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Areios

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Mittwoch, 11. August 2010, 18:38

Lateinische Literatur in Spätantike und Mittelalter

Liebe Capricciosi!

Nachdem die Freunde halbtoter Sprachen und Literaturen schon mit Griechischer Literatur und Philosophie sowie mit Römischer Literatur (und Philosophie?) versuchten, für die Auseinandersetzung mit den Meisterwerken der Antike zu werben, geht es hier in die dritte Runde: Denn die lateinische Literatur ist keineswegs mit Tacitus zu Ende, ganz im Gegenteil: da fängt sie erst richtig an!

Die Trennlinie zwischen Antike und Mittelalter zu ziehen ist freilich schwierig. Aber alles, was nach 476 geschrieben wurde, passt gewiss nicht mehr in den Thread "Römische Literatur". Und da ich absichtlich auch die Spätantike in den Titel genommen habe, schlage ich vor, in diesem Thread die lateinischsprachige Literatur zwischen ~ 250 n. Chr. und den Anfängen des Humanismus (in Italien ca. 1350, in anderen Regionen später) zu behandeln, ein Zeitraum, der meiner Meinung nach in der lateinischsprachigen Literatur durchaus als relativ gut abgrenzbare Großepoche gelten kann.

Ein ganz kurzer und knapper Überblick über diesen Zeitabschnitt, bei dem ich auf viele wichtige Namen verzichten muss: Im Imperium Romanum wird das Christentum immer stärker und ab dem Toleranzedikt des Galerius 311 auch höchstoffiziell erlaubt. Bis zum Aufkommen des Humanismus bleibt nun die christliche Religion die wichtigste Konstante in Kultur, Bildung, Literatur - ja, im Leben jedes einzelnen, sei er nun hochgebildet oder illiterat. Das Imperium Romanum erlebt seine letzte Blütezeit unter der Herrschaft der konstantinischen und valentinianisch-theodosianischen Dynastien. 395 wird es endgültig in ein griechischsprachiges Ost- und ein lateinischsprachiges Westreich geteilt, und mit der Ermordung Valentinians III. 455 n. Chr. ist es mit dem Westreich de facto vorbei. In diese letzte Periode vor der Etablierung germanischer Reiche im vormals weströmischen Gebiet fällt z.B. das Wirken eines der bedeutendsten antiken Philosophen (schon überhaupt, wenn man die Griechen beiseitelässt), Augustinus v. Hippo.

Nach dem Zusammenbruch des Imperiums sind die Klöster und Bischofskirchen die wichtigsten Überlieferungsträger von Bildung und Kultur, und oft genug die einzigen leidlich sicheren Strukturen in einer Zeit wechselnder germanischer Herrschaften. In dieser Zeit sammeln und exzerpieren Cassiodor im Kloster Vivarium und Bischof Isidor v. Sevilla in seinem Bistum antike Handschriften, an denen z.T. die Überlieferung hängt. Dennoch sinkt die Alphabetisierungsrate, und auch die Kenntnisse des klassischen Lateins schwinden, da sich die Volkssprache bereits in Vorformen der romanischen Sprachen weiterentwickelt hat. So kommt es, dass im Bayern des 8. Jh."in nomine patria et filia" getauft wird ("Im Namen Vaterland und Tochter") getauft wird, wie der hl. Bonifatius beklagt; und in merowingischen Bibeln kann man Skurrilitäten lesen wie "bibo ego, dicit Dominus" ("Ich saufe, spricht der Herr" - statt "vivo" "ich lebe").

Die Wende führt Karl der Große herbei: er lässt aus Irland und Britannien, wohin die Völkerwanderung weniger gedrungen war und wo außerdem wegen der dort gesprochenen keltischen und germanischen Sprachen stets klassisches Latein gewissermaßen als erste Fremdsprache korrekt gelehrt wurde, Wissenschaftler und Sprachlehrer wie Alkuin an seinen Hof kommen und leitet damit eine neue Blütezeit der "Hochkultur" ein. Philologisches Arbeiten und Sammeln von Handschriften wird wieder en vogue, man orientiert sich gleichermaßen am klassischen Latein wie am Latein der spätantiken christlichen Autoren wie Augustinus oder Sulpicius Severus. Wichtige Exponenten dieser sogenannten "Karolingischen Renaissance" sind z.B. Einhard (der eine Biographie Karls verfasste) und Lupus v. Ferrières.

Danach riss die lateinische Bildungstradition nie mehr völlig ab, wenngleich es aus heutiger Perspektive Aufs und Abs gibt. Kennzeichnend für die lateinische Literatur des Mittelalters ist die Verschmelzung von klassisch-antiken, germanischen und christlichen Elementen, aus der sie ihr besonderes Flair zieht.

Ich hoffe, euer Interesse geweckt zu haben und freue mich auf zahlreiche Beiträge.
Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

2

Mittwoch, 11. August 2010, 21:54

In dieser Zeit sammeln und exzerpieren Cassiodor im Kloster Vivarium ... antike Handschriften,


Nun, das war in der Tat eine höchst bemerkenswerte Person :D

Flavius Magnus Aurelius Cassiodor(us), geb. in Scylaceum (heute Squillace, Kalabrien) um 490, gest. im Kloster Vivarium bei Squillace 583, römischer Staatsmann, Gelehrter und Schriftsteller. Enger Freund, zunächst Privatsekretär :whistling: und später Kanzler Theoderichs des Grossen. Gründer der ersten abendländischen Klosterbibliothek. Verfasser einer „Geschichte der Goten“. Er rettete große Bestände antiker griechischer Schriften vor christlicher Zerstörungswut in einer Zeit (unter Justinian), als alle Überreste des hellenischen "Heidentums" beseitigt werden sollten. In seinen um 550 verfaßten "Institutiones", einem Handbuch für Mönche, verpflichtete Cassiodor als erster die Klosterinsassen zu wissenschaftlichen Studien und zum Sammeln von Handschriften, insbesondere der klassischen griechischen und römischen Philosophen und Dichter, vor allem Platon, Aristoteles, Galen, Euklid u.a. Die gesammelten Schriften zählen zur Grundlage der freiheitlichen Kultur. Cassiodor bemühte sich als Kanzler Theoderichs, in diesem Amt Nachfolger des 524 n. Chr. hingerichteten Boethius, um eine Versöhnung zwischen Römern und Ostgoten, zog sich dann aber um 540 n. Chr. vom öffentlichen Leben zurück und gründete in Vivarium ein Kloster, in dem er auch eine Schule einrichtete. In der Schrift "Institutiones divinarum et humanarum litterarum" gliederte er die antiken Künste und Wissenschaften, wie schon Seneca, in die "Septem artes liberales". Die Grammatik, Rhetorik und Dialektik bilden die untere Stufe (Trivium), die Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie die obere (Quadrivium). Diese Gliederung ist bis zum Ausgang des Mittelalters beibehalten worden, weil man der Überzeugung war, dass sie den Kern einer umfassenden Bildung des Menschen enthalte.

Cheers,

Lavine :wink:
"Argumente sollten vermieden werden. Sie sind stets vulgär - und mitunter überzeugend." (Oscar Wilde)

Areios

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3

Donnerstag, 12. August 2010, 08:42

In dieser Zeit sammeln und exzerpieren Cassiodor im Kloster Vivarium ... antike Handschriften,


Nun, das war in der Tat eine höchst bemerkenswerte Person :D


:D :D
Seine Geschichte der Goten ist übrigens leider nicht überliefert, doch der etwas jüngere Jordanes hat sie, wie er sagt, als Quelle bzw. Exzerpiervorlage für seine eigene Kurzdarstellung der Gotengeschichte verwendet und um weitere Überlieferungen ergänzt.

Zitat

Kanzler Theoderichs, in diesem Amt Nachfolger des 524 n. Chr. hingerichteten Boethius


Und da gleich der nächste wichtige Schriftsteller: Anicius Manlius Severinus Boethius (~475-524) gilt oft als letzter Vertreter antiker Philosophie, doch geht von ihm aus eine direkte Kontinuitätslinie zur Philosophie des Mittelalters. Ich würde ihn lieber als deren Vorläufer ansehen und weniger als Ausläufer der Antike, zumal er das gesamte Mittelalter hindurch großen Einfluss ausübte; doch ist der Streit um Ende der Antike und Anfang des Mittelalters wenig fruchtbar.

Wie bei Augustinus erscheint auch bei Boethius die Philosophie schon im christlichen Gewande. Sein Hauptwerk, Consolatio philosophiae ("Der Trost der Philosophie"), schrieb er bereits im Gefängnis; in die Prosa sind Gedichte in verschiedenen Versmaßen eingelegt (sog. Menippeische Satire oder Menippea. Als "Erfinder" dieser Literaturgattung gilt nämlich der kynische Philosoph Menippos v. Gadara). Neben weiteren kleineren philosophischen und theologischen Schriften erwarb er sich Verdienste als Übersetzer: Er übertrug Teile der Schriften des Aristoteles ins Lateinische; diese Übersetzungen blieben bis ins 12./13. Jh. (als die arabische Aristoteles-Überlieferung in Europa bekannt wurde) die einzigen verfügbaren Aristoteles-Ausgaben in Westeuropa. Das Gesamtprojekt, alle Schriften Platons und Aristoteles' zu übersetzen, musste er wegen vorzeitigen Todes unfreiwillig abbrechen. ;+)

Für uns wichtig ist auch seine Schrift de institutione musica, ein Kompendium der antiken Musiktheorie, auf der dann die mittelalterliche Musiktheorie aufbaute (z.T. mit Fehlinterpretationen).

Liebe Grüße,
Areios
"Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

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4

Montag, 23. August 2010, 23:58

Liebe Capricciosi!

Wenig bekannt ist heutzutage die lateinischsprachige Lyrik des Mittelalters, obwohl da einige Schätze zu heben wären. Die große Ausnahme bildet eine Handschrift aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt. Entdeckt wurde sie Anfang des 19. Jahrhunderts in der Abtei Benediktbeuren, woher sie den Namen Codex Buranus und die in ihr enthaltenen Gedichte den Namen Carmina Burana erhielten; zusammengestellt und geschrieben wurde die Handschrift ziemlich sicher am südöstlichen Rand des deutschsprachigen Gebietes (Südtirol, Kärnten oder Steiermark), wo genau, muss aber offenbleiben. Ihre große Bekanntheit erhielten die Carmina Burana durch die Vertonung von Carl Orff; man hat aber auch immer wieder versucht, die manchen Gedichten beigegebene originale Neumennotation zu rekonstruieren.

Die 228 Stücke des Codex Buranus werden gemeinhin in vier Gruppen unterteilt:
CB 1-55: Satiren
CB 56-186: Liebeslieder
CB 187-226: Trinklieder
CB 227-228: geistliche Dramen
Die Grenzen zwischen den ersten drei Gruppen sind allerdings eher fließend.
Zusätzlich gibt es noch eine später (14. Jh.) hinzugefügte Appendix von weiteren 26 vorwiegend geistlichen Gedichten und Dramoletten (sowie einer mittelhochdeutschen Übersetzung des Anfangs des Johannesevangeliums), die von CB 1* bis CB 26* durchnummeriert werden.

Es handelt sich bei dem Codex Buranus wirklich um alles andere als ein einheitliches Werk. Die versammelten Gedichte sind in den verschiedensten Sprachen (Latein, Mittelhochdeutsch, Altprovenzalisch) verfasst. Fast alle sind anonym, doch sind manche Gedichte auch in anderen Quellen mit Nennung des Autors überliefert. Unter den so bekannten Autoren findet sich die Crème de la Crème der mittelalterlichen Dichtung: Walter von Châtillon, Hugo Primas von Orléans, Walther von der Vogelweide und der berühmt-berüchtigte Archipoeta. Und auch die anonymen Gedichte halten ein sehr hohes Niveau - da hat jemand eine Anthologie zusammengestellt, der Geschmack hatte!

Über den Archipoeta und die Vagantendichtung im Speziellen das nächste Mal mehr!

Liebe Grüße,
Areios
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Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

5

Dienstag, 24. August 2010, 14:21

Ich möchte die Behauptung von der "unbekannten lateinischen Literatur des Mittelalters" etwas revidieren und zugleich bestätigen. Es gibt einen Fall, der auch heute größte Breitenwirkung hat; bloß die originalen texte liest kaum jemand. Ich spreche natürlich von Hildegard von Bingen. Sie ist für mich eine der größten Dichterinnen des Abendlandes, und sie ist immer noch ziemlich modern.
Hildegard (1098-1179) war eine Universalistin, sie komponierte, befaßte sich mit Heilkunde (die Hildegard-Medizin ist im Zuge der Esoterik-Welle wieder interessant geworden) - und sie dichtete. Ihre lateinischen Hymnen sind voll von kühnen Metaphern. "Scivias", in der deutschen Übersetzung untertitelt "Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit", ist eine fabelhaft formulierte Prosaschrift, die einen glänzenden Einblick bietet in das Leben und in die philosophischen Vorstellungen zur Zeit Hildegards. Unbedingt lesenswert sind ihre Hymnen, die weit ausschwingen:

O Feuer-Geist,
Du Tröster Geist,
Du lebst in allem, was lebt.
Heilig bist Du, der Du Lebendiges bildest.
Heilig bist Du: Du heilest, was da gebrechlich
oder im Elend. Du salbst die Verletzten.
Heilig bist Du: Du hast gewaschen die schwärenden Wunden -:
O Geisthauch voll Heil und Heiligkeit!
O Feuerbrand der Liebe!


Unbedingt lesens- und hörenswert ist die "Ordo virtutum", eine Art geistliche Oper, die einen fabelhaften Kunstgriff hat: Alle singen, nur der Teufel spricht. Auch in der "Ordo" gibt es eine überlegene Sprachgestaltung, wie ich überhaupt vermute, daß Hildegard etwas vorwegnimmt, was viel, viel später die Surrealisten machten: Bestimmte Wörter wegen momentaner Assoziationen oder sogar nur wegen des Sprachklangs zu verwenden.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

6

Dienstag, 24. August 2010, 14:46

"Ordo virtutum" ist ein eindringliches Stück, das ich in folgender Aufnahme besitze:


Rund hundertfünfzig Jahre früher lebte die Dichterin Hrotsvit (Roswitha) von Gandersheim (geboren zwischen 930 und 940, gestorben nach 973). Eine der berühmtesten Schriftstellerinnen im frühen Mittelalter, die erste schreibende Frau auf deutschem Boden, die die ersten christlichen Dramen des Abendlandes schuf und als erste Frau ein Geschichtswerk verfasste.
Viele ihrer Stücke sind auch heute sehr lesenswert, mit einem erstaunlichem Selbstbewusstsein geschrieben, durchdrungen von christlicher Spiritualität, aber auch voller sexueller Drastik und beißendem Humor.
Für Opernliebhaber z. B dieses: "Die Bekehrung der Dirne Thais".

:wink: Talestri
One word is sufficient. But if one cannot find it?
Virginia Woolf, Jacob's Room

Areios

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7

Dienstag, 24. August 2010, 15:16

Lieber Edwin, liebe Talestri!

Schön, dass es noch weitere Interessenten für lateinische Literatur des Mittelalters hier gibt!

Das sind zwei wichtige und große Dichterinnen des Mittelalters, die ihr hier genannt habt. Die Literaturproduktion im frühen und hohen Mittelalter (der Großteil geschah in Klöstern) begünstigte Dichterinnen durchaus, die hinter den Klostermauern schreiben konnten, was und wie sie wollten! Von hier aus ist auch die sexuelle Drastik einer Hrotsvit erklärlich.

Eine gerade für die lateinische Literatur des Mittelalters, die sonst nur in sehr gut sortierten Bibliotheken brauchbar zugänglich ist, höchst verdienstvolle Seite habe ich bisher unterschlagen: Bibliotheca Augustana bietet viele lateinische Originaltexte, auch von manchen Dramen Hrotsvits, von manchen Werken Hildegards und von den gesamten Carmina Burana. Die antiken Autoren sind noch wesentlich vollständiger, die Qualität der Texte insgesamt gut.

Zwei von Hrotsvits Dramen gibt es bei Reclam in Übersetzung; die Carmina Burana gibt es zweisprachig in Auswahl. Die Übersetzungen hab ich mir allerdings nie angeschaut, kann also nichts dazu sagen.



Liebe Grüße,
Areios
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8

Dienstag, 24. August 2010, 15:43

Hildegard von Bingen (1098-1179)

my 5 cts ...


Hildegard, eine benediktinische Nonne, Komponistin, Dichterin, Theologin und Mystikerin, ist eine Kultfigur eines Teil der Musikszene, die die Panegyrik der Heiligengeschichtsschreibung wörtlich nimmt, Teil einer Vermarktungsindustrie, die sehr wenig im Sinne hat, sich wie sie jahrelang einmauern zu lassen, nur mit einem Fenster zur Außenwelt, die ihre Musik und ihre Einstellungen in einer verlogenen Vergegenwärtigung fälscht.

Der geringere Stand erhebe sich nicht über den höheren


Wer sich in den Lebensbeschreibungen dieser Zeit auskennt, weiß, dass er sehr vorsichtig mit den Quellen umgehen muss, deren Wahrheitsgehalt sich weniger an einer tatsächlichen Biografie orientieren als an der Vorstellung, wie diese Biografie wohl aussehen müsste, um die Botschaft zu vermitteln, um die es geht. Wenn man Glück hat, widersprechen sich die Quellen, und wo sie es nicht tun, ist es nicht falsch, ein "wahrscheinlich" da zu setzen, wo man nicht auf sicherem Grund steht. Die Lebenszeugnisse Hildegards sind geschrieben, um ihre Kanonisierung als Heilige zu erreichen - ein Prozess, den die Kirche nicht abgeschlossen hat, nicht zuletzt, weil schon zur Zeit Hildegards sich eine moderne Sicht der Heiligkeit durchsetzte, die sich an den neu entstandenen Ideen der Armut und der Demut von Franziskus von Assisi orientierten.

Als man sie als junges Mädchen ins Kloster gab, lebte sie mit Jutta von Sponheim, mit der sie gemeinsam den Schleier genommen hatte, in einer Zelle zusammen. Die von Hildegard als "indocta" bezeichnete Jutta lehrte Hildegard das Lesen und Schreiben, theologische Unterweisung erhielt Hildegard wahrscheinlich durch ihren Beichtvater, dem Mönch Volmar. Dem Kloster St. Disibod, in dem Jutta und Hildegard lebten, traten weitere junge Adelsfrauen bei. Als Jutta starb, änderte Hildegard den eremitischen Lebensstil der Gemeinschaft durch einen nach außen gewandten, der durchaus auch Einfluss auf das politische Geschehen nahm. Dabei verhalf ihr die Neugründung des Klosters bei Bingen, die sie gegen den Abt und die Mönche von St. Disibod mit Hilfe des Erzbischofs Heinrich von Mainz durchsetzte, zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Ein Briefwechsel mit der Äbtissin Tenxwind von Andernach, den Helga de la Motte-Haber in ihrem Buch "Musik und Religion" kommentierend darstellt, wirft ein Licht auf die Zeitenwende, die etwa von Barbara Thompson für ihr Bild von Hildegard in Anspruch genommen wird. Tenxwind fragt erstaunt an, dass sie Wunderbares über Hildegards Heiligkeit und die Gewohnheiten ihres Konvents erfahren habe: Beim Psalmsingen trügen Hildegards "virgines" über dem herabwallenden Haar goldgewirkte Kronen, und ihre seidenen, leuchtendweißen Kleider fielen bis zum Boden herab. Nichtadelige und weniger Reiche würden an der Klosterpforte abgewiesen. Habe aber nicht Jesus selbst "Fischer, Niedrige und Arme" zu Aposteln gemacht, und habe Gott nicht, das "Niedrige und Verachtete" anstelle der "Hochmächtigen und Hochedlen" erwählt?

Helga de la Motte-Haber zitiert die Antwort Hildegards: "Über das Ansehen einer jeden Person gibt auch Gott das abschließende Urteil. Er zielt darauf, daß sich der geringere Stand (ordo) nicht über den höheren erhebt, wie es der Satan und der erste Mensch taten, die höher hinaus wollten, als es ihre Stellung erlaubte. [...] Gott hat ja im Volk Unterschiede gesetzt, auf Erden wie auch im Himmel, indem er auch dort Engel, Erzengel, Throne, Herrschaften, Cherubim und Seraphim voneinander schied." (Helga de la Motte-Huber: Musik und Religion, Laaber 1995, S. 39f.)

Hier sieht de la Motte-Huber zu Recht das Aufeinanderprallen von urchristlichem Gleichheitsgebot und dem traditionell aristokratischen Ständedenken des Benediktinertums. Und Hildegards heute so bewunderte Texte sprechen auch von der "als heilgeschichtlich notwendig erklärten Herrschaftsqualität des Adels", deren Ablehnung eine Ursünde sei.

Das adelige Selbstbewusstsein Hildegards äußert sich nicht zuletzt in der Schlussvision des "Svicias", bei der die Himmelsbewohner sieben der von Hildegard verfasste Lobgesänge anstimmen, beginnend mit der Marienantiphon "O splendidissima gemma" (O strahlendheller Edelstein).

Die Toningenieurin der Stimme Gottes

Hildegards Kompositionen sind Teil ihrer mystisch inspirierten Tätigkeit, es sind einstimmige Melodien, die durch die dichte melodische Ornamentierung gekennzeichnet sind. Ihre Eigentümlichkeit ist umstritten, während man früher ihre Melodien mit karolingischen Proprien verglich, von denen sie sich deutlich unterschieden, zieht man in neueren Untersuchungen zeitgenössische Melodien heran, die ähnliche Merkmale aufweisen. Faszinierend dabei ist ein Patchwork von musikalischen Motiven, die immer wieder neu miteinander kombiniert werden, so dass melodische Mosaiken entstehen. Durch die Vielfalt der Kombinierbarkeit steht ein großer Reichtum an langen Melodien und Phrasen zur Verfügung, die eng mit den syntaktischen und semantischen Komponenten der zugrunde liegenden Texte verbunden sind.

Wie die notierten Melodien ausgeführt werden können, ist in hohem Maße spekulativ. Insbesondere die bei dem Ensemble "Sequentia" reichlich beigefügten Instrumente gehören wohl kaum in den Raum der für den liturgischen Gebrauch geschriebenen Kompositionen.

In den Gesprächen von Reinhold Brinkmann und Wolfgang Rihm (conBrio: http://www.conbrio.de/musikbuch/musik-na…-nachdenken.php) finden sich auch Überlegungen über konstruierte Komponisten. Genannt wird da u.a. Hildegard von Bingen:

"RB: Ein zweiter Fall, bei dem die Musikwissenschaft zumindest eine Mitschuld hat, ist Hildegard von Bingen und die Auffassung, in ihr habe man eine bedeutende mittelalterliche Komponistin. In Wirklichkeit ist Hildegard von Bingen von Anfang bis Ende eine Konstruktion. Alle musikalischen Quellen, die wir haben, kommen aus wesentlich späteren geschichtlichen Zusammenhängen, da wird eine Hildegard von Bingen behauptet oder es werden ihr Dinge zugeschrieben, weil sie bereits begann, in anderen Bereichen berühmt zu werden, und so fort."

Für eine erfundene Komponistin, so der Resümee, braucht man keine Tantiemen zu zahlen - und schon entwickelt sich ein Riesenmarkt, bei dem Gläubige zu den tatsächlichen und zu den virtuellen Stellen ihres Wirkens wallfahrten. Eine sehr virtuelle Stelle ihres Wirkens sind ihre Kompositionen.


Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

9

Dienstag, 24. August 2010, 16:07

In Parenthese: Die sexuellen Tendenzen in der mystischen Gottesschau des Mittelalters sind wohl am stärksten in den Dichtungen der Mechthild von Magdeburg, in denen die Gottesliebe wie eine sexuelle Beziehung ausgekostet wird. Ich erwähne das in diesem Zusammenhang, aus eigener kompositorischer Erfahrung wohl wisssend, daß die Texte der Mechthild nicht in Latein sondern in Niederdeutsch abgefaßt sind. Dieses Original ist freilich verloren, es ist überliefert in einer zeitgenössischen oberdeutschen und einer, na, das paßt ja dann doch so halb, lateinischen Übersetzung.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

10

Dienstag, 24. August 2010, 16:52

Noch ein kurzer Nachtrag zu Hrotsvit:
Sie lebte nicht in einem Kloster, sondern in einem Stift, dessen Insassinnen nicht Nonnen, sondern Kanonissen genannt wurden. Sie lebten in einer geistlichen Gemeinschaft, verrichteten nach der kanonischen Vorschrift die sieben täglichen Gebetsgottesdienste und verließen den Bereich des Stifts nur mit Erlaubnis. Aber sie mussten die Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams nicht ablegen, wie es Nonnen tun.
Das Gandersheimer Stift kann man sich als eine Art Elite-Wohnsitz vorstellen, in dem die angesehensten und reichsten Damen des Adels lebten. Da Gandersheim ein kulturelles und politisches Zentrum war, hatten die Kanonissen Kontakt zur Außenwelt, erhielten Besuche und durften selbst verreisen.
Die Verbindung zwischen dem Gandersheimer Stift und dem Herrscherhaus der Liudolfinger war sehr eng. Die sächsischen Kaiser, vor allem Otto II. und seine Frau Theophanu, besuchten das Stift und ließen hier ihre Tochter erziehen.

Die Texte von Hrotsvit musste ich leider in Deutsch lesen.
Danke für den schönen thread, Areios!

:wink: Talestri
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Gurnemanz

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Freitag, 30. März 2012, 04:26

Ich halte gerade Ausschau nach einer Ausgabe der Bekenntnisse (Confessiones) des Aurelius Augustinus alias Augustinus von Hippo (354-430), und zwar nach einer brauchbaren deutschen Übersetzung (evt. auch zweisprachig lateinisch/deutsch).

Naheliegend erscheint mir die Reclam-Ausgabe:



Doch vielleicht gibt es gute Alternativen?

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

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-¿Se trata de una cita? -le pregunté.
-Seguramente. Ya no nos quedan más que citas. La lengua es un sistema de citas.

Jorge Luis Borges

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Freitag, 30. März 2012, 10:43

Ich greife in der Regel auf diese Ausgabe zurück, da ich immer dem originalen Text den Vorzug gebe und die Übersetzung (scheint mir im konkreten Fall sehr geglückt) eher als Lektüre-Hilfe betrachte.

:wink:
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Gurnemanz

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13

Freitag, 30. März 2012, 11:03

Dank Dir, Edwin! Mir selbst sind deutsche Übersetzungen am liebsten, das geht einfach flüssiger. In diesem Fall wäre eine zweisprachige Ausgabe sicher empfehlenswert; ins Auge fasse ich auch diese, mit einer Übersetzung von Burkhard Mojsisch:



:wink:
Es grüßt Gurnemanz

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Jorge Luis Borges

Caesar73

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Freitag, 30. März 2012, 13:50

Ich greife in der Regel auf diese Ausgabe zurück, da ich immer dem originalen Text den Vorzug gebe und die Übersetzung (scheint mir im konkreten Fall sehr geglückt) eher als Lektüre-Hilfe betrachte.



Das war auch die Ausgabe, mit der ich die Confessiones kennengelernt habe - eine sehr gelungene Übersetzung. Heute ist mein Latein etwas eingerostet, vorsichtig gesagt, und deswegen lese ich eher in der Übersetzung. Das geht schneller ;+)

Die Confessiones fand ich damals schon beim ersten Lesen zeitlos. Ein Mensch auf der Suche. Wonach eigentlich? Nach Gott? Nach sich selbst?

:wink: :wink:

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Areios

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Sonntag, 30. September 2012, 23:08

Die Confessiones fand ich damals schon beim ersten Lesen zeitlos. Ein Mensch auf der Suche. Wonach eigentlich? Nach Gott? Nach sich selbst?


Die Confessiones sind ohne jeden Zweifel ein ganz großes Stück Weltliteratur. Schon der Anfang, diese Anrufungen Gottes, geben dem Werk eine ganz spezifische Atmosphäre und ziehen den Leser in den Bann. Magnus es, Domine, et laudabilis valde. Augustinus spinnt die Gedanken fort und entfernt sich vom Gebet zur eigenen Autobiographie, aber die hymnischen Elemente kehren immer wieder zurück, durchsetzen die ganze Prosa, manchmal zögerlich wie eine sanfte Andeutung, manchmal unerbittlich wie ein eigenständiger Hymnus. Augustinus hält Zwiesprache mit Gott, und das befähigt ihn, stärker als je zuvor in der Literaturgeschichte die eigene Lebensgeschichte mit allen Höhen und Tiefen zu reflektieren (Autobiographien vor Augustinus sind in der Regel Autopropaganda). Die Sprache ist klar, aber erhaben und steht fast unter Strom, ist intensiv und eindringlich. Die Du-Perspektive ist zwar durch die "Gesprächssituation" erklärt, aber dennoch ungewöhnlich.

Ein Mensch auf der Suche nach Gott und sich selbst, würde ich sagen. Auch in gewisser Weise ein Ringkampf mit und nach Worten. Ein Buch, das gleichermaßen zeitlos wie modern ist, ein Meisterwerk der lateinischen Literatur. Vielleicht auch die Krone der römischen Philosophie: Auch Seneca hat in seinen Traktaten bereits moralische Selbstbespiegelung vorgenommen - und das (pace Quintilian) in durchaus wohlgestalter Prosa -, aber an die inhaltliche Komplexität und sprachliche Gewalt des Augustinus reicht er nicht heran. Der Sprache des Augustinus wegen kann ich auch die Empfehlung einer zweisprachigen Ausgabe sehr unterstreichen: man kann ja ruhig die Übersetzung lesen, aber ein kleiner Seitenblick ins lateinische Original kann sich auch mit etwas eingerosteten Lateinkenntnissen lohnen.

Liebe Grüße,
Areios
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Montag, 1. Oktober 2012, 16:18

Schon der Anfang, diese Anrufungen Gottes, geben dem Werk eine ganz spezifische Atmosphäre und ziehen den Leser in den Bann.
Ich muß einräumen, gerade das, die ständigen emphatischen Lobpreisungen Gottes haben mich bei der Lektüre (habe bis auf die letzten beiden Bücher alles gelesen) eher genervt. Dabei finde ich die zusammenhängende Darstellung von Autobiographischem und geistiger Entwicklung durchaus faszinierend.

Besonders die philosophischen Überlegungen zur Zeit finde ich spannend.

Und Augustinus hat mir Plotin nahegebracht! :)

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

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Jorge Luis Borges

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