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Sonntag, 13. November 2011, 16:20

Weingartner, Felix - legitimer Schumann-Nachfolger?

Felix Weingartner (1863 – 1942) ist den meisten als berühmter Dirigent im Gedächtnis geblieben, er selbst sah sich aber ebenso - wenn nicht mehr - als Komponist.

Auch hat er sich als Instrumentator einen Namen gemacht. So gibt eine Reihe "Ratschläge für Aufführungen der klassischer Symphonien" in drei Bänden - Band 1 betrifft Beethoven, Band 2 Schubert und Schumann, Band 3 Mozart. Dort werden Änderungsvorschläge bzgl. der Instrumentation und dirigentischen Ausführung akribisch genau festgehalten. Im Vorwort zum zweiten Band liest sich: "Die Klage, daß Schumanns Symphonien in vielen Partien orchestral wirkungslos sind, ist allgemein und berechtigt. Darin ist der Grund zu suchen, daß sie namentlich seitens jüngerer Dirigenten, viel weniger aufgeführt werden, als sie es verdienen. Diese Werke enthalten so unendlich viel des Schönen, Ursprünglichen und Liebenswerten, daß man keine Mühe scheuen sollte, sie zur vollen Geltung zu bringen, indem man sie dem Zuhörer so übermittelt, wie sie von Schumann offenbar empfunden sind."
Diese Auffassung gilt heute als überholt - seine Änderungsvorschläge brauchen den "normalen" Klassikhörer auch nicht weiter zu interessieren, da meines Wissens sowieso keine Einspielung der Sinfonien in Weingartners Fassung erhältlich ist (hingegen eine von Mahlers Bearbeitung, die allerdings im Vergleich zu Weingartner weniger radikal ausfällt).
Wichtig erscheint mir das Bekenntnis zu Schumann, welches sich ebenso offenbart, wenn man einen Blick auf sein Werkverzeichnis wirft. Seine ersten Stücke für Klavier tragen die Titel:

Skizzen, Op. 1
Tonbilder zu Adalbert Stifters Studien, Op. 2
Aus vergangener Zeit, Op. 3
Lose Blätter, Op. 4
Phantasiebilder, Op. 5

Wer also einen virtuos-aufbrausenden Neutöner etwa in der Art eines zweitklassigen Mahler oder Strauss erwartet, hat weit gefehlt. Sein Dirigierstil wird als etwa im Vergleich zu Furtwängler distanzierter und weniger subjektiv beschrieben. Seine Kompositionen - zumindest die, die ich bisher gehört habe, passen zu diesem Bild. Die Tonsprache ist im Vergleich zu den genannten Zeitgenossen Mahler und Strauss intimer, die Schönheiten liegen unter der Oberfläche. Spürbar ist der Einfluss Schuberts, Schumanns und Brahms'. Die Werke sind formal interessant und etwas sperrig zugleich.
So beginnt etwa das dritte Streichquartett in F-Dur mit den Tönen F-E-C(Do)-D(RE)-A (der Name seiner damaligen Geliebten; auch eine Technik, die an Schumann gemahnt). Formal folgt dem Hauptsatz ein plötzlicher, heftiger Ausbruch in cis-Moll, welcher anschließend zunächst nach F-Dur zurückzuführen scheint und erst dann wiederum ziemlich plötzlich doch in ein zweites, in C-Dur beginnendes Thema mündet. Auch dieses verweilt nur kurz in der Dominanttonart, um sich schon nach wenigen Takten auf neue harmonische Irrwege zu begeben.
Ein höchst spannendes Werk, bei dem sich Wiederhören auszahlt.

Beim Label cpo sind in den letzten Jahren einige seiner Werke - etwa Sinfonien und Streichquartette - (zum Spottpreis) erschienen. Vielleicht werde ich in kommender Zeit noch über weitere seiner Werke etwas schreiben, hoffe aber, hiermit bereits Interesse geweckt zu haben. Möge der ein oder andere sich mit seinem Werk vertraut machen und uns seine Eindrücke nicht vorenthalten!
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

2

Sonntag, 13. November 2011, 21:27

Hallo,

ich besitze vom Dirigenten Felix Weingartner lediglich die vier Brahms-Sinfonien inklusive der Akademischen Festouvertüre (London 1938 mit dem London Symphony Orchestra / London Philharmonic Orchestra). Ich zähle sie zu den schönsten meiner Brahms-Gesamteinspielungen. Den Komponisten Weingartner habe ich erst in den letzten Tagen bei jpc entdeckt und die Sinfonien 1 - 6 bestellen müssen. Ist die 7. Sinfonie noch nicht erschienen?

In Erwartung

LG Schwager

3

Sonntag, 13. November 2011, 23:13

Vor etwa einem Jahr habe ich mir Weingartners 3. Symphonie bestellt:



Ich konnte aber auch im zweiten Anlauf mit dieser Musik überhaupt nichts anfangen. Sie kam mir unsäglich fade, aufgeschwemmt und konturlos vor, obwohl ich ja für gewisse Spielarten der zu spät gekommenen Romantik überaus anfällig bin.

Jetzt wird es angesichts dieses Threads noch einen dritten Anlauf geben. Vielleicht geht mir ja diesmal ein Licht auf.

Beste Grüße

Bernd

4

Mittwoch, 16. November 2011, 21:06

Nach einmaligem Hören gefielen mir von den Weingartnerschen Sinfonien auf Anhieb gut: die Sinfonie Nr. 1 und Nr. 2, besonders die Sinfonie Nr. 6 "La Tragica" nebst der Sinfonischen Dichtung "Frühling", die ein spürbaren Einfluß Schuberts und Bruckners haben. Mit den Sinfonien 3 - 5 werde ich mich wohl intensiver beschäftigen müssen.


LG Schwager

5

Mittwoch, 16. November 2011, 21:54

Die 3. habe ich gestern und heute noch einmal gehört, aber nur in jeweils einzelnen Sätzen, denn zwischendurch musste ich immer wieder zu anderen CDs greifen, um bei der Arbeit nicht völlig zu versauern. In dieser Symphonie wabert alles suppig vor sich hin, ich habe größere Mühe, so etwas wie Themen zu finden (geschweige denn deren Entwicklung zu beobachten), der Melodik geht jegliche Stringenz, jeglicher Zug ab, kurzum: Für meine Ohren handelt es sich immer noch um typische "Kapellmeistermusik", der es beträchtlich an Inspiriertheit mangelt.

Irgendwann werde ich dem Werk aber gewiss noch eine dritte Chance geben. Man weiß ja nie....

Und ich hüte mich davor, von dieser einzelnen Komposition auf Weingartners schöpferische Fähigkeiten im Allgemeinen zu schließen.

Irgendwelche Hinweise auf eine "Schumann-Nachfolge" kann ich in der 3. übrigens mitnichten erkennen. Der Stil scheint mir eher an die "neudeutsche" Idiomatik angelehnt.

Und zuletzt muss ich noch über das Booklet moppern: Der wulstige Text des Herr Eckhardt van den Hoogen ("Kurzum: Unser Felix ist verliebt wie seit langem nicht mehr") ist für mich kaum lesbar.

Beste Grüße

Bernd

6

Donnerstag, 17. November 2011, 01:00

Zu der dritten Sinfonie habe ich bisher auch noch keinen Zugang gefunden. Der Schluss klingt für mich wie eine permanente Fledermaus-Schleife. Aber ich hab's auch noch nicht oft und vor allem nicht konzentriert gehört. Ich rate, es mal mit den Streichquartetten zu versuchen.
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

7

Donnerstag, 17. November 2011, 21:00

Gerade war bei mir das Violinkonzert G-Dur an der Reihe.

Mir hat dabei gefallen, dass Weingartner auf jede Art von schwülem Pathos verzichtet. Das Werk ist sehr durchsichtig instrumentiert. Es verzichtet nicht auf eine breite Farbpalette (Pauken mit Dämpfer, Streicher am Steg usw.), erscheint aber niemals bombastisch (erst im dritten Satz geht's ein bisschen "knalliger" zur Sache). Der zweite Satz enthält einige sehr im Gedächtnis bleibende harmonische Wendungen.

Alles in einem ein überaus hörenswertes Werk!
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

8

Samstag, 26. November 2011, 17:12

Ich habe mir heute auch noch einmal die Dritte angehört.

Ich weiß nicht, aber ich hatte als eine der ersten Assoziationen: Korngold. Insbesondere das Scherzo erinnerte mich an den unbeschwerteren Korngold (nicht gerade den aus der Symphonie...)

Das Finale zieht sich in der Tat etwas in die Länge, aber die ersten drei Sätze gefallen mir ausnehmend gut!
Lucius Travinius Potellus
Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

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