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41

Dienstag, 10. April 2012, 15:11

Ich habe heute morgen einen Essay von Mark Twain über die Deutschen und die Oper und insbesondere Wagner gehört. Das war absolut köstlich und der Mann muss ein Seelenverwandter sein. Er hat bereits vor 100 Jahren im Lohengrin ausser dem Brautchor keinen Gesang sondern nur Gebrüll und Geheule konstatiert.
Das stammt aus folgendem Buch;



Darin auch eine ausführliche Beschreibung damaliger Burschenschafts-Fechtrituale.

Gruß, und ex post frohe Ostern!

Normann
wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe

42

Dienstag, 10. April 2012, 16:45

soso? Das fällt mir aber auch an einem Osterdienstag ein, die gängigen Nachschlagewerke sind da meiner Meinung
Nun, wenn "die gängigen Nachschlagewerke" zustimmen, kann ich mich nur geschlagen geben ...Etwas Ironie in der originellen Bemerkung - der Smiley war doch da - ist wohl ungemerkt geblieben ... wobei wir gerade beim Thema wären ...


Um gleich damit anzufangen: Emoticons sind vieldeutig, sie mögen ironisieren, manchmal sind sind eben auch nur Ausdruck von Feigheit. Ich unterstelle Dir einmal die Ironie, aber eine Behauptung wie "Die Meistersinger sind keine komische Oper" ist mE so hirnrissig, dass bei mir da das Smiley verpufft. Selbst der moralintrockne Egon Voss sieht die (vielen) Stellen in den "Meistersinger", die Humor verraten und komisch wirken. In der ernsthaften Literatur kann man nichts anderes lesen, wer also Wagner bashen will, der tut das gegen die Partitur.

Zitat

Eben, bei "komisch" fällt mir eher Beaumarchais, Molière, Rossini , Oscar Wilde ... ein. Nix mit Teutonsich-Schenkelschlagen sondern eher Esprit.


Naja, bei Wilde ist es doch eher Zynismus, wie espritvoll er sich auch gibt. Nur: Komik und Esprit haben Berührungspunkte, sind aber alles andere als identisch. In der "Serva Padrona" z.B. wird man wohl nicht gerade Esprit als Merkmal des Intermezzos ausgeben, beim "Betrogenen Kadi" wohl auch nicht, beide Werke stehen in der Ahnenreihe der "Meistersinger"

Hier sollte eigentlich eine Hilfestellung gegeben werden, dass Leute mit Wagner vertraut werden. Da finde ich solche Beiträge nicht hilfreich. Ob mit oder ohne Smiley, sorry

Liebe Grüße Peter
.
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(Karl Kraus)

philmus

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43

Dienstag, 10. April 2012, 17:52

Ich unterstelle Dir einmal die Ironie, aber eine Behauptung wie "Die Meistersinger sind keine komische Oper" ist mE so hirnrissig, dass bei mir da das Smiley verpufft. Selbst der moralintrockne Egon Voss sieht die (vielen) Stellen in den "Meistersinger", die Humor verraten und komisch wirken. In der ernsthaften Literatur kann man nichts anderes lesen, wer also Wagner bashen will, der tut das gegen die Partitur.

Im Wagner-Zusammenhang mag das so stimmen, aber wenn man den Vergleich unzähliger Buffo-Opern heranzieht kann man schon seriös in Zweifel ziehen, ob es im Wagnerschen Idiom (mit seinen Längen) überhaupt eine komische Oper geben kann - die ja auch von einem gewissen Tempo lebt.

Gruss
Herr Maria
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Im Übrigen bin ich der Meinung, daß die Sommerzeit abgeschafft gehört.

44

Dienstag, 10. April 2012, 18:11

Lieber Herr Maria,

die Musikwissenshaft tut sich nicht eben leicht mit dem Begriff der Komik (der ja oft genug mehr auf den zugrunde liegenden Text als auf das Musikalische zielt). Gibt es lustige Musik? Oder doch eher Musik, die lustig macht?Wenn man im Sprachlichen verankert, so ist Kürze (im Sinne einer Pointe) sicher ein Merkmal. Aber auch da handelt es sich nur um eine Ausgestaltung des Komischen. Der langsame Satz des "Musikalischen Spaßes" ist ja nicht eben kurz - und da ist es gerade die Länge, die es macht. Bei Opern spielt viel zusammen. Was ist am "Rosenkavalier" die Komödie? Und dazu auch noch verdammt lang ...

Da hat man es bei Offenbach schon leichter ;+)

Liebe Grüße Peter
.
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(Karl Kraus)

45

Dienstag, 10. April 2012, 18:25

Was ich persönlich ein gutes Maß finde, ist das Rheingold: nicht so lang, und die erste musikalische Kamerafahrt der Filmmusikgeschichte ist auch dabei: wenn Wotan mit Loge aus der Welt der Götter hinabfährt in die Tiefe zu Alberich und co...

Volle Zustimmung, lieber philmus. Das "Rheingold" hat eine ausgesprochen spannende Handlung, farbige Charaktere (Alberich! Loge! Die Riesen!), grandiose Musik und eben nicht die Monsterlänge wie der Rest des "Rings". Und wer mag, kann das "Rheingold" überdies mit George Bernhard Shaw als überzeugende Allegorie auf die verderbliche Kraft des aufkommenden Kapitalismus verstehen. Was will man mehr? :yes:

Gurnemanz

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46

Dienstag, 10. April 2012, 18:26

So klar finde ich die Frage nicht, ob es sich bei den Meistersingern eine "komische" Oper handelt. Wagner hat ja seine Opern ganz unterschiedlich untertitelt und das sicher mit Bedacht.

Hier eine Zusammenstellung (ohne den Anspruch auf philologische Korrektheit, Quelle: http://home.arcor.de/rww2002/rww2002/menue/gesamt.htm)

Die Feen. Oper in drei Akten
Das Liebesverbot. Große komische Oper in zwei Akten
Rienzi, der Letzte der Tribunen. Große tragische Oper in fünf Akten
Der fliegende Holländer. Romantische Oper in drei Akten
Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg. Große romantische Oper in drei Akten
Lohengrin. Romantische Oper in drei Akten
Tristan und Isolde. Handlung in drei Akten
Die Meistersinger von Nürnberg. Oper in drei Akten
Der Ring des Nibelungen. Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend
Parsifal. Ein Bühnenweihfestspiel in drei Akten


Die Meistersinger enthalten sicher komische bzw. komisch intendierte Züge, aber auch ernstgemeinte Botschaften ("Habt acht!"). Jedenfalls hat Wagner bewußt auf die Bezeichnung "komisch" verzichtet, vielleicht wollte er sich nicht in die Tradition der Opera buffa stellen.

Und vielleicht bieten die Untertitel auch eine Orientierungshilfe, mit welcher Oper man bei Wagner beginnen mag...?

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

---
-¿Se trata de una cita? -le pregunté.
-Seguramente. Ya no nos quedan más que citas. La lengua es un sistema de citas.

Jorge Luis Borges

47

Dienstag, 10. April 2012, 19:46

Lieber Gurnemanz,

vielleicht war es ja die Furcht, dass man bei "Komisch" an eine Buffa denken könnte. Im Entwurf 1845 steht "Komische Oper", 1861 dann "große komische Oper"

Liebe Grüße Peter
.
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48

Dienstag, 10. April 2012, 20:25

Vielleicht ist es gerade das "Komisch - Intendierte", was ich daran nicht ab kann....
Wenn nur wenigstens die Rauferei echt wäre... :pfeif:
Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)

Areios

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49

Dienstag, 10. April 2012, 20:59

Ich habe heute morgen einen Essay von Mark Twain über die Deutschen und die Oper und insbesondere Wagner gehört. Das war absolut köstlich und der Mann muss ein Seelenverwandter sein. Er hat bereits vor 100 Jahren im Lohengrin ausser dem Brautchor keinen Gesang sondern nur Gebrüll und Geheule konstatiert.


Mark Twain kannte offensichtlich diese Aufnahme nicht: :D



Victoria de los Angeles' "Einsam in trüben Tagen" ist purer Belcanto.

(Auch auf Youtube zu hören: "Victoria de los Angeles Elsa's Dream 1964" eingeben.)


Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

50

Mittwoch, 11. April 2012, 07:15

Lieber Arieos, das glaube ich Dir unbesehen und mit ihr als Elsa würde ich sogar den Rest der Oper tapfer ( mit Ohrenstöpseln...) ertragen. aber wo sind ihre Nachfolgerinnen? :fee:
Gracias a la vida!

51

Mittwoch, 11. April 2012, 08:18

Hallo, insbesondere Philbert, Peter und Philmus

ich finde es spannend, welche interessante Diskussion sich aus der von mir relativ unreflektierten Bezeichung "komische Oper" für die Meistersinger ergeben hat.
Obwohl das erst recht keine Definition des Gegenpols komischer Opern ist: mir ist aufgefallen, dass es in praktisch allen meinen Lieblingsopern um Leben und Tod geht. Wagner setzt da oft noch einen drauf: es geht nicht (nur) um Leben und Tod, es geht um Himmel und Hölle.
Meine ganz zaghafte Frage: gibt es hier jemanden, der diese Seite an (Wagner-)Opern auch schätzt? Dass es ganz viele gibt, die das bestenfalls nicht sonderlich stört oder sogar extrem stört, ist mir klar - diese sollen sich durch meine Frage bitte nicht gereizt fühlen.

VG, stiffelio

philmus

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52

Mittwoch, 11. April 2012, 12:38

Obwohl das erst recht keine Definition des Gegenpols komischer Opern ist: mir ist aufgefallen, dass es in praktisch allen meinen Lieblingsopern um Leben und Tod geht. Wagner setzt da oft noch einen drauf: es geht nicht (nur) um Leben und Tod, es geht um Himmel und Hölle.
Meine ganz zaghafte Frage: gibt es hier jemanden, der diese Seite an (Wagner-)Opern auch schätzt?
Na ja, schätzenkann ich das schon: immerhin hat z.B. der Requiems-Text die wunderbarsten Vertonungen hervorgerufen. Als wäre eine bestimmte Intensität nur möglich, wenn es um Leben, Tod, Himmel und Hölle geht.
Schade nur, daß Wagners Antworten so nihilistisch ausfallen - und welche zu geben, konnte er sich ja leider nicht enthalten.

PS in dem Punkt (Nihilismus) scheinen die Meistersinger eine Ausnahme zu bilden. Also doch komische Oper? mir schaudert bei diesem Wort für irgendwas von Wagner...

Gruss
Herr Maria
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53

Mittwoch, 11. April 2012, 13:01

Da ich jetzt nicht groß suchen will, orientiere ich mich an dem Essay von Egon Voss "Die Meistersinger als Oper des deutschen Bürgertums"

Zitat

Die Meistersinger sind, obwohl im Titel nicht ausdrücklich so genannt, eine komische Oper. Zugrunde liegt eine alte Lustspielkonstellation, das reiche Mädchen zwischen einem jungen und einem älteren Bewerber. Selbstverständlich wird der Alte übertölpelt, und die jungen Leute finden sich.


Voss weist im weiteren darauf hin, dass die bedrohliche Macht hier nicht der Vater oder der andere Bewerber, sondern die Zunft ist. Und diese Zunft wird nach allen Regeln der Kunst persifliert. Komisch erscheint also die Zunft der Meistersinger, ihr Zeremoniell, ihr Gehabe (wenn als schlimmstes Vergehen etwa Walthers Verlassen des Singstuhls angekreidet wird) Das geht auch in die kuriose Darstellung (und Benennung) der verschiedenen Töne oder das Verlesen der Leges Tabulaturae von einer an der Wand hängenden Tafel. Selbst König David bleibt vom Spott Wagners nicht verschont, lässt er doch den Lehrbuben David mit den gleichen Insignien auftreten, die dem König zugeordnet sind.

Ich krame mal in meiner Wagnerliteratur, wenn ich Zeit habe, krame ich mir auch Einspielung & Partitur raus. Aber erklärte Witze sind immer das Schlechtere gegenüber selbst Entdecktes. Und Fingerzeige zum Selbersuchen meine ich jetzt gegeben zu haben.

Liebe Grüße Peter
.
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philmus

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54

Mittwoch, 11. April 2012, 13:34


Zitat

Die Meistersinger sind, obwohl im Titel nicht ausdrücklich so genannt, eine komische Oper. Zugrunde liegt eine alte Lustspielkonstellation, das reiche Mädchen zwischen einem jungen und einem älteren Bewerber. Selbstverständlich wird der Alte übertölpelt, und die jungen Leute finden sich.
Okay, es ist der Plot einer komischen Oper. Aber sie hat nicht das Tempo einer solchen, und nicht die Struktur. Also ist sie keine, sondern höchstens ein komisches Musikdrama

Gruss
Herr Maria
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Zwielicht

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55

Mittwoch, 11. April 2012, 14:00

Selbst König David bleibt vom Spott Wagners nicht verschont, lässt er doch den Lehrbuben David mit den gleichen Insignien auftreten, die dem König zugeordnet sind.


Die gesamte Struktur von Personal und Handlung hat Züge einer Bibeltravestie: Hans (Johannes der Täufer) Sachs, der der leicht persiflierten Erlöserfigur Stolzing "die Wege bereitet". Stolzing selbst wird als neuer Adam seine Eva heiraten, die zwölf Meistersinger parodieren das Apostelkollegium, das ironischerweise seinen Christus (Stolzing) zunächst ablehnt. Zentral ist der Vorgang der Taufe, ausgeübt nicht an einem Menschen/Stolzing, sondern an seinem Lied - wodurch dann, ebenfalls leicht ironisiert, der kunstreligiöse Aspekt ins Spiel gebracht wird (vgl. auch die durch Frauen vorgenommene "Massentaufe" als Ende der Prügelszene im zweiten Akt). Zudem entpuppen sich die Meistersinger spätestens im dritten Akt als Satyrspiel zum Tristan (Stolzing/Eva/Sachs - Tristan/Isolde/Marke).

Das alles ist übrigens wunderbar unaufdringlich und gleichzeitig manchmal schreiend komisch in Christof Nels Frankfurter Inszenierung (1993) herausgearbeitet worden.


Okay, es ist der Plot einer komischen Oper. Aber sie hat nicht das Tempo einer solchen, und nicht die Struktur. Also ist sie keine, sondern höchstens ein komisches Musikdrama


Über das Tempo kann man reden, über die Struktur m.E. nicht (siehe oben). Es ist meiner Meinung nach müßiger Essentialismus, darüber zu streiten, ob die Meistersinger eine "komische Oper" sind. Unbestreitbar ist, dass zahlreiche Definitionsmerkmale der Gattung "komische Oper" aufgenommen und reflektiert werden, unbestreitbar ist auch, dass Wagner bei der Endredaktion auf die Gattungsbezeichnung verzichtete und dass die Oper in vielen Punkten von gängigen Schemata der Gattung abweicht.

Unabhängig davon finde ich ganz persönlich die Meistersinger an einigen Stellen wirklich komisch, oft komischer als übliche temporeiche Intrigantenkomödiantik. Unübertroffen ist die prädadaistische Verhunzung des Preislieds durch Beckmesser auf der Festwiese.

Überhaupt sind die Meistersinger in manchen Punkten näher an Mozarts - von Wagner bewundertem - Figaro, als man denken könnte: besonders das ständige Umschlagen der Komik in existentielle Konflikte, auch in Gewalt ist prägend. Die schon klassische Charakterisierung der Meistersinger-Komik durch Carl Dahlhaus - "ein Humor, dem nicht zu trauen ist" - trifft das ganz gut.


Viele Grüße

Bernd
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56

Mittwoch, 11. April 2012, 16:44


Schade nur, daß Wagners Antworten so nihilistisch ausfallen - und welche zu geben, konnte er sich ja leider nicht enthalten.

Hallo Herr Maria,

Nihilistisch?? ich staune immer wieder, wie gegensätzlich Wagner interpretiert werden kann. Zumindest Holländer, Tannhäuser, Tristan und Parsifal sind für mich reine Erlösungsopern - an der Antwort "Himmel" habe ich keinen Zweifel. Dass die Frage "Himmel oder Hölle" typischerweise NACH dem Tod konkret wird, der Tod also Vorbedingung ist, sollte ja nicht sonderlich überraschen.
Beim Lohengrin und beim Ring ist die Frage, was nach dem Tod aus den Hauptpersonen wird, zugegebenermaßen weniger eindeutig beantwortet.

VG, stiffelio

57

Mittwoch, 11. April 2012, 16:56

Nihilistische Erlösungsopern. Wagner beziht sich seit Tristan und Isolde auf die Philosophie Schopenhauers. Von "Himmel" ist doch nie die Rede ausser im Tannhäuser. Das Erlösungs-Ziel (des Holländers) ist die vollständige Auslöschung im Tod.

(p.s.: jetzt erinnere ich mich, dass am Ende des Holländers doch so ein "Himmelfahrtskitsch" im Libretto stand...)
"Das Problem mit Zitaten im Internet ist, dass es oft schwierig ist nachzuweisen, ob sie echt sind oder nicht" Abraham Lincoln

58

Mittwoch, 11. April 2012, 17:27

(jetzt erinnere ich mich, dass am Ende des Holländers doch so ein "Himmelfahrtskitsch" im Libretto stand...)
Stimmt, und nicht nur am Ende. Die vollständige Auslöschung im Nichts ("am jüngsten Tag") wäre nur das Ziel des Holländers gewesen, wenn er keine Frau gefunden hätte, deren Treue ihn vorher erlöst. Es ist ausdrücklich mehrfach von einem Engel die Rede, der ihm unter dieser Bedingung sein "Heil" versprochen hat. Und dieses Heil ist nicht identisch mit dem "in Nichts vergehen", das sonst am Ende der Erde sein Los gewesen wäre.

VG, stiffelio

59

Mittwoch, 11. April 2012, 17:42

Ich habe heute morgen einen Essay von Mark Twain über die Deutschen und die Oper und insbesondere Wagner gehört. Das war absolut köstlich und der Mann muss ein Seelenverwandter sein. Er hat bereits vor 100 Jahren im Lohengrin ausser dem Brautchor keinen Gesang sondern nur Gebrüll und Geheule konstatiert.


Ach der Twain war bestimmt nur stinkig, weil Lohengrin auf nem Schwan und nicht auf einem Floß daherkam ...

DiO :beatnik:
Humor can only save some of us.

Zwielicht

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60

Mittwoch, 11. April 2012, 17:50

Wagners Schlüsse würde ich nicht in einen Topf und auch nicht in zwei Töpfe werfen, die sind doch recht unterschiedlich. Zunächst von den relativ konventionellen Lösungen im Holländer und im Tannhäuser bis zum pessimistischen, unerlösten Finale des Lohengrin.

Das "Nihilistische" kann man ja auch als emanzipatorisches Moment deuten. Ich habe nicht den Überblick über die Literatur zum Ring, aber gerade im offenen Finale der Götterdämmerung wäre mit gutem Willen (!) auch eine herrschaftsfreie Utopie erkennen: es verbrennen ja nicht nur die Götter, sondern auch das gesamte irdische Herrschergeschlecht der Gibichungen wird ausgelöscht - es verbleibt die anonyme, nicht hierarchisch geordnete Masse der "Männer und Frauen". Das ist doch deutlich das anarchistische Erbe Bakunins.

Schopenhauer, klar, aber vor allem im Tristan.

Die Schlüsse der Meistersinger und des Parsifal sind dagegen (im Unterschied zum individualistischen, religionslosen Tristan und zum pessimistischen Lohengrin) klar auf die Erneuerung des Kollektivs ausgerichtet: die Gemeinschaft ist am Schluss reformiert und gestärkt, wobei auch Opfer zurückbleiben.

Dieses Posting ist jetzt mehr aus der Hüfte geschossen, soll sich aber als Plädoyer für die Brüche bei Wagner lesen, der sich eben nicht uniform deuten lässt.


Viele Grüße

Bernd
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61

Mittwoch, 11. April 2012, 18:21

Nihilistische Erlösungsopern.

Wie hieß es schon in "The Big Lebowski"? "They're not Nazis - they're f...ing nihilists!" :D

LG :wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

62

Mittwoch, 11. April 2012, 18:25



Das "Nihilistische" kann man ja auch als emanzipatorisches Moment deuten. Ich habe nicht den Überblick über die Literatur zum Ring, aber gerade im offenen Finale der Götterdämmerung wäre mit gutem Willen (!) auch eine herrschaftsfreie Utopie erkennen: es verbrennen ja nicht nur die Götter, sondern auch das gesamte irdische Herrschergeschlecht der Gibichungen wird ausgelöscht - es verbleibt die anonyme, nicht hierarchisch geordnete Masse der "Männer und Frauen".


Ich dachte, das sei eine durchaus übliche, keinesfalls exotische Deutung. Dazu kommt in jedem Falle, dass mit der Rückgabe des Goldes die ursprüngliche Vergewaltigung, Beraubung der Natur wieder gut gemacht ist.

"Von dieser Helligkeit beleuchtet, sieht man die drei Rheintöchter auf den ruhigeren Wellen des allmählich wieder in sein Bett zurückgetretenen Rheines, lustig mit dem Ringe spielend, im Reigen schwimmen. Aus den Trümmern der zusammengestürzten Halle sehen die Männer und Frauen in höchster Ergriffenheit dem wachsenden Feuerschein am Himmel zu."

Die Musik des Schlusses ist m.E. eher "positiv", "Verklärend", jedenfalls keine als tragisch empfundene kosmische Katastrophe, sondern die Versöhnung mit der Natur und die Befreiung von Verträgen, Intrigen usw. Ob nun das Neue nun herrschaftsfreie Anarchie sein muss, wage ich nicht zu beurteilen.
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63

Mittwoch, 11. April 2012, 18:36

Die Musik des Schlusses ist m.E. eher "positiv", "Verklärend", jedenfalls keine als tragisch empfundene kosmische Katastrophe, sondern die Versöhnung mit der Natur und die Befreiung von Verträgen, Intrigen usw. Ob nun das Neue nun herrschaftsfreie Anarchie sein muss, wage ich nicht zu beurteilen.


Bei der Musik steht ja das Motiv am Ende, das bisher zum einzigen Mal im dritten Akt der Walküre erklungen war: als Sieglinde von Brünnhilde über ihre Schwangerschaft benachrichtigt worden ist und ihr dankt: O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid! Wolzogen (?) nannte dieses Thema "Motiv der allerlösenden Liebe" oder so ähnlich. Jedenfalls geht es musikalisch um eine allgemein-menschliche Utopie, nicht um den wiederhergestellten "Naturzustand" und nicht mehr um ein bestimmtes Individuum (die auf Wotan und Siegfried bezogenen Motive sind ja vorher gewissermaßen vom Feuer verschlungen worden).

Klar, "herrschaftsfreie Anarchie" ist nur eine Option. Ob die zuvor von Hagen nach Belieben manipulierte Masse dazu in der Lage ist, bleibt fraglich. Je nach Deutungsperspektive (und in Kenntnis der Wirkungsgeschichte) kann man auch das Zerstörerische des Weltenbrands, die Untergangsfantasie betonen.


Viele Grüße

Bernd
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pfuetz

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64

Mittwoch, 11. April 2012, 22:37

Wagners Schlüsse würde ich nicht in einen Topf und auch nicht in zwei Töpfe werfen, die sind doch recht unterschiedlich. Zunächst von den relativ konventionellen Lösungen im Holländer und im Tannhäuser bis zum pessimistischen, unerlösten Finale des Lohengrin.


Und der nie wirklich geklärten Schlußbemerkung des Parsifals. "Erlösung dem Erlöser"... :D

Matthias
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65

Donnerstag, 12. April 2012, 11:55

Dazu kommt in jedem Falle, dass mit der Rückgabe des Goldes die ursprüngliche Vergewaltigung, Beraubung der Natur wieder gut gemacht ist.
Aber zu welchem Preis? Es muß erst erst das Ende der Kultur, die Rückkehr zum "Naturzustand" (was auch immer das sein soll) eintreten, bis irgendwas besser wird. Das nenne ich Nihilismus, weil es die Utopie nach rückwärts wendet und dem Bestehenden, den Lebendigen jegliche Perspektive verweigert.
Die Musik des Schlusses ist m.E. eher "positiv", "Verklärend", jedenfalls keine als tragisch empfundene kosmische Katastrophe, sondern die Versöhnung mit der Natur und die Befreiung von Verträgen, Intrigen usw.
s.o.
Wenn ich mit dem gewachsenen Realen, den wirklichen Handelnden kein Mitleid habe, kann ich den Zusammenbruch natürlich verklären. Der Weg von dieser Lust an der (nicht nur Selbst-) Zerstörung zur realen Weltkriegs-Hybris ist so naheliegend, daß ich die Versuche, da irgendwelche Natur-Anarchie-Utopien rauszulesen, euphemistisch finde. Okay, Natur-Anarchie als Recht des Stärkeren, das ist, was (in der realen Geschichte) folgt. Ich empfehle an dieser Stelle Simone de Beauvoirs Bemerkungen über den Zusammenhang zwischen Natur-Metaphern für gesellschaftliche Vorgänge und reaktionärem Denken.

Gruss
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66

Donnerstag, 12. April 2012, 12:25

Dass das Gold den Rheintöchtern zurückgegeben wird, ist nicht die Erlösung.
Es ist aber ein Aspekt der "Wiedergutmachung", da die ganze Tragödie nunmal mit dem Raub des Goldes (und dem Verwerfen der "Liebe" zugunsten des Strebens nach Macht) begonnen hatte.
Prinzipielle "Lust am Untergang" zu unterstellen halte ich für sehr oberflächlich und verfehlt. Die Idee ist doch, dass die Welt der Götter (und auch Alberichs und Hagens) so verkehrt (aufgrund der Verstrickung in die Verträge und die Machtbessessenheit der Akteure) ist, dass "freie Menschen" scheitern müssen. Zuerst Siegmund und Sieglinde, dann Siegfried und Brünnhilde, deren Opfer aber immerhin zur Rückgabe des gestohlenen Goldes (was auch den Verzicht auf die Macht des Rings einschließt) und zur (erlösenden) Vernichtung der alten Götterwelt führt. Was der einsichtige Wotan ja auch schon lange eingesehen hat und entsprechend ersehnt.
Siegfried und Brünnhilde stehen m.E. nicht für eine Natur-Anarchie, sondern schon für eine Form menschlicher Freiheit. Wie genau die positiv zu bestimmen wäre, ist wohl Deutungssache. Sie sollte in etwa das Gegenteil der Machtintrigen und Verträge von Wotan-Riesen bis Siegfried-Gibichungen sein. Diese alte Welt ist nicht reformierbar, sondern muss abgeschafft werden, um eine Chance auf Freiheit zu haben. Das kann man natürlich als radikal sehen, völlig unplausibel ist es nicht, wie die Weltgeschichte mehrfach gezeigt hat.
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67

Donnerstag, 12. April 2012, 12:31

Das nenne ich Nihilismus, weil es die Utopie nach rückwärts wendet und dem Bestehenden, den Lebendigen jegliche Perspektive verweigert.


Finde ich nicht, denn die Semantik des abschließenden Motivs beinhaltet - wie oben erläutert - mit Bezug auf die Walküre eine relativ spezifische menschliche Utopie. In der Welt der Walküre kann die Siegmund/Sieglinde-Utopie nicht überleben, dafür müssen erst sowohl die göttlichen wie die menschlichen Herrschaftsstrukturen zerstört werden.

Mir scheint es sinnvoll, zwischen historischer Kontextualisierung und wirkungsgeschichtlicher Perspektive unterscheiden. Der Bezug zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts ist zwar aufgrund der Wirkungsgeschichte suggestiv, aber deshalb noch nicht evident.

Dagegen sind aus historisierender Perspektive die Bezüge zur ideengeschichtlichen Sphäre des Anarchismus, wie er von Bakunin seit 1842 vertreten wurde (Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!), evident und müssen gar nicht groß "herausgelesen" werden. Das ist ja angefangen von den persönlichen Kontakten Wagners mit Bakunin in den 1840ern über seine Lektüre bis hin zu seinen eigenen Schriften ganz gut nachgewiesen, soweit ich weiß. (Hinzu kommt natürlich noch ein ganzes Amalgam vor allem junghegelianischer Einflüsse.)


Viele Grüße

Bernd
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68

Donnerstag, 12. April 2012, 14:06

Die Idee ist doch, dass die Welt der Götter (und auch Alberichs und Hagens) so verkehrt (aufgrund der Verstrickung in die Verträge und die Machtbessessenheit der Akteure) ist, dass "freie Menschen" scheitern müssen. Zuerst Siegmund und Sieglinde, dann Siegfried und Brünnhilde, deren Opfer aber immerhin zur Rückgabe des gestohlenen Goldes (was auch den Verzicht auf die Macht des Rings einschließt) und zur (erlösenden) Vernichtung der alten Götterwelt führt. Was der einsichtige Wotan ja auch schon lange eingesehen hat und entsprechend ersehnt.
Siegfried und Brünnhilde stehen m.E. nicht für eine Natur-Anarchie, sondern schon für eine Form menschlicher Freiheit.
Soso, freie Menschen. Siegmund und Sieglinde: so frei, daß sie nicht mal Verwandtschaft von Liebe unterscheiden können, sondern das wiedererkennen der Verwandtschaft sofort zur Verschmelzung führt. das ist nicht Freiheit, sondern Regression.
Dann Siegfried: Ergebnis dieses Inzestes, entsprechend unterbelichtet im Geist. Fällt natürlich auch prompt der Kompliziertheit menschlicher Verhältnisse zum Opfer - aus der Warte des Ideals: den Intrigen. Brünnhilde als einstige Walküre mag vielleicht die freieste sein in dem Bund, immerhin nimmt sie Einfluß, bevor sie zum Menschsein degradiert wird und als einzigen Akt der Freiheit am Ende noch den Tod übrig hat. Schöne "freie Menschen".
Ich denke, die Einsicht, die hier fehlt, ist die, daß die "Welt der Verträge" und die der Menschen relativ identisch sind. Insofern fällt Wagner hinter Rosseau zurück, wenn er die Verträge (und Intrigen) den Göttern zuordnet, wenn auch sehr menschlich wahrgenommen...
Finde ich nicht, denn die Semantik des abschließenden Motivs beinhaltet - wie oben erläutert - mit Bezug auf die Walküre eine relativ spezifische menschliche Utopie.
Worin die Utopie menschlicher Liebe für Wagner gipfelt, hat er doch im Tristan eindeutig klargestellt: im Tod!
Oder, später im Parsifal: im Verzicht auf Geschlechtsverkehr, der nicht anders vorkommen kann als pervertiert, "verzaubert", zwanghaft. Also wenn eine Utopie oder auch nur Perspektive von Wagner geradezu obsessiv verweigert wird, dann ist es doch gerade die auf die gelingende menschliche Liebe.

Gruss
Herr Maria
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Zwielicht

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69

Donnerstag, 12. April 2012, 14:30

Worin die Utopie menschlicher Liebe für Wagner gipfelt, hat er doch im Tristan eindeutig klargestellt: im Tod!
Oder, später im Parsifal: im Verzicht auf Geschlechtsverkehr, der nicht anders vorkommen kann als pervertiert, "verzaubert", zwanghaft.


Nun ist Tristan nicht der Ring und dieser auch nicht der Parsifal. Man kann natürlich alle Widersprüche, die sich in Wagners Gesamtwerk (bekanntlich selbst innerhalb des Rings) finden, planieren und das Ergebnis dieser Reduktion von Komplexität auf eindeutige Botschaften von der Warte der eigenen Weltanschauung her aburteilen.

Gerade die Darstellung der befreienden Macht der Sexualität im ersten Akt der Walküre (der Inzest steht natürlich auch zeichenhaft für den schärfsten möglichen Bruch mit bürgerlichen Konventionen und Gesetzen) und die - wenn auch nicht ganz eindeutige - Verdammung der Sexualität im Parsifal lassen sich wohl schwer auf einen Nenner bringen.


Also wenn eine Utopie oder auch nur Perspektive von Wagner geradezu obsessiv verweigert wird, dann ist es doch gerade die auf die gelingende menschliche Liebe.


Das ist ja nun in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts Wagnerspezifisches. Wo gibt es denn "gelingende menschliche Liebe" in der Oper dieser Zeit? Doch wohl nur in der Gattung "komische Oper" und ihren Seitenzweigen und Mischformen, so etwa auch in den Meistersingern.


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

70

Donnerstag, 12. April 2012, 15:13

Also wenn eine Utopie oder auch nur Perspektive von Wagner geradezu obsessiv verweigert wird, dann ist es doch gerade die auf die gelingende menschliche Liebe.
Das ist ja nun in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts Wagnerspezifisches. Wo gibt es denn "gelingende menschliche Liebe" in der Oper dieser Zeit? Doch wohl nur in der Gattung "komische Oper" und ihren Seitenzweigen und Mischformen, so etwa auch in den Meistersingern.


Viele Grüße

Bernd
Womit wir wieder bei der Frage wären, ob die Meistersinger eine Komödie sind. Die Frage würde ich rückhaltlos bejahen, aber ich staune immer wieder, wenn man der Gattung Komödie die tragischen Dimensionen abspricht. Der große Regisseur Howard Hawks hat einmal gesagt, dass er jedes Drama zunächst auf die Möglichkeit abklopft, es als Komödie zu inszenieren, weil es dadurch unterhaltsamer und wahrer wird. Das Resultat waren Meisterwerke wie MONKEY BUSINESS und GENTLEMEN PREFER BLONDES, beide mit Marilyn Monroe.

So auch bei den MEISTERSINGERN, die ich für eine große Tragödie im Gewand eines Lustspiels halte. Glaubt denn jemand ernsthaft, das Happy End der Geschichte würde länger als ein paar Wochen anhalten? Der etwas tumbe, dafür aber höchst hoffärtige Slampoet Ritter Stolzing wird früh genug neue Abenteuer suchen – auch solche mit Röcken, und die in seine schimmernde Rüstung verliebte Eva nach kurzer Trübsal sich dem nächsten herumreisenden Doktor Faust an den Hals werfen. Sachs dagegen wird weiterhin Knittelverse schmieden, und Beckmesser wird ihm ewig dankbar sein, dass er ihn vor der dummen Gans bewahrt hat. Lediglich David wird den Abglanz des vermeintlich großen Sachs, der auch auf ihn fällt, in seiner Zunft am Leben halten und getreu der Tabulatur dichten:
Hans Sachs war Schuh-
Macher und Poet dazu


Talleyrand meinte, Hochverrat sei eine Frage des Datums.
Das gilt auch für die Liebe. Jedenfalls in den Künsten.
Wagner war also wirklich kein Sonderfall oder höchstens insofern, als er immer wieder meinte, Erlösung durch Tod propagieren zu müssen.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

71

Donnerstag, 12. April 2012, 18:45

Die Idee ist doch, dass die Welt der Götter (und auch Alberichs und Hagens) so verkehrt (aufgrund der Verstrickung in die Verträge und die Machtbessessenheit der Akteure) ist, dass "freie Menschen" scheitern müssen. Zuerst Siegmund und Sieglinde, dann Siegfried und Brünnhilde, deren Opfer aber immerhin zur Rückgabe des gestohlenen Goldes (was auch den Verzicht auf die Macht des Rings einschließt) und zur (erlösenden) Vernichtung der alten Götterwelt führt. Was der einsichtige Wotan ja auch schon lange eingesehen hat und entsprechend ersehnt.
Siegfried und Brünnhilde stehen m.E. nicht für eine Natur-Anarchie, sondern schon für eine Form menschlicher Freiheit.
Soso, freie Menschen. Siegmund und Sieglinde: so frei, daß sie nicht mal Verwandtschaft von Liebe unterscheiden können, sondern das wiedererkennen der Verwandtschaft sofort zur Verschmelzung führt. das ist nicht Freiheit, sondern Regression.


Der Punkt ist hier m.E. nicht der Inzest, sondern die Negation der erzwungenen (und offenbar kinderlosen!) Ehe mit Hunding.

Zitat


Dann Siegfried: Ergebnis dieses Inzestes, entsprechend unterbelichtet im Geist. Fällt natürlich auch prompt der Kompliziertheit menschlicher Verhältnisse zum Opfer - aus der Warte des Ideals: den Intrigen.


Siegfried ist nicht unterbelichtet. Wie auch immer man den Inzest deuten mag, es ist ziemlich klar, dass er hier nicht widernatürlich gesehen wird (darin mit den meisten echten Mythen übereinstimmend), u.a. weil er den größten Helden hervorbringt. Der ist aber halt naiv, weil beim missgünstigen Mime aufgewachsen und nicht auf eine intrigante Welt vorbereitet. Daher geht Wotans Plan zum zweiten Male nicht auf. Den ersten Helden musste er wegen Ehebruch (nicht Inzest) opfern, der zweite Held kann den Speer zerschlagen und sein Feuer überwinden, aber die gerissene Gegenseite der Nachtallben/Gibichungen bringt Siegfried zu Fall. Wotan kommt aus dem Netz der Verträge nicht heraus, selbst sein Abtreten am Ende von Siegfried reicht nicht aus, weil der Fluch des Rings noch weiter reicht

Zitat


Ich denke, die Einsicht, die hier fehlt, ist die, daß die "Welt der Verträge" und die der Menschen relativ identisch sind. Insofern fällt Wagner hinter Rosseau zurück, wenn er die Verträge (und Intrigen) den Göttern zuordnet, wenn auch sehr menschlich wahrgenommen...


Die Verträge sind ja keine idealisierten Rousseauschen Verträge aller Beteiligten und freier Vertragspartner, sondern von Beginn an aufs Übertölpeln und Machtgewinn ausgelegt. Natürlich ist das alles etwas holzschnittartig und man mag aus guten Gründen anarchistische Utopien verdächtig finden. Aber die Musik am Ende der Götterdämmerung ist eindeutig keine Vernichtung, sondern Verklärung und/oder Utopie, wie ja schon gesagt wurde. So ähnlich wie in der Walküre das Motiv wohl auf die Hoffnung des ungeborenen Helden Siegfried anspielt, so hier auf eine Zukunft, die eben erst nach dem Fall der alten Götterwelt möglich wird.
Mit Krieg hat das alles überhaupt nichts zu tun. Die Götterdämmerung findet ja gerade nicht durch einen Krieg zwischen Nachtalben, Göttern, Riesen usw. statt, sondern durch Selbstaufgabe Wotans, Selbstopfer Brünnhildes und die Elemente Feuer/Wasser.
By nature a philosopher is not in genius and disposition half so different from a street porter, as a mastiff is from a greyhound.
Adam Smith

72

Freitag, 13. April 2012, 20:21


Den ersten Helden musste er [Wotan] wegen Ehebruch (nicht Inzest) opfern, der zweite Held kann den Speer zerschlagen und sein Feuer überwinden, aber die gerissene Gegenseite der Nachtallben/Gibichungen bringt Siegfried zu Fall. Wotan kommt aus dem Netz der Verträge nicht heraus, selbst sein Abtreten am Ende von Siegfried reicht nicht aus, weil der Fluch des Rings noch weiter reicht


Wotan hat Verträge aufgestellt an die er nicht bereit ist sich zu halten. Er will einen freien Helden schaffen. Das widerspricht sich, Siegmund wird nach Wotans Wunsch gezeugt und gelenkt. Er muss sterben, weil er Wotans Zweck bzw. "Gedanken" nicht erfüllen kann.
"Für mich ist die ständige Präsenz von Musik problematischer als die von Verkehrsgeräuschen." John Cage

philmus

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73

Samstag, 14. April 2012, 13:33

Er will einen freien Helden schaffen. Das widerspricht sich, Siegmund wird nach Wotans Wunsch gezeugt und gelenkt. Er muss sterben, weil er Wotans Zweck bzw. "Gedanken" nicht erfüllen kann.
???
ich meine, es wäre Freia gewesen, die die Bestrafung der "widernatürlichen" Beziehung verlangt hat. Ansonsten gebe ich Dir recht: den freien Menschen schaffen, ist Wotan nicht möglich. Nur, will er das wirklich, und wenn ja, wofür?
Der ist aber halt naiv, weil beim missgünstigen Mime aufgewachsen
???

Zitat

und nicht auf eine intrigante Welt vorbereitet.
ebent. Es hats nur in den Armen. Als Bild vom freien Menschen etwas wenig. Erinnert mehr an den edlen Wilden als an ein Bild des europäischen freien Menschen, immerhin 100 Jahre nach der Aufklärung. Nicht daß da in der altgermanischen Kulisse ein Bürger des 19.Jhdts. rumspringen könnte, aber ein bißchen mehr Geisteskraft könnte man dem "hehrsten Helden" wohl andichten.
Der Punkt ist hier m.E. nicht der Inzest, sondern die Negation der erzwungenen (und offenbar kinderlosen!) Ehe mit Hunding.
Doch, der Punkt ist, welche Alternative zur erzwungenen Ehe überhaupt denkbar ist: der Inzest.

Wie man es dreht und wendet: es gibt zur pervertierten Kultur bei Wagner keine Alternative als die angeblich reine Natur. Und deren "Anarchie" ist nun mal die ungebrochenste Herrschaft des Stärkeren, insofern braucht man keine realen Kriege zu bemühen, um den Weg zu Sozialdarwinismus und der späteren Ideologie des permanenten Rassenkrieges sich abzeichnen zu sehen.

Der Antikapitalismus, wie man ihn im Rheingold aufspüren kann, ist so mit seiner Vulgärvariante, dem Antisemitismus, durchsetzt, daß man ihn kaum wiedererkennt:
Es sind eben schon gleich wieder Charaktere die Schuldigen: Der Alberich, der eh keine Frau abkriegt, kann leicht der Liebe abschwören, um den Ring zu schmieden! Aber haben ihn die guten, (natürlichen und reinen), nur etwas leichtsinnigen Rheintöchter nicht geradezu dazu provoziert?
Und am Anfang ist es der Feuergeist Loge, der die Götter zur Intrige anstiftet: die germanische Entsprechung des Merkur. Ist das nicht reinster Antiintellektualismus?

Gruss
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74

Samstag, 14. April 2012, 13:46


Der Antikapitalismus, wie man ihn im Rheingold aufspüren kann, ist so mit seiner Vulgärvariante, dem Antisemitismus, durchsetzt, daß man ihn kaum wiedererkennt:
Es sind eben schon gleich wieder Charaktere die Schuldigen: Der Alberich, der eh keine Frau abkriegt, kann leicht der Liebe abschwören, um den Ring zu schmieden! Aber haben ihn die guten, (natürlichen und reinen), nur etwas leichtsinnigen Rheintöchter nicht geradezu dazu provoziert?
Gruss
Herr Maria


Uff, jetzt fährste aber schweres Geschütz auf! Das mit dem angeblichen Antisemitismus im Rheingold sehe ich überhaupt nicht so. Bereits beim ersten Kontakt mit dieser Oper habe ich die Figur des Alberich als wesentlich sympathischer wahrgenommen als die der Rheintöchter. Das Rheingold ist zu einem großen Teil Alberichs Geschichte. Sein Figur wird sichtbar durch "geschichtliche" Ereignisse geprägt und nicht durch "natürliche" negative Merkmale (bestimmte Eigenschaften sind von Natur aus so), wie sie im Antisemitismus und Rassismus oft verwendet werden.

So langsam bewegen wir uns hier aber ins Off-Topic ...

DiO :beatnik:
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75

Samstag, 14. April 2012, 14:05

Das mit dem angeblichen Antisemitismus im Rheingold sehe ich überhaupt nicht so. Bereits beim ersten Kontakt mit dieser Oper habe ich die Figur des Alberich als wesentlich sympathischer wahrgenommen als die der Rheintöchter. Das Rheingold ist zu einem großen Teil Alberichs Geschichte. Sein Figur wird sichtbar durch "geschichtliche" Ereignisse geprägt und nicht durch "natürliche" negative Merkmale (bestimmte Eigenschaften sind von Natur aus so), wie sie im Antisemitismus und Rassismus oft verwendet werden.
Okay, war etwas überspitzt. Was ich meinte, war ja, daß die Gier (der Kapitalismus) nicht strukturell kritisiert wird, sondern immer anhand gewisser Charaktere wie Alberich oder Loge, oder eben der Verführbarkeit eines Wotan und seiner Frau: Vielleicht ist das realistisch, so wie Alberichs Verhalten sympathisch oder zumindest verständlich wirkt: Am Ende ist er treibende Kraft der finalen Intrige von Hagen und co, die zum Tod Siegfrieds führt. Das meinte ich mit Vulgärantikapitalismus: es gibt einen Schuldigen, und seine Motive sind verständlich: Das ganze Tableau läuft ab wie ein Naturvorgang, wo überhaupt nichts einem freien menschlichen Willen ähnliches noch irgendeinen Einfluss nimmt.

Gruss
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76

Samstag, 14. April 2012, 15:18

Er will einen freien Helden schaffen. Das widerspricht sich, Siegmund wird nach Wotans Wunsch gezeugt und gelenkt. Er muss sterben, weil er Wotans Zweck bzw. "Gedanken" nicht erfüllen kann.
???
ich meine, es wäre Freia gewesen, die die Bestrafung der "widernatürlichen" Beziehung verlangt hat. Ansonsten gebe ich Dir recht: den freien Menschen schaffen, ist Wotan nicht möglich. Nur, will er das wirklich, und wenn ja, wofür?
Der 2. Akt Walküre ist schon verflixt. Fricka verlangt "Der Wälsung fällt meiner Ehre", nur, wieso? Wotan hat sich am Ende des Rheingolds in seinen Widersprüchen und Handlungen verstrickt. Er will einen freien Helden, ledig des Göttergesetzes schaffen. Daß dieser Held = Siegmund, nicht frei sondern gelenkt ist, hält ihm Fricka vor. Daß er sterben muß, ist die Konsequenz von Wotans Handeln.
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77

Samstag, 14. April 2012, 15:35

Die Musik des Schlusses ist m.E. eher "positiv", "Verklärend", jedenfalls keine als tragisch empfundene kosmische Katastrophe, sondern die Versöhnung mit der Natur und die Befreiung von Verträgen, Intrigen usw. Ob nun das Neue nun herrschaftsfreie Anarchie sein muss, wage ich nicht zu beurteilen.
Bei der Musik steht ja das Motiv am Ende, das bisher zum einzigen Mal im dritten Akt der Walküre erklungen war: als Sieglinde von Brünnhilde über ihre Schwangerschaft benachrichtigt worden ist und ihr dankt: O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid! Wolzogen (?) nannte dieses Thema "Motiv der allerlösenden Liebe" oder so ähnlich. Jedenfalls geht es musikalisch um eine allgemein-menschliche Utopie, nicht um den wiederhergestellten "Naturzustand" und nicht mehr um ein bestimmtes Individuum (die auf Wotan und Siegfried bezogenen Motive sind ja vorher gewissermaßen vom Feuer verschlungen worden).
nee :sev: . Können wir bitte erstmal den Begriff "Utopie" klären? lt. meiner Etymologie (Duden) bedeutet das "als undurchführbar geltender Plan, nicht realisierbare Idee; [...]" Und das Ende des Rings ist weder Plan noch undurchführbar. Am besten bringt das musikalische Leitthema am Ende der Götterdämmerung ein Text aus dem Programmheft der Staatsoper Stuttgart auf den Punkt. Auf S. 26 heißt es

"[...] Die Musik spricht hier plötzlich nicht mehr von der Vergangenheit , wie bisher mit dem komplexen Gewebe der Leitmotive, sondern von der Zukunft, die auf das Ende dieser Welt folgt. Das Motiv, das den Schluß von Brünnhildes letzter Ansprache beherrscht und am Ende allein übrigbleibt ist das der Sieglinde, die gerade erfahren hat, daß sie Mutter werden wird. Wie die Zukunft aussieht, das bleibt ganz und gar offen, aber daß es eine Zukunft gibt, daß da Mütter sein werden, spricht die Musik in aller Deutlichkeit aus. [...]"

Wobei ich die letzte Erwähnung von "Mütter" als `Mutter Erde`deute.
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78

Samstag, 14. April 2012, 17:57

Wie dem auch sei, für mich ist das Rheingold ein super Einstieg in die Wagner-Welt.
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pfuetz

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79

Mittwoch, 18. Juli 2012, 14:15

Oder hiermit:

Matthias
"Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
"Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
"Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
"Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

mmueller52

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80

Sonntag, 22. Juli 2012, 14:18

Ist zwar nicht von Wagner, aber eine Satire auf ihn und das Deutschtum: Die köstliche Operette "Die lustigen Nibelungen" von Oscar Straus. Wer Wagner für eine "heilige Musik" hält, wird sie allerdings eventuell als Sakrileg empfinden.


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