Kapitel 2: Arnold auf dem Baum
Dunkelheit. Ein herrlich düsteres, beinah schauriges Wort. Vieles lässt sich mit Dunkelheit in Verbindung bringen. Grufties, die dem Durchschnittsbürger seinen Weg durch die Straßen allein durch ihre Anwesenheit ein wenig spannender gestalten, werden mithin gerne als „dunkle Gestalten“ bezeichnet. Morde geschehen bevorzugt im Dunkeln. Schwach ausgeleuchtete Gegenden erleichtern Nachtschwärmern das Verirren. „Dunkelheit“ ist auch die Vorstufe zu „schwarz“ – schwarz wie in „schwarze Magie“, „schwarzer Humor“ oder gar „schwarze Seele“. Natürlich gibt es auch Menschen, die die Dunkelheit mögen, etwa in ihrer abgeschwächten Variante „Dämmerlicht“, in welcher sich meist Romantisches abspielt. Nicht so Arnold.
Auf Arnold hatte die Dunkelheit ihre sonst übliche Wirkung – Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Verlust des Zeitgefühls; er hätte nicht sagen können, wie lange sein Abstieg gedauert hatte, als dieser sein plötzliches Ende fand: Es ging nicht weiter. Na klasse, und nun? Kein Licht am Ende des sprichwörtlichen Tunnels? Niemand, der Arnold in Empfang zu nehmen versuchte?
Arnold löste die Hände von der Leiter und blickte um sich: Er sah viel Schwarz. Gut, dann eben nicht… Er ging einige Schritte und streckte die Hände aus. Nanu? Kein enger Schacht? Also gut.
Arnold lief mit ausgestreckten Händen spontan in irgendeine Richtung los. Er lief eine ganze Weile lang, ohne irgendwohin zu gelangen. Irgendwann wurde es ihm zu blöd und er rief: „Hallo?“
– „Hey, wie geht’s?“ antwortete eine männliche, ansonsten undefinierbare Stimme.
– „Nun ja…“, erklärte Arnold verwirrt. „Es ginge jedenfalls besser, wenn es hier nicht so dunkel wäre.“
– „Ach so, das, hab’ ich ganz vergessen“, meinte sein Gegenüber mit einem Anflug von Lachen in der Stimme. Arnold urteilte infolge dieser Reaktion, dass das Licht nun gleich angehen müsse… Zehn Sekunden lang herrschte absolute Stille. So musste es sich wohl anfühlen, wenn man tot war. Man hörte nichts, man sah nichts, man wollte nichts als raus hier.
– „Und warum machst du es dann nicht an?“, fragte Arnold.
– „Bist du sicher? Ich dachte, es wäre im Dunkeln ein wenig spannender… nun gut!“, meinte der Gegenüber in einem Tonfall, der einen das „…auf deine eigene Verantwortung!“ gleich mit dazu denken ließ.
Das Licht, oder besser: die Sonne, ging an. Arnold erblickte die Welt, die er eben verlassen hatte. Geändert hatte sich lediglich die Perspektive: Der Waldboden und der Kühlschrank befanden sich über ihm. Zu seinem Entsetzen stellte Arnold fest, dass er sich auf dem Ast eines Baumes befand. Unter ihm befand sich, von einigen wenig belaubten dünnen Zweigen einmal abgesehen, nur blauer Himmel. Arnold schwindelte, doch der Ast war breit, und er konnte eigentlich nicht herunterfallen.
Arnold setzte sich. So, die Schwerkraft hatte sich also umgedreht, na vielen Dank. „Etwas spannender gestalten, wie?!“, schrie Arnold den Baum an, denn außer sich selbst konnte er noch immer niemanden entdecken. Keine Antwort.
Was würdest du, lieber Leser, machen, wenn du dich auf dem Ast eines Baumes befändest und die Schwerkraft wäre umgekehrt? Die Polizei anrufen? So so, einer von der pragmatischen Sorte. Arnold jedenfalls begann am Stamm des Baumes hinauf-, nun ja, also gewissermaßen hinabzuklettern. Der Baum war hinreichend beastet, sodass Arnold sich von Ast zu Ast hinaufhangeln konnte. Als er mit dem Kopf an die Decke, beziehungsweise den Waldboden, stieß, begann er, sich nach dem Sinn dieser Aktion zu fragen. Er wurde ein bisschen panisch und zwang sich, nicht nach unten zu sehen, da ihm bewusst wurde, dass er seinen Fallschirm zuhause vergessen hatte.
– „Gut festhalten!“, verkündete da auf einmal die männliche, ansonsten undefinierbare Stimme (nennen wir sie vorläufig doch einfach einmal „Horst“) marktschreierisch.
– „Was soll ich denn sonst maaaaAAHH!“, entgegnete Arnold, dessen Innerstes plötzlich nach außen gekehrt wurde. So fühlte es sich zumindest an, als die Schwerkraft wieder hergestellt wurde. Vorsichtig kroch Arnold vollends vom Baum hinunter und stand auf. Er war schlau genug, Horst nicht zu fragen, ob das denn hätte sein müssen.
– „Entschuldigung, ich bin neu in dem Geschäft“, meinte Horst versöhnlich. Was für ein Geschäft, fragst du dich jetzt sicher, lieber Leser. Arnold hingegen witterte eine Chance.
– „Kann ich bei dir einsteigen?“, fragte er.
– „Da muss ich erst den Boss fragen…“
Mittlerweile war auch Arnolds Interesse an Grundsätzlichem geweckt. „Wie heißt du denn eigentlich“, erkundigte er sich.
– „Ach so, klar, tut mir Leid. Ich bin Günther.“ (Also ich kann ja auch nicht Alles wissen!)
– „Wieso kann ich dich eigentlich nirgends sehen, Günther?“
Ungefähr, als Arnold beim „h“ von „Günther“ angelangt war, manifestierte sich dieser vor ihm; die Schamesröte stand Günther ins Gesicht geschrieben. „Bisschen viele Fehler für deinen ersten Tag“, meinte eine andere Stimme.
Ein bisschen beleidigt entgegnete Günther: „Also dich kann ich hier eigentlich auch nirgends sehen.“
– „Oh.“ Ein Fingerschnipsen erklang, und ein weiterer Mann erschien neben Günther.
– „Und wer bist du?“, fragte Arnold.
Die Antwort folgte prompt: „Ich bin Horst.“