salmen sieht dem Treiben des jungen Komponisten offensichtlich etwas grämlich und mit gerunzelter Stirn zu ....
Die nächste Station war Berlin. Er traf dort den Dichter Ramler, aber auch Johann Philipp Kirnberger, mit dem er sich zunächst gut verstand, auch wenn er seinen Unterricht, der auf Kirnbergers Lehre vom Grundakkorde beruhte, ziemlich verwirrend fand. Als er ihm aber als Probe eine Klaviersonate vorlegte und -spielte, verwandelte sich die Haltung Kirnbergers in Misstrauen und Verachtung. Er kanzelte die Komposition, deren Sturm- und Drangcharakter ihm missfiel, mit deutlichen Worten ab und ergänzte im hämischen Ton
Als ein junger, listiger Kerl, der damals mehr Lust hatte als ich jetzt habe, sich mit Narren herum zu necken, hörte ich auf einem Dorfe einen alten Organisten ganz kuriose, verworrene Sachen spielen. Mich gelüstete danach zu wissen, wie der Mann darauf käme und wie er das anfinge, so etwas hervor- und herauszubringen. Ich ging darauf ganz demütig zu ihm, stellte mich unwissend und unerfahren und bat ihn um seinen vortrefflichen Unterricht. Der alte Geck war dumm genug in die Falle zu gehen und ich hatte den Spaß, eine Zeitlang den tollsten Unterricht zu erhalten, den wohl je ein Mensch erhalten hat ... und für die Zukunft manche gute Lehrer zu ziehen. Unter anderm auch diese, daß mich jetzt ein lustiger feiner Kauz ebenso anführen will, ich's eher merke, als es vielleicht sonst geschehen wäre.
Wichtig und fruchtbar war dagegen der Kontakt zu Franz Benda und seiner Familie, die den jungen Komponisten herzlich aufnahm. Und da gab es noch die schöne Tochter Juliane Benda, die
mit schöner, reiner Stimme und ächt altitalienischer, ausdrucksvoller Manier sang, die großen Eindruck bei Reichardt hinterließ. Ein anderer wichtiger Kontakt waren die Besuche bei Chr. Fr. Nicolai, in dessen Haus man alte Musik machte, Musik des Mittelalters und der Renaissance, für die Reichardt ein nachhaltiges Interesse entwickelte - in diesem seiner Zeit weit voraus.
Das unliebsame Erlebnis mit Kirnberger ließ Reichardt weiter reisen. Das nächste Ziel war Leipzig.
Liebe Grüße Peter