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Dienstag, 23. Juni 2009, 20:44

Bach, Wilhelm Friedemann – Ein Romantiker zwischen Barock und Klassik

Wilhelm Friedemann Bach, 1710 in Weimar geboren und 1784 in Berlin gestorben, war das zweite Kind und der älteste Sohn von Johann Sebastian Bach und dessen erster Frau Maria Barbara. Er wurde von seinem Vater gründlich musikalisch ausgebildet (u. a. waren die Inventionen und Sinfonien sowie der erste Teil des Wohltemperierten Klaviers für seinen Unterricht bestimmt) und erhielt daneben auch noch Violinunterricht bei Johann Gottlieb Graun. Seine erste Anstellung erhielt Wilhelm Friedemann 1733 als Organist der Sophienkirche in Dresden, von 1746 bis 1764 war er Musikdirektor und Organist der Marienkirche in Halle. Danach hatte er bis zu seinem Tod keine feste Anstellung mehr und versuchte, durch Unterricht, Konzerte und Komponieren seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Bemühungen um eine feste Anstellung als Organist u. a. in Braunschweig und Wolfenbüttel blieben erfolglos. Er starb 1784 völlig verarmt.

Johann Sebastian Bach hielt Wilhelm Friedemann für den talentiertesten Musiker unter seinen Söhnen. Dementsprechend hoch müssen seine Ansprüche und Erwartungen an ihn gewesen sein, und letztlich werden die Schwierigkeiten, die Wilhelm Friedemann im Laufe seines Lebens immer wieder hatte, heute als Reaktion auf die Überforderung durch den übermächtigen Vater erklärt. Seine beiden Anstellungen in Dresden und Halle erhielt Wilhelm Friedemann durch Vermittlung seines Vaters, und besonders bezeichnend ist, dass Wilhelm Friedemann erst nach dem Tod seines Vaters heiratete (1751). Mit seiner Frau Dorothea Elisabeth, geborene Georgi, hatte er drei Kinder, wobei die 1752 und 1754 geborenen Söhne bereits im Kindesalter starben und nur die 1757 geborene Tochter das Erwachsenenalter erreichte.

Nach der Beschreibung seines Orgelschülers Friedrich Wilhelm Rust war Wilhelm Friedemann ein finsterer, unnahbarer Charakter, ein verschlossener und schwieriger Mensch. In den Akten des Hallenser Rats steht folgende Aussage über ihn: "Sonderbares Betragen, unanständiger Wandel und Eigensinn."

Als Komponist war Wilhelm Friedemann sehr eigensinnig und auf eine Art und Weise originell, die seine Zeitgenossen nicht mehr nachvollziehen konnten. Die Erwartungen des Publikums schienen für ihn keine Rolle zu spielen, dementsprechend gering war sein Erfolg. In seinem Ausdruckswillen weist er in einigen Stücken schon weit über die Klassik hinaus in die Romantik hinein; in seinen 12 Polonaisen für Klavier beispielsweise finden sich neben eher konventionellen Tanzsätzen unglaublich kühne und ausdrucksstarke Sätze, die auch den heutigen Hörer zunächst ratlos zurücklassen und eher an romantische Charakterstücke erinnern (so Nr. 2 in c-moll und Nr. 4 in d-moll). Die acht Fugen für Cembalo, komponiert für die Prinzessin Anna Amalia von Preußen, sind in ihrer Art einmalig: In ihnen gelingt Wilhelm Friedemann eine höchst beeindruckende Synthese aus damals modernem "galanten" Stil und strenger Kontrapunktik.

Das auch heute noch verwendete Werkverzeichnis geht auf Dr. Martin Falck zurück, der es 1913 herausgegeben hat. Nur ein Bruchteil der dort verzeichneten Werke ist aktuell auf CD verfügbar. Ob der 300. Geburtstag Wilhelm Friedemanns im Jahr 2010 daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

Beim Label Naxos gibt es zwei CD's mit Werken für Tasteninstrumente. Diese CD enthält die erwähnten acht Fugen Falck 31 für Cembalo:



Eine weitere CD enthält die 12 Polonaisen Falck 12:



Vier geistliche Kantaten sind bei Capriccio verfügbar:



Das Freiburger Barockorchester hat einige Konzerte aufgenommen, u. a. auch das recht bekannte Konzert für zwei Cembali und Streicher Falck 46:



Bei cpo gibt es eine CD mit Kammermusik:



:wink: Fugato

Dieser Beitrag ist bereits an anderer Stelle erschienen und wurde für dieses Forum überarbeitet und erweitert.


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Dienstag, 23. Juni 2009, 22:25

Vielen Dank

für deinen ausführlichen Beitrag über W.F.Bach.Zur Zeit übe ich die Duette für 2 Flöten.Nicht einfach(für mich,als Anfänger)aber wunderschön.

Liebe Grüße
Anmasi

3

Mittwoch, 24. Juni 2009, 13:07

Vielen Dank für diese Eröffung eines Threads über einen meiner Liebklingskomponisten - ich hatte bei dem "anderen" Forum einen eröffnet, aber bisher zu wenig Zeit meine Beiträge dort zu überarbeiten - und mich auch entschlossen, noch zu warten, denn erst bzw. endlich im Januar 2010 erscheint das seit mindestens fünf Jahren angekündigte überarbeitete Werkverzeichnis von Peter Wollny im Carus Verlag, das Klarheit in einige recht komplizierte Sachverhalte bringen wird ...


Das auch heute noch verwendete Werkverzeichnis geht auf Dr. Martin Falck zurück, der es 1913 herausgegeben hat. Nur ein Bruchteil der dort verzeichneten Werke ist aktuell auf CD verfügbar. Ob der 300. Geburtstag Wilhelm Friedemanns im Jahr 2010 daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

Da auch die ersten Bände der Gesamtausgabe der Werrke Wilhelm Friedemann Bachs erst im Januar erscheinen werden, ist dies bei der Langatmigkeit der Plattenfirmen wohl etwas zu spät - allerdings scheint der Verlag interessierten Interpreten einige Vorabdrucke zur Verfügung zu stellen. Der erste Band im Janurt 2010 wird die Sonaten für Clavier enthalten, die z.Zt. nur in einem Nachdruck der alten Ausgabe aus Nägeles Musik-Archiv zu haben sind. Deren Text geht immerhin auf einen Friedemann-Vertrauten zurück. Brauchbare Noten gibt es von den Polonaisen und den Fugen (2 Ausgaben, die von Paul Simmonds ist die bessere, weil sie auf das einzige Druckexemplar des Werkes zurückgreift) sowie den Clavierfantasien (im Schott Verlag).

Zitat

Beim Label Naxos gibt es zwei CD's mit Werken für Tasteninstrumente. Diese CD enthält die erwähnten acht Fugen Falck 31 für Cembalo:



Eine weitere CD enthält die 12 Polonaisen Falck 12:




So erfreulich die Initiative von Naxos ist, ich kann diese beiden CDs nicht empfehlen. Julia Brown spielt die Fugen dermaßen agogisch, daß man die Themen kaum verfolgen kann, und bei deren rhythmisch etwas vertrackter Gestalt ist eine metrisch genaue Rhythmik unerläßlich. Bei den auf der gleichen CD enthaltenen Fantasien mag das noch angehen, aber auch hier übertreibt sie eher und egalisiert tendenziell die Tempocharakteristiken der einzelnen Abschnitte dieser faszinierenden Stücke. Außerdem spielt sie (wie auch Rousset, Hoeren, Spiri und Gratton) die c-moll Fantasie Falck nv2, die nicht von W.F. Bach, sondern von Johann Wilhelm Hässler ist, unter dessen Namen sie 1776 in Leipzig im Druck erschienen ist - man lese das Vorwort zu Peter Schleunings Ausgabe der Fantasien im Schott Verlag, die immerhin seit 1974 vorliegt! (In einer neuen CD wird dieses Stück sogar besonders gelobt ... im aktualisierten Werkverzeichnis wird dieses Stück aber nicht mehr vorhanden sein.)

Von den Polonaisen sind im Lauf der Jahre einige Kompletteinspielungen erschienen: Christophe Rousset (Cembalo), Steve Barrell (Clavichord), Harald Hoeren (Fortepiano), Paul Simmonds (Clavichord), Robert Hill (Fortepiano), sowie einzelne Stücke auf CDs von Gustav Leonhardt, Guy Penson, Maude Gratton, Anthony Spiri ...
Die mit Abstand beste ist die von Paul Simmonds. Hier stimmt alles, Tempowahl, Ausdruck, kritische Auseinandersetzung mit dem Notentext (Hill z.B. läßt nicht nachvollziehbar einige Wiederholungen weg, die wegen der fast immer konsequent zweiteiligen Form mit längeren zweiten Teil immer eine Funktion haben), und das optimale Instrument: Die Quellen legen nahe, daß die Polonaisen für das Clavichord gedacht war. Es lässt weit mehr Nuancen zu wie die von Hoeren oder Hill verwendeten Hammerklaviere.
Da die CD auch noch eine exemplarische Einspielung der Acht Fugen enthält, ist sie erste Wahl, zu beziehen über den Interpreten (da kann man gleich die Noten mitbestellen) oder London Independent Records - JPC hat diese CD nicht, bei amazon ist sie viel zu teuer. Man lasse sich vom Clavichord nicht abschrecken: diese CD ist der beste Wilhelm Friedemann Bach, den ich habe, und ich besitze fast alle CDs mit Musik von ihm. Ein größeres Cover kann ich leider nicht verlinken:

http://www.paulsimmonds.com/images/lir014.jpg

4

Mittwoch, 24. Juni 2009, 13:25

Eine weitere empfehlenswerte Aufnahme ist die der Acht Fugen zusammen mit drei wahrscheinlich in der gleichen Zeit entstandenen Sonaten von Ewald Demeyere:



Er spielt allerdings einen französischen Typus Cembalo, eine Hemsch-Kopie, die weniger gut für diese Musik geeignet scheint, auch holt er nicht das Optimum an Ausdruck aus den Stücken.

Mehr an Expressivität hört man da bei Maude Gratton, die zwischen einem ausgesprochen schön klingenden Mietke-Nachbau und einem Clavichord wechselt. Sie präsentiert eine Auswahl von Sonaten, Fantasien, Fugen und Polonaisen und legt sich richtig rein in diese Stücke. Gratton ist Schülerin von Pierre Hantai und Christophe Rousset (letzterer hatte auch sein Solo-CD-Debüt sogar zweifach mit W.F.Bach gemacht). Allerdings spielt auch sie die von Hässler komponierte c-moll Fantasie FK vv2 ...




Unter den lieferbaren CDs möchte ich noch die von Charlotte Mattax erwähnen: Sie spielt sechs der neun Cembalosonaten, auf einem Französischen Typus, der aber etwas kerniger klingt als bei Demeyere. Sie hat einen guten überzeugenden Zugriff auf diese Stücke, mit einer Ausnahme, das Largo con tenerezza einer Sonate nimmt sie zu schnell und nicht zärtlich genug.



Andere emphlenswerte CDs sind vergriffen, dazu später mehr in speziellen Threads im barocken Clavierforum.

5

Mittwoch, 24. Juni 2009, 13:51

RE: Bach, Wilhelm Friedemann - ein Romantiker zwischen Barock und Klassik


Nach der Beschreibung seines Orgelschülers Friedrich Wilhelm Rust war Wilhelm Friedemann ein finsterer, unnahbarer Charakter, ein verschlossener und schwieriger Mensch. In den Akten des Hallenser Rats steht folgende Aussage über ihn: "Sonderbares Betragen, unanständiger Wandel und Eigensinn."


Der kleinkarierte Hallenser Rat ist sicherlich nicht die beste Adresse zur Beurteilung von Friedemanns Persönlichkeit - die haben ihn ebensowenig zu schätzen gewuß wie die Leipziger Thomaner den Vater. Man lese den Beitrag "Fehleinschätzung: Zu Wilhelm Friedemann Bachs Biographie" von Stefan Gies in dem für eine ernsthafte Beschäftigung unentbehrlichen Buch aus dem Dresdner Sandstein Verlag



Über seinen Charakter wissen wir letztendlich fast nichts, und wem nützen z.B. immer wider kursierende Bemerkungen über seinen angeblichen Alkoholkonsum? Auch der Papa hat gerne getrunken, da redet keiner drüber. Da wirken immer noch Brachvogels unsäglicher Roman und der Film mit Gründgens in der Hauptrolle nach. Wir sollten uns solcher Aussagen enthalten wenn sie nicht mit zuverlässigen Quellen zu belegen sind. Was sagt Rust genau, und wo steht das? ?(

6

Mittwoch, 24. Juni 2009, 14:12

Lieber Miguel54,

ganz herzlichen Dank für Deine zahlreichen und fachkundigen Ergänzungen. Erst jetzt habe ich festgestellt, daß Du Dir diesen Komponisten bereits hier reserviert hattest, was mir bei Eröffnung des Threads leider nicht bekannt war - sonst hätte ich dies natürlich respektiert. Nach Lesen Deiner Beiträge habe ich ohnehin den Eindruck, daß Du Dich viel eingehender mit diesem Thema beschäftigt hast und ich mich besser zurückgehalten hätte.

:wink: Fugato


7

Mittwoch, 24. Juni 2009, 14:53

Nichts für ungut - auf die Idee bei den Themenreservierungen nachzugucken, müsste ich wahrscheinlich auch erst mal kommen.

Ich bin bei meiner Beschäftigung mit Wilhelm Friedemann an dem Punkt angekommen, wo ich wirklich lieber auf das neue Werkverzeichnis warten möchte. Da kursiert im Internet eine vorläufige Fassung, aber da stimmt nicht alles mit der in dem oben angegebenen Buch überein, also bin ich vorsichtig.
Da wurde in Berlin nach Falcks Tod eine Handschrift mit einigen ihm nicht bekannten Stücken gefunden (das sind die mit Falck nv Nummern), von denen sich die meisten bisher als Fehlzuschreibungen entpuppt haben, aber da scheint eine Druckausgabe zu existieren, die ich bisher nicht gefunden habe, nach der diese Stücke gespielt werden.
Die Ausgabe der Orgelstücke im Peters Verlag ist überholt, der zweite Band inzwischen auch vergriffen. Das wird noch ein paar Jahre dauern ... Es gibt wenige und dann auch nur verstreut publizierte Detailinformationen. Peter Wollny ist der Experte, aber eine Biografie wird er wohl nicht schreiben. Da käme auch nicht viel bei raus. Denn alles, was meist in anekdotischer Form über Friedemanns Charakter überliefert ist, kann man getrost beiseite lassen. Dann bleiben nur die Fakten über, die ich hier in den nächsten Tagen einstellen werde.

8

Mittwoch, 24. Juni 2009, 17:31

Ich wäre Dir wirklich äußerst dankbar, wenn Du den Satz mit dem Alkohol streichen würdest - davon daß viele Autoren ihn abschreiben, wird der Wahrheitsgehalt nicht größer.
Habe ich auf Deine Bitte hin getan, allerdings wider besseres Wissen. Die Beurteilung Bachs durch Friedrich Wilhelm Rust habe ich aus dieser Quelle beim MDR. Dort findet sich auch der folgende Satz:

Zitat

Heutzutage, so Peter Wollny vom Leipziger Bacharchiv, würde man ihn [Wilhelm Friedemann Bach] einen "Quartalsäufer" nennen.
Diese Aussage ist nun nicht von mir, sondern von Wollny, laut Deinem Bekunden der Experte in Sachen Wilhelm Friedemann Bach. Ganz wegdiskutieren wird man den Alkohol also nicht können...

:wink: Fugato


9

Mittwoch, 24. Juni 2009, 20:57

Vielleicht noch eine Ergänzung zu meinem letzten Posting: Es geht mir ganz und gar nicht darum, Wilhelm Friedemann Bach zu verunglimpfen. Ich halte ihn für einen genialen und leider weithin unterschätzten Komponisten. Genies treten nach anderen Gesetzen an als normale Menschen, und deshalb wäre es falsch, an ihr Leben und ihr Verhalten die gleichen Maßstäbe anzulegen, die man bei Mitmenschen im täglichen Leben verwendet. Der Alkohol gehört zu Wilhelm Friedemann wie die Fäkalsprache der Bäsle-Briefe zu Mozart. Sie sind eine (aber eben nur eine!) Facette einer komplexen Persönlichkeit, bei der wegen ihrer überragenden Fähigkeiten auf einem speziellen Gebiet (hier der Musik) die üblichen Maßstäbe versagen. Wir würden diese Facette vielleicht gern ausblenden, weil sie nicht so recht in das romantisch-idealisierte Bild passen will, aber sie ist nun einmal da und tut der Wertschätzung als Komponist keinerlei Abbruch - so sehe ich das zumindest.

:wink: Fugato


10

Mittwoch, 24. Juni 2009, 22:56

Ich kenne diese Bemerkung von Wollny beim mdr und habe mich offen gesagt etwas gewundert - angesichts der zähen Klebrigkeit des Images, das Brachvogel W.F. verpasst hat, wundert es mich wieder nicht. Ich traue dem Vorstellungstext eines Rundfunkfeatures nur bedingt, wer weiß, was da die Redaktion aus welcher Äußerung gemacht hat. Da gibt es eine anekdotische Zeitzeugenüberlieferung, nach der er nachts betrunken über einen Schloßplatz bei Dresden getaumelt sein soll - ich kann gerade nicht finden, wo ich das gelesen habe. Bei Falck, der so ziemlich alles in der Hand gehabt hat, was zu seiner Zeit an Dokumenten und Quellen verfügbar war, findet sich nichts hierzu. Nun denn ... Es scheint eine unendliche Sehnsucht der Publizistik und des Publikums nach solchen gut verwertbaren Ereignissen zu geben, denn sich nur mit der Musik zu beschäftigen, ist ja so anspruchsvoll und langweilig ... und bei W.F. erst recht und bis heute. Bei Clara Schumann scheinen sich auch viele mehr dafür zu interessieren, ob sie wirklich mit Brahms im Bett war, als für ihre Musik - es gäbe viele Beispiele. Bei W.F. steht dieses Image der Rezeption dermaßen im Weg, daß man ihm meiner Ansicht nach einfach keinerlei Nahrung mehr geben sollte.
Aber das ist ja das gute, daß man es der Musik nicht anhören kann, ob jemand ein Quartalssäufer war oder was auch immer - also kann man es auch bleiben lassen, denn in vielen Fällen - und dazu zähle ich W.F. ganz eindeutig - bringt es nichts für das Verständnis der Musik. Bei dem Unverständnis und den widersprüchlichen Reaktionen, die seine Zeitgenossen ihm entgegenbrachten, kann ich mir seinen Frust und evt. Auswüchse auf der anderen Seite aber auch gut vorstellen. Dennoch: Stefan Gies betont in seinem oben von mir erwähnten Artikel, daß der soziale Anstieg W.F.s erst zwanzig Jahre nach dem Tod des Vaters einsetzte. Da war er 60, galt als der beste Orgelimprovisator in Deutschland, aber gerade das verhinderte seine erneute Einstellung als Organist: Zu gut, vielleicht zu teuer, zu selbstbewußt ... ein jüngerer war billiger und anpassungswilliger, und man mußte nicht soviel Befürchtungen bzgl. Krankheit und Tod haben. Gies meint auch: "Kein Beleg findet sich hingegen für einen ihm immer wieder nachgesagten ausschweifenden Lebenswandel."

Hauptsache, wir sind uns in der Einschätzung seiner musikalischen Qulitäten einig! Laß uns munter dafür streiten!
Ich danke Dir für die kleine zensorische Maßnahme, ich habe meine Posts auch entsprechend geändert. Du hast was gut bei mir. :wink:

11

Donnerstag, 25. Juni 2009, 00:07

Danke, lieber Fugato, für diesen Thread zu einem geheimnisumwitterten Menschen, dessen wenige musikalische Hinterlassenschaften ahnen lassen, welches Genie er in sich getragen und leider nicht ausgetragen hat. Auf dem berühmten lebendigen Portraitgemälde, das ihn darstellen soll und das mindestens jedes zweite Cover einer CD von ihm ziert, macht er einen recht sympathischen, schalkhaften Eindruck. (Leider ist wohl nicht restlos geklärt, wer der Maler des Bildes war und ob der Dargestellte überhaupt Friedemann ist.)

So erfreulich die Initiative von Naxos ist, ich kann diese beiden CDs nicht empfehlen.
Dieses Urteil kann ich für die CD mit Robert Hill nicht nachvollziehen, sie gehört zu meinen liebsten CDs überhaupt und neben meiner subjektiven Verfasstheit und Friedemanns Genialität dürfte meine Begeisterung auch auf das Konto von Hills espritreichem Spiel gehen. Ich kann die CD nur jedem empfehlen, der einen Erstkontakt mit der Musik Friedemann Bachs sucht. Er wird eine Tastenmusik entdecken, die um 1750 ihresgleichen sucht. [verbessere: um 1760, s. Posting von Miguel54]]

Zitat

Die mit Abstand beste ist die von Paul Simmonds. Hier stimmt alles, Tempowahl, Ausdruck, kritische Auseinandersetzung mit dem Notentext (Hill z.B. läßt nicht nachvollziehbar einige Wiederholungen weg, die wegen der fast immer konsequent zweiteiligen Form mit längeren zweiten Teil immer eine Funktion haben), und das optimale Instrument: Die Quellen legen nahe, daß die Polonaisen für das Clavichord gedacht war. Es lässt weit mehr Nuancen zu wie die von Hoeren oder Hill verwendeten Hammerklaviere.
Ich fände es wirklich sehr schade, wenn sich jemand durch dieses Urteil davon abhalten ließe, der Hill-CD eine Chance zu geben. Immerhin ist sie Low-Budget und Friedemann Bachs Polonaisen sind alles andere als bekannt, obwohl sie es verdient hätten! Ich kann die anderen Einspielungen mangels Kenntnis nicht beurteilen, Simmonds mag ja erste Wahl sein, aber deshalb ist Hill doch nicht nicht empfehlenswert. :shake: (Die kleine philologische Laxheit habe ich nicht als störend empfunden.)

Dass Hill auf dem Fortepiano spielt, spricht für mich nicht gegen ihn. Im Gegenteil, ich glaube nämlich nicht, dass Cembalos oder Clavichorde geeignet sind, Friedemann Bachs Musik in breiteren Kreisen populär zu machen. Wessen Hörgewohnheiten Chopin, Schumann, Brahms etc. sind - oder J.S. Bach auf dem Piano -, der wird das Fortepiano eher zu schätzen wissen. (Das nun empfinde ich bei dieser Musikwohltuender als einen modernen Konzertflügel.)

Mich macht das Urteil ratlos, inwieweit das Clavichord weit mehr Nuancen zulässt als die auf den anderen CDs gespielten Hammerklaviere. Basiert dieses Urteil auf harten Fakten?

Zu den Quellen, die nahelegen, dass die Polonaisen für das Clavichord gedacht waren: Die Alternativen um 1750 wären das Cembalo und die Orgel gewesen. [verbessere: um 1760, s. Posting von Miguel54]]

Trotz meiner Einwände aber auch an dich, lieberMiguel54, ein Dankeschön für die vielen wertvollen Informationen.

Grüße,
Jürgen :wink:
--

"Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
Alfred Brendel

"Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

12

Donnerstag, 25. Juni 2009, 11:35

Ich hätte mein Urteil etwas differenzierter darstellen sollen, aber dafür fehlt mir momentan einfach die Zeit. Aber wenn Du wie ich fünf Gesamteinspielungen der Polonaisen nebeneinander hörst, mit dem Notentext daneben, der auf guten Quellen basiert, die z.T. autograph sind, dann schneidet Hill eindeutig nicht als erster ab. Seine Tempi sind unruhig, inkonsistent, die erste Polonaise nimmt er z.B. so schnell, daß er die Verzierungen nicht mehr im gleichen Tempo anbringen kann. Das Instrument, ein Cristofori-Nachbau seines Bruders Keith Hill, klingt seltsam neutral, zeigt wenige Klangfarben. Fast möchte ich denken, es ist das Instrument, daß zu einem derartig verhuddelten Spiel verleitet ... Ich habe einiges von Hill, und das ist von allen seine schwächste CD. An der Agogik liegt es nicht, die gehört dazu, aber hier scheint er einen schlechten Tag gehabt zu haben, es klingt einfach nicht konsistent.
Wenn Fortepiano, dann Harald Hoeren - auf einem Heilmann-Nachbau von Derek Adlam, der perkussiver klingt, aber mehr Nuancen bietet. Man sollte eine Eingabe an CPO machen, dass sie diese CD zum W.F.-Jubeljahr wieder auflegen.
Bester ist Paul Simmonds, wenn Du sie gehört hast, weißt du warum. Früher hätte ich so gedacht wie Du bzgl. Clavichord und Publikum, aber seitdem ich Simmonds gehört habe ... Kauf sie Dir und staune und schwelge!
Steve Barrell spielt sehr gut, kommt aber nicht an Simmonds heran. Rousset benutzt nicht näher identifiziertes aber sehr brilliant, fast aufdringlich klingendes Cembalo. Seine Spielweise ist fantastisch, aber ich kann den Klang (oder die Aufnahme) dieses Cembalo nur in kleinen Dosen ertragen, und ich bin ein Cembalo-Freak.
Natürlich kann man diese Stücke auf dem Fortepiano oder Cembalo spielen, für die Orgel sind sie nicht geeignet, das Clavichord ist nach den Quellen aus dem Umkreis von W.F. die erste Wahl.

Mehr demnächst in einzelnen Threads zu allen Werkgruppen W.F. Bachs.

13

Donnerstag, 25. Juni 2009, 11:50

Er wird eine Tastenmusik entdecken, die um 1750 ihresgleichen sucht.

Die Datierung aller Werke W.F. Bachs ist sehr schwierig, bei den Polonaisen sind die Jahre 1754 bis 1765 letzter Stand der Forschung.

Zitat

Die Polonaisen, so kommt es mir vor, sind Musikstücke, die auch der Vater Bach hätte schreiben können, wenn er den Anschluss an die nachfolgende Generation gesucht hätte. Das hat er nicht, und ich vermute, nicht aus Altersresignation, sondern weil er einen Sohn gehabt hat, den er auf diesem Gebiet nicht hätte übertrefen können und wollen; er wird mächtig stolz auf ihn gewesen sein, als er seinen Sohn diese Musik hat spielen hören (ich vermute das).

Vermuten kann man vieles - ich empfehle die Lektüre von Falcks nach wie vor unentbehrlicher Monographie, die antiquarisch problemlos zu bekommen ist, sowie des Symposiums-Bandes den ich oben verlinkt habe. Das Verhältnis der beiden lädt zu Spekulationen ein - Stefan Gies schreibt auch hierzu sehr sinnvolles.Andreas Friesenhagen leider vergriffenes Buch "Die Brüder Bach" ist auch sehr gut.

Ich denke ganz und gar nicht, dass Vater Bach diese Stücke hätte schreiben können! Am nächsten sind sie sich noch in den Cembalo-Konzerten, und selbst da sind die Unterschiede für meine Ohren eklatant.

14

Donnerstag, 25. Juni 2009, 14:53

Hallo Miguel54,
Die Datierung aller Werke W.F. Bachs ist sehr schwierig, bei den Polonaisen sind die Jahre 1754 bis 1765 letzter Stand der Forschung.
danke für die Richtigstellung. Da bin ich einem Verleser aus dem Hill-Booklet aufgesessen (etwa 40 Jahre nach dem 22. Januar 1720, dem Beginn des Clavier-Büchlein vor Wilhelm Friedemann Bach, ergibt um 1760). Das erübrigt natürlich alle Spekulationen, ob der alte Bach die Polonaisen gekannt hat.

Zum Hill: Ich kann deiner differenzierten Argumentation nichts hinzufügen und erst recht nichts entgegensetzen. Und trotzdem empfinde ich Hills Spiel nicht als zu unruhig und inkonsistent, sondern finde nahezu jede Polonaise gelungen und denke, "so muss man sie spielen".

Zitat

Wenn Fortepiano, dann Harald Hoeren - auf einem Heilmann-Nachbau von Derek Adlam, der perkussiver klingt, aber mehr Nuancen bietet. Man sollte eine Eingabe an CPO machen, dass sie diese CD zum W.F.-Jubeljahr wieder auflegen.
Bester ist Paul Simmonds, wenn Du sie gehört hast, weißt du warum. Früher hätte ich so gedacht wie Du bzgl. Clavichord und Publikum, aber seitdem ich Simmonds gehört habe ... Kauf sie Dir und staune und schwelge!
Schau mer mal, die werden sich doch im Jubeljahr hoffentlich das Geschäft (auch wenn es kein großes sein mag) nicht entgehen lassen. Und ich hoffe natürlich, dass CPO und andere Labels ihre Friedemann-CDs etwas kostengünstiger unter die Leute bringen.

So, jetzt hab ich glücklicherweise doch noch im Netz Hörschnipsel von Simmonds und von Hoeren hören (!) können:
Paul Simmonds
Harald Hoeren

Ich kann Simmonds leider wenig abgewinnen, mir gefällt der Klang des Clavichords nicht und auch nicht seine Spielweise. Ähnlicher Eindruck bei Hoeren, seine Fortepiano klingt mir zu sehr nach Cembalo und die Dynamik finde ich bei ihm übertrieben terrassenhaft. Hill dagegen überzeugt mich durch sein sehr flüssiges, phrasiertes Spiel, das für mich längst nicht so ruppig klingt wie bei den beiden "Saitenzupfern".

Möge sich aber jeder seinen eigenen Höreindruck machen, das ist wirklich nur mein subjektiver Geschmack. Möglicherweise fehlt mir einfach das "Cembalo-Ohr" - und das Ohr für die dem Cembalo gemäße Spielweise. Oder ich habe einfach ein klassisch-romantisches Klang-Ideal, weshalb Hill mich eher anspricht.

Wie geht es den anderen?

Zitat

Mehr demnächst in einzelnen Threads zu allen Werkgruppen W.F. Bachs.
Fein! :)

Grüße,
Jürgen :wink:
--

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15

Donnerstag, 25. Juni 2009, 17:19

So viele CD Aufnahmen sind von W.F. Bach jetzt hereingestellt wurden.Ich suche schon eine ganze Weile nach einer guten Aufnahme von den 6 Duette für 2 Flöten.Ich hoffe sehr,dass ihr mir hier eine empfehlen könnt.
Liebe Grüße
Anmasi

16

Freitag, 26. Juni 2009, 11:17

So viele CD Aufnahmen sind von W.F. Bach jetzt hereingestellt wurden.Ich suche schon eine ganze Weile nach einer guten Aufnahme von den 6 Duette für 2 Flöten.Ich hoffe sehr,dass ihr mir hier eine empfehlen könnt.
Liebe Grüße
Anmasi

Da gibt es inzwischen mehrere, auf barocken bzw. nachgebauten Flöten sowie auf modernen incl. Transskriptionen für Oboen etc. - ich kenne nur die auf historischen Flöten. Die dem Instrument eigentümlichen Zwischentöne und Farben, durch die Grifftechnik bedingt, gehen auf modernen Flöten verloren. Da W.F. wie sein Vater mir den besten Flötisten seiner Zeit in Dresden und Berlin bekannt war (Quantz, Buffardin), hat er mit die anspruchsvollste Musik für Flöte in seiner Zeit geschrieben und wußte genau, was geht.

Einfach zu bekommen und sehr gut gespielt ist die von Barthold Kuijken und Marc Hantai:



Ebenso gut ist die von Konrad Hünteler und Michael Schmidt-Cassdorf, aber die ist vergriffen - Hünteler spielt hier die traumhaft schön klingende original Denner-Flöte:



Speilst Du moderne Flöte? Auch dann ist es hilfreich zu hören, wie das auf den Instrumenten der Zeit geklungen haben könnte ...

17

Freitag, 26. Juni 2009, 11:21


Ich kann Simmonds leider wenig abgewinnen, mir gefällt der Klang des Clavichords nicht und auch nicht seine Spielweise. Ähnlicher Eindruck bei Hoeren, seine Fortepiano klingt mir zu sehr nach Cembalo und die Dynamik finde ich bei ihm übertrieben terrassenhaft. Hill dagegen überzeugt mich durch sein sehr flüssiges, phrasiertes Spiel, das für mich längst nicht so ruppig klingt wie bei den beiden "Saitenzupfern".


Wen meinst Du denn mit den Zupfern? :D

Clavichord fordert einer Hifi-Anlage das äußerste ab - und die komprimierten Klangschnipsel klingen da wirklich scheußlich. Komm mal bei mir vorbei zum Vergleichshören!

Die Terassendynamik steht so in den Noten! Das setzt Hill kaum um, ich frage mich sich warum.

18

Freitag, 26. Juni 2009, 15:05

Wen meinst Du denn mit den Zupfern? :D
Na diejenigen, welche so spielen, als würden sie eine Allongeperücke tragen. :mlol: (SCNR.)
Clavichord fordert einer Hifi-Anlage das äußerste ab - und die komprimierten Klangschnipsel klingen da wirklich scheußlich. Komm mal bei mir vorbei zum Vergleichshören!
Ich weiß nicht, ich glaub, du würdest mich gleich wieder aus deiner guten Stube werfen. :rolleyes:

Aber vielleicht auch nicht. An der Klangqualität könnte vielleicht unter Umständen möglicherweise etwas dran sein, conjunctivus hypermegahypotheticus. 8) Meine HiFi-Anlage leistet mir einen guten Dienst, ich war immer zufrieden mit ihr, trotzdem gehört sie eher in die untere Preis- und Leistungsklasse.

Wäre übrigens eine herrliche Paradoxie, wenn der Klang der ältesten Instrumente wirklich nur mit der modernsten Technik leidlich anhörbar sein sollte. :D

So, genug der Lacher und Grinser, ich schalte mal wieder zurück in den Seriös-Modus:
Die Terassendynamik steht so in den Noten! Das setzt Hill kaum um, ich frage mich sich warum.
Wohl eine reine Geschmacksentscheidung von Hill. Und ich teile seinen Geschmack: Auf dem Hammerklavier klingt - für mich - stufenlose Dynamik und phrasiertes Spiel gefälliger und einfach überzeugender. Als Interpret hat Hill die Lizenz, sich nicht streng an die Noten halten zu müssen, wenn es dem künstlerischen Ausdruck dient.

Als Friedemann Bach die Polonaisen für den Druck vorbereitete, hatte er offenbar, wie die dynamische Notation zeigt, Clavichordspieler im Sinn. - Das muss ich jetzt einräumen. - Auch markttechnisch ergäbe das Sinn, selbst wenn solche Überlegungen wohl wenig zu Friedemanns Persönlichkeit passen. Aber dann wurden die Polonaisen doch nicht zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, sondern kursierten nur in vielen Handschriften.

Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Ich fürchte, sehr wenige, wir kennen ja nicht die Umstände, die Friedemann Bach dazu bewogen, die Polonaisen im Druck herauszugeben. Nur diesen: Die Polonaisen waren offensichtlich zu schwer für den normalen Clavichord-Liebhaber.

Hammerklaviere, die ein dynamisches Spiel erlaubten, gab es m.W. erst später bzw. dürften damals noch nicht sehr verbreitet gewesen sein, oder? Seit wann ist übrigens die Notation stufenloser Dynamik überliefert? (Clementi?)


Grüße,
Jürgen :wink:
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Freitag, 26. Juni 2009, 17:46


Als Friedemann Bach die Polonaisen für den Druck vorbereitete, hatte er offenbar, wie die dynamische Notation zeigt, Clavichordspieler im Sinn. - Das muss ich jetzt einräumen. - Auch markttechnisch ergäbe das Sinn, selbst wenn solche Überlegungen wohl wenig zu Friedemanns Persönlichkeit passen. Aber dann wurden die Polonaisen doch nicht zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, sondern kursierten nur in vielen Handschriften.

Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Ich fürchte, sehr wenige, wir kennen ja nicht die Umstände, die Friedemann Bach dazu bewogen, die Polonaisen im Druck herauszugeben. Nur diesen: Die Polonaisen waren offensichtlich zu schwer für den normalen Clavichord-Liebhaber.

Hammerklaviere, die ein dynamisches Spiel erlaubten, gab es m.W. erst später bzw. dürften damals noch nicht sehr verbreitet gewesen sein, oder? Seit wann ist übrigens die Notation stufenloser Dynamik überliefert? (Clementi?)

Ob die doch recht sorgfältige Abschrift der Polonaisen, die zur Hälfte von Wilhelm Friedemanns Hand stammt, wirklich zur Vorbereitung einer Druckausgabe diente, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Er hatte zuvor eine Serie von sechs Cembalosonaten geplant, die erste wurde gedruckt, verkaufte sich aber schlecht, eine zweite war angekündigt und erschien dann wie der Rest der Serie nicht. Erst Jahre später wurde eine weitere Sonate gedruckt. Die erste gedruckte zählt Wollny zu dem technisch schwierigsten an Claviermusik im 18. Jahrhundert! Friedemanns Musik galt als schwierig und eigensinnig. Sie ist technisch auch durchaus anspruchsvoll, formal ungewöhnlich. Polonaisen waren einerseits in Mode, gerade unter Bach-Schülern hatten Goldberg und Müthel welche geschrieben und/oder publiziert, die aber wesentlich eingängiger sind. Leichtere Kost für "Kenner und Liebhaber", was man von W.F.s wirklich nicht behaupten kann. Da tut sich ein ganzer Kosmos auf, jede ist anders, fordert andere Charkteristika, ist auch dem zugrundeliegenden Rhythmusmodell z.T. nur sehr bedingt unterworfen. Andererseits waren sie ziemlich verbreitet, es existieren mehr Anschriften als von anderen seiner Werke. Aber die hatten ja die Kollegen gemacht. Für das allgemeine Publikum waren sie sicherlich zu schwer. Sein Ruf als bester Orgelimprovisator in deutschen Landen tat ein übriges. Die Ausgabe hätte wie bei der zweiten Sonate wohl nicht einmal die Druckkosten wieder eingebracht, was er sich damals schon nicht mehr leisten konnte.

Welche Tasteninstrumente W.F. neben der Orgeln, von denen Konzerte dokumentiert sind, konkret gespielt oder bevorzugt hat, darüber wissen wir noch weniger. Eine allgemeine Aussage, daß die Polonaisen in erster Linie fürs Clavichord gedacht sind, wie sie über Forkel zu Griepenkerl, dem Herausgeber des ersten Drucks 1816 überliefert ist, ist schon sehr viel ...Die Terassendynamik bezieht sich natürlich in erster Linie auf ein zweimanualiges Cembalo und hat bezogen auf die formale Strukur durchaus ihren Sinn. Die sollte der Interpret schon beherzigen, wenn auch nicht unbedingt plump terassenmäßig. Bei Hill lese ich mit und sehe, wie er die Dynamik regelmäßig einfach ignoriert ... Und eine gewisse rhythmische Gleichmässigkeit tut auch gut, weil das Rhythmusmodell der Polonaise wirklich bis zum äußersten strapaziert ist - weiter ging nur noch Chopin.

20

Samstag, 27. Juni 2009, 00:23

Ich möchte gerne auf zwei doch sehr informative Radio-Features von Hanno Ehrler über W. F. Bach hinweisen, die ich im Netz gefunden habe:

"Freuden und Schmerzen in die Seele hinübertragen". Der Komponist Wilhelm Friedemann Bach
MDR 1996, 60´

Wilhelm Friedemann Bach: Polonaisen (Harald Hoeren)
DLF, 17.12.1996, 100´

(Beide Features überschneiden sich textlich beträchtlich. Das DFL-Feature ist länger, hier kommt auch Harald Hoeren öfter im O-Ton zu Wort, der die Polonaisen auf dem Hammerklavier eingespielt hat.)

Über seinen Charakter wissen wir letztendlich fast nichts, und wem nützen z.B. immer wider kursierende Bemerkungen über seinen angeblichen Alkoholkonsum? Auch der Papa hat gerne getrunken, da redet keiner drüber. Da wirken immer noch Brachvogels unsäglicher Roman und der Film mit Gründgens in der Hauptrolle nach. Wir sollten uns solcher Aussagen enthalten wenn sie nicht mit zuverlässigen Quellen zu belegen sind.

Die zeitnähste Quelle über Friedemann Bach dürften die nicht sehr schmeichelhaften Ausführungen des Komponisten und Musikschriftstellers Johann Friedrich Reichardt (1742-1814 ) aus dem Berliner Musikalischen Almanach von 1796 sein, also 12 Jahre nach seinem Tod. Er schreibt dort (zit. nach Ehrler):


Als Organist und als künstlicher Harmoniker kam dieser älteste Sohn unseres Johann Sebastian von allen seinen ruhmreichen Brüdern dem großen Vater am nächsten. Seine Fertigkeit und Gewalt auf der Orgel war unglaublich, man traute seinen Ohren und Augen nicht. Aber alle seine Phantasien, die im Anfange in Erstaunen setzten und zuletzt ermüdend wurden, trugen, so wie seine künstlichen mühsamen Arbeiten, den finsteren, harten und sonderbaren Charakter von schwärzerer und sonderbarerer Laune zu seyn, als dieser Mann es war und durch sein ganzes Leben geblieben ist. Daher er denn nie auch zum frohen Genuss des Lebens gelangte, und die seinigen in steter Dürftigkeit und Lebensangst schmachteten. Freunde der Kunst und des Bach'schen Namens haben ihn mehr als einmal im eigentlichen Verstande vom Miste genommen, anständig untergebracht und mit den Nothwendigkeiten des Lebens versorgt. Nie aber gelang es ihnen, ihn in einem dauernden Zustande von Ordnung zu erhalten. Sein Eigensinn, sein Hochmuth von der gemeinsten Art und sein grosser Hang zum Trunke ließen ihn immer wieder in's Elend zurückfallen.


Reichardt war als königlich-preußischer Kapellmeister Friedrichs II. (seit 1775) Insider der Berliner Musikszene, und 1796 dürfte es in Berlin noch viele Menschen gegeben haben, die Friedemann Bach kannten. Das negative Charakterurteil muss man nicht nachvollziehen und sicherlich ist auch eine gehörige Portion Unverständnis und Künstlerrivalität im Spiel, aber die Fakten kann man nicht wegwischen.

Natürlich sollte man sich aber immer klarmachen, dass Reichardt nur ein Zeuge für das letzte Lebensjahrzehnt Friedemanns sein kann, seine Berliner Zeit. Aus dem Elend der letzten Jahre, in die ihn seine Karriere-Entscheidungen und der mangelnde Erfolg seiner Musik gebracht haben dürften, sollte man auf keinen Fall auf einen von Natur aus hochmütigen, finsteren und haltlosen Charakter schließen.

Erst Jahrzehnte später, als die Spätromantik mit ihrer Faszination für die Nacht- und Schattenseiten des Lebens schon zu Ende ging, erschienen die ersten Romane, die Friedemanns Leben romantisch ausdeuteten und ausbeuteten. Ehler zählt folgende Schriftsteller auf: 1836 Erich Ortlepp, 1837 Ludwig Peter Lyser, 1858 Albert Emil Brachvogel (der berühmteste Roman), und dann wieder 1935 Karl Stabenow und 1964 Hans Franck. Außerdem schrieb Paul Graener 1934 die nicht sehr erfolgreiche Oper "Friedemann Bach", Gustaf Gründgens umso erfolgreicherer Film folgte 1941.

Genies treten nach anderen Gesetzen an als normale Menschen, und deshalb wäre es falsch, an ihr Leben und ihr Verhalten die gleichen Maßstäbe anzulegen, die man bei Mitmenschen im täglichen Leben verwendet. Der Alkohol gehört zu Wilhelm Friedemann wie die Fäkalsprache der Bäsle-Briefe zu Mozart. Sie sind eine (aber eben nur eine!) Facette einer komplexen Persönlichkeit, bei der wegen ihrer überragenden Fähigkeiten auf einem speziellen Gebiet (hier der Musik) die üblichen Maßstäbe versagen.

Ich halte das für eine ehrenwerte, aber falsche Behutsamkeit, die noch dazu schlecht begründet ist. Warum sollten wir bei Mitmenschen, denen das Leben und der Alkohol sichtlich mitgespielt haben, niedrigere Maßstäbe anlegen als bei Friedemann Bach? Jedes menschliche Leben hat seine eigene Würde und seine eigene Tragik. Weder dem Genie noch dem Nachbarn kannst du ansehen, aus welchen Gründen er ins Elend gerutscht ist, ob selbst verschuldet oder nicht.

Eigentlich sollten doch die Zeiten vorbei sein, in denen Underdogs wie Woyzeck moralisch nicht satisfaktionsfähig waren. :shake:

Da gibt es eine anekdotische Zeitzeugenüberlieferung, nach der er nachts betrunken über einen Schloßplatz bei Dresden getaumelt sein soll - ich kann gerade nicht finden, wo ich das gelesen habe. Bei Falck, der so ziemlich alles in der Hand gehabt hat, was zu seiner Zeit an Dokumenten und Quellen verfügbar war, findet sich nichts hierzu. Nun denn ...

Ich kenne Falcks Buch nicht, aber dass er aus den ihm zugänglichen Dokumenten und Quellen manches Unschöne, was über Friedemann Bach überliefert wurde, verschweigt, ist das denn in Biographien älteren Datums so ungewöhnlich? Auch hier muss ich das Argument lesen, ja nichts über Friedemann Bach und den Alkohol zu schreiben, weil es das Ansehen des Komponisten gefährden könnte. Ich verstehe das nicht. Die Kenntnis seiner tragischen letzten Jahre macht W.F. Bachs Musik doch um keinen Gran schlechter, als sie war. Das Publikum kann sehr wohl zwischen dem großen Künstler und dem armen Menschen unterscheiden. Ich halte die "Gefahr" für größer, dass die romantischen Topoi vom unverstandenen und tragisch gescheiterten Künstler, die um Friedemann gesponnen wurden, das Interesse an seiner Musik eher steigert als abschwächt.

Entmythologisierung kann nur erfolgreich sein, wenn aus den ganzen überlieferten Anekdoten, Mythen und Legenden die belegten und glaubwürdigen Fakten herausdestilliert werden. Sie wird aber nicht erfolgreich sein, wenn man vor diesen die Augen verschließt und sie totschweigen möchte, was nie gelingen kann.

Bei Clara Schumann scheinen sich auch viele mehr dafür zu interessieren, ob sie wirklich mit Brahms im Bett war, als für ihre Musik - es gäbe viele Beispiele. Bei W.F. steht dieses Image der Rezeption dermaßen im Weg, daß man ihm meiner Ansicht nach einfach keinerlei Nahrung mehr geben sollte.

Ich denke, der Rezeption des Werks von W. F. Bach steht immer noch an erster Stelle die dürftige musikalische Überlieferung entgegen. Und an zweiter Stelle seine anachronistische Stellung in der Musikgeschichte, noch barock und schon romantisch, aber nie klassisch.

Grüße,
Jürgen
--

"Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
Alfred Brendel

"Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

21

Samstag, 27. Juni 2009, 16:39

Das Feature im DLF ist gut gelungen, nur sollte man dazu Hoerens Aufnahme hören können ...

Hanno Ehrler stellt sich selbst kein gutes Zeugnis aus, wenn er sich auf Brachvogel und dessen Nachfolger bezieht.
W.F. Bach ist ein exzellentes Beispiel, wie das Recherchieren im Internet an seine Grenzen kommt. Man sollte nicht einfach glauben, was Herr Ehrler (oder sonst jemand im Internet) schreibt, denn der Wahrheitsgehalt all dieser Romane ist gleich null.

Leider ist es inzwischen etwas teurer geworden, sich Falcks Buch zu beschaffen, ich habe antiquarische Exemplare ab ca. € 40 gesehen, meines habe ich noch für nur zehn gekauft - da scheint ein wenig passiert zu sein in den letzten Jahren. Der Olms Verlag hat eine Neuauflage in Aussicht gestellt, aber es ist noch nicht offiziell bestätigt. Aber ernsthaft mitreden kann nur, wer Falck und das neue Buch aus dem Sandstein Verlag gelsen hat (in letzterem sind auch zwei Beiträge über das Nachleben in der fiktionalen Literatur und im Film). Falck zitiert auch Reichardt, daher wird Ehrler es haben, Falck verschweigt gar nichts (wer hat das gesagt?), zitiert alle Dokumente ausführlich, aber er hat sein Buch u.a. geschrieben, um das negative Image des Komponisten, an dem Brachvogels unsäglicher Roman großen Anteil hat, zu korrigieren. Er konzentriert sich auf die Musik.

Ich bereue inzwischen, mich an dieser Diskussion beteiligt zu haben - denn letztlich kreist sie immer wieder um annekdotische, nicht beweisbare Überlieferungen zu seinem Charakter, die niemandem etwas nützen, und der Rezeption der Musik des Komopnisten nicht nützen, sondern allenfalls gute Ausreden liefern, warum er denn schwierig und dgl. sei.

Ich werde bald einzelne Threads zu den Werkgruppen eröffnen, aber die Recherche ist mühsam, deshalb bitte etwas Geduld.

22

Samstag, 27. Juni 2009, 16:42


Und an zweiter Stelle seine anachronistische Stellung in der Musikgeschichte, noch barock und schon romantisch, aber nie klassisch.

Nicht seine Stellung ist anachronistsich, sondern eine musikgeschichtliche Betrachtungsweise, die diese schubladenhafte Epocheneinteilung immer noch für das Maß aller Dinge hält.

23

Samstag, 27. Juni 2009, 18:19

Hallo Miguel54,

dein Posting lässt mich einigermaßen ratlos zurück ... ?(
Hanno Ehrler stellt sich selbst kein gutes Zeugnis aus, wenn er sich auf Brachvogel und dessen Nachfolger bezieht.
W.F. Bach ist ein exzellentes Beispiel, wie das Recherchieren im Internet an seine Grenzen kommt. Man sollte nicht einfach glauben, was Herr Ehrler (oder sonst jemand im Internet) schreibt, denn der Wahrheitsgehalt all dieser Romane ist gleich null.
Ehrler bezieht sich eben nicht auf Brachvogel, sondern hinterfragt und kritisiert die Legendenbildung um W.F. Bach. Ich habe nicht den Eindruck, dass du dir die Manuskripte der Ehrler-Features näher angesehen hast. Du unterstellst ihm, er hätte sein Wissen über Wilhelm Friedemann aus den Romanen: Kannst du das belegen? :S
Aber ernsthaft mitreden kann nur, wer Falck und das neue Buch aus dem Sandstein Verlag gelsen hat
Aha. Wie darf ich das bitte verstehen? ?(
Falck zitiert auch Reichardt, daher wird Ehrler es haben, Falck verschweigt gar nichts (wer hat das gesagt?), zitiert alle Dokumente ausführlich, aber er hat sein Buch u.a. geschrieben, um das negative Image des Komponisten, an dem Brachvogels unsäglicher Roman großen Anteil hat, zu korrigieren. Er konzentriert sich auf die Musik.
Also Falck zitiert Reichardt, aber du hast Reichardts Zeugnis bislang mit keinem Wort erwähnt und stattdessen hier behauptet:

Zitat

Über seinen Charakter wissen wir letztendlich fast nichts, und wem
nützen z.B. immer wider kursierende Bemerkungen über seinen angeblichen
Alkoholkonsum? Auch der Papa hat gerne getrunken, da redet keiner
drüber. Da wirken immer noch Brachvogels unsäglicher Roman und der Film
mit Gründgens in der Hauptrolle nach. Wir sollten uns solcher Aussagen
enthalten wenn sie nicht mit zuverlässigen Quellen zu belegen sind.
Reichardt betrachtest du nicht als zuverlässige Quelle?

Ich bereue inzwischen, mich an dieser Diskussion beteiligt zu haben - denn letztlich kreist sie immer wieder um annekdotische, nicht beweisbare Überlieferungen zu seinem Charakter, die niemandem etwas nützen, und der Rezeption der Musik des Komopnisten nicht nützen, sondern allenfalls gute Ausreden liefern, warum er denn schwierig und dgl. sei.
Die Diskussion könnte m.E. schon längst beendet sein, wenn die maßgeblichen Fakten - und dazu gehört ohne Zweifel das Zeugnis von Reichardt - ohne falsche Rücksichtsnahme auf den Tisch gelegt worden wären.

Soviel dazu. Mir missfällt, wie du hier Diskurshoheit beanspruchst (nur du sitzt mit Falck an der Quelle, alle anderen schöpfen angeblich aus trüben Wassern), aber gleichzeitig wesentliche Informationen zurückhältst. ;(
Und an zweiter Stelle seine anachronistische Stellung in der Musikgeschichte, noch barock und schon romantisch, aber nie klassisch.


Nicht seine Stellung ist anachronistsich, sondern eine musikgeschichtliche Betrachtungsweise, die diese schubladenhafte Epocheneinteilung immer noch für das Maß aller Dinge hält.
Ja, diese Meinung teile ich natürlich.

Gruß,
Jürgen
--

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Alfred Brendel

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24

Samstag, 27. Juni 2009, 20:18

Genies treten nach anderen Gesetzen an als normale Menschen, und deshalb wäre es falsch, an ihr Leben und ihr Verhalten die gleichen Maßstäbe anzulegen, die man bei Mitmenschen im täglichen Leben verwendet. Der Alkohol gehört zu Wilhelm Friedemann wie die Fäkalsprache der Bäsle-Briefe zu Mozart. Sie sind eine (aber eben nur eine!) Facette einer komplexen Persönlichkeit, bei der wegen ihrer überragenden Fähigkeiten auf einem speziellen Gebiet (hier der Musik) die üblichen Maßstäbe versagen.
Ich halte das für eine ehrenwerte, aber falsche Behutsamkeit, die noch dazu schlecht begründet ist. Warum sollten wir bei Mitmenschen, denen das Leben und der Alkohol sichtlich mitgespielt haben, niedrigere Maßstäbe anlegen als bei Friedemann Bach? Jedes menschliche Leben hat seine eigene Würde und seine eigene Tragik. Weder dem Genie noch dem Nachbarn kannst du ansehen, aus welchen Gründen er ins Elend gerutscht ist, ob selbst verschuldet oder nicht.
Darum geht es hier auch gar nicht. Ich habe den Eindruck, daß Du leider nicht einmal ansatzweise nachvollzogen hast, was ich geschrieben habe, und nach den Erfahrungen im Couperin-Thread möchte ich mich an diesem Punkt lieber aus der Diskussion zurückziehen.

:wink: Fugato


25

Samstag, 27. Juni 2009, 20:33

Ich halte das für eine ehrenwerte, aber falsche Behutsamkeit, die noch dazu schlecht begründet ist. Warum sollten wir bei Mitmenschen, denen das Leben und der Alkohol sichtlich mitgespielt haben, niedrigere Maßstäbe anlegen als bei Friedemann Bach? Jedes menschliche Leben hat seine eigene Würde und seine eigene Tragik. Weder dem Genie noch dem Nachbarn kannst du ansehen, aus welchen Gründen er ins Elend gerutscht ist, ob selbst verschuldet oder nicht.

Darum geht es hier auch gar nicht. Ich habe den Eindruck, daß Du leider nicht einmal ansatzweise nachvollzogen hast, was ich geschrieben habe, und nach den Erfahrungen im Couperin-Thread möchte ich mich an diesem Punkt lieber aus der Diskussion zurückziehen.
Lieber Fugato,

wir teilen beide die Ansicht, dass der Musiker und der Mensch Friedemann Bach nicht am mutmaßlichen Alkoholismus seiner letzten Jahre gemessen werden darf.

Über das, worüber wir uns nicht einig sind, kann sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden. Belassen wir es also bei dieser Übereinstimmung.

Grüße,
Jürgen
--

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26

Freitag, 10. Juli 2009, 15:16

So, jetzt habe ich wieder etwas mehr Zeit zur Recherche, u.a. gestern zwei Stunden in der Frankfurter UB verbracht, um meine Vorräte an Literatur über W.F. Bach zu ergänzen.

Um ein letztes Wort meinerseits zu dieser unseligen Alkoholismus-Debatte zu posten: Ich halte es nicht für meine Verpflichtung, alles an Anekdoten und Mutmaßungen und den Auseinandersetzungen in der Literatur zu diesem Thema hier wiederzugeben. Wenn ich es gründlich machen wollte, müsste ich Seiten über Seiten aus Martin Falcks Buch zitieren, der die negativen Äußerungen über Wilhelm Friedemann Bach, die großenteils erst nach seinem Tod in Umlauf kamen, allesamt als von anekodotischem und nicht oder kaum belegbarem Charakter einstuft. Diese Debatte hier nochmals zu führen, halte ich weder für nötig noch dem Rahmen eines solchen Forums angemessen, denn wir wollen hier nicht die MGG neu verfassen, wie es ein Forumsmitglied an anderer Stelle treffend formuliert hat. Und ich sehe keinen Grund Falck zu mißtrauen, ebenso wie Wollny, Helm, Friesenhagen, Geck oder wer alles in den letzten zwanzig Jahren über das Thema geschrieben hat.

Aufgrund von Falcks Nachforschungen halte ich Reichardt in der Tat nicht für einen verlässlichen Zeitzeugen, und Ehrler macht eigentlich halbe Sachen, wenn er zwar Reichardt zitiert (ohne seine Quelle zu nennen - ich nehme kaum an, daß er selber die Archive durchwühlt hat sondern es von Falck übernimmt), aber nicht erwähnt, daß Falck dem nachgegangen ist und schreibt: "Auf Reichardt, der 1796 im Mus.-Almanach (also 12 Jahre nach W.F.s Tod! - meine Anmerkung) die heftigsten Angriffe auf Bachs sittlichen Lebenswandel führte und nebenbei seine freien Fantasien auf die Dauer langweilig fand, fällt ein rechtsonderbares Licht, wenn wir in einem Briefe C.P.E. Bachs vom 9.8.1777 (im Besitze der Firma Breitkopf & Härtel, ungedruckt - Anmerkung von Falck 1913) lesen, daß Emanuel seine Freude nicht verbergen kann, daß der glatte, ränkesüchtige Herr Reichardt kürzlich wieder einen Angriff mit einer "niedrigen Abbitte" im Korrespondenten gut machen mußte; Emanuel wünscht, daß ihm zur Strafe für eine schlechte Kritik 'bald eins gegeben' würde" (Falck 1913, Nachdruck 1977, S.32). Friedemann konnte sich nur nicht mehr wehren ... andere Äußerungen Reichardts lassen mich vermuten, daß Friedemann ihm als preußischem Beamten wohl nicht unterwürfig genug war. Friedemann ließ sich wohl lange bitten, bis er spielte, egal ob von Adligen oder Schülern, manchmal tat er es auch nicht, dann in letzter Minute doch und stundenlang, all das kann man wie gesagt bei Falck in aller Ausführlichkeit nachlesen. Um dessen Lektüre kommt man bei einer ernsthaften Beschäftigung mit Friedemann Bach einfach nicht herum - daß es z.Zt. nur ab 40 Euronen antiquarisch zu bekommen ist, finde ich fast skandalös, aber es sollte in besseren Bibliotheken vorhanden sein. Mir vorzuwerfen, ich würde hier Informationen zurückhalten, finde ich eine Nummer zu stark: Ich kann hier doch nicht den ganzen biografischen Teil von Falcks Buch (57 kleingedruckte Seiten) zitieren! Noch maße ich mir ein, seine fundierten Recherchen in Zweifel zu ziehen. Die einzige neuere Publikation, die dem vielleicht etwas hinzufügt, ist Wollnys Dissertation von 1993, die aber sehr schwer aufzutreiben ist (weil an einer amerikanischen Universität geschrieben und wohl nur in wenigen Exemplaren vervielfältigt), und wohl auch mehr am Rande die Biografie beschreibt. Wollnys Beiträge in der MGG und dem New Grove sind der letzte publizierte Stand der Forschung (2001), bis nächstes Jahr endlich das neue Werkverzeichnis und die ersten Bände der Gesamtausgabe erscheinen. Die sachliche Art, in der Wollny in diesen zwei lexikalischen Beiträgen und zahlreichen CD-Begleittexten mit Friedemanns Biografie und diesen Gerüchten (denn mehr sind sie nicht) umgeht, lassen mich in der Bezeichnung "Quartalssäufer" einen redaktionellen Schnitzer vermuten. Das negative Bild beginnt mit Carl Bitters Buch über die Bach-Söhne von 1868, dem Falck unkritisches Verhalten gegenüber seinen Quellen nachweist, und mit Brachvogels Roman findet die Sache ihren immer noch nachebbenden Höhepunkt. Was bleibt, sind Gerüchte, an deren Verbreitung ich mich nicht beteiligen möchte, und deren Diskussion mit den wenigen Fragmenten, die von ihr im Internet zu finden sind, kaum sinnvoll geführt werden kann. Ich wiederhole meine Empfehlung des Buches aus dem Sandstein Verlag, das mit zwölf Euronen wirklich erschwinglich ist:



Ich habe mich weiter oben zugegebenermaßen ziemlich ungehalten über Ehrler geäußert - zum einen, weil ich die Diskussionen über Friedemanns Charakter satt habe, zum andern, weil er in feuilletonistischer Verkürzung eigentlich eher das Gegenteil von dem rüberbringt, was ich ihm mal als gutgemeinte Absicht abnehme.

Ich für meinen Teil konzentriere mich jetzt auf die Musik und ihre Aufnahmen ... :wink:

27

Freitag, 10. Juli 2009, 17:27

Zurück zu den nackten Tatsachen.
Quellen:
Yvonne Pickmann: Wilhelm Friedemann Bach - Eine Chronik nach Dokumenten. In: Heinemann, Michael & Strodthoff, Jörg (Hg.): Wilhelm Friedemann Bach. Der streitbare Sohn. Dresden: Sandstein 2005, S. 6-33; ISBN 3-937602-52-6
Falck, Martin: Wilhelm Friedemann Bach. Sein Leben und seine Werke mit thematischem Verzeichnis seiner Kompositionen und zwei Bildern. Leipzig 1913. Nachdruck Hildesheim/New York: Georg Olms 1977
Wollny, Peter: Wilhelm Friedemann Bach. In The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd edition 2001

Wilhelm Friedemann Bach wurde am 22. November 1710 in Weimar als erster Sohn von Johann Sebastian Bach und seiner ersten Frau Maria Barbara geboren; am 24. November wurde er in der Stadkirche getauft.

1720 Einrichtung des Clavier-Büchlein für Wilhelm Friedemann Bach
1720 Tod der Mutter während Abwesenheit des Vaters
1721 Heirat des Vaters mit Anna Magdalena Wilcke
1723 Berufung des Vaters zum Thomaskantor in Leipzig und Übersiedlung
1723 lässt ihn der Vater als Depositus an der Leipziger Universität vormerken
1723 zusammen mit dem Bruder Carl Philipp Emanuel Aufnahme als Externer in die Thomasschule
1724 und 1726 als Stimmenschreiber in Kantaten des Vaters nachweisbar
1727-1733 Vorbereitung auf eine Karriere als Orgelvirtuose (Vermutung nach den Abschriften von BWV 594 und 525-528 )
1729 als Jura-Student in den Matrikeln der Leipziger Universität eingetragen
1729 vergebliche Fahrt nach Halle, um Händel eine Einladung des Vaters zu überbringen (Händel ist schon abgereist)
1730 übernimmt den Unterricht des Thomasschülers Christoph Nichelmanns
1731 erfolgloses Probespiel in Halberstadt
1731 mit dem Vater in Dresden zur Uraufführung von Hasses Oper Cleofide

1733 erfolgreiche Bewerbung zum Organistenamt an der Dresdner Sophienkirche

in der Dresdner Zeit unterrichtet er nebenher wegen der geringen Besoldung (u.a. Johann Gottlieb Goldberg); das Amt verlangt nur Orgelspiel, also hat er genügend Zeit für eine aktive Teilnahme am Musikleben des Hofes, Kontakte zu Johann Adolf Hasse, Jan Dismas Zelenka, Johann Georg Pisendel, Silvius Leopold Weiss, Hermann Graf von Keyserling, Carl Heinrich von Dieskau und der Kurfürstin Maria Antonia Walpurga von Sachsen

1745 Ankündigung der Cembalosonate D-dur in den Leipziger Zeitungen, die (wie bei den Partiten des Vaters) eine Serie von 6 Sonaten eröffnen soll. Sie erscheint mit zwei Monaten Verzögerung. Erfolglose Berwerbung um die Organistenstelle an der Dresdner Frauenkirche.

1746 nach dem Tod des Organisten Johann Gotthilf Ziegler an St. Ulrich in Halle erfolgreiche Bewerbung um diese Stelle, für die sich auch sein Vater einstmals (ohne Erfolg) beworben hatte. Entlassungsgesuch in Dresden mit Empehlung Altnickols zum Nachfolger, der die Stelle aber nicht erhält. In Halle ist er de facto der höchstbestallte Musiker der Stadt und nennt sich folgerichtig director musices - zu seinen Pflichten gehört auch die regelmäßige Aufführung von Kirchenmusik. Er führt eigene Kantaten und z.T. bearbeitete seines Vaters auf.
Er kündigt die Veröffentlichung der zweiten Cembalosonate Es-dur an, die aber nicht erscheint.

ab 1749 kommt es zu Konflikten mit den Vorgesetzten in Halle.

1750 stirbt der Vater, er reist zur Regelung der Ebschaft nach Leipzig und bringt anschließend den jüngsten Bruder Johann Christian nach Berlin zu Carl Philipp Emanuel.

1751 Heirat mit Dorothea Elisabeth Georgi (ca. 1725 - 1791), 1752 Geburt des ersten Sohnes, der noch im gleichen Jahr stirbt.

1753 vergebliche Bewerbung um das Organistenamt in Zittau

1754 Geburt des zweiten Sohnes, der 1756 stirbt

1757 Geburt der Tochter Friderica Sophie

1758 Ankündigung einer theoretischen Ahandlung Vom Harmonischen Dreyklang, die aber nie erscheint und nicht erhalten ist. Bemühungen um das Kapellmeisteramt in Frankfurt am Main mit einem Empfehlungsschreiben Telemanns. Belastungen durch Steuern und den Siebenjährigen Krieg zwingen ihn zum Verkauf von Werken Johann Sebastian Bachs.

1760 Tod der Stiefmutter Anna Magdalena Bach

1761 weitere Belastungen durch Kriegssteuern, Anträge auf Befreiung werden abgelehnt

1762 Verhandlungen um die freigewordene Kapellmeisterstelle am Darmstädter Hof, offenbar Verleihung des Titels eines Kapellmeisters "von Haus aus".

1763 Ankündigung des Neudrucks der Cembalosonate Es-dur

1764 Er wird zum Hofkapellmeister in Darmstadt ernannt, tritt die Stelle aber nicht an. Bitte um Entlassung in Halle, Unstimmigkeiten bei der Abnahme der ihm anvertrauten Instrumente.

1766 Auftritt als Orgelvirtuose in Berlin

1767 Dedikation des Cembalokonzertes e-moll an die Kurfürstin von Sachsen; eine angekündigte Druckausgabe wahrscheinlich dieses Konzertes erscheint nicht.

1768 Er bewirbt sich erneut um seine ehemalige Stelle in Halle, ohne Erfolg

1770 Veräußerung eines Grundstücks seiner Frau zur Sicherung des Lebensunterhalts; Bewerbung um eine Organistenstelle in Wolfenbüttel

1771 Bewerbung um eine Organistenstelle in Braunschweig, er wird beim Probespiel als bester anerkannt, bekommt die Stelle aber nicht.

1773 Besuch bei Forkel in Göttigen, den er wegen der Biographie seines Vaters berät; Orgelkonzerte dort und in Braunschweig

1774 Übersiedlung nach Berlin, mehrere Auftritte als Orgelvirtuose bis 1776

1778 Widmung der Acht Fugen an Prinzessin Amalia von Preußen, es wird ein einziges Exemplar gedruckt; er lässt sich dazu verleiten, gegen deren Kapellmeister Kirnberger zu intrigieren, was aber eine ungnädige Reaktion zur Folge hat. Außer der Großtante Felix Mendelssohns, Sara Levy, scheint er in Berlin keine Schüler angenommen zu haben.

1778/79 Arbeit an einer Oper Lassus und Lydie, die nicht vollendet wurde und nicht erhalten ist

1779 vergebliche Bewerbung um eine Organistenstelle in Berlin

1784 Tod an einer Lungenkrankheit in Berlin, Beisetzung auf dem Friedhof der Luisenstädtsichen Kirche; der Friedhof existiert nicht mehr.

Die genauen Wortlaute und Inhalte der Bewerbungen und Auseinandersetzungen finden sich bei Pickmann und ausführlich bei Falck. Ihre Lektüre und Falcks Kommentare legen nahe, daß Wilhelm Friedemann eine nicht mehr oder weniger "schwierige" Persönlichkeit war als Johann Sebastian, der z.T. ähnliche Konflikte mit Autoritäten hatte, deren Haltung ähnlich kleinlich-autoritär war - der Vater dürfte ihm ein entsprechendes Selbstwertgefühl als Künstler vermittelt haben, was u.U. wenig hilfreich war. Rezensionen von Zeitgenossen bestätigen seinen Ruf als größter Orgelvirtuose, vor allem Improvisator, seiner Zeit, was scheinbar die potentiellen Käufer wie Verleger seiner Noten abschreckte - obwohl mehrere Abschriften offenbar Druckvorlagen waren, erschien nur die eine Cembalosonate, von der nur wenige Exemplare verkauft wurden. Selbst Zelter ließ sich zu einem abfälligen Urteil hinreißen, W.F. hätte "den tic douloureux gehabt, original zu sein". Urteile über seine angeblich schwierige Persönlichkeit pflanzen sich ohne belegbare Quellen im 19. Jahrhundert fort. Dem gegenüber steht Carl Philipp Emanuels Aussage über den Bruder, er könne "den Vater besser ersetzen, als wir alle zusammen". Bei oberflächlicher Betrachtung seiner Kompositionen scheinen stilistisch ältere Elemente und seltsam anmutende Neuerungen unverbunden nebeneinander zu stehen; bei genaueren Betrachtung sieht es schon anders aus - dazu mehr bei den Besprechungen der einzelnen Werkgruppen. Um ein differenziertes Urteil über Wilhelm Friedemann Bach hat sich aber erst Martin Falck bemüht, über hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten. Bis die kritische Werkausgabe fertig ist, werden weitere hundert Jahre vergangen sein.

28

Samstag, 11. Juli 2009, 14:28

Wer übrigens eines der schönsten Werke von Friedemann live hören möchte, das Concerto a duoi Cembali concertati BR A12 / F10, hat in diesem Sommer gleich zwei Chancen:

Zitat


im Rahmen des Rheingau Musikfestivals:
16.08.09, Sonntag
19.00 Uhr
Flörsheim, St. Gallus

Bach und seine Schüler
Musik für zwei Cembali

Léon Berben, Cembalo
Wolfgang Kostujak, Cembalo

Johann Sebastian Bach
Konzert für zwei Cembali C-Dur BWV 1061a
Fantasie und Fuge für Cembalo Solo c-moll BWV 906 (Fuge ergänzt von Wolfgang Kostujak)

Carl Philipp Emanuel Bach
Sonate C-Dur nach Wq 87

Wilhelm Friedemann Bach
Concerto a duoi cembali concertati F-Dur

Carl Philipp Emanuel Bach
Sonate für Cembalo Solo A-Dur H. 135

Johann Gottfried Müthel
Duetto Es-Dur


"http://www.rheingau-musik-festival.de/start.php"

Zitat

Klosterkonzerte •

Florian Heyerick & Guy Penson (Cembali)

Die Familie Bach
Werke von Johann Sebastian, Carl Philipp Emanuel, Johann Christian, Johann Christian Friedrich und Wilhelm Friedemann Bach

20.09.09 | 17:00 Uhr | Frankfurt/M • Karmeliterkloster


"http://www.allegra-online.de/de/Termine___Tickets/?termin=98"

Heyerick und Penson haben die meiner Ansicht nach schönste Einspielung dieses Stücks gemacht - ich bin sehr gespannt (und habe schon Karten für beide ...)

29

Dienstag, 14. Juli 2009, 12:00

Ich habe nochmals auf der Website des Olms Verlag nachgesehen: Eine Neuauflage des Nachdrucks von Martin Falcks Buch ist definitiv geplant:

Martin Falck
Wilhelm Friedemann Bach
Sein Leben und seine Werke mit thematischem Verzeichnis seiner Kompositionen und 2 Bildern.
Leipzig 1913. 2. Reprint: Hildesheim 2003.
IV/202 S.
Vergriffen. Neuaufl. geplant! / Out of print. New ed. in preparation!
ISBN: 978-3-487-06267-9 19,80 Eur


30

Montag, 27. Juli 2009, 23:40

Friedemann und die Fehleinschätzungen, Beispiel 1

Eine Frage zum Einstieg: was haben die folgenden CDs gemeinsam?



Ja, sie alle enthalten Werke für Clavier von Wilhelm Friedemann Bach. Aber alle enthalten auch mindestens ein Werk, das nicht von ihm ist, die Fantasia c-moll Falck nv2.
Dieses Stück ist nicht von Wilhelm Friedemann Bach, sondern von Johann Wilhelm Hässler (1747-1822) ...

Die Geschichte dahinter ist folgende: Im Besitz der Staatsbibliothek Berlin finden sich etliche Handschriften mit Werken von Mitgliedern der Bach-Familie, die Martin Falck, als dessen maßgebliche Biografie 1913 erschien, z.T. nicht bekannt waren. Paul Kast hat sie alle gesichtet und 1963 eine detaillierte Aufstellung publiziert (Die Bach-Handschriften der Berliner Staatsbibliothek. Tübinger Bach-Studien, hg.v. Walter Gerstenberg, Heft 2/3). Eines der Manuskripte aus dem Besitz eines H.E. Wiedemann mit der Nummer P.883 trägt den Titel "I Fantasia VI Sonate & I Arietta con Variazioni per il Cembalo" - von u.U. anderer Hand steht dabei "Wilh. Friedemann Bach". Paul Horn hat diese Stücke 1960 im Rahmen der Stuttgarter Bach-Ausgaben der Hänssler Edition veröffentlicht.
Was Horn und allen Interpreten, die nach dieser Ausgabe oder einer Kopie des Berliner Manuskriptes spielen, entgangen ist: Alle diese Stücke sind (mit einem unterschiedlichen, in P.883 unvollständigen Sonatensatz und zweien, die im Manuskript fehlen) 1776 von Hässler in Leipzig veröffentlicht worden - weshalb Peter Schleuning die c-moll Fantasie (der Paul Kast die Nummer Falck nv2 gab) nicht in seine bereits 1974 (!) im Mainzer Schott Verlag erschienene kritische Ausgabe der Clavierfantasien W.F. Bachs aufgenommen hatte und Peter Wollny sie in seiner Dissertation 1993 nicht in das revidierte Werkverzeichnis aufnahm, das man auch in der zweiten Ausgabe der MGG und des New Grove Dictionary of Music and Musicians nachlesen kann. Auch im Werkverzeichnis des Buches zum Dresdner Symposion (s.o.) stehen sie nicht mehr.
Ich konnte inzwischen Kasts Buch einsehen und Horns Notenausgabe endlich bei einem Amsterdamer Musikalienhändler auftreiben (der sie selbst mit einem Vermerk versah, dass sie von Hässler sind!) und so den ganzen Irrtum nachvollziehen.
Bei Spiri, der im übrigen auf dem modernen Klavier einen sehr guten Draht zu dieser Musik offenbart, sind fast die Hälfte der Musik auf dieser CD, 29 von 62einhalb Minuten, aus der Handschrift P.883 und somit von Hässler. Spiri ist in guter Gesellschaft: Auch Christophe Rousset spielt auf seiner oben erwähnten CD die Fantasie Falck nv2 und Sonate nv8, die von Hässler sind; Maude Gratton auf ihrer brandneuen CD bei Mirare wie auch Brown auf ihrer CD bei Naxos und Harald Hoeren auf seiner CD bei CPO mit den Polonaisen spielen die Fantasie nv2 ..... So sehr ich all diese Interpreten schätze oder zumindest respektiere, frage ich mich, wie man sowas übersehen kann, da alle eigentlich auf dem neusten Stand der Forschung sein und Schleunings Ausgabe der Fantasien kennen könnten ... alle CDs sind nach dem Erscheinen von Schleunings Ausgabe eingespielt worden. Fünf Einspielungen eines nachweislich nicht von diesem Komponisten stammenden Stücks unter seinem Namen ... da setzt sich die Welle der Fehlurteile hartnäckig bis in die neuste Zeit fort ... Welch Ironie, wenn einzelne Textheftautoren gerade in dieser c-moll Fantasie ein Beispiel für Friedemanns kompositorische Genialität sehen ... übrigens sind alle Texte nicht von Peter Wollny, der in dem letzten 15 Jahren die meisten Texte zu CDs mit Werken von W.F. Bach verfasst hat - dem wäre das sicher aufgefallen. (Der Text zu Hoerens CD stammt übrigens von Hanno Ehrler - auch der hat's nicht gemerkt!)

Bei näherer Betrachtung und Analyse der Stücke finde ich auch, dass sie im Vergleich zu den Friedemann sicher zuzuschreibenden Stücken eine oder zwei Nummern einfacher gestrickt sind - Hässler war ein erfolgreicher Klavierpädagoge und wußte offensichtlich den Fähigkeiten seiner potentiellen Käufer gemäß zu schreiben, was Friedemann nie gekümmert hat, weshalb seine Musik als "schwierig" galt - eine Reduktion der linken Hand auf Begleitfunktionen, wie sie bei Hässler dominiert, findet man bei ihm selten, und schon gar keine Alberti-Bässe, wie sie in der von Spiri eingespielten D-Dur Sonate zu hören sind. Friedemann ist ein echter Sohn seines Vaters und schreibt "beidhändige" Musik - die Inventionen etc. des Papas, die er schon als Knabe bewältigte, legen beredtes Zeugnis seiner Schulung ab. Inzwischen kann man einige Stücke aus dem "Clavierbüchlein" sicher ihm zuordnen oder von Gemeinschaftsarbeiten von Vater und Sohn ausgehen.

Wie schon im anderen Forum bemerkt wurde, dürfte Friedmann sein von Brachvogel und Co. verbrochenes Image nur schwer loswerden. Zu allem Überfluß ist auch der Film aus den 1930er Jahren mit Gustav Gründgens in der Titelrolle, an dem absolut nichts stimmt und noch nicht einmal Musik von Friedemann vorkommt, auf DVD wiederveröffentlicht worden ... :rolleyes: ;( ... ich bezweifle, daß ein kritischer Kommentar beigelegt wurde, der die Zuschauer aufklärt.

31

Dienstag, 28. Juli 2009, 12:27

p.s.: As Ergänzung zur Geschichte der Aufdeckung der Fehlzuschreibung:
Peter Schleuning hat eine wissenschaftliche Arbeit über die Clavierfantasie im deutschen Sprachraum geschrieben und in diesem Rahmen auch zwei sehr lesenswerte Auswahlbände mit Kompositionen in der Reihe "Das Musikwerk" veröffentlicht. D.h. konkret, daß er versucht hat, jedes Werk dieser Gattung mal zu sichten, und deshalb kannte er Hässlers Werke und konnte die c-moll Fantasie Falck nv2 als nicht von Friedemann Bach identifizieren. Und diese Erkenntnis gab er auch so bei seiner Herausgabe der 9 Clavierfantasien Wilhelm Friedemanns im Schott Verlag 1974 weiter. Nur scheint das kaum jemand gelesen zu haben - Paul Horn konnte es bei seiner Herausgabe des Manuskriptes als von W.F. Bach im Hänssler Verlag 1960 noch nicht wissen.
Daß sich die Interpreten auf die Richtigkeit einer solchen Ausgabe verlassen, kann man auf der einen Seite verstehen. Aber ich frage mich, nach welcher Ausgabe dier Damen und Herren Tastendrücker die anderen Clavierfantasien Friedemanns spielen - bei Huguette Dreyfus, die alle neune aufgenommen hat, ist es klar, aber die anderen scheinen den Satz über die c-moll Fantasie von Hässler im Vorwort zu überlesen oder zu ignorieren oder direkt aus Fotokopien der Manuskripte zu spielen ... ??? ... Schleunings Ausgabe ist sehr gut - so gut, daß die neue Werkausgabe die Fantasien erst mal hinten an stellt (die beginnt nächsten Monat mit der kritischen Ausgabe aller Sonaten und dem Solokonzert für Cembalo, und dem Konzert für zwei Cembali). Manchmal denke ich, die Offenlegung der verwendeten Notenausgaben oder Manuskripte sollte zur Pflicht werden wie die Deklaration der Zutaten bei Lebensmitteln.

Horns Ausgabe kursiert noch, und offiziell scheint der Irrtum außer in Wollnys Dissertation (die in den USA erschien und hier kaum in einer Bibliothek aufzutreiben ist) und seinen Beiträgen in MGG und New Grove und dem Buch zum Dresdner Symposium nicht benannt zu sein - und auch da eher durch Abwesenheit der Stücke der Berliner Handschrift P.883 aus dem Werkverzeichnis.
Das für den Januar 2010 angkündigte Werkverzeichnis wird die Verhältnisse dann endlich für jedermann klarstellen. :)

32

Dienstag, 28. Juli 2009, 15:28

Liebe Friedemann-Bach-Freunde

Mir fällt auf, dass es in den bisherigen Beiträgen zum großen Teil um Clavier-Werke ging. Woran liegt das? War dies tatsächlich der Schwerpunkt seines Schaffens, oder war er dort am originellsten? Oder ist es Zufall, dass diese Werke auf CD leichter greifbar zu sein scheinen als vieles andere?

Was ist von der folgenden CD zu halten:



(als CD zwar vergriffen, aber bei Amazon als MP3-Download zu haben)

Viele Grüße
Michel
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

33

Dienstag, 28. Juli 2009, 15:52


Mir fällt auf, dass es in den bisherigen Beiträgen zum großen Teil um Clavier-Werke ging. Woran liegt das? War dies tatsächlich der Schwerpunkt seines Schaffens, oder war er dort am originellsten? Oder ist es Zufall, dass diese Werke auf CD leichter greifbar zu sein scheinen als vieles andere?


Von allem ein wenig, denke ich.
Wenn ich alle CDs aufstaple, sind die Werke für Tasteninstrumente tatsächlich am besten repräsentiert, unter den erhältlichen wie den vergriffenen.
Unter den erhaltenen Werken dominieren die Tastenwerke nicht so sehr, aber sie sind am häufigsten gedruckt worden (nach seinem Tod). Vokalwerke gibt es auch eine ganze Menge, aber selten editiert und oft nur in schlechtem Zustand erhalten, so daß mühsame Rekonstruktionsarbeit ansteht - so bleiben die zwei CDs von Hermann Max die bisher einzigen mit Beispielen seiner Vokalmusik.
Die Kammermusik: 6 Sonaten für 2 Flöten, 3 Sonaten für 2 Bratschen, eine Handvoll Duo- und Triosonaten mit Flöte.
Orchesterwerke: ein paar Einleitungssinfonien, eine viersätzige, die aber nicht so beeindruckt wie die der Brüder (auf der CD der Akademie in Deinem Post ist sie sehr schön gespielt), ein paar Cembalokonzerte, ein erst kürzlich entdecktes Flötenkonzert.
Eine Kurzfassung des Werkverzeichnisses für diesen Thread bereite ich gerade vor, aber die Proportionen gibt das ganz gut wieder.
Hinzu kommt die Tendenz von Plattenindustrie und Interpreten, ganze gedruckte Sammlungen zu bieten, und da gibt es von Friedemann wenig, und das ist alles für Tasten: 12 Polonaisen, 8 Fugen, 9 Claviersonaten (die aber nicht alle auf eine CD passen), 9 Clavierfantasien, diverse einzelne Orgel- und Cembalostücke ... Die komplette Cembalomusik ist bequem auf vier CDs unterzubringen, die Orgelmusik nach Abzug aller zweifelhaften Stücke vielleicht sogar auf einer.
Er passt eben in keine der Schubladen, weder kompositorisch, noch biografisch, noch werkmäßig ...

34

Dienstag, 28. Juli 2009, 15:55


Was ist von der folgenden CD zu halten:




Ich persönlich halte sie für eine der besten Einspielungen von Friedemanns Orchestermusik.

35

Dienstag, 28. Juli 2009, 16:29


Ich persönlich halte sie für eine der besten Einspielungen von Friedemanns Orchestermusik, etwa die Hälfte von allem ist drauf.
Danke für Deine Antwort. Ich habe die CD als MP3-Download gekauft, sie liegt aber noch ungehört auf meiner Festplatte. Wie so manches andere :schaem: :whistling: . Und die CD von Maude Grotton ist wohl auch unterwegs zu uns, wenn ich mich recht an melas letzte Bestellung erinnere. Schon praktisch, dass ich nicht alle interessanten Platten selber kaufen muss :D

Michel
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

36

Sonntag, 2. August 2009, 23:33

Der 300ste Geburtstag 2010 wirft seine ersten Schatten voraus: MDG recycelt eine Aufnahme von 1983 mit Werken der Bach-Söhne:



Virtuoso Harpsichord Music

The Sons of J. S. Bach

Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784)
Fantasia A minor / la mineur / a-Moll
Sonata IV D major / ré majeur / D-Dur

Johann Christoph Friedrich Bach (1732-1795)
Variations on »Ah vous dirai-je Maman«

Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784)
Polonaise VII E major / mi majeur / E-Dur
Polonaise VIII E minor / mi mineur / e-Moll

Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788)
12 variations on Folie d’Espagne

Johann Christian Bach (1735-1782)
Sonata op. 17,5 A major / la majeur / A-Dur

Waldemar Döling, harpsichord
Harpsichord by Egbert Sassmann after Nicolas and Francois Blanchet, 1730

Werde ich mir kaufen, weil ich genau diese seit langem vergriffene Aufnahme bisher nicht auftreiben konnte, aber eine editorische Großtat ist es nicht. Dölings Spiel wirkt schon etwas betulich, wenn man Rousset gehört hat ... da hätte ich es interessanter gefunden, wenn MDG z.B. Mitzy Meyerson angeregt hätte, etwas Friedemann Bach zu spielen - zu ihrem Temperament würde es passen.

37

Montag, 3. August 2009, 00:46

Soeben habe ich folgende Ankündigung der Bach Biennale Weimar 2010 entdeckt:

4.7.2010 "Preludio" + 9.-11.7.2010 Festival
BACH BIENNALE WEIMAR
Weimar, 22.11.1710 *Wilhelm Friedemann Bach
Festival zum 300sten von Bach’s Ältestem Sohn

Peinlicherweise schreiben sie links über dem Foto "Wilhelm Friedrich Bach" ... :rolleyes:

p.s. Inzwischen haben Sie den Fehler bemerkt und korrigiert! :juhu:

38

Montag, 3. August 2009, 01:22

Bei "Friede" ist wirklich der Wurm drin:

Da kann man unter "http://podster.de/episode/1031066" ein für den NDR zum diesjährigen Todestag erstelltes Viertelstundenfeature anhören bzw, herunterladen, das kurz und knapp das Wesentliche aus Leben und Werk und die Entstehung der negativen Legenden zusammenfasst, Peter Wollny kommt ausgiebig zu Wort. Aber die Musikredaktion hat ihn nicht konsultiert, denn als letztes Musikstück erklingt von Anthony Spiris CD die c-moll Fantasie Fk nv2, die von Hässler geschrieben wurde ... :rolleyes:

39

Sonntag, 13. Dezember 2009, 14:45

Liebe Friedemann-Bach-Freunde

Mir fällt auf, dass es in den bisherigen Beiträgen zum großen Teil um Clavier-Werke ging. Woran liegt das? War dies tatsächlich der Schwerpunkt seines Schaffens, oder war er dort am originellsten? Oder ist es Zufall, dass diese Werke auf CD leichter greifbar zu sein scheinen als vieles andere?


Als Ergänzung: Schon zu Wilhelm Friedemann Bachs Lebzeiten und in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod war es genauso: Gedruckt wurden nur zwei Cembalosonaten, ins reine geschrieben und möglichwerweise für eine Druckausgabe vorbereitet (die dann aber allesamt nicht erschienen) wurden die zwölf Polonaisen, die acht Fugen und ein Cembalokonzert. Diese Werke und weitere Cembalosonaten (insgedamt neun) sowie die Sonate für zwei Cembali waren die Werke, auf denen sich schon damals seine Einschätzung als Komponist stützte, denn anderes war praktisch nicht bekannt. Seine Kirchenmusik kannten nur die Besucher der Gottesdienste in Halle, seine Orgelimprovisationen nur die Besucher des guten Dutzend Orgelkonzerte, die er nachweislich gegeben hat. Die anderen Konzerte und Kammermusik kannten nur diejenigen, die sie in den erlauchten Kreisen der Hofmusiker, Adelshäuser und Salons in Dresden und Berlin gehört hatten.

Bis zum Erscheinen der neuen Werkausgabe kommt erschwerend hinzu, daß nur die schon damals verbreiteten Tastenwerke in brauchbaren Notenausgaben zugänglich sind.

40

Montag, 14. Dezember 2009, 20:40

Das Wilhelm Friedemann Bach Jahr 2010 wird die Möglichkeit bieten, sich von der Fragwürdigkeit aller immer wieder abgeschriebenen, teilweise schon zu seinen Lebzeiten verbreiteten Gerüchten zu überzeugen: Im Frühjahr 2010 wird eine neue Biografie im Georg Olms Verlag erscheinen, verfasst von Dr. Ulrich Kahmann. Der Autor hat sehr gründlich recherchiert und setzt die wenigen biografischen Zeugnisse die wir haben, in den Kontext der Zeit, stellt einiges in Frage (incl. des Bildnisses von Weitsch, das auf fast jeder CD ist), und rückt etliches zurecht, was landläufig kolportiert wird. ich stehe mit dem Autor in Kontakt und habe Texte von ihm gelesen - nach Erscheinen dieses Buches kann niemand mehr die alten Geaschichten einfach abschreiben ...

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