Felix Weingartner (1863 – 1942) ist den meisten als berühmter Dirigent im Gedächtnis geblieben, er selbst sah sich aber ebenso - wenn nicht mehr - als Komponist.
Auch hat er sich als Instrumentator einen Namen gemacht. So gibt eine Reihe "Ratschläge für Aufführungen der klassischer Symphonien" in drei Bänden - Band 1 betrifft Beethoven, Band 2 Schubert und Schumann, Band 3 Mozart. Dort werden Änderungsvorschläge bzgl. der Instrumentation und dirigentischen Ausführung akribisch genau festgehalten. Im Vorwort zum zweiten Band liest sich: "Die Klage, daß Schumanns Symphonien in vielen Partien orchestral wirkungslos sind, ist allgemein und berechtigt. Darin ist der Grund zu suchen, daß sie namentlich seitens jüngerer Dirigenten, viel weniger aufgeführt werden, als sie es verdienen. Diese Werke enthalten so unendlich viel des Schönen, Ursprünglichen und Liebenswerten, daß man keine Mühe scheuen sollte, sie zur vollen Geltung zu bringen, indem man sie dem Zuhörer so übermittelt, wie sie von Schumann offenbar empfunden sind."
Diese Auffassung gilt heute als überholt - seine Änderungsvorschläge brauchen den "normalen" Klassikhörer auch nicht weiter zu interessieren, da meines Wissens sowieso keine Einspielung der Sinfonien in Weingartners Fassung erhältlich ist (hingegen eine von Mahlers Bearbeitung, die allerdings im Vergleich zu Weingartner weniger radikal ausfällt).
Wichtig erscheint mir das Bekenntnis zu Schumann, welches sich ebenso offenbart, wenn man einen Blick auf sein Werkverzeichnis wirft. Seine ersten Stücke für Klavier tragen die Titel:
Skizzen, Op. 1
Tonbilder zu Adalbert Stifters Studien, Op. 2
Aus vergangener Zeit, Op. 3
Lose Blätter, Op. 4
Phantasiebilder, Op. 5
Wer also einen virtuos-aufbrausenden Neutöner etwa in der Art eines zweitklassigen Mahler oder Strauss erwartet, hat weit gefehlt. Sein Dirigierstil wird als etwa im Vergleich zu Furtwängler distanzierter und weniger subjektiv beschrieben. Seine Kompositionen - zumindest die, die ich bisher gehört habe, passen zu diesem Bild. Die Tonsprache ist im Vergleich zu den genannten Zeitgenossen Mahler und Strauss intimer, die Schönheiten liegen unter der Oberfläche. Spürbar ist der Einfluss Schuberts, Schumanns und Brahms'. Die Werke sind formal interessant und etwas sperrig zugleich.
So beginnt etwa das dritte Streichquartett in F-Dur mit den Tönen F-E-C(Do)-D(RE)-A (der Name seiner damaligen Geliebten; auch eine Technik, die an Schumann gemahnt). Formal folgt dem Hauptsatz ein plötzlicher, heftiger Ausbruch in cis-Moll, welcher anschließend zunächst nach F-Dur zurückzuführen scheint und erst dann wiederum ziemlich plötzlich doch in ein zweites, in C-Dur beginnendes Thema mündet. Auch dieses verweilt nur kurz in der Dominanttonart, um sich schon nach wenigen Takten auf neue harmonische Irrwege zu begeben.
Ein höchst spannendes Werk, bei dem sich Wiederhören auszahlt.
Beim Label cpo sind in den letzten Jahren einige seiner Werke - etwa Sinfonien und Streichquartette - (zum Spottpreis) erschienen. Vielleicht werde ich in kommender Zeit noch über weitere seiner Werke etwas schreiben, hoffe aber, hiermit bereits Interesse geweckt zu haben. Möge der ein oder andere sich mit seinem Werk vertraut machen und uns seine Eindrücke nicht vorenthalten!
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)