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1

Donnerstag, 19. Mai 2011, 20:01

Max Reger - schwere Kost oder einfach nur unverstanden?

Sofern mich nicht alles täuscht, haben wir noch keinen Thread zu Max Reger ;+)

Verdient hätte er es. Außerdem fände ich es schade, wenn die Beiträge von Peter und Bernd aus "Eben gehört" so mir nichts dir nichts im Nirwana verschwinden. Ich habe Eure Beiträge also noch einmal hierher kopiert. Ihr beschreibt ja in Euren Postings beide Euer zwiespältiges Verhältnis zu diesem Komponisten. Wahrscheinlich ist es so, dass es noch anderen Capricci so geht - und da stellt sich die Frage, warum dem so ist. Anregungen, Ideen?

Für die Moderation:

Caesar73



Ich versuche es immer mal mit Reger, diesmal



Max Reger: Konzert für Klavier und Orchester f-moll op. 114

Nicht zuletzt Dank Hamelin spannend, aber der große Durchbruch in Sachen Reger ist es noch nicht bei mir.

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

2

Donnerstag, 19. Mai 2011, 22:54

Zitat

Ich versuche es immer mal mit Reger


Ich auch. Allerdings konnte ich den Klavierkonzert-Brocken bislang nie richtig verdauen; was uns Reger mit diesem Schinken sagen wollte, hat sich mir noch nicht erschlossen (wobei ich nicht ausschließen mag, dass das an meinen Ohren und Gehirnwindungen liegt).

Zitat

...aber der große Durchbruch in Sachen Reger ist es noch nicht bei mir.


Peter, hast du dich mal etwas näher mit dem Klarinettenquintett beschäftigt? Das ist für mich richtig große Musik, die mich problemlos erreicht.

Beste Grüße

Bernd

3

Donnerstag, 19. Mai 2011, 23:44


Peter, hast du dich mal etwas näher mit dem Klarinettenquintett beschäftigt? Das ist für mich richtig große Musik, die mich problemlos erreicht.


Lieber Bernd,

das Klarinettenquintett



lege ich mir gerne ein, in kleiner Besetzung finde ich Reger auch bekömmlich (außer bei den Streichquartetten, da geht mir im zweiten Drittel zunehmend de Luft aus). Es gibt auch eine Anzahl von Orchesterwerken, die ich mag (die Mozart- und die Hillervariationen etwa). Aber vieles bleibt mir ziemlich zäh. Irgendwer meinte, dass Regers Zeit noch kommen werde. Diese Prophezeiung liegt inzwischen schon einige Zeit zurück, dass sie sich erfüllt, ist nicht zu sehen.Naja, ich gebe mich noch nicht auf ;+)

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

4

Freitag, 20. Mai 2011, 00:12

Zitat

Es gibt auch eine Anzahl von Orchesterwerken, die ich mag (die Mozart- und die Hillervariationen etwa).


Dito - beziehungsweise die Mozart-Variationen finde ich, obwohl sie mich rein emotional nicht bis ins Letzte treffen, schon verflixt grossartig.

Zitat

Aber vieles bleibt mir ziemlich zäh.


Nochmals dito! Meiner ganzen Konstitution nach sollten mir Regers "nachbrahmsische Schwülstigkeiten" (zitiert nach Aron Copland) eigentlich insgesamt sehr entgegenkommen. Im Falle seltener Einzelwerke verhält sich das auch so. Aber über breite Strecken bleibt mir Reger ein Buch mit sieben Siegeln.

Beste Grüße

Bernd

Caesar73

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5

Freitag, 20. Mai 2011, 07:03

Ich versuche es immer mal mit Reger, diesmal


Eine weitere, relativ neue Aufnahme des Klavierkonzerts hat Michael Korstick vorgelegt:




Nicht zuletzt Dank Hamelin spannend, aber der große Durchbruch in Sachen Reger ist es noch nicht bei mir.


Wie sind Eure Erfahrungen mit diesem Komponisten?

Meine erste Begegnung mit Reger, war eine mit Kompositionen Regers für Orgel, Choralvorspiele für Orgel, wenn ich mich recht erinnere. Dann kamen irgendwann die unvermeidlichen Mozartvariationen, die ich vor Jahren einmal live mit den Bamberger Symphonikern in Bamberg hören durfte. Und da erlebte ich einen Reger, der alles andere als schwere Kost war; transparent und geradezu spielerisch leicht dargeboten. Ferner ist da noch der Reger, der phantastische Chormusik komponiert hat. Oder auch der Kammermusiker Reger. Reger macht es einem offenkundig nicht leicht. Warum ist das so?

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

Agravain

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6

Freitag, 20. Mai 2011, 07:48

Ferner ist da noch der Reger, der phantastische Chormusik komponiert hat.


So ist es. Ich habe oft Reger gesungen, sowohl in Chören als auch als Solist. Ich kann verstehen, dass manch einem die schon genannte "Schwülstigkeit", die viele seiner Kompositionen als Grundstimmung durchaus durchziehen mag (so vielleicht in: "Der geigende Eremit"), abgehen kann, mich indes spricht das durchaus an, weil ich sie nicht als aufgesetzt, sondern als durchaus authentisch erlebe.
Mein Favorit ist seine Vertonung des Hebbelschen Gedichtes "Requiem" (op. 144 b):



Aber auch sein Liedschaffen finde ich hörens- und singenswert und im Allgemeinen zu wenig in der Öffentlichkeit bekannt:



Die Werke für Chor gehören durchaus zu Repertoire vieler Chöre, und die Innerlichkeit seines Morgengesangs oder des korresopondierenden Abendlieds gehen mich auch heute noch - nach vielen, vielen Aufführungen - an:



:wink: Agravain
Was ein richtiger Musiker sein will, der muß auch eine Speisekarte komponieren können. (Richard Strauss)

7

Freitag, 20. Mai 2011, 08:16

Bei mir läuft nun - nachdem ich Hamelin/Volkov heute Morgen als erstes wieder aufgelegt habe - nun das Klavierkonzert in folgender Aufnahme



Insgesamt nimmt Gielen Reger langsamer (19:32 - 11:36 - 10:24 gegenüber 17:55 - 10:18 - 9:03), was der struktuellen Klarheit mE dient, denn je komplexer der Klang ist, umso mehr Zeit braucht man da durchzuhören. Im Booklet der Gielen-Einspielung finde ich folgende bemerkenswerte Darstellung von Alexander Berrsche, damals Musikkritiker der Müchneer Zeitung

Zitat

Es gibt Meisterwerke, die den ganzen Ausdrucksreichtum ihres Schöpfers zusammenfassen scheinen und uns in engem Raum durch alle Welten des Genius führen. Das Künstlerische dieser Werke wird durch das Persönliche gesteigert. Sie wirken wie ideale Selbstportraits. Aus der großen B-dur-Sonate und den Diabelli-Variationen spricht der ganze Beethoven, aus den Davidsbündlern der ganze Schumann. Und wie wir im Brahmsschen Doppelkonzert alle Quellen dieser edlen Musik strömen fühlen, so treffen in Max Regers Klavierkonzert alle die scheinbaren Gegensätze aufeinander, deren Gesamtheit das unvergleichbare Charakterbild dieses großen Meisters ausmacht: das Stürmische, Wilde, fast Niederschmetternde des Griffs, die intimste Zartheit des Ausdrucks und Mystik des Klanges und die bald derb fröhliche, bald anmutige Spielfreude.


Wenn man den Einfluss Brahms erwähnt, so ist der in diesem Konzert sicher vor allem durch das d-moll-Klavierkonzert gegeben, an das nicht nur der Anfang mit dem Paukenwirbel und dem an Brahms erinnernden Rhythmus. Wie bei Brahms ist das Werk für den Solisten dankbar, auch wenn der Part im musikalischen Geflecht eingebunden ist. Mir macht die eigene Stimme des Klaviers, die klanglich ja gut erkennbar ist, das Stück zugänglicher als das Violinkonzert. Nun, beim dritten Hören innerhalb kurzer Zeit, höre ich mich auch mehr in das Werk ein, eine größere Anzahl von Passagen hat sich eingeprägt, was die Orientierung erleichtert. Hamelin/Volkov haben da sicher den Weg bereitet, überzeugt bin ich jetzt allerdings (das mag auch an der unmittelbaren Erfahrung liegen) von de Groote/Gielen. Ich glaube, dass der Dirigent wichtiger für das Stück ist.

Liebe Grüße Peter
.
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(Karl Kraus)

8

Freitag, 20. Mai 2011, 08:39

Mit den anderen Gattungen habe ich mich noch viel zu wenig beschäftigt, aber mit Regers Orgelmusik anzufangen und ihn von dort her kennenzulernen, kann kein Fehler sein.
Überhaupt nicht spröde und mit einem gewissen Suchtpotential sind beispielsweise folgende Orgelwerke (ich belasse es erstmal bei drei Beispielen)

Introduktion und Passacaglia d-moll :juhu: :juhu: :juhu:
Choralphantasie "Wie schön leucht uns der Morgenstern" op. 40, 1
Choralphantasie "Wachet auf, ruft uns die Stimme" op. 52,2

idealerweise kann man das auf dieser leider recht teueren CD kennenlernen, aber auf youtube ist das auch alles dokumentiert.

"Das Problem mit Zitaten im Internet ist, dass es oft schwierig ist nachzuweisen, ob sie echt sind oder nicht" Abraham Lincoln

9

Freitag, 20. Mai 2011, 10:40

Hallo zusammen!

Bei Reger geht es mir ähnlich wie euch, wobei ich neben seinen Streichquartetten und dem Kalvierkonzert auch die Cello-Sonaten immer wieder auflege:



Die Musik ist sehr vielschichtig und es bleibt bei mir nachher immer das Gefühl, dass sie wenig Eindruck auf mich hinterlässt. Trotzdem kann ich eine stimmungsabhängige Faszination an seinen Werken nicht abstreiten...

Liebe Grüße

Pete

10

Freitag, 20. Mai 2011, 11:20

Vor allem sollte man bedenken, wie unglaublich modern Reger ist. Er mag zwar von Brahms kontrapunktischem Geschlinge ausgehen, doch er kombiniert es mit der avanciertesten Harmonik der Zeit. Reger besitzt ein untrügliches Ohr für Tonartenzusammenhänge, moduliert auf engstem Raum in die entlegensten Bereiche - und das so, daß die Grundtonarten immer noch spürbar bleiben. Was Schönberg ihm zu verdanken hat, ist immer noch nicht genug betont worden. Vor allem wäre eine Untersuchung von Schönbergs "Pelleas" interessant, der über weite Strecken wie Reger klänge, wäre Schönberg nicht ein besserer Instrumentierer.
Damit sind wir beim ersten der zwei Mankos von Reger: Seine Instrumentierung ist nicht sehr gut, nämlich viel zu dick. Der amerikanische Komponist und Musikkritiker Virgil Thomson sagte einmal: "Ein französischer Komponist ist mit seinem Werk fertig, wenn möglichst wenige Noten drinstehen, ein deutscher Komponist, wenn möglichst viele Noten drinstehen." Was zwar vereinfacht ist, bei Reger aber zutrifft. Zumal Reger nicht die intensiv instrumentierte Linie anstrebt wie etwa Mahler, sondern ein dichtes kontrapunktisches Gewebe, am Ende noch mit Stützakkorden. Im Extremfall hört man nur noch bewegte Fläche statt Motivik, man verliert sich hörend in einer vermeintlichen Orientierungslosigkeit, in der man erst in der Partitur lesend wieder Wegweiser findet.
Das zweite Manko hängt damit ein wenig zusammen: Reger ist kein sonderlich guter Melodiker. Es gelingen ihm weder prägnante Melodien noch plastische Themen - was auch damit zu tun hat, daß er die Kernsubstanz eines Themas oder einer Melodie viel zu früh kompliziert. Dadurch, daß seine Thematik und Melodik relativ, ich sag's überspitzt, amorph sind, treten sie im überbordenden Stimmgefüge nicht hervor und können kaum als akustische Landmarke dienen.
Ich habe den Verdacht, daß genau aus diesem Grund alle Werke Regers am besten funktionieren, in denen dieser Punkt aus dem einen oder anderen Grund umgangen wird, etwa in den Variationswerken und den Liedern. In den Variationswerken, weil die verwendeten Themen sich für das Vorhaben aufgrund ihrer Plastizität sehr gut eignen, in den Liedern, weil die Farbe der Singstimme ohnedies hervortritt und als roter Faden dient.
Dennoch gehört zu meinen absoluten Reger-Favoriten ein Werk ohne fremdes Thema und ohne Singstimme, nämlich die Böcklin-Suite, die ich in dieser von Hans Zender gut durchhörbar gemachten Aufführung empfehle:

Gut, seien wir ehrlich: Es gibt bessere Orchestermusik als den "geigenden Eremiten" des ersten Satzes, aber schon das "Spiel der Wellen", nicht impressionistisch sondern, entsprechend der malerischen Vorlage, romantisch, ist ein hinreißendes Orchesterscherzo mit verwegenen Harmonien, was sich in der "Toteninsel" noch beträchtlich steigert. Ich halte Regers "Toteninsel" der Rachmaninows für weit überlegen (obwohl ich Rachmaninow schätze), und ich mag sie auch lieber als Sibelius' "Schwan von Tuonela". Das abschließende "Bacchanal" ist ein bißchen laut, ich weiß, aber es zeigt, wie das ganze Werk, daß Reger auch mitunter geradezu brillant instrumentieren konnte. Außerdem sind wieder ziemlich durchgeknallte harmonische Wendungen drin, die das Ganze über den üblichen Tschinbumm-Schlußsatz, der es andernfalls wäre, hinausheben.
Außerdem empfehle ich jedem, der sich mit Reger anfreunden will, die Lieder, sowohl die oben genannte Einspielung der Orchesterlieder als auch die Klavierlieder, einen schönen Überblick bieten:
und
Die rechts stehende CD enthält übrigens die "Schlichten Weisen", die ein Lehrbeispiel dafür sind, wie aus einer scheinbar einfachen Melodie ein hockkomplexes Werk entsteht.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

11

Freitag, 20. Mai 2011, 11:34

Lieber Edwin,

vielen Dank für Deinen Beitrag, der entscheidende Punkte herausarbeitet, die mir bei Reger im Wege stehen. Nachdem ich mit dem Klavierkonzert im Rücken wohlgemut an das Violinkonzert ging, hatte ich dort wieder die alten Probleme. Die objektive Länge wird subjektiv nicht kürzer, warum, hast Du deutlich beschrieben. Ohne Partitur kann ich nur annehmen, bin aber sicher, dass Reger keine Note zuviel geschrieben hat, er hat das Werk bis zum letzten ausgewogen und disponiert - und bei seiner Kompositionskunst ist es genau diese Dimension, die das Stück braucht. Aber er versteht es nicht, diese Disposition - für mich - hörbar zu machen. Ich habe leider die Partitur nicht bei mir herumstehen, bin aber zuversichtlich, dass sich mir das Werk mit Partitur erschließt.

Was ich bewundere ist die Kunst, wie Reger das Soloinstrument im kontrapunktischen Gewebe zu profilieren versteht. Natürlich ist ein Violinkonzert vom Klang her schon lyrischer als ein Klavierkonzert, es entwickeln sich auch immer wieder schöne Passagen. Nur - leider - sie bleiben nicht haften.

Vielleicht beim zweiten oder dritten Mal?

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

12

Freitag, 20. Mai 2011, 11:38

Ich halte Regers "Toteninsel" der Rachmaninows für weit überlegen


Ich auch! Ich finde diesen Reger auch viel mehr auf den Punkt bringend, transparenter, farbiger und schillernder, als man es von anderen Regerwerken gewohnt ist. Bei diesem Vergleich verliert Rachmaninow m. E. gerade durch die Mankos (Schwulst, Dicke, Undurchsichtigkeit, usw.), die man normalerweise Reger zuschreibt.

Außerdem gebe ich dir Recht, dass Reger dick instrumentiert. Er muss immer alles verwenden, was da ist. Der Pianist im Klavierkonzert muss alles in Oktaven spielen, wenn ohne noch Finger frei wären. Das geht echt gar nicht... Er soll auch mal gesagt haben, dass er mehr mehr als 4 Hörnern nichts anfangen konnte (bzw. weitere einfach nicht "brauchte"). Klar, wenn er immer nur 4-stimmigen Satz schreibt. :hide:
Ein Melodiker war er wohl tatsächlich nicht, aber manche Werke beweisen das Gegenteil, wie das Klarinettenquintett, welches zurecht so häufig erwähnt wird. Auf jeden Fall eines meiner Lieblingswerke der Kammermusik!

Manchmal glaube ich, dass Reger aus Purismus bzw. Verherrlichung des Tonsatzes sich geweigert hat, mit anderen Parametern wie etwa Farbe davon "abzulenken". Das würde z. B. auch erklären, warum er, obwohl er es sicherlich gekonnt hätte, in seinen Orgelwerken überhaupt keine Angaben zur Registratur gemacht hat (man vergleiche etwa die Partituren von französischen Komponisten schon weit vor seiner Zeit, aber natürlich auch später insb. Messiaen, wo jede Farbe genau vorgegeben ist.).
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

13

Freitag, 20. Mai 2011, 11:57

Für mich ist die "amorphe" Melodik und Motivik das größte Problem. Das bestrifft die Kammermusik leider ebenfalls, wo man nicht mal mit Instrumentierung ablenken könnte.
Die Böcklin-Suite ist ebenfalls das Orchesterwerk, was mir am besten gefällt, auch die "Romantische Suite". Von den Chor- und Orgelwerken, die Teile seiner Musik, die heute wohl noch am stärksten gepflegt werden, kenne ich bisher nichts.
By nature a philosopher is not in genius and disposition half so different from a street porter, as a mastiff is from a greyhound.
Adam Smith

14

Freitag, 20. Mai 2011, 12:28

Was Schönberg ihm zu verdanken hat, ist immer noch nicht genug betont worden. Vor allem wäre eine Untersuchung von Schönbergs "Pelleas" interessant, der über weite Strecken wie Reger klänge, wäre Schönberg nicht ein besserer Instrumentierer.
Damit sind wir beim ersten der zwei Mankos von Reger: Seine Instrumentierung ist nicht sehr gut, nämlich viel zu dick.

merkwürdig, mir wurde mal gesagt, Schönberg instrumentiere zu dick, deshalb müsse er immer immer dazuschreiben, wer die Haupt- und Nebenstimme hat (sinngemäß: wer ordentlich instrumentieren kann, ist darauf nicht angewiesen).
Sicher hat Reger noch dicker instrumentiert als Schönberg, und ich gestehe dass ich damit auch massive Probleme habe. Wäre es nicht mal eine lohnende Übung z.B. für einen Kompositionsstudenten, einen von Regers Orchesterschinken umzuinstrumentieren, eine radikale Schlankheitskur zu verpassen? Gibt es solche Versuche vielleicht schon?

Grob gesagt ist mir Reger umso lieber, je kleiner die Besetzung (manchmal werde ich auch beim Klavierkonzert schwach. Aber das geht nur so einmal alle 10 Jahre...).
Zum Beispiel die Suiten für Viola solo in dieser schönen Aufnahme:



Tabea Zimmermann spielt Reger und Bach

:wink: Khampan
In den Sternenhimmel schaut man ja auch ganz gerne mal und versteht ihn auch nicht (Hudebux)

15

Freitag, 20. Mai 2011, 12:50

Wobei man die Toteninsel von Rach nicht so sehr unterschätzen sollte, wie ich finde. Sie hat auch ihre Meriten. In dem ständigen Wechsel der zwei- und dreizähligen Taktgruppen im 5er-Takt liegt ein zwar recht simpler, aber recht wirkungsvoller Kniff vor, Unruhe der See zu verdeutlichen, oder? In den Takten, in denen 2-3 gruppiert wird, findet er ein einfaches, sehr düsteres, beinahe majestätisches, aufsteigendes Motiv, das nach Sequenzierung und Spannungsteigerung durch diese "Spiegelung" des Metrums einen bedrohlichen Charakter erhält. Vielleicht ist das besseres Handwerk, keine Ahnung. Ich finde das jedenfalls - von der vielleicht wirklich etwas zu dicken Bratensosse - sehr wirkungsvoll.

Das Reger-Stück kenne ich leider nicht, deswegen bleibt es erst einmal bei diesem OT-Beitrag. ;+)
Euer Essen stinkt. (calisto)

16

Freitag, 20. Mai 2011, 13:24

Sicher hat Reger noch dicker instrumentiert als Schönberg, und ich gestehe dass ich damit auch massive Probleme habe. Wäre es nicht mal eine lohnende Übung z.B. für einen Kompositionsstudenten, einen von Regers Orchesterschinken umzuinstrumentieren, eine radikale Schlankheitskur zu verpassen? Gibt es solche Versuche vielleicht schon?


Zumindest von der Romantischen Suite op. 125 gibt es eine Transkription von ausgerechnet Schönberg für eine Aufführung im Privat-Verein (1920), also für ein Kammerensemble (ein paar Streicher & Bläser, Klavier und Harmonium).

Ich habe die Aufnahme mit Solisten der Ópera National de Lyon (1996 / 2003, Erato / Elatus):



Dann gibt es noch eine Aufnahme mit dem Linos-Ensemble (2001, Capriccio):



:wink:
Even that vulgar and tavern music, which makes one man merry, another mad, strikes in me a deep fit of devotion (Sir Thomas Browne)

17

Freitag, 20. Mai 2011, 14:38

Das Klavierkonzert gehört schon lange zu meinen absoluten Lieblingswerken.

Es gibt noch eine sehr gute Einspielungen von Oppitz, aber meine Lieblingseinspielung wird wohl für immer jene mit Rudolf Serkin sein, welche im Moment anscheinend leider nicht erhältlich ist.



Mit Serkin habe ich zum Glück auch noch einen Rundfunklivemitschnitt von 1954 aus München.
Dort spielt er noch vehementer, Serkin war ja ein großer Verfechter dieses Konzertes.

Sein Sohn Peter Serkin hat das Werk mittlerweile auch häufiger aufgweführt.

Ich hatte sogar mal einen Rundfunkmitschnitt mit Frida Kwast-Hodapp, der Widmungsträgerin, leider ist mir diese Aufnahme im Laufe der Jahrzehnte abhanden gekommen.

Sehr interessante Auskunft über Reger und natürlich auch über sein Klavierkonzert bietet diese Seite:

http://www.proreger.de/klavierkonzert.html
Es wurde ja der Pianist Steven de Groote erwähnt, dessen Aufnahme ich auch sehr schätze.
Er ist jung verstorben, wie es heißt, an den Folgen eines Flugzeugabsturzes.

Da ich mich für diesen Pianisten sehr interessiere, bin ich diesem mal nachgegangen und habe Kontakt zu einem ehemaligem Studenten von de Groote gefunden.

Und dieser erzählte mir dann die traurige Geschichte:

de Groote war auch Pilot und ist bei einer Landung abgestürzt.
Obwohl er schwer verletzt war, ist er wieder völlig genesen und konnte seine Konzerttätigkeit wieder aufnehmen.

Leider hatte er einen hohen Blutverlust, und eine der Blutkonserven war HIV-kontaminiert.
Furchtbar, da hatte er das fast unmögliche geschafft, und dann mußte er an Aids sterben.

Viele Grüße,
Michael
"Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte."
Pancho Villa (1878 - 1923)

18

Freitag, 20. Mai 2011, 14:38

Für mich ist die "amorphe" Melodik und Motivik das größte Problem. Das bestrifft die Kammermusik leider ebenfalls, wo man nicht mal mit Instrumentierung ablenken könnte.
Die Böcklin-Suite ist ebenfalls das Orchesterwerk, was mir am besten gefällt, auch die "Romantische Suite". Von den Chor- und Orgelwerken, die Teile seiner Musik, die heute wohl noch am stärksten gepflegt werden, kenne ich bisher nichts.


Die 'amorphe' Melodik hat Reger sicher auch so gesehen, allerdings scheint er da humorvoll-anarchischer herangegangen zu sein, als man das als Zuhörer gerne mal erträgt. Z.B. seine Streichquartette quellen ja förmlich über vor Dingen, die er noch hereinquetscht, eine Komplexität, die einen gerne mal überfordert. 'Einfacher' fallen als Einstieg seine späten Chorstücke op. 138, die ich in vielen verschiedenen Chören immer wieder sehr gerne gesungen habe - meine erste Begegnung war op. 138,1- mich hat die Musik damals sehr erreicht, mein Eindruck war, dass es den Zuhörern auch so ging. Ich habe mich dann an die vielen hier genannten Stücke gewagt, manches hat mich mehr erreicht (Klavierkonzert mit Gielen), manches weniger. Grundsätzlich sind die bei cpo gelisteten Scherchen-Aufnahmen durch die Bank weg sehr gut- ich kann sie nur empfehlen, auch wenn sie klanglich nicht immer perfekt sind.



Eine dicke Empfehlung möchte ich auch für die frühen Klavierstücke aussprechen, da hat es in der Frühzeit von cpo eine Aufnahme mit David Levine gegeben, die bei mir wochenlang fast nicht aus dem CD-Player herausgekommen ist- scheinbar ist sie endgültig aus dem Programm geflogen. Die Sachen werden in der Gesamtaufnahme von Becker sicher auch sehr zuverlässig gespielt sein- ich kenne die Aufnahmen aber nicht, weil mich die alte Aufnahme einfach sehr angesprochen hat und anspricht. Da ich die Scheibe nicht neben mit liegen habe, kann ich nicht sagen, welche Stücke mir am besten gefallen haben, aber ich meine, es waren Humoresken op. 20, Fantasiestücke op. 26, Improvisationen op. 18. Eins ist als kleine Würdigung auf Brahms zum Eintreffen seiner Todesnachricht geschrieben worden- ich finde diese Stelle in der Interpretation von Levine sehr schlicht und sehr ergreifend: das Thema des langsamen Satzes der 4. Symphonie ist es, meine ich, das aus der Musik heraustritt.



Gruß Benno

19

Freitag, 20. Mai 2011, 14:47

Ergänzen möchte ich noch, daß Regers Klarinettenquintett für mich zu den größten Kammermusikwerken gehört.

Ich habe es oft gespielt, und ich kann wirklich nichts damit anfangen, wenn behauptet wird, Reger hätte keine Melodien schreiben können.

Auch seine drei Cellosolosuiten sind absolute Meisterwerke.
Die zweite hat jahrelang zu meinem Grundrepertoire gehört, großartige, mitreißende Musik mit Humor, Melancholie und Virtuosität.

Seine Orchesterwerke habe ich zum größten Teil auch gespielt, einiges davon unter W.D. Hauschild, der ein großer Reger- Dirigent ist.

Ich finde das nicht zu dick orchestriert.
Und die vielen Oktaven im Klavierkonzert finde ich klasse.

Aber das können andere hier ja besser.
:stumm:
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Lionel

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20

Freitag, 20. Mai 2011, 15:13

Max Regers Musik ist für mich größtenteils noch ziemlich unbekannt und die Werke seiner Zeitgenossen (Mahler, Strauss) sind mir da zugänglicher. Die Gründe, weshalb mir der Zugang zu Regers Musik bislang nicht so leicht fiel, wurden hier bereits genannt ("amorphe Melodik", "dichtes kontrapunktisches Gewebe").

Allerdings die wenigen Werken, die ich von ihm kenne (Romantische Suite und Mozart-Variationen) gefallen mir aber durchaus und haben schon einen gewissen Reiz. Eine "zu dicke" Instrumentierung kann ich zumindest bei diesen Werken nicht feststellen.

Vor kurzem sah ich bei meinem "Stamm-CD-Händler" zufällig diese Box, die alle wichtigen Orchesterwerke inklusive der Konzerte für Violine und Klavier beinhaltet:



Die Aufnahmen entstanden zwischen 1963 - 1984. Mag sein, dass es bei dem ein oder anderen Werk vielleicht bessere Aufnahmen gibt aber für das erste Kennenlernen ist diese Box nicht das schlechteste, zumal ich sie für ein "Appel und ein Ei" erworben habe.

Lionel

21

Freitag, 20. Mai 2011, 15:21

Hallo Lionel,

Zitat

Mag sein, dass es bei dem ein oder anderen Werk vielleicht bessere Aufnahmen gibt

das dürften mit die besten Aufnahmen sein, wenn ich mir die Liste der Dirigenten anschaue.

Einen Einwand habe ich, und zwar betrifft dies die in dieser Box enthaltene Aufnahme des Klavierkonzertes mit Amadeus Webersinke.
Diese Aufnahme ist meine absolute "Haß" -Aufnahme dieses Konzertes seit 30 Jahren.

Webersinke spielt das Konzert in Zeitlupe, dadurch fällt das ganze Werk, welches m.E. einen sehr straffen Zugriff erfordert, völlig in sich zusammen.
Bitte, höre Dir diese Aufnahme nicht als erstes Kennenlernen dieses Werkes an.......... ;(

:wink:
Michael
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Lionel

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22

Freitag, 20. Mai 2011, 15:35


Einen Einwand habe ich, und zwar betrifft dies die in dieser Box enthaltene Aufnahme des Klavierkonzertes mit Amadeus Webersinke.
Diese Aufnahme ist meine absolute "Haß" -Aufnahme dieses Konzertes seit 30 Jahren.

Webersinke spielt das Konzert in Zeitlupe, dadurch fällt das ganze Werk, welches m.E. einen sehr straffen Zugriff erfordert, völlig in sich zusammen.
Bitte, höre Dir diese Aufnahme nicht als erstes Kennenlernen dieses Werkes an.......... ;(
Hallo Michael,

danke für den Hinweis. Dann werde ich zumindest diese Aufnahme des Klavierkonzerts mal zurückstellen und in die hier vorgestellten Aufnahmen von Hamelin und Gielen reinhören.

Gruß
Lionel

Zwielicht

La saison nouvelle

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23

Freitag, 20. Mai 2011, 15:44

Das Klavierkonzert gehört schon lange zu meinen absoluten Lieblingswerken.

Es gibt noch eine sehr gute Einspielungen von Oppitz, aber meine Lieblingseinspielung wird wohl für immer jene mit Rudolf Serkin sein, welche im Moment anscheinend leider nicht erhältlich ist.

[...]

Mit Serkin habe ich zum Glück auch noch einen Rundfunklivemitschnitt von 1954 aus München.
Dort spielt er noch vehementer, Serkin war ja ein großer Verfechter dieses Konzertes.

Sein Sohn Peter Serkin hat das Werk mittlerweile auch häufiger aufgweführt.


Vor gut drei Jahren habe ich in Bamberg eine Aufführung mit Peter Serkin und Herbert Blomstedt erlebt - das war mein Durchbruch in Sachen Regers Klavierkonzert. Vorher hatte ich es nur in der von Dir erwähnten, grauenvollen Webersinke-Aufnahme gekannt, nach dem Konzert mit Serkin habe ich mir dann die schöne Oppitz-Einspielung gekauft und höre sie öfter. Den zweiten Satz mag ich am liebsten, aber auch den Kopfsatz finde ich faszinierend (das Ende der Durchführung!). Ein paar andere Reger-Werke, die schon genannt wurden, höre ich auch gern. Mein Vorsatz, noch mehr von Reger kennenzulernen, wird aber leider nur allzu selten in die Tat umgesetzt.

Peter Serkin hat damals ein interessantes Interview gegeben, in dem er sich zu Regers Klavierkonzert äußert. Es ist hier nachzulesen:

"http://www.bamberger-symphoniker.de/115.html?&tx_ttnews[tt_news]=159&cHash=f6463231dc0b0f204435ed66616da3e0"


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

24

Freitag, 20. Mai 2011, 15:56

meine Lieblingseinspielung wird wohl für immer jene mit Rudolf Serkin sein, welche im Moment anscheinend leider nicht erhältlich ist.


Doch, ist sie! Im Rahmen dieser Box:



Adieu,
Algabal
»Dieser Austausch, den wir hier betreiben, ist nichts anderes als ein soziales Spiel.« (Knulp)

25

Freitag, 20. Mai 2011, 15:58

Na wunderbar, ich habe eben auch noch ein wenig geforscht, aber diese Box habe ich übersehen.

:wink:
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26

Freitag, 20. Mai 2011, 16:51

Also ich habe mir diese CD:









nach einem live genossenen Konzert von Pieter Wispelwey bestellt, da ich die Stücke sehr, sehr schön fand und gerade nicht schwer eingängig. Ich kannte Max Reger vorher nicht und war auf Anhieb von der Rhythm ik und den sich langsam herausschälenden Melodien begeistert. Doch ich muss gestehe, dass ich abseits der Violoncello-Literatur noch keine anderen Stücke (für andere Instrumente) von ihm gehört habe.



LG Lotte

philmus

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27

Freitag, 20. Mai 2011, 19:42

Das Violinkonzert fand ich mal großartig, und Teile aus der Böckhlin-Suite.
Die Variationen finde ich theoretisch toll, aber im praktischen Hören doch sehr dickflüssig...
Da finde ich die "Mozartiana"von Tschaikowski ehrlicher :hide:

Harmonisch echt raffiniert, der Reger, aber Melodien eher nicht so - ihr habts gut beschrieben und mir trotzdem mal wieder Lust gemacht...
Na ja, der "geigende Eremit" hat eh nen Stammplatz in meiner Lieblings-Kitsch-Ecke...
Und den würde ich gegen jeden Einwand verteidigen, das ist wunderbare Musik.

Gruss
herr Maria
.................................................................................................

Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
daß Alles für Freuden erwacht

Im Übrigen bin ich der Meinung, daß die Sommerzeit abgeschafft gehört.

28

Freitag, 20. Mai 2011, 20:23

Zitat

Na ja, der "geigende Eremit" hat eh nen Stammplatz in meiner Lieblings-Kitsch-Ecke...
Und den würde ich gegen jeden Einwand verteidigen, das ist wunderbare Musik.


Das sehe ich ganz genauso - für mich ist das der mit Abstand stärkste Satz in der Böcklin-Suite. Denn hier ist sie endlich da, die überzeugungskräftige Melodik. Die Klangmalereien der übrigen Sätze brauche ich dagegen nicht wirklich zu meinem Glück.

Insofern teile ich Coplands Verdikt "nachbrahmsiche Schwülstigkeiten" überhaupt nicht. Reger finde ich gerade dann spannend, wenn er besonders nahe an die Grenze zum Schwulst gelangt.

Beste Grüße

Bernd

29

Samstag, 21. Mai 2011, 04:32

Zitat

Denn hier ist sie endlich da, die überzeugungskräftige Melodik.

Ich verstehe das nicht.
Für mich ist eine überzeugungskräftige Melodik bereits in den ersten Takten des Klavierkonzertes vorhanden.
Vom zweiten Satz des Konzertes spreche ich schon gar nicht mehr, denn der gehört für mich zum tiefsinnigsten, was jemals komponiert wurde.

Und der dritte Sazt?

Entschuldigung, aber für mich ist die Melodik in Ihrer Burschikosheit und in Ihrem Erfindungsreichtum gleich vom ersten Takt des Soloklaviers da. Man muß es m.E. nur richtig spielen.

Ich kann mich da jedenfalls richtiggehend reinwerfen.

Im Prinzip geht es mir hier ähnlich wie bei dem monströsen Klavierkonzert von Pfitzner.

Aber im Gegensatz zu Reger kann ich dieses Konzert von Pfitzner nur in der Aufnahme mit Walter Gieseking ertragen, nur dann ist das für mich große Musik.

Pfitzners Klavierkonzert hat m.E. erheblich darunter zu leiden, daß es außer Giesekings 1943er Hamburg- Live-Aufnahme eigentlich keine Aufnahme gibt, welche die Wildheit dieser Musik richtig wiedergibt.

Bei Reger haben wir Alternativen, zum Glück.

Wobei für mich fast nichts an der Einspielung von Serkin unter Ormandy vorbeigeht.
Aber es gibt zum Glück gute Alternativen, alleine die Oppitz Einspielung ist wirklich klasse!

Ich muß gestehen, daß ich um Hamelins Einspielung, so sehr ich diesen Titan bewundere, bisher einen Bogen gemacht habe.

Warum?
Ich habe Sorge, mich überrumpeln zu lassen von einem Pianisten, der übermenschlich spielt.
Und das tut Hamelin, er ist unsagbar gut.

Ich aber möchte die Wildheit von Serkin, der voller Wut gegen dieses Monstrum ankämpft.

Ich bin mir sicher, daß das bei Hamelin ein Spaziergang wird, ein sehr schneller und natürlich überirdisch schneller, aber ich bin mir auch sicher, das es halt ein Spaziergang bleibt.

Genauso wie beim Marx- Konzert, wo er ganz leicht alle Geschwindigkeitsrekorde brechen konnte, aber trotzdem nicht an die Tiefe eines Jorge Bolet herranreicht.
Obwohl er der bei weitem technisch bessere Pianist ist.

Oder wie bei den Kapustin-Werken, auch hier ist er übermenschlich toll....ich darf eigentlich nicht mäkeln, denn er ist ein Supervirtuose.
Und dann höre ich Kapustin selber als Interpret seiner Werke.
Langsamer, aber für mich einfach eindrucksvoller und auch genauer....... :stumm:

Ich bleibe jedenfalls bei Serkin und kann nur allen interessierten des Klavierkonzertes raten, sich als Einstieg die Serkin/Ormandy Aufnahme zu besorgen.

:wink:

Michael
"Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte."
Pancho Villa (1878 - 1923)

30

Samstag, 21. Mai 2011, 07:43

Serkin und Reger - da war doch noch was...

Wer zu Reger kommen möchte, die Entwicklung hypertropher Harmonik live miterleben und dazu einen Schlüssel braucht, findet den in Bach.
Hier, in Opus 81, ist der ganze Reger drin, trotzdem nicht verstörend, wie manche Kammermusik, und immer mit Verbeugung in Richtung des Altmeisters.

Zwei Aufnahmen kenne ich mit Serkin, die spätere, abgeklärtere bei CBS gibt's wohl nur noch als Rarität. Dafür ist die BBC-Einspielung vollständig bei Youtube abgelegt.
Beide sind live.





http://www.youtube.com/watch?v=dqoOWQsPCY8
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

31

Samstag, 21. Mai 2011, 08:57

Zitat

Ich verstehe das nicht.
Für mich ist eine überzeugungskräftige Melodik bereits in den ersten Takten des Klavierkonzertes vorhanden.
Vom zweiten Satz des Konzertes spreche ich schon gar nicht mehr, denn der gehört für mich zum tiefsinnigsten, was jemals komponiert wurde.

Und der dritte Sazt?

Entschuldigung, aber für mich ist die Melodik in Ihrer Burschikosheit und in Ihrem Erfindungsreichtum gleich vom ersten Takt des Soloklaviers da. Man muß es m.E. nur richtig spielen.


Schon gut, Michael - ich höre mir Regers Konzert (von dem ich übrigens die Serkin-Einspielung auf LP besitze) noch mal gründlich und in aller Ruhe an! Vermutlich habe ich das Stück bislang einfach nicht kapiert.

Zitat

Pfitzners Klavierkonzert hat m.E. erheblich darunter zu leiden, daß es außer Giesekings 1943er Hamburg- Live-Aufnahme eigentlich keine Aufnahme gibt, welche die Wildheit dieser Musik richtig wiedergibt.


Mit der Banfield-Interpretation kann ich schon einigermaßen leben. Klar, Gieseking machte es besser, aber man ist ja froh um jeden Pianisten, der diese Musik heutzutage noch aufführt/einspielt...

Viele Grüße

Bernd

Caesar73

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32

Samstag, 21. Mai 2011, 11:56

Hier, in Opus 81, ist der ganze Reger drin, trotzdem nicht verstörend, wie manche Kammermusik, und immer mit Verbeugung in Richtung des Altmeisters.


Eine neuere Alternative dazu wäre die Aufnahme von Andras Schiff, gekoppelt sind die Bachvariationen hier mit Brahms, den Händelvariationen:



Gibt es anscheinend derzeit nur noch in dieser Box für 24 Euro mit anderen Aufnahmen Schiffs. Scheint mir ein gutes Schnäppchen zu sein ;+)

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

33

Samstag, 21. Mai 2011, 16:59


Eine neuere Alternative dazu wäre die Aufnahme von Andras Schiff, gekoppelt sind die Bachvariationen hier mit Brahms, den Händelvariationen:


Jorge Bolet hat die Händelvariationen mit Regers Telemannvariationen kombiniert, bislang meine Aufnahme von Reger, bei der ich nicht immer matter werde...

Trotzdem bin ich in Versuchung, es mit diesem Klaviermusik-Würfel (exklusiv bei unserem Werbepartner) noch einmal zu versuchen:



Gerhard Oppitz' Aufnahme des Klavierkonzertes habe ich mal gehört und fand ihn dabei hervorragend und wesentlich besser als zum Beispiel mit seinem - für mich allzu staubtrockenen - Brahms. Ansonsten habe ich in Konzerten einen etwas besseren Zugang zu "Rex Mager" gefunden, z.B. mit den Klarinetten- (bzw. Viola-)Sonaten. Aber bei diesem kolossalen Orgelschinken über B-A-C-H habe ich buchstäblich nichts verstanden außer Lärm (und mir mit dem Bekenntnis den Zorn der versammelten Organistenschar zugezogen).

Viele Grüße,

Christian

philmus

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34

Sonntag, 22. Mai 2011, 12:36

Zitat

Na ja, der "geigende Eremit" hat eh nen Stammplatz in meiner Lieblings-Kitsch-Ecke...
Und den würde ich gegen jeden Einwand verteidigen, das ist wunderbare Musik.
Das sehe ich ganz genauso - für mich ist das der mit Abstand stärkste Satz in der Böcklin-Suite. Denn hier ist sie endlich da, die überzeugungskräftige Melodik. Die Klangmalereien der übrigen Sätze brauche ich dagegen nicht wirklich zu meinem Glück.
So gehts mir leider auch.

Zitat

Reger finde ich gerade dann spannend, wenn er besonders nahe an die Grenze zum Schwulst gelangt.
Ja, finde ich auch. Als würde die Befreiung vom ewigen Kontrapunktieren eine ihm durchaus auch mögliche Qualität hörbar machen...

Gruss
Herr Maria

PS das Violinkonzert, daß ich in meiner Erinnerung Reger zugeordnet hatte, war das von Pfitzner... peinlich, peinlich
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daß Alles für Freuden erwacht

Im Übrigen bin ich der Meinung, daß die Sommerzeit abgeschafft gehört.

35

Montag, 23. Mai 2011, 12:36

Der "Geigende Eremit" ist leider keine Melodie sondern eine melodische Platitüde, die mit ein paar harmonischen Feinheiten aufgewertet wird. Insoferne würde ich hier lieber nicht von "großer Melodie" sprechen.
Die Diskussion dreht sich vor allem um das Klavierkonzert, das ich mir aus diesem Grund nochmals angehört habe (Hamelin und Korstick). Tolle Melodik gleich zu Beginn? - Eher eine Art Melodie sein wollende Kontur, viel zu kompliziert, um wirklich ins Ohr zu gehen. Nach ein paar Takten beginnt die Misere: Die Musik mäandert, man weiß nicht recht, wohin sie strebt, mal wird's lauter, mal wird's leiser, ohne daß es einen Höhepunkt gäbe, und stets hat der Satz die gleiche Dichte. Vorsicht - bitte keine falschen Schlüsse ziehen: Ich finde Reger durchaus interessant. Ich konstatiere lediglich Gründe, weshalb er relativ wenige Menschen anspricht. Außerdem sind seine Werke zu lang. Das sage ich als Mahler-Apologet. Also schauen wir, warum bei Mahler die Länge weniger ins Gewicht fällt. Ganz einfach: Weil Mahler erstens ein glänzender Thematiker und Melodiker ist, der den Hörer durch die Sätze gleichsam durchführt. Aber nicht nur das: Mahler baut klare Abschnitte, allein schon, weil er Farbe und Dichte des Satzes wechselt. Bei Mahler tut sich 'was, und zwar ziemlich viel Unterschiedliches. Bei Reger hingegen tut sich aus 'was - aber immer das Gleiche: Chromatisch durchgearbeiteter Kontrapunkt, zumeist vierstimmig, angereichert mit Füll- und Nebenstimmen, Klangfarbe ziemlich gleichbleibend.
Soll heißen: Reger macht es dem Zuhörer schwer, bei der Stange zu bleiben.
Wiederum: Ich konstatiere das nur ganz ohne Wertung, es spricht weder gegen Reger noch gegen den Zuhörer.
Vergleicht man sein Klavierkonzert mit anderen Klavierkonzert-Monstern, tut man ihm keinen Gefallen, ihm Pfitzner gegenüberzustellen. Pfitzners Konzert ist klarer strukturiert und thematisch wesentlich prägnanter, wohl auch abwechslungsreicher. Ich würde ihn eher mit den Franz-Schmidt-Konzerten vergleichen, die ebenfalls sehr interessante Werke sind, aber den Zuhörer vor ähnliche Probleme stellen wie das Reger-Konzert.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

36

Montag, 23. Mai 2011, 13:57

Hallo Edwin,
es ist mir ja sehr peinlich, aber mir geht das Klavierkonzert seit Jahrzehnten nicht aus dem Kopf heraus. Und damit meine ich natürlich auch seine Melodik.
Diese ist zwar sehr zerklüftet, aber für mich immer nachvollziebar, ich liebe dieses mäandern.

Warum bei Mahler die Länge nicht in's Gewicht fällt, erschließt sich mir nicht.....Leider bin ich überhaupt kein Mahler-Fan, mir sind die Sinfonien schlicht zu langatmig.
Pfitzners Konzert ist thematisch prägnanter?
Sorry, ich mag das Pfitzner- Konzert sehr, aber trotzdem würde ich prägnanter mit billiger ersetzen.

Nichts für ungut.
"Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte."
Pancho Villa (1878 - 1923)

37

Montag, 23. Mai 2011, 14:21

Ohne durch Regers Konzert so recht durchgestiegen zu sein, finde ich den Anfang jedenfalls eindrücklich und prägnant.

Pfitzners Klavier-Konzert wird anscheinend noch stiefmütterlicher behandelt: Wolf Hardens Aufnahme bei Marco Polo ist nur noch teuer gebraucht zu haben und die Banfields nur in einer größeren Cpo-Box... prinzipiell interessieren würde es mich auch, wenngleich es mir mit Pfitzner bislang ähnlich schwierig geht wie mit Reger... :hide:
By nature a philosopher is not in genius and disposition half so different from a street porter, as a mastiff is from a greyhound.
Adam Smith

38

Montag, 23. Mai 2011, 14:28

Beim Pfitzner Konzert kann ich nur immer wieder empfehlen, sich auf die Suche nach Giesekings Hamburger Live-Aufnahme von 1943 zu machen.
Das ist grandios gespielt, konkurrenzlos.
Übrigens ist das eine historische Tonbandaufnahme, zwar Mono, aber mit für die damalige Zeit toller Klangqualität.
:wink:
"Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte."
Pancho Villa (1878 - 1923)

39

Montag, 23. Mai 2011, 14:38

Auch wenn ich im Regerschen Kosmos längst nicht alles verstehe und behalten kann, bin ich doch ein großer Liebhaber seiner Musik. Gerade dieses etwas kompakte Klangbild samt den harmonischen und chromatischen Wendungen auf engstem Raum liebe ich sehr. Zum Reinkommen sind sicherlich die kürzeren Charakterstücke geeignet, die wie ich finde auch oft mit einer Prise Humor daherkommen, was man ja bei Reger nicht gerade auf den ersten Blick erwartet.
Ganz besonders liebe ich die Orgelmusik und dort am Meisten die Choralfantasien. Dort ist der Name Programm, denn die Choralmelodien werden mit meiner Meinung nach wirklich sehr viel Fantasie verarbeitet. Sehr empfehlenswert ist für mich immer noch die Naxos-Reihe, die mittlerweile bei Vol. 10 angekommen ist und so einen preiswerten und abwechslungsreichen Überblick bietet.

Ich hab übrigens zu Anfangszeiten des Forums mal einen bisher eher wenig beachteten Thread über ein Chorwerk Regers gestartet. Vielleicht kann dieser ja von der allgemeinen "Aufgeregertheit" hier zur Zeit davon profitieren. ;+)




Liebe Grüße,
Peter.
Kaum nimmt Guttenberg kein Haargel mehr, geht Schlecker pleite. Das kann kein Zufall sein!

40

Montag, 23. Mai 2011, 14:48

Sorry, ich mag das Pfitzner- Konzert sehr, aber trotzdem würde ich prägnanter mit billiger ersetzen.

Lieber Michael,
oha, da hast Du mich erwischt. Ja, Du hast recht, aber ich habe eine These, von der ich nicht lasse: Ein Thema (nicht eine Melodie) kann nicht billig genug sein, wenn es tragen soll. Das geht von ta-ta-ta-taaaaaaaaaaa über die Dreiklangzerlegungsorgien bei Wagner und Bruckner und die zwischen deutsch/österreichischem Volkslied und Klezmer-Musik schwankenden Mahler-Themen bis hin zu, na ja, eben Pfitzner und Konsorten. Meiner Meinung nach ist ein Thema einzig dazu da, sich im Ohr festzukrallen und dem Zuhörer bei jedem Erscheinen einen Tritt zu versetzen und zu sagen: "He, das bin wieder ich, ich hoffe, Du kennst mich noch!"
Reger, den ich für einen sehr guten Komponisten halte, hat diese thematische Prägnanz weniger - das Eingangsthema des Klavierkonzerts kann ich mir zwar merken, aber ich pfeife es, anders als das große Brahms-Thema am Anfang von Mahlers Dritter, nicht vor mich hin. Was mir hingegen am Klavierkonzert außerordentlich gut gefällt, ist bisher noch nicht angesprochen worden, nämlich sein sinfonischer Zuschnitt. In den meisten Klavierkonzerten spielt das Klavier entweder solistisch etwas thematisch Relevantes oder es figuriert die thematische Arbeit des Orchestersatzes. Bei Reger hingegen gibt es eine Durchdringung, und Klavier im Verein mit dem Orchester (oder auch im Gegeneinander) spielen thematisch Relevantes. Ich finde das sehr reizvoll - nur: pianistisch dankbar ist es nicht. Viel Fingerarbeit und wenig Schaustellungslohn - kein Wunder, daß nur wenige Pianisten das anzupacken wagen.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

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