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Samstag, 26. März 2011, 19:22

Edmund Nick - Bilder aus der Welt Spitzwegs

Edmund Nick wurde am 22.9.1891in Reichenbach/Böhmen geboren. Als Sohn eines Kaufmanns musste er erst einmal einen richtigen Beruf lernen, er studierte Jura und schloss sein Studium 1917 mit dem Dr. jur in Graz ab. Er hatte seine musikalischen Studien parallel vorangetrieben und nahm 1924-1933 das Amt des künstlerischen Leiters der Schlesischen Funkstunde Breslaus wahr.

Nun wurde man auf seine Ehefrau, die Konzertsängerin Kaete Jaenicke aufmerksam. Er wurde wegen einer jüdischen Ehefrau nach dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" entlassen. Als er endlich gelten machen konnte, dass sie "nur" eine Halbjüdin sei, wurde er zwar rehabilitiert, konnte eine berufliche Tätigkeit aber erst 1936 als musikalischer Leiter des Theater des Volkes in Berlin aufnehmen, die er bis 1940 inne hatte. Auch weiterhin sollte der Vorwurf, eine Jüdin geheiratet zu haben, immer wieder auftauchen. Eine Scheidung lehnte er ab.

Nach dem Krieg war er 1945-47 Musikkritiker der "Neuen Zeitung" in München, dann 1947-49 musikalischer Leiter der Bayerischen Staatsoperette. 1949-52 hatte er eine Professur für Musikgeschichte an der Musikhochschule inne. Danach wechselte er zum Rundfunk, 1952-57 war er Leiter der Musikabteilung des NWDR Köln. Hier gründete er 1954 die "Capella Coloniensis". Die nächsten beruflichen Stationen sind die eines Musikkritikers, 1957-61 bei der Welt, 1962-73 bei der "Süddeutschen Zeitung".

Im folgenden wird es um die Musik zu Shakespeares "Sommernachtstraum" gehen, die in einem anderen Thread angesprochen wurde.

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

musica

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2

Samstag, 26. März 2011, 20:01

Bühnenwerke E. Nick

Bühnenwerke
I. Operetten

Über alles siegt die Liebe (nach Gutzkows Zopf u. Schwert v. B. Hardt-Warden), Operette (1940 Berlin, Theater des Volkes)
Das Halsband der Königin (G. Metzner), Operette (1. Dez. 1948 München, Bayerische Staatsoperette)
II. Musikalische Lustspiele

Das kleine Hofkonzert (P. Verhoeven u. T. Impekoven), Musikalisches Lustspiel (19. Nov. 1935 München, Kammerspiele)
Die glücklichen Tage, Musikalisches Lustspiel (1937 Bremen)
Xantippe, Musikalisches Lustspiel (1938 Frankfurt a.M.)
Titus macht Karriere (nach Nestroy v. G. Metzner), Musikalisches Lustspiel (1939 Berlin, Theater in der Behrenstr.)
Nur für Erwachsene, Musikalisches Lustspiel (1941 Berlin)
Dreimal die Eine, Musikalisches Lustspiel (1941 Leipzig)
Karussell! – Karussell! (G. Graepp u. R. Rieth), Musikalisches Lustspiel (1941 Darmstadt)
Der Prinzgemahl (F. Schwiefert), Musikalisches Lustspiel
III. Revue

Quelle: Wikipedia

Freut euch des Lebens!, Revue (1936 Berlin)

Außerdem hat Nick eine Reihe von Liedern komponiert
viele Grüße von musica

3

Dienstag, 29. März 2011, 09:22

Bühnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum

Ein wenig versteckt, im Hauptartikel nicht erwähnt findet man sie, die Sommernachtstraum-Musik von Edmund Nick

Zitat

Bühnenmusiken zu Schauspielen v. R. Billinger, B. Franck, P. Gurk, G. Hauptmann, G. Kaiser, F. Wedekind, L. Weismantel, Goethe, Nestroy, Shakespeare u.a.
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Nick, Edmund. Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 54620
(vgl. MGG Bd. 09, S. 1445) (c) Bärenreiter-Verlag 1986


Da erfährt man in Fred Priebergs Handbuch deutlich mehr. An seinem Lexikoneintrag werde ich mich des weiteren orientieren:

Nach Nicks Erinnerung hatte er zunächst den Auftrag vom Intendanten Walther Brügmann, sich an die Musik Purcells zu halten. Doch er fand im Gesamtwerk von Purcell keine Stücke, die mit Brügmanns Inszenierungsideen übereinstimmten. Im OT

Zitat

Ich studierte alle 26 Bände der Gesamtausgabe, konnte aber Purcells feine Musik mit den dramatisch bewegten Inszenierungsideen von Brügmann nicht übereinstimmen. Da gab ich den Auftrag zurück. Beim Studium der Mendelssohn-Musik, die ich früher vierzigmal en suite dirigiert hatte, und des "Elfenliedes"von Hugo Wolf, reizte es mich, dieses noch ein drittes mal zu komponieren. Als ich es Brügmann vorspielte, war er so begeistert, daß er mich bat, die ganze Musik zu komponieren. Das tat ich mit Freude, denn es gibt für keinen Komponisten eine beglückendere Aufgabe als diese.


Soweit Nick in einem Brief an Prieberg. Hier soll die Entstehung einer offensichtlich inzwischen als erklärungswürdig angesehen Komposition begründet werden. Aber da zeigen sich Haarrisse in der Argumentation, es sind einfach eins, zwei Argumente zuviel - und das macht misstrauisch.

Zum einen sollte im ganzen Purcell nichts Passendes gefunden werden können. Das bezweifele ich, der ich nicht die 26 Bände der Gesamtausgabe durchstöbert habe. Purcell hat nicht nur Feines, er hat auch Derbes (und nicht zu knapp) und Festliches geschrieben. Wir werden noch sehen, wo der Musikgeschmack des Intendanten hingeführt hat. Ich nehme mal nur vorab zur Kenntnis, dass es auch nicht unbedingt in Richtung "dramatisch bewegt" ging, da hätte er sich Orff verpflichten sollen, nicht Nick.

Nun die zweite Stufe des Ablaufs wendet seltsamerweise den Blick zurück. Zunächst einmal studiert er (wieder) Mendelssohns Musik, die er doch vierzigmal in Folge dirigiert hat ... früher. Im Moment gibt es ja wenig Gelegenheit diese Musik zu dirigieren. Dieses "vierzigmal" kann eine Vertrautheit signalisieren, aber auch eine Abnutzung. Nach vierzigmal braucht es eine Abwechselung. Einfallstor wird ausgerechnet Hugo Wolf, der das "Elfenlied" ja nicht gerade als Bühnenmusik komponiert hat. Es stammt auch nicht aus dem Sommernachtstraum, sondern ist ein Gedicht von Mörike - was meint Nick nun mit dem dritten Mal? Er wollte doch eigentlich Wolf als Zeugen, dass man ein Stück aus ehrbaren Gründen neu komponieren könne, schiebt aber Prieberg da einen Wechselbalg unter.

Stufe drei: Brügmann ist begeistert, nun soll er das Ganze komponieren ... einen neuen Mörike-Zyklus? O nein, jetzt geht es seltsamerweise wieder um die Sommernachtstraum-Musik. Und nun kommt das nächste Enigma: Für einen Komponisten gibt es keine beglückendere Aufgabe als diese ... als welche?

Mein Schluss aus dem ganzen ist, dass in der Argumentation ein gut Stück schlechtes Gewissen steckt. Aber eben darin unterscheidet er sich wohltuend von Weismann. Es wird wohl ein Teil Herausforderung für einen Komponisten gewesen sein, der ja vor allem für die Bühne schrieb und eine ganze Anzahl von Bühnenmusiken vorzuweisen hat. Es wird auch ein wenig Schielen nach der Speckseite gewesen sein, denn Mendelssohns Musik zu ersetzen, garantierte ja auch ein gutes Einkommen aus den Tantiemen. Es war - die Begründung folgt noch - kein öffentlicher Auftrag, ein Gelingen hätte im Sinne der sich noch formierenden NS-Kulturpolitik gestanden.

Wie wurde nun die Musik von den Kritikern aufgenommen? Dazu im nächsten Beitrag

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

4

Sonntag, 3. April 2011, 12:24

Bühnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum

Uraufgeführt wurde die Bühnenmusik im Theater des Volkes, Berlin, am 15.9.1934. Der Bericht von Robert Oboussier in der DAZ vom17.9.1934 bleibt in der Bewertung neutral. Er stellt die Musik in die Tradition von Richard Strauss und Max Reger im Sinne einer "auf sinnlichen Klangreiz gestellten Instrumentation."

Deutlicher wird Karl Heinz Ruppel im Hamburger Fremdenblatt vom 19.9.1934

Zitat

Hier bleibt er als Illustrationsmusiker im Rahmen eines dekorativen, Straußisch klingenden Orchestersatzes, der zuweilen hübsche instrumentale Wirkungen herzeigt. Die kongeniale Inspiriertheit der von Goethe so hochgeschätzten 'Sommertraum'-Musik des jungen Mendelssohn vermag Nick nicht zu ersetzen.


Man sieht, die Idee eines Mendelssohn-Ersatzes ist in den Köpfen, hier deutlich negativ besetzt. Die Überraschung ist die Rezension von Fritz Stege, die in dem Völkischen Beobachter erschien:

Zitat

man kann beim besten Willen nicht vermeiden, den sich aufdrängenden Vergleich mit der Mendelssohnschen Originalmusik zu unterdrücken. Man mag gegen Mendelssohn auch berechtigte Bedenken vorzubringen haben, so läßt es sich nicht leugnen, daß Mendelssohn den Zauber des Waldes in einer Weise eingefangen hat, die im Stimmungsgehalt einmalig bleibt. Von Mendelssohn hätte Nick lernen können, wie man dem Wesen der dramatischen Vorlage gerecht zu werden vermag, ohne sich auf die Abwege musikalischer Geistreicheleien oder trivialer Salonmusik zu begeben. Ich möchte es dahingestellt lassen, wen von beiden der Vorwurf der Sentimentalität mit größerer Berechtigung trifft. Wobei außerdem noch festzustellen ist, daß Mendelssohns sogenannte 'Sentimentalität' gar nicht in seinem Wesen, sondern nur in der Fälschung des Aufführungsstils nachzuweisen ist. Nein: zum Sommernachtstraum gehört nun einmal Mendelssohns Musik. Es gereicht keinem Bearbeiter zur Ehre, dieses künstlerische Meisterwerk anzutasten.


Diese Ehrenerklärung in dem "Völkischen Beobachter" in der Entschiedenheit ist außerordentlich, sowohl dass sie geschrieben wurde wie dass die gedruckt wurde. Wenige Zeit später wäre das letztere wohl nicht mehr möglich gewesen. Das Urteil über Nick ist hart: triviale Salonmusik, (falsche) Sentimentalität.

Prieberg verzeichnet noch Aufführungen in Hamburg (5.12.1936) und in Baden-Baden (7.7.1938), durchgesetzt hat sich die Musik schon im NS-Staat nicht.

Liebe Grüße Peter
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Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

5

Sonntag, 3. April 2011, 13:07

Danach wechselte er zum Rundfunk, 1952-57 war er Leiter der Musikabteilung des NWDR Köln.
Als Hauptabteilungsleiter Musik war er für den gesamten Musikbereich des NWDR Köln von 1952 bis zur Gündung des selbständigen WDR 1956 - 1956 administratorisch verantwortlich. Er setzte zahlreiche Innovationen durch, von der Capella Coloniensis bis zum Elektronischen Studio unter Herbert Eimert.
Viel wird in der WDR Geschichte: Am Puls der Zeit. 50 Jahre WDR. Bd 1: Die Vorläufer 1924 - 1955. Köln 2006 zu ihm nicht geschrieben.
Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, muss es etwas von seiner Tochter, der Lyrikerin Dagmar Nick über ihn geben, im Wikipedia-Eintrag bzw. beim Googlen habe ich allerdings nicht gerfunden, außer dem Buch:

Zitat



Vielleicht ist in den Kommentaren noch etwas zu Nicks Geschichte zu finden.


lg vom eifelplatz, Chris.

6

Sonntag, 3. April 2011, 13:24


außer dem Buch:

Zitat



Vielleicht ist in den Kommentaren noch etwas zu Nicks Geschichte zu finden.


Liebe Chris,

interessanter wäre "kabarett 1933-1945", denn da war Nick tätig (bei Prieberg nicht erwähnt) - und da wird es ohne Antisemitismus nicht abgegangen sein. Da ich bislang nur einen Hinweis aus der Literatur (Operette im Dritten Reich) habe, gehe ich erst einmal davon aus, dass Edmund Nick die Musik lieferte, ohne mit dem Inhalt etwas zu tun zu haben.

Ansonsten ist Nick inzwischen aus dem MGG verschwunden, auch bei Volker Klotz, im Standardwerk für Operette, findet man keine Erwähnung von Nick. Sein unbestreitbares Verdienst scheint wohl eher im Bereich des Rundfunks zu liegen.

Liebe Grüße Peter
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Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

7

Sonntag, 3. April 2011, 14:14

interessanter wäre "kabarett 1933-1945", denn da war Nick tätig (bei Prieberg nicht erwähnt) - und da wird es ohne Antisemitismus nicht abgegangen sein.
Das ist mir schon klar, lieber Peter, aber dazu finde ich in meiner Literatur zur Rundfunkgeschichte leider nichts. Bis 1933 wird er sehr oft erwähnt, danach dann erst wieder ab 1952, als er zum NWDR Köln kam. Er scheint sich in den Kreisen von Erich Kästner bewegt zu haben, einige seiner Gedichte hat er auch vertont.

Es macht mich einerseits immer mißtrauisch, wenn in einer Biographie die Jahre 1933 - 1946 so schnöde weggelassen werden, als hätten sie nicht stattgefunden. Andererseits ist Nick von Hanns Hartmann angestellt worden, der in der Nazizeit unglaubliche Anstrengungen unternommen hat, seine jüdische Frau zu retten und dabei auch Hilfe von Freunden angewiesen war. In seinen Briefen taucht immer wieder die Bemerkung auf: Sie haben sich ja auch anständig verhalten... Deshalb würde es mich wundern, wenn er einen Nazi angestellt hätte. Es gab noch einen anderen Fall eines Mitarbeiters, der seine jüdische Frau gerettet hat, Wolfgang Ebert hat diese, seine Familiengeschichte in dem Buch Das Porzellan war so nervös beschrieben. Andererseits hat er aber doch so eine Figur wie Wilhelm Buschkötter als Dirigent angestellt.
Über die Rundfunkgeschichte scheint dieser Teil seine Biographie sicher nicht aufzuklären zu sein.

lg vom eifelplatz, Chris.

8

Sonntag, 3. April 2011, 14:53

Liebe chris,

ein wenig Licht wird auf die Entlassung Edmund Nicks 1933 als künstlerischen Leiter der Schlesischen Funkstunde Breslau durch Nicks Einspruch vom 22.9.1934 geworfen. Ob er sich bewusst war, dass entscheidendes Argument der (falsche) Vorwurf war, mit einer Jüdin verheiratet zu sein, geht aus dem Einspruch nicht hervor.

Nick protestiert zum ersten gegen eine Intrige von Dr. Hermann Matzke, der sein (unfähiger) Nachfolger war Im Zentrum des Einspruchs steht der Vorwurf des Mangels an Eignung. Dieser wird auf zwei Ebenen zurückgewiesen, zunächst auf der fachlichen:

Zitat

Ich glaube den Beweis meiner Eignung für meinen Posten in den neun Jahren meiner Rundfunktätigkeit erbracht zu haben. Meinem Nachfolger Dr. Hermann Matzke, der nach viereinhalb Monaten wieder abgesetzt werden mußte, ist dies für sich nicht gelungen. Ich führe dies nur an, weil mir bekannt ist, daß gerade von ihm die Herabsetzung aller meiner Leistungen ausgegangen ist, schon lange vor meinem Ausscheiden, wie auch während seiner Amtsführung. Mir sind künstlerische Mißerfolge fremd geblieben. Der gesamte Aufbau der Musikabteilung des Breslauer Senders sowie die Einrichtung des Zwischensenders Gleiwitz sind mein Werk.



Was Dr. Matzke angeht, wird man schnell im Prieberg fündig. Er verfasste u.a. den Offenen Brief der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Musikkritiker nebst Stadttheater Breslau und Schlesische Philharmonie an Goebbels (6.6.1993), in dem u.a. folgendes steht:

Zitat

Für ihre ebenso mutige wie tief einsichtige Stellungnahme zu dem wehleidigen Brief des Herrn Dr. Furtwängler über angebliche Unentbehrlichkeit jüdischer Dirigenten im deutschen Kunstleben gestatten wir uns, Ihnen vom Standpunkt des ausübenden Künstlers, des Kritikers und Musikwissenschaftlers unseren aufrichtigen Dank auszusprechen. Ihre klaren Worte werden in weitesten kreisen befreiend vom letzten Alpdruck des Liberalismus wirken.
(Prieberg 4489)

Im zweiten Teil des Einspruch versucht Nick nachzuweisen, dass seine nationale Gesinnung außer Zweifel stehe.

Liebe Grüße Peter
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Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

9

Montag, 4. April 2011, 14:07

Der Nachweis nationaler Gesinnung ist vielleicht phänotypisch interessant, sollte aber Nick nicht nachgetragen werden. Seine "Achillesferse" ist seine Ehe mit einer Halbjüdin, die auch im Umfeld von "Das kleine Hofkonzert" benutzt wird.

Zitat

In unserem Bühnenvertrieb erscheint ein musikalisches Lustspiel "Christine Holm" (10 Bilder aus der Welt Karl Spitzwegs), das die Autoren Paul Verhoeven und Toni Impekoven nach Fertigstellung Herrn Dr. Edmund Nick zur Vertonung übergeben hatten. Auch die kompositorische Arbeit an dem Werk ist jetzt fertiggestellt, und die Uraufführung an den 'Münchener Kammerspielen' steht bevor.
Nun ergibt sich, dass die N.S.-Kulturgemeinde Bedenken gegen das Werk äußert, die in der Person des Komponisten Dr. Edmund Nick liegen. Die N.S.-Kulturgemeinde wirft ihm sowohl seine langjährige Tätigkeit am Breslauer Rundfunk und die 1933 erfolgte Entlassung, als auch seine Ehe mit einer Nichtarierin vor


Diese Anfrage des Bühnenverlages Felix Bloch Erben an das Goebbels-Ministerium vom 13.9.1935 zeigt, dass die Denunziationen gegen Nick weiter gehen. Das Ministerium äußerte in diesem Fall keine Bedenken, das Stück konnte (erfolgreich) über die Bühne gehen. Auf eine weitere Anfrage der Personalstelle des Reichssenders Breslau, erteilt das RMVP Auskunft, dass Nick arisch, seine Frau Halbjüdin sei, gegen eine Tätigkeit Nicks keine Bedenken bestünden.

Nick wird in der Folgezeit eine Reihe von Kompositionen zur Aufführung bringen. Darunter ist auch seine Operette "Das Halsband der Königin" (1944)

Soweit zur Lücke im MGG - eigentlich erstaunlich.

Liebne Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

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Dienstag, 5. April 2011, 12:20

Und bitte nicht übersehen, daß Nick mit dem mißliebigen Kästner zusammengearbeitet hat - und zwar vor als auch nach der NS-Zeit.

Die Frage "Sommernachtstraum" sehe ich zunehmend ambivalent: Nicht jede "Sommernachtstraum"-Musik muß automatisch eine Anti-Mendelssohn-Bestrebung gewesen sein. Es können auch grundlegende ästhetische Überlegungungen zu einer Neukomposition führen. Gerade in Sachen Shakespeare ist im deutschen Sprachraum ab den 20er Jahren eine Neuorientierung zu spüren, was sich nicht zuletzt in einer Abkehr von Schlegel/Tieck äußert. Speerspitze gegen Schlegel/Tieck ist Hans Rothe mit seinen sprachmächtigen, Expressionismus und Barock verbindenden Übersetzungen (auf deren Problematik will ich hier nicht eingehen), zu denen Mendelssohns Musik nicht mehr paßt. Auch wenn Schlegel/Tieck gespielt wird, wirkt sich das neue Shakespeare-Bild auf die Aufführungen aus, die immer "unromantischer" werden und dadurch auch nach einer unromantischeren Musik als der Mendelssohns verlangen.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

11

Dienstag, 5. April 2011, 12:52


Gerade in Sachen Shakespeare ist im deutschen Sprachraum ab den 20er Jahren eine Neuorientierung zu spüren, was sich nicht zuletzt in einer Abkehr von Schlegel/Tieck äußert. Speerspitze gegen Schlegel/Tieck ist Hans Rothe mit seinen sprachmächtigen, Expressionismus und Barock verbindenden Übersetzungen (auf deren Problematik will ich hier nicht eingehen), zu denen Mendelssohns Musik nicht mehr paßt. Auch wenn Schlegel/Tieck gespielt wird, wirkt sich das neue Shakespeare-Bild auf die Aufführungen aus, die immer "unromantischer" werden und dadurch auch nach einer unromantischeren Musik als der Mendelssohns verlangen.
:wink:


Lieber Edwin,

da sind - so denke ich - eben Orff, Nick und Weismann drei sehr unterschiedliche Fälle. Dass zu Orffs Vorstellung des "Sommernachttraums" die Musik von Mendelssohn nicht mehr passte, darf wohl vorausgesetzt werden. Bei Nick handelte es sich um eine Musik zu einer bestimmten Inszenierung. Bei Weismann ging es aber darum, eine Musik für tradionelle Aufführungen zu schreiben,für Inszenierungen, die mit Mendelssohn bestens bedient waren, es ging um die ersatzlose Eliminierung der Musik Mendelssohns, eine Absicht, die Nick sicherlich nicht hatte.

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

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Dienstag, 5. April 2011, 15:23

Lieber Peter,
völlig klar, die Weismann-Musik war ja auch ein dezidierter Auftrag durch eine NSDAP-Organisation an einen "Zuverlässigen" (immerhin Professorenwürde durch den "Führer" höchstpersönlich an dessen Geburtstag verliehen), während Orffs erste Entwürfe schon lange vor der NS-Zeit entstanden und in eine völlig unterschiedliche Richtung zielen, nämlich in die einer Art "Sprechoper", in der die Musik keine geschlossenen Nummern bildet, sondern sozusagen Klangzeichen setzt. Trotz der negativen Kritik wäre ich an Nicks Musik sehr interessiert - ich habe gestern das "Kleine Hofkonzert" gehört, und war - als Operettenverächter - wieder überrascht vom Charme dieser Musik. Abgesehen davon sind auch Nicks Kästner-Chansons glänzend.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

AlexanderK

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13

Dienstag, 5. April 2011, 22:51

Einige von Nicks Kästner-Vertonungen habe ich in meiner Zeit als Theatermusiker am Klavier begleitet. Die feinfühlig komponierten Chansons am Klavier zu spielen war immer ein besonderes Vergnügen. Nick hat auch Rilke, Tucholsky und andere vertont.

Hier kann man in Nicks Chansons reinhören:

Herzlicher Gruß
AlexanderK

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